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Dark Deleuze: Netzwerkpessimismus, radikale Ökonomiekritik und subtraktive Negativität

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10 Mrz , 2017  

Beitrag gehalten am 27.3.2017 bei bbooks Berlin

Soweit es um die Deleuze-Forschung geht, ist Dark Deleuze wahrlich eine Studie der Häresie, insofern Andrew Culp Deleuze keineswegs wie so viele andere Kommentatoren, die dem kalten Rausch der Transformation des poststrukturalistischen Denkens in eine akademische Heimindustrie frönen, als einen toten Hund behandelt. Aber er geht noch weiter, insofern diese Häresie die Rebellion als solche ist, zumindest ist sie keine Reaktion, vielmehr ist sie eine Aktion-ohne-Reaktion. In gewisser Weise ist der Häretiker ein Rebell ohne Gründe, denn die Häresie ist keine Abweichung vom Bestehenden, sondern sie bricht radikal mit der Symmetrie von Realem und Wahrheit, mit der Beziehung von deren kommunikativer Austauschbarkeit und insistiert damit auf der Eindimensionalität und Vorrangigkeit des Realen gegenüber der Wahrheit.

Andrew Culp beginnt seinen Text „Dark Deleuze“ mit einer bekannten Bemerkung von Deleuze zu den drei wichtigen Funktionen eines guten Buchs. Der Autor muss zeigen, dass 1) andere Bewerber einen Irrtum begehen, 2) dass in anderen Texten eine essenzielle Erkenntnis fehlt, und 3) muss ein neues Konzept kreiert werden. Diese Funktionen nimmt Culp mit seinem Text für sich selbst in Anspruch, indem er eine philosophische Begriffsfigur designt, die den Namen Dark Deleuze trägt und mit der er Deleuze ein Kind macht, das zwar seines, aber dennoch monströs ist. Man könnte nun sagen, Culp bemüht sich lediglich um einen Bruch mit der bisher hegemonialen Deleuze-Rezeption, um die Rehabilitierung eines revolutionären Deleuze oder um eine Art Hermeneutik, die bestimmte Problematiken, die in den Texten von Deleuze zwar anwesend, aber nicht genügend expliziert sind, herauskristallisiert. Dem ist zu widersprechen.

Culp argumentiert zum Ersten gegen einen Deleuze, der zusammen mit Guattari in Tausend Plateaus geradezu enthusiastisch für das Rhizom als ein Modell eines subversiven Netzwerkdenkens plädiert und zudem einen Kanon der multiplen Freuden singt, und in der Folge gegen eine Reihe von Deleuzianern, die es mit der Wiederholung bestimmter Floskeln tatsächlich geschafft haben, dass Deleuze heute als ein naiver affirmativer Denker der Konnektivität bzw. der Vernetzung erscheint. Auf philosophischer Ebene ist der Konnektivismus als die welt-bildende Integration in ein expandierendes Netz der Dinge zu verstehen; sein Ziel besteht darin, alles und jeden zum Teil einer einzigen Welt zu machen. Culp sieht dies schon bei Kant angelegt, der den universellen und ewigen Frieden will, im marxistischen Universalismus, der die Einheit von Theorie und Praxis fordert, und bei Habermas, der uns alle als Mitglieder einer großen Konversation phantasiert. Besonders letzteren muss die unschlagbare Kennzeichnung der heutigen Kommunikationssysteme, wie sie Kroker/Weinstein schon Anfang der 1990er Jahre gelungen ist, treffen: „Ich könnte für immer hier bleiben und mir dir weiter reden. Das ist die Einstellung jener Leute, die bei Mc Donald`s herumhängen: die ideale Sprechgemeinschaft, die es bereits gibt, aber von der Kritischen Theorie übersehen wurde.“ Viele Deleuzianer unterstützen bis heute hingebungsvoll das Konzept der Konnektivität mit ihrer ausgiebigen Promotion von transversalen Linien, rhizomatischen Verbindungen, komplexen Assemblagen, affektiven Erfahrungen und entzückenden Objekten. Es sei wahrlich kein Wunder, so Culp, dass Deleuze schlussendlich dem Camp des kalifornischen Buddhismus zugeschlagen werde, denn die Deleuzianer hätten seine Philosophie auf die unendliche Wiederholung der relationalen Differenz, auf die Offenheit für Begegnungen in einer katastrophalen Welt oder auf die erhöhte Kapazität durch Synergie reduziert. Aber nicht allein die Akademiker billigen den Konnektivismus, so Culp. Zitat: Ich argumentiere, dass der Konnektivismus Googles geopolitische Strategie der globalen Einflussnahme antreibt, die durch das techno-affirmative Begehren, sich alles einzuverleiben, voranschreitet. Die Kommentatoren benutzen verschiedene Bezeichnungen für ihre Netzverbindungen, wie etwa Rhizome, Assemblagen, Netzwerke, materielle Systeme oder Dispositive. Ich nenne sie schlicht und einfach ›diese Welt‹ und plädiere für ihre Zerstörung.“ Die Konnektivität wird heute also von Leuten wie dem Direktor von Google Ideas, Jared Cohen, definiert, der ungewollt die Signifikanz von Deleuzes Argument vorführt, dass ›die Technologie eher sozial als technisch ist, insofern sich Google nicht scheut, die Interessen der US-Regierung im Inland und im Ausland über die Instrumente der Vernetzung und der Algorithmen zu vertreten und auszubauen. Man muss hinzufügen, dass die Maschinen bei Deleuze/Guattari zwar als Teile von technischen, aber insbesondere eben doch von Assemblagen fungieren, die als sozio-ökonomische Ensembles in und mit der Welt interagieren. Der Begriff der Assemblage besitzt auch hier durchaus schon eine konservative Komponente, insofern er die vielfachen Attribute und Eigenschaften von solchen Netzwerken katalogisiert, die für das Kapital systemstabilisierende Funktionen übernehmen und damit jede Berührung mit dem Außen auf Distanz halten. Zudem teilt die maschinische Indienstnahme die Subjekte und setzt sie neu zusammen, macht sie damit fluider, geschmeidiger und variabler und transformiert sie schließlich zu Dividuen. Diese Art der Verkopplung zwischen Maschine und Mensch bezieht sich bei Deleuze/Guattari auf die kybernetische Figur der Kommunikation, die den Verkehr zwischen Organismen und Maschinen regelt. Die gegenwärtigen Maschinen der Kybernetik dienen Deleuze/Guattari zufolge einem System, »das ein Regime allgemeiner Unterjochung wiederherstellt: rückläufige und umkehrbare ›Menschen-Maschinen-Systeme‹ ersetzen die alten, nicht rückläufigen und nicht umkehrbaren Beziehungen zwischen den beiden Teilen. Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine beruht auf wechselseitiger, innerer Kommunikation, und nicht mehr auf Benutzung oder Tätigkeit.«

