Biopolitics, EconoFiction

Jason W. Moore und das Kapitalozän: Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital

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30 Jan , 2016  

In einem Interview zu seinem bei Verso im Jahr 2015 erschienenen Buch „Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital“ fordert Jason W. Moore dazu auf, endlich den Dualismus, der  Ökonomie und Ökologie als getrennte Bereiche fasst, zu überwinden  und stattdessen die Relationen zwischen beiden Bereichen in den Vordergrund zu stellen. Wenn man verstünde, dass die Relationen zentral seien, dann würde man beispielsweise begreifen, wie und warum die Wall Street auch ein Modus sei, die Natur zu organisieren. Man begreife schließlich, wie die gegenwärtigen Turbulenzen an den amerikanischen und chinesischen Aktienmärkten mit den Problemen des Klimas und des Lebens auf diesem Planeten in einer Art und Weise zusammenhingen, wie sie noch nicht einmal radikale Ökonomen gewillt wären, wahrzunehmen.

Eine innerhalb des Gesellschaft-Natur-Dualismus verbleibende Theorie ist auch die gegenwärtig hoch im Kurs stehende Theorie des Anthropozän. Danach beginnt die für die Menschheit entscheidende Entwicklung im England des 18. Jahrhunderts mit der Dampfmaschine und der Kohle. Lange davor ließe sich aber laut Moore schon die Potenz des Kapitals feststellen, die Umwelt zu transformieren, was Geschwindigkeit, Umfang und Messungen angeht. Zudem seien in Fragen der Ökologie die Probleme und Verantwortlichkeiten des Kapitals nicht die der Menschheit. Etwas anderes zu behaupten sei eine zutiefst rassistische, anthropozentrische und eurozentrische Sichtweise der Dinge. Moore ersetzt deshalb den Begriff des Anthropozän durch den des Kapitalozän. Dafür spricht auch, dass im Zeitraum zwischen 1700 und 2008 das Kapital sich um den Faktor 134 vermehrt  hat, während im selben Zeitraum die Bevölkerung nur um den Faktor 10 wuchs. Für die Dynamik der Erdtransformation ist somit vor allem die  Kapitalakkumulation und die Aneignung billiger Natur durch das Kapital verantwortlich.

In dieser Besprechung des Buches von Moore geht es darum, einige wichtige Linien der Argumentation nachzuzeichnen. Kritik an seinem Theorieansatz wird dabei nur am Rand vermerkt, wie es hier auch unmöglich ist, auf das reichhaltige empirische Material einzugehen, das Moore heranzieht, um seine grundlegenden Thesen zu stützen.

Kapitalismus ist für Moore immer mehr als nur Ökonomie oder System, nämlich eine Art und Weise, die Natur zu organisieren. Er spricht vom Kapitalismus als einer Welt-Ökologie, die den Zusammenhang zwischen Kapitalakkumulation, dem Streben nach Macht und die Ko-produktion der Natur stiftet und organisiert. Dabei wendet sich Moore zunächst gegen die bis heute immer weiter wuchernden Auffassungen von René Descartes. Das aktuell geltende dualistisch-kartesianische Narrativ erzählt Moore zufolge Folgendes: Kapitalismus emergiert aus der Natur, zieht Reichtum aus der Natur und degradiert damit die Natur. Und irgendwann kommt dann die Katastrophe, die Natur kollabiert und rächt sich am Menschen. Diese Perspektive auf die Natur als ein gegenüber dem Menschen externer Faktor ist eine fundamentale Bedingung für die Affirmation kapitalistischer Akkumulation. Der Kapitalismus als ein historisches Projekt versucht die als extern diskursivierte Natur zu codieren, zu quantifizieren und zu rationalisieren, um beständiges wirtschaftliches Wachstum zu gewährleisten.

Moore macht von vornherein deutlich, dass es ihm um eine vollkommen andere Konzeption von Natur geht. Das, was er „Web of Life“ nennt, das ist die Natur um uns, als uns und in uns. „Web of Life“, das ist das komplexe Zusammenspiel von Organischem und Anorganischem als eine permanent wechselnde Angelegenheit; es geht um mehrschichtige Relationen, in denen es keine Grundeinheiten (Mensch versus Natur) gibt, sondern nur Netze in Netzen von Relationen. Welten in Welten. So weit so gut, wenn es darum geht, das Netzwerkdispositiv als die hegemoniale Funktionsweise gegenwärtiger Systeme herauszukristallisieren. Begreift man das Netzwerk jedoch als ein Metanarrativ, dann, und darauf hat Alexander Galloway hingewiesen, landet man schnell bei einer Art von Netzwerkfundamentalismus („alles ist ein Netzwerk“). Seine Anhänger behaupten, dass alles, was existiert, in der Form eines Systems, einer Ökologie, einer Montage, kurz, als Netzwerk erscheint. Nehmen wir an, dass Moore eher der ersten Version zuzurechnen ist.

