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25 Thesen zur Zeit (des Kapitals)

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27 Mai , 2016  

1) Ökonomische Quantitäten sind in der Zeit gerade auch deswegen veränderbar, weil das Geld als sog. transzendentaler Signifikant für das Kapital die Qualität einer reinen Quantität besitzt, womit das Geld von aktuellen Tauschakten entbunden ist und somit als monetäres Zeichen die in der Ware angehäufte Zeit abgilt, was wiederum nichts anderes heißt, als dass das Geld in seiner Funktion als Maß der Werte als eine Qualität fungiert, die eine Art zeitlose Gültigkeit zu besitzen scheint. Somit kann das abstrakte Zeit-Paket des Geldes, dessen Zeichen es auch ist, auf irgendeinen x-beliebigen, konkreten Moment übertragen werden, an dem reale Tauschakte stattfinden. Das symbolische Geld muss selbst keinen Wert besitzen, um etwas bedeuten zu können, vielmehr zeigt es als materielles Zeichen je schon die Preisrelationen zwischen Waren an, ja die Waren treten durch Geld als potenzielle Werte in ein Verhältnis und teilen damit mit dem Geld dieselbe Zeit. Dieses Teilen derselben Einheit, für die das Geld steht, findet in einem ökonomischen Raum statt, der durch eine Quasi-Gleichzeitigkeit gekennzeichnet ist.

2) Wenn man daran anschließend die zweite Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel in Betracht zieht, dann ist die Zeit des Geldes die der Zirkulation, worin im Rahmen der Verkettung von Ware-Geld-Transaktionen jeder Austauschakt sich im nächsten realisiert, indem er sich eben als den jetzigen Austauschakt negiert, sodass die Zeit der Zirkulation als eine Sukzession von quantifizierbaren und diskreten Transaktionen erscheint, wobei jede Transaktion als fliehend gilt, bevor sie Signifikanz durch eine weitere Transaktion erhält. Demzufolge darf Geld in der Zirkulation nicht stillstehen, aber wenn es zirkuliert, verliert es seine fixierte Form und gerät ununterscheidbar von den Waren selbst.

3) Schließlich müssen die begrifflichen Bestimmungen des Geldes als Maß der Werte und als Zirkulationsmittel, da beide allein den strukturellen Zusammenhang der Ware-Geld-Kapital-Relation nicht ausmachen können, durch eine dritte Bestimmung des Geldes supplementiert werden, die sich als Kapitalverwertung in einem sich ständig selbst weiter beschleunigenden Reproduktionsprozess vollzieht. Geld als Kapital durchläuft in der Zeit ganz besondere Metamorphosen, indem es das Intervall einer Produktion zwischen den beiden Zeitpunkten t und t+1 unter Berücksichtigung der Differenz von Arbeit/Arbeitskraft nutzt, um daraufhin die vergangene, in den Produkten gespeicherte, tote Zeit, als ein Mehr in Umlauf zu bringen. Die dazugehörigen ökonomischen Matheme bleiben dabei in durch Produktion, Zirkulation und Distribution sich beschleunigende Virtualisierungs-Aktualisierungs-Verschaltungen integriert, die sich auf makroökonomischer Ebene als das Chaos der Märkte darstellen, das unberechenbar und unmessbar bleibt, während ökonomische Matheme doch rechnen, solange nämlich, wie das Geld mit all seinen Funktionen Geltung besitzt.

4) Mit dem Kredit wird die beschleunigte Zirkulation des Geldes selbst die Voraussetzung jeder Produktion; der Investitionskredit ist als die Antizipation der Produktionszeit zu verstehen, während der Kredit für den Kredit die Antizipation der Zeit zur Schuldentilgung inkludiert.  Gerade unter der Perspektive der Makroökonomie sind wir auf die Konstruktion einer arbiträren Zeit angewiesen, die als komplexe Beschleunigung, Überlagerung, Überschneidung und Verschiebung verschiedener Zeiten, d. h., Rhythmen, Tempi, Sequenzen, Kreisläufe und Spiralbewegungen, wie Althusser schreibt, »einzig und allein in ihrem Begriff zugänglich (ist), der, wie jeder Begriff, nichts unmittelbar Gegebenes, nichts in der sichtbaren Realität Lesbares ist: er muß wie jeder Begriff, produziert, konstruiert werden.«(Althusser/Balibar, Das Kapital lesen, 1972a: 133)