Wenn heute Kommunikation und Konnektivität wie ein Mantra gepredigt werden, dann bleibt gerade ihre Gewalt aufgrund der in allen möglichen Kontexten exzessiv ausgestellten und gehandelten Positivität unsichtbar: Jobsuchende sollen sich auf das Internet verlassen, flache Hierarchien sind gut für das Business-Management und die Angestellten und schließlich gilt das Internet als die heilbringende Ressource menschlichen Wissens, wobei die Information nur darauf wartet endlich völlig frei zugänglich zu werden. Was zählt ist der Tauschwert einer Information, deren Inhalt hauptsächlich im Hinblick auf die zirkulatorische Macht produziert wird. Man kommuniziert und wird mit Zahlen belohnt, je mehr likes und shares, desto besser. Ein Bild ist besser als tausend Worte. Und die Ungleichheit und Machtkonzentration sind entgegen der libertären Visionäre des Netzwerkdenkens das notwendige und unvermeidliche Feature von komplexen Netzwerken.

In gewisser Weise funktioniert heute auch das finanzielle Kapital und seine globalisierten Systeme in rhizomatischen Netzwerken, die die Infrastruktur eines volatilisierenden, in der Verschaltung Aktualisierung-Virtualisierung prozessierenden und nomadisierenden fiktiven Kapitals bilden. Die finanziellen Netzwerke zeichnen sich heute dadurch aus, dass eine immer höhere Anzahl von Zahlungsversprechen und Zahlungsströmen der Finanzunternehmen in ihnen fließen, jedoch die Anzahl der Finanzunternehmen immer geringer wird, sodass die Zahlungsströme rekursiv zwischen denselben Partnern hin und her fließen. Vernetzung geht mit Verdichtung einher. Die Finance ist als ein hochvernetztes Konglomerat aus Großbanken, Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds, Schattenbanken und Zentralbanken, transnationalen Konzernen und mächtigen Großhändlern (organisatorische Ebene) zu verstehen, während die Finance qua Finance die Prozesse der Expansion des fiktiven Kapitals und der Derivate betrifft, die von großen Banken, Investmentfonds und Hedgefonds gehalten und an den Finanzmärkten gehandelt werden,. (prozessuale und funktionale Ebene). Die Metapher »zentrales Nervensystem des Kapitals«, die Tony Norfield in seinem Buch The City verwendet, charakterisiert das Finanzsystem als Finance qua Finance sehr treffend. Wenn das Kapitalprinzip der Motor des atmenden Monsters namens Gesamtkapital ist, dann ist das finanzielle System dessen Zentralnervensystem. (Privatbanken kreieren Kredit und schaffen damit autonom Geldkapital. Zentralbanken sind den Privatbanken nachgelagert. Sparen ist nicht Voraussetzung von Schulden, sondern ihr Effekt. 147 Firmen besitzen 40% der Weltwirtschaft. Manche nennen das Plünderungszirkel, ich nenne das Superkapitalisierung.) Es muss jedoch angemerkt werden, dass Deleuze/Guattari im Anti-Ödipus selbst einen geradezu visonären und zugleich kritischen Blick auf die globalen Geldkapitalbewegungen geworfen haben: Die decodierten Ströme der Arbeit und des Kapitals drücken zwei Formen des Geldes aus, einerseits Zahlung (ohnmächtige Kaufkraft) und andererseits Kapitalisierung, die genau das konstituiert, was Deleuze/Guattari die kapitalistische Form der unendlichen Schulden nennen.Und sie sagen, dass es kein gemeinsames Maß zwischen den beiden Formen der Geld-Ströme gibt: Geld als Zahlungsmittel offenbart den Konsum von Waren erster Ordnung, während das (synthetische) Finance-Geldkapital die rein differenzielle Bewegung der Kreation und Destruktion von Geld leistet, wobei die Banken an beiden Strömen partizipieren, wenn sie als Umwandler oder Oszillatoren der Geld-Strömungen wirken .Deleuze hat in diesem Zusammenhang auch vom verschuldeten Menschen gesprochen, aber gegen die Ontologie der Verschuldung gleich hinzugefügt, dass für die Kontrollmächte immer wieder die Gefahr der Aufstände erwachse – die Verschuldeten und die Ausgeschlossenen seien eins Alexander Galloway hat unlängst davon gesprochen, dass das Netzwerk zu einer totalitären Basiskategorie mutiert sei, inzwischen sei nämlich alles ein Netzwerk, und die beste Antwort auf Netzwerke seien noch mehr Netzwerke. Die machtvollen und dominanten globalen Unternehmen sind heute Unternehmensnetzwerke. Google macht die Beschaffenheit des Netzwerkes selbst zu Geld. Netzwerkzentrierte Kriegsführung ist die beste Antwort auf Terrornetzwerke. Das Rhizom ist die beste Antwort auf die schizophrene Vielfalt. Ökologie und ihre Systeme sind die beste Antwort auf die systematische Kolonialisierung der Natur. Verteiltes Rechnen ist die beste Antwort auf Engpässe in der Konnektivität. Und längst wird der Mensch als Dividuum oder als ein „Inforg“ (Floridi) in die Netzwerke als Modul eingebaut, wenn diese den Umweg über das Subjekt überhaupt noch benötigen, um operierende und kommunizierende Objekte modular zu prozessieren. Vom alten Mantra immer historisieren ist man längst zum neuen Mantra immer verbinden gelangt.