Alles, was Menschen tun, vollzieht sich für Moore in einem Strom von Strömen, in dem die Natur den Menschen, der selbst Teil der Natur ist, ständig umgibt und durchquert. Moore spricht, um sich von der Theorie des Anthropozän abzusetzen, im gleichen Atemzug von Strömen von Macht und Kapital in die Natur und von Strömen von Natur in Macht und Kapital. Anstatt von einem metabolischen Rift spricht Moore von einem metabolischen Shift. Grundlegend führt Moore dann den Begriff „oeikos“ ein. Dieser bezeichnet die kreative, historische und dialektische Relation zwischen Menschen und außermenschlichen Naturen. Der oeikos ermöglicht die Geschichte der Kapitalakkumulation im Web of Life. Das Verhältnis von Mensch und Natur ist als ein Strom von Strömen zu verstehen; Menschen internalisieren die gesamte Natur und diese internalisiert die Differenzen und Kohärenzen des Menschen. Moore bringt auf dieser allgemeinen Ebene den Marx´schen Term „Stoffwechsel“ des Menschen mit der Natur ins Spiel, ein Spiel der stets wechselnden Relationen und Interpenetrationen, mit denen Environments hergestellt werden. Environments, das sind für Moore nicht nur Wälder und Felder, sondern auch Fabriken, Bürotürme, Flughäfen etc. Zuletzt ist die Erde ein Environment für den Menschen wie die Menschen Environments für den Rest der Leben auf dem Planeten sind. Umgebungen produzieren Leben und jedes Leben produziert Umgebungen. Die Menschen sind Produkte und Produzenten des oiekos, in einem übergreifenden Sinne sind es das Kapital und der Kapitalismus.

Moore geht es also zunächst um die Zerstörung des dualistischen Denkens, das um die Natur und den Menschen als getrennte Entitäten kreist; er interessiert sich vielmehr für die Relationen und Intraakationen zwischen Mensch und Natur, mit denen vielfältige Konfigurationen ko-produziert werden; er spricht von den Konfigurationen des Menschen-in-der-Natur, bezüglich der Organismen und der Umgebungen, bezüglich des Lebens und des Wassers, von Land und Luft. Natur ist nicht einfach da: sie ist historisch (sie umfasst menschliche Organsiationen, außermenschliche Strömungen, Relationen und Substanzen – und das Netz des Lebens). In diesem Sinne ist Geschichte immer die einer doppelten Internalität: Menschen-in-der-Natur und Natur-im-Menschlichen. Alles, was Menschen machen, ist ein Strom von Strömen, mit denen die Natur durch sie hindurch fließt. Für den Kapitalismus heißt dies: Er konstituiert und ist Produkt einer ko-produzierten Welt-Ökologie von Kapital, Macht und Natur. Dabei geht es nicht nur darum zu fragen, was das Kapital dem Menschen und der Natur antut, sondern auch danach, was die Natur für das Kapital tut: Die Formel lautet dann „Kapitalismus-in-der-Natur/Natur-im-Kapitalismus“. Es geht schließlich um die Frage, wie Natur und Energie in Wert und Kapital umgesetzt werden. Der Kapitalismus hat in seinen langen Phasen die Natur nicht zerstört, sondern durch eine Vielzahl von Projekten erschlossen, solchen, die die Natur und den Menschen (als Teil der Natur) dazu zwingen (als oeikos) für frei oder zumindest zu niedrigen Kosten zu arbeiten. Und dies, so prognostiziert Moore, würde in Zukunft für das Kapital immer schwieriger werden. In einer Zeit der rasanten Transformation von Netzwerken – Urbanisierung, Arbeitsmärkte, Finanzialisierung und Klima, Energie, Agrarkultur und Ausbeutung von Ressourcen – sei es eine wichtige Aufgabe, die Ströme von Kapital, Macht und Energie, die unter der Dominanz bzw. unter dem Raster der Kapitalakkumulation und ihrer zeiträumlichen Aktualisierungen stehen, zu untersuchen. Dabei impliziert das Kapital immer auch die aktive Herrschaft der Zeit über den Raum, und dies im Zuge der Beschleunigung seiner Umschlagszeiten, wobei jede dieser Beschleunigungen zugleich die Produktion eines neuen Raums impliziert, der fix und variabel zugleich ist. Der Raum ist nicht einfach da draußen, sondern er diffundiert in soziale Relationen und bildet Umgebungen, die stets auch Möglichkeiten für Kontingenzen eröffnen. Kapital, außermenschliche Ströme, Relationen und Substanzen und das Netz des Lebens stehen in einem interpenetrierenden Zusammenhang: Kapitalismus-in-der-Natur/Natur-im-Kapitalismus, oder, um es anders zu sagen, Ströme von Macht und Kapital in die Natur, und Ströme der Natur in Macht und Kapital.

