Gosse, Mashines

Panik Medien: Der Tod als Versprechen, der Tod als Investment und als spekulativer Horror

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29 Mrz , 2015  

1) Die Medien-Panik und der Selbstmord

Im letzten Teil seiner Erzählung „In alter Vertrautheit“ macht sich David Foster Wallace (dfw) in weiser Voraussicht Gedanken über seinen eigenen kommenden Selbstmord. Ganz in der Paradoxie gefangen, dass man zwar die Absicht eines kommenden Selbstmordes als ein Geheimnis hüten kann, aber das Resultat doch allzu sichtbar ist, außer es gelänge einem sich in Luft aufzulösen, verschwendet dfw solch „beschissene Gedanken“ darüber, wie sein Selbstmord möglichst wenig spektakulär und dramatisch ausfallen könne, und man muss vielleicht hinzufügen, wie es sein könnte, wie ein Tier zu sterben. Dann wäre dfw plötzlich einem Gleichgesinnten ganz nahe. Im ABC behauptet nämlich Gilles Deleuze, dass es keineswegs die Menschen, sondern die Tiere seien, die in Würde zu sterben wissen. Man denke an die Katze, die eine Ecke als ihr Territorium für den Tod suche, um darin zu sterben. Nun ist diese Form des Sterbens, die auch für den Selbstmord in Anspruch genommen werden kann, angesichts der ubiquitären Tendenz eines spektakulären suizidalen Sterbens nicht ganz verschwunden. Kaum anzunehmen, dass die kollektiven Selbstmorde kleiner indischer Bauern oder der chinesischen Arbeiter bei Foxconn vor laufender Kamera stattfanden oder auf die große, weltweite Schlagzeile in Realtime abzielten.

Dfw phantasiert weiter, malt sich seinen Selbstmord in den schrillsten und schillerndsten Sequenzen aus, er will seinen Wagen zumindest mit einer Geschwindigkeit aufprallen lassen, „die ausreichen würde, um die ganze Front des Wagens zusammenzustauchen, mich mit der Lenksäule aufzuspießen und auf der Stelle zu töten.“ Im Gegensatz zum  vermeintlichen, erweiterten Selbstmord des Co-Piloten, dessen Maschine sich ca 10 Minuten im Sinkflug befand, in denen er vielleicht noch das ozeanische Abschlussgefühl genießen konnte, steht dfw überhaupt nicht auf einen ausgedehnten Tod: Wenn er sich schon umbringe, solle es schnell gehen, schreibt er lakonisch. Dfw imaginiert ein Verbrennen des eigenen Körpers in abgeschiedener Umgebung oder den Autounfall, „dass niemand Zeuge werden würde, die Sache möglichst wenig Showcharakter hatte und ich nicht in Versuchung kam, mir in meinen letzten Sekunden vorzustellen, welchen Eindruck Anblick und Lärm des Aufpralls auf potenzielle Zuschauer machen konnten.“

Beim erweiterten Selbstmord  scheint dies ganz anders motiviert gewesen zu sein. Der Suizid ist dann anscheinend ganz auf die Show hin konzipiert, und auch wenn niemand bis jetzt so richtig weiß, was da im Sinkflug im Cockpit vor sich ging (einziges Indiz das ruhige, besonnene Atmen), hätte sich der Co-Pilot ganz sicher sein  können, dass die Medien, die Filmindustrie und die kollektiven Phantasmen die Ausleuchtung seiner letzten Zeitstrecke in extenso übernehmen werden. Wie so oft schreitet der neue Spiegel (gleich nach dem Exploitationsblatt NO 1 Bild) stolz und kreativ voran, covert er doch auf seiner aktuellen Nummer den Blick aus dem Cockpit auf die Alpen. Der Moment des Todes wird abgefilmt. Auch die Ghostwriter von Merkel waren ganz schnell zur Stelle und zauberten den ältesten rhetorischen Hut aus der Mottenkiste des Katastrophenjournalismus hervor. Der Akt sei unfassbar, überschreite jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Aber ist diese Art der Überschreitung nicht tief in die deutsche Historie eingeschrieben? „Ja, meine Familie hatte es in Auschwitz gut … die Kinder konnten frei und ungezwungen leben, meine Frau hatte ihr Blumenparadies.“ So schrieb es der Auschwitzkommandant Rudolf Höß nieder. Und das konnten und können sich die Deutschen bis heute sehr gut vorstellen.

