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Bemerkungen zu Stieglers „Automatic Society. The Future of Work“ (2)

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24 Jul , 2017  

Bei diesem zweiten Kapitel, das mit »The Industry of Traces and Automatized Artificial Crowds« überschrieben ist, handelt es um nichts nichts weniger als um eine Aktualisierung und Umschrift des Kapitels »Kulturindustrie« in Adornos/Horkheimers »Dialektik der Aufklärung«.

Die sozialen digitalen Netzwerke bringen heute eine Art von Ökonomie hervor, die auf persönlichen Daten und Metadaten, Cookies, Tags und anderen Tracking-Technologien basiert, womit sich laut Stiegler eine neue algorithmische Governance nachweisen lässt. Diese Entwicklung ist als das System des »Big Data« bekannt geworden, das auf Vernetzung, hohen Computerleistungen und -kapazitäten aufbaut. Die darin gespeicherten Prozesse sind laut Stiegler solch der »Grammatization«. Diese beginnt schon mit den Höhlenmalereien und führt über die Keilschrift, Fotografie, Film und Fernsehen schließlich zum Computer, zum Internet und zum Smartphone. Die Datenpfade und -spuren, die mit den heutigen Technologien der Computerisierung erzeugt werden, konstituieren ternäre, aufmerksamkeitsreduzierende Retentionen bzw. Mnemotechniken, die spezifische Zeitverfahren und Individuationsprozesse inkludieren, i.e. «Industrialisierungsprozesse des Gedächtnisses» bzw. eine »politische und industrielle Ökonomie, die auf der industriellen Ausbeutung von Bewusstseinszeiten beruht«. Mit der Digitalisierung der Datenwege und -prozesse, die heute durch Sensoren, Interfaces und andere Mittel als binäre Zahlen und kalkulierbare Daten generiert und transportiert werden, wird Stiegler zufolge ein automatisierter Gesellschaftskörper geschaffen, in dem wirklich jede Dimension des Lebens in einen Agenten der hyper-industriellen Ökonomie des Kapitals transformiert wird. Deleuze hat diese Entwicklung in seinem berühmten Essay zu den Kontrollgesellschaften schon vorausgesehen, aber zur vollen Tragkraft kommen die Kontrollformen erst, wenn die digitale Kalkulation die von Deleuze festgestellten Modulationen in eine algorithmische Governance integriert, die die Automatisierung sämtlicher Existenzen, Lebensweisen und Kognitionen inkludiert.

Die von Lefebvre beschriebene Zersplitterung und zugleich Standardisierung des alltäglichen Lebens führt  ab circa dem Jahr 1970 in eine symbolische Misere, die durch die Dominanz der audiovisuellen, analogen Apparate der Massenmedien gekennzeichnet ist, die eine Periode des strategischen Marketings einläuten, das mittels der Privatisierung des Radios und des Fernsehens umgesetzt wird. Die symbolische Misere bzw. die De-Symbolisierung, die durch diese Entwicklungen eingeläutet wird, ist für Stiegler das Resultat einer Proletarisierung der Sensibilitäten, welche in einer strukturellen Weise zur Vernichtung des Wunsches führt, oder, was auf das Gleiche herauskommt, zu einem Ruin der libidinalen Ökonomie selbst. Das spekulative Marketing der Finanzindustrie stellt den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Die Mechanisierung der Sensibilität und die Industrialisierung des symbolischen Lebens lässt man heute in »Kommunikationen« umschreiben, in die wiederum die Unterscheidung zwischen den professionellen Produzenten der Symbole und den proletarisierten und de-symbolisierten Konsumenten eingeschrieben ist, wobei allerdings jegliche sowohl individuellen als auch kollektiven Existenzen der permanenten Kontrolle der Massenmedien unterworfen bleiben, welche die Mechanismen der Identifikation, Imagination und Transindividuation kurzschließen und spezifische Formen der Deformation der Aufmerksamkeit hervorbringen. Der Konsumentenkapitalismus führe, so Stiegler, zu einer völligen Vernichtung der libidinalen Ökonomie.

Schauen wir uns diese in aller Kürze an: Das Objekt, in das der Wunsch investiert, ist das, was die Libido ökonomisiert. Das Objekt wird bis zu dem Punkt gewünscht, an dem die Ziele der Triebe, die es unterstützen, invertiert werden, sodass das Objekt eigentlich nicht mehr existiert, sondern in seiner Endlosigkeit fortbesteht und damit jeder Kalkulation entgeht – ein Problem, das Bataille mit seiner Allgemeinen Ökonomie aufgeworfen hat. Die aktuell stattfindende Zerstörung des Wunsches sowie des Investments in das Objekt führen laut Stiegler zur Liquidation jeder Formen der Treue, der Freundschaft und der Verantwortung.

