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Anmerkungen zu „Derivatives and The Wealth of Societies“ (Lee, Martin)

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4 Mrz , 2017  

Dieses Buch versammelt Beiträge von heterodoxen und marxistisch orientierten Autoren zur modernen Finance. Wir konzentrieren uns hier auf die Beiträge von Meister, Martin, Lee, LiPuma und Appadurai.

Die Standardlehrbücher der Volkswirtschaftslehre sprechen vom Geld ausschließlich in seinen Funktionen als Zirkulationsmittel; Wertaufbewahrungsmitttel und Maß, und Finanzlehrbücher fügen dem hinzu, dass an den Kapitalmärkten das Geld als ein Maß für die Kluft zwischen der Liquidität/Preis eines Assets und seinem Liquidationswert (das Potenzial der Umwandlung in Geld) fungiere, eine Kluft, die durch Optionen und Kreditausfallversicherungen gemessen werde. Liquidität ist die Eigenschaft, die Assets haben, wenn sie schon ausgepreist, aber noch nicht in Geld umgewandelt sind. Der negative Liquidationswert eines Assets besteht in seiner Insolvenz, sodass kein erwarteter Rückfluss von Geld mehr möglich ist. Es gibt nie genug Geld vorhanden, um alle Assets oder alle Schulden zu liquidieren, wenn sie denn simultan eingefordert werden. Es muss von Seiten der Zentralbanken deshalb immer gerade soviel Währung bereitgestellt werden, dass nicht alle finanziellen Assets gleichzeitig liquidiert oder alle Schulden gleichzeitig eingefordert werden.

Marx diskutiert die Liquidität als ein Realisierungsproblem der Waren in Bezug auf den erwarteten Rückfluss an Geld, der aus dem Investment in Produktionsgüter und Arbeitskräfte resultieren soll, und zudem als ein Bewertungsproblem bezüglich der erwarteten Rückzahlung von Schulden. Die Existenz der Geldform des Kapitals enthält immer das Risiko, dass selbst das Investment in Maschinen durch den Marktpreis des Endprodukts nicht realisiert wird, sodass eben keine Kapitalakkumulation stattfindet. Heute gibt es Technologien, um finanzielle Instrumente herzustellen, die durch das Auspreisen oder Monetarisieren der Spreads (Streubereich) der Renditen auf das Investment eine ähnliche Funktion wie die relative Mehrwertproduktion bei Marx besitzen. Diese finanziellen Technologien kreieren Spreads und kapitalisieren sie, indem sie als eine Art von Asset behandelt werden, mit dem man den ökonomischen Wert versichern und akkumulieren kann. Risiken, die auf nicht kompensierten Kosten und der Nichtperformanz von Krediten beruhen, können heute gehedgt werden; einen Hedge zu besitzen, heißt ein Asset zu besitzen, in das die Kapitalakkumulation für eine Zeitperiode eingeschlossen ist.

Das finanzielle Asset war als eine Art Embryo von Beginn des Kapitalismus an präsent, wenn man bedenkt, dass die Warenproduktion vorfinanziert werden muss (um etwa Mieten und Löhne vorzustrecken), und das Nebenprodukt für das Unternehmen eine Schuld ist, die mit seinen zukünftigen Waren versichert wird. Die Möglichkeit des Kapitalisten, seine zukünftige Ware als Sicherheit zu verpfänden, inkludiert, dass sein Produkt, präziser, sein Recht einen Surplus aus ihm zu ziehen, schon Kapital ist, bevor es überhaupt produziert wird oder eine Ware ist. Wir haben es je schon mit einer finanzialisierten Warenproduktion zu tun und auch deshalb nennt Marx sein Buch Kapital. Eine weiteres Grund für diesen Titel besteht darin, dass Kapitalisten nicht zu 100% ihre Investmentkosten über Kredite finanzieren können, mit dem dann Waren produziert werden. Sie brauchen Eigenkapital, um einen Kredit zu erhalten, und deshalb kann nicht jeder Kapitalist sein.

Die relative Mehrwertproduktion erklärt den Effekt des Kapitals auf die technologische Innovation, mit der die Produktivität in einem Unternehmen gesteigert wird. Das produktivere Einzelkapital kann die einzelne Ware aufgrund der Wertminderung billiger als die Konkurrenz verkaufen und damit einen größeren Teil der gesellschaftlichen Wertmasse für sich realisieren. Mit der Verbilligung der Lebensmittel sinkt der Wert der Ware Arbeitskraft, sodass der Anteil des variablen Kapitals gegenüber dem konstanten Teil sinkt (Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals), aber diese Verbilligung führt eben auch dazu, dass die Arbeitskraft weniger Wert für ihren Erhalt produzieren muss, womit der Anteil des Mehrwerts am Gesamtprodukt wieder steigt. Dies gilt aber nur für das Einzelkapital, für das Gesamtkapital gilt der kompensatorische Effekt nur, wenn die Anzahl der produktiv angewendeten Arbeitskräfte absolut steigt. Dies ist der Aspekt der Arbeitskraft, aber es gibt eben auch den technologischen Effekt.

Es war Hans-Dieter Bahr, der in diesem Kontext angemerkt hat, dass Marx im 12. und 13. Kapitel des zweiten Bandes des Kapitals eine analytische Aufspaltung der Produktionszeit (des Kapitals) in Arbeitszeit und Funktionszeit der Maschinerie vornimmt Von der Funktionszeit der Maschinen lässt sich Bahr zufolge dasselbe aussagen wie von der Arbeitszeit, die mit den Methoden der relativen Mehrwertproduktion pro Stück gesenkt werden soll. Nun besitzt das fixe Kapital bzw. die Maschinerie einen eigene Funktionszeit, die, insofern sie für das Unternehmen gekaufte Größen sind, wie die in das einzelne Produkt eingehende Arbeitszeit verringert werden muss. Und insofern die Funktionszeit pro Produkteinheit sinkt – das kann durch erhöhte Skalenerträge, Innovation, Rationalisierung und Automatisierung etc. geschehen – gibt es keinen Grund, warum man die Maschinerie oder heue die digitale Technologie nicht minder als Quelle von Mehrwert wie die lebendige Arbeit begreifen sollte, falls die neuen Produkte bei gegebenem Arbeitseinsatz für das Unternehmen einen Verkaufspreis realisieren, der höher als der Einkaufspreis für Rohstoffe, Produktionsmittel, Löhne, Zinsen etc. ist, insofern dieser Verkaufspreis auf technologisch bedingte Rationalisierung zurückzuführen ist. Demzufolge vermag das einzelne Kapital seinen Anteil an der gesellschaftlichen Gesamtproduktion auch dann zu erhöhen, wenn es ihm gelingt, seine Produktionszeiten pro Stück durch die Effektivierung der maschinellen Funktionszeit – und eben nicht nur durch die Verdichtung der Arbeitszeit – zu verringern und damit die innerbetrieblichen Kosten zu senken. Ein Unternehmen erzielt genau dann einen Extraprofit gegenüber Konkurrenzunternehmen, wenn es ihm gelingt, seine Produkte, die aufgrund der Anwendung neuer Technologien im Wert pro Stück gesunken sind, über ihrem individuellen Wert und bestenfalls sogar unter dem zu einem gegebenen Zeitpunkt gültigen Standard-Wert in der jeweiligen Branche zu verkaufen, einem Standard-Wert, der die abstrakte Arbeits- und Funktionszeit bzw. Produktionszeit in einer Branche repräsentiert (der alte und bisher gültige Durchschnittspreis in einer Branche). Um es im Kontext des ökonomischen Geld-Mathems zu sagen, indem es dem Unternehmen gelingt, seine eigenen Waren billiger als die anderer Unternehmen zu verkaufen. In Preise übersetzt heißt dies, dass die Produktionskosten pro Stück in besonders produktiven Industrien infolge des Einsatzes spezifischer technologischer Innovation schneller als in anderen Industrien fallen, sodass wir es immer nur in der Tendenz mit sog. (wertorientierten) Produktionspreisen zu tun haben, die sich an einer allgemein durchschnittlichen Profitrate orientieren, die schließlich für alle Industrien gelten soll. Mit einer Durchsetzung von neuen Technologien in einer Branche, mit der die Extraprofite wieder verschwinden, verdichten sich die gesellschaftlich notwendigen und gültigen Arbeits- und Funktionszeiten auf allgemeinerer Ebene; es pendeln sich Marx zufolge Durchschnittsprofitraten auf einem neuen Niveau ein, wobei diese durch neue Wellenbewegungen, die von weiteren technologischen Innovationen oder Störungen herrühren, immer wieder gekappt werden. Allerdings handelt es sich hier um die Darstellung eines ideellen Prozesses, der impliziert, dass Effizienz (minimaler stofflicher Input pro Einheit des Outputs) per se ökonomische Effizienz (minimale Kosten pro Einheit des Outputs) und ökonomische Effizienz mithin maximaler Profit bedeutet. Dies muss aber unter mehreren Gesichtspunkten nicht immer stimmen, denn a) kann es für das einzelne Kapital sogar effizient sein, ineffiziente Techniken anzuwenden oder gar ineffiziente Produkte zu verkaufen (man denke nur an den von Thomas Pynchon in einem seiner Romane angesprochenen hohen technologischen Aufwand, der betrieben wurde, um die Brenndauer der Glühbirne zu senken), b) nehmen die Unternehmen oft Kalkulationen derart vor, dass sie durchschnittliche Stückkosten (Kosten bei einem gegebenen durchschnittlichen Level des Outputs) festlegen, denen sie einen branchenüblichen Aufschlag hinzufügen, um diesen Preis dann über längere Perioden stabil zu halten bzw. ihn an die zyklischen Nachfrageveränderungen anzupassen, mit dem Ziel langfristige Profitraten auf einem konstanten Niveau zu erzielen, und c) kommt es natürlich auch vor, dass in manchen Unternehmen so gut wie überhaupt keine »reale Wertschöpfung« qua Arbeitskraft stattfindet, sie aber dennoch einen Teil des Gesamteinsatzes sog. abstrakter Arbeit auf der Ebene des Gesamtkapitals absorbieren/realisieren, womit der interne Produktivitätsstandard so gut wie keine Rolle mehr spielt.