Das Problem mit Öl, Wasser, Lebensmitteln etc. ist deswegen auf die Analyse der relationalen Zusammenhänge zwischen Ökonomie und Ökologie zu konzentrieren und nicht auf die Analyse von Objekten. An dieser Stelle führt Moore den Term „Natur-als-Matrix“ ein. Gesellschaften entwickeln sich entlang der Natur-als-Matrix. Die Natur-als -Matrix ist Grund, Bedingung und konstituierender Agent in der Geschichte der Zivilisationen. Natur wird hier also eher als Matrix denn als Ressource verstanden, als eine Matrix, in und durch die menschliche Aktivitäten sich entfalten – Natur ist das Feld, auf dem historische Agencies agieren. Agencies wiederum definiert Moore zunächst ganz allgemein als relationale und emergente Eigenschaften zwischen Komplexen von menschlichen und außermenschlichen Naturen, wobei letztere spezifische Konfigurationen von menschlichen Aktivitäten hervorbringen. Selbst das Klima ist als ein Komplex von Determinationen zu verstehen, welche Transformationen in spezifischen historischen Kontexten hervorbringen. Das Klima ist ein historischer Vektor, einer, der innerhalb des oeikos zu verorten ist. Die Ko-produktion der Natur, das Streben nach Macht und die Kapitalakkumulation sind keineswegs als von einander unabhängige Blöcke zu verstehen, deren Relationen vielleicht durch Feedback-Links zusammengehalten werden, vielmehr interpenetrieren diese drei Blöcke in vielfältigen Relationen und gestalten damit einen jeweils spezifischen historischen Kapitalismus.

Natur kann weder zerstört noch gerettet, sondern nur transformiert oder rekonfiguriert werden. Natur ist kein statisches Feld, sondern sie erneuert sich in Zyklen und wandelt sich kumulativ. Sie ist sui generis historisch, und das heißt auch, dass der Kapitalismus Natur nicht auf linearem Weg produziert, sondern er selbst ist ein Ganzes, das aus der Akkumulation von Kapital, Machtverhältnissen und der Ko-produktion von Natur besteht. Historische Naturen sind sowohl Produzenten als auch Produkte der kapitalistischen Entwicklung. Es muss unbedingt der Übergang von Kapitalismus und Natur in Kapitalismus-in-der-Natur herausgearbeitet werden.

Dabei differenziert Moore zwei simultan ablaufende Relationen und Prozesse: Die Relationen der Extraktion von Mehrwert produzieren die sozial notwendige abstrakte Arbeit und die Relationen der zum Teil gewaltsamen Aneignung von billiger Natur produzieren die abstrakte soziale Natur und ermöglichen damit die erweiterte Akkumulation abstrakter sozialer Arbeit bzw. die progressive Akkumulation des Kapitals. Soziale Natur bezeichnet die Prozesse, durch welche das Kapital und die Staaten die humane und extra-humane Natur für die Zwecke der Kapitalakkumulation mappen, codieren, quantifizieren und messen. Sie signifiziert die zeiträumlichen Prozesse, die die Aneignung unbezahlter Arbeit betreffen. Moore unterscheidet richtigerweise zwischen dem Kapital als Projekt/Logik und dem Kapitalismus als historische Welt-Ökologie, letztere verstanden als eine nach einem spezifischen Muster geformte Geschichte von Kapital, Macht und Natur, eine Totalität, in der allerdings viele Determinationen wirken. Es ist, so haben wir das in „Kapitalisierung“ auch dargestellt, von der begrifflichen Unterscheidung zwischen Kapital und Kapitalismus auszugehen. Der Kapitalismus ist als eine – unter ökonomischen, politischen und kulturellen Gesichtspunkten – durchaus heterogene historische Formation zu verstehen, eine Welt-Ökologie des Kapitals, der Macht und der (Re)produktion im Netz der Natur, die aber im Wesentlichen von den Produktions- und Zirkulationslogiken des Kapitals determiniert wird. Dabei findet man im Kapitalismus neben der dominanten Produktionsweise des Kapitals auch nicht-kapitalbestimmte Produktionsweisen vor, seien es neofeudale, slumähnliche, korrupte und kriminelle Ökonomien, aber auch genossenschaftliche Ökonomien, die nur teilweise oder gar nicht an das Kapital gekoppelt sind (nur ca. 40-50% aller weltweit geleisteten Arbeit unterliegt direkt dem Kapitalverhältnis).