Der Wunsch, der das Objekt ökonomisiert, indem er es idealisiert und transindividuiert, geht mit der Artifizialisierung des Lebens einher, das also stets auch das Technische umfasst. Das technische Leben, das ständig Prothesen an den Körper klebt, verstärkt und intensiviert normalerweise auch die Macht der Sublimierung, insofern die Individuen mit einem transindividuellen Gedächtnis ausgestattet sind, das Simondon die psychische und kollektive Individuation nennt. Dabei bleibt die vitale Individuation eine Ökonomie der Instinkte, die das animalische Verhalten mit der Rigorosität eines Automatismus kontrolliert, während durch das noetische Leben, das durch die libidinale Ökonomie (Fetisch, Kult, Ritual etc,) geformt wird, die Instinkte und Triebe relativ de-automatisiert werden, sodass sie die gewünschten Objekte ersetzen, verschieben und umgestalten können. Die Instinkte können also aus Zusammenhängen herausgelöst werden, als artifizielle Organe sind sie der Fetischisierung zugänglich und gestalten sich damit zu Trieben um. An dieser Stelle wäre die Triebökonomie von Klossowski, die er in der »Lebenden Münze« vorgestellt hat, neu zu untersuchen, und zugleich ist auf den Bankrott der marxistischen Fetischismustheorie hinzuweisen. Die vitale Individuation führt stets zu einer kollektiven Individuation, in der die Triebe konstant aufbewahrt und zugleich verändert werden, insofern sie das Objekt der Begierde verändern können, und das heißt, die Triebe sind der Perversion zugänglich. Perverse Triebe sind strukturell fluid und heften sich an artifizielle Organe, sie sind fetischistisch und an Objekten orientiert.

Diese Ökonomie der Libido hat das Kapital vollständig zerstört. Stiegler spricht von einer modernen kapitalistischen Ökonomie der Seele, die auf dem Kommerz und industriellen Technologien aufbaue, wobei wir uns jedoch inzwischen in einer hyper-industriellen Epoche befänden, die einem absolut und total (be)rechnenden und quantifizierenden Kapital gleichkomme. In libidinöser Hinsicht handelt es sich um eine Dis-Ökonomie, die sich überhaupt nicht mehr um ihre Objekte kümmert. Klossowski hatte in der »Lebenden Münze« schon darauf hingewiesen, dass die industrielle und serielle Massenproduktion zur Flüchtigkeit und zum Verlust des Objekts führt, ja jeden Gedanken an die Haltbarkeit des Objekts eliminiert. Somit können die Objekte auch keinerlei Unterstützung für psychische und kollektive Investments mehr liefern, sie sind nicht mehr verschiebbar und unendlich, sondern sie sind in ihrer Waren-Endlichkeit reine Quasi-Objekte, das heißt kalkulierbar und quantifizierbar und damit als Objekte total nichtig. Die Objekte mutieren zu Nicht-Dingen. Sie sind nichts, oder, anders gesagt, heute ist jedes Objekt potenziell Müll, ja das Objekt ist Müll. (Nur der Preis hält das Objekt noch am Leben). Insofern sind die Objekte wiederum etwas, nämlich Projektile, die die Erde zerstören.

Die absolut berechnende libidinale Dis-Ökonomie ist der komplette Nihilismus. Der strukturelle Effekt der generalisierten Vollautomation besteht für Stiegler also in einem berechnenden Nihilismus, an dessen Horizont sich ein neuer Totalitarismus abzeichnet. Die libidinale Dis-Ökonomie kann ihre Objekte nicht mehr in der oben beschriebenen Art und Weise ökonomisieren und zerstört damit zugleich die Subjekte, verwandelt sie in Dividuen, von denen wir an anderer Stelle ausführlich gesprochen haben. Der Triebkapitalismus, so Stiegler, verändere das Sublimierungsvermögen der Dividuen, die in einen sehr gefährlichen Entsublimierungsprozess eingebunden werden, wobei die automatisierten digitalen Industrien der Wunschökonomie jedes Begehren ausgetrieben haben.