Für Robert Meister führt der Modus der relativen Mehrwertproduktion sofort die Logik der Finance in den Modus der Produktion ein, wobei es darum geht, welchen Effekt die Finance auf die Reproduktion der sozialen Relationen zwischen Arbeit und Kapital besitzt. Der Mehrwert, der in der vorherigen Produktionsphase produziert wurde, kann (wenn er nicht einfach als Geld gehortet wird) in der nächsten Phase nur durch ein erweitertes Reinvestment in Produktionsmittel und Rohmaterialien erhalten werden. Der Grund, warum Produktionsmittel auch als Vehikel der Kapitalakkumulation fungieren können, basiert auf einem finanziellen Prinzip, das besagt, dass jede identische Einheit zum selben Preis verkauft werden sollte. Dieses Prinzip begünstigt im Zuge der relativen Mehrwertproduktion diejenigen Unternehmen, die mehr Einheiten als ihre Konkurrenten in derselben Arbeitszeit produzieren können und dies erfordert die Investition in produktive Technologien, die Arbeitskräfte außer Kraft setzen, während der materielle Output steigt. Aus der Sicht des finanziellen Kapitals ist die Investition in produktive Technologien einfach nur ein Beispiel dafür, wie das produktive Unternehmen eine Arbitrage-Möglichkeit durch das Investment in Arbeitskräfte, Maschinen und Material kreiert, indem es einen Spread in den Kosten pro Einheit des fertigen Produkts erzeugt. Indem man es dem Investor in Technologie ermöglicht hat, diesen Kostenspread zu finanzieren, besitzen Produktionsmittel eine doppelte Funktion, nämlich als Technologien und als finanzielle Assets – insgesamt als Vehikel für die Kapitalakkumulation. Vielmehr noch, man dachte früher, dass es die Finanzierung gibt, um ein Produkt herzustellen und zu verkaufen, aber jetzt weiß man, das das Produkt nur verkauft wird, um die Finanzierung immer weiter finanzieren zu lassen. Relativer Mehrwert erklärt den Effekt des Kapitals hinsichtlich des technologischen Wandels, absoluter Mehrwert – die Intensivierung der Ausbeutung der Arbeitskraft – den Effekt des Kapitals auf das Bevölkerungswachstum. ,

G-W-G` zeigt eine ArbitrageMöglichkeit an, insofern eben, wie dargestellt, doch mehrere Preise zur selben Zeit möglich sind, aber diese Arbitrage-Möglichkeit muss auch wieder eliminiert werden, sonst wäre für die dominanten Unternehmen die Erhaltung des Extraprofits endlos möglich. Das Kapital investiert in Arbeitskräfte, weil es einen Spread zwischen der Arbeitskraft des Geldes (der Beitrag der Arbeiter am BIP) und dem Geldwert der Arbeitskraft (Lohn) gibt. Der Mittelterm von G-W-G` wird jedoch heute nicht einfach nur als Ware, sondern auch als ein gehedgtes Portfolio begriffen, das als Kapital ausgepreist werden kann. Produktionsgüter können Teil eines Portfolios sein wie eben auch Anleihen. Finance operiert nicht im jenseits, sondern durch die ökonomischen Räume hindurch, operiert mit den Preisspreads, mit denen das Risiko durch Arbitrage gehedgt wird, welche wiederum eine Investition beinhaltet, mit der die Entdeckung und Schließung einer Preisdifferenz stattfindet. Durch die Arbitrage bleibt das volatile Feld, in dem Assets gehandelt werden, liquide. Finance positioniert sich in der Bewegung von der Produktion zur Zirkulation und der Notwendigkeit die Risiken zu antizipieren, die vorhanden sind, wenn etwa potenzielle Profite ausfallen. Auch Martin registriert den Shift von G-W-G` zu G-D-G`, wobei D für das Derivat steht, das ähnlich wie die Ware ein Instrument der aktuellen Wertform ist und die Selbstbewegung des Werts antreibt, wobei Geld sich in Mehrgeld realisiert.

Marx realisiert im Kapital Bd. 3, dass es für die Unternehmen ein Realisierungsproblem gibt, insofern sie qua Kredit in Produktionsmittel investieren, die während der Produktionszeit an Wert verlieren können, sodass das hergestellte Produkt unter den historischen Durchschnittswert fällt. Dies ist die Stelle, an der das Investment unbedingt gehedgt werden muss. Heute wird also das Realisierungsproblem gehedgt, wobei das generische kapitalistische Portfolio nicht nur aus Anleihen und Schulden, sondern auch aus Puts und Calls von Optionen besteht. Ohne die korrekte Preisbewegung der Puts und Calls kann es kein robustes Recycling der Anleihen und Schulden geben. Ein Call ist das Recht einen potenziell unendlichen Surplus ohne weiteren Austausch anzueignen, und ein Put ist ein Instrument, um den Verlust zu begrenzen. Es sind Mittel, die anzeigen, ob sich das Investment in einen neuen Kapitalstock lohnt, um den Kapitalspeicher zu vermehren, wobei der Kapitalstock eben nur ein Mittel der Profitproduktion ist, dessen vielleicht bessere Form heute das finanzielle Asset ist, womit man auch sieht, dass die relative Mehrwertproduktion nur eine Möglichkeit darstellt, Spreads in einem partikularen Markt auszunutzen und das generelle Problem für die Unternehmen eher darin besteht, ob man für eine gewisse Zeit einen Schutz gegen die Möglichkeit kaufen kann, dass die Spreads von zukünftigen Preisen (implizite Volatilität, den Preis, den man aktuell erhält), die alten Preisspreads nur replizieren (die historische Volatilität, die im aktuellen Markt reflektiert wird).

Ohne calls und puts auszupreisen und sie an den Derivatmärkten zu handeln, lässt sich kein voll gehedgtes Portfolio, das bspw. aus Schulden und Aktien besteht und zu jeder Zeit Liquidität besitzen soll, konstruieren. Das Investment in W muss deswegen laut Meister folgende Gleichung erfüllen: Stock + Put=Schulden + Call.