Dfw kann schließlich nicht ganz davon ablassen, seinen letzten Minuten etwas Zeremonielles zuzuschreiben, in der noch einmal die ganze Heiligkeit der Welt sichtbar wird. Durch die eigenen Lebensumstände in klassischer Psychologie geschult, weiß dfw um den libidinösen Mehrwert der letzten Minuten, er weiß um die ozeanischen Gefühle, um die Schaumkronen und Bäume, in denen der Suizidale seinen Selbstmord jubiliert. Julia Kristeva hat in ihrem Buch „Black Sun“ bemerkt, dass die depressive Verleugnung der Realität nicht nur die Bedeutung des Symbolischen, sondern auch die Bedeutung eines Akts zerstöre, und das Subjekt zu einem Selbstmord dränge, der ohne die Qual der Desintegration auskomme und stattdessen mit einer archaischen Nicht-Integration zusammenfiele, so todbringend wie jubilierend, wahrlich ozeanisch. Dfw kann solche Dramen nicht wirklich leiden, man hat einfach schon zuviele von ihnen gesehen. Beim hypermodernen Selbstmörder scheint der Suizid anders motiviert zu sein, er ist zum Schluss geradezu nach der Inszenierung des Dramas süchtig. Gierig auf alles, was er nicht haben kann, und wenn er es hat, dessen schnell überdrüssig bis zum Erbrechen, entsetzlich gelangweilt und zugleich köstlich amüsiert, ignorant bis zum Kotzen und zugleich wahnsinnig kompetent oder flexibel, und letztendlich in einer existenziellen Dimension enttäuscht, „mad at the world“, das scheint seine Stimmungslage zu sein, dokumentiert zumindest beim „gunman“, der im Jahr 2002 in einem Amoklauf wahllos 22 Menschen erschoss.

Man weiß, dfw will sich mit dem Schauspielern zurückhalten. Beim Co-Piloten standen die Dinge vielleicht etwas anders. Sich vielleicht dessen bewusst, dass es kein Geheimnis zu hüten gilt, sondern der Kommunikation, dem Spektakel und dem Event Genüge zu leisten ist, müsste ihm dann klar gewesen sein, dass das Geheimnis den modernen Überwachungsapparaten schutzlos ausgesetzt ist, und es gerade deswegen als Show zu inszenieren ist. Poes entwendeter Brief gemahnt daran, dass das Geheimnis offen auf dem Tisch liegen kann. Wenn die mediale Aktualität gestern einen andere als heute war und morgen wieder eine andere sein wird, nämlich dieselbe, dann kann man der Aktualitätshysterie einfach nicht mehr entkommen, es sei denn, man fordert sie mit feinen Nadelstichen der Intoleranz heraus oder übersät sie mit Perversionen. Es ist dann so, als ob man von der verkehrten Seite durch ein Mikroskop sähe und die Dinge wie einen fein verschwimmenden Hintergrund wahrnähme. Aber so einfach ist es nicht. Was die Blödmaschinen (Seeßlen/Metz) heute einmal in aller Deutlichkeit und monotonen Prägnanz gedruckt oder gesendet haben, wird nur noch von wenigen ernstgenommen, und wenn es dies wird, dann wird es auch schnell wieder vergessen. Als Hitler sich in den Medien den Mund fusselig redete, man würde die Juden umbringen, haben die wenigsten das geglaubt. Es muss nur lange genug auf Sendung sein, dass bspw. der nächste Atomschlag wie das Amen in der Kirche kommen wird, und das Publikum wird die Nachricht für die übliche Sensationsmeldung oder Propagandamache der Lügenpresse halten.

Der Massenselbstmord hatte zu Zeiten des fordistischen Kapitalismus seine Konjunktur. Dem Massenselbstmord in Jonestown/Guayana, der durch den hippiesken Wanderprediger und Finanzier Jones initiiert wurde, ging die durch Faktoren wie Etablierung des Sozialstaates, Klassenkompromiss und Konsumboom genährte Resignation voraus, man bringe es mit der Realisierung der 68er Parole „Die Phantasie an die Macht“ doch nur zu einem durch Technik und Sozialstaat degradierten Schmarotzer, dessen Geist der Utopie sich in den grausamen Horror eines Gespenstes verwandeln könnte, dessen Materialisierung das komfortable, durchgestylte und perfekte organisierte Seniorenparadies sei (Pohrt), die letzte Vorstufe zur Grabesruhe.