»Bedeutung, immer mehr Bedeutung! Information, immer mehr Information!«, das ist das Mantra der hermeneutisch-logischen Differenz, das unaufhörlich die Terme Wahrheit und Kommunikation miteinander vermischt, das Reale und die Information, um den Exzess des Gleichen weiter anzuschieben. So müsse heute, so Laruelle im Gleichklang mit dem dunklen Deleuze, noch das letzte Geheimnis aufgedeckt und kommuniziert werden, alles, was bisher noch nicht gesagt wurde, sei nur dazu da, damit man es endlich sage. Für Laruelle ist die kommunikative Entscheidung noch heimtückischer als die philosophische Entscheidung: Es ist eine Sache, zu sagen, dass alles, was existiert, einen zureichenden Grund besitzt, aber es ist eine andere Sache zu fordern, dass alles, das aus irgendeinem Grund existiert, in geregelten Bahnen kommuniziert werden müsse. Wenn die philosophische Entscheidung eine Variante des Prinzips des zureichenden Grundes ist, dann fügt die kommunikative Entscheidung die absolute Kommunizierbarkeit als heimtückisches Aperçu noch hinzu.

Es ist das Kapital mit seiner Maßlosigkeit inklusive der Politik seiner Staaten, die das Ziel der vollkommen regulierten Kommunikation und der reinen Transparenz vor sich her schiebt und ihm doch nur infinitesimal nahe kommen kann, und so erklärt sich denn auch die paranoid-depressive Tendenz seiner Politiken, die heute wie eine unerträgliche Schleimspur alles zu überziehen versuchen. Im Jahr 1991 gelang Deleuze/Guattari dazu eine entscheidende widerständige Bemerkung: „Wir leiden an keinem Mangel an Kommunikation. Im Gegenteil, wir werden mit ihr vollgestopft, wir sind gesättigt, wir leiden am fehlenden Widerstand gegen diese Gegenwart.“ Dark Deleuze“ folgt dem Vorschlag, Vakuolen der Nicht-Kommunikation in die Netzwerke, seien sie flach oder hierarchisch angelegt, zu schlagen, und die kommunikativen Kreisläufe zu unterbrechen, anstatt sie zu erweitern. Die Nicht-Kommunikation verweigert sich dem Versuch des Kapitals alles miteinander zu vernetzen, das Und in der Form eines scheinbar äquivalenten Austauschs zu universalisieren. Es geht nicht darum den Raum des Kapitals zu verlassen, sondern ihn zu kannibalisieren: Wir sind zwar von dieser Welt, aber nicht für diese Welt.

Dark Deleuze ist ein Text, der sich entschieden gegen die populären Interpretationen von Deleuze als asketischem Philosophen, Liberaldemokraten, spekulativen Realisten oder Theoretiker, der zeigt, wie die Netzwerke der Rhizome den Schlüssel für die Befreiung der Menschheit in sich tragen, positioniert. Culp zeichnet stattdessen ein Bild von Deleuze als jemandem, der dem Projekt des revolutionären Kommunismus verpflichtet bleibt, der so »anti-staatlich ist, dass er das Projekt der Demokratie rundherum ablehnt. die globale Klasse der Aufständischen ist heute nicht durch ihre Rolle als Produzenten, sondern durch ihre gemeinsame Relation zur staatlichen Gewalt vereinheitlicht . Dies ist die Basis der Surplusrebellion. Deleuze und Guattari verhöhnen geradezu die Demokratie, die über den Vertrag, den Konsens und die Kommunikation ständig Äquivalenz predigt (unter der Dominanz des Surplus) und sich als ewig wiederkehrend ausweisen will. In ihren verschiedenen Schriften deklinieren Deleuze/Guattari die gesamte Bandbreite der Demokratien durch: In den Tausend Plateaus sprechen sie vom Erscheinungsbild der militärischen Demokratien, der sozialen Demokratien und sogar der totalitären-sozialen Demokratie. In Was ist Philosophie? analysieren Deleuze und Guattari verschiedene Beispiele der Demokratie, die sich von der kolonialen Demokratie des Altertums bis hin zur Nazidemokratie erstrecken. Heute lässt sich eine noch ganz andere Entwicklung feststellen, nämlich der Trend hin zu einer Business-Demokratie, das heißt der Staat wird wie ein Unternehmen geführt, und zwar von Technokraten im Verbund mit den rein auf das Regierungshandeln bedachten Politikern.

Der Produktivismus ist der zweite große Gegenstand der Kritik von Culp. Er prozessiert qua einer Logik der Akkumulation und begrenzt jede Produktion auf die erweiterte Reproduktion. Der Mehrwert, der in einer gegebenen Produktionsphase produziert wird, kann (wenn er nicht einfach als Geld gehortet wird) in der nächsten Phase nur durch ein erweitertes Reinvestment in Maschinen und Rohmaterialien einerseits erhalten und andererseits vergrößert werden. Ohne Vermehrung keine Erhaltung. Und weitergehend: Keine Kapitalisierung und Vermögensgenerierung ohne die Expansion von Schulden. Da das Kapital als Bewegung von Geld zu Geld nur in quantitativer Verschiedenheit fungiert, funktioniert es als Verhältnis nur im Bezug zum Mehr. Die Quantifizierung des Kapitals zerstört heute aber tendenziell jede Basis der Quantität, indem sie jede Quantität zu erlauben scheint und nur noch verlangt, dass quantifiziert wird. Diese reine Theorie des Kapitals, die im Superkapital kulminiert, produziert als ihr Abjekt eine globale Surplusbevölkerung in ungeahnten Dimensionen. Je reiner das Kapital, desto mehr menschlicher Abfall.

