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Anmerkungen zu Tony Norfields „The City: London and The Global Power of Finance“

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13 Jul , 2016  

Tony Norfield hat selbst zwanzig Jahre in London in den Handelsräumen großer Banken gearbeitet, zehn Jahre war er Executive Director und Global Head für Devisenstrategien in einer wichtigen europäischen Bank. In seinem Buch „The City: London and The Global Power of Finance“ beschäftigt sich Norfield ausführlich mit den Strukturen der modernen Finance und ihrer Funktion für das heutige Kapital. Für Norfield lassen sich Finance und „Realökonomie“ nicht mehr trennen, sie waren schon zu Beginn des industriellen Kapitalismus nicht getrennt.

Eingehend untersucht Norfield die Rolle des britischen Imperialismus. Bezüglich der ökonomischen Relevanz und der Stärke des finanziellen Sektors ist Großbritannien direkt hinter den USA einzuordnen, in manchen Bereichen wie dem Devisenhandel sogar führend. Großbritannien hat weltweit den zweithöchsten Anteil an den ausländischen Direktinvestitionen zu vermelden. Unter den wichtigsten 500 globalen Unternehmen ist Großbritannien direkt hinter den USA einzuordnen, hat sechs finanzielle Institutionen unter den TOP 50 (10 der USA). Die Assets der UK-Banken sind viermal so hoch wie das BIP Großbritanniens. Norfield sieht die Vorteile des globalen Finanzplatzes London in seiner zentralen Zeitzone, der englischen Sprache als Weltsprache des Imperiums und einer Vielzahl von professionellen Finanzdienstleistungen. David Graeber hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass London auch als Teil der weltweiten Immobilienspekulation eine enorm wichtige Rolle spielt. Man sieht das deutlich an den gegenwärtigen Verwerfungen und Problemen wichtiger britischer Immobilienfonds nach dem Brexit.

Der britische Kapitalismus hat seinen hegemonialen Status schon vor 100 Jahren verloren, aber in der Nachkriegsperiode hat zumindest sein finanzieller Sektor seinen globalen Status beibehalten, während die industrielle Produktion immer weiter zurückgeht. Die Eurodollarmärkte der 1960er Jahre haben die wichtige Rolle der britischen Finance weiter unterstrichen. Norfield behauptet, dass die UK-Ökonomie, berücksichtigt man Faktoren wie das BIP, Militärausgaben, den Wert der Bank-Assets, den Devisenhandel und FDI, in der globalen Rangliste gleich hinter den USA und noch vor China, Japan und Deutschland rangiert.

Für Norfield ist die Finance als eine Form der ökonomischen Macht anzusehen, die es den imperialistischen Ländern ermöglicht, Ressourcen und Wert anzueignen, der anderswo in der Welt produziert wurde. Der Begriff Finance wird oft im Kontext von einzelnen finanziellen Institutionen gebraucht, im speziellen Banken, oder, um den finanziellen Sektor vom nicht-finanziellen Sektor zu unterscheiden. Alle kapitalistischen Unternehmen vollziehen aber wichtige finanzielle Operationen, nicht zu erwähnen die der Staaten und der Zentralbanken. Norfield begreift richtigerweise das finanzielle System als einen integralen Teil des Kapitalismuus. Dafür untersucht er die finanziellen Mechanismen, die die Kapital-Ökonomie im globalen Maßstab zusammenhalten. Das finanzielle Kapital ist ein Feature der Weltökonomie.

Schon Marx schreibt, dass das Kapital zur Weltökonomie drängt. Marx untersucht das in Kapital Bd. 1,2,3 nur in einer sehr limitierten Weise. Im Kapital Bd. 3 beschäftigt er sich mit dem Verhältnis des Gesamtkapitals zum Einzelkapital, aber er berücksichtigt nicht die Beziehungen zwischen den Ländern auf dem Weltmarkt. Marx plante allerdings Kapital Bd. 4-6 zu den Themen Weltmarkt, internationaler Handel und Staat.

Der Imperialismus beschreibt ein Stadium des Kapitalismus, in dem manche Länder nicht mehr außerhalb der globalen Beziehungen gesehen werden können. Man muss nun untersuchen, wie die sozialen Beziehungen durch die kapitalistische Weltökonomie gestaltet werden. Bspw. ist der US Dollar heute Weltgeld, das der US-Ökonomie eine enorme internationale Macht verleiht, und damit ist er nicht nur eine lokale Währung.