Das Kapital betrachten wir als ein begriffliches und semiotisches „Modell“ bzw. als ein differenzielles System, dessen Produktions- und Zirkulationskreisläufe einer spezifischen immanenten Gesetzlichkeit folgen, die es im Gleichgewicht hält wie sie es auch krisenhaft macht. Das Kapital und die ihm eigene Methode der Kapitalisierung fungieren sozusagen als der Motor (der von einer Relation nicht zu trennen ist) der Formation „Kapitalismus“, in der die Ökonomie in der letzten Instanz alle anderen Bereiche wie Politik, Kultur, Kunst, Wissenschaft etc. determiniert. Die Epoche, in der wir leben, ist als „Kapitalozän“ zu fassen; und dieser Begriff ist gegen den in Mode gekommenen Begriff des „Anthropozän“ gerichtet.

Für Moore ist das Wertgesetz im Rahmen der Kapitallogik ein gravitationales Feld, das über lange Patterns einen dauerhaften Einfluss auf die kapitalistische Welt-Ökologie ausübt, aber auch signifikante Kontingenzen zulässt. Anwar Shaikh spricht in seinem in Kürze erscheinenden Buch „Capitalism: Competition, Conflict, Crises“ in ähnlicher Weise von Ordnung-in-und-durch-Unordnung, einem systemischen Modus der turbulenten Regulation, die die Form einer sich nach bestimmten Mustern stattfindenden Wiederholung annehme. Eine große Bandbreite von Phänomenen, so Shaikh, könne durch ein kleines Set von operativen Prinzipien erklärt werden, die sicherstellen, dass aktuelle Ereignisse  um  die Zentren der Gravitation kreisen. Dies, so bemerkt wiederum Moore, könne nicht als ein ökonomisches Phänomen allein, sondern müsse als ein systemisches Problem mit einem entscheidenden ökonomischen Moment begriffen werden. (An dieser Stelle wäre die Diskussion um den Begriff „Determination-in-der-letzten-Instanz“ zu führen.)

Die Diskussion zwischen Marxisten und Grünen verläuft Moore zufolge immer nach demselben Muster: Während die Grünen die Arbeit generell (transhistorisch) als Substanz betonten, unterschieden die Marxisten zurecht zwischen allgemeinem Reichtum (Substanz) und Wert. Der Wert, der die Relation Ware-Geld-Kapital konstituiert, ist – wie Marx immer wieder betont – etwas rein Gesellschaftliches, in das „kein Atom Naturstoff“ eingeht. Dennoch vermutet Moore eine Blindheit der Marxisten, die schon in feministischen Diskussionen aufgetaucht sei, in denen darauf hingewiesen wurde, dass die unbezahlte Arbeit der Frauen im Reproduktionsbereich von den Marxisten hinsichtlich der Wertproduktion geflissentlich übersehen wurde. Moore löst das Problem so, dass er als die Substanz des Werts die abstrakte notwendige Arbeitszeit begreift, die über die Konkurrenz der Einzelkapitale hergestellt wird und einer permanenten Steigerung der Arbeitsproduktivität bedarf. Die Substanz des Werts ist also abstrakte, gesellschaftlich notwendige Arbeit, aber die Relationen des Werts infizieren eben auch die Relationen zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit/Energie. (An dieser Stelle wäre die Unterscheidung zwischen Arbeitswertmarxismus, zu dem Moore dann doch tendiert, und monetärer Kapitaltheorie zu diskutieren.)