Auch die Affirmation muss im gleichen Atemzug als ein simples Mehr gelesen werden, wie man in der Assemblage Theory und Latours Kompositionalismus beobachten kann. Diese Sichtweise beruht auf dem Prinzip der Akkumulation, dem eine Theorie der Exploitation fehlt und das die Macht der Unterbrechung gar nicht erst in Augenschein nimmt. Das mächtigste System der Autoproduktion ist also das Kapital selbst, das auf globaler Ebene Hunderte von Millionen Menschen in die Armut wirft und eine riesige Surplusbevölkerung produziert, der selbst noch das Recht, die Arbeitskraft zu verkaufen, verwehrt bleibt, das Kriege der Verwüstung anzettelt und die Subjekte peniblen Kontrollsystemen unterwirft. Auch in den Kernzonen des Kapitals entsteht längst ein Surplus Proletariat, das zu arm zur Verschuldung und zu reich zur Einsperrung ist. (Es kann keinerlei Kompromisse mit dem gegenwärtigen globalen System des Kapitals geben, wie dies etwa der linke Akzelerationismus anstrebt, wenn er für einen Postkapitalismus plädiert, für einen universellen Normativismus unter dem Deckmantel aufklärerischer Rhetorik. )

Culp will mit Dark Deleuze zum dritten die destruktive Kraft der Negativität in Szene setzen, mit der man den Hass gegen die Welt, wie sie ist, kultiviert. Zugegebenermaßen spricht Deleuze oft von einer freudvollen Affirmation und äußerst dabei seine Ablehnung der Negativität, die er dann im Zuge seiner Nietzsche Interpretation immer in Verbindung zum Ressentiment setzt. Im Kanon der Freude ist der Kosmos eine komplexe Kollektion von Gefügen, die durch andauernde Prozesse der Differentation/Differenzierung produziert werden. Die Kreation von Konzepten, die sagen, wie die Welt ist, erscheint hier als ein eminent genussvoller Prozess. In diesem Kontext sind es heute die Denker des Realismus (OOO, Spekulativer Realismus, De Landa etc.), die versuchen mithilfe einer deleuzianischen Metaphysik der Positivität eine neue Ontologie zu kreieren.

In einer Ära banaler Aufrufe, Marktslogans und Werbung fühlt es sich aber seltsam an, affirmativ und konstruktiv zu sein. Man kennt die Slogans und Redewendungen: »Wenn du nichts Freundliches zu sagen hast, dann sage lieber gar nichts«, »wenn konstruktive Gedanken verbreitet werden, dann wird dies positive Folgen haben«, oder einfach, »sei konstruktiv, nicht destruktiv.« In Wirklichkeit wohnt dieser Positivität, die Han als die Gewalt des Gleichen und Baudrillard als die Fettleibigkeit des Systems bezeichnet, selbst etwas Destruktives, rein Akkumulatives und Komatöses inne, das entweder im kollektiven Infarkt oder zumindest in einer allgegenwärtigen merkwürdigen Stimmung mündet; Melancholie im Inneren, verschnitten mit einer Menge Wahnsinn an der Oberfläche. Man glotzt, kommuniziert und designt bis zur Bewusstlosigkeit.

Die homogene Zeit kriecht voran, und zwar nicht mittels der »nackten Wiederholung«, die immer nur dasselbe wiederholt, sondern gerade mittels der von Deleuze oft erwähnten »bekleideten Wiederholung« von Differenzen, die im Zuge der Wiederholung der Variation die Bedingung ihrer eigenen Wiederholung interiorisiert; i. e. »bekleidete Wiederholung« ist die Interiorität des Werts als Differenz in sich selbst. (Mit Nietzsche lässt sich behaupten, dass die Eigenschaften eines Dings nur Effekte für andere Dinge sind. Wenn man nun den Term »anderes Ding« eliminiert, dann hat ein Ding gar keine Eigenschaften mehr, und die Folgerung daraus lautet, dass es definitiv kein Ding ohne andere Dinge gibt, i. e. es dominieren absolut die Relationen. Oder anders gesagt, die Dinghaftigkeit löst sich in den Strom der differenziellen Ereignisse auf. )

Es zirkuliert permanent der Schein radikaler Neuheit, während man in Wirklichkeit bewahrt. Man müsste jetzt von so etwas wie einer Versität (Gleichmachung) sprechen, einer Inversion und Mutation der Diversität. Sie meint nicht die Eliminierung von Differenz bzw. der sozial-kulturellen Differenzierung, ganz im Gegenteil benutzt Versität die Differenz als ihr reales Substrat, um bestimmte standardisierte Organisationssysteme zu generieren. Ständig werden neue Ordnungssysteme und Machttechnologien generiert, welche die Differenzen absorbieren oder modulieren.

In einer Zeit, in der tendenziell alle Aspekte des Lebens quantifiziert, gemessen und spekulativ gehandelt werden, erlangt der nebulöse Term »Kreativität« eine überragende Aktualität; er ist Teil einer neuen diskursiven Formation der Finanzialisierung. Die Finanzialisierung setzt einen Trieb, ja geradezu ein spekulatives Ethos für das »Neue« in Gang, einen Appetit für die derivative, punktierte Performance des »Neuen«. Wenn heute die Marketingmanager für sich proklamieren, sie seien die kreativsten aller kreativen Geschöpfe, so schreibt Culp. dann sei es wirklich Zeit das Konzept der Kreativität als zentraler Mechanismus der Befreiung komplett zu verabschieden.

Um ihre Qualität für Investoren zu demonstrieren, müssen Unternehmen und Subjekte heute nicht nur zukünftige Profitabilität versprechen, sondern auch ihre zukünftigen Innovationen, das konstante Revolutionieren ihrer Produktionsmittel, der Outputs, der Distribution und des Verkaufs beglaubigen; es entsteht eine Ökonomie, die geradezu pathologisch von der Hyper-Performance des Kreativen getrieben wird. Das Konzept der Kreativität funktioniert ähnlich einem finanziellen Asset, das als ein Instrument der Macht fungiert, welches über die Bewertung und den Vergleich der Outputs der Akteure diese permanent dazu auffordert, noch etwas kreativer zu sein als bisher, womit im Endeffekt keiner mehr kreativ genug ist. Dies korreliert einem mit wechselnden Identitäten ausgestatteten Selbst, einem Dividuum, das jedes empfangene Missgeschick als Folge falsch behandelter Risiken, als persönliche Konsequenz falscher Investitionsentscheidungen versteht. Wellness wird zur moralischen Verpflichtung von leistungsbereiten Akteuren, die sich an den Arbeitsmärkten wie Castingteilnehmer aufführen müssen, während für viele im Rücken die nackte Angst lauert..

