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Kapitalisierung und Finance

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21 Okt , 2015  

Wer Derivate auf Rohstoffe kauft, erwirbt nicht die Rohstoffe selbst, sondern handelt auf einer zweiten Ebene ein preislich stets fluktuierendes spekulatives Kapital, infolgedessen sich Preise auf Preise und eben nicht auf die zugrunde liegenden Basiswerte von Waren beziehen. Ist es nicht so, dass der spekulative Kapitalismus seine spekulative Vernunft – den virtualisierten-kontingenten Status seiner Prozess-Struktur als abstrakte Maschine – erst dann offenbart, wenn das spekulative Urteil jederzeit selbst zur Geldquelle werden kann? Hierin ist auch die Relativierung der Bedeutung der sog. »Nullsummenkonstanzprämisse« angezeigt, die laut Luhmann nur dann funktioniert, wenn die Geschäfte de facto so geregelt sind, dass jemand nur Geld bekommt, wenn es jemand anderem nicht fehlt oder zumindest nicht fehlen wird. Dagegen lässt sich hinsichtlich der synthetischen Derivatgeschäfte sofort einwenden, dass ihr Handel nicht in erster Linie dazu dient, irgendeinem Produzenten Geldkapital zur Verfügung zu stellen, damit er es vielleicht zur Produktion von Waren und Dienstleistungen einsetzt, für die dann Konsumenten Geld auszugeben bereit sind, stattdessen erzielt die dominante Klasse der Investoren und Spekulanten über synthetische Verfahren Renditen auf Geldanlagen in einem Simulationsraum, wobei jedes Geschäft – und das erscheint hier ganz entscheidend – genau dazu führen soll, dass im besten Fall alle daran Beteiligten der dominanten finanziellen Klasse anschließend mehr Geld zur Verfügung haben als zuvor. Dies lässt sich allerdings nur bewerkstelligen, wenn der Faktor Entropie berücksichtigt wird, was allerdings nicht anderes heißt, als dass in der Tendenz am Ende eines Spekulationsbooms die Verluste höher sind als die Gewinne. Es fragt sich nur, wer die Verluste trägt – es sind meist diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine hyper-dimensionale Nachfrage nach Wertpapieren sorgen und am Ende des sich immer schneller beschleunigenden Booms den Absprung verpassen und auf ihren im Preis dramatisch gefallenen Wertpapieren sitzen bleiben, während die dominanten Investoren, die mit ihren Anleihekäufen den Boom erst initiiert haben, zum »richtigen« Zeitpunkt vor der sich abzeichnenden Katastrophe schon ausgestiegen sind.

Das spekulative Kapital ist wirklich ein seltsamer Klon, um sich als »Kopie« auf die Referenz seiner selbst zu stützen. Früher gab es die Finanzierung, um ein Produkt herzustellen und zu verkaufen, heute wird das Produkt nur noch hergestellt, um die Finanzierung zu finanzieren. Die korrespondierende Praktik der Subjektivierung ist im Übrigen die eines asketischen Übergeschnapptseins. Während die Verfügbarkeit von Geldkapital in der Regel Eigentum voraussetzt, löst der Handel des spekulativen Geldkapitals den direkten Bezug zum Eigentum zumindest ideell auf – weder das unmittelbare Eigentum an Produktionsmitteln noch das an Wertpapieren, Aktien oder Anleihen müssen Voraussetzung für den Handel mit Derivaten sein, denn oft sind die Gelder geliehen, bis hin zur reinen Simulation der Verleihung. Wenn Elena Esposito die Homogenisierung der verschiedenen Kapitalformen als ein System der Verschmelzung von Kapital und Geld bezeichnet (vgl. Esposito, Die Zukunft der Futures: 172f.), dann wäre das dahingehend zu präzisieren, dass Derivate als spekulatives synthetisches Geldkapital gehandelt bzw. kapitalisiert werden. Geldkapital, das rein als Geld mehr Geld erzeugt, ist schon mit dem zinstragenden Kapital gesetzt, und auch die spezifische Zeitbindung, die Esposito in ihren Studien erwähnt, nämlich die problematische Produktion der Zukunft, wobei ein noch nicht geschaffener zukünftiger Wert im Rahmen der doppelten Form der problematischen Differenz der beiden Zukünfte im Voraus kapitalisiert wird, ist mit der Existenz des Kreditgeldes bzw. des fiktiven Kapitals (Anleihen, Wertpapiere etc.) schon vorhanden. Es scheint, dass ein wichtiger Unterschied hinsichtlich der synthetischen Assets gegenüber dem zinstragenden und fiktiven Kapital genau darin besteht, dass sog. Finanzderivate aufgrund einer doppelten Verdopplung funktionieren: Die erste Verdopplung des Geldkapitals, das mit dem Abschluss eines Kreditvertrags, wie oben schon gezeigt, sowohl beim Gläubiger (Bank) als auch beim Schuldner (fungierender Kapitalist) zirkuliert (bilanziell haben wie es sogar hier schon mit einer doppelten Verdopplung zu tun, insofern für beide Seiten ein Aktiv-Passiv entsteht), finden wir auch in der Relation zwischen Investor – der hier die Rolle des Gläubigers einnimmt – und Investmentbank wieder – die sozusagen als fungierender Kapitalist (Schuldner) wirkt – und zum Zweiten kann man bei spekulativem Kapital eine »Verdopplung« der geschriebenen Quantenpakete selbst feststellen, plus die darin eingeschlossene differenzielle Iteration, Vervielfältigung