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Null K vs. Null-Trauma

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18 Okt , 2016  

Null K von De Lillo zeigt es deutlich: Das wahre Einkaufszentrum von heute ist ein technologisch aufgepeppter Hochsicherheitstrakt irgendwo in der Wüste, in dem riesige Bildschirme heruntergefahren werden, die den alltäglichen Horror zeigen: Migration, Krieg, Klimawandel. Dort glauben die Superreichen ausführlich an die Schwundstufe einer überüberwachten Ewigkeit, an das ewige Leben. Das ist aus der Sadeschen Gesellschaft geworden: Übermedialisierte Zentralnervensysteme, die man kauterisiert hat und denen man stimmungsaufghellende Codes in allen Sinnlagen injiziert hat. Kastrationskomplexe, deren Libido die Biotechnologie ist.

Es ist eine allzu lächerliche Dystopie, wenn man bedenkt, dass „Kultur“ ubiquitär aus den Flüssigfernsehern der Einkaufszentren gesendet wird. Sie zeigen rund um die Uhr den Eskapismus von Bastelnden, die man wie kleine Kinder in einen monströsen Laufstall gesteckt hat. Lächerlich in dieser Situation den Horror wieder auferstehen zu lassen oder mit der Leere zu spielen. Es ist immer noch so, wie Pohrt es paradigmatisch formuliert hat: „Wenn heute noch jemand Gruselgeschichten erzählen kann, dann der Bundesbürger, der in die DDR gefahren ist und mit dem Ausdruck wahrhaften Entsetzens berichtet, dass man dort weder Blendamed noch Nivea-Creme kaufen kann.“

Im Jahr 2016 ist die Farbe des Werbefilms immer noch fujigrün (Arthur Kroker ist das schon im Jahr 1989 aufgefallen). Fujigrüne, chemische behandelte Rasenflächen stellen nicht nur einen visuellen Ausgleich zur Autobahn und den Hochsicherheitstrakten in den Städten dar, sie sind – selbst noch die auf Kreuzfahrtschiffen installierten – Symbole der Freiheit, und als solche Zeichenwerte stehen sie für Freizeitaktivität, die wiederum für Freiheit steht. Die Freizeit ist das Reich der Freiheit. Die Freizeit ist die Dimension apriori. Sie ist da und wartet auf uns. Der Anspruch auf Freizeit besteht darin, der Zeit wieder ihren ursprünglichen Gebrauchswert zurückzugeben, jedoch kann sie im Kontext der Freizeitindustrie nur als chronometrisches Kapital von Jahren, Stunden und Minuten befreit werden, in das man investiert. Zeit bleibt deshalb knapp und den Gesetzen des Tauschwerts unterworfen. Nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Konsumzeit – die gewonnene freie Zeit durch ein Produkt beispielsweise, das flüssig konsumiert und nicht erst tiefgefroren aufgetaut werden muss – mutiert zum verzinslichen Kapital, zur virtuellen Produktivkraft, die man kauft. Und wie die Produkte der Kosmetikindustrie das Individuum befreit haben, so befreit die Rasenpflege das Kollektiv. Der zeitgemäße Urlauber fühlt sich in der Fremde genau dann geborgen, wenn er in einem Basar Dior entdeckt und neben dem obligatorischen Swimmingpool auf fujigrünem Rasen verweilt. So könnte man es denken, wäre nicht Freizeit wie Freiheit wie Rasen längst implodiert, um sich als Simulakrum am Leben zu erhalten. Der Geschmack von Freiheit verbindet sich heute stets mit Regeln, die jede Freiheit entweder verbieten oder als Simulakrum pornographisch zur Schau stellen: „Die Ästhetisierung aller Post-Rasen also als herrschende Metaphysik der neuen Mittelklasse.“ (Kroker)

Das ästhetische Pendant zum Rasen ist in den Zentren die Fake-Stadt, die Stadt aus Klinker, Mittelalter und Pasticcio, ein Traumbild aus einem TUI-Reisekatalog, ergo eine Stadt, die real nie existiert hat. Sie soll für die Vorstadt entschädigen, für die Serialität von Fastfoodketten, Flatrate-Bordellen, Tankstellen und Discountern. Die Vorstadt ist der Vorbote der Mülldeponien, die sich ganz in den Megaslums aktualisieren. Wo das Kapital die Menschen nicht mit Hamburgern mästet, da lässt es sie verhungern: „Wo kein Sportplatz, Naherholungsgebiet oder Freizeitpark entsteht, da entsteht eine Mülldeponie.“ (Natürlich genießen die globalen Eliten und Teile der Bevölkerung der hochentwickelten Länder eine verfeinerte, postmoderne Küche.)

Und dann gibt es noch die Innenstadt, die „zwischen der Verelendung des Primitivkapitalismus für die Obdachlosen und Opulenz für die herrschende Klasse oszilliert.“ (Kroker)

Heute ist der Hochsicherheitstrakt das ubiquitäre Modell postmoderner Architektur. In den Zentren regieren die Tower aus Stahl und Glas, in denen sich das finanzielle Kapital verdichtet, eine phallische Ergötzung des Kapitals ohne Eigentum. Die Yacht ist der schwimmende Hochsicherheitstrakt, in dem die Insassen der Tower ihre Freizeitaktivitäten gestalten.

Die Mittelschicht bastelt sich ihren kleinen eigenen Hochsicherheitstrakt zusammen: Eigenheim mit geföntem Rasen, Leute in der Sonne, gelaserte Kunst und kleiner Swimmingpool. Weil man sich keine Hausangestellten leisten kann, mutieren die Erwachsenen in ihren Häusern und Wohnungen zu Hybriden aus Raumpflegespezialisten und Schönheitspflegern, gebrochen nur vom nervtötenden Mami-Papi-Ich.

Im Kontext der therapeutischen Fürsorge, einer weiteren Nebenwirkung der Mittelschicht, regredieren deren Konsumenten schließlich zu Pflegefällen: Für TUI ist der Gedanke kaum erträglich, sie ganz allein in ihren Hotelzimmern zu wissen, wie sie wild durch die Fernsehprogramme zappen. Deshalb schmeichelt TUI ihnen: „Wir wollen alles tun, damit Sie auf Ihrer nächsten Geschäftsreise Ihre bessere Hälfte mitnehmen können … mit dem speziellen Familientarif usw. Mit ihrer besseren Hälfte an Ihrer Seite haben Sie zumindest jemanden, mit dem Sie den Fernseher umschalten können … das ist es, was wir Liebe nennen … Die Frage ist nicht, ob Sie allein sind – Sie haben nicht das recht dazu, denn für uns ist das unerträglich. Wenn Sie nicht wissen, was Glücklichsein bedeutet, werden wir es Sie lehren, wir wissen das nämlich besser als sie und wissen auch, wie Sie mit ihrer Hälfte vögeln sollten, wo sie doch Ihr Zweites Programm, Ihr erotischer Sender ist. Das wussten Sie nicht? Dann werden Sie auch das bei uns lernen. Denn dazu sind wir da. Sie zu verstehen – diese Aufgabe ist die unsrige … “ (Baudrillard)

Und ohne jede Planungsidee gibt es noch das globale Slum. Und über allem ein Himmel, der die „Farbe eines Fernsehers hat, der auf einen toten Kanal eingestellt ist.“ (W.Gibson)

De Lillos Null K ist ein Null-Trauma.

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