Im Postfordismus wurden die sozialstaatlichen Programme und Reservate zwar nicht gänzlich aufgekündigt, so aber doch wesentlich eingeschränkt, und das Seniorenparadies erst einmal ad acta gelegt. Selbst noch die vom Staat behandelten Dauerpflegefälle werden heute mit Hilfe von vielfältigsten Coachings-, Erziehungs- und Trainingsanstaltungen panisch motiviert. War es im Fordismus die alternative Gruppe, die als spiritueller Tropf diente, an dem die sozialen Pflegefälle hingen, so ist es im Postfordismus das Team, das mit seinen karrieregeilen Opportunisten neo-buddhistisch inspirierte, maschinische Gruppendynamik betreibt und den sozialen Körper bis in die feinsten Kapillargefäße durchdringt. Das homogene Ethos aus Opportunismus, verantwortungsvoller Paarbeziehung und sozialem Engagement, das sich ganz heideggerianisch als Gerede oder systemdeutsch als Interaktion oder Kommunikation artikuliert, ein Ethos, über das jedes Bewerbungsschreiben heute hinlänglich Auskunft gibt, wird im Team beständig neu verhandelt bzw. austariert, ohne dass der Coach, der in seiner Funktion als Unternehmensberater einem modernen Wanderprediger gleicht, es noch eigens zu empfehlen hätte. Im Rahmen der geforderten und bereitwillig vollzogenen und vor allem sehr operativ-gesprächigen Zwangsharmonisierung wird zugleich mit Hilfe eines politisierten Pseudo-Sadismus, das heißt insgeheim gegenseitiger Verachtung sowie dem paradoxen Interesse an operativer Passivität, ein Kampf aller gegen alle geführt, der die Intensivierung des Ressentiments sowie der Listigkeit, die ja im Gerede keinerlei Referenz mehr kennt, im Prozess des öffentlichen Absonderns von Meinung zur Folge hat. „Clever ist“, schreibt Wolfgang Pohrt, „wer es versteht, sie (die anderen) für sich einzunehmen oder sie hereinzulegen. Wer es nicht versteht, ist der Dumme.“

Der Neoliberalismus, so weiß man seit Foucault, weitet die Prozesse der sozialen Subjektivierung aus, indem er die ökonomische Aktivität zur Grundlage aller sozialen und politischen Relationen macht, er legt den Fokus nicht mehr auf den Tausch, sondern auf den Wettbewerb. Allerdings erfolgt die moderne Subjektkonstitution mindestens in einem dualen System. Einerseits sind die Subjekte als Dividuen an die maschinellen Apparate und Gefüge der Unternehmen und Finance, der Kommunikation und des Staates angeschlossen, andererseits werden sie als Individuen durch die Macht stratifiziert, die ihnen Rollen und Funktionen, wie die des Produzenten, Konsumenten, Fernsehzuschauers usw. zuweist. Gleichzeitig gilt es eine Beziehung zwischen der neoliberalen Nötigung zum Wettbewerb und der weltweiten Tendenz zum Suizid festzustellen, der Relation zwischen der psychischen Gebrechlichkeit und der Einsamkeit von Leuten, die sich nur noch an verbundenen Screens treffen. Bifo Berardi spricht hier von der Transformation des sozialen Lebens in eine Fabrik der Traurigkeit, aus der es scheinbar kein Entkommen mehr gibt.