und Verkettung, insofern man sog. Derivate nur deswegen handelt, um den Handel mit ihnen fortzusetzen bzw. die Kreation von spekulativem Geldkapital in Permanenz voranzutreiben, oder um es mit anderen Worten zu formulieren, den Geldkapitalstrom einer äußerst flexiblen Vielfachcodierung qua ökonomischer Matheme bis hin zur absoluten Kontingenz zu unterwerfen. Verwertung als Zugriff auf künftige Wertproduktion heißt hier – wie dies im Übrigen im Falle des Overtrading auch ganz real stattfindet –, dass virtuelles Einkommen (im Rahmen seiner angenommenen künftigen Realisierung als neue Wertproduktion) jetzt schon geschaffen und ausgegeben wird, dass künftige Produktion und Leistung in der Gegenwart kalkuliert und damit in die Gegenwart integriert wird. Man schraubt damit die »Wertabstraktion« buchstäblich um Stufen höher, womit anstatt einem »Äquivalent« ein reines Differenzphänomen entstanden ist, das es ermöglichen soll, den fluiden und fungiblen Vergleich zwischen Preis, Zeit, Risiko und cashflow je schon zu realisieren, ohne dass man sich allerdings Gedanken darüber macht, ob diese Differenzproduktion (Vorgriff auf Verwertung), die ohne Verschuldung nicht zu haben ist, irgendwann beglichen bzw. wieder eingeholt werden muss.

In Anlehnung an Marx könnte man schreiben, dass der Reichtum des finanziellen Kapitals als eine ungeheure Wertpapiersammlung erscheint. Institutionelle Emittenten von strukturierten Wertpapieren werben als Anbieter mit außerordentlich hohen Renditen, mit der Größe und Zuverlässigkeit ihrer Unternehmen und versuchen dadurch Investoren zu gewinnen, am besten kongeniale Investoren, denn die Banken, Hedgefonds und Finanzunternehmen nehmen am Kapitalmarkt abwechselnd die Rolle des Anbieters und Nachfragers ein. Man sollte hinzufügen, dass die finanzielle Akkumulation des Geldkapitals als Handel in eigens eingerichteten ökonomischen Institutionen und Distributionsnetzwerken geschieht, wobei die synthetischen Assets einerseits einen ständigen Vergleich und die Steuerung der Differenz der verschiedenen Modi der Geldkapitalströme ermöglichen, andererseits, insofern die Axiomatisierung der Geldströme immer auch eine kondensierte Praxis der Kräfteverhältnisse ausdrückt, an die Integration verschiedener ökonomischer und politischer Praktiken gebunden bleiben.

»Wir wissen heute, dass es die Figur der Ungewissheit der Zukunft ist, die die Anarchie in eine Ordnung übersetzt, unter tätiger Mithilfe jener Despotie der kapitalistischen Betriebe, von der Karl Marx gesprochen hat. Die Despotie ist die andere Seite der Anarchie« (Baecker, Liquiditätspoker: Beiträge über die Finanzkrise Oktober 2008 – Dezember 2011.: 11), schreibt Dirk Baecker. Das, was sich in einem System zu einem System zusammenstellt und -hält (griech. syn und histamein, »System«), greift laut Baecker aus dem System auch heraus, indem erst auf die Zukunft bezogene Operationen Ordnung herstellen. Verstanden als Fließgleichgewicht, so Baecker, sei das System immer in der Lage, Störungen äquifinal zu bearbeiten, um unwahrscheinlich geltende Zustände mit neuen Strategien, Variablen und Optionen zu konfrontieren und gleichzeitig zu stabilisieren. Man sollte jedoch Baecker an diesem Punkt entgegenhalten, dass es längst nicht allein die ungewisse Zukunft und deren Risikopotenziale sind (vielmehr an dieser Stelle eher die Differenz der beiden Zukünfte), die von den anarchischen Netzwerken der Spekulation sowie der Despotie der Organisationen bearbeitet und in Ordnung transformiert werden, sondern dass es die vielfältig qualifizierten Systeme der synthetischen Kapitalisierung selbst sind, die in die differenzielle Geldkapitalakkumulation integriert das Prozedere bestimmen. Weder der Term »anarchisches Netzwerk« noch der der »despotischen Organisation« sind hier originär, beide haben als abgeleitet zugelten. Die neue Kinästhetik des finanziellen Kapitals beinhaltet Serien von lateralen Verbindungen, mit denen disparate Praktiken durch das zusammengeschlossen werden, was sie organisiert. Zwischen der Kurzlebigkeit der Netzwerke und der statischen Dauer von Organisationen öffnen sich neue abstrakte Ensembles, welche unmittelbar und endlos (konkrete und abstrakte) Risiken bearbeiten, in gewisser Weise trostlos endlos Risiken bearbeiten. Die Finanzmärkte »leisten« heute beständig die Translationen des Werts, der Preisformen und des Geldes, was u. a. anzeigt, dass sich der Mehrwert endgültig von seiner bürgerlichen Basis, dem Mehrprodukt, befreit hat. (MEW 23: 165) Insofern schon für Marx der Mehrwert längst nicht nur der Name für das Mehrprodukt ist, tut der Name kund, dass der Mehrwert sich als abstrakter Mechanismus von seiner bürgerlichen Herkunft getrennt hat, womit er gemäß der quantifizierenden Kapitalisierung die Zerstörung eines unveränderlichen Maßes anzeigt und damit Übersetzungen sich zugleich als Unübersetzbarkeiten erweisen, insofern Differenzen wie die zwischen Produktion und Zirkulation ihrer Auflösung harren.