In seinen Schriften zum Imperialismus beschreibt Lenin die wichtige Rolle der Monopole für die Weltökonomie, die Verflechtung von Banken und Industrie, den gestiegenen Umfang der Kapitalexporte und die territoriale Aufteilung der Welt unter wenige Großmächte. Letztere verstärkte die Neigung der Staaten zum Krieg, während die Aufteilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Ländern in ersteren zu einer Arbeiteraristokratie führte, die von den Unterdrückungsverhältnissen zwischen den Ländern enorm profitierte.

Norfield fasst seine eigene Imperialismusdefinition folgendermaßen zusammen: Eine kleine Anzahl an Ländern dominiert die Weltmärkte qua ihrer multinationalen Unternehmen, die große Mengen an Waren, Dienstleistungen und finanziellen Serviceleistungen bereitstellen. Daraus folgt eine Aufteilung der Welt, die aus der Ausübung der Monopolmacht von großen Unternehmen und ihrer Staaten resultiert. Diese Unternehmen besitzen ökonomische Vorteile bzw. bessere Technologien und, was oft unterschätzt wird, sie nehmen eine machtvolle Position in der Weltökonomie aufgrund ihrer Beziehung zu bestimmten Staaten ein. Die imperialen Staaten wiederum schützen massiv die Eigentumsrechte und verstärken die ökonomische Macht ihrer Unternehmen im internationalen Handel und bei der Ausweitung ausländischer Direktinvestitionen. Dabei muss der jeweilige Zugang zur Finanzindustrie unbedingt berücksichtigt werden. Die Balance der Machtverhältnisse ist nicht fixiert, vielmehr differiert sie mit der ungleichen Akkumulation des Kapitals und den Machtkämpfen zwischen den verschiedenen Ländern.

Norfield nennt drei wichtige Möglichkeiten, mit denen der finanzielle Sektor eine dominante Rolle in der Ökonomie eines imperialistischen Staates spielen kann:

a) Die Inanspruchnahme von Geldmitteln aus dem Ausland, um es an einheimische Unternehmen und den Staat zu verleihen. Dies passiert heute insbesondere durch den Dollar in seiner Funktion als weltweite Reservewährung und durch das in London basierende Bankensystem.

b) Die Finanzierung der im Ausland stattfindenden Operationen einheimischer Unternehmen, egal ob mit einheimischen oder ausländischen Geldmitteln, um mehrwertbildende Produktionsprozesse in Gang zu setzen. Dies kann durch die Bankenfinanzierung oder die Aktienmärkte erfolgen, was eine weitere Zentralisation des Kapitals über nationale Grenzen hinweg ermöglicht.

c) Die Aneignung eines Teils des global produzierten Surplus, indem die großen Banken Kredite und andere finanzielle Sicherheiten an ausländische Unternehmen und Staaten vergeben. Jeder dieser finanzielle Vorteile der Unternehmen einer imperialistischen Macht hängt von deren privilegierten Beziehungen zu anderen Staaten ab.

Die Finanzmärkte nehmen im 20. Jahrhundert eine immer bedeutendere Rolle in der Weltökonomie ein. Aktien- und Devisenkurse sowie Anleiherenditen werden für die Unternehmen und Staaten immer wichtiger. So nutzen die USA den Dollar als Weltgeld dazu, um unliebsame Länder (Iran, Russland etc.) zu isolieren. Die Konzerne dominieren die Weltmärkte durch Übernahmen am Aktienmarkt, die Politik der Eigentumsrechte etc. Der Zugang zu Geldkapital findet an vornehmlich an den großen Finanzplätzen wie New York und London statt.

Richtigerweise lehnt Norfield die ideologische Unterscheidung zwischen einer „realen“ und „finanziellen“ Ökonomie ab, die er zudem für eine reformistische Täuschung hält. Alle großen Unternehmen sind an das finanzielle Kapital angebunden. Norfield verweist hier auf die Devisengeschäfte (Finanzierung von Exporten und Importen), auf Kredite für Einkäufe oder Investitionen, auf den Gebrauch der Derivate, um sich mit ihnen gegen Preisschwankungen abzusichern, und schließlich auf Unternehmensfusionen, um die Märkte zu oligopolisieren. Diese finanziellen Operationen sind für den modernen Kapitalismus integral.