Entgegen der landläufigen Deleuze Rezeption, die in der von Deleuze immer wieder betonten a-logischen Figur der inklusiven Disjunktion ein subversives Moment vernimmt, gilt es darauf hinzuweisen, dass Deleuze dieser Art der Verbindung auch skeptisch gegenüberstand. Es handelt sich bei der inklusiven Disjunktion um einen Prozess, der fremde oder gar feindliche Entitäten miteinander in Beziehung setzt, ohne dass sie eine gemeinsame »Logik« bezüglich des verhandelten Gegenstandes teilen müssen. Die Form der inklusiven Disjunktion beinhaltet, dass das ausschließende_Oder_ zwar nicht zum rein einschließenden und additiven _Und_, aber doch zum_Und Oder_ transformiert wird.

Laruelle führt eine andere Figur ein, die der »unilateralen Dualität«, die Determination des zweiten durch den ersten Term, aber auch die Determination der Relation zwischen dem ersten und dem zweiten Term durch den ersten Term. Gleichzeitig hält der zweite Term seine Kontingenz bei, aber nur insofern der erste Term den zweiten Term nicht absolut, sondern radikal postuliert (und deshalb auch nicht durch ihn determiniert werden kann). Die Eins determiniert ganz ohne jede philosophische Emotion die Zwei. Der Tausch oder die Reziprozität zwischen dem ersten und dem zweiten Term ergibt sich einzig und allein aus der Perspektive der Zwei. Was die duale Philosophie hier zu einem Teil des Kapitals macht, das ist das Teilen eines Gesichtspunktes, der den Tausch für immer und ewig möglich hält (der Tausch steht für das Kapital allerdings immer unter der Dominanz des Surplus). Für Laruelle stellt sich angesichts der Bevorzugung der Immanenz die Frage des Dritten nicht, man lebt im Realen, das aber abgeschlossen bleibt. (Superposition und Idempotenz erfordern folgende Formel: 1+1=1) Auch Marx bezieht sich auf eine unilaterale Dreiwertigkeit, Wert, Tauschwert und Mehrwert. Der entscheidende Term ist Mehrwert, nicht Kommodifizierung.

Deleuze/Guattari stellen, wenn man sie jenseits der logischen Figur der inklusiven Disjunktion liest, eine Nicht-Beziehung zwischen den ersten beiden Termen und dem dritten Term vor, insofern der dritte, der nomadische Term, die beiden anderen Terme nicht synthetisiert, sondern sich radikal von ihnen abtrennt. Dabei werden zunächst zwei Terme innerhalb eines einzigen Gegenstandes gedacht (beispielsweise die liberale und die autoritäre Komponente des Staates), wobei der dritte Term des widerständigen Nomadischen keineswegs die Synthesis der beiden Terme oder die Fortschreibung der Differenz, sondern die Herstellung einer Beziehung zum Außen anstrebt. Culp zufolge sollte man Widersprüche durch die radikal exklusive Disjunktion ersetzen. In vielen Texten von Deleuze wird die Negativität (und damit die Beziehung zum Außen) auf der Ebene des Konzepts durch eine ganze Reihe von Präfixen, die die Differenz, das Werden und die Bewegung betreffen, angezeigt – de-, a-, in- und nicht-. Hier findet man deutliche Parallelen zu Laruelle, dessen Präpositionen als Operatoren fungieren, mit denen die Zugehörigkeit zu der Welt, wie sie ist, tunlichst vermieden wird, man denke an ohne- (ohne-Konsistenz, ohne-Welt) und nicht- (nicht-konzeptuell, nicht-definitorisch, nicht-philosophisch).

Culp schlägt weitergehend die Konspiration von antagonistischen Termen vor, die gegenüber jeder glücklichen Kreation von Termen, die aufeinander bezogen sind, sei es, dass sie sich teilen, sei es, dass sie sich synthetisieren, de jure divergieren. Die Konspiration von „Dark Deleuze“ besteht aus einer ganzen Serie von Antagonismen, die keine Gegensätze bilden, die in dialektischer Opposition zueinander stehen, um sich gegenseitig zu ergänzen. (strikte Antinomie; Ritsert, Es gibt die Einheit der Momente, die zugleich in einem Gegensatz zueinander stehen; gleichzeitig impliziert jedes der beiden Momente eine Wesensmerkmal des gegensätzlichen Anderen in sich) Eines der zentralen Argumente von „Differenz und Wiederholung“ besteht darin, dass die Philosophie das Denken auf die Äquivalenz und die logische Identität zwischen zwei Termen reduziert hat. Das Denken der Antagonismen muss dagegen jede Nachbarschaft zum Denken der Ähnlichkeit, der Analogien und der Opposition vermeiden. Und es gibt noch einen zweiten Grund Oppositionen zu vermeiden: Sie implizieren als friedliche Auflösung nämlich die goldene

Mitte. Der vermittelnde Kompromiss sei, so Culp, die größte Tragödie und dies gilt auch für Mitte. Der vermittelnde Kompromiss sei, so Culp, die größte Tragödie und dies gilt auch für die Dualismen, die Deleuze/Guattari in Tausend Plateaus aufgelistet haben: glatt/gekerbt; molar/molekular; baumartig/rhizomatisch. Um dem Dualismus und der goldenen Mitte zu entkommen, muss man die konzeptuellen Paare durch einen dritten, einen komplett unabhängigen Term erweitern, der ganz aus dem Außen kommt. Dazu schlägt Culp ein Diagramm vor, in dem die gegensätzlichen Terme nicht so gegeben sind, als würde der eine Term den anderen implizieren, sondern die dunklen Terme werden einzig und allein ins Spiel gebracht, um ihre Macht anzuzeigen, mit sie die gegensätzlichen Terme usurpieren. Culp will den Leser dazu anstiften, mit ihm die fremden Pfade der dunklen Alternativen zu gehen – nicht-dialektisch, nicht telisch – und plädiert für einen nicht-teleologischen Pfad der Negation und des Widerstands, um die barbarischen Kräfte des Außen zu erneuern. Im Kontext der Figur des Migranten hat kürzlich auch Thomas Nail einen neuen Barbarismus eingefordert. Von den Barbaren lässt sich sagen, dass sie zum ersten nicht in der offiziellen Sprache der Politik sprechen, und zum zweiten bekämpfen sie mit ihren Aktionen die etablierten Normen der Zivilisierung.