Synthetische Derivate sind als an den Computer gebundene Formen des spekulativen Geldkapitals zu verstehen, das heutzutage infragen des Eigentums zunehmend eine relative Autonomie gewinnt. Dennoch darf man an dieser Stelle nicht vergessen zu erwähnen, dass nur wenige institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungen, Großbanken und Konzerne, Hedgefonds und Staatsfonds direkt und indirekt über mehr als die Hälfte aller Vermögen weltweit verfügen, indem sie diese als Geldkapital handeln und damit für einen kontinuierlichen Strom an Dividenden und Renditen sorgen. In den Augen dieser hyper-modernen Art von Eigentümern bedeutet Kapital nur eines, nämlich die monetäre Kapitalisierung von Gewinnpotenzialen, die nicht in erster Linie auf dem Eigentum an Flugzeugen, Fabriken, Immobilien, Maschinen, Computerhardware oder -software basieren, sondern auf aktuellen und zukünftigen monetären Profiten kraft ihrer eigentumsbasierten Kapitalmächtigkeit. Bichler/Nitzan schreiben: » … capital means one thing and one thing only: a pecuniary capitalization of earning capacity. It consists not of the owned factories, mines, aeroplanes, retail establishments or computer hardware and software, but of the present value of profits expected to be earned by virtue of such ownership.« (Bichler/Nitzan, capital as power: 231) Zugleich sollte man jedoch festhalten, dass viele Akteure heute mit Blick auf die zukünftige Volatilität Wertpapiere handeln, die sie gerade nicht ihr Eigentum nennen, wobei man schon bei den Optionsgeschäften prinzipiell kein Eigentum nachweisen muss. Mit Hilfe diverser Technologien wird heute potenzielles Eigentum faktisch in abstrakt-synthetische Strömungen von spekulativem Geldkapital übersetzt oder gar transplantiert, um schließlich in speziellen Aufschreibesystemen bzw. einer Vielzahl von graphematisierten Geldformen aufgezeichnet zu werden (Zweitcodierung des Eigentums, siehe Esposito, Die Zukunft der Futures: 174). Mit dem Handel von synthetischen Assets wird dabei selbst noch die Spezifität des jeweiligen Kapitals subtrahiert; jede Form von sog. Kapital (Handels– Kredit– Warenkapital etc.) lässt sich mit dem Handel von Finanzderivaten in spekulatives Geldkapital transformieren, übersetzen und vergleichen. Elena Esposito schließt in diesem Kontext an die Autoren Bryan/Rafferty und LiPuma an und bezeichnet Derivate als eine neue, homogenisierende Form des Geldes, die die Translation verschiedener Kapitalformen erst ermöglicht, und zwar durch die Abstraktion von der Qualität des jeweiligen Kapitals, wodurch gerade die Konvertabilität der einen Form in die andere gesichert bleibt. (Ebd.) Marxistische Autoren gehen wiederum davon aus, dass es sich bei den synthetischen Wertpapieren um Waren handelt, die einen Preis besitzen, i. e. Kapital wird als Kapital zur Ware. Somit gilt das finanzielle Wertpapier als die konkreteste Form des Kapitals selbst. (Vgl. Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras, A political economy of contemporary capitalism and its crisis. 2013) Wir gehen in dieser Schrift von dem synthetischen Wertpapier als einer spezifischen Form des Geldkapitals aus. Es hat keinen Preis, es ist in gewisser Weise Preis, als ob der Satz »der Preis von 15 Euro ist 15 Euro wert« eine Wahrheit ausdrücken würde. Geld hat von Anfang an keinen Preis, es ist der Preis, aber wir haben es jetzt tatsächlich mit einer ganz spezifischen Geldform zu tun. Die Auflösung der obigen Tautologie besteht, wie wir oben gezeigt haben, in der spezifischen Verschaltung der Virtualisierung/Aktualisierung des Geldkapitals. An den Finanzmärkten sind dementsprechend Renditen selbst dann zu erzielen, wenn bestimmte Basiswerte, die auf die »Realwirtschaft« bezogen sind, schlecht laufen, womit die Abhängigkeit des finanziellen Kapitals von den Investitionsbewegungen und der Akkumulation des industriellen Kapitals relativ erscheint, vielmehr wird seit Jahren durch Hedgefonds, Pensionsfonds und Geschäftsbanken diese Abhängigkeit geradezu umgekehrt, sodass fiktives/spekulatives Geldkapital faktisch zur entscheidenden Form jeden Kapitals geworden ist, um schließlich diejenige beschleunigte Kapitalisierung in Gang zu setzen, die einerseits Schulden andererseits Zukunftsbewirtschaftung zur entscheidenden Verwertungsquelle im gegenwärtigen Kapitalismus macht.

