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The 2015 parliamentary elections in Greece and SYRIZA

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2 Apr , 2015  

Kaum ist SYRIZA 2 Monate an der Regierung, schon geht alles drunter und drüber: Krisen- und Gipfeltreffen mit der EU und Euro-Finanzministern, eine nicht mehr mitzählbare Anzahl von deadlines und Ultimaten, Griechenland kurz vor dem Abgrund, usw. usf.

Das Geld der neuen griechischen Regierung ist permanent knapp, Dutzende Milliarden Euros sind aus dem Bankensystem abgezogen, kaum eine Reform lässt sich umsetzen und keiner weiß genau, wie allein die Zeit bis Juni katastrophenfrei überbrückt werden soll. Denn die Gläubiger und SYRIZA kamen Ende Februar zu einer umstrittenen und offensichtlich ganz unterschiedlich interpretierten Einigung, die eine Verlängerung des „derzeitigen Abkommens“ vorsieht und das eigentlich abgelaufene Kreditprogramm bis Juni 2015 verlängert.

Nun wird SYRIZA – und ihr Manövrieren in den Auseinandersetzungen mit den Gläuberinstitutionen in den letzten Monaten – auf der einen Seite hochgejubelt und strukturell wie methodisch als wegweisend für die europäische Linke hochgehalten, der Sieg von SYRIZA als linke Kehrtwende in Europa interpretiert. Auf der anderen Seite wird SYRIZA verstanden als pseudolinke Krisenverwaltung des kapitalistischen Systems, das den Werktätigen Griechenlands (und Europas) Sand in die Augen streut und ergo aus linker Perspektive für schädlich eingestuft und aktiv bekämpft werden muss.

In meinem recht langen – englischsprachigen – Essay versuche ich, SYRIZA im Rahmen einer umfassenden und umfangreichen Analyse entlang ihrer Geschichte, Struktur und Potenziale einzuordnen. Hierfür erachte ich es zuerst für nötig hervorzuheben, unter welchen Bedingungen SYRIZA an die Macht kam. Deshalb erschien es mir auch nötig, die derzeitige Krise in der EU (als Teil der Weltwirtschaftskrise) und die Funktion der EU selbst zu beleuchten. Denn da beides sehr grundlegende Elemente der objektiven Bedingungen von Politik in Griechenland sind, werden Einschätzungen und Taktiken bezüglich Krise und EU die jeweilige Struktur einer politischen Partei und ihrer Potenziale in wesentlicher Hinsicht determinieren.

Auf die Analyse der EU und der Krise folgt die Analyse der Positionen, Ziele und vorgesehenen Methodik zur Erreichung der Ziele von SYRIZA anhand ihrer programmatischen Texte (wie z.B. Kongressbeschlüsse). Zusätzlich versuche ich herasuzuarbeiten, wie SYRIZA selbst die objektiven Bedingungen, die Krise und mögliche Anfeindungen einschätzt.

Aus meiner Analyse geht hervor, dass SYRIZA eine linksreformistisch-sozialdemokratische Kraft ist, der allerdings, aufgrund von Programmatik und Methodik, eine Tendenz zur Versöhnung und Verbürgerlichung innewohnt, was sich folgerecht auch aus ihrer Praxis ersehen lässt.