Für Moore beruht die Produktion des Werts immer auch auf der Aneignung unbezahlter Arbeit außerhalb der Kapitalzirkulation, einer Aneignung, die aber in der Reichweite kapitalistischer Macht verbleibt, und gerade deswegen ist das Wertgesetz immer auch das Gesetz billiger Natur. Die Grenzen und Konfigurationen billiger Natur werden durch symbolische Praxen und materielle Transformationen, die in den Machtbereich des Kapitals fallen, aktiv produziert. Es gibt eine Nicht-Identität zwischen der Wertform und den notwendigen Wertrelationen zu vermelden, oder, um es anders zu sagen, die Kapitalisierung von Alles und Jedem bedarf nicht nur der ständigen Revolutionierung der Produktivkräfte (innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise), sondern auch der der Reproduktion (des Kapitalismus als Welt-Ökologie), und letztere schneidet zwischen die Grenzen bezahlter und unbezahlter Arbeit und menschlichen und außermenschlichen Ressourcen. Mehr und mehr extra menschliche Natur kommt zu dem Quantum sozial notwendiger Arbeitszeit hinzu. Das Kapital benötigt dazu die Produktion billiger Natur, der vier „Cheaps“: billige Lebensmittel, billige Energie, billige Arbeistkräfte und billige Rohstoffe für die Fabriken. Billige Natur wird dann produziert, wenn es Agencies wie dem Kapital, den Wissenschaften und dem Empire im Zusammenspiel gelingt, billige Quellen in und aus der Natur für die Kapitalproduktion freizuetzen, billig im historischen Sinn, insofern die vier billigen „Cheaps“ dazu beitragen, die sozial notwendige abstrakte Arbeitszeit zu reduzieren. Die Quintessenz des Konzepts der billigen Natur besteht darin, die Zeit als linear, den Raum als flach und die Natur als extern vorzustellen. Anhand dieser Diskurse wurde im Kapitalismus abstrakte soziale Natur hergestellt, die Ko-produktion der Natur durch Mapping, Quantifizierung und schließlich durch Kontrolle, die der endlosen Akkumulation des Kapitals dienen soll.

Der Begriff der Aneignung bezieht sich bei Moore auf solche außer-ökonomischen Prozesse, die die unbezahlte oder billige Arbeit außerhalb des Warensystems identifizieren, sicherstellen und in die Kapitalzirkulation leiten. Unbezahlte oder billige Arbeit ist aber nicht einfach da, vielmehr wird sie aktiv in komplexen und sich wiederholenden Patterns konstruiert, mittels der Relationen der Macht, der Reproduktion und der Akkumulation. Die Aneignung von unbezahlter oder billiger Arbeit (basierend auf den billigen Vier, billige Lebensmittel, billige Rohstoffe, billige Energie und billige Arbeitskraft) steigert die Profitrate und somit ist Aneignung auch als eine produktive Tätigkeit zu verstehen. Die Aneignung liefert nicht nur die Rohmaterialien, sondern sie ko-determiniert die sozial notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit. Wenn abstrakte Arbeit die Kapital-Arbeit-Relation bezeichnet, durch die Surplusarbeit produziert wird, so bezeichnet soziale Natur die Relation Kapital-unbezahlte Arbeit, durch die eine steigende Produktivität für das Kapital über längere Zeiträume erst möglich wird. Aneignung funktioniert durch Projekte der Kontrolle und der Rationalisierung und kanalisiert menschliche und außermenschliche Quellen unbezahlter Arbeit/Energie in Richtung Kapitalzirkulation, ohne allerdings die Quellen gleich zu kapitalisieren. Wenn das Kapital kleine Mengen Kapital in Gang setzen und sich große Mengen unbezahlter Arbeit/Energie aneignen kann, dann sinken definitiv die Kosten der Produktion. In diesen Zeiten herrscht ein hoher welt-ökologischer Surplus. (Der ökologische Surplus ist die Rate zwischen der Masse an Kapital und der angeeigneten Masse unbezahlter Arbeit/Energie.)

