Necropolitics

Schlagen die Horden gegen die Tore Europas?

By

29 Jan , 2016  

Die Bewegung der Flüchtlinge und Migranten nach Europa ist keineswegs der Grund der gegenwärtigen Krise –  der Grund ist Europa selbst. Migration gilt heute – und das wird fortdauern – als Grund für alle möglichen Krisen, und das war so seit es menschliche Gesellschaften gibt. In der Tat, menschliche Massenbwegungen sind keine historische Anomalie – Europa ist es. Wenn die Marginalisierung, Misshandlung und der Tod europäischer Migranten so beklagenswert sind, dann weil Europa ein soziales System aufgebaut hat, das für diese Realität verantwortlich ist. Der Gegenstand der Krise sollte gerade umgekehrt werden: Europa ist eine Krise für Migranten. Daher, die kritische Frage (im griechischen Sinn des Wortes “krisis” als eine Entscheidung) ist nicht die, was mit den Migranten getan werden kann, sondern was kann man mit Europa machen?

In der Geschichte haben Flüchtlinge, Migranten und staatenlose Personen immer ähnlich kritische Fragen an die Zivilisation gestellt. Im Neolithikum wurden sie mit der territorialen Vertreibung der Nomaden aus ihren landwirtschaftlichen Gemeinschaften beantwortet. In der Antike wurden sie mit der politischen Vertreibung der Barbaren in der Form der Sklaverei beantwortet. Im Mittelalter wurden sie mit der Kriminalisierung der Vagabunden durch das feudale System beantwortet. In der Moderne wurden sie mit der ökonomischen Ausbeutung des migrantischen Proletariats beantwortet.

Die aktuelle Krise Europas besteht darin, dass es zunehmend gezwungen ist, bezüglich der Ansprüche der liberalen Demokratie – auf der Idee der universellen Gleichheit basierend – und dem Fakt, dass die Berücksichtigung dieser Rechte durch territoriale, politische, legale und ökonomische Gesetze und Regeln begrenzt wird, eine Entscheidung zu treffen. Die reale Krise besteht darin, dass man nicht beides zur gleichen Zeit haben kann. Über tausende von Jahren hat sich diese These bewahrheitet, aber erst im 21. Jahrhundert werden wir sie realisieren müssen. Mehr als  jedes andere Jahrhundert wird dieses Jahrhundert das des Migranten sein. Das internationale Nationen-Staaten System (UN) und das infra-nationale Nation-Staaten System (EU) sind daran gescheitert, diese Spannungen aufzulösen. Was wir heute angesichts der brutalen Todesfälle von afrikanischen Bootsflüchtlingen und mexikanischen Migranten beobachten, ist die pure Demonstration dieses Scheiterns.

Wenn sich Europa – und der Westen insgesamt –  heute in der Krise befinden, dann zum Teil wegen des Fakts, dass sie ihre Politik weiter an einem historisch gescheiterten Modell ausrichten: Das römische Empire gegen die Fluten der Barbaren.

Der Guardian hat kürzlich einen Kommentar zur europäischen Krise publiziert, der mit der Beschreibung der Flüchtlinge als „furchtsame Vertriebene“, die an den „Toren Europas rasseln“ endet. Manche werden wissen, dass das „Rasseln an Toren“ sich auf ein spezifisches historisches Moment bezieht: die Invasion der Barbaren in Rom. Zahllose historische und populäre Bücher, Filme und Essays belegen denselben rhetorischen Gebrauch der „Barbaren an den Toren“.

In den Vereinigten Staaten wurde der Gebrauch dieser Rhetorik in populären und politischen Diskursen durch Samuel Huntington in seinem 1996 erschienenen Buch „Der Clash der Zivilisationen“ wiederbelebt, um explizit die „mexikanische Invasion der Immigranten“ zu beschreiben. Der Gebrauch scheint sich im Erfolg von Donald Trumps xenophober Rhetorik a la  „migrantische Vergewaltiger und Mörder“ fortzusetzen, mit der die Bilder von barbarischen Horden, die Amerika überfallen, heraufbeschworen wird, oder in der Rhetorik, mit der kürzlich flüchtende Kinder aus Zentralamerika in den Medien und von der Regierung als ein „Zufluss von gefährlichem Wasser“  in der Form von Fluten, Wellen, Surmfluten oder Sintfluten beschrieben wurden.

Von der französischen Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts, die die migrantischen Bauern „wilde Barbaren“ nannte, bis hin zur Nazipropaganda, die die migrantischen Juden als „unzivilisierte orientalische Barbaren“ beschrieb, die Mobilisierung einer spezifischen Rhetorik, deren Gebrauchswert darin besteht, die spürbare Minderwertigkeit der Migranten und Flüchtlinge zu affirmieren, geht weiter. Die französische Spitenkandidatin Marine Le Pen sagte kürzlich, dass die gegenwärtige Flut der Migranten wie die barbarische Invasion im 4. Jahrhundert zu beurteilen sei, und auch die Konseuenzen seien dieselben.  Selbst wenn diese Rhetorik vernebelt, selbst wenn man manchmal behauptet, man würde die Migranten unterstützen, die große Mehrheit in Europa und seine Medien haben heute unkritisch die Metapher von „gefährlichen Fluten“, die von den Römern gebraucht wurde, übernommen sowie die Metaphern fast jeder anderen imperialistischen Macht in der Geschichte , die ihre Migranten als „heftige Wellen“, „Stürme“, „Fluten“ und „Wellen“ beschrieb. Sogar der Präsident des europäischen Rats, Donald Tusk, hat die Flüchtlinge als „große Welle“ beschrieben, die Europa geflutet hat und nun Chaos produziert, das gestemmt und gemanagt werden muss. Das ist keine neutrale Terminologie. Sie hat einen spezifisch historischen und explizit negativen Ursprung.

Egal, unabhängig von denen, die ganz bewusst zeitgenössische Migranten als „barbarische Fluten“ bezeichnen, die Popularisierung dieser kollektiven politischen Idee (egal ob sie dramatisiert wird oder nicht) besitzt zwei interessante, ihr widersprechende Implikationen.

Einerseits impliziert sie eine Affirmation des römischen Imperialismus und der Sklaverei, die heute eine Parallele in der Affirmation des modernen Nationalismus und der ökonomischen Ausbeutung der Migranten in den westlichen Ländern findet.

Aber sie impliziert auch die Negation des Empires und präsentiert die historische Unabwendbarkeit, die darin besteht, dass die Barbaren Rom zerstört haben, und dass heute die globalen Migranten die aktuellen Bedingungen der Ausbeutung und der Inhaftierung  nicht länger tolerieren und eine Revolution in das Empire hinein tragen werden. Dies ist die „kritische“ Entscheidung, die in Euopa und überall auf der Welt ansteht: das Empire zu verteidigen oder es zu zerstören.

 

Übersetzung: Achim Szepanski

print

, ,

By


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.