Aber vielleicht gilt es noch auf eine allgemeinere Tendenz hinzuweisen. Sloterdijk nimmt für sich in Anspruch, den Gedanken entwickelt zu haben, dass in nachmodernen Zeiten  das Flugzeug, an dessen Bord die Menschheit in die Zukunft reist, während des Flugs umgebaut werden müsse. Und er schreibt weiter:“ Die paradoxen Flüge der Gegenwart zeichnen sich durch das seltsame Merkmal aus, daß in ihnen der Gedanke an Landung verboten ist.“ Höchstwahrscheinlich hat der Copilot diesen Satz vor seinem Höllenritt nicht zur Kenntnis genommen. Aber es ist nicht auszuschließen, dass sein paradoxer  technikgetriebener Sturz nach vorne die Sloterdijksche These,  dass in der Neuzeit ständig mehr Energien freigesetzt würden als gebunden werden könnten, an eine Grenze geführt hat. Es könnte sein, dass die finanzialisierte Kalkulation der Zukunft auf allen anderen Ebenen des Gesellschaftlichen von nihilitischen Ermüdungsphasen begleitet wird oder Ereignissen, die die Katastrophe grell ausleuchten. Der kapitalgetriebene Drift zu erweiterten Ungleichgewichten, der sich durch eine Politik des muddling through, des Durchwurstelns und des Pfuschens nur noch kurzfristig entspannt, bringt in immer kürzeren Abständen auch das Szenario der Katastrophe hervor. Unter diesem Gesichtspunkt offenbart sich die Rede von der Nachhaltigkeit als sinnentleert. Wenn der Unfall das Zeitalter der technischen Herstellbarkeit erreicht hat, dann müsste man mit Günther Anders annehmen, dass der Mensch vor Scham erblasst. Das Gegenteil ist der Fall: Wie bei fast allem anderen ist das Zeit-Empfinden der Konsumenten auf Endverbrauch gepolt.

Guattari schreibt, dass das Kapital in derselben Art und Weise Subjektivierungsmodelle lanciere wie die Automobilindustrie eine neue Kollektion von Autos. Und anscheinend lanciert es in immer schnelleren Rhythmen  auch neue Formen von Selbsttötungsmodellen. Mit dem Begriff des Spasmus (Krampf), den Guattari in seiner Schrift „Chaosmose“ verwendet, will er auf die exzessive und kompulsive Beschleunigung der Rhythmen des Sozialen und Ökonomischen hinweisen, auf eine forcierte Vibration sämtlicher Rhythmen in den Räumen der sozialen Kommunikation. Guattari bezieht sich hier insbesondere auf die Bereiche der kognitiven Arbeit und der nervlichen Belastung, denen die Dividuen in den maschinellen Netzwerken und Systemen gegenwärtig ausgesetzt sind. Demzufolge ist der Spasmus als ein Effekt der gewaltsamen Penetration des Kapitals in das Feld der Infotechnologien zu verstehen, die unablässig auf die Bereiche der Kognition, Sensibilität, Neuronalität und des Unbewussten von Dividuen einwirken. Zudem fordert das finanzielle Kapital die Prekären dazu auf, immer länger für immer weniger Lohn zu arbeiten. In diesem Kontext scheint die klassische Depression durch eine digitale Massen-Panik ersetzt, eine Art latenter Melancholie verschnitten mit einer Menge Wahnsinn. Dabei ahmen die panisch Regierten oft nur die panisch Regierenden nach. Schon bei der Fluzeugentführung in Mogadischu im Jahr 1977 wurde dem Publikum doch hinlänglich vorgeführt, dass der Staat prinzipiell kein Problem damit hat, eventuell 90 Personen auf einen Schlag über die Klinge springen zu lassen. An solcherlei staatliche Manöver hat man sich längst gewöhnt, warum dann nicht selbst ein einziges Mal den Hijacker mimen, die Dinge selbst in die Hand nehmen und das Flugzeug in die Türme oder an den Berg setzen. Opfer scheissegal oder gar einkalkuliert.

Und vielleicht siegte da vor Tagen im Cockpit noch eine seltsam-schaurige Restkomponente des Anthropozentrischen: Vielleicht noch ein letzter Blick auf die sattsam bekannten Alpen, auf einen realen Ortungspunkt, der letzte Kindheitserinnerungen im Hirn hervorschießen lässt. Die letzten schwermütigen, wasserunlöslichen Bilder eines kurzen Lebens, vielleicht gefror in ihnen das lautlose Blöken der Kühe zu Eisblöcken und das fast lautlose Wiehern wilder Pferde geriet zu einer Horde brüllender Megaphone. Und die Sonne hing am Himmel wie ein Werbeballon der Firma Apres Ski Sun Creme kurz vor dem Zerbersten, als der Schädel zum Spielball ungeahnter Fliehkräfte wurde. Vielleicht.

Vielleicht ist das ozeanische Gefühl des Selbstmörders längst durch die coole Selbsttötung ersetzt, die klar berechnend die Tat plante, um 149 Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Vielleicht. Vielleicht deutet die Tat auf die MenschSynapse als optimiertes Organ einer maschinellen Ökonomie hin, in der der Mensch implodiert und von dieser Auslöschung in der nekrologischen Maschine ahnt, deren Zweck hier weniger die Produktion von Geldmehrwert, sondern die Produktion von Tod ist.