5) Es handelt sich bei der abstrakten Zeit des Kapitals um eine rein künstliche Zeit, die einer anderen Dimension als die Zeit der kapitalistischen Produktionsprozesse angehört. Die Notwendigkeit, mit der Konstruktion einer vollkommen a-empirischen und unanschaulichen Zeit die marxistische Theoriebildung zu präzisieren, hat eben schon Althusser dringend eingefordert: »Wir gehen noch einen Schritt weiter und sagen, daß man sich nicht mit der Reflexion der Existenz sichtbarer und meßbarer Zeiten begnügen darf, daß man vielmehr aus strikter Notwendigkeit die Frage nach der Existenzweise unsichtbarer Zeiten, Rhythmen und Prägungen stellen muß, die unter der Oberfläche jeder sichtbaren Zeit zu enthüllen wären. Schon eine einfache Lektüre des Kapital zeigt uns, daß sich Marx dieser Forderung zutiefst bewußt gewesen ist. Sie zeigt uns z. B., daß die Zeit der ökonomischen Produktion, sofern sie nur eine spezifische (entsprechend den verschiedenen Produktionsweisen wechselnde) Zeit ist, wie jede spezifische auch eine komplexe, nicht-lineare Zeit ist: eine Zeit der Zeit, eine komplexe Zeit, die man nicht aus der kontinuierlichen Zeit des Lebens oder der Uhr herauslesen kann, die man vielmehr – ausgehend von den Produktionsstrukturen – konstruieren muß.« (Ebd.: 132) Der Einwirkung der Strukturen auf ihre verschiedenen Ebenen, Elemente und deren Relationen entsprechen bestimmte Prozesse der Ent- und Beschleunigung, der Sequenzialisierung, Rhythmisierung und Überblendung verschiedener Zeiten, d. h., die verschiedenen Dimensionen der Strukturen produzieren als ihre Effekte Überschneidungen von Zeitlichkeiten, »deren komplexe Verbindung die eigentliche Zeit der Entwicklung des Prozesses bildet.« (Ebd.: 137) Althussers Konzept einer simultanen Ungleichzeitigkeit möchte die Ungleichzeitigkeiten der Zeiten der verschiedenen Ebenen (Ökonomie, Politik, Ideologie, Wissenschaft etc.) zueinander verfolgen, um die Transversale von komplexen Überschneidungen verschiedener Zeiten, Rhythmen, Metriken und Sequenzen innerhalb der und vor allem zwischen den diversen Ebenen zu konstruieren, und dies unter Berücksichtigung der determinierenden Wirkungen einer komplexen Struktur (diese ist nur in Wirkungen präsent, fungiert also als abwesende Ursache). Ungelöst bleibt bei Althusser die Frage nach dem Verhältnis von Simultaneität und Sukzession, wobei er Verzeitlichung in der Tendenz in der Simultaneiät aufgehen sieht, wenn er etwa von einem System spricht, dass es durch seine Abhängigkeits- und Gliederungsbeziehungen zu erkennen gälte, die das Ganze erst zum Ganzen machen würden, sodass erst dann auch von einem »organischen Ganzen« gesprochen werden könne. (Ebd.: 141)

6) Wenn die selbstbezügliche Form des Kapitals des Auseinanderlegens ihres Inhalts in der Produktion bedarf, dann ist damit zweierlei angesprochen: Die qualifizierten Arbeiten lassen sich, wenn sie in maschinelle Prozesse integriert sind, nach deren technischen Vorgaben (keinesfalls zu 100% gleichförmigen Bewegungen) mittels der getakteten Uhrzeit bzw. der Metrisierung erfassen, und diese linearen Zeiten wären im Sinne einer fließenden Präsenz zugleich als verräumlichte Zeiten zu verstehen, in der empirisch feststellbare Mengen von Waren produziert werden. Hingegen verweist die begrifflich-logische Struktur der abstrakten Zeit des Kapitals auf eine in die Zukunft aufgespannte Zeit, die sich keinesfalls mit herkömmlichen Maßen, Probabilitäten und Instrumenten (Uhren) messen lässt, mit denen man die lineare Zeit erfasst, was das Unternehmen eben mit jeder singulären Investitionsentscheidung »erfährt«; es geht hier um eine abstrakte Zeit, die das gegenwärtige finanzielle Akkumulationsregime als die Beleihung oder den Zugriff auf die Zukunft behandelt, was stets das aufreibende Spiel hinsichtlich der Justierung der Relationen von gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart impliziert.

7) Das Kapital beinhaltet den Zu- oder Übergriff auf die Zukunft, indem es die Zeit in ein Projekt seiner eigenen Zukunft transformiert, wobei die Gegenwart nur noch als ein Schatten der eigenen Zukunft erscheint. In dieses monströse Projekt schreibt sich sowohl der Kredit als auch das fiktive/spekulative Kapital ein, und dies in Hinsicht einer monetären Realisierung von Zukunft, die sich jetzt schon vollziehen soll; wobei es aber keinerlei Garantie dafür gibt, dass diese projektierte Zukunft auch real eintritt, wie auch die Produktion von Gütern noch lange nicht deren Verkauf garantiert. Zukunft gerinnt zur Farce einer Kolonialisierung, die unter dem Diktat einer nackten Wiederholung des Immer-Wieder-Desselben steht.

8) Mit der abstrakten Zeit des Kapitals qua differenzieller Akkumulation kommt es aber auch beständig zu wandelnden zeitlichen Normen, die die abstrakte Zeit erst nachträglich reflektiert (was kapitalkonforme notwendige abstrakte Arbeit ist, stellt sich erst nach der gelungenen Realisierung von profitbringenden Waren heraus). Und dies fasst der ökonomisch-philosophische Diskurs wiederum dahingehend, dass Virtualisierung als Zeitigung der Zeit in der Zeit zeitlos ablaufen soll, als ob Zeit sich selbst identifizieren könnte, um schließlich jenseits der Instantaneität der Zeit noch als Null sich zu setzen, als reine Gleichzeitigkeit oder Virtualität. Wenn für Hegel der Begriff in seiner Identität die Macht der Zeit selbst ist, indem der einende Geist den Prozess der wirklichen Dinge, der die Zeit macht, lenkt, dann fällt hier der mögliche Bezug auf die Begriffe Virtualität/Gleichzeitigkeit sofort ins Auge. Hegels Synchronie ist denn auch die Gleichzeitigkeit selbst, die Präsenz des Wesens in all seinen Bestimmungen, denen das Kontinuum einer homogenen Zeit vorgestellt ist, woraus man ohne weiteres zu schließen vermag, dass alle chronologischen Zeiten im Zuge einer virtuellen Gleichzeitigkeit (Hegels Geist) zu erfassen sind.