Das alles ist nicht all zu weit von Adornos Negativer Dialektik entfernt. Negation bedeutet für Adorno die Entgegensetzung, die Entzweiung oder die Antithese einer Bestimmung, etwas, was verneinend ist, während sich das Negative auf das Unwahre, das Unwesen bezieht, auf das, was verneint und zerstört werden soll. Negation ist die verneinende kritische Wirkung des Denkens, das die »Gesellschaft« als eine Totalität des Leidens begreift. Sie impliziert eine kritische und widerstehende Haltung gegen die als negativ begriffene und erfahrene gesellschaftliche Realität und zugleich den Impetus, den negativen Gegenstand abzuschaffen. Aus der Negation der Negation soll allerdings im Gegensatz zu Hegel keine Synthese entstehen, weil die Negation in diesem Fall nicht negativ genug wäre, vielmehr insistiert die Negation als eine verneinende Tätigkeit bzw. als Kritik am negativen Zustand. »Aber ich habe immer wieder das Gefühl, daß man, wenn man es nicht im Negativen aushält oder zu früh ins Positive übergeht, dem Unwahren in die Hände arbeitet.« Das Leiden und das Nicht-Identische sind konstitutive Begriffe für das Politische bei Adorno, i.e. der mimetische Impuls, das Leiden des anderen als eines von sich selbst wahrzunehmen. Jede Praxis des Widerstands erfordert, dass das Leiden prägnant wird und nichts anderes heißt dann eben Kultivierung des Hasses, den Culp als Affekt vom Ressentiment radikal abgrenzt. Der Hass unterbricht eine Situation, den gerade stattfindenden Bedeutungsfluss und die darin stattfindenden Interaktionen und in diesem Sinne ist er negativ, wobei gerade durch die Unterbrechung die Situation auch gezwungen wird, um die Unterbrechung herum sich neu zu organisieren. (Die Phänomene des Leiden wahrzunehmen bringt erst die Perspektive ans Licht, dass die Ursache des Leidens auf Antagonismen beruht, deren Ursprung in der strukturellen Dimension des Kapitalverhältnisses liegt.)

Hinsichtlich der Affekte ist die Negativität auf die Unwahrnehmbarkeit, die Konspiration, die Scham Mensch zu sein und auf die monströse Macht des Schreis bezogen. Trotz des Plädoyers für Deleuze als Denker der Negativität und der hier vorgestellten Präferenz für die Differenz-als-Exklusion und die Asymmetrie, die beide konträr zur inklusiven Disjunktion stehen, würde man einen Fehler machen, darauf hat Jose Rosales hingewiesen, dies alles nur als eine Kritik am Hegelianismus zu verstehen, versucht doch Dark Deleuze vor allem die Rekonstruktion eines politischen Deleuze auf Grundlage eines qualitativ anderen Sets von Konzepten zu leisten: Zerstörung der Welt, Asymmetrie, Nicht-Werden, Diagrammatik, Macht des Falschen und die politischen Strategien der Nicht-Repräsentation, der Opazität und der Unwahrnehmbarkeit. (Für Deleuze wird eine asymmetrische Relation zunächst zwischen den Serien heterogener Terme etabliert und drückt in jedem Moment die Natur dessen aus, das sich nicht teilt ohne dabei seine Natur zu verändern. Eine Asymmetrie zwischen den Elementen der Kräfte, die in einem System fungieren oder zwischen den Relationen von multiplen Systemen.) Es geht darum, dass die Asymmetrie es erlaubt, dass die Differenzen proliferieren und dies heißt für Culp einen dunklen Deleuze als einen Denker zu entwickeln, der in seiner Betonung des Revolutionär-Werdens, das als ein politisches Projekt sich der Aufgabe widmet, diejenigen Aspekte der Welt zu zerstören, die uns zerstören, politische Prinzipien besitzt und zugleich die kompromisslose Asymmetrie zur Welt voraussetzt. Die Asymmetrie ist letztlich eine Frage des politischen Kampfes, selbst wenn sie formal auf der Diagrammatik beruht. Ihre bisher beste Realisierung war für Culp die Guerilla des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wenn es um Konzepte geht, dann will Andrew Culp in „Dark Deleuze“ apokalyptische Science Fiction schreiben. Der Agent, der die Zerstörung der Welt betreibt, ist ein kollektiver Agent des Nicht-Werdens, der den Assemblagen und Netzwerken, wenn sie, wie heute rein integrativ und komatös wirken, entgegengesetzt ist. Werden, sagt Culp, ist in Wirklichkeit ein Prozess des Nicht-Werdens; Werden ist ein Prozess der Subtraktion und des Entzugs von dieser Welt. Dies erfordert auch die Abkehr von der Entdeckung von etwas in dieser Welt, an das man glauben kann, weil man ansonsten das Gegebene nur weiter affirmiert, indem man tatsächlich daran glaubt, dass diese erbärmliche Welt schon die Materialien für eine bessere enthielte. Noch weltbejahender schreibt der Deleuzianer Brian Massumi: Wir müssen so intensiv leben leben, dass es keinen Zweifel an dieser Realität gibt.“ Das ist das