Es geht Moore um die Interdependenz zwischen der Waren- und Kapitalproduktion und den Bedingungen der Reproduktion des Kapitals insgesamt. Die Aneignung von billigen Ressourcen, aber auch von billigem Müll, produziert kein Kapital, aber eben die Räume, Relationen, Energien und Arbeit, die es überhaupt erst ermöglichten, dass die Kapitalakkumulation über lange Zeiträume dermaßen extensiv stattfinden konnte. Moore behauptet schlichtweg, dass für die Stabilisierung des Kapitalverhältnisses die Aneignung billiger Natur gegenüber dem Wertgesetz größere Wichtigkeit besitzt, was zu bezweifeln ist. Dabei ist die Erschöpfung von Ressourcen relativ, denn diese sind selbst als relational zu begreifen. Die heutige Krise ist für Moore nicht multipel, sondern singulär und mannigfaltig, sie ist nicht die des Kapitalismus und der Natur, sondern der Modernität-in-der-Natur. Und Modernität ist für Moore mit der kapitalistischen Welt-Ökologie identisch.
Die Dialektik von Produktivität und Plünderung – die Akkumulation durch Kapitalisierung und die Akkumulation durch Aneignung – haben es ermöglicht, dass der Kapitalismus bis heute überlebt hat, sich also über sechs Jahrhunderte reproduzieren konnte. Moore versucht dies duchaus mit marxistischen Kategorien zu begründen. Wenn die technische Zusammensetzung des Kapitals steigt, so steigt über längere Zeiträume normalerweise auch die organische Zusammensetzung des Kapitals, außer eben, so Moore, unter den Bedingungen einer rapiden Aneignung billiger Natur. (Die organische Zusammensetzung des Kapitals bezeichnet die Verflechtung von technischer Zusammensetzung und Wertzusammensetzung des Kapitals c/v, insofern letztere erstere widerspiegelt, wobei hier jeweilige Preis-/Wertwechsel von c und v zu berücksichtigen sind. Die Profitrate lässt sich wiederum als eine Relation der Relationen bestimmen, nämlich als das Verhaltnis von Mehrwertrate und organischer Zusammensetzung des Kapitals, und ihr Fall artikuliert die dominante technologische Entwicklung im Kapitalismus. Obgleich Marx einen ceteribus paribus-Ansatz benutzt, um dies darzustellen, darf man nicht vergessen, dass er von einem tendenziellen Fall der Profitrate spricht, in den eine Reihe von entgegenwirkenden Faktoren eingebunden bleiben. Die Tendenz ist zwar real in sich selbst, sie ist Teil der kapitalistischen Realität, aber es gibt u. a. aufgrund der entgegenwirkenden Faktoren keinerlei Garantie, dass sie sich auch aktualisiert. Was Marx also Tendenz nennt, besitzt eine gewisse Ahnlichkeit zu dem, was Deleuze als das Virtuelle bezeichnet. Beide Momente sind real, ohne vollkommen aktuell zu sein. Wir können das hier nicht weiter diskutieren.)

Moore geht so weit, dass er die Höhe bzw. den Fall der organischen Zusammensetzung des Kapitals entscheidend durch die Produktion der billigen Natur konstituiert sieht (auch die Verbilligung des konstanten Kapitals kann zu solch einem Fall führen). Die technische Zuammensetzung des Kapitals kann also, wie dies im Kapitalismus auch der Fall ist, steigen, während die organische Zusammensetzung des Kapitals aufgrund der Aneignung billiger Natur sinkt und dem Fall der Profitrate entgegenwirkt. Das konstante Kapital lässt sich in das fixe und das zirkulierende konstante Kapital unterscheiden, letzteres ist zu unterscheiden von der Zirkulation des Kapitals. In diesem Kontext spricht Moore von der Unterproduktion; das Kapital versuche permanent, die organische Zusammensetzung der Rohstoffe bzw. des zirkulierenden Kapitals im Verhältnis zu den Maschinen und Gebäuden (fixes Kapital) zu senken, selbst wenn (durch die Erhöhung der Produktivität angeschoben) der materielle Durchlauf der Rohstoffe in der Produktion steigt. Wenn man das Gewicht stärker auf die Entwicklung des zirkulierenden als auf das fixes Kapital legt, dann hat dies eben auch Auswirkungen auf das Gesetz vom Fall der Profitrate. Die Aneignung der billigen Natur konterkariert den Fall der Profitrate. Die Profitrate ist invers proportional zum Wert der Rohstoffe. Die Überproduktion des fixen Kapitals findet ihre Entsprechung also in der Unterproduktion des zirkulierenden konstanten Kapitals. Das Kapital versucht den Wert der Rohmaterialien relativ zum fixen Kapital zu senken, während es den physikalischen Durchlauf der Rohmaterialien und Produkte erhöht. Dabei kann die billige Aneignung von Rohstoffen und Energie nicht nur die Preise für das zirkulierende, sondern auch für das fixe Kapital senken. Billige Metalle senken bspw. auch die Preise der Maschinen. Um die eigene Profitabilität zu erhöhen und andere Firmen zu schlagen, muss das Einzelkapital nicht nur in Maschinen investieren, sondern die Arbeitsproduktivität mit jedem Schritt erhöhen. Erhöhte Arbeitsproduktivität bedeutet eben aber auch erhöhten materiellen Durchlauf von Produkten per Einheit von Arbeitszeit. Die Produktion ist daher unmittelbar mit den Systemen der Bewaldung, der Energie, der Minen und der Landwirtschaft verbunden.