Für Bichler/Nitzan beinhaltet der Term Gewinnvolatilität nicht automatisch die Aussicht auf die Pole Position an den Märkten. Man sollte nämlich nach Auffassung der beiden Autoren das Problem der Volatilität sofort mit dem der Machtproblematik verknüpfen. Dabei ist das Ziel sämtlicher Kapitalisierungsstrategien dominanter Kapitale nicht in erster Linie auf das höhere Einkommen an sich ausgerichtet, sondern fordert vor allem die Erlangung eines größeren Anteils an der Masse der Gesamtprofite einer Ökonomie ein. Laut Bichler/Nitzan sind heute viele der dominanten Eigentümer in ihren Portfolien nicht besonders breit diversifiziert, stattdessen betreiben sie eine hoch fokussierte Politik – und im Gegensatz zu den sog. passiven, reflexhaften Individuen, die die CAPM-Märkte der Finanzmathematiker bevölkern, sollte man sich diese Art von Eigentümern als hyperaktiv und Ressourcen aller Art ausbeutend vorstellen, denn sie nehmen Gewinnchancen niemals als nur gegebene an, sondern versuchen diese aktiv herzustellen, ja sie kämpfen geradezu wie besessen um höhere Gewinne im Rahmen einer differenziellen Akkumulation (beat-the-other) und infolgedessen versuchen sie Volatilität und deren extreme asymptotische Ausschläge zumindest für sich selbst stets auch zu bändigen. Diese Prozesse finden inzwischen auch im Rahmen der sog. Market-States statt, die ganz auf ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt konzentriert andere Market-States als ihre Feinde zu befürchten haben und deswegen auch ständig darauf bedacht sind, ihre Konkurrenten zu schwächen. Und machtbesessene Geldkapitaleigentümer nehmen das Risiko nicht nur an, sondern sie designen und gestalten es aktiv, womit die imaginierte enge Beziehung zwischen Gewinnvolatilität und Gewinnwachstum zu relativieren wäre. Stattdessen würde, so zumindest Bichler/Nitzan, bei manch dominanten Kapitalfraktionen die Konzentration aller ökonomischen Prozesse auf das Problem des Gewinnwachstums im Kontext der Eliminierung von Konkurrenten zur reinen Obsession geraten und dies ganz im Sinne der machtorientierten Kontrolle, der Berechenbarkeit und der differenziellen Komputation der Geldkapitalströme. Bichler/Nitzan beschreiben folglich organisierte kapitalistische Macht als einen Versuch die aktive Gestaltung von ökonomischen Prozessen, die der Übersetzung von undefinierter Ungewissheit in quantifizierbare Risiken dienen, permanent voranzutreiben. Ungewissheit entsteht hier nicht nur aufgrund der von Esposito angesprochenen Paradoxien kapitalistischer Zukunftsbearbeitung, sondern gerade auch durch die konfliktuelle Logik der differenziellen Akkumulation hindurch, die von den großen Kapitalen dominiert wird. Zugleich würden, so Bichler/Nitzan, diese quantifizierbaren Machtspiele mit ihren entropischen Tendenzen immer auch Ordnung implizieren, sozusagen als dasjenige »Maß«, das definiere, inwieweit man die Unsicherheit in Grenzen halten könne. Bichler/Nitzan schreiben: »Partly objective, partly inter-subjective, this degree is captured inversely by the ›risk coefficient‹.«(Bichler/Nitzan,capital as power: 210)

In diesem Zusammenhang scheint die Metapher »too big to fail«, die Wissenschaftler der ETH Zürich in ihrer Studie The network of global corporate control in den Term »too central to fail« übersetzt haben, die Hypothese von Bichler/Nitzan zu stützen, nach der der postfordistische Kapitalismus seit den 1970er Jahren ebenso stark von einer steigenden Zentralisation und Konzentration der Macht der dominanten Kapitale qua quantifizierender Kapitalisierung wie eben durch die spezifische neoliberale Regulierung der Märkte geprägt wurde. Die Studie will mit Hilfe von Netzwerkanalysen zeigen, dass heute exakt 737 Shareholder eine Kontrolle über 80% der transnationalen Unternehmen ausüben, wobei als entscheidender Parameter des Machtrankings die Kapitalgröße der dominanten Unternehmen eine geringere Rolle spielt als die Vernetzung der dominanten Unternehmen untereinander.4 Laut der Studie funktioniert ca. 40% der Kontrolle und Macht des Geldkapitals der transnationalen Unternehmen über »ein kompliziertes Netz an