Die Kreation des Kredits und die Rolle der finanziellen Sicherheiten sind zwei der wichtigsten Aspekte der Finance. Die Finance ist ausschließlich an finanzielle Institutionen gebunden; während einige finanzielle Unternehmen wie Hedgefonds oder Banken sich auf den finanziellen Handel und das Investment spezialisieren, sind heute alle großen Unternehmen in solche Deals involviert, um ihre ökonomische Macht zu konsolidieren. Große Kapitalunternehmen benötigen den finanziellen Service. Das finanzielle Kapital stellt Geldkapital bereit, konsolidiert die Operationen des Zahlungssystems, den Handel mit Währungen, die Fonds für langfristiges Investment etc. Das kommerzielle Kapital konzentriert sich hingenen auf den Kauf und Verkauf von Waren, man denke an Walmart und Aldi. Geldkapital wie Visa, Mastercard spezialisiert sich auf das Management der Geldzirkulationen, die aus jenen Geschäften erwächst. Es wickelt die Zahlungen zwischen den verschiedenen kommerziellen und industriellen Unternehmen ab. Während das kommerzielle Kapital gewöhnlich Waren gegen Geld tauscht, tauscht das finanzielle Kapital eine Form des Geldes gegen einen andere, Cash gegen Rechnungen, Währungen untereinander. Die Wertrelationen nehmen heute eine finanzielle Form an, sodass die Finance das System als ein Ganzes durchdringt und zu einem wichtigen Instrument für die Herstellung des Wohlstands und der Stabilisierung der Macht wird. Die mächtigsten Finanzindustrien besitzen die USA und UK.

Der Zusammenhang zwischen Finance und und der Marx`schen Werttheorie stellt sich für Norfield folgendermaßen dar: Letztere handelt von der Organisation der sozialen Arbeit, die aus der kapitalistischen Produktion und der Ausbeutung der Arbeitskraft entspringt, von den Krisentendenzen und generell den Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise. Dabei nimmt die Finance in der Marx`schen Theorie folgende Funktion ein: Sie gilt als ein Mittel, mit dem die Zirkulation des existierenden Mehrwerts betrieben wird. Die Finance organisiert den Geldhandel und sie schafft das zinstragende Kapital. Dieses kreiert neue Formen des Werts und neuen Wert selbst. Zinsen, Banken, fiktives Kapital etc. behandelt Marx erst im Kapital Bd. 3. Norfield bezeichnet dies als Teil der historisch-logischen Analyse. Im ersten Band habe Marx den reinen Prozess der kapitalistischen Produktion ohne die Berücksichtigung äußerer Einflüsse und sekundärer Effekte untersucht, während er im Bd .2 konkretere Formen, die aus den Bewegungen des Kapitals entstünden, analysiert habe. Über den Untersuchungsgegenstand im Band 3 schreibt Marx:

approach step by step the form in which they assume on the surface of society in the action of the different capitals upon one another, in competition, and in the ordinary consciousness of the agents of production themselves“.

Marx untersucht im Kapital Bd. 3 also die vielen Kapitale oder, exakter gesagt, das Gesamtkapital, ohne dass er allerdings die Analyse des Weltmarkts, der verschiedenen Werte der Arbeitskraft etc. – außer in randläufigen Bemerkungen – mit einbezieht.

Dem industriellen Kapital und seinem Kreislauf G – W … P … W’ – G’ gehört Marxens ganze Aufmerksamkeit in Bd.1 und 2. Er schreibt:

Its existence implies the class antagonism between capitalists and wage-labourers …. The other kinds of capital, which appeared before industrial capital amid conditions of social production that have receded into the past or are now succumbing, are not only subordinated to it and the mechanism of their functions altered in conformity with it, but move solely with it as their basis ….“