Diese Formel beinhaltet eine einfache Identität: Wenn man einen Kapitalstock und einen Put besitzt, der eine Absicherung nach unten gibt, dann kann man einen Return auf ein Investment replizieren, der gleich dem Besitz eines Calls ist, der die Möglichkeit der Partizipation an einem Mehr erfüllt, und zwar bezogen auf den Stock plus auf den gegenwärtigen Wert eines Kredits. Man kann Puts oder Calls benutzen, um ein komplett gehedgtes Portfolio zu erhalten, das einen Return ermöglicht, der gleich der risikofreien Zinsrate ist. G-W-G` beinhaltet also eine doppelte Arbitrage-Möglichkeit, einerseits ein Spiel mit dem Spread der beiden Möglichkeiten, die Arbeitskraft zu bewerten, unter der Voraussetzung, dass der Lohn weder investiert noch versichert werden kann, und ein voll gehedgtes Portfolio auf der Grundlage der Call-Put-Parität. Die Grundlage für das Hedging ist der Kredit und der Return, der auf das Geld bezogen ist, sowie der Kauf der Arbeitskraft, der auch in Geld vergolten wird. Wenn der Rückfluss bezogen auf die Kreditinstrumente nun das Paradigma der Portfolioseite von G-W-G´ darstellt, und dies wiederum in Bezug auf die Investments in Löhne in der Produktion steht, dann ist der Effekt der Finance auf die Produktion komplizierter als Marx sich dies vorgestellt hat. Die Kapazität Schulden einzuschätzen wird damit genau so wichtig wie die Fähigkeit der Arbeitskraft Surplus zu generieren. Finanzielle Instrumente sind Vehikel der Kapitalakkumulation, insofern sie als Sicherheiten dienen. Die Möglichkeit Puts und Calls auf Schulden und Aktien zu konstruieren impliziert die Möglichkeit Liquidität zu produzieren, indem eine dynamische Preisbewegung initiiert wird, mit der nicht-monetäre Derivate jederzeit in Geld umgetauscht werden können.

Marx` Antizipation der modernen Finanztheorie, die im Zusammenhang mit seiner Theorie der relativen Mehrwertproduktion steht, ist der Kern einer Kapitaltheorie, wie wir sie heute brauchen. Das Kapital ist eine sozio-ökonomische Formation, in der die Finanzmärkte mit den Warenmärkten koexistieren. Die Geldform des Kapitals beinhaltet das Risiko, dass Produktionsgüter nicht realisiert werden. Heute kreieren nicht-produktive Technologien finanzielle Produkte für das Hedging, in dem sie die Spreads, die bei den Rückflüssen des Investments in Produktionsgüter zustande kommen, in einer Art und Weise auspreisen, die den Investments in arbeitssparende Technologien bei Marx ähneln. Die Funktion dieser finanziellen Assets besteht darin, Spreads zu kreieren und sie zu kapitalisieren, indem man sie als eine Form der Sicherheit behandelt, mit dem ökonomischer Wert versichert und akkumuliert werden kann.

Derivate sind für Randy Martin keine Waren, sondern nur Teile von Waren. Sie sind Verträge, die variable Attribute von Basiswerten auspreisen, wie etwa Zinsraten, Bewegungen der Aktienkurse, die zu Profiten oder Verlusten führen können, und schließlich Wechselkursen. Sie werden durch eine fortwährende Rekalibrierung zwischen der Relation, eine spezifischen Risikokalkulation bezüglich einer Position zu einem bestimmten Zeitpunkt zu kaufen oder verkaufen, und der Bewegung des Marktes als Ganzes ausgepreist. Damit komplizieren sie das Verhältnis zwischen Teil und Ganzem. Für Martin nimmt Marx im Kapital Bd. 3 eine entscheidende Bewegung in Richtung Finance vor, die er »soziales Kapital« nennt. Ein weiteres entscheidendes Momentum liegt für Martin in der Marx`schen Analyse des tendenziellen Falls der Profitrate, die meistens als die Tendenz eines Gesetzes begriffen wurde: die Profitrate fällt und mit ihm der Kapitalismus. Für Martin gilt es umgekehrt vom Gesetz einer Tendenz zu sprechen, wobei diese für einen bestimmten Trajektor steht, einem Moment innerhalb einer größeren Bewegung. Das Kapital akkumuliert auf Grundlage des Versprechens einer Zukunft, die aber nie zu kommen droht. In den Kapiteln 13-15 stellt Marx fest, dass der Versuch die Produktivität zu maximieren die Basis der Profitabilität schwächen kann. Er untersucht zudem die Gegentendenzen, die den Fall der Profitrate aufhalten. Zunächst gilt es auch für Martin festzuhalten, dass die Produktion der Realisierung der Waren auf dem Markt vorausgeht, wobei die Realisierung immer das Problem der Unsicherheit mit sich schleppt, insofern Waren nicht verkauft werden und damit die Geldform nicht annehmen: Es gilt die Opazität des Verhältnisses von Produktion und Zirkulation zu beachten. Die Gegentendenzen gegen den Fall der Profitrate versteht Martin als ein Hedge, um dem Fall entgegenzuwirken, und zwar durch eine ganze Reihe von Maßnahmen, die die Kluft zwischen externen und internen Bedingungen der Produktion zu schließen versuchen. Es geht um eine Serie von auspreisbaren Risiken, die auf das Underlying der Produktion bezogen sind, um eine Art von ausbalanciertem Portfolio – wenn der Profit durch eine Strategie vermindert wird, kann er durch eine andere Strategie wieder erhöht werden. Die Relation zwischen Tendenzen und Gegentendenzen adressiert die Unterbrechung zwischen den Bereichen der Produktion und der Zirkulation, aber immer innerhalb einer Serie von Klüften, die durch das Ausgleichen der Spreads und den Möglichkeiten der Arbitrage geschlossen werden können. Sobald Risiken ausgepreist werden können, ist es möglich Produktion und Zirkulation in einer momentanen Konjunktur der Zeit und Raumes zusammenzuschließen, sodass der Gap zwischen Gegenwart und Zukunft und hier und dort, der zum Verlust eines Profits führen kann, geschlossen wird.

Die Logik des Hedging gilt heute als ein Modus, der essenziell für das Auspreisen von Derivaten heute ist, aber sie spielte auch schon eine gewisse performative Rolle für frühe Rituale und Geschenkökonomien, und zwar als Hedging gegen Unsicherheit, wobei die Zukunft der angeblich natürlichen Ordnung dieselbe Rolle wie die Vergangenheit spielen soll. Vor allem Benjamin Lee und LiPuma weisen in ihren Beitragen daraufhin, dass man gegenüber der Produktion die Zirkulation stärker gewichten sollte und damit unweigerlich auf Begriffe wie Performativität und Ritual stößt.

Der Dualismus zwischen primitiven Gesellschaften, die auf robusten Praktiken des ritualisierten Tausches beruhen, und kapitalistischen Märkten, die von den Wissenschaften als ein objektiver Raum, den man Ökonomie nennt, mathematisiert werden, beruht auf dem Vergleich und der Gegenüberstellung der primitiven Gesellschaften mit den Oberflächenformen des Kapitals, allerdings immer aus der Perspektive des letzteren heraus beobachtet. Der reale Vergleich bezieht sich aber auf die sozialen Relationen und die Strukturen des Kapitals und dem ethnographischen Charakter von sozialen Ökonomien, die auf dem ritualisierten Austausch von Geschenken beruhen, allerdings jetzt nicht mehr aus der Perspektive der Warenzirkulation heraus gesehen. Auch primitive Gesellschaften besitzen Märkte, Waren und beruhen auf der Akkumulation von Reichtum, allerdings in ganz anderen sozialen Zusammensetzungen als im Kapitalismus. Li Puma versucht die Analyse der Rituals, wie man sie im primitiven Austausch vorfindet, in das Ritual zu übersetzen, das seiner Meinung nach in einer modifizierten Form auch für die Finanzmärkte konstitutiv ist. Die entscheidenden Kategorien sind hier Performativität, Unsicherheit und Ritual.

