Biopolitics, Necropolitics, NonPolitics

Angst essen Facebook auf

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5 Sep , 2015  

Ein vom Arbeitsmarkt erwünschter Migrant hieß früher Gastarbeiter. Ein Euphemismus, der den Widerspruch zwischen Gastfreundschaft und Arbeitsverhältnis in ein Wort packt. Solange man zur internationalen Kreativindustrie zählt, und sei es auch nur zur Armee der „Freien“ ist Mobilität ein Muss, das Reisen ist Teil der Arbeit, wie auch die Freizeit und das Posten nachts auf Facebook.

Was nun täglich an den Internet Terminals stattfindet, das ist eine eigenartige Verschränkung der eigenen identitären Konstruktionen mit der Beschäftigung mit dem menschlichen Elend, und dies weit ausserhalb der algorithmisch gesäuberten Wahrnehmungszone, welche den sozialen Ausschluss in Datenstrukturen unsichtbar macht, und nur über Repräsentation in Datenobjekten funktionieren kann.

Genau genommen stehen sich völlig verschiedene Formen des Elends gegenüber. Einerseits der Flüchtling, der existentiell bedroht, ein Dach über dem Kopf sucht, und beim Versuch die Festung Europa zu erreichen, in den Fluten des Mittelmeers ertrinkt. Andererseits das Elend der entfremdeten Bildschirmarbeiterinnen, die unbezahlt die Foren mit ihrer temporären Entrüstung füllen, um ein Stück näher an die Realität zu kommen, um sich „wieder zu spüren“ und die stumme Mitschuld, die auf die Seele drückt, loszuwerden. An der Schnittstelle wird ein Elend gegen ein anderes getauscht. Es findet die Identifikation mit dem Opfer statt, eine beherzte symbolische Aktion, und schon fühlt man sich ein wenig besser, erleichterter. Die Welt des Konsums ist voll von diesen Handhabbarkeitsmythen, um Kontrolle über das Leben zu bekommen, wenn man hier und da sein Handeln ändert, besonders bei der Auswahl des Essens. Aber auch die Mediendiät steht unter dem Regime der Selbstkontrolle und Selbstkonstruktion: „I am what i like.“

In diesem Rahmen rufen wir ein beherztes „Refugees Welcome“ in die digitale Weite hinaus, aber meinen damit auch ein wenig uns selbst. So wie die Gastfreundschaft ein reziprokes Geschäft ist, denn jeder kann irgendwann darauf angewiesen sein, Zuflucht zu suchen. Die Frage sollte wirklich nicht die sein, ob jemand nachweislich einen Flüchtling auf der Facebook Freundesliste hat, denn im nächsten Moment kann er diesen schon als empirischen Beweis ins Feld führen, um darauf diverse z.b. israelkritische oder islamfeindliche Äußerungen ins Feld zu führen. Doch der Flüchtling ist keine Datenquelle, kein Garant das Leiden zu lindern. Er ist so wenig ein Individuum wie wir (die Facebook Nutzer), denn er taucht nur in Massen auf. Er verweist auf einen Widerspruch im System.

Unsere Menschlichkeit, unsere europäischen, abendländischen Werte sind nicht universell, im Gegenteil sie sind ein Produkt des Kolonialismus, der Produktion von Elend, der „anderen“, der Ausgeschlossenen, von Reichtum vs. Armut, von Demokratie als Bedingung für Marktwirtschaft, und von einem Freiheitsbegriff, der praktisch und pragmatisch gesehen auf (angeborenen) Privilegien beruht. Also gilt es in den Kommunikationsversuchen ständig diese Selbstwidersprüche zu lösen, ohne aber dabei das System der Selbstlüge anzutasten und um zugleich ein wenig Ablass für die eigenen Schuldgefühle zu suchen. So wird versucht, punktuell Symptome zu lindern, während die Ursachen im Gesamtzusammenhang akzeptiert werden.

Wo sprechen diese Menschen ohne die Vermittlung durch Fürsprecher, Fernsprecher, Weiterposter? Die Solidarisierung mit den Flüchtlingen findet meist auf der symbolischen Ebene statt, über gesharte Filme und Bilder, knappe Texte und Statements und Aktionen – sie dient der Vermittlung mit dem namenlosen Realen, einer von außen kommenden, beänstigenden und ständig drohenden sozialen Entropie. Die Krise, das sind immer die anderen. Kapitalismus kann ohne die Krise, ohne das drohende Elend keine Differenz von Mehrwert erzeugen und die Ungleichheit ist eine fundamentale Funktion der Produktion von Reichtum und Mangel.

Stadt, Land, Datenfluss.

Wie die aktuellen OECD Zahlen belegen, gibt es längst eine große Arbeitsmigration aus Ost- und Zentraleuropa nach Deutschland, die in den Herkunftsländern demographische Lücken hinterlässt. Diese Migrationsbewegung findet nicht wegen des Krieges, sondern aus rein wirtschaftlichen Gründen statt. Als ein vermutlicher Nebeneffekt, der Verunsichung durch Markt-Mobilität, kann Fremdenfeindlichkeit und ein erstarkender Nationalismus (Ungarn, Polen) gelten. Was im Resultat als Landflucht bezeichnet wird, haben im Gegenzug längst Aussteiger-Kommunen und europaweit operierende Immobilienspekulanten als Chance entdeckt.