Eigentümerverhältnissen«, das von 147 Konzernen beherrscht wird, die sich zugleich gegenseitig kontrollieren (75% dieser transnationalen Konzerne sind Finanzinstitutionen). Dabei wurden in der Studie vor allem Daten aus dem sog. Notprogramm der FED von 2008 bis 2010 ausgewertet, mit dem Ziel das sog. systemische Risiko der Banken zu eruieren, wobei man zunächst das sog. Insolvenzrisiko bestimmt, das sich aus der Höhe der von der FED den Unternehmen gewährten Krediten und dem entsprechendem Verschuldungsgrad der Unternehmen berechnen lässt. Das daraus abgeleitete Schuldenranking (DebtRank), das die Wissenschaftler entlang dem PageRank Algorithmus von Google entwickeln, berücksichtigt rekursiv die verschiedenen Pfade in den Finanznetzwerken. Dabei gewichtet man die sog. Systemrelevanz einer Bank umso höher, je mehr sich ihre eigene Schuldenproblematik auf andere systemrelevante Banken auswirkt. Das Debt-Ranking soll also dazu dienen, die Gefährdung von Banken, die gewissermaßen ein systemisches Risiko darstellen, weil sie zu eng mit den Zentren der Macht vernetzt sind, frühzeitig zu erkennen. Man will schließlich identifizieren, welche Bank tatsächlich »too central to fail« ist und deshalb eben gerettet werden muss, um das finanzielle Gesamtkapital nicht zu gefährden. In diesem Zusammenhang wäre nun exakt zu untersuchen, ob für die Geldkapitalnetzwerke – seien sie als Hyper-Objekte oder Super-Entitäten identifiziert – und die für sie relevanten Gleichungen, Variablen und Parameter eben nicht nur Manipulationsmechanismen, Sabotagepolitiken der dominanten Kapitale oder stark regulierte Systeme der quantifizierten Macht wirken, wie Bichler/Nitzan das annehmen, sondern ob hier nicht doch die ungebundenen Vektoren der Deterritorialisierung der Geldkapitalströme im Sinne von Deleuze/Guattari rekursiv die Pfade in den Finanznetzwerken stärker determinieren, als man es wohl wahrhaben möchte. In diesem Kontext gilt es zu erwähnen, dass die verschiedenen Nicht-Banking-Schemata, die heute an den internationalen Märkten im Einsatz sind, von den regulativen Restriktionen, denen man die Banken unterwirft, nicht betroffen sind. Diese neuen Arrangements haben die Bankprofite tatsächlich beeinträchtigt und die Komposition ihrer Arbeitsgebiete verändert, was z. B. in den USA zu einem Anstieg der Hypotheken- und Konsumentenkredite und zur Reduktion der Kreditvergabe an industrielle Unternehmen geführt hat. Und so legen Banken nun ihre Schwerpunkte und Tätigkeitsbereiche bezüglich der Erzielung von Gewinnen stärker auf die Potenziale der Securitization. Die sog. Liberalisierung der Märkte hat zu einer exzessiven Expansion von bestimmten stark internationalisierten Banken geführt, und dies nicht nur im Hinblick auf die Zahl der Transaktionen, sondern hinsichtlich dem Grad ihrer Verlinkung im Kontext internationaler finanzieller Systeme.

Finanzmärkte sind heute zum großen Teil sekundäre liquide Märkte, gerade indem sie ihren speziellen »Beitrag« zur Justierung und Kontrolle der Konkurrenz zwischen den Unternehmen und deren Mobilität liefern und damit die Tendenz zur Bildung von einheitlichen Profitraten verstärken. Des Weiteren stellt die gegenwärtige globale Finance einen erweiterten Spielraum zur Verhandlung von spezifischen Schulderfordernissen bezüglich der Produktion zukünftigen Mehrwerts her und generiert somit auch neue Möglichkeiten der Evaluation, Kontrolle und Regulierung der Effektivität der Einzelkapitale. Dementsprechend erleichtern Finanzmärkte per se die Fluidität der differenziellen Kapitalbewegungen, forcieren damit die Beschleunigung und Intensivierung des kapitalistischen Wettbewerbs und verstärken den Trend zur Ausbildung von Durchschnittsprofitraten, indem sie zugleich bessere Verwertungsbedingungen für das Einzelkapital qua Finanzierung schaffen. An dieser Stelle liegt die Funktion der synthetischen Finanzinstrumente in einer permanenten Regulation von Effizienzgewinnen und Risiken, d. h., wie beim Zins besteht ihre allokative Funktion genau darin, die Kapitalressourcen regelkonform fließen zu lassen und bis zu einem gewissen Maße die