Betrachtet man nun die Mehrwertrate und die Produktion des Mehrwerts, dann führen technisch bessere Maschinen, die Erhöhung der organisatorischen Effizienz, der Einfluss von Kommunikation, Information und Logistik zu einem erhöhten Ausstoß von Waren und die Profitrate steigt genau dann, wenn die Löhne langsamer als die Produktivität steigen. Dies war beim Fordismus der Fall, während es aber auch bei einem langsamen Anstieg der Löhne und einem langsamen Anstieg der Produktivität, wie es im Neoliberalismus zeitweise der Fall ist, zur Steigerung der Profitrate kommen kann. Aber schon in der Analyse des frühen Kapitalismus sieht Moore weitere Hinzufügungen als notwendig. In den Minen und mit den Metallen, mit der Textilproduktion und der Landwirtschaft kam es eben zu einem Anstieg der Arbeitsproduktivität durch neue Techniken und den Prozessen der Nutzbarmachung der Natur. Im frühen Kapitalismus wurden technische Innovation, systemische Gewalt und symbolische Innovation in Projekt mobilisiert, um sowohl den Arbeitstag zu verlängern und die Intensität der Arbeit zu steigern als auch billige Natur zu produzieren und anzueignen, um wiederum die Arbeitskosten zu verringern. Polnisches Getreide, Sklaven und die norwegischen Wälder, die Aneignung natürlicher Fruchtbarkeit funktionierte für das Kapital gleich einem Anstieg der relativen Mehrwertproduktion. Es gibt historisch-geographische Verbindungen zwischen der Steigerung der Arbeitsproduktivität und den notwendigen Bedingungen der Reproduktion des Kapitals, die ohne die Aneignung billiger Natur nicht zu denken sind. Und diese Bedingungen sind abhängig von der massiven Zugabe unbezahlter oder billiger Arbeit außerhalb des Warensystems, das wiederum notwendig für eine Verallgemeinerung der Kapitalproduktion ist. Angeeignete Natur wird selbst zu einer Produktivkraft. Der innere Mechanismus der Kapitalakkumulation verschlechtert jedoch mit der Zeit diejenigen Bedingungen der Reproduktion, die es erlauben, billigen Input für dieselbe zu liefern. Deshalb müssen immer wieder neue Grenzen der Aneignung gefunden und überwunden werden, um lange Wellen der Akkumulation in Gang zu setzen. Der technische Fortschritt, die Macht des Kapitals und die Wissenschaften eröffnen die Möglichkeit zu neuen Aneignungsschüben. Die produktive Konsumtion unbezahlter oder billiger Natur ist wesentlich für die Existenz des Kapitals. Die Entwicklung desselben als historisch-materielle Bewegung ist ohne die symbolischen und wissenschaftlichen Revolutionen, die den homogenen Raum und Zeit im frühen Europa erfanden, nicht denkbar. Die Messungen der Realität erfolgten nicht immer nur durch das Geld, obgleich wie Moore zugibt, die Produktivität der Landwirtschaft schon früh im Kapitalismus durch die Arbeitsproduktivität und das Geld als bestimmende Metriken abgelöst wurde. (Die begriffliche Bestimmung des Geldes bleibt bei Moore einigermaßen obskur. Er nennt die Funktionen des Herstellens von bezahlter Arbeit, indem das Geld ihr einen Wert gibt, die Entwertung der restlichen Natur und die Governance zwischen Kapitalisierung und Aneignung, zwischen der Ökonomie und ihren konstitutiven Relationen und dem Netz des Lebens.) Die Aneignung beschäftigt sich damit, wie das Kapital die Basiskosten seiner Produktion reduzieren kann: die vier billigen „Cheaps“, Lebensmittel, Energie, Rohstoffe und Arbeitskraft. Welt-ökologische Revolutionen liefern einen steigenden ökologischen Surplus. (Der Surplus repräsentiert den Gap zwischen den angeeigneten und den kapitalisierten Naturen.) Eine ökologische Revolution findet genau dann statt, wenn die Innovationen des Kapitals, der Wissenschaften und des Empires eine neue Einheit von abstrakter Arbeit, sozialer Natur und primitiver Akkumulation erzwingen. Diese Einheit bezeichnet Moore als welt-ökologisches Regime. Technologische und organisatorische Innovationen erlauben eine steigende Produktivität, während das Mapping, die Quantifizierung und die Entdeckung neuer historischer Naturen eine steigende Aneignung von unbezahlter Arbeit und Energie ermöglichen (unterstützt von neuen Imperialismen und Landnahmen, agroindustriellen und wissenschaftlichen Revolutionen, unbezahlter Arbeit, im besonderen die akkumulierte Arbeit der fossilen Brennstoffe, der Bodenfruchbarkeit etc.)