Für das Verständnis der Finance bei Marx findet man im  Kapital Bd. 3, Abschnitt 4´& 5, die wesentlichen Aussagen. Der grundlegende Kreislauf G – W … P … W’ – G’ inkludiert die Zirkulation (nicht den Tausch) und die Veränderung der Wertformen (G – W, W – G). Dieser Kreislauf impliziert den Surplus oder die Forderungen darauf. Nicht nur die Wertveränderungen zwischen G, W and P (Bd. 2) werden hier wichtig, sondern die Veränderungen zwischen den Geldformen selbst. Konstitutiv ist dann das Geld als Vorschuss (G-G`), wenn es sich außerhalb des grundlegenden industriellen Kreislaufs befindet. Dies ist die Basis für Marxens Analyse des zinstragenden Kapitals. Man muss dann G-W-G` vom Kreislauf G – W … P … W’ – G’ trennen. Dies ist keine logische oder funktionale Teilung, sondern eine, die in der ökonomischen Realität selbst stattfindet. Die Funktion des kommerziellen Kapitals, das laut Norfield keinen Wert produziert, was bspw. David Harvey mit guten Gründen anders sieht, besteht insbesondere in der Verkürzung der Zirkulationszeiten und in den Kostensenkungen.

Norfield legt dann den Fokus auf die monetären Aspekte des kommerziellen Kapitals (Devisen, Kredite für das operierende Kapital). Das den Geldhandel betreibende Kapital trennt sich vom früheren kommerziellen Kapital ab. Marx unterscheidet zwischen produktivem, kommerziellem und monetären Kapital, die Teile des grundlegenden industriellen Kreislaufs sind, den er im Kapital Bd. 2 behandelt. Das Geldkapital ist hier in den Ausgleich der Durchschnittsprofitraten involviert und dient zur Bereitstellung der Vorschüsse für die Produktion. Die monetären Operationen bezeichnet Norfield an dieser Stelle als Vorschüsse von Geld an das industrielle oder kommerzielle Kapital, nicht jedoch als Kapitalvorschuss selbst.

Aus diesen Geldgeschäften entwickelt sich schließlich das zinstragende Kapital., das sich außerhalb des Kreislaufs des industriellen Kapitals befindet. Sein Kreislauf lässt sich als G-G` anschreiben. Hier wird Geldkapital zum fungierenden Kapitalisten als ein Vorschuss transferiert, der es später dem Geldeigentümer inklusive der Zinsen zurückzahlt. Sowohl das industrielle als auch des kommerzielle Kapital sind potenzielle Kunden der Geldkapitalisten. In beiden Fällen werden die verliehenen Summen als Kapital verwendet, um Mehrwert zu extrahieren. Der Kredit kann aber auch für den Kauf von Aktien oder den Ankauf von Staats- oder Unternehmensanleihen benutzt werden. Selbst wenn das Geld aber nicht profitabel investiert wird, muss es mit Zinsen zurückgezahlt werden. Marx berücksichtigt hier nicht die Kredite an die Arbeiter und für die persönliche Konsumtion oder etwa Hypotheken. Für Marx ist der Zins stets als ein Abzug vom Mehrwert zu verstehen, der stets in der produktiven Sphäre generiert wird. 

Für Norfield sind die Operationen der Finance nicht auf die Banken begrenzt, sie betreffen das gesamte kapitalistische System. Die industriellen Unternehmen führen selbst eine Vielzahl von finanziellen Transaktionen durch. Auch die Kreditvergabe kann auf verschiedene Art und Weise und von verschiedenen Institutionen durchgeführt werden. Dabei können sich auch weitere Geldformen entwickeln, was zum fiktiven Kapital und zum Bankkredit als den beiden wichtigsten Formen des modernen finanziellen Systems führt.

Fiktives Kapital bzw. finanzielle Sicherheiten repräsentieren keinen schon geschaffenen Wert und ihre Preise werden anders als die der Waren determiniert. Es handelt sich u.a. um Forderungen auf ein Wert kreierendes Asset eines Unternehmens und dessen zukünftige Einkommensströme. Anleihen, Aktien und Derivate sind extrem liquide, jedoch sind alle Formen des fiktiven Kapitals weiterhin auf die Wertproduktion bezogen, wobei für Norfield – wie fast alle Marxisten – der Mehrwert rein aus der menschlichen Arbeitskraft entspringt. Die Expansion des fiktiven Kapitals ermöglicht die Beschleunigung der Kapitalzirkulation, aber auch die Krise. Anleihen besitzen bezüglich der Rückzahlung einen wichtigeren Status als Aktien, einen geringeren oder gar keinen bezüglich des Eigentums der „corporate assets“. Es gibt eine legale Trennung zwischen reinen Geldkapitalisten (Anleihen) und den Eigentümern der Unternehmen (Aktien). Finanzielle Sicherheiten können gehandelt und als Sicherheiten für Kredite eingesetzt werden.

