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Money is in the air – Helikopter-Geld

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20 Jun , 2016  

Liest man die neuesten Statistiken aus der Wirtschaftsbranche, dann ist der Ölpreis wieder gestiegen, die Aktienmärkte und Chinas Wirtschaft haben sich stabilisiert, die Beschäftigung ist zumindest in den USA angestiegen und in Mitteleuropa haben die Preise aufgehört zu fallen. Und schließlich sagt der IWF ein globales Wachstum von 3% für dieses Jahr voraus.

Allerdings ist Chinas Wachstum auf eine Investitionswelle zurückzuführen, die im wesentlichen auf Krediten basiert, wobei ein immer größere Teile der Kredite aber auch in die Finanzmärkte selbst wandern. Beim Öl übersteigt nach wie vor das Angebot die Nachfrage. Und in den USA stagnieren die Reallöhne, obwohl die Beschäftigung gestiegen ist; die Lohnsteigerungen entsprechen nicht den Preissteigerungen, die sich für die Masse der Lohnabhängigen vor allem in steigenden Mieten und siegenden Kosten für die Gesundheit bemerkbar machen. Für eine Weile konnte mit niedrigen Zinsraten für Konsumentenkredite der Absatz für Automobile erhöht werden, der nun aber auch wieder fällt.

Schließlich haben die Unternehmen aufgrund der Niedrigzinspolitk der FED Schulden angehäuft, die sie gar nicht benötigen. Diese Schulden fließen zurück in die Finanzmärkte, in Aktienrückkäufe und den Equity-Markt. Sie erhöhen die Aktienpreise, während die aktuelle Nachfrage weiterhin stagniert. Wenn die FED die Leitzinsen erhöht, kann es durchaus sein, dass die Aktienkurse fallen und dies in eine neue Schuldenkrise führt.

Auch in Europa ist die Lage nicht so rosig. Hier sind es vor allem die Banken, wobei ein Drittel der Banken, wenn man sie weiteren Stresstest unterziehen würde, mit schweren Profitabilitätsproblemen zu kämpfen hätten. Seit 2014 halten sie circa 900 Milliarden Euro schlechter Kredite in ihren Büchern. Die stimulierenden Maßnahmen der EZB, die darauf hinauslaufen sollen, dass die Geschäftsbanken aufgrund negativer Zinsraten und der Politik des quantitive Easing mehr Geld an Unternehmen verleihen, geht bisher nicht auf, da die gewöhnlichen Kreditkanäle, auch im Interbankenverkehr, blockiert sind. Ähnlich sieht die Lage in Japan aus.

Vor kurzem haben Ökonomen der Deutschen Bank ein Papier zum Helikopter-Geld veröffentlicht. Das einfachste Modell besteht darin, dass eine Zentralbank neues Geld kreiert und es an die Regierung aushändigt, damit diese dann die öffentlichen Ausgaben erhöht oder die Steuern senkt. Allerdings kann das Geld auch direkt an die Unternehmen und Haushalte ausgegeben werden, ohne dass es durch die Banken geleitet wird. Dabei gibt es dann keine Intention der Zentralbank, dass das Geld jemals zu ihr zurückfließt.

Es wird jedoch eine Weile dauern, bis man das Geld in die Luft bringt, bis dahin müssen sich die Zentralbanken mit Reparaturen wie Aufkaufprogrammen, negativen Zinsraten und der Politik des QE weiter durchwursteln. Im Fall einer erneuten Abschwächung der globalen Konjunktur im Jahr 2017 wird aber die Frage nach dem Helikopter-Geld wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden. Und es stellt sich dann auch die Frage, welche Zentralbank hier die Führungsrolle übernimmt, die EZB, die sicherlich mit dem Widerstand Deutschlands zu rechnen hat, die FED oder die japanische Zentralbank, die das Programm schon einmal während der großen Depression in den 1930er Jahren eingesetzt hat.

Aus dieser Perspektive zeigt sich schon, dass es sich beim Helikopter-Geld, eine Art temporäres Grundkommen, um ein finanzialisiertes Einkommen handelt, das für eine bestimmte Dauer eine Nachfragelücke schließen soll. Man nehme nur einmal den Immobilienmarkt. Die Einkünfte aus Mieten, Verkäufen von Wohnungen/Häusern und ganz offensichtlich die Hypothekenkredite sind als Finanzanlagen zu verstehen. Heute ist das Grundeigentum vollkommen durchkapitalisiert, das heißt es nimmt die Form einer Finanzanlage an, auf die, wie bei jeder Form des fiktiven Kapitals, ein Anspruch auf zukünftige Einkommen besteht, hier als Grundrente. Dabei wird über die Finanzmärkte das Rentenniveau auf die Entwicklung der Zinsraten und der Renditen anderer Finanzanlagen bezogen. Haben die Preise im Immobiliensektor schon eine gewisse Höhe, ja ein spekulatives Niveau erreicht, und davon ist in vielen städtischen Zentren weltweit auszugehen, dann können die Renten nur noch steigen, wenn breiteren Bevölkerungsschichten Zugang zu neuen Geldern gewährt wird. Dass es sich auch beim Helikopter-Geld und anderen Formen des Grundeinkommens auch um eine Stabilisierung der Vermögenswerte bzw. des fiktiven Kapitals handelt, wird jetzt ganz offensichtlich. Es muss eben breiteren Bevölkerungsschichten Zugang zu weiteren Einkommen ermöglicht werden, ansonsten sieht man sich mit ausbleibenden Renditen konfrontiert. Fiktives Kapital impliziert Ansprüche auf künftige Renditen, die aus künftigen Geldkapitalströmen erwachsen sollen, und es kann durchaus Sinn machen, Gelder wie eben das Helikopter-Geld in die Zahlungsströme einzuspeisen, damit es am Ende zur weiteren Vermehrung von fiktivem Kapital kommt.