Investitionsentscheidungen und Produktionsprozesse der fungierenden Kapitale auch zu steuern. Im Gegensatz zu den Annahmen von Keynes ist es gerade der illiquide oder hochregulierte Markt, i. e. das Kapital, das an Fabriken und Maschinen gebunden bleibt, das der Effektivität des postmodernen fluiden Kapitals nicht nachkommen kann, denn das Kapital muss nicht notwendigerweise für einen längeren Zeitraum an einen partikularen Einsatz gebunden sein, es kann ständig seine Geldform zurückgewinnen und nach besseren Verwertungsmöglichkeiten Ausschau halten. Und es sind die finanzielle Märkte, die eine umfassende und fluide Struktur zur Überwachung der Effektivität der Einzelkapitale generieren, sie sind als eine Art Oberaufsicht über die Kapitalbewegungen zu verstehen, sodass sich Einzelkapitale permanent den jeweiligen Erfordernissen der Märkte anzupassen haben oder sie verschwinden eben vom Markt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Platz des Kapitals nicht von einem einzigen Subjekt besetzt wird: Zum einen besitzt der Manager oder fungierende Kapitalist eine intermediäre Funktion, indem er zwischen der Aufrechterhaltung der Fabrikdisziplin, die er permanent ausstellen muss, und der Anerkennung der Marktdisziplin, deren Subjekt er ist, oszilliert, zum anderen sind es die Geldkapitalisten außerhalb der Fabrik, die ständig auf die Performance Charts der Unternehmen blicken, die hauptsächlich durch die Aktivitäten an den Finanzmärkten designt werden und gleichzeitig zu einem signifikanten Teil die jeweiligen Bedingungen der Akkumulation und der Verwertung anzeigen. In diesem Kontext üben die organisierten Finanzmärkte auch eine kritische Funktion aus: Sie belohnen die profitablen und wettbewerbsfähigen Unternehmen und bestrafen zur gleichen Zeit diejenigen Unternehmen, die nicht profitabel genug produzieren. Dabei hat von nun an für die Unternehmen als das entscheidende Kriterium ihrer Tätigkeiten zu gelten, dass der Wert ihrer Sicherheiten (Anleihen, Aktien, CDS etc.), die wiederum an den internationalen Märkten beurteilt und evaluiert werden, maximiert werden muss. Derart sind auch die Halter von Anleihen und Aktien an der Profitabilität der Unternehmen interessiert, was den Druck auf die Unternehmen zur Erhöhung der eigenen Produktivität of course steigert. Wenn ein börsennotiertes Unternehmen derart von den Finanzmärkten und deren Instrumenten, Methoden und Mittel abhängig ist, so erhöht jede inadäquate interne Verwertung die externen Finanzierungskosten dieses Unternehmens und führt entsprechend zu einem Sinken der eigenen Aktien- und Anleihenkurse. Und für die Arbeiter heißt dies, schlichtweg schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren oder wieder auf den Arbeitsmarkt geworfen zu werden. Man sieht, die neoliberale Strukturierung der Unternehmen verbindet damit in perfekter Weise Marktdisziplin und kapitalistische Disziplin. Die komplementäre Funktion der Finanzmärkte besteht demzufolge auch darin, die Effektivität der Unternehmen zu kontrollieren, um gleichzeitig deren Verwertungsbedingungen zu erleichtern, indem Forderungen an zukünftige Verwertung kommodifiziert und kapitalisiert werden. Gleichzeitig gleichen diese Märkte die Mobilitäten der Einzelkapitale untereinander an, sie etablieren neue Bedingungen für den globalen Wettbewerb. Und das enorme Wachstum der Derivate seit den 1980er Jahren beschleunigt und fördert den Vollzug dieser Kontrollprozesse zur permanenten Überprüfung der Asset-Portfolios der Unternehmen, indem man etwa bestimmte Risikostrategien kapitalisiert und andere eben nicht. Ganz im Gegensatz zu den keynesianischen Annahmen erweist sich damit das neoliberale Modell als eine außerordentlich effektive Strategie der kapitalistischen Hegemonie der führenden finanziellen Kapitalfraktionen und bestätigt eben gerade nicht Keynes’ Ideologie vom unproduktiven Rentier. Die Community der Insider eines Unternehmens gegen die Outsider des finanziellen Kapitals – das ist die Konstruktion einer puren Fantasie, die sich aber hartnäckig quer durch fast alle Fraktionen der Wirtschaftswissenschaften und Politik hält.