Performativität operiert über die Herstellung von Formen wie der Markt, wobei dessen Objektivierung als Grundlage für Praktiken des Tauschs von Derivaten dient. Es gibt die wissenschaftliche Arbeitsteilung, nach der die Ökonomen die Produktion untersuchen und die Anthropologen den Tausch, wobei zwischen formalen und substantiellen Strukturen unterschieden wird, aber schließlich sind für LiPuma alle Ökonomien als substantiell zu verstehen, insofern sie unbedingt bestimmte soziale Relationen inhärieren. Obgleich das finanzielle Kapital eine vollkommene eigene ökonomische Relation und Ordnung erschafft, ist sie fundamental von sozialen Beziehungen und Klassenkämpfen durchzogen. Beim Tausch der Derivate kommt  jedoch dazu, dass das Ritual des Marktes so institutionalisiert ist und zur Routine wird, dass die soziale Reproduktion des Marktes als das Nicht-Event jedes Events erscheint, völlig unsichtbar, wobei das Ritual des Marktes solange externalisiert wird, bis die Marktordnung als gänzlich natürlich erscheint.

Der Pfad, der vom Primitiven zum Derivativen führt, ist für LiPuma vom Ritual geprägt, das konstitutiv für das Reale ist. Und definitiv ist das Ritual von der Ideologie nicht zu trennen. Žižek unterscheidet beispielsweise drei Momente im Narrativ der Ideologie:

1.Doktrin – die ideologische Doktrin betrifft die Ideen und die Theorien einer Ideologie, bspw. bezieht sich die liberale Ideologie auf Ideen von John Locke.

2.Glauben – der ideologische Glauben bezeichnet die materiellen Manifestationen und Apparate einer Doktrin; der Liberalismus materialisiert sich in den Ideen einer unabhängiger Presse, demokratischen Wahlen und einem freien Markt.

3.Ritual – das ideologische Ritual referiert auf die Internalisierung einer Doktrin, auf die Art und Weise, wie sie als spontan erfahren wird; im Liberalismus denken sich die Subjekte per se als freie Individuen.

Was sind nun die sozialen Bedingungen, in der die Teile einer Person mit anderen Personen verbunden werden, um eine durch das Kollektiv kreierte einzelne Person herzustellen? Heute geht es um Personen, die ganz tief monetarisierte Subjekte sind und deren Selbstwertgefühl, Identität und Selbstverwertung sich nicht um die Familie, wünschenswerte Waren, den sozialen Status, die öffentliche Anerkennung oder intellektuelle Leistungen zentriert, sondern auf die endlose Akquisition von Geld konzentriert ist – Geld als Abstraktum, das Geld in seiner elektronischen Form, als Ziffer und Surrogat für das Selbst. Der Schwerpunkt liegt auf der Beschäftigung und der Valorisierung des Akts, aus Geld mehr Geld zu machen, sodass selbst die Funktion des Geldes Waren zu kaufen herabgesetzt erscheint. Es geht um die performative Kreation des Subjekts durch die wiederholten Akte der Akquisition: ein unbewusster Zwang, dessen Erscheinung in den alltäglichen Praktiken die Form eines wettbewerblichen Drives und der Liebe der Agenten für finanzielle Spiele annimmt. Und dies geschieht an Märkten, an denen die Unterscheidung zwischen Ökonomischen und Sozialem keinen Sinn ergibt: Während diese Märkte ökonomisch robust erscheinen, gibt es immer Probleme mit der sozialen Reproduktion, insoweit diese mit der Subjektivierung der Marktteilnehmer verbunden ist, dem Ethos der Spekulation, den Imaginationen vom Markt, den Bemerkungen hinsichtlich einer anonymen Sozialität, die weit über das rein Ökonomische hinausgehen. (Aber sind die Wünsche nicht selbst ökonomisch, fragen sich Deleuze/Guattari.)

Die Kreation und die Praktiken an den Finanzmärkten setzen die Macht des Sozialen voraus, die wiederum das finanzielle Feld als eine Bedingung seiner eigenen sozio-ökonomischen Produktion verdeckt. Liquidität wäre demnach nicht nur von den Rhythmen der Märkte abhängig, sondern auch von der kollektiven sozialen Imagination, die als eine Verdinglichung sozialer Relationen zu verstehen ist, die es den individuierten Agenten erlaubt, ihr kollektives Unternehmen, das Markt heißt, zu konstruieren. Derivatmärkte sind demnach immer auch der Ausdruck eines sozial Imaginären, das durch konkrete soziale Relationen hervorgebracht wird. Diese Relationen interpolieren über die Rekalibration der Preise die Beziehungen zwischen den unvorhersehbaren und kontingenten Strömen der finanziellen Ereignisse und der Konstruktion des Marktes als einer Totalität. Es handelt sich hier um ein zutiefst institutionalisiertes Imaginäres, dem man einen Namen gibt, der auf Teilnehmer, Firmen und das Wissen verweist; der Markt objektiviert sich institutionell ähnlich wie sich eine Nation durch den Staat kreiert. Die Strukturierung des Marktes und des finanziellen Feldes beruht für LiPuma auf dem Ritual. Vom Standpunkt der Individuen erscheint der Markt als die Aggregation nutzen-optimierender Individuen, vom Standpunkt der Totalität aus gesehen erscheint der Markt als ein Netzwerk von Dividuen, deren Konnektivität den interessegeleiteten Wettbewerb begründet. Es gilt das Ritual der prímitiven Gesellschaften und die des Kapitalismus zu unterscheiden, wobei Ritual von LiPuma sui generis als Motor der performativen Objektivierung der Totalität begriffen wird. Dabei ist die Performativität eine Bedingung des Sozialen. Die objektiven Strukturen des Sozialen bzw. des Marktes können sich nur durch die Performance seiner Agenten reproduzieren, die stets aus eigenen Interessen handeln und deren kollektives Resultat darin besteht, diese Strukturen immer wieder zu reproduzieren, und dies angesichts der verschleiernden Effekte der sozialen Kräfte in der Zirkulation. Die Performance der Agenten ist performativ, gerade indem sie die Soziostruktur und die Funktionalität rekonstruiert, welche durch die zirkulatorischen Kräfte konstant vermittelt werden. Performativität re-objektiviert die Form oder die Soziostruktur und erhält damit ihre Funktionalität, i.e. die Fähigkeit des Marktes den Flow der Derivate im Angesicht der Volatilität und der verschleiernden Effekte, die den Unsicherheiten in der Zirkulation inhärent sind, zu sichern. Die Objektivierung der Form ist die Rezertifizierung der Plattform Markt, welche die Marktteilnehmer voraussetzen müssen, um ihre eigene Strategien zu exekutieren, die wiederum das finanzielle Ereignis erzeugen. Die Magie der Performativität besteht gerade darin, dass das Soziale das Ereignis strukturiert ohne als solches da zu sein, nicht zuletzt weil die Trader so intensiv traden, bis das Soziale verschwindet; das Soziale erscheint wirklich nur dann aufzutreten, wenn die Liquidität am Markt ausfällt.

Performativität konstituiert also das Soziale, es ist eine Voraussetzung für die Reproduktion des Gleichen und der Totalität; der Begriff der Perfomativität wird von LiPuma dem marxistischen Begriff der Objektivierung vorgezogen, und insofern ist die Totalität immer auch ein Resultat der kollektiven und sozialen Imagination der Agenten, die sich einen abstrakten Raum für Ereignisse vorstellen, der geschlossen, komplett und selbstreferenziell ist, um gerade dadurch ihre Praktiken grundieren und gestalten zu können. Die Totalität ist eine ontologische reale Fiktion, die sozial und historisch kontingent kreiert wird und ontologisch real ist, insofern sie eben reale Ereignisse hervorbringt. Die kollektive Arbeit seiner Teilnehmer bringt die Totalität Markt hervor.

Zwar setzt sich LiPuma damit vom nutzenmaximierenden und rationalen Agenten der Neoklassik ab, kann aber genau so wenig wie diese erklären, warum es Nicht-Linearitäten gibt, die weder auf das Verhalten von Individuen noch auf das von Gruppen zurückzuführen sind. Gerade aufgrund der Interaktionen von Individuen und Gruppen kommt es zu emergenten Eigenschaften auf der Makroebene: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Verläufe und Strukturen, die den Charakter von Gesetzen annehmen, können gerade deswegen aus heterogenen Einheiten wie Individuen oder Unternehmen emergieren, die mit verschiedenen Strategien und Erwartungen arbeiten, insofern aggregierte Resultate robust indifferent gegenüber mikroökonomischen Details sind. Man kann mikroökonomische Modelle nicht einfach auf die makroökonomische Ebene heben. Es gibt kulturelle und ökonomische Strukturen, die die Verhaltensweisen gestalten.