Eingeständnis der totalen Niederlage. Demgegenüber sollte man „Dark Deleuze“ als eine Anstiftung lesen, aber keineswegs nur als eine Anstiftung zu einem anderen Denken, sondern als eine Anstiftung Begriffe als Werkzeuge, ja als Waffen einzusetzen, um mit ihnen keinesfalls zur Kreation von neuen Welten, sondern zur Destruktion der Welt vorzustoßen, und zwar nicht nur dieser Welt, sondern der Welt an sich. Culp schreibt: Das Ende dieser Welt ist der dritte Tod in einer Reihe von Toden – der Tod Gottes, der Tod des Menschen und nun der Tod dieser Welt. Das ist kein Aufruf, die Welt physisch zu zerstören. Der Tod Gottes ruft nicht zum Angriff gegen die Priester oder zum Anzünden der Kirchen auf, und der Tod des Menschen schlägt keinen Genozid oder die Ausrottung der Spezies vor. Jeder Tod prangert ein Konzept als unzureichend an, kritisiert diejenigen, die immer noch an es glauben und fordert seine Beseitigung als ein Konzept des Denkens.“

Warum aber nun Zerstörung der Welt an sich? Kant argumentiert, dass wir uns kein festgelegtes Urteil über die Welt als der synthetischen Totalität all ihrer Erscheinungen machen könnten, wobei gerade dies demonstriere, dass die wahre Funktion der Ideen keine informative, sondern eine regulative sei. Es ist aber das Kapital, das sich heute der Aufgabe, die durch diese regulative Idee der Welt gegeben wird, als vollkommen adäquat erweist. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Venähung zwischen der (Idee von der) Welt mit den Funktionsweisen des Kapitals kann man erst die Notwendigkeit eines dunkleren Deleuze verstehen. Culp schreibt: Das ist kein banaler Katastrophenfilm, dessen Ambitionen gewöhnlich darauf begrenzt sind, uns darüber zu unterrichten, was das Allernotwendigste zum Überleben ist. Die Katastrophe zu schreiben heißt zu zeigen, wie man aus dieser erstickenden immerwährenden Gegenwart ausbrechen kann, während die Gegenwart sich mit einer erdrückenden Dringlichkeit dahinschleppt.“ Dark Deleuze zeigt uns einen Aspekt von Deleuze, der die destruktiven Aspekte der Fluchtlinien hervorhebt und nach den Mitteln für eine praktische politische Strategie sucht, die auf der Erkenntnis basiert, dass die (Idee von der) Welt und das »Welt-Bilden«, wie es gegenwärtig durch das Kapital vorgeführt wird, seinen ursprünglichen regulativen Zielsetzungen nicht mehr gerecht wird. Folglich wird das »Subjekt« der Weltzerstörung sein revolutionäres Potenzial in dem Maß gewinnen, wie es vermeidet, die »Gründung einer neuen Ordnung, die auf einem neuen Bild der Welt beruht, [vorzunehmen]«.

Diagramme sind heute ein wichtiger integrativer Teil der technisierten Informations- und Wissensproduktion des Kapitals, wobei man sie weniger als Darstellungsmedien, sondern als gespeicherte Zustände von abstrakten Rechenmaschinen, die stets auf dem Sprung sind, operativ zu werden, definieren sollte. Culp plädiert auch hier für eine andere Sichtweise: Diagrammatik  nennt er nicht den Prozess, wodurch das Denken einfach die Struktur der Realität dessen, was gegeben ist, kartographiert, sondern den Prozess des Extrahierens und des Zuordnens von einzigartigen Punkten eines Gefüges expliziert, um zu erkennen, welche Schwellen in eine revolutionäre Richtung getrieben werden können. Dark Deleuze orientiert sich an einer Art Diagrammatik, die Culp selbst als »asymmetrisch«, im Gegensatz zu »komplex«, bezeichnet. Sich für die Diagramme der Komplexität zu entscheiden, sagt Culp, beinhalte nichts weiter als die simple Reflexion der Welt, wie sie für das Denken (für Deleuze ist Denken Katastrophe, Transformation und Invention und wird uns aufgezwungen)je schon vorhanden sei. Die Metapher der Komplexität kulminiert letztendlich in einer flachen Ontologie, die zu einer Vereinheitlichung der Diversität und der Gleichmachung der Ungleichheit führt. In diesem Sinne stehen die Terme »Komplexität«, »inklusive Disjunktion« und »Realismus« noch nicht einmal für Positionen, die man entweder kritisieren oder verteidigen kann, insofern sie eben schon längst schon determinierende Features der kapitalistischen Realität sind. Wir erreichen nichts, wenn wir eine Position verteidigen, die auf der »Komplexität der Realität« besteht, da, so Culp, dies nichts mehr sei als eine banale Wiederholung der logischen Identität, die sich als neue theoretische Einsicht maskiere. .

Deleuze war bekanntermaßen von Linien besessen. Diese Linien findet man in den Falten, die eine Welt verbinden, in der »die Beziehungen ihren Termen äußerlich [sind]« (H, 125)., Wichtiger noch: Faltung ist Bewegung. Das Innen wird nicht aus dieser Welt entfernt; vielmehr ist das Innere eine Operation des Außen (F, 99). Solch ein »Einfalten « ist eine Strukturierung. Aber das Falten zählt im Rhythmus der Bewegung nur für einen Moment; es wird durch das Entfalten ergänzt – »Entfalten [ist] Vermehren, Wachsen, und Falten [ist] Vermindern, Reduzieren, ›Rückkehr in die Tiefe einer Welt‹«». Der Prozess des Entfaltens, schreitet vermittels der exklusiven Disjunktion voran. So ist es gerade der spezifische Modus des Guerillakampfes, dem die Prozesse des Entfaltens/Explizierens entsprechen, das heißt die Exklusivität der Differenz als exklusive Disjunktion ermöglicht eine andere »Philosophie der Differenz« , ein bewaffnetes Konzept der Differenz, das unvereinbare Differenzen in einer Welt nach sich zieht, die es verdient, zerstört zu werden.