Die bestehende Infrastruktur verfällt, Äcker werden nicht mehr bestellt, die Preise fallen. Eine Situation ähnlich der 1990er Jahre, nur dass statt den „Zwischennutzungsnomaden“ die neuen „Raumpioniere“ sich in wenig besiedelteren Landstrichen sesshaft machen. Nun haben die zuständigen Politiker und Beamten die Wahl, schlechte und teure temporäre Unterkünfte in Ballungsräumen zu schaffen, und damit indirekt das Lohniveau weiter zu drücken, die Bildung sozialer Brennpunkte und Banlieuxs zu begünstigen, oder langfristig Migrationspolitik als Siedlungs- und Bevölkerungspolitik zu verstehen und gezielt nicht nur eine Durchmischung der Stadt-, sondern auch der Landbevölkerung voranzutreiben.

Die von Landflucht dezimierte und durch wirtschaftliche Perspektivlosigkeit entfremdete Landbevölkerung, wie kürzlich in Sachsen, kann als eine politische Problemzone bezeichnet werden. Schon Friedrich Engels beschrieb im Traktat zur Wohnungsfrage das kleinbürgerliche Milieu, welches vom Land in die Stadt zieht, als das politische Zentrum einer rechts-konservativen Reaktion. Vergleichbare Probleme gibt es mitunter mit rechtsgerichteten türkischen Gruppen in Kreuzberg, oder zunehmend mit islamischen Radikalen, die für eine gewaltbrreite Radikalisierung offen sind; auch bei  Linken gibt es das Element der inneren Entfremdung gegenüber einer als feindlich empfundenen Umgebung, und es gibt  zugleich ein verstärktes identitäres Herkunftsdispositiv. Frantz Fanon beschreibt die (anhaltende) Phase postkolonialer Gewalt als eine kathartische Befreiung durch Selbst-Zerstörung und Neugeburt. Im Identitätsdispositiv ähneln sich Skinheads und radikale religiöse Fundamentalisten, deren Agressivität gegen Andersdenkende sich, so ist zu vermuten, allgemein gegen ein namensloses System perspektivloser Ausgrenzung und fehlender sozialer Mobilität richtet.

Geplante Landschaft

Ebenso wie es Stadtplanung gibt, so folgt die Landschaft strukturierten Planungen. Ob Wegnetze, Bebauungspläne, Wasserversorgung und Kanäle, Bewaldungspläne und Parzellengrenzen, die deutsche Landschaft ist weit davon entfernt „freie Natur“ zu sein, sie ist im Gegenteil industrieller Nutzung unterworfen, Eigentumsstrukturen und Veränderungen der Marktsituation. Nur redet der Städter von Landschaft am ehesten im touristischen Kontext eines Naherholungsgebiets bzw. Arbeitsverhältnisses, seines suburbanen Pendler-Daseins in den Gartenstädten samt erhöhter Mobilisierung und CO2 Produktion. Das Drama der Flüchtlinge ist oft auch das einer gescheiterten Urbanisierung. Die Landflucht ist ein globales Phänomen. Die überflüssig gewordenen Menschen ziehen in die Ballungsgebiete und halten sich mit prekären Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Landschaft hingegen wird zunehmend industrialisiert, und als Lebensraum, als Perspektive für kleinere Familienverbände gerät sie in den Hintergrund, denn die Eigentumstrukturen wie auch der zentral gesteuerte Markt (Monsanto-Monokulturen) erlauben keine traditionelle Parzellenwirtschaft mehr.

Eine Umsiedlung nach Plan  incl. Infrastruktur, Grundversorgung und kulturellen/religiösen Freiheiten hat in Deutschland und Mitteleuropa eine lange und weithin sichtbare Tradition, und wäre vom unaufgearbeiteten Nimbus der Grenzkolonialisation zu befreien, die historisch vor allem deutsch-stämmige Menschen unterstützte. Die Reinheit des Blutes oder der gerade bei der Mittelschicht beliebte neue Herkunfts- und Regionalpatriotismus sind in Deutschland bereits ziemlich konstruiert, wenn man sich die Mobilität der Familien nach dem 2. Weltkrieg  bzw. nach der Wende anschaut.

Heute wäre es Zeit für eine neue anti-nationalistische Siedlungspolitik, welche den Eurozentrismus zur Disposition stellt, und es gleichzeitig erlaubt, Kulturen zu denken, die nicht nur innereuropäische Grenzen öffnen, sondern nach Möglichkeit auch größere Migrationsströme ermöglichen, besonders wenn sich hierfür Orte und Infrastukturen finden lassen, die sonst weitgehend ungenutzt den Kräften des Marktes überlassen werden, d.h. mitunter über jahre und Jahrzehnte leerstehen und verkommen.