Performativität wird von LiPuma nicht auf gewisse linguistische Ereignisse oder auf das Ritual begrenzt, sondern ist in allen Formen der Reproduktion des Sozialen und seiner Strukturen anwesend, man denke an die Zirkulation, Nationen, Finanzmärkte, Universitäten und sogar Street Gangs. Die Objektivierung dem Sozialen gegenüber vorauszusetzen heißt für LiPuma die soziale Arbeit zu neutralisieren und zu naturalisieren, die doch notwendig ist, um der Volatilität an den Finanzmärkten zu begegnen. Um die Zirkulation, die Temporalität der Reproduktion und die Strategien der Agenten in den Vordergrund zu rücken, bedarf es einer Neuentdeckung der Kräfte der Volatilität, der Unsicherheit und des Risikos. Das Ritual eines Ereignisses ist an den Finanzmärkten genau dann performativ erfolgreich, wenn es die Integrität einer Form reproduziert und den Fortbestand der Liuquidität sichert, egal welche Volatilität in der Zirkulationsbewegung existiert. Es geht um die Reproduktion der Form der Form im Angesicht der Volatilität und des Risikos und der Unsicherheit zukünftiger Volatilität, passend zu den heutigen Strategien. Die Performativität re-objektiviert die Form der Form als eine transformierte Form, die ideologisch als die Konservierung einer Identität erscheint, als die Konservierung der Liquidität der Form. Die Totalität als eine kristallisierte Form muss also kontinuierlich re-objektiviert werden. Damit wird die Form positional, provisorisch und perspektivisch. Ein Derivatmarkt funktioniert genau dann, wenn seine Finanzierung, Liquidität und seine Teilnehmer konstant wechseln, insofern sich seine Position als Markt immer auf andere Märkte bezieht und insofern seine Integrität sich auf die Position seiner Teilnehmer im Raum bezieht. Die Wiederherstellung der Gleichheit im Rahmen der Totalität ergibt sich durch die Herstellung und Tilgung von Differenz. Die Analyse muss zeigen, wie die generativen Schemata der Agenten instrumentell sind, um die Strukturen in Bezug auf sich selbst und in den Relation zu anderen zu reproduzieren.

Man muss unterscheiden zwischen Derivaten, die – wie an den OCT-Märkten – direkt zwischen zwei Partnern ausgehandelt werden und deshalb keine standardisierte Form benötigen und den tausch-orientierten Derivaten, die sich in der Zirkulation befinden und mit der Inflexibilität der Standardisierung belastet sind, indem sie von bestimmten Akteuren, die die Macht dazu besitzen, typisiert und klassifiziert werden. Dazu bedarf es notwendigerweise eines energetischen Marktes, der die Zirkulation ermöglicht, eines Marktes, der ein praktisches Konstrukt bzw. eine sozial hergestellte Fiktion ist, die von den Marktteilnehmern geglaubt und andauernd neu hergestellt wird (Liquidität im Angesicht von Unsicherheit), und ein Objekt der Theorie zugleich ist. Hier ist die Funktionalität des Derivats zentral, als Kapital oder als Sicherheit, während die Funktionalität des Marktes wiederum auf der Bereitschaft der Teilnehmer beruht, einen Strom von Volatilität im Angesicht von Unsicherheit zu erzeugen. Der Markt als Form oder Totalität ist simultan ein praktisches Konstrukt, ein Aspekt der Arbeit und ein Objekt der Theorie. Die Agenten objektivieren die Liquidität als das normale Stadium der Finanzmärkte und dies geht Hand in Hand mit einem Ensemble von Konzepten, Dispositionen und Positionen, die ihre kollektiven Aktionen normalisieren. Liquidität ist die Repräsentation des finanziellen Felds, die mit der Annahme objektiviert wird, dass es immer einen Vertragspartner gibt, der auch in Zukunft gewisse Risiken eingehen wird. Gleichzeitig werden abstrakte Risiken durch den Gebrauch von Modellen objektiviert, und zwar unter der Voraussetzung, dass andere mit dem Gebrauch der Modelle dasselbe tun. Abstrakte Risiken werden durch mathematisches Modelling, man denke an die Black-Scholes Formel, objektiviert (Mathem der Ökonomie), gerade indem alle Agenten dieselben Modelle benutzen, um sich gegenseitig in der Konkurrenz und als Tauschpartner zu über- oder zu unterbieten. Es gibt eine Superposition bzw. Überlagerung zwischen sich überlappenden Modellen und der Iteration der Modelle, die die Agenten teilen und die sie den anderen Marktteilnehmern attributieren, wobei ihre Trades rund um die Uhr durch Finanzmaschinen wie die von Bloomberg rhythmisiert und synkopisiert werden. Jede Transaktion realisiert und betont den Markt, den sie voraussetzt und der ihr vorausgesetzt ist, wobei von den Teilnehmern kollektiv daran geglaubt wird, dass der Markt von stets verlässlichen Kontrahenten oder Tauschpartnern ninnerhalb einer Vertragskonstellation) bevölkert wird, sodass die Liquidität immer gesichert bleibt. Alle glauben sie seien, wenn auch mit unterschiedlicher Geldanteilen und Macht, Teile einer Kette, wobei die Pragmatik der Aktionen in der Anwendung der mathematischen Modelle nicht dazu führt, dass diese die Preise theoretisch modellieren, sondern sie sind selbst Teil des Prozesses, in dem sie definiert werden.

Die Derivate stellen heute eine halbwegs effektive Lösung dar, mit der zumindest die Kommensurabilität der konkreten Risiken gewährleistet ist, und jede Transaktion stellt den Markt in den Vordergrund, den sie voraussetzt. Diese Objektivierung impliziert eine self-fullfilling-strategy, die kollektiv geteilt wird, dass es nämlich ein Universum von verlässlichen Tauschpartnern gibt, die einen spezifischen Markt bevölkern. So lange die Agenten diesen Glauben teilen und nach ihm handeln bleibt ihre Ideologie, dass der Markt liquide, und die Ideologie unsichtbar bleibt, vollkommen intakt Die Magie des Marktes besteht genau darin, dass er die Marktteilnehmer zum Glauben zwingt. Das ist die Essenz der konstitutiven Performativität, die den Derivatmarkt aufrechterhält und ihn ultimativ komponiert, und zwar durch ein zirkulierendes Ensemble von kontingenten Forderungen. Und jede erfolgreiche Transaktion reaffirmiert den Glauben der Gruppe in die imaginierte Community von verlässlichen Vertragspartnern. Kollektiver Glaube ist hier das operative Konzept, gerade weil es an den Finanzmärkten virtuell unmöglich ist, zu wissen, ob die Vertragspartner tatsächlich verlässlich sind oder über die ganze Zeitperiode des Vertrags im Deal bleiben; die Partner, die einen Deal exekutieren, und selbst noch die elektronischen Zeugen werden nur dann weitere Transaktionen ausführen, wenn sie daran glauben, dass die einzig mögliche ökonomische Realität genügend Liquidität ist,sofort erkennbare Preise und solvente Vertragspartner. Derivatmärkte werden performativ durch eine Art säkularisiertes Ritual gebildet, das die einzelnen finanziellen Ereignisse mit dem sozial Imaginären verbindet, das der Markt ist. Was die Ritualität so wichtig mach, besteht einfach darin, dass sie Praktiken ermöglicht, die gerade postulieren, was sie dann an Effekten nach sich ziehen; sie kreieren einen performativen Impuls, mit dem die Teilnehmer die Realität der sozialen Totalität annehmen,indem sie glauben, dass das Ereignis im Jetzt nur die simple Wiederholung eines vorherigen Ereignisses ist; der Markt erscheint als ein naturalisiertes Objekt, das perfekt und effektiv bleibt. Solange die Ritualisierung die Synkopisierung des Glaubens und der Aktionen der Agenten erlaubt, kann der Markt als vollkommen formal unnd mathematisiert erscheinen, und dennoch registrieren die Marktteilnehmer, dass institutionelle und individuelle Player mit verschiedenen Quantitäten des ökonomischen und symbolischen Kapitals an den Märkten aktiv sind.