9) Während reale Produktionsprozesse sich in der Zeit vollziehen, handelt es sich bei der (begrifflichen) Konstruktion der abstrakten Zeit des Kapitals um das Problem der Beziehung zwischen der differenziellen Zeitigung der Zeit (Virtualität) und Aktualisierung, und dies als Effekt kapitalistischer Strukturen. Die schließt die Anerkennung von sprunghaften »Bewegungen«, Innovationszyklen und Zeitvorsprüngen natürlich ein, der Konstruktion von Brüchen, die den Virtualisierung/Aktualisierung-Verschaltungen selbst geschuldet sind. Diese Prozesse lassen sich wahrlich nicht eins zu eins monetär abbilden, weil die jeweiligen Verlaufsformen der dynamischen, differenziellen Akkumulation trotz der Anwesenheit der diversen Maße der Kapitalisierung auf der Ebene des Gesamtkapitals wesentlich opak bleiben, sodass sich die Realität der kapitalistischen Reproduktion als Gesamtkomplexion nur rein begrifflich erfassen lässt; kapitalistische Verwertung wäre immer als Simultaneität (das Apriori entzieht sich der Zeitlichkeit) und zugleich als sukzessive Prozesse zu verstehen, die das Kapital in je spezifischer Weise akkumuliert. In-der-(messbaren)-Zeit-sein wäre als ein Effekt der Aktualisierung des quasi-transzendentalen Gesetzes des Kapitals aufzufassen, der rein als Zwang zur Adaption von Wirtschaftshandlungen für die Unternehmen ganz drängend wird.

10) Somit besitzt die abstrakte Zeit des Kapitals neben seiner Funktion, permanent die Zukunft zu beleihen, das Momentum einer erst nachträglich die Gegenwart reflektierenden Zeit. Bei diesem zweiten Aspekt der abstrakten Zeit des Kapitals haben wir es also mit einer retrograden Wirkung zu tun, die erst nachträglich die diversen Produktionsniveaus der Kapitale reflektiert, deren beständige Steigerung mit einem Mengenwachstum pro Zeiteinheit und einer Beschleunigung der Zeit in den Produktionsprozessen einhergeht, wobei normalerweise das Mengenwachstum die Beschleunigung übertrifft. Diese Nachträglichkeit heißt für die begriffliche Darstellung auch, dass sich die Erwartungen des Kapitals quantitativ so aktualisieren, als ob die Aktualisierungen schon von Anfang an bestanden hätten. Und zugleich wird die Aktualisierung einer quantitativen Dimension als sozusagen verspätet eingetroffene Information über Produktionsprozesse und deren Produktionsniveaus durch die abstrakte Zeit des Kapitals »reflektiert«, wobei ständig Produktionsbedingungen entsprechend den noch zu erzielenden Aktualisierungen neu angepasst und neu geschaffen werden müssen, sodass Durchschnittsbildung von Profitraten als Virtualisierung/Aktualisierung-Verschaltung und damit Ausrichtungen auf die Zukunft immer zugleich mit dem Faktor Nachträglichkeit zu denken sind.

11) Der simulative »Raum« der Zeitigung der Zeit (Gleichzeitigkeit) und der Verzeitlichungen des Kapitals, seiner Virtualisierungs-Aktualisierungs-Verschaltungen, ist der Markt oder besser gesagt sind maschinelle Distributionsnetzwerke, in denen die unzähligen Realisierungen von Profit stattfinden, die sich in Semiosen subjektlos vollziehen. Wir haben es an diesem Punkt mit Problemen der Übertragung, des Transports zu tun, denn kapitalistische Waren sind immer schon Resultat der Temporalisierung und Verräumlichung des Kapitals, was sich als Notwendigkeit zur Steigerung der Produktivität mit ihrer Tendenz zum Wachstum des Outputs pro Zeiteinheit artikuliert, als Notwendigkeit zur zumindest zeitweisen Erlangung von Extraprofiten für das Einzelkapital und der komplementären Beschleunigung von Innovations- und sich verkürzenden Produktlebenszyklen, einer durch das Kreditwesen motivierten Akzeleration des unabhängig vom technologischen rein ökonomisch zu bewertenden Verschleißes der Maschinerie.