Wird das Helikopter-Geld an arme Schichten verteilt, fließt es umgehend in den Wirtschaftskreislauf zurück und zudem kommt es noch zu einer Subventionierung der Arbeitskosten. Die Frage der Lohnkämpfe scheint sich dann nicht mehr zu stellen, die klassische Arbeiterklasse wird endgültig ausgebremst. Allerdings könnte mit bestimmten Formen des Grundeinkommens das auch in der traditionellen Arbeiterbewegung weiterhin grassierende Arbeitsethos einige Kratzer erhalten.

Heidenreich/Heidenreich haben in ihrem Buch „Forderungen“ eine Reihe von Gründen angeführt, warum das von der Finanzindustrie selbst initiierte Helikopter-Geld, wenn es zudem doch das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit mit zu lösen hilft, nicht zur Anwendung kommt. Sie führen den Ökonomen Michal Kalecki an, der den Verlust des Distinktionsgewinns der konsum- und einkommensstärkeren Schichten erwähnt, den diese bis zu einem gewissen Maß durch die Einführung des Grundeinkommens erleiden könnten. Neben einer ganze Reihe von rechtlichen und institutionellen Problemen, ist schließlich der Konsens der herrschenden Klassen zu berücksichtigen, die sich vollkommen darüber einig sind, dass es keine Geschenke an die einkommensschwachen Bevölkerungsteile zu machen gibt.

Weiterhin wird befürchtet, dass es zu Preissteigerungen, inflationären Prozessen kommen könnte, wodurch Einkommen und Vermögen entwertet werden. Die zu erwartenden Zinssteigerungen führen ebenfalls zur Entwertung von fiktivem Kapital. Man kann sich das ganz einfach klarmachen: Eine Rendite, die man in zwei Jahren erhält, kann weniger Wert sein, als wenn man sie heute schon erhalten würde, und wie viel weniger, das hängt von den Zinsraten ab, sodass man die zukünftigen Renditen diskontiert oder reduziert auf das, was sie heute wert sind. Wenn die Profiterwartungen hoch und die Zinsen niedrig sind, dann kann sich der Wert des fiktiven Kapitals, bspw. von Aktien erhöhen. Gehen wir davon aus, dass man ein Wertpapier besitzt, das jedes Jahr einen Gewinn von 5 Euro abwirft. Beträgt die Zinsrate 5%, dann erhält man dieselbe Rendite, wenn man 100 Euro zu 5 % Zinsen investiert (5% von 100 ist 5). Wenn nun die Zinsrate auf 2% sinkt, dann wird der Preis des Wertpapiers auf 250 anwachsen, weil die 5 Euro Rendite jetzt äquivalent zu 250 Euro zu einer jährlichen Zinsrate von 2% ist. Steigt die Zinsrate auf 10%, dann wird der Preis des Wertpapiers auf 50 Euro fallen, weil man nur noch 50 Euro investieren muss, um 5 Euro Rendite zu bekommen. In der Praxis sind die Berechnungen komplizierter, aber im Allgemeinen werden niedrige Marktzinsen die Preise der der Wertpapiere ansteigen lassen.

Heidenreich/Heidenreich xschreiben in einem Interview auf NON: „Wenn quantitative Easing und Minuszinsen nichts helfen, wird es in irgendeiner Form zum Einsatz kommen. Es geht dabei nicht in erster Linie darum, Geld an irgendwelche zufälligen Empfänger zu verteilen. Ziel ist vielmehr, es ihnen so schnell wie möglich wieder abzunehmen, um den exorbitanten Vermögen mehr Fundament durch Fake-Konsum zu geben. Es geht – wie bei allen anderen derzeitigen Notmaßnahmen – allein um die Erhaltung der Vermögen.“

Die Sache bleibt nichtsdestotrotz spannend: Öfters mal in den Himmel schauen, ob es vielleicht irgendwann nicht doch Geld regnet.

 

Foto: Bernhard Weber

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