Die Preise der Anleihen bestimmt man als den diskontierten gegenwärtigen Wert zukünftiger Zahlungen und Rückzahlungen. Hier besteht das Risiko einer nicht eingehaltenen Rückzahlung und der Höhe der Zinsrate, zu der zukünftige Zahlungen diskontiert werden. Die Preise der Anleihen bewegen sich unabhängig von der Wertproduktion. Eine Anleihe, die 1 Million Euro „wert“ ist, muss nicht unbedingt eine exakte Relation zur Summe des investierten Kapitals besitzen.

Aktien repräsentieren einen Teil des Eigentums am Unternehmen und an dessen zukünftige Profite, wobei die Aktienkurse dies reflektieren. Die Risikofaktoren bestehen hier in den erwarteten zukünftigen Profiten, der Höhe der Zinsrate, zu der zukünftige Zahlungen diskontiert werden. Beide Preise werden durch spekulative Bewegungen in der Derivateindustrie beeinflusst.

Die Kreditgeber können heute speziell in der Krise Bedingungen für Unternehmen und Regierungen diktieren, man denke an den Zugang zu Geldkapital oder an die Abschreibung von Schulden.

Der Bankkredit ist sehr spezifischer Mechanismus der Finance, dem in der marxistischen Theorie bislang kaum Beachtung geschenkt wurde. Die Bank ist nicht einfach als ein Intermediär zu verstehen, der bestehende Geldsummen der Depositoren an Kunden verleiht, egal ob es sich hier um Unternehmen oder Individuen handelt. Private Banken können innerhalb des dreistufigen Bankensystems (Geschäftsbanken, Interbankensystem, Zentralbanken) Kredite und damit Giralgeld schöpfen, was die Investitionen und die Nachfrage der Konsumenten erhöhen kann. Wir haben den Mechanismus der Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken an anderer Stelle dargestellt, ohne allerdings das Interbankensystem genauer zu berücksichtigen. (Siehe dazu: Horst Seiffert.) Die Kreditschöpfung ist wiederum vom nationalen Bankensystem und von der Zentralbank abhängig und zugleich erlaubt sie den Geschäftsbanken ihre Assets weit über das vorhandene Eigenkapital hinaus zu erhöhen. Dies kann auch die ökonomische Kapazität eines Landes steigern, birgt aber immer auch ein Krisenpotenzial.

Wenn die Banken heute eine tragende Rolle in der Allokation von Kapital für die verschiedenen Sektoren der Ökonomie übernehmen, dann gibt es dennoch wichtige Unterschiede zwischen der Macht des finanziellen, des industriellen und kommerziellen Kapitals zu beachten. Banken inkorperieren den allgemeinen Manager des Geldkapitals und des Kreditverkehrs, sie beschleunigen den Ausgleich der Profitraten derjenigen Unternehmen, die in den Bereichen Industrie und Handel tätig sind. Aber es gibt keinen Mechanismus, der die Renditen der finanziellen Unternehmen mit den Profitraten der industriellen und kommerziellen Unternehmen ausgleicht. Um dies zu belegen, muss man die verschiedenen Formen des Investments untersuchen. Der Kapitalvorschuss, der für industrielle Unternehmen notwendig ist, damit sie Technologien, Maschinen, Energie, Rohstoffe und Gebäude kaufen und die Anmietung von Arbeitskräften vornehmen können, besitzt für finanzielle Unternehmen keine wesentliche Bedeutung, wenn sie die Generierung ihrer Profite betreiben. Banken können nämlich ihre eigenen Assets kreieren und sie schöpfen Kredite, um Profite zu erzielen, und es gibt weitere Finanzunternehmen, die Fonds für finanzielles Investment sammeln.