12) Das Kapital muss im Rahmen seiner differenziellen Kapitalakkumulation die Zeiten der Aktualisierung/Virtualisierung von Produktion und Zirkulation in immer dringenderem Maße beschleunigen, um sich schließlich dem Ideal der (unmöglichen) Virtualität (Gleichzeitigkeit/ Reversibilität) oder der Zero-Zeit anzunähern. Und wenn die Titel des fiktiven und spekulativen Kapitals heute sogar als Ansprüche auf die Unendlichkeit der Zeit zirkulieren, müssen sie sich gleichzeitig in Technologien übersetzen, die in Bereiche der Lichtgeschwindigkeit eintreten, um von nun an Zukunft in Realtime zu projektieren. Als Anspruch auf Zukunft rechnet das finanzielle Kapital beständig akzelerativ mit seiner techno-imaginären Seite und durchbricht damit eine Grenze, der das industrielle Kapital auch unter physischen Bedingungen noch ausgesetzt war, bis schließlich an die Zero-Zeit des Kapitals angerührt wird. Damit gewinnt die Geschwindigkeit in der Relation zur Quantifizierung (Mengenwachstum pro Zeiteinheit) im Kapitalismus zunehmend an Bedeutung und als ausgezeichnetes Derivat der Geschwindigkeit ist die Beschleunigung zu verstehen, vor allem die Beschleunigung der Zirkulationsprozesse, die bis an ihren Maximalpunkt, nämlich Lichtgeschwindigkeit getrieben wird – digitalisierte Finanztransaktionen in Realtime und »just in time« Produktion sind nur zwei Beispiele für den Hass des Kapitals auf Dauer, wie Tiqqun es ausdrücken. Es soll an dieser Stelle noch vermerkt werden, dass den Prozessen der technologischen Beschleunigung eine analytisch zu trennende Mengensteigerung pro Zeiteinheit korrespondieren muss, wenn man denn von sozialen Zeitverknappungen sprechen will, i. e. nur, wenn die Wachstumsraten der Produktion von Gütern, Dienstleistungen und Informationen die Beschleunigungsraten der entsprechenden Prozesse übersteigen, werden soziale Zeitressourcen knapp, ansonsten setzen technologische Beschleunigungen eher soziale Zeiten und Freizeiten frei. Es wird eben nicht nur schneller, sondern auch immer mehr produziert, informationalisiert und transportiert, sodass es tatsächlich auch auf das Maß Outputsteigerung pro Zeiteinheit ankommt, mit der das ganze Ausmaß der Intensivierung, Beschleunigung und Wachstum und infolgedessen die Verknappung von Zeitressourcen in Rechnung gestellt werden kann.

13) Schließlich bleibt das Kapital im Rahmen der differenziellen Kapitalakkumulation und der Existenz der pluralen Kapitale gezwungen, sich immer auch in der Zeit aktualisieren, auch wenn es von sich selbst längst genug hat und sich selbst loswerden will, genug etwa vom referenziellen Gewicht der klassischen Waren und der Kredite, um in ein posthumanes Zeitalter der reinen Virtualisierungen von finanziellen Strömungen einzutreten. Es will noch dem »Gewicht« der Zeit entfliehen, um seine eigene Zukunft mit der Leichtigkeit der virtualisierenden Zirkulationen zu illuminieren. Schon Marx spricht hinsichtlich der Beschleunigung der Zirkulations- und Transportzeiten einerseits von einer Vernichtung des Raumes durch die Zeit, wobei jede Sekunde, die das Kapital für seine Realisierung braucht, eine Sekunde zu viel gewesen sein wird; andererseits muss es die Ökonomie der Umschlags- und Zirkulationszeiten selbst ins Visier nehmen, weil das telos der Verwertung nach der Realisierung von sich selbst übertreffenden Geschwindigkeiten verlangt, bis endlich Null-Zeit einsetzt, sodass selbst noch die Medialität der Transport- und Kommunikationsmittel infrage gestellt ist. Ubiquitäre Echtzeit könnte aber nur aufgrund von Zeitkriegen vonstatten gehen, die die Widerstände von Raum und Zeit in immer geringeren Zeitquanten durchlaufen, bis jede Verortung und Verzeitlichung des Globalen selbst infrage gestellt ist. Das Kapital globalisiert sich ja heute tatsächlich mittels ubiquitärer medialer Technologien, indem es selbst dem Globalen die Zeiträume entzieht, und zwar nach Maßgabe einer medial-technologischen Ökonomie performativer Sätze, die noch das Trauma einer Differenz von Produktion und Zirkulation isolieren, indem sie es kapitalisieren, bis sich Produktion/Zirkulation letztendlich auf dem Globus nicht mehr verorten lässt und doch zugleich keiner exterioren Grenze zustreben kann. Aber nicht nur das, diese Zeitkriege führen nämlich dazu, dass selbst die sog. Echtzeit, mit der Signale innerhalb der globalen Netzwerke übertragen werden, zu langsam zu werden droht, sodass sich bspw. der Käufer eines CDS, den man in London anbietet, um minimale Zeitvorteile zu nutzen doch eher wieder in Frankfurt ansiedelt und nicht in Hongkong. Genaugenommen ist es dem Kapital nicht vergönnt der Traumatologie der vielfältigen (temporalen) Schnitte durch Produktion/Zirkulation/Konsumtion hindurch zu entkommen, Schnitte, die es nur insofern erfasst, als es seine eigene Grenze intern permanent verschiebt, und zwar als eine »Ökonomie der Einschnitte des Einschnitts« (Deleuze/Guattari), ohne jedoch seine schwarzen Zonen und Zeiten je loszuwerden, wie man auch die Gefahr nicht los wird, sich in seinen Produktions- und Zirkulationszeiten selbst zu erschöpfen, gerade weil man die Zukunft je schon beliehen und damit eigentlich ausgeschöpft hat. Die Beschleunigung der computerisierten Zeittakte, die kurioserweise zu nicht-linearen Ergebnissen führt (mit einer Verdopplung der Dosis erhält man eben nicht das Doppelte des ursprünglichen Effekts), ist heute die eines unsichtbaren Wachstums der Hochfrequenz-Transaktionen, die die Annäherung an die Zero-Zeit des Kapitals vorführen. So sollte man die abstrakte Zeit des Kapitals zumindest ihrem Begriff nach (im Ideal) mit der Zero-Zeit identifizieren, wobei der sog. Realtime des Kapitals heute ja tatsächlich die technologisch-medial gestützte Tendenz inhäriert, Umschlagszeiten gleich Null zu setzen, sodass am Ende das Kapital unter zeitlichen Gesichtspunkten doch eins mit reiner Virtualität wäre, mit Zeitlosigkeit oder der Zeit als solcher. Dennoch vermag das Kapital diesen Begriff niemals zu erreichen, insofern sich seine Präsenz im Aufschub, der différance des Kapitals, ständig (in der Zeit) entzieht, und damit entgeht den Zuschreibungen des Kapitals stets etwas, sei es, dass für jede Gegenwart Zukunft beliehen werden muss, sei es, dass das Kapital als Geldform sich nicht realisiert.