Jedenfalls sind dies, nach meiner Meinung, die Gründe, warum SYRIZA so schlecht reagieren konnte und nach wie vor schlecht reagiert auf die Angriffe der Gläubigerinstitutionen sowie in die Ecke gezwängt wurde und nach wie vor in die Ecke gezwängt wird. Nach meiner ausführlichen Analyse des ersten Monats der Amtszeit von SYRIZA (der Essay wurde am 7. März fertiggestellt) komme ich schließlich zum Ergebnis, dass SYRIZA aufgrund der von mir untersuchten strukturellen objektiven wie subjektiven Gründe völlig eingeknickt ist vor den Gläubigerinstitutionen – und zwar so sehr, dass sie immer noch nicht wahrhaben will, dass hier ein Kampf gegen einen äußerst starken Feind verloren wurde. Dass es SYRIZA nochmal schafft, gegen die Institutionen anzutreten, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Im Schlußteil versuche ich gewisse Lehren aus dem m.E. gescheiterten SYRIZA-Experiment zu ziehen. Dabei vertrete ich die These, dass es nicht das radikale Reformprogramm von SYRIZA war, was zur Niederlage führte – im Gegenteil erachte ich das radikale Reformprogramm für weitestgehend sinnvoll, da es Übergangsforderungen stellt, die unmittelbar breite Zustimmung vom Volk erhalten. Das große Problem scheint mir zu sein, dass versucht wird, die praktischen Konsequenzen des Antagonismus von Kapital und Arbeit im gegenwärtigen kapitalistischen Weltsystem zu umgehen oder nicht ernst zu nehmen und dass dementsprechend auch die Formen politischer Organisation und Führung dem Zweck einer Stärkung des Volkes und der Werktätigen nicht zuträglich sind.

The 2015 parliamentary elections in Greece and SYRIZA (pdf)

(english version)

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1 Response

  1. szepanski sagt:

    latest comment of alp on fb: The combatative, unrelenting Greek people adopted a strong stance yesterday. Left alone, exploited to the bones for capital’s profitability, hated by the organized finance capital of entire Europe and their toady political elites, the Greek people haven’t given in to hatred, threats and humiliation, to years of a live in hell (remember 40% cuts in incomes and pensions since 2008 for the sake of finance capital and a devastated health sector) – they said OXI to all that reactionary and antihuman bullshit and YES to their own dignity, honour and life. It is the Greek people’s resistance today that shines the light for the peoples of Europa towards a life of wealth and dignity.

    However, the Greek people have also been left alone by the Syriza government that, out of cowardice and parliamentary cretinism, as if politics is some kind of democratic sports for gentlemen and not a field in which social antagonisms are fought out, fled from its political task of empowering the people contra the dictatorship of capital and instead transfered the burden of decision onto the shoulders of a demoralized and devastated people yet unorganized (even left organized by Syriza) and bombarded with threats and mass propaganda by organized finance capital. Syriza was even irresponsible enough to say that it’d „honour“ a possible „Yes“ vote, which would’ve equaled hell for most of the Greek workers.

    You have no right to possibly expose an entire people and its working class to hell only because you are too afraid of the open struggle with the enemy of the people and because you fear of your own petty political career or perhaps life.

    The „negotiations“ – and negotiations with the enemy is always a more civilized form of war – have led Syriza to the brink of betrayal of the Greek people. The whole last 6 months have shown what all these negotiations are about: it’s either capital’s organized and general interest, or it’s the interest of the workers and people that gets the upper hand. And if you don’t have the power and the guts to pick up the fight, if you go on playing some game of „creative ambiguity“, of being a „gentleman“ counting on the pure practical reason and the idea of mankind that supposedly guides even the IMF, EU and ECB, of trying to reach some „honourable comrpomise“, then capital’s just going to smash you – as it did with Syriza which accepted nearly the entire Troika-neoliberal-anti-working class-bullshit at the end (letter of Tsipras last Wednesday).

    There is nothing to negotiate anymore and nothing to win for the Greek working class from any negotiations anymore. Now and with the support of the 61%, it is urgent to end all the roundtable „negotiations“, default on the debt, nationalize the banks, install state control over the economy and companies‘ activities and don’t give a fuck about the EU or the IMF as much as the Greek Businessmen’s association, the Greek Chamber of Industry and Commerce, the Greek Chamber of Crafts and the Greek Association of Touristic Entrepreneurs that all supported the NAI-campaign – for the sake of the Greek working class that has all the right to live a decent and self-determined life, and for the sake of the peoples of entire Europe for whom a Greek victory will light the path. This and only this is where the „European responsibility“ of the Greek struggle lies – and not, as some pseudo-leftist EU-social-chauvinists suppose, in conforming to the very same law and order and institutional framework that devastated the Greek people. The guiding principle of responsibility today should rather be, as once expressed in a song by Ton Steine Scherben, „macht kaputt, was euch kaputt macht!“ [Destroy what destroys you.]

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