Wie kann man nun die diversen Investments der Banken vergleichen? Eine Methode besteht in dem Vergleich der Profite bezüglich der fixierten Assets, aber dies ignoriert die Rolle der finanziellen Assets als prinzipielle Hebel für die finanziellen Profite. Die Renditen der Banken basieren eben nicht in erster Linie auf den Handelsbildschirmen, den Gebäuden oder der Software. Fixes und zirkulierendes Kapital haben wenig mit dem Kapital zu tun, mit dem die Banken ihre Profite kreieren. Es gibt eine strukturelle Differenz zwischen den verschiedenen Formen des Kapitals, die auf der Rolle des finanziellen Kapitals in der Ökonomie basiert. Es gibt keinen Mechanismus für den Ausgleich der Profitraten zwischen der Finanzindustrie und der Realökonomie. Der Einkauf von Rohstoffen, It-Systemen, Gebäuden, Maschinen und Arbeitskraft, der getätigt wird, um Waren zu erzeugen, die mit Gewinn verkauft werden, kann allderings durch Zinszahlungen reduziert werden. Die Nettoprofite der Industrieunternehmen werden durch alle möglichen finanziellen Transaktionen affiziert, vom Hedgen der Währungen bis hin zu Zinsratenrisiken, wenn sie in finanzielle Sicherheiten investieren.

Die Dinge liegen bei einer Bank anders. Banken können eben ihre eigenen Assets kreieren. Wenn Banken als Kreditgeber für ihre Kredite höhere Zinsen erhalten als sie auf ihre Depositen bzw. Verbindlichkeiten zahlen, dann haben sie auch ein Interesse daran, ihre Assets zu erhöhen, um ihr Nettozinsaufkommen zu vergrößern.  Ganz ähnlich sieht es hier für andere Finanzinstitutionen aus, die Geld von Investoren sammeln, um in Sicherheiten zu investieren und dafür Gebühren auf das Volumen der Assets einzukassieren. Die Profite der Banken haben keinen sicheren Bezug zu den Investments des industriellen Kapitals. Nicht dass die Profite der Banken nicht kalkuliert werden können, aber es gibt kein Maß, mit dem die Renditen oder die Profitraten der Banken mit den Profitraten anderer Unternehmen verglichen werden können. Während sich die Profitraten im industriellen Sektor ausgleichen, und wir es mit einem Leverage von 1 zu tun haben, kann sich das Leverage der Banken dramatisch verändern, da diese durch die Kreditschöpfung ihre Assets wesentlich erhöhen können. Die Rate zwischen Assets und Eigenkapital bezeichnet man als „leverage ratio“. Mit hohen Leverage-Raten kann schon ein relativ kleiner Verlust das Eigenkapital der Bank vernichten und zur Insolvenz führen. Bankkredite sind keine finanziellen Sicherheiten, aber sie können qua Derivate versichert werden. Diese Assets werden mit dem Zinsraten-Differenzial multipliziert und sie erhöhen die Profitabilität. Im Zentrum des finanziellen Systems haben die Banken zudem einen leichteren Zugang zu den finanziellen Ressourcen anderer privaten Banken und zu den Operationen der Zentralbank. Es gilt heute als normal, dass Banken mindestens eine Leverage-Rate von 20 haben, ihre Kredtitvergaben also um das 20fache ihr Eigenkapital übersteigen. Dies erzeugt eine differente Dynamik hinsichtlich der Renditen auf Eigentum der finanziellen Unternehmen im Vergleich zu der der industriellen und kommerziellen Unternehmen.

Die Rolle der Finance reflektiert die Operationen des Wertgesetzes auf Weltebene und den Einfluss der führenden Mächte. Somit ist die Form, die die soziale Arbeit annimmt, nicht einfach eine wertformbasierte Produktion von Waren und sozial notwendiger Arbeitszeit. Das Kapital wird heute durch finanzielle Formen des Werts dominiert. Finanzielle Sicherheiten (Anleihen und Aktien) sowie der Bankkredit sind  für Norfield die dominierenden Formen des Werts. Norfield unterschätzt hier allerdings die Bedeutung der Derivate. Die Finanzmärkte agieren als regulierende Instanzen für die Unternehmensentscheidungen und die Politik der Regierungen.