14) …

15) Marx schreibt: »Je mehr die Zirkulationsmetamorphosen des Kapitals nur ideell sind, d. h. je mehr die Umlaufszeit = 0 wird oder sich Null nähert, um so mehr fungiert Kapital, um so größer wird seine Produktivität und Selbstverwertung.« (MEW 24: 127-128) Oder ganz ähnlich:»Das Maximum der Verwertung des Kapitals wie die Kontinuität des Produktionsprozesses oder die Zirkulationszeit = 0 gesetzt; d. h. also, die Bedingungen, unter denen das Kapital produziert, seine Beschränktheit durch die Zirkulationszeit, die Notwendigkeit, die verschiednen Phasen seiner Metamorphose zu durchlaufen, aufgehoben. Es ist die notwendige Tendenz des Kapitals, danach zu streben, die Zirkulationszeit = 0 zu setzen, d. h., sich selbst aufzuheben, da nur durch das Kapital die Zirkulationszeit als die Produktionszeit bestimmendes Moment gesetzt ist.« (MEW 42: 529) Das Kapital, das seine eigene Zirkulationszeit gleich 0 oder sich als gegebene Gleichzeitigkeit setzt, wäre tatsächlich der reinen Virtualität gleich, die hier dann als sein Seinsmodus zu begreifen wäre – eine Unmöglichkeit, die nur der idealistische Begriff zu denken wagt, insofern das (ideelle) Kapital sich in sich selbst tatsächlich aufheben könnte. Realiter bleibt es immer auf seine Quasi-Transzendentalität zurückgestoßen, und diese wäre als Wirkung von Wirkungen zu begreifen. Der begrifflichen Darstellung muss jene Vernullifizierung der Zeit (Virtualität) als das Unmögliche erscheinen, als ob es doch möglich wäre, jene darzustellen: das ist die Adressierung der virtuellen Vernunft (Wert als Regulativ) an das Transzendental. Und Marx insistiert: »Die Zirkulationszeit drückt nur die Geschwindigkeit der Zirkulation aus; die Geschwindigkeit der Zirkulation nur Schranke derselben. Zirkulation ohne Zirkulationszeit – d. h. das Übergehn des Kapitals aus einer Phase in die andre mit derselben Schnelle, womit der Begriff umschlägt – wäre das Maximum, d. h. das Zusammenfallen der Erneuerung des Produktionsprozesses mit seiner Beendigung.« (Ebd.: 531) Der Echtzeit inhäriert heute ganz real die Tendenz sich gleich Null zu setzen, wobei dies schließlich Auslöschung jeder Spur des Kapitals, seiner eigenen Produktion und Zirkulation bedeuten würde und seinem endgültigen Tod durch alle Tode hindurch (crisis) gleichkäme, der wiederum paradoxerweise seiner maximalen Verausgabung und Verwertung entsprechen würde. Marx argumentiert ja, dass der Zirkulationszeit gleich Null die höchste produktive Verwertung des Kapitals korrespondiere, dies ist aber im Zuge der damit notwendigerweise zu folgernden Auslöschung aller Zirkulations- und Produktionszeiten zugleich als reale Unmöglichkeit zu denken. Es kann natürlich auch vorkommen, dass die Spuren von Produktion und Zirkulation durch eine spasmodische Reduktion der Geschwindigkeit verschwinden, sodass das Wachstum des Kapitals, das sich normalerweise durch sich beschleunigende Spiralbewegungen vollzieht, entschleunigt wird, Stillstände, die für seine neurotische Ethik des Wachstums so abscheulich erscheinen.

16) Die in die Zukunft aufgespannte Zeit des finanziellen Kapitals bleibt mit der nachträglichen Zeit des Kapitals insofern identisch, als die verfügbaren Daten und Informationen, auf die sich die mathematischen und stochastischen Risikomodelle der Finanzindustrie beziehen, aus der Vergangenheit stammen, wobei man auf dieser Basis die Bewertung des fiktiven Kapitals unter dem Gesichtspunkt der Beleihung und Diskontierung der Zukunft kalkuliert, ohne einzubeziehen, dass die zukünftigen Parameter und Variablen sich gerade auch deshalb ändern werden, weil man schon in der Gegenwart mit Geldkapital in die Zukunft investiert oder auf diese spekuliert hat. Der Eintritt der Zeit in sie selbst erscheint in dieser Phase umfassender Kapitalisierung/Finanzialisierung als die Realtime-Bewegung des fiktiven und spekulativen Kapitals, sodass das finanzielle Kapital einerseits mittels der Anwendung stochastischer Modelle aus der Finanzmathematik andauernd mit sich selbst rechnet und mit dem Rechnen niemals fertig sein wird, um andererseits permanent an der Unverfügbarkeit seiner selbst und an der Zukunft zu leiden.