Gegenwärtige Finance hat es u. a. mit den Preisfindungsprozessen von synthetischen Assets selbst und mit deren Möglichkeiten, den Wettbewerb und die Kapitalisierung voranzutreiben zu tun, und damit übernimmt sie eine aktive Rolle in der Reproduktion kapitalistischer Machtbeziehungen. Dabei spielen die zuverlässigen, die gewinnorientierten Rückführungen der Investitionen auf Grundlage eines permanenten Risikomanagements, das die Möglichkeit auszuschließen hat, dass ein erwarteter Rückfluss nicht stattfindet, ein zentrale Rolle in der Kapitalisierung der internationalen Märkte. In diesem Zusammenhang ist das Risiko etwas, das man nicht einfach wegzuhedgen hat, sondern gerade auch ausbeuten, verpacken, diversifizieren und handeln sollte. Schließlich werden heute beide Seiten der Bilanzen eines Unternehmens kapitalisiert: Die Securitization der Verschuldungsbeziehung auf der Seite der Passiva geschieht parallel zu einer Securitization von Gewinnperspektiven auf der Seite der Aktiva. Dementsprechend leistet der Finanzsektor eine äußerst flexible Distribution der Risiken und trägt genau damit zur Reduzierung wie auch zur Erhöhung der Ungewissheit bei. Gleichzeitig besitzt die Versicherung gegen Risiken eine allokative und regulierende Funktion, indem sie es ermöglicht, dass profitable und zugleich hochriskante Investitionen, etwa im Außenhandel und/oder industrielle Produktionen mit all ihren möglichen Verwerfungen durchgeführt werden können. Bei dieser Art der Kapitalisierung übernehmen synthetische Derivative eine zentrale Funktion, u. a. als eine Technologie der Macht, als Teil der Governance des finanziellen Kapitals selbst. Synthetische Derivate stellen nämlich eine Art von hochhgradig abstrakt bzw. differenziell komponiertem Körper dar, der bestimmte konkrete Risiken partikularisiert und gleichzeitig die Bedingungen des Risikos generalisiert. Zugleich vergleichen, bündeln und tranchieren Derivate verschiedene Risikokategorien und stabilisieren damit die kontrollierende Funktion der gegenwärtigen globalen Finance, indem sie in durchaus homogenisierender Weise verschiedene Aspekte der Zirkulation des internationalen Finanzkapitals repräsentieren. Derivate dürfen somit durchaus als integraler Teil der Kapitalbewegung gelten, indem sie auf der Basis der Kalkulation der Risiken die Kapitalakkumulation differenzieren und zugleich normalisieren, bezüglich des Letzteren also verschiedene Bewertungen in eine einzige mögliche Interpretation (der »gerechten« Profitproduktion) homogenisieren, und dies wiederum im Kontext partieller ökonomischer Aktivitäten und Wissenssysteme. Und Derivate überführen selbst das Firmenkapital in finanzielle Assets, die ausgepreist, gehandelt und verpackt werden können, ohne dass man überhaupt noch etwas physisch bewegen muss.

Die finanziellen Maschinen haben sich also tief in die produktiven Aktivitäten der Unternehmen eingeschrieben, nicht nur weil bspw. ein Unternehmen wie General Motors den größten Teil seiner Profite damit macht, die Kredite für die Autos, die man selbst herstellt, zu finanzieren, sondern weil die Produktion in einer globalen Ökonomie auf synthetische Wertpapiere einfach angewiesen ist, um bspw. die verschiedenen Arten von ökonomischen Differenzen, wie die zwischen Arbeitskosten, Währung, Maschinen und Tausch, miteinander zu vergleichen. Permanent schiebt somit die synthetische Finance die kapitalistische Warenproduktion mit ihren spezifischen Zielen und lokalen Anbindungen in die Kreisläufe globaler Ökonomie hinein und beschleunigt damit die transnationale Dynamiken der Kapitalbewegungen. Ein Tisch mag ja ein Ding zur Bereitstellung einer Mahlzeit sein, aber wenn Faktoren wie die Zinsraten auf Kredite des Tische produzierenden Unternehmens, Optionen und Versicherungen auf den Holzpreis und schließlich Währungsschwankungen dann etwa mit den entsprechenden Faktoren in der Produktion übereinander geblendet werden, und dies im Kontext der Produktion weiterer Güter und Dienstleistungen, so wird doch über den äußerst bescheidenen Tisch (als physikalisches Objekt) ein globales Festgelage des monetären Kapitals platziert.

Fassen wir zusammen: Als ein Asset darf im Prinzip alles gelten, was in der Lage ist, einen Einkommens- oder einen Renditestrom zu erzeugen, und Unternehmen handeln tatsächlich viele solcher Assets (nicht nur qua Eigentum, sondern sie erzielen Einkommen z. B. auch durch Leasing). Securitization impliziert das Framing oder die Zusammenfassung der Assets in Hinsicht des Risikomanagements, das erwartete Gewinnströme bewirtschaftet, auf die man wiederum Rechte verkaufen kann, wobei nicht notwendigerweise ein Transfer der zugrunde liegenden Assets selbst stattfinden muss. Jedes Asset, das einen Renditestrom erzeugt, lässt sich mit anderen Assets bündeln und/oder in ein einziges Asset zusammenfassen, was man oft als synthetische Finance bezeichnet. Zudem brauchen die Assets nicht alle demselben Typus zu entstammen, d. h., es gibt hier die seltsamsten Kombinationen, bspw. die Zusammenfügung von Hypothekenkrediten, Waren, Aktien und Dingen wie Wasservorräte und CO2-Werte. Dabei verkauft man quasi das »Eigentum« der Performance von Assets, während man selbst Eigentümer der Assets bleibt. Wenn man nun verschiedene Typen von Assets zusammenfügt, um eine einzige Sicherheit zu generieren, so registrieren wir an dieser Stelle schon eine Überwindung der Restriktionen, die den verschiedenen physischen