Die Black-Scholes Formel geht davon aus, dass es eine sozial imaginierte Totalität namens Markt gibt, insoweit jeder Markt die essenziellen Features eines abstrakten Marktes besitzt, i.e. ein geschlossener und kompletter Marktplatz ist, der von rationalen ökonomischen Agenten bevölkert wird, die instantan jede Information verarbeiten können. Black und Scholes trennen das Informatorische radikal vom Sozialen. Sie gehen davon aus, dass der Markt, seine Komponenten wie Geld und seine Agenten objektiv und unabhängig vom Sozialen existieren, sodass die ökonomische Struktur und der Wunsch ausgeblendet bleiben. Die Preise bleiben innerhalb der Mathematik statisch, immobil und determinierend, sodass eigentlich keine Notwendigkeit besteht, einen zukünftigen Preis zu kalkulieren – aber ohne die soziale Unsicherheit und Volatilität sind Märkte nicht zu haben. Der Gebrauch der Formel problematisiert die Beziehung zwischen Markt und Modell, wobei aber die Trading Praktiken konstitutiv sind, die wiederum einer Theorie bedürfen. Das Modell muss für das erfolgreiche Hedging von der Vorstellung der Nicht-Arbitrage ausgehen, wofür wiederum eine risiko-neutrale Bewertung vorgenommen werden muss. Dieses Argument erfordert einen nicht-mathematischen Parameter, der garantiert, dass der innere Raum des Derivatmarktes gegenüber allen sozio-ökonomischen Differentationen, die das Auspreisen der Derivate verändern würden, immun ist. Dasselbe Derivat kann nicht simultan einen anderen Preis an der Börse In London als an der Börse in Frankfurt haben. Untere diesen Bedingungen nimmt das Modell an, dass es möglich sei, ein Derivat mit unterliegenden Basiswerten zu hedgen, um ein perfektes risikofreies Instrument zu erhalten. Jedes Asset darf am Markt nur einen Preis haben (Gesetz des einen Preises in der Finanzökonomie). Das Gesetz wird durch das Axiom bestätigt, dass für einen suffizienten Markt Arbitrage unmöglich ist und wenn sich doch einmal Arbitrage Möglichkeiten aufgrund von Marktanomalien bieten, dann wird der Spread zwischen den Preisen instantan geschlossen, obgleich doch realiter die Möglichkeit zur Arbitrage immer präsent bleibt. Aber im Namen der reinen Mathematik muss ein idealisierter perfekter homogener Raum unterstellt werden, der die Arbitrage verhindert und sie als eine rein exteriore Angelegenheit begreift, bei der sie nicht mehr tut, was sie oft tut, nämlich die Preise zu flektieren oder zu biegen.

Das Modell schließt gerade aus, was es als Möglichkeit für jede Markttransaktion anerkennt. Die Black-Scholes Formel ist zudem rückwärts gerichtet, insofern sie einen payoff bei Fälligkeit spezifizieren muss, um dann in der Zeit rückwärts zu arbeite und gegenwärtige Werte zu determinieren. Diese rückwärts gerichtete Regression von der Zukunft zur Gegenwart impliziert, dass Black-Scholes exteriore soziale Praktiken und soziale Umstände in der ökonomischen Realität ausschließen. Das Kalkül der Gleichung funktioniert nur, wenn der den Vertrag beendende payoff vorherbestimmt ist; er muss ein risikoloses Ereignis sein, i.e. Inflation oder Deflation müssen ausgeschlossen sein, wobei zu bedenken ist, dass die Trader diese Entwicklungen in ihre Kalkulationen doch tatsächlich auch miteinbeziehen. Der payoff muss an einem Finalismus festhalten, mit der schon die Initiierung des Vertrags sein Resultat determiniert. Es wird vorausgesetzt, dass der Vertragspartner nicht insolvent gehen kann. Wenn man aber dies negiert und Veränderungen in der Liquidität, Veränderungen des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, Störungen der risikofreien Zinsrate, Arbitrage Möglichkeiten etc. zulässt, dann wird die Black-Scholes Gleichung schnell zu komplex und ist in der Praxis nicht einsetzbar. So halten die Trader an der Black-Scholes Formel mit der geringen Anzahl von Variablen und Unbekannten fest, wobei sie davon ausgehen, dass ihre Praktiken nicht nur deswegen kohärent sind, weil sie zu wiederholbaren profitablen Strategien führen, sondern weil diese auch gemanagt werden können. Es geht also nicht nur um die Mathematik, sondern um eine sich reflektierende Praxis, wobei die Konstruktion des Objekts des Wissens immer auch sozial ist und einen Finanzmarkt als eine homogene Struktur erschafft, der von Agenten bevölkert wird, deren Formen der Rationalität rein kognitiv, singulär und identisch sind und die in Relation zu einer asozialen Mathematik stehen, während die Ökonomen den Raum der Finanzmärkte gleichzeitig als ein Objekt der Kontemplation erzeugen. Womit der Markt als eine gegebene Totalität in Bezug auf die Kognition vorausgesetzt wird, eine Totalität, in der alle finanziellen Transaktionen auf die durch das Axiom festgesetzte Maximierung des Nutzens reduziert werden. Gleichzeitig werden konkrete Relationen in abstrakte Objekte wie die Liquidität transformiert, die wiederum mit generell abstrakten Agenten interagieren, wobei deren konkrete Eigenschaften ausgeklammert werden. Dieser hypostasierte nutzenmaximierende abstrakte Agent hat wiederum Relationen zu völlig verschiedenen Institutionen wie Zentralbanken, Geschäftsbanken, Hedgefonds etc. in einem kompletten und geschlossenen Markt. Die kontinuierliche Liquidität, die keine krisenhafte Prozesse kennt, wird vorausgesetzt, insofern es immer eine genügende Anzahl von Playern und genügend spekulatives Kapital gibt, bezogen auf eine regulatorische Toleranz und die Vorhersehbarkeit der Zukunft. Die Black-Scholes Gleichung ist eine mathematische Repräsentation des Marktes als ein anhaltender Typus und er ist Teil der Lösung, mit dem eine soziale Form konstruiert wird, die das exzessive Kapital zirkulieren lässt, indem zugleich alle Aspekte des Lebens finanzialisiert werden. Mit der Formel wird eine spezifische Finanzmathematik installiert und zudem rationale Agenten, die Totalität des Marktes und die mathematische Repräsentation des Marktes als eine natürliche Institution und eben nicht als Teil der Konstruktion einer sozialen Form, die das Kapital durch die Finanzialisierung des Lebens zirkulieren lässt. Alle Märkte sollen als natürlich erscheinen und die Mathematisierung verstärkt diese Annahme, weil die Agenten ihn als eine imaginierte Totalität voraussetzen – der Markt als als ein kontinuierliches Set von Transaktionen, die die Liquidität erhalten. Der Markt soll für alle, die ihm ausgesetzt sind, als natürlich erscheinen. Schließlich kann der Markt mit denselben Instrumenten, die man in der Naturwissenschaft benutzt, mathematisch modelliert werden, womit er die Aura einer evidenten Faktizität erhält. Die Black-Scholes Formel ist als Teil eines ideologisches Zahnrades zu verstehen, und zwar bezüglich der realen Relationen der Reproduktion und der Verschmelzung der ökonomischen Kategorien der Praxis und analytischen Kategorien. Jeder Markt ist durch einen monetären und symbolischen Kampf um Dinge gekennzeichnet, die jenseits der mathematischen Formeln liegen und Quelle von Profiten sind, wobei sich die Preisbewegungen an den verschiedenen Märkten gegenseitig beeinflussen. Die Trader wissen, dass jedes Derivat bezüglich bestimmter Aspekte wie etwa der Volatilität verschieden ist, aber sie gehen doch davon aus, dass Derivate in den wichtigen Aspekten gleich sind, um damit eine Annäherung an einen Preis zu erhalten, und dies schließt oft ein, dass eine Erwartung von Volatilität angenommen wird, die zwar inkonsistent mit dem Modell, aber konsistent mit dem praktischen Kalkül ihrer Aktionen ist. Die Ökonomie der Preisbewegung findet am Schnittpunkt der objektiven Strukturen des Marktes zu einem spezifischen Zeitpunkt statt, ökonomische Strukturen, die Faktoren wie die Player, die Institutionen, die derivativen Instrumente, die Modelle und die inkorporierten Dispositionen und generativen Schemata der Trader beinhalten.