17) Schon mit dem Kredit hat das Kapital die Zeit selbst usurpiert, die als kommende Gegenwart bereits jetzt angeeignet wird, womit die Zukunft längst nicht mehr als ein unhintergehbarer Horizont vor der Gegenwart aufgespannt ist, sondern selbst zum integrativen Teil einer Gegenwart gerät, die wiederum in sich selbst Vergangenheit und Zukunft kontrahiert und gerade deswegen immer schon gegenwärtige Zukunft ist, Kalkulation und Planung. Es zeigt sich hierin eine Beschränktheit an, die darin besteht, die Vernunft beständig auf das sagenumwobene Kalkül herunterzurechnen, ohne sich einer rationalen und strengen Unberechenbarkeit (des Ökonomischen) stellen zu wollen, dessen, was universell und doch zugleich Ausnahme ist, nämlich der einmaligen, einzigartigen, exzeptionellen und unvorhersehbaren Singularität. Um die Ausnahme auszuschließen, müsste sich die kalkulierende Vernunft schließlich mit dem Unbedingten verbinden, der Souveränität, die das unvorhersehbare Ereignis konsequent eliminiert.

18) Das Futur 2 scheint bei Marx die Zeit zu sein, die der dritten Bestimmung/Funktion des Geldes als sich verwertendes Geld komplementär ist. Im Prinzip funktioniert das Geld an dieser Stelle der Argumentation schon als (spekulatives) Geldkapital, was bezüglich der Zeit impliziert, dass die Gegenwart durch die Kalkulation ihrer Zukunft eine Bewertung an ihrer und durch ihre Zukunft findet, aber letztlich gerät doch alles anders, als man es im aktuellen Moment voraussehen kann – weil die Zukunft eben auch gerade darauf reagiert, wie man versucht, die Zukunft zu kalkulieren. Nicht die Gewordenheit der Gegenwart aufgrund ihrer Vergangenheit, sondern ihre Gewordenheit bezüglich der Zukunft rückt damit eindeutig in den Blickpunkt, Zukunft, der man wiederum selbst eine Gewordenheit zuschreibt, als sie durch gegenwärtige Erwartungen bestimmt wird. Das Futur 2 zeigt sich hier darin, dass das Geld in der Gegenwart durch das bewertet wird, was es in Zukunft wert gewesen sein soll. Da man aber im Voraus gerade nicht berechnen kann, was das Geld in Zukunft wert gewesen sein wird, kann das Geld nur rein spekulativ in seiner Bezogenheit auf sich selbst verrechnet werden, oder anders gesagt, das spekulative Rechnen mit dem Geld ist seine eigene permanente Verzeitlichung, die das Geldregime vergegenwärtigt und zugleich immer weiter nach vorne verschiebt, anders gesagt, gegenwärtige Zukünfte und künftige Gegenwarten sind nicht deckungsgleich, d. h., sobald eine künftige Gegenwart tatsächlich aktuell wird, aktualisiert sich auch der Unterschied zu jener Zukunft, die das Kapital erwartet (gegenwärtige Zukunft) und deren Aussichten es einstmals genutzt hat, und so kehren stets andere Zukünfte als die erwarteten in die Gegenwart zurück. (Vgl. Esposito, Die Zukunft der Futures, 2010: 177f.) Die zeitliche Zirkularität der finanziellen Ökonomie besteht nach Elena Esposito exakt darin, dass die Gegenwart von der Zukunft abhängig ist, die ihrerseits auf Gegenwart verwiesen ist, die sich nach ihr richtet. (Ebd.: 28) Damit haben wir es hinsichtlich der Zukunft zugleich mit einer Verlängerung der Gegenwart zu tun, in einem sehr verdrehten Sinne eben mit dem Futur 2 des »Es-wird-gewesen-sein«. Dies besagt auch, dass das Kapital sozusagen immer schon mit dem Rücken in die Zukunft geht es setzt neben seiner eigenen unabweisbaren Unbestimmtheit und Unverfügbarkeit eben auch darauf, dass die Dinge hinterrücks immer schon (für das Kapital) gut gelaufen sein werden. Und diese Zukunftsbetrachtung gibt die Zukunft als eine geschlossene Zukunft wieder, gerade weil man die Zukunft ausschließlich von einem Erwartungshorizont heraus bestimmt, der das wirklich Neue eliminieren will, und nicht nur das, das Kapital ist seine Zukunft, es hat seine Zukunft je schon stipuliert und es hat sie ausdeterminiert, womit sich sofort anzeigt, dass diese ominöse Okkupation der Zukunft, die jeder anti-axiomatischen Überraschung und Virulenz bar ist, sich nur vom Futur 2 her schreiben lässt, obgleich selbst diese Zeit immer wieder überwunden werden soll – das Kontinuum des Kapitals hält also gerade daran fest, seiner Zukunft einerseits in vollkommener Neutralität entgegenzustürzen, andererseits seine eigene Zukunft beständig auch überholen zu müssen, sein Trauma par excellence, das durch die Kapitalisierung, die im Rahmen ihrer Zukunftsforschung auf absolute Selbstgegenwart bzw. Aktualität setzt, eingeholt werden will und doch nicht eingeholt werden kann.