Der Pilot ist Teil einer digitalen Maschine. Eingebunden in das Supercockpit, angeschlossen an rechnergenerierte optische Scannerbilder, die über Feedbacknetzwerke die Geschwindigkeit und die Position des Flugzeuges im Raum anzeigen. Der Finger ist ohne reale Fingerspitze, stattdessen transformiert er zum Sensor, der sich im Cockpit automatisch durch einen Magnetfeldfluss bewegt. Den Forschern der amerikanischen Luftwaffe ist all dies längst klar: Im Supercockpit ist der Roboter angedacht, der den menschlichen Piloten ersetzt, der allerdings schon heute nicht mehr der reale Pilot ist, sondern als funktionstüchtiges Teil in den passiven Servomechanismus des Supercockpits integriert ist – der Pilot als „telemetrierte Augäpfel und flackernde Sinne.“ (Kroker) Im Ausnahmefall agiert er als Tötungswaffe in den TodesMaschinen, um dort mit Präzision zu sterben, in Real-Time abgefilmt, übertragen und zum Spektakel gemacht.

Nach der Katastrophe liegen dann die Katastrophenorte tagelang im Einzugsbereich der journalistischen Besichtungen & Besetzungen, der Indienstnahmen und Missionen; weiträumige Polizeisperren trennen das Innen und das Außen, verhindern die Zugänge/Zutritte seitens der durch das Fernsehen und Radio hyperinformierten Massen. Selbst die aktuelle Wetterlage spielt in den Berichterstattungen der angereisten Journalisten eine seltsam konnektive Rolle (bspw. strahlender Sonnenschein, 4,3 Celsius, Wind aus westlichen Richtungen), als ob die Reporter- und Filmgruppen, die in der Nähe der langen Kolonne mobiler Übertragungswagen campieren, bei Sonnenschein grundlegend anderes berichten würden als beispielsweise bei Regen. Staatsräume, Venture-Capital-Räume, Räume der Prominenz und der psychotherapeutischen Betreuung, Taträume & Tatumfelder, ja sogar unbekannte oder anonyme Räume warten auf die permanente Vermessung bzw. auf die Aktualisierung innerhalb einer journalistischen, simulativen, okkupativen Gegenwart.

 

2) Non-Fiction. Der Gewaltfilm

Kommen wir noch einmal auf dfw zurück und konstruieren in Anlehnung an seine Erzählung „TV der Leiden – The Suffering Channel“ folgendes Szenario:

Wenn es die tagespolitische Aktualität, die nach dem ehernen Aktualitätsparadigma der ihre eigene Gegenwart ausblendenden Medienindustrie funktioniert, erfordert, schaltet das Produktionsteam im Sendezentrum von 6Time sofort auf Sonderberichterstattung um. Bis vor acht Monaten dealte der private Fernsehsender 6Time noch mit Filmmaterial, das den großen Nachrichtensendern und -agenturen wie NTV, BBC, Reuters oder CNN oder den neuen Mikro-Blogging-Diensten im Internet gegen immens hohe Gebühren abgezapft wurde. Eskalierende Katastrophenskalierung ist das Kennzeichen der hippsten Entwicklung in der Nachrichten- und Entertainment-Branche; zwischen Entertainment-News, Casting-Showblöcken oder Celebrity-Stories wird ein Quasi-Liveprogramm zum globalen Katastrophen-Tourismus bzw. Terrorismus hochgefahren, das allerdings die empfindsamsten bis hin zu den paranoidesten Akteure der Medienbranche zu Fehleinschätzungen der aktuellen politischen Weltlage hinsichtlich asymmetrischer Kriege und Weltwirtschaftskriege oder der sicherheitspolitischen Risiken von prä-terroristischen Einsätzen verführt, während die Medienmanagments in den Sendezentralen ein bis ins Detail ausgefeiltes, hochkomplexes und fiktionales Katastrophenmanagement verwalten bzw. vermarkten, das seine apotropäischen Begleiterscheinungen oft nicht zu verbergen weiß; es handelt sich um eine Art real-virtueller Kolportage des Zusammentreffens von Terrorismus und Tourismus, die Konsequenz aus der Tatsache zieht, dass heutzutage die westliche Welt und ihre Kriegsmaschinerien insgeheim an einem Mangel an Feinden leiden. Terroranschläge sans phrase erscheinen einerseits als (un)zeitgemäße Zuckungen und Epilepsien, die dem Siegeslauf des Empire kaum im Weg stehen, andererseits muss der Terrorismus als permanent drohende Gefahr dafür herhalten, dass man die präventiven Sicherheitstechniken in den Metropolen ständig effektivieren kann. Die Simulation bzw. die mediale Vermarktung von Terroranschlägen wird der Tatsache gerecht, dass wir die Welt nur noch als Blick-Touristen erkunden, bereisen und überfliegen.