Höhere Preise für Sicherheiten steigern den Reichtum der Eigentümer von fiktivem Kapital, ohne dass sich in der Ökonomie auf der Ebene der Produktion etwas geändert haben muss. Wie können Profite, die noch überhaupt nicht existieren, Reichtum schon jetzt generieren? Die ökonomische Macht der Eigentümer des fiktiven Kapitals manifestiert sich auf verschiedene Art und Weisen. Zunächst hat der Eigentümer von Aktien, je nach Größenordnung und Stimmberechtigung, einen gewissen Einfluss auf die Entscheidungen des Unternehmens. Der Eigentümer einer Obligation ist der Kreditgeber eines Unternehmens oder Staates und er besitzt das Recht auf Rückzahlung. Wenn ein Unternehmen die Rückzahlung nicht leisten kann, dann hat der Kreditgeber das Recht die Assets als Kompensation einzubehalten; legal besitzen die Halter von Schuldtiteln eine höhere Priorität bei der Rückzahlung als Aktienbesitzer. Wenn Staaten ihre Schulden nicht zurückzahlen können, dann besitzen die Halter der Staatsanleihen die Möglichkeit, entscheidend auf die Politik der Staaten einzuwirken. Selbst wenn die Halter der Securities nicht die ökonomische Macht über Unternehmen und Staaten besitzen, so halten sie doch liquide Assets, die an den Märkten gegen Geld verkauft werden können. Bei fiktivem Kapital handelt es sich meistens um relativ liquide Assets, die fast zu jeder Zeit in Geld umgewandelt werden können Und dies bedeutet, dass finanzielle Assets sich nicht nur auf zukünftige Renditen und Revenues beziehen, sondern dass sie auch als Mittel benutzt werden können, um die kapitalistische Marktdisziplin einzufordern. Wenn ein Unternehmen mit seinen ökonomischen Entscheidungen etwas tut, das der Markt nicht will, dann werden seine Aktien verkauft, der Preis seiner Anleihen fällt und es wird mit größeren Schwierigkeiten konfrontiert, neue Kredite aufzunehmen. Ähnlich geht es den Staaten, denn der Preis ihrer Staatsanleihen wird fallen und die Zinsen werden steigen.

Die finanziellen Sicherheiten haben auch wichtige Effekte auf die Dynamik der Kapitalakkumulation, da sie Teile eines Kreditsystems sind, das über das simple Verleihen von Geld weit hinausreicht. Mit der Ausgabe von Anleihen und Aktien, um neue Fonds für Investment zu erzielen, erreichen Unternehmen eine Größe, die Unternehmen, die rein auf Eigenkapital basieren, nicht erlangen können.

Die finanzielle Form des heutigen Kapitals bliebt nicht auf Finanzunternehmen beschränkt, sie betrifft heute alle Firmen und ist zudem verbunden mit der Rolle des Staates. Staat, Unternehmen und Individuen drücken ihre ökonomische Macht über ihre finanzielle Macht aus sowie über die soziale Kontrolle, die sie über die Finanzialisierung erreichen können. Das fiktive Kapital ist ein wichtiger Aspekt der modernen Finance, aber es wird nicht ausschließlich durch den finanziellen Sektor kontrolliert, denn auch industrielle und kommerzielle Unternehmen benutzen finanzielle Sicherheiten, um ihre Marktmacht zu konsolidieren. Die Größenordnung betrifft auch die finanziellen Unternehmen. Größer zu sein bedeutet hier oft, Geldkapital oder finanzielle Serviceleistungen zu niedrigeren Kosten als die Konkurrenten anbieten zu können, oder sich in einer einflussreichen Marktposition zu befinden. Und dies hängt nicht nur von den nationalen, sondern auch von den internationalen Märkten ab, wobei hier Position und Macht des Staates eine gewisse Rolle spielt. Die führenden Unternehmen erhalten auch Unterstützung von ihrer nationalen Basis, wenn ihnen Zugang zu der nationalen Währung über die Zentralbank gewährt wird. Zugang zur eigenen Währung ist dann die Basis, mit der sie Vorteile gegenüber ausländischen Banken und Finanzinstitutionen erringen können. Finanzielle Unternehmen können ihre ausländischen Operationen dann ausweiten, wenn sie schon in ihren eigenen Länder eine dominante Position bezüglich des Welthandels einnehmen und ihre finanziellen Transaktionen in der eigenen Währung abgewickelt werden. Die finanzielle Macht eines Instituts beruht auf privilegierten Zugängen zu den Kreditmärkten und der Fähigkeit Transaktionen im großen Rahmen vorzunehmen. Und dies bezieht sich nicht nur auf ihr eigenes ökonomisches Potenzial, sondern auf das der nationalen Ökonomie und des Staates, dem sie angehören.