Die Kommunen und Länder haben aufgrund der äußerst starken wirtschaftlichen Position Deutschlands, die durch die Niedrigzinspolitik, aber auch durch die Austeritäts- und Arbeitsmarktpolitik begründet ist,  mehr als genug steuerliche Mittel, um zur Abwechslung einmal nicht die Banken und Wohlhabenden zu unterstützen, sondern um langfristige bevölkerungspolitische und demographische Planungen voranzutreiben, die endlich radikal mit der deutschen Blut- und Bodenmentalität brechen.

Einerseits sind heute auf dem Land industrielle Arbeitsplätze rar, andererseits lohnt sich eine intensive Agrarwirtschaft  für kleine selbstverwaltete Parzellen nicht. Es braucht also neue kulturelle, soziale und wirtschafliche Lebensmodelle (die auch für die prekäre Kreativwirtschaft aus den Städten atttraktiv sind), um sich tendenziell den marktwirtschaftlichen Prinzipien nicht mehr unterordnen, sondern diese mit anderen Faktoren kultureller oder weltanschaulicher Art abzuwägen und um sich mit den Flüchtlingen zu solidarisieren.

Die deutsche Landschaft als Kulturgut war ein Produkt z.t. industrieller Planung, und die deutsche Scholle als Hort kleinbürgerlicher Häuslebauerideale und Naturromantik war der Humus für den Nationalsozialismus – sie ist heute der ideale Angriffspunkt, um rechtsradikaler und reaktionärer Ideologie langfristig die Grundlagen zu entziehen. Niemand wird in einer gut durchmischten auch ländlichen Nachbarschaft noch „Ausländer raus“ fordern. Darum sollten deutsche Dörfer nicht leerstehen, sondern gerade gegen den undemokratischen Willen dortiger Rechtsradikaler gezielt mit asylsuchenden Gästen besiedelt werden. Das Land wäre nicht nur als Tourismusgebiet von Wochenendhäusern oder Investitionsgütern für Besserverdienende aus den Städten zu sehen, sondern als ein neues besseres bevölkerungspolitisches Instrument mit langfristigen Folgen, um bspw. auch das unsäglich schlecht organisierte und menschenunwürdige Geschäft mit Asylantenwohnheimen in Speckgürteln oder Vorstädten trockenzulegen. Als Alternative kann genau in den innenstädtischen Hipsterbezirken die zivilgesellschaftliche Bereitschaft am Schopf ergriffen werden, an dem sich besonders viele solidarische Helfer zwischen Biomarkt und Yogaschule ein neues Hobby suchen und vielleicht etwas Wohngeld dazu. Vielleicht ergeben sich dann auch für Kreative wieder neue Ziele außerhalb der abgenutzten Innenstadtmythen, statt WG-gesucht, Asylant-gesucht. Aber vor allem anstatt Ackerhelden und urbanen Gärtnern endlich afrikanische oder arabische Siedlungen in Brandenburg, incl. Schamanen und Moschee, um die traditionell reaktionäre, unproduktive und fremdenfeindliche Kultur auf dem Land zu überwinden.

Es gibt nun zwei Schichten, die sich besonders solidarisieren, nämlich Menschen, deren kulturelle Herkunft nicht Deutschland ist, sowie Menschen, die Teil der hochkulturalisierten, politisch kritischen, aber wirtschaftlich hochprekären Schicht von kreativen „immateriellen Arbeitern“ sind, kürzlich vom ehemaligen Leiter der  Tate Gallerie Londons und zukünftigen Indendanten der Volksbühne als die neuen Zombies bezeichnet. Der Ort dieser Solidargemeinschaft von „Alternativen“ und „Migranten“ kann als ein Modell angesehen werden, das nicht unbedingt urbane Beliebigkeit benötigt, sondern oft im Kleinen die nachbarschaftlichen Kontakte und Verbindlichkeiten begünstigt, die eher dem dörflichen Umfeld entsprechen.

Es ist Zeit sich zusammen zu tun, die Städte zu verlassen und neue Siedlungen zu gründen, Fluchtburgen für neue soziale und kulturelle Modelle, Künstlerkolonien und Biogärtnereien, permanente Hacker-Camps und autonome Universitäten, mit Glasfiber versorgte selbstverwaltete Landstriche abseits der Kreativindustrie. Es muss bereits Projekte dieser Art geben, wenn nicht, dann wäre in diese gezielt zu investieren.

Handapparat:

OECD Migration Data Bank
http://www.oecd.org/berlin/Is-migration-really-increasing

Zur Wohnungsfrage, Friedrich Engels (1872 )
http://www.spartacist.org/deutsch/spk/208/engels.html

Die Eroberung der Natur, Eine Geschichte der deutschen Landschaft, David Blackbourn, 2007 Raumpioniere in ländlichen Regionen. Neue Wege der Daseinsvorsorge, Kerstin Faber (Autor), Philipp Oswalt (Autor), 2013 Prinzessinnengärten Nachbarschaftsakademie 2015
http://www.nachbarschaftsakademie.org/

Kotti Shop e.V.
http://www.kotti-shop.net/about.html

Radiosendung, „the voices“, fluechtlingscamp am oranienplatz
http://reboot.fm/category/magazin/the-voices/

2/5BZ – ANXT EUROTTOMAN
https://vimeo.com/137812580

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