Als die Handgranaten im Taj Mahal Hotel in Bombay explodierten, zeigte sich für jedes einzelne Mitglied des achtzehnköpfigen Aufsichtsrats des Fernsehsenders 6Time (in der urplötzlichen Konfrontation mit der Malaise globalisierter Medienkritik) ganz schnell, dass es richtig war, die von überholten Medientheorien aufgeworfene Frage »Welches Ereignis wird Nachricht/Bild« im Sinne eines pragmatischen Konstruktivismus umzuformulieren: »Welche Nachricht/Bild wird Ereignis?« lautet ab jetzt das Paradigma. In den Planungszentralen von 6Time wird seitdem seltsam akribisch die Berichterstattung oder Dokumentation von gefaketen Ereignissen aus dem Empire geplant, es werden Bilderfluten von postpolitischen lokalen Kriegen simuliert, wobei man im Aufsichtsrat einhellig der Meinung ist, dass die geopolitisch bedeutsamen, die molekularen Weltkriege derzeit in die arabischen Ländern stattfinden, wo nicht nur die energie- und geopolitischen Interessen des westlichen Empires mit der durch und durch ökonomisierten Theologie des islamischen Fundamentalismus aufeinanderprallen, der ökonomische Aufstieg Chinas mit dem von Indien, sondern in diesen Georäumen werden mittlerweile 90% des Welthandels und 2/3 der Energietransporte abgewickelt, vor allem durch die geostrategisch bedeutsamen Straßen und Meerengen von Hormuz und Malakka.
Die Bemühungen der Nachrichtenredaktion von 6Time, die Kameras konsequent auf diese geopolitisch eminent wichtigen geopolitischen Warzones zu richten, werden mit Sicherheit schon in nächster Zukunft zu einem kontinuierlichen Anstieg der Quote fast aller wichtigen Formate des Fernsehsenders führen. Es regiert ein digitalisierter, ein kolonialisierender Blick, der neben seiner spezifischen Zeitlichkeit durch raffinierte Schnittwahl und -techniken sowie durch geschickt getimte Ereignisinszenierungen gesteuert wird.

Die Nachricht dient rein der Interpretation der Bilder, was auch heißt, dass eine gute Nachricht die Produktion von Bildern geradezu erfordert.

Diese Art der Nachrichtenproduktion konzentriert sich auf die Liveübertragung, bei der an einem beliebigen Ort und zu beliebiger Zeit (die Vergangenheit rückt so nahe an die Gegenwart heran, bis sie sich im Live-Setting erfüllt und zugleich aufhebt) gefilmt wird, aber nicht dort, wo etwas geschehen könnte, sondern, wo man gezielt Nachrichtenbilder erzeugt, mit denen man die Affektmodulation des Publikums im Schnelldurchlauf besetzt. Jeglicher Ansatz von Spontaneität ist durch die kalkulierte Beschleunigung der Nachrichtenbilder perfekt in Gewohnheit übersetzt. Die aktuellen Nachrichtenbilder produzieren spezielle Visiotypen, Mytheme und quasi-beseelte Ereignisse – mobilisiert durch ein Arsenal von Moderatoren, das bereit ist, die Story zum Weltbild zu kommentieren, das als Darstellung von Authentizität, Fiktion und Mythos funktioniert; im besten Fall erreicht man die vollständige Entsprechung von Nachricht und Moderator, was die Fiktionalisierung der Nachricht bis zu einem gewissen Maß auch anzeigen darf, solange der Konsument aus der Nachricht einen Unterhaltungswert zu kontrahieren vermag.