Kapitalformen eigen sind, und dies steht mit der Fokussierung der Assets auf ihre differenziellen ökonomischen Charakteristiken im Zusammenhang, die schließlich in ihrer gemeinsamen Kapazität münden, nämlich einen Surplusstrom zu generieren. Um den damit zusammenhängenden Risikotransfer zu erleichtern, gilt es qua Securitization sämtliche fixe Einheiten der Unternehmen in liquide Teile zu konvertieren, und es ist genau diese Konversion, die der Marx’schen Konzeption des Kapitals komplementär ist. Synthetische Derivate wiederum beinhalten vielfältige Instrumente, die an dieser Stelle notwendig sind, um den Assets einen Preis zu geben und sie zu handeln, ohne notwendigerweise auch die zugrunde liegenden Basiswerte zu handeln – sie beliefern das Kapital mit der gleichen Fluidität und kompetitiven Determination wie die Securitization, aber eben auf einem noch höheren Level des Leverage. Sie erzeugen Liquidität für das Kapital, das mithin als ein soziales Verhältnis der Selbstverwertung zu verstehen ist. Während der Kauf einer mortgage backed security einen Einkommensstroms generiert, der auf der Performance eines ganzen Bündels von Hypothekenkrediten basiert, involviert dagegen ein Derivat keinen derartigen Einkommensstrom: Es handelt sich hier um den puren Handel von zukünftigen Performance-Messungen, womit Gewinne und Verluste sich einzig und allein aus der Preisveränderung des Derivats selbst ergeben. In dieser Hinsicht ist die Finanzialisierung ganz verschieden vom Kreditsystem: Während das Kreditsystem auf der Potenz des Kapitalismus zu expandieren beruht, geht es bei der Securitization und den finanziellen Derivaten nicht um die Expansion des Angebots an Geldkapital am Beginn eines Zyklus, und auch nicht um das Teilen des Profits (in Unternehmensgewinn und Zins) am Ende eines Zyklus. Vielmehr steht die molekulare Bewertung des Kapitals und seiner Teile während eines Zyklus ganz im Vordergrund, d. h., es werden nun mehr und mehr Attribute des Kapitals (die relevanten Dimensionen der Profitproduktion und des Akkumulationsprozesses) selbst skizziert, bewertet und schließlich diskret ausgepreist, wobei die Preise von ihrer relativen Effizienz im Akkumulationsprozess abhängig bleiben. Für den individuellen Kapitalisten oder die Aktiengesellschaften stellt sich noch die Frage, ob die individuell erzielten Profitraten mit den Durchschnittsprofitraten übereinstimmen oder diese übersteigen, während mit der Securitization und den finanziellen Derivaten diese Frage komplett im Kontext der Mikro-Attribute der Unternehmen steht, so dass jedes einzelne Teil und Segment der Unternehmen von jetzt an einer monetären Bewertung unterzogen werden kann. Finanzialisierung akzentuiert also die inhärente Wettbewerblichkeit der Kapitalbewertung neu. Darüber hinaus implementiert man dieselbe kompetitive Kalkulation in alle Typen von Assets selbst, wobei sie stets in relativen Preisgefügen zueinander stehen.
Securitization und finanzielle Derivate erlauben die Identifikation und Bewertung der Rendite mit sämtlichen Attributierungen von Kapital: nicht in der Reinheit einer Abstraktion, sondern viel stärker hinsichtlich eines fluiden, fungiblen Konzepts gemäß den verschiedenen Shareholder Values. Es gibt also keinen Grund das Kapital nur hinsichtlich des Eigentums an Produktionsmitteln zu behandeln, vielmehr besitzt es eine eigene Fluidität und eine universelle monetäre Form (Selbstverwertung), die sich als kompetitives Momentum darstellt. Und Securitization und die finanzielle Derivative bedeuten dann, dass das in Maschinen oder Hypotheken fixierte Kapital in einen fluiden Geldkapitalstrom, in ein wettbewerbsgetriebenes Kapital übersetzt wird. Und dies hat natürlich auch direkte Implikationen für die Arbeit als variables Kapital. Die Notwendigkeit des Wissens um wettbewerbsfähige Renditeraten hinsichtlich jeder Facette der Akkumulation zieht jetzt die Arbeit unmittelbar in die Kalkulation hinein, und dies als ein Teil der Performance des Unternehmens selbst, quasi als Realtime-Bewertung der Arbeit, womit die Markterwartungen bezüglich der Assetpreise zur gleichen Zeit Erwartungen an die Produktivität der Arbeit in Relation zu den Löhnen stellen. Damit beschleunigt, erweitert und differenziert die Finanzialisierung, ein wichtiges Moment in der Genealogie des Kapitals, die Akkumulation. Aber im gleichen Atemzug kommt es zu einer einvernehmlichen Verschuldung als einer generellen Eigenschaft der gegenwärtigen Sozialität, von der Arbeit bis hin zur gelebten Erfahrung. Demzufolge darf die Finanzialisierung viel stärker als eine Technik denn als Begriffseinheit gelten, viel stärker als Effekt denn als Intention eines Akteurs, weniger als ein Konsens, sondern stärker als eine Dispersion von Konsequenzen. Derivate zerstreuen die aufbrausenden Mutationen des Werts und schüren einen verdickenden und zugleich disparaten Strom spekulativer Volatilität. Und Institutionen halten Positionen, die ihnen Billionen Verluste bescheren, während Derivate es wieder ermöglichen, Gewinne, die auf den Verlusten der anderen beruhen, nicht allein durch billige Käufe und teurere Verkäufe zu erzielen, sondern generell von der Volatilität zu profitieren, welche den Preis in alle möglichen Richtungen strömen lässt – eine Situation, die die Finanzialisierung ausweitet wie der Markt implodiert und zugleich die Risiko bearbeitenden Instumente proliferieren.

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