Die computerisierte Industrie der Spurensicherung inkludiert den nihilistischen Konsum. Die Proletarisierung des Konsumenten begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die Objekte und Singularitäten zunehmend der Kalkulierbarkeit zugeführt wurden, obgleich es noch Bereiche gab, die dieser Berechnung nicht unterworfen waren. Die globale Kapitalisierung hat all diese widerständigen Bereiche aufgesaugt. Die Ökonomie der Daten bringt eine Verantwortungslosigkeit und Unachtsamkeit der Subjekte hervor, die in der Geschichte seinesgleichen sucht. Wenn die computerisierte und industrielle Spurensicherung sich mittels einer algorithmischen Governance entfaltet, als  Beschleunigung und Kristallisation jeder Art von Diskreditierung, Ruin und  Disindividuation, ja einer generellen Entropie, dann muss man sich fragen, ob überhaupt noch eine Umkehr möglich ist, mit der die Daten und Spuren wieder das Objekt eines sozialen Investments werden  können.

Die Finanzialisierung seit Anfang der 1970er Jahre hat zu einem globalen Konsumismus geführt, der die Prozesse der Anbindung der Triebe an alle Arten von Objekten und an die Sublimierung vollkommen zerstört hat. Diese Art der ungebundenen Triebe wird heute von einer Industrie der Spurensicherung mittels der Automatismen und der Automation kontrolliert, welche man bspw. in den sozialen Netzwerken findet, wo die Triebe funktionalisiert, das heißt in eine persönliche Stimulation der konsumistischen Triebe transformiert werden, und zwar durch mimetische Mechanismen, die letzten Endes aber die ungebundenen Triebe noch destruktiver, unkontrollierbarer und ansteckender machen. Die Kanalisíerung der Triebe durch die Applikation mathematischer Algorithmen impliziert eine automatisierte soziale Kontrolle und muss letztendlich die Triebe auf ein höchst gefährliches Niveau treiben, gerade indem sie de-integriert werden, und nichts weiter zeichnet die von uns vielfach beschriebenen Dividuen aus. Das Schreiben und Lesen in den Netzwerken des Internets führt Stiegler zufolge zu einer neuen Stufe und Epoche der Proletarisierung der Sensibilitäten und der Kognition, einer systemischen bzw. funktionalen Verdummung. Die Konsumenten sind heute vollkommen in die globalen Märkte einer Industrie integriert, die die Affekte und Bewusstseine degradieret und zerstört, vergleichbar der Ausrottung von Tierarten und Pflanzen.

Die ferngesteuerten Netzwerke ermöglichen heute auf technologischer Ebene delokalisierte Produktionsprozesse und -einheiten, globale Wertschöpfungsketten, die finanzialisierte Kapitalisierung und die entsprechend vernetzten elektronischen Finanzmärkte, die immer stärker mathematische Modelle in die automatisierten Echtzeit-Prozesse integrieren. Die automatisierten Entscheidungsprozesse sind funktional mit den an die Triebe gebundenen konsumistischen Automatismen verkoppelt, wobei die Konsumentenmärkte durch eine Industrie der Datensicherung kontrolliert werden. Diese quantifizierenden Daten-Dispositive funktionieren rund um die Uhr, womit das alltägliche Leben umfassend der Standardisierung und Kalkulation unterworfen wird, während man gleichzeitig an den Konsummärkten die Teilnehmer personalisiert, indem man ihnen zielgenaue Wünsche und die entsprechenden Produkte adressiert. Die Ökonomie der persönlichen Daten reduziert die Zeit, die für Entscheidungsprozesse notwendig ist,und eliminiert damit die »nutzlose« Zeit des Denkens und der Kontemplation.

Die digitale Automation schließt heute die abwägenden Funktionen des Geistes mit der systemischen Dummheit kurz, und dies betrifft heute ausnahmslos jeden Akteur, vom Konsumenten bis hin zum Spekulanten; Dividuen können gerade dann triebgesteuert funktionieren, wenn das finanzielle Kapital die spekulative Tätigkeit hyper-rationalisiert. Der systemische Stupor wurde seit dem Jahr 1993 mit einer Reihe von technologischen Schocks durchgesetzt, deren Resultat die hegemonialen Konzerne im Internet, Google, Amazon, Facebook und Apple sind.

Nach dem Verlust des Arbeiter-Wissens im 19. Jahrhundertudn  des Wissens vom Leben im 20. Jahrhundert folgt nun im 21. Jahrhundert der Verlust des theoretischen Wissens, das heißt es findet eine Proletarisierung des theoretischen Wissens statt, aufbauend darauf, dass die Einschreibung des Arbeiterkörpers in die Maschinerie zu einer Proletarisierung des Wissens der Arbeiter und damit ihrer Lebensbedingungen und das Radio und das Fernsehen zu einer Proletarisierung des Wissens vom Leben (der Affekte und der sozialen Relationen, das heißt des Citoyens) geführt haben. Der Abstieg des »seelischen Werts« erreicht nun seinen Peak-Point: Er betrifft nun alles Denken und Fühlen, ja er betrifft das Denken als solches, seine Konsistenz, und damit auch sämtliche Wissenschaften und ihre Modelle und Methoden. Weber, Horkheimer und Adorno haben diese Prozesse als Rationalisierung beschrieben, die eindeutig zum Nihilismus führen.