Benjamin Lee untersucht drei Konzepte – Performativität, Unsicherheit und Arbitrage -, um unter anderem eine interne Verbindung zwischen Webers Bemerkungen zu Ethik und Geist und der Marx`schen Analyse des Kapitals herzustellen. Während LiPuma und Appadurai sich stärker auf das Konzept der Performativität beziehen, konzentrieren sich die Analysen von Meister und Martin stärker auf Arbitrage – und den Begriff der Unsicherheit finden wir in allen Texten, man denke etwa an die Fat Tails und Black Swans von Taleb. Performativität und Arbitrage besitzen eine innere Verbindung; Arbitrage ist ein »falsches« Auspreisen und ermöglicht einen risikolosen Profit, sie inkludiert quasi ein Geschenk, aber wenn Möglichkeiten zur Arbitrage auftauchen, werden sie schnell geschlossen. Arbitrage bezeichnet die Möglichkeit einen risikolosen Profit zu machen, indem man instantan ein Asset zu einem bestimmten Preis kauft und zu einem höheren Preis verkauft. Indem Agenten diese Möglichkeit nutzen, schließen sie den Spread wieder. Die Eröffnung des Spreads beruht auf dem Rauschen des Marktes und führt zum Profit durch die Ausnutzung einer Differenz, indem man short kauft und und long verkauft, das heißt, indem man simultan kauft und verkauft erhält man einen risikolosen Profit, ein Geschenk oder Arbitrage. Hingegen beruht das Nicht-Arbitrage Prinzip, auf dem die meisten Preismodelle basieren, auf dem extensionalen Prinzip der Logik, das zum CAPM Modell und der Black-Scholes Gleichung führt.

Das Nicht-Arbitrage Prinzip ist also eine standardisierte Voraussetzung der meisten Preismodelle und zeigt damit eine Art von Nicht-Performativität an – im Gegensatz zur Selbstreferenz des explizit Performativen wird die Arbitrage-Differenz hier selbstreferenziell gecancelt. Marx Untersuchung des relativen Mehrwerts beinhaltet eine Arbitrage des Werts – `die technologische Veränderung produziert eine Diskrepanz zwischen der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit zur Herstellung einer Ware und der reduzierten Arbeitszeit`eines Unternehmens, die mit der neuen Technologie benötigt wird, um dieselbe Ware herzustellen. Der Kapitalist streicht diese Differenz ein. Diese Art der Arbitrage setzt laut Lee die Dynamik einer kreativen Destruktion in Gang, die sich im tendenziellen Fall der Profitrate manifestiert, eine Tendenz, die durch Gegentendenzen konterkariert werden kann, wie etwa der Preisverfall des konstanten Kapitals, die Verlängerung des Arbeitstages und die Erhöhung der Arbeitsintensität, die Verschärfung des Wettbewerbs und der Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Die formalen Sprachen der Mathematik und der Naturwissenschaft werden gewöhnlich als unabhängig von dem dargestellt, was sie repräsentieren und sind damit logisch extensional. Begriffe, die auf dasselbe Ding referieren, können damit ausgetauscht werden und wo dies nicht der Fall ist, handelt es sich um logische Intensionalität, man denke an Intentionalität, Performativität und Modalität. Die Unterscheidung extensional versus intensional, die auf Gottlieb Frege zurückgeht, verweist darauf, dass die Naturwissenschaften als extensional und die Finanzwissenschaften, die auf Erwartungen und Motivationen basieren, als intensional behandelt werden.

Damit widerspricht Lee den offiziellen Finanztheorien, nach denen die theoretischen Preise durch Baumdiagramme modelliert werden – von einem gegeben Zustand to werden weitere Zustände in den Perioden 1 bis n angenommen, wobei jeder Übergang mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit stattfindet. Der Zustand t1 umfasst alle möglichen Zustände zum Zeitpunkt t1 und die korrespondierende Wahrscheinlichkeiten ihre Eintretens zum Zeitpunkt to. Mögliche Preise eines Derivats können damit als Zustände des Marktes zu einem gegebenen Zeitpunkt dargestellt werden; jeder Marktpreis ist einer der möglichen Zustände zu einem bestimmten Zeitpunkt im Rahmen des Modells. Nimmt man so den Marktpreis als Ausgangspunkt für die risikofreie Bewertung, so scheint es, dass alle Preisbewegungen in einem wahrscheinlichkeitstheoretischen Raum dargestellt werden können, wobei der aktuelle Marktpreis nur eine Instanation eines der Preiszustände des Modells sind. Die Agenten machen unter Einbezug ihrer Wünsche und ihres Glaubens Kalkulationen und entscheiden dann zu kaufen oder zu verkaufen und zwar zu bestimmten Preisen, die durch das Modell gegeben werden. Es scheint, dass das Modell direkt in die ökonomische Realität implementiert wird, und dies ohne Notwendigkeit für eine performative Kalibrierung und Indexialisierung, sodass Diskrepanz als externe Marktanomalien oder Friktionen erscheinen, bspw. als Arbitrage-Möglichkeiten oder als fehlende Liquidität. Finance basiert aber, so Lee, auf Erwartungen über Risiken und Unsicherheit, die logisch intensional sind und erst später in eine extensionale Mathematik übersetzt werden. Metaphern spielen mit extensionalen Definitionen, um intensionale Bedeutungen ins Spiel zu bringen. Preismodelle basieren auf den Erwartungen über die Zukunft und die Replikation ist ein Punkt, wo die Intensionalität der Intensionalität ín die Extensionalität der mathematischen Finance übersetzt wird, sodass eine Physik der Finanz selbst dann noch erscheinen kann, wenn die Finanzierungspraktiken intensional sind.

Elie Ayache bezieht sich in seiner Kritik dieser Modellannahmen auf Badious Theorie des Ereignisses, wobei das wahre kontingente Ereignis kein Teil der Menge ist. Das Ereignis ist die Menge, die Teil ihres selbst ist und es kreiert die Möglichkeit, die zu ihr führt, was Taleb eine rückwärts gerichtete Narration nennt. Ein unvorhergesehenes großes Ereignis wie der Black Swan ist unvorstellbar und kann erst nachdem es eingetreten ist, rekonstruiert werden, und zwar innerhalb einer Kette von Wahrscheinlichkeiten, die zum Ereignis geführt haben und es erklären. Die Wahrscheinlichkeiten datieren nach dem Ereignis und können es nicht vorhersagen, womit das Modell unbrauchbar wird. Ayache argumentiert, dass die Trader mit der Kontingenz der Ereignisse notwendigerweise kämpfen müssen, und zwar mittels dynamischer Replikationen, in der sie die Black Scholes Formel umkehren, um die implizite Volatilität zu berechnen.

Volatilität impliziert Unsicherheit über die Größe der Preisveränderungen eines Assets und sie ist die Standardabweichung der Preisbewegungen: In normalen Modellen wird jedoch die historische Volatilität benutzt, während die implizite Volatilität das Preismodell umkehrt und dann den Marktpreis der Option, die Dauer der Option, den strike price und die risikofreie Zinsrate einsetzt. Differieren der strike price und die Dauer dann wird es beim Einsatz der Marktpreise zu verschiedenen impliziten Volatilitäten kommen, sodass die Annahme einer konstanten Volatilität, wie sie Black und Scholes machen, verletzt wird. Die Volatilität ist nicht ruhig und flach, sondern ähnelt eher einer Wellenbewegung .Anstatt dass man die Volatilität benutzt, um den Preis einer Option zu kalkulieren, startet man mit dem Marktpreis der Option und kalkuliert dann die implizite Volatilität, die den Marktpreis erklärt. Dies impliziert eine rückwärts gerichtete Narration, die das Modell an der Realität orientiert, indem man eine neue implizite Volatilität für jeden Marktpreis kalkuliert; man hedgt eine Position, um zukünftige Trades zu machen, deren Preise dann benutzt werden, um das Modell zu rekalibrieren und neue implizite Volatilitäten zu kalkulieren.

Die Performativität der Finance besagt, dass die Finance nur bis zu einem gewissen Grad durch Modelle bedingt ist entgegen der Naturwissenschaften werden Modell und Realität nicht als komplett unabhängig voneinander betrachtet, vielmehr gibt es ein konstruktivistisches Moment in der Finance. Das Ritual kreiert, was es repräsentiert, in dem es repräsentiert, ähnlich wie das linguistisch Performative das kreiert, auf das es referiert, indem es auf es referiert, sodass die Trennung von Sprache und Realität, die die Mathematik und Naturwissenschaften voraussetzen, ein Stück weit aufgehoben wird.