19)) Allerdings verschiebt sich die Problematik noch einmal, wenn wir an Formen des Kapitals denken, die nicht mehr unmittelbar an (industrielle) Produktionsprozesse angebunden sind. Spekulative Geschäfte verweisen noch deutlicher auf eine »vergeldlichte« Zeit, die sich nicht als zirkuläre Bewegung, sondern eher als Exponenzialkurve darstellen lässt, die eben nicht zum Ausgangspunkt zurückkehrt, vielmehr zeigt sich hier das kontinuierliche Wachstum des Geldkapitals selbst an. Dabei stellt man ein zu einem gegebenen Zeitpunkt getätigtes Investment als Tangente der Exponenzialkurve dar, was einen Riss, Bruch oder eine Zäsur mit der Kurve der kontinuierlichen Wertsteigerung andeutet. Das aktuelle Investment als Tangente dokumentiert folglich nicht nur den Surplus – Geld plus das Exkrement G` , sondern eben auch den Bruch mit der Kontinuität, insofern sich hier ganz aktuell das Bevor und Danach gerade aufgrund des Mehr nicht mehr »reimen« lässt, womit Nicht-Äquivalenz und differenzielle Wiederholung im Kontext eines synthetischen Tauschs ausgewiesen ist. Und als gerade Linie drückt das Investment eine pure intensive Quantität aus: Zeit ist nicht vergangen, vielmehr ist sie unmittelbar als Grad einer intensiven und intendierten Variation gegeben – intendiert, weil der Investor eine Vermehrung des Geldes erwartet, intensiv, insofern der Kalkül einen Grad der Variation (z. B. sind die Abstufungen des Lichts rein graduell) ausdrückt, was wiederum nichts mit einer extensiven Größe zu tun hat. Intensive Größen haben mit Gestalten und deren Dauer nichts zu tun und lassen somit nur intrinsische, graduelle Distinktionen zu. Die intendierte Rate der Wertsteigerung, die man mit der Formel der Kapitalisierung anschreibt, lässt sich daher als eine gerade Linie und eben gerade nicht als ein Zyklus darstellen, bei dem zu einem Ausgangspunkt zurückgekehrt wird. Das aktuelle Investment entleert sozusagen die Präsenz des Geldes, weil es in die Präsenz einen antizipierten und zugleich nicht-determinierten Rücklauf des Geldes einführt, der in erster Linie einen graduellen und intensiven und erst in zweiter Linie einen numerischen Wert impliziert. So generiert die Chrematistik eine leere Form der Zeit, in der kein aktueller temporaler Wert existiert, sondern die Koinzidenz eines leeren Bevor und Danach. Und wir haben es bei der Steigerungsrate nach jedem besonderen Rücklauf des Geldes auf jeden Fall mit einer Differenz zu tun, sodass auch die jeweiligen Geschwindigkeitsgrade, in denen sich das Investment vollzieht, sich immer schon verändern werden. In gewissem Sinne reimen sie sich nicht.

20) Weiterhin stellt sich die Frage, wie man anhand der Parameter Position, Geschwindigkeit und Beschleunigung einen instantanen Wandel von verschiedenen Quantitäten zu beschreiben vermag. Um diese Frage zu beantworten, haben Mathematiker das Konzept der infinitesimalen Quantitäten entwickelt, die Resultate von limitierenden Prozessen sind. Damit tendiert die Variation einer Quantität, die zwischen zwei Augenblicken durch den Zeitverlauf entsteht, gegen Null. Bekanntlich lässt sich in jedem Moment der Status eines sich bewegenden Körpers durch seine Position (r), seine Geschwindigkeit (v), die die Tendenz zur Veränderung seiner Position ausdrückt, und durch seine Beschleunigung (a) definieren, die wiederum die Tendenz zur Veränderung der Geschwindigkeit ausdrückt. Bei instantanen Geschwindigkeiten und Beschleunigungen (Instantaneität im Sinne eines limitierenden Jetzt) handelt es sich also um limitierende Quantitäten, die durch die Rate zweier infinitesimaler Quantitäten gemessen werden. Zunächst geht es um die Variation der Parameter (r) und (v) während eines zeitlichen Intervalls t0-t1, wobei dieses Intervall gegen Null tendiert. Intervalle sind als Ableitungen der Zeit zu begreifen und werden seit Leibniz zum ersten als v=/dr/dt und weiterhin als a=dv/dt angeschrieben. Und dabei inhäriert die letztere Formel, i. e. Beschleunigung, die Ableitung einer Ableitung. Dies will im Zuge der Theorien Einsteins auch besagen, dass man den Status einer absoluten Simultaneität nicht erreichen kann. Und daraus lässt sich wiederum folgern, dass es für das Kapital als absolute Kontingenz nichts mehr gäbe, was seine abstrakte Zeit noch interiorisieren könnte. Die Zeit fiele dann tatsächlich mit dem absoluten Raum zusammen.

21) Nach Ansicht von Elena Esposito sind die Modelle, mit denen die Preisgestaltung der Derivate vorgenommen wird, generell nicht in der Lage, die Differenzen zweier Zukünfte zu bändigen. Wenn gegenwärtige Zukunft, die dasjenige ausdrückt, was man von der Zukunft erwartet, und künftige Gegenwart, die jene Zukunft bezeichnet, die tatsachlich eintritt, eben nicht deckungsgleich sind, dann wird im Zuge des Einsatzes von performativen mathematischen Kalkulationsverfahren immer eine künftige Gegenwart real, mit der sich der Unterschied zu jener Zukunft aktualisiert, die man erwartet und gewissermaßen fixiert und deren Potenziale man u. U. auch genutzt hat.