Bankkredite sind nicht immer eine Form des Kapitalinvestments, sie können auch als Hypothekarkredite und Konsumentenkredite vergeben werden. Im Jahr 2011 gingen laut Norfield in den entwickelten Ländern nur 15% der Kredite an nicht-finanzielle Unternehmen, und 2/3 dieser Kredite davon waren keine Kapitalinvestments, sondern kurzfristige Kredite, die hauptsächlich dazu dienten, den Cash Flow für die Erfordernisse der Unternehmen zu bedienen. 30% waren Hypothekarkredite. Der größte Teil des Volumens an Assets, die in Statistiken aufgezeichnet sind, resultiert aus Krediten, die Banken sich untereinander vergeben und aus ihrem Handel mit finanziellen Sicherheiten und Derivaten. Banken spielen die Hauptrolle in der Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen Wirtschaftseinheiten und Individuen. Die langfristig vergebenen Kredite für Unternehmen sind wichtig, obgleich nur eine kleiner Teil ihrer Assets in der Vergabe an produktive Investments besteht,

Der Preis einer finanziellen Sicherheit ergibt sich aus der Diskontierung des Werts eines in der Zukunft erwarteten Cashflows – Dividenden für Aktien, Coupons und Repayments für Anleihen – und daraus, wie attraktiv die Sicherheit für zukünftige potenzielle Käufer ist. Der Preis repräsentiert keinen existierenden Wert, obgleich es einen minimalen Preis gibt, der die Kreditwürdigkeit des Staates oder den Wert der Netto-Assets eines Unternehmens repräsentiert. Die Preise werden u.a. von den Zinsraten am Markt beeinflusst, die wiederum die Raten beeinflussen, wie zukünftige Revenuen diskontiert werden; im Fall von Aktien davon, wie die zukünftige Entwicklung des Unternehmens eingeschätzt wird. Der Preis der Sicherheiten kann steigen, wenn die Zinsraten fallen oder die zukünftigen Aussichten auf Dividenden und Rendite sich verbessern. Die Divergenz zwischen der gegenwärtigen Mehrwertproduktion und den Bewegungen des fiktiven Kapitals kann implizieren, dass die Bedingungen für die Kapitalakkumulation sich verschlechtern (inklusive einer niedrigeren Profitrate), während der Preis für finanzielle Sicherheiten ansteigt. Wenn ein Unternehmen Aktien für 100 Euro verkauft und der Marktpreise dann auf 120 steigt, mag die Firma zwar Geldkapital verloren haben, aber sie besitzt eine höhere finanzielle Macht. So entsteht hier eine Win-Win Situation für das Unternehmen und die Aktienbesitzer.

Eine Rendite, die man in zwei Jahren erhält, kann weniger Wert sein, als würde man sie heute erhalten, und wie viel weniger, das hängt von den jeweiligen Zinsraten ab, sodass man die zukünftigen Renditen diskontiert oder reduziert auf das, was sie heute wert sind. Wenn die Profiterwartungen hoch und die Zinsen niedrig sind, dann kann sich der Wert des fiktiven Kapitals, bspw. der Aktien erhöhen. Gehen wir davon aus, dass man eine Sicherheit besitzt, die jedes Jahr einen Gewinn von 5 Euro abwirft. Beträgt die Zinsrate 5%, dann erhält man dieselbe Rendite, wenn man 100 Euro zu 5 % Zinsen investiert (5% von 100 ist 5). Wenn nun die Zinsrate auf 2% sinkt, dann würde der Preis der Sicherheit auf 250 anwachsen, weil die 5 Euro Rendite jetzt äquivalent zu 250 Euro zu einer jährlichen Zinsrate von 2% ist. Steigt die Zinsrate auf 10%, dann wird der Preis der Sicherheit auf 50 Euro fallen, weil man nur noch 50 Euro investieren muss, um 5 Euro Rendite zu bekommen. In der Praxis sind die Berechnungen komplizierter, aber im Allgemeinen werden niedrige Marktzinsen die Preise der Sicherheiten ansteigen lassen, und umgekehrt.

Insgesamt liefert Norfield auch unter empirischen Gesichtspunkten eine weiterführende Analyse der Bedeutung der Finance für die heutigen Weltmärkte, wenn auch die Analyse der Derivate als eine neue Form des spekulativen Geldkapitals stark unterbelichtet bleibt.

Foto: Bernhard Weber

 

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