Die Macht des Außen eröffnet die wichtigste Fluchtlinie, sie erfordert eine Politik, deren korrelierende Konzepte Unwahrnehmbarkeit und Opazität als diejenigen Mittel sind, mit denen das Projekt von Dark Deleuze weitergeführt werden kann. Culp resümiert: Die Flucht muss nicht trostlos sein, selbst wenn sie negativ ist. Die Flucht ist niemals aufregender, als wenn sie sich in die Straßen ausbreitet, wo das Vertrauen in die Erscheinungen, das Vertrauen in die Worte, das Vertrauen untereinander und das Vertrauen in diese Welt in eine mobile Zone der Unwahrnehmbarkeit zerfallen (Fontaine, ›Black Bloc‹).

Hier gilt es allerdings, auch darauf hat Jose Rosales hingewiesen, auf die Relevanz der Unterscheidung zwischen ontologischer und politischer Bedeutung der Flucht hinzuweisen. Culp besteht gerade bezüglich der theoretischen Praxis darauf, die Unwahrnehmbarkeit nicht einfach als eine ontologische Kategorie zu verstehen, weil man sonst in all die Irrtümer der affirmativistischen Lesarten zurückfällt, die Deleuze als den Denker vorstellen, dessen

einziges Ziel es war, sich selbst ständig damit zu beschäftigen, den intrinsischen Wert der legendären »Nacht, in der alle Kühe schwarz sind« zu entdecken, vielmehr sind die Unwahrnehmbarkeit und Opazität als politische Werkzeuge zu entwickeln, um diese Welt zu bekämpfen. Diese Welt der Differenz trennt die legendäre »Nacht, in der alle Kühe schwarz sind« von der Nacht des Aufstands, »in der alle Demonstration gleich aussehen.« Der primäre Aufstand ist keine Forderung, sondern ein Bürgerkrieg, schlussfolgert Joshua Clover im Gleichklang mit Tiqqun. Der Aufstand, so resümiert Joshua Clover, sei eine privilegierte Taktik, die heute für die Kämpfe in der Zirkulationssphäre stehe, die Unterbrechung, die Blockade, die Besetzung und schließlich am Horizont die Commune. Aus der Sicht des Aufstands selbst geht nicht nur um die Beteiligten, um ihre kollektiven Aktionen und Visionen, sondern um die Zusammenführung von Krise, Surplusbevölkerung und Rasse.

Riots entstehen angesichts des Aspekts, dass sie keine Struktur als Potenzialität (aller möglichen Fälle) enthalten, quasi aus dem Nichts; dieser spezifische Bruch aus dem Nichts erzeugt seine eigene Zeitlichkeit und seinen eigenen Surplus, das Moment, an dem der Aufstand das polizeiliche Management der Situation sprengt und sich selbst vom alltäglichen Leben entkoppelt. Das kollektive Revolution-Werden ist ein Film der falschen Schnitte. Die Macht des Falschen hat rein gar nichts mit molekularer Politik gemeinsam, denn gerade die derivative Ökonomie funktioniert heute mit wachsenden Schwärmen von Mikroregulationen: Die Revolution war molekular, die Konterrevolution war es nicht weniger«, sagen Tiqqun.

Von vielen Deleuzianern wird die Welt immer noch rein durch die Brille der Aufklärung gesehen, der Erleuchtung, aber es geht darum sie zu verdunkeln. Mit dem Term Dunkel signifiziert Culp das Außen, das Kontingente, das Aleatorische, die schwarze Zukunft, die Leere, das Äon, die Katastrophe, das Akzidentelle oder gar mit Laruelle das Reale. Das ist ein erstaunlicher Gedanke bei Laruelle: ein Reales, das vom Tausch unberührt bleibt, eine unbekanntes Reales, für das Kapital unerkennbar. Die wichtigste Instanz der Helligkeit, die Konnektivität, ist hingegen nichts weiter als die Realisierung des techno-affirmativen Traums von der kompletten Transparenz. Culp bringt an dieser Stelle die Metapher der Gruft ins Spiel: Für Deleuze falten sich solche Räume in sich selbst, indem sie simultan die Autonomie des Innen und die Unabhängigkeit der Fassade als ein Innen ohne Außen und ein Außen ohne Innen ausdrücken, je nachdem wie man es sieht. Es geht hier also keineswegs um die Gleichsetzung der Gruft mit dem Tod, sondern um die Projektion einer neuen unterirdischen architektonischen Macht. Von der Metapher der Gruft bezieht Culp auch das Moment der Konspiration. Sie ist gesättigt mit Negativität, aber nicht im Sinn von Antinomien. Man sollte lernen entschieden Nein zu denjenigen zu sagen, die die Welt so nehmen, wie sie ist.

Der Dunkle Deleuze hat einiges mit dem Schwarzen Laruelle gemein. Es geht darum aus der Perspektive des Schwarzen zu denken, das die Farbe in der letzten Instanz determiniert, jedoch nicht limitiert.. Blackness befindet sich jenseits der Ontologie, sie ist keine Absenz des Weißen, keine Negation der Farbe oder einfach nur der Gegensatz zum Licht. Schwarz besitzt seine eigene Präsenz, aber die Präsenz des schwarzen Universums ist nicht an die Operationen der Positivität gebunden, der doppelten Negation oder an das Unbewusste. Es geht um die radikale Abgeschlossenheit gegenüber dem philosophischen Sein. Für Alexander Galloway bietet Laruelle mit seiner Konzeption des Schwarzen ein neues Uchromia an, eine Utopie, die auf einem generischen schwarzen Universum basiert. Als ein Beispiel wählt Galloway die Verfassung Haitis aus dem Jahr 1804, die alle Bürger als schwarz erklärt, und zwar unabhängig von ihrer Hautfarbe. Es geht um eine neue Form der schwarzen Gerechtigkeit, die unilateral durch das Reale, aber niemals durch eine weltliche Realität determiniert wird. Wenn du deine Augen nur ein bisschen öffnest, wirst du weiß sehen, aber wenn du sie ganz öffnest, wirst du schwarz sehen. Wir sind diese Nacht.

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