22) Derivate gestatten die kontraperformativ-zeitbindende Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft, wobei die spezifische Verschiebung der Gegenwart in die Zukunft qua Derivat die Aktualität der Gegenwart daran hindert, klar von der Inaktualität der Zukunft getrennt zu sein. Was der »Determination« der differanziellen Preisbildung qua Temporalisierung darüber hinaus hinzugefügt wird, besteht darin, dass die Zukunft des differanziellen und risikobehafteten Auspreisens das Splitting des zukünftigen Pay Offs inhäriert, was wiederum die thetische Kontingenz qua Derivatvertrag inauguriert. Somit lässt sich die spezifische Zeitbindung der Derivate als die Relation zwischen einer entzogenen Gegenwart und einer gesplitteten Zukunft verstehen, die jedoch beide aktualisiert werden müssen und doch zugleich inaktuell bleiben (insofern bestimmte Möglichkeiten eben nicht aktualisiert werden). Aber auch hier lässt sich keine unbedingte Voraussetzungslosigkeit der Preisbewegungen annehmen, wobei es zudem zu zeigen gilt, wie die spezifische Kalkulation der Zukunft nicht nur die Gegenwart spaltet, sondern auch diszipliniert.

23) Die inaktuelle Dimension der Gegenwart, die im Auspreisen des Risikos besteht, lässt sich nicht eliminieren, auch nicht durch die Realisierung eines zukünftigen Ereignisses, oder, um es anders zu sagen, die Gegenwart kann sich niemals als volle Aktualität ereignen, auch nicht in einer der kommenden zukünftigen Gegenwarten. Volle Aktualität wäre nämlich nahe an der Virtualität oder die Virtualität selbst. Aktualisierung vollzieht sich aber gerade nicht qua Gleichzeitigkeit oder über die Ähnlichkeit (mit dem Virtuellen), sondern stets über die temporalisierende Differenzierung zwischen Virtuellem und Aktuellem, und zwar unter der Voraussetzung, dass die Gegenwart selbst virtuelle und aktuelle Momente enthält. Die Aktualisierung realisiert nicht das Potenzielle, sondern sie negiert es, oder, anders gesagt, die Aktualisierung ist nicht die Entwicklung oder Metamorphosis des Virtuellen, sondern dessen Grenze. Die gegenwärtige Zukunft bleibt per se instabil, insofern die zukünftige Gegenwart, wenn sie sich denn aktualisiert, gegenwärtige Entscheidungen permanent revidiert.

24) Die temporale Verschiebung der Preisbewegungen der Derivate ist also keineswegs als eine zeitliche Ausdehnung der Gegenwart (Antizipation) zu verstehen, sondern sie beinhaltet je schon das endogene Splitting der Gegenwart selbst (Esposito übersieht das). Zugleich vermeldet die futuristische Kontingenz, die allerdings auf die Aktualisierung in der Gegenwart nicht verzichten kann, die notwendige Kontraperformativität der derivaten Preisgestaltung: Die thetische Kontingenz des Derivats impliziert die reale, kontingente Verkettung der Zukunft (in der Gegenwart) qua derivativer Preisgestaltung, und dies mindestens bis zum Ende des Derivatvertrags und seinem Pay Off. Und damit ist die Möglichkeit der Antizipation der Preisbildung qua einer Extension der Gegenwart nicht nur beeinträchtigt, sondern sämtliche antizipatorischen Modelle (Scholes) erweisen sich als die nachträgliche Elaboration des Fakts, dass eine Option den realisierten Preis erzielt hat. Die Möglichkeiten, die gegen den aktuellen Preis sprechen, muss man als einschneidende Konsequenzen der Pragmatik der Zukünftigkeit der differanziellen Preisgestaltung verstehen: Prinzipiell ist die gegenwärtige Zukunft qua differanzieller Temporalisierung revisionsfähig, weil sie durch die thetische Kontingenz der Realität des Infrawagers konstituiert wird. Selbst noch die Vergangenheit, die die Gegenwart als eine revidierbare Zukunft determiniert, bleibt mit den nicht-aktualisierten Eventualitäten anderer Vergangenheiten gefüllt. Diese in der Vergangenheit nicht-aktualisierten Eventualitäten bleiben aber nur fiktive Idealisierungen, weil sie ja in der Tat nicht aktualisiert worden sind, i. e. im Gegensatz zu zukünftigen Inaktualitäten bleiben sie für immer inaktuell.

25) Implizite Volatilität ist im Endeffekt als das Indefinite der derivativen Preisbewegung zu verstehen: Es kann sie nur aufgrund des Splitting der gegenwärtigen Realität des Preises bezüglich einer unbekannten (aktuellen und inaktuellen) Zukunft geben. Die futuristische Kontingenz wird durch die indefinite Plastizität des Derivats erzeugt, oder, um es anders zu sagen, das Virtuell-Reale der derivativen Preisbewegung wird endogen/immanent konstituiert und es wird durch das Geld aktualisiert. Als eine der Bedingungen, die die Plastizität der derivativen Preisbewegungen garantiert, ist dann der Markt als der Raum einer materiellen Topologie aufzufassen, der die Möglichkeit zur Aktualisierung von zukünftiger Kontingenz der derivativen Preisgestaltung anbietet. Die Kontingenz, die an den Derivatmärkten stattfindet, erfordert eine dynamische, ja eine metastabile Toposkription, i. e. nur der Markt zeigt die Kontingenz (in der Gegenwart) an, genauer: Er ist das Medium der (relativen) Kontingenz.

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