Vermutlich war schon die erste Nachricht, die von A nach B gesendet wurde, eine Fälschung. Das gefälschte Bild verlangt nach dem gefälschten Ereignis, wobei selbst noch die erste Natur als Reservoir von gefaketer Authentizität erscheint. Medienkonzerne und -agenturen, Kamerateams, Einsatztruppen und Publikum verhalten sich dabei als Komplizen, begehren einander und stacheln einander gegenseitig an, verhalten sich am wenigsten konfliktuell. Als sog. Nullmedium ist das Fernsehenauf der Flucht vor dem Content, während der Content auf der Flucht vor dem Nullmedium ist.

Vor diesem Hintergrund ist der Fernsehsender 6Time, der u.a. wichtige Verdichtungen von Knotenpunkten im Internet besetzt, damit beschäftigt, ein weltweit vernetztes Team von Softwarespezialisten, Militärstrategen, Physikern und Biochemikern aufzubauen, um seinen Marktanteil an der Globalisierung der Information zu sichern, natürlich auch, um die post-operative Einsatztruppe TUKK-TUKK im Bedarfsfall sofort an die sogenannten heißen Einsatzorte in den globalen Krisengebieten zu senden, während über soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und YouTube pausenlos sog. MCS-Messages gesendet werden, die bestimmte kohäsionsstiftende Terroraktionen medial vorbereiten und kommentieren.

Diese Art von medialer Informationsbombe soll das virtuelle Ereignis mithilfe kybernetischer Nachrichtenpolitiken aktualisieren, indem sie das Ereignis aus Welten extrahiert und zugleich dramatisiert. Auch der Widerstand meldet sich zu Wort: In manchen Botschaften, seien es Tweets oder länger gefasste Kampfaufrufe, ist von der Niederträchtigkeit des Empire die Rede, dass in seinem Todeskampf keinerlei Legitimation mehr fände, als seine eigene Entschlossenheit zur umfassenden Biopolitisierung der Bevölkerung bis auf ewig fortdauern zu lassen, wobei sich die Masse von Menschen in dieser Ordnung des Zynismus, der Lügen, der Verabreichung von Psychopharmaka und der Spaßentropie ganz gerne einrichten würden, um schließlich die Grausamkeit zu ertragen, mit der das Spektakel die Menschen ständig auf ihr Bild zurückwerfe, indem es sie über das Bild zugleich in-fomiere und inhaftiere; die Biopolitik sei schließlich auch die Bewirtschaftung der Sorge, die die Menschen sich um ihre hübschen Körper machen würden, der vor allem ein Geflecht aus Strömen und Beziehungen sei, die die Menschen auf Dauer gestellt durchquerten, und kein Subjekt und Objekt sei mehr da, und die Politik sei nur eine alamierende und verherrlichende Inszenierung von Körpern ohne Welten, wobei man uns medial Strecke für Strecke in die neutralen, rechtsfreien Räume einsperre, konsumiert in Kinos, Clubs und Bars, in denen nichts mehr passiere und in denen nichts mehr eintrete, und keiner etwas im strahlenden und neutralen Weiß des inténsitätslosen Affekts vermisse.

Beim aktuellen, kaum zwei Tage zurückliegenden terroristischen Großangriff einer neoislamistischen Todeskamptruppe (die sich als Entschleuniger der Strecke, der Trajekte, bezeichnet) auf wichtige ökonomische & infrastrukurelle Zentren von Bombay, inklusive auf eines der besten Luxushotels in der Stadt, konnte das Spezialistenteam von 6Time mit den ihm zu Verfügung stehenden Nachrichtentechnologien und Informantensystemen schon sehr effektiv operieren, denn vierundzwanzig Stunden vor Beginn der eigentlichen terroristischen Aktivitäten wusste man längst, dass das terroristische Einsatzkommando einen „Place of Destruction“ entworfen hatte, in diesem Fall das Taj Mahal Hotel, um vor allen unter den ausländischen, bevorzugt natürlich den amerikanischen Gästen ein Blutbad sondersgleichen anzurichten.

