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Epilog: Das Projektil sind wir.

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26 Mai , 2017  

In seinem Aufsatz Kritische Theorie und Praxis schrieb Hans- Jürgen Krahl: „Begriff ist Identität“. So hätte es auch Gudrun Ensslin formulieren können. In vielen Texten der Stammheimer Gefangenen sind Bezüge auf Krahl zu finden, der selber 1967 schon von der Notwendigkeit sprach, „durch sichtbar irreguläre Aktionen die abstrakte Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewissheit werden zu lassen“, um den Massen, die die „äußerliche Gewalt“ verinnerlicht haben, zu einem Bewusstsein, einem Begriff darüber zu verhelfen, der sie in die Lage versetzt, sich zu befreien.

Kollektiver Begriff über ihre innere und äußere Lage war das, um was die Gefangenen, isoliert voneinander, gekämpft haben. „Das Projektil sind wir“ war eine der Bestimmungen aus der Auseinandersetzung der Gefangenen. Ich meine etwas Ähnliches einst bei Nazim Hikmet gefunden zu haben. Mit dem Satz „Das Projektil sind wir“ wird die Freisetzung der menschlichen Energie für ein befreites Leben gefordert und für unabdingbar gehalten. Unter befreitem Leben verstand die RAF kein Nirwana, sondern die Aufhebung der Entfremdung, also eines gesellschaftlichen Zustandes, in welchem die Welt, die der Mensch produziert, ihn beherrscht und nicht als eigene Schöpfung begriffen werden kann.

Aufhebung der Entfremdung bedeutete also, dass die Menschen sich über ihr Leben ermächtigen. Das hat zur Legitimation eine Voraussetzung: das Kollektiv. So kann man die Frühschriften von Marx auch lesen. Nach Sartre lebt die Menschheit noch im Stadium des Vor-Menschen. Erst mit der Revolution, die sie zum kollektiven Subjekt über die bis dahin blind wirkenden Kräfte der von ihr geschaffenen „Zweiten Natur“ erhebt, beginnt die wirkliche Geschichte der Menschheit.

In der Revolte der sechziger Jahre – wie in jeder wirklichen Revolte – war etwas von der befreienden Macht des Menschen über sich selbst aufgeschienen und wurde in unserer Generation zur materiellen Erfahrung, dass ein anderes Leben möglich ist. Es hat viele ergriffen, aber nicht alle auf Dauer geprägt. Diejenigen, die von dieser Erfahrung geprägt wurden, wollten sie nicht mehr loslassen. Es waren die Genossen, von denen Krahl auch schrieb, dass sie nicht mehr bereit waren, einen „abstrakten Sozialismus, der nichts mit der eigenen Lebenstätigkeit zu tun hat, als politische Haltung zu akzeptieren.“ Der Kampf musste die Veränderung des eigenen Subjekts beinhalten.

Krahl erkannte ebenso, dass in den Strukturen der revolutionären Organisation das Ziel bereits antizipiert sein muss. Das hatte die RAF versucht. Daran muss, gegen eine Renegatengeschichtsschreibung, heute erinnert werden. Das war eine Anziehungskraft der RAF, die Verheißung aller Revoltierenden: der neue Mensch. Die ganze Person musste eingesetzt werden und sich von allem Bürgerlichen trennen. Bis in die Orthografie hat die RAF nichts Altes bestehen lassen wollen. Das Mystische taucht als zweite Figur neben der materialistischen in allen Kämpfen auf, wo Menschen sich befreien, denn der Ursprung des Lebens hat keine Rationalität. Alles, was mit dem Menschen zu tun hat, hat auch gleichzeitig etwas Existenzialistisches.

Die RAF scheiterte außen an gesellschaftlichen Bedingungen, die für eine Revolution nicht reif waren, und innen, weil ihr Kollektiv im Machtkampf mit der „außerökonomischen Gewalt“ des bürgerlichen, warenproduzierenden Systems, also dem Staat, am Ende sich nur noch auf sich selbst bezog, gesellschaftlich sozusagen „privat“ wurde.

Das kann, das muss man ihr grundsätzlich politisch vorwerfen. Sie hatte zum Schluss nur noch eine Wahl: wie sie verlieren sollte. Der Tod in Stammheim wollte das „Private“, den delegitimierenden, selbstverschuldeten Teil in der Niederlage wieder aufheben, das politische Verhältnis zur abgelehnten Gesellschaft in seiner existenziellen Entschiedenheit wiedererkennbar machen. Der Bruch mit diesen Verhältnissen blieb ür die Stammheimer dort, wo sie ihn im Aufbruch haben wollten: im Unumkehrbaren.

Aus dem Scheitern der RAF – stellvertretend für jeden revolutionären Kampf – aber ein Bekenntnis zu machen zu einem System, das Gleichheit nur in der Objektstellung aller Menschen herstellt, kommt in der Regel von denen, die, wie Marx sagt, zwar auch entfremdet sind, auf Grund ihrer privilegierten gesellschaftlichen und ökonomischen Lage diese Entfremdung als Scheinsubjekte aber noch genießen können. Sie sind unlauter.

Mit dem Leben wird die Revolte bleiben.

 

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