Fassen wir zusammen. Die Wertakkumulation wird historisch durch symbolische und wissenschaftliche Systeme ergänzt, die notwendig sind, um zu identifizieren und zu quantifizieren, und zwar nicht nur die Fortschritte in der Warenproduktion, sondern auch die in der Aneignung billiger Natur. Billig in einem historischen Sinn, und zwar durch die Reduktion der notwendigen sozialen Arbeitszeit durch die vier billigen Inputs: als eine Akkumulationsstrategie funktioniert die billige Natur als Reduktion der organischen Zusammensetzung des Kapitals bei gleichzeitiger Erhöhung der technischen Zusammensetzung des Kapitals, sodass gerade neue Möglichkeiten des Investments entstehen und neue Technologien und neue Arten von Natur die Strukturen der Kapitalakkumulation transformieren; dies muss zum Teil außerhalb der Kapitalzirkulation stattfinden und zwar als Aneignung der Arbeit und Energie des Menschen und der Natur außerhalb des Warensystems. Es geht hier um das Zuammenspiel von Technologien und neuen Arten der Natur. Die großen Expansionen des 19. und 20. Jahrhunderts basierten für Moore auf billigem Öl und billiger Kohle, billigen Metallen und billigen Lebensmitteln. Die Determination der sozial notwendigen Arbeitszeit wird eben nicht auschließlich durch das Wertgesetz determiniert, sondern benötigt neben den ökonomischen Relationen simultan einen Mix aus kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Faktoren, organisatorischen und technologischen Innovationen und der Aneignung unbezahlter Arbeit in den Kolonien, die der Natur und die der Frauen. Jeder Akt der Exploitation von kommodifizierter Arbeit wird von einem noch größeren Akt der Aneignung unbezahlter Arbeit begleitet. Es geht um die Spannung zwischen der Logik des Kapitals und der Geschichte des Kapitalismus (zwischen dem Sozialen und dem vermeintlich Ökologischen), die letztere eine Welt-Ökologie der Macht, des Kapitals und der (Re)produktion im Netz des Lebens, begleitet vom Gesetz des Werts, das unabdingbar mit dem Gesetz der billigen Natur zusammenhängt. Marx` Bemerkung, dass die Großindustrie ein Mechanismus sei, der Blut in Kapital transformiere, war keine Randbemerkung. Und auch die diejenige nicht, dass die steigende Fruchtbarkeit des Bodens sich gleich dem Anstieg des fixen Kapitals verhalte. Und die Einführung von billigen Lebensmitteln bzw. das Sinken ihrer Preise führt in der Tendenz zu einer Erhöhung der Mehrwertrate. Die großen Agrarrevolutionen wie die im mittleren Westen der Vereinigten Staaaten zeigen, dass es der Arbeit bedarf, um bestimmte Natur quasi frei zu liefern. Kohle und Öl sind dramatische Beispiele, wie die Transformation der Arbeit der Natur in die Wertproduktion des Kapitals vonstatten ging. Dabei mussten natürlich neue Techniken zur Aneignung der billigen Natur erfunden werden. Die Akkumulation des Kapitals zieht als ständig eine Veränderung der Erde und ihrer Kreaturen nach sich, man denke an die simplifizierten Räume wie die Monokulturen in der Landwirtschaft. Dabei ist nur in einem ganz abstrakten Sinn die Biosphäre als die Genze des Kapitalismus anzusehen. Moore geht es in seinem Buch auch darum zu zeigen, wie er an diese Grenzen heranreicht. Moore in einem Interview in Telepolis: „Gelöst wurde diese Entwicklungskrise des frühen Kapitalismus durch eine charakteristische Mischung aus „Plünderung und Produktivität“. Einerseits wurden neue Gebiete erschlossen, so dass die Londoner ihr tägliches Brot aus Indien, dem Mittleren Westen der USA und Argentinien bekamen. Andererseits konnte durch die Erfindung von Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Dampfschiffen und Fabriken die Produktivität gesteigert werden. Die historische Industrialisierung war der Ausweg aus der damaligen ökonomisch-ökologischen Krise. Plündern und die Produktivität steigern, das gehört zusammen. Nötig sind eine „unerschlossene Wildnis“ und neue Technologien. Dass die kapitalistische Entwicklungsgeschichte von Beginn an auch eine der Aneignung und des Verbrauchs von ökologischem Reichtum war, wird oft vergessen.“ In diesem Interview kann man auch die Argumente nachlesen, mit denen Moore ein definitives Ende der billigen Vier für den Kapitalismus prognostiziert.

 

Foto: Bernhard Weber

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