Knight führt mit der Einführung der Unsicherheit die Theorie über die Standardansätze in der Spieltheorie hinaus. Lee behauptet, dass das Pronomen Ich, Peirces indexialisches Zeichen, Rituale oder die Marx`sche Theorie des relativen Mehrwerts eine semiotische Komponente teilen, das heißt den Prozess, der darin besteht, etwas mit einem Instrument oder der Instanz eines abstrakten Typus zu repräsentieren, um eine neue Instanz desselben Typus zu erzeugen. Das Konzept der relativen Mehrwertproduktion macht die Unsicherheit der Innovation zu einem systematischen organisierenden Prinzip des Kapitals, womit das Knightsche Moment des Unternehmers, dessen Suche nach der Innovation die Quelle für den Profit ist, wodurch das Kapital dynamisch wird, ironisch bestätigt wird. Relativer Mehrwert kreiert einen Spread zwischen der gesellschaftlich notwendigen abstrakten Arbeitszeit, die benötigt wird um eine Ware zu produzieren, und einem Sprung und einem kommenden neuen Durchschnitt, der durch die Innovation entsteht. Wenn die Innovation erfolgreich eingesetzt wird, dann kommt es zur Herstellung von neuen Durchschnitten. Es gibt damit ein konstantes Öffnen und Schließen der Spreads, welche die historische Dynamik und Richtung der Produktion erzeugen – das Kapital ist die konstante Oszillation zwischen dem Schock des Neuen und seiner Routinen, insofern es das Alte zerstört.

Das Dividuum steht im Gegensatz zum obsessiven individuellen Macher von Entscheidungen, der sich im Zentrum der modernen Finanz- und Ökonomietheorie befindet. Das Dividuum geht bis auf die anthropologischen Schriften von Marcel Mauss zurück, dessen Studien über das Geschenk und den Tausch eine Alternative zum besitzergreifenden Individuum anbieten, das Hobbes für sein Vertragsmodell voraussetzt. Für Mauss werden die Personen durch ihre Geschenk- und Tauschverhältnisse konstituiert und im Gegensatz zum individuellen autonomen Agenten, der Waren und Geld austauscht, sind sie in Sensibilitäten und Praktiken eingebunden, die Bourdieu Habitus nennt. Dividualität ist ein Term, der zeigt, dass Personen Dividualität herstellen, indem ihre Interessen anscheinend ununterscheidbar von denen des Kollektivs sind, insofern die Kristallisation solcher Interessen durch die Relationalität von Personen zu anderen entsteht. Dividualität ist auf keine Persönlichkeit bezogen, sondern besteht aus der Funktionalität in der Welt zu sein, welche die Kreation des Kollektivs repräsentiert, die darin besteht, die Singularität einer Person überhaupt erst zu schaffen. Dividualität und Individualität sind die zwei Dimensionen der Persönlichkeit.

Arjun Appudarai geht es darum zu zeigen, dass das westliche Individuum zugunsten einer Form erodiert, die er mit Deleuze/Guattari Dividuum nennt, das kein spezielles Teil des Individuums ist, sondern das materielle Substrat, aus dem das Individuum emergiert, und zwar als Vorbedingung für dieses. Dies sei heute ein Effekt des finanziellen Kapitals, wie wir es seit den 1970er Jahren vorfinden, und dem Tool der Derivate als eine Form der Generierung von Geld in der Zeit der Finanzialisierung. Das Dividuum, das die Finanzialisierung voraussetzt und schafft zugleich, betrifft heute den großen Teil der Bevölkerung. Für Appudarai ist dies eine irreversible Entwicklung, die aber auch neue Formen der kollektiven Agencies erzeugen könnte. Er setzt das westlich konstituierte Individuen gegen das Dividuum ab, gegen südasiatische Systeme, deren Basis das Dividuum war, das durch den kontinuierlichen Transfer und im Kontakt mit anderen Dividuen eine potenzielle Befreiung von der materiellen Welt erschuf.

Appudarai bezieht sich zudem auf Deleuze Bemerkungen zum Dividuum in seinem Essay über die Kontrollgesellschaften, wo dieses direkt auf die Quantifizierung und Monetarisierung bezogen wird. Die Finance monetarisiert alle Formen der Quantifizierung, die uns umgeben, indem sie Profit aus der dividuellen Form zieht, die solche Quantifizierungen unaufhörlich produzieren. Die Finance hat einen bestimmten Modus der Dividualität erzeugt. Appundarai verweist auf die Hypothekenkredite als ein Symptom der Krise 2007, wobei die materielle Form des Hauses relativ fixiert und unteilbar ist, während der Kredit scheinbar unendlich teilbar ist, verkauf- und rekombinierbar, und von Spekulanten gehebelt werden kann. Aber es ist nicht der langfristige Kredit, sondern das Derivat, das den krisenhaften Mechanismus ausmacht, indem sie sichgerade nicht parallel zum Wert des Hauses bewegten. Die Kette lief wie folgt: Das Haus wurde eine Hypothek, diese ein Asset, das zu einer Ware wurde, die im Angesicht eines unsicheren zukünftigen Preises gehandelt wurde, und schließlich wurde das Asset Teil einer asset-backed-security, die als debt obligation weiter gehandelt werden konnte. Jede finanzielle Form bedarf einer vermittelnden Praxis, die eine neue Materialität hervorbringt. Diese iterativen Formen der finanziellen Derivate affizieren zudem andere Materialitäten wie die Nahrungsmittelindustrie, Gesundheit, Umwelt und Bildung und zumindest virtuell kann nun alles durch diese neuen Formen der Materialität vermittelt werden.

Und dies muss zudem im Kontext dessen gesehen werden, dass die Dividuen zunehmend das Objekt der Datenerhebungen, des Vergleichs, des Eruierens von Patterns werden, was man heute unter dem Stichwort Big Data zusammenfasst. Big Data durchdringt heute die Aktivitäten des Staates, privater Unternehmen und einer Vielzahl von Sicherheitsunternehmen. Diese multiplen und massiven Bestände von Daten inhärieren komplexe Formen der Nutzung und der Strategemisierung, aber darüber hinaus auch den tektonischen Shift von der westlichen Konzeption des Individuums hin zu einer neuen Konzeption, in der das Individuums in Atome zerlegt, quantifiziert und qualifiziert wird, sodass die einzelnen Features der Person wichtiger werden als die Person als Ganzes. Zahlen werden auf das Konsumverhalten bezogen, auf diskrete Interaktionen, Lifestyles, Kreditierung und Gesundheitsprofile, wobei die einzelnen Teile kombiniert und konsumiert werden können, sodass die Idee vom Individuum letztlich irrelevant wird. Diese Logik der Dividuation hat historische Wurzeln in den Formen der Versicherung und des Risikomanagements, das die einzelnen Teile zu größeren Quantitäten zusammenfasst, die dann wiederum kombiniert und re-aggregiert werden können, um die Profite und das Wissen zu maximieren, während die Risiken minimiert werden. Die gegenwärtige Finance ist der Kern dieser Techniken, insofern es auf dem Management und der Exploitation von Risiken beruht, die keine von ordinären Individuen in einer unsicheren Welt sind, sondern sekundäre oder derivative Risiken, die durch die Kombination und Reaggregation von großen Massen dividueller Verhaltensweisen designt werden können

Objektivierte Instrumente, die in Ritualen eingesetzt werden, und sie verbinden nicht Individuen, sondern Dividuen, die partikuläre und volatile Agenten sind, die verschiedene Rollen einnehmen. Der optionale Aspekt eines Ereignisses liegt in der Bewertung des Risikos, das zumindest zeitweise als etwas Ganzes kreiert werden kann, und zwar durch die strategische Assemblage. Die Dividuen sind temporäre Produkte einer Dividuierung qua Ranking, Scoring, Monetarisierung und Quantifizierung, indem sie durch Trader, Manager und Analysten hinsichtlich ihres at-risk Seins beurteilt werden, die sich das Recht vorbehalten, zu ihrem eigenen Interesse als Individuen zu agieren.

Foto: Bernhard Weber

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