Wir alle werden mehr oder wenig dumm, ja wir werden sogar zu plagenden und geplagten Biestern. Die verdummenden Mechanismen der hyper-industriellen Epoche warfen ihre Schatten schon voraus, als Deleuze von den Kontrollgesellschaften sprach, als die disziplinarischen Normen ihre Wirkungskraft nach und nach verloren und das Fernsehen in eine Maschine der totalen Regulation umgewandelt wurde, die zu neuen Formen der Subjektivierung und der Unterwerfung führte. Vor allem Guattari hat mit der Einführung des Begriffs vom Dividuum geahnt, dass die ultraliberalen Kontrollmechanismen die mechanische Liquidation des Entscheidungs- und Urteilsvermögens bezwecken. Der Verstand wurde automatisiert und der analytischen Macht der Algorithmen überlassen, die von Sensoren und Aktoren mittels formaler Instruktionen operationalisiert werden.

Die Automatisierung erzeugt innerhalb der Ökonomie der Spurensicherung geradezu eine Kunst der Hyper-Kontrolle, eine generelle Proletarisierung, die durch eine Auslagerung des Denkens in die digitalisierten Netzwerke konstituiert wird. Alles läuft auf die Exploitation der ternären Retentionen hinaus. Alle Aspekte des Verhaltens der Dividuen generieren nun Spuren, die wiederum zu Objekten der Kalkulation und der Kapitalisierung werden. Die Dividuen mutieren selbst zu Triggern und zu Resultaten von kontinuierlich verlaufenden Prozessen (Krisen im klassischen Sinn oder Mutationen und Metamorphosen), wobei der auslösende Faktor, der Input immer auch der Output ist, sodass wir uns in einer Spirale befinden. Die technische Tendenz der »Grammatization«, die in den digitalen Technologien ihren perfekten Ausdruck findet, führt auf globaler Ebene zu einer algorithmischen Governance, einer spezifischen Rationalisierung der ternären Retentionen, die heute auch die biologischen Retentionen und ihre physiologischen Automatismen usurpiert. Gerade deswegen bedarf eines radikalen Bruchs und einer umfassenden Rekonfiguration der psychischen, technischen und kollektiven Individuationen.

Die algorithmische Krankheit, ein Begleiteffekt der Epoche der Hyper-Kontrolle, die Desorientierung: All die großartigen Versprechen der Aufklärung sind heute invertiert und toxisch geworden, ja sie wurden in Prozesse der generalisierten Hyper-Kontrolle umgesetzt. Dies geht über die von Deleuze konstatierte Kontrolle-durch-Modulation hinaus, insofern selbst die noetischen Fakultäten der Theorie mit den aktuellen Operatoren der Proletarisierung der digitalen ternären Retention kurzgeschlossen werden. Diese ternäre Retention, egal was ihre Materie und Form sein mag, bleibt auf die primare und sekundäre Retention bezogen, auf die Wahrnehmung, Imagination, die Erwartung und das Gedächtnis, Faktoren, die in die Prozesse der je schon verschiedenen kollektiven Transindividuation integriert sind.

Die Behandlung der Daten in Form der ternären digitalen Retention in Realtime und auf globaler Ebene, ausgeführt mit der Kapazität von Billionen von Gigabytes, erfordert allgegenwärtige Systeme, die die Daten absorbieren, einfangen und kapitalisieren. Wenn die psychische und die kollektive Individuation mit den digitalisierten Prozessen einer automatisierten Transindividuation kurzgeschlossen werden, dann geraten die Individuationen zwar wieder unberechenbar, aber die automatisierten Triebe bleiben den automatisierten retentionalen Systemen unterstellt, die mittels der Mathematik formalisiert und durch Algorithmen konkretisiert werden, um die Datenspuren, die man durch individuelles und kollektives Verhalten erzeugt, einzufangen und zu kapitalisieren. Diese Prozesse erfolgen über kybernetische Feedback-Loops und die sog. Netzwerkeffekte, in denen das Networking durch die artifiziellen Massen zu einem mimetischen Herdeneffekt mutiert, der in Realtime durch die Mechanismen des Big-Data gesteuert, kontrolliert und kapitalisiert wird. Dabei behält Stiegler allerdings seinen Begriff des »pharmakon« immer bei, das heißt er sucht immer auch nach Spuren im Internet, die eine neue Form der kollektiven Individuation anzeigen.

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