– Wenn Handgranaten explodieren, ist das keineswegs persönlich gemeint. Man wird die Hinterbliebenen sogar auf die eine oder andere Weise entschädigen. –

Der Vorteil gegenüber der Berichterstattung eines traditionellen Nachrichtensenders, der in aller Regel in die gefährlichen Zonen der Kampfgebiete mit seinen mobilen Sendewagen immer den entscheidenden Tick zu spät eindringt, springt sozusagen direkt ins Auge: Als zum Beispiel eine Bombe in einer U-Bahn-Station im Finanzzentrum von Bombay detonierte, sagte der CNN-Reporter drei Minuten später in die laufende Kamera: »Von den Terroranschlägen in Bombay berichtet brandaktuell Daniel Cartwright.« 6Time sendete dagegen den heimtückischen Angriff auf das französische Fischrestaurant im Taj Mahal Hotel in Realtime. Später zur Primetime wurde sogar eine Luxusversion der Ereignisse – virtuelle Körper im 3D-Format – angeboten.

Und im streng vertraulichen Sendeprotokoll von 6Time heißt es:
„Lichtverhältnisse an der Vorderfront des Restaurants in der Zeit von 20:24 Uhr – 20:28 Uhr sehr gut. Die Einsatzagenten des Kamerateams von 6Time anfahrbereit. Vier vermummte Täter springen direkt gegenüber dem Eingang zum französischen Fischrestaurant aus einer schwarzen Daimler-Chrysler-Limousine, sämtliche Akteure tragen schwere Sprenggürtel, die Kalaschnikovs sind präzise in Anschlag gebracht. Aufnahmen mit versteckter Kamera (Verstehen Sie Spass?). Plötzliches Ruckelbild und dann ein paar sehr verwaschene Bildsequenzen während des Eindringens der Einsatzagenten in den Flur des Hauptgebäudes. Zersplitterte Fensterscheiben. Hauptmikrofone kurzfristig ausgefallen. Hauptgericht heute auf der Speisekarte: geeiste Bouillabaisse & Muschelpfanne aus dem Poitou & Austerncremesuppe mit Qüller. Lichtverhältnisse angesichts des Ausfalls eines Teils der digitalen Lichtanlagen im Restaurant immer noch außerordenlich gut. Schüsse. Erbarmungslos schrille Schreie in schlechter Audioqualität. Nahaufnahmen angstbesetzter und schweißgebadeter Gesichter (digital nachbearbeiten). Direkt über dem Kopf des Terroristen namens Martine (das verkörperte Stolzzentrum der Gruppe) funkeln entlang der konvexen LED-Lichtachse am Hologrammhimmel seltsamste Konstellationen, die an ein Gespinst von Mikro-Herdplatten erinnern, vielleicht an die Augen eines Quaders, an einen Kolbendreher, an Espressomaschinen im Blindflug. Kurze Nahaufnahme eines siegesbewussten Gesichts. Erhöhung der Einschaltquote im 5-Minuten-Interval um 22,23%. Mindsprengendes Gläserklirren & exorbitante, von der Gestalt fast schon wolkige Blutlachen, die auch an ausgefranste, überdimensionale, blutige Rindersteaks erinnern; die meisten der Wiederbelebungsmaßnahmen bleiben bei leblosen Körpern zwecklos. Leichen auf dem Parkettfußboden. Eine abgerissene Hand. Eine zerschossene Nase (die Kameras suchen nach den grausamsten Details). Drei ostereopotisch gekrümmte Körper liegen auf einem Tisch, der mit blütüberströmten, weißen Seidentischtüchern bedeckt ist, die übereinander geschichtet sind. Alle rechtlichen Fragen sind an das Anwaltsbüro Vaughan & Leak in London und Berlin zu richten. Kooperation mit der Internetplattform Wikileaks nicht ausgeschlossen. Die Verachtung gegenüber den experialistischen Staaten des Empires wird durch mehrere Megaphonkampfansagen dokumentiert. Kommentar des Pressesprechers der Nachrichtenagentur Reuters: Wenn die Bezeichnung Verachtung für den Minuspol der Stolz-Skala so dermaßen emphatisch und heftig gebraucht wird, dürfte begreiflich werden, in welchem Ausmaß die psychopolitische Kampfansage hier auf dem Spiel steht, oder um es abstrakter zu sagen, wenn Wissen und Verstehen Logos-Operationen sind, Handlungen einer Vernunft, die einen sehr bezweifelbaren Sinn herstellen, dann bedeutet Erfahrung zu machen, der Inkonsistenz des Logos oder des Logischen beizuwohnen, dann bedeutet das, dem Druck nach Innen zu entsagen, der aus den Anforderungen eines entgrenzten Könnens entstanden ist.

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