Gosse, PhiloFiction

Über Identität (und ihren Wandel)

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30 Jun , 2015  

Ich kann nicht handeln. Ich kann nur als … handeln. Wer als Ich handelt, ist ein Verbrecher, ein Wahnsinniger, jedenfalls kein guter Mensch. Im als … steckt die Legitimation und die Erklärung des Handelns. Wer handelt, sucht sich ein als …

Ich als Deutscher. Ich als Linker. Ich als Mann. Ich als Autor.

Im als … steckt beides. Die Historizität. Ich als Jugendlicher wird zu Ich als Erwachsener, mehr oder weniger. Und die Stabilität. Ich bleibe Ich als … über bezeichenbare Etappen, im mythischen Fall gar ein ganzes Leben.

Das als … nennen wir „Identität“. (Obwohl es eigentlich genau das Gegenteil ist: eine Spaltung.)

Aber so gut wie niemand kann sich mit einem bloßen Ich zufriedengeben. Es wäre eine absolute Einsamkeit, die man nicht lange aushalten kann.

Aber so sehr dieses absolute Ich ein Schreckbild ist, so sehr ist es auch eine Utopie. Ich als Ich. Gleichsam das radikale Gegenbild zum, im Übrigen nicht minder gefährlichen Ich als Mensch.

Nicht nur die Identitäten selber, sondern auch die Techniken der Konstruktion sind historischem und sozialem Wandel unterworfen. Der Mensch eines Zeitalters konstruiert seine Identität anders als der des nächsten oder des vorherigen. (Deswegen fällt es uns so schwer, Menschen anderer Epochen wirklich zu verstehen.)

Natürlich beginnt das schon damit, dass der Katalog der Identitäten anwächst. Mobilität in jeder Hinsicht, in der Welt und im Netz erzeugt zuerst „Identifikationsangebote“ und dann „Identitätsangebote“.

Vielleicht ist es sinnvoll, zwischen schwachen, mittleren und starken Identitäten zu unterscheiden (natürlich in einer fließenden Skala).

(Starke Identität: „Alle ungläubigen Hunde töten!“ Mittlere Identität: „Fortuna forever!“ Schwache Identität: „Wir Fußgänger.“)

Ist das Geheimnis des Subjekts nichts anderes als die Zusammensetzung seiner Identitäten? Jedenfalls ist diese Komposition mehr als eine Außenhülle.

Anders herum: Ist die Seele eines Menschen das, was nicht Identität ist? Jedenfalls lässt sie sich, nicht-tautologisch, nicht durch Identitäten ausdrücken.

Die mehr oder minder kapitalistische Alternative ist das „Selbst“. Ich selbst ist ein angereichertes und ummanteltes Ich; ein Ich, das seine Angelegenheiten akkumulieren kann. Ein Selbst kann man sich gar zusammenkaufen, oder aber es durch das Ich erbeuten, was die Medien derzeit gern ein „Ego“ nennen und Traditionalisten nicht minder missverständlich: Selbstbewusstsein.

Das prekäre Ich braucht für sein Selbst ein Ego; so bringt man es zu was in unseren Umständen. Wer es zu nichts bringt, der braucht ein Identität.

Das Selbst darf egoistisch sein. Ich selbst verdrängt das Ich als …, jedenfalls in einer „Karriere“.

Man bewirbt sich selbst um eine Stellung (und verbirgt seine Identität oder fährt sie doch aufs Folkloristische hinunter). Aber weil Identität nicht nur eine Beute, sondern auch ein Fluch ist, das Angemaßte wie das Zugeschriebene, kehrt sie als Gespenst des Verdrängten gern zurück.

Was unten ein Rettungsanker ist, das ist oben ein Karrierehemmnis. Und in der Mitte? Es kommt vielleicht auf so etwas wie ein Identitäts-Management an. Das starke Selbst macht sich schwache Identitäten gefügig. Der Mittelstand ironisiert die Identitäten (wie die „Tracht“, mit der man auf das „Volksfest“ geht und somit weiter Identität und Pop amalgamiert), braucht allerdings im Gegenzug eine Menge davon. Er pumpt sich gleichsam mit schwachen bis mittleren Identitäten voll. Jedenfalls mit einer Form von Identitäten, die nicht notwendig eine Gegen-Identität bedingen (wie der bekennende Christ, der notwendig einer Welt von Nicht-Christlichkeiten gegenübersteht).

Gibt es also überhaupt eine „linke Identität“? Soviel ist sicher: Sollte es sich dabei um eine „starke“ Identität handeln, könnte es sich nur um eine jener Verlierer-Identitäten handeln, von denen oben die Rede war. Daher gilt es, im richtigen Leben, wie man so sagt, diese Identität abzuschwächen, zu verbergen, zu relativieren und zu ironisieren. Was natürlich ein tragisches Missverständnis dann wäre, wenn es gar keine linke Identität geben würde.

Wäre es nämlich links, das Selbst des Menschen zu verstärken und gerechter zu gestalten, so wäre Identität genau das, was der Realisierung im Weg stünde. Mehr noch: Eine linke Identität wäre ein Widerspruch in sich (sozusagen die vorweggenommene Perversion).

Da Identität aber auch ein Kampf- und Lockmittel darstellt, wäre es wiederum durchaus verzweifelt, die Identität den Rechten zu überlassen. Was also bin ich, außer dem, was ich nun mal bin (weil das, anders als bei Popeye, nicht alles sein kann, was ich bin)? Ein bayrischer Anarchist? Ein demokratischer Kommunist? Ein nicht-akademischer Theoretiker?

Dem World Building steht ein Self Building gegenüber, das sich um so mehr anbietet, als Information die Basis der Identifikation wird. (Wir erinnern uns an die Beziehung von „Identifikation“ und „Identität“, nicht wahr?) Der Mensch ist nun ein Wesen, das fortwährend Information aussendet, und fortwährend Information empfängt. Wir könnten dies eine Art der digitalen Osmose nennen, die eines voraussetzt: die spezifische Durchlässigkeit einer Ich-Haut.

Identität ist im besten (oder auch im schlimmsten) Fall eine Art Sonnencreme, die gewisse, dem Ich als Empfänger (scheinbar) schädliche Informationen abhält und einige (scheinbar) kostbare Informationen nicht an die Außenwelt abfließen lässt. Wir könnten nun sogar behaupten: Jede Identität ist zugleich eine Verschwörungsphantasie.

Pathologisch hingegen ist der umgekehrte Fall, nämlich die Konstruktion der Identität aus der Verschwörungsphantasie. Daraus entsteht in aller Regel eine gewalttätige Person in einer gewalttätigen Gruppe, gelegentlich das eine ohne das andere.

Wie wir wissen: Nur weil ich paranoid bin, heißt das nicht, dass es keine Verschwörung gibt. Schließlich sind Verschwörungen immer zugleich pathologisch und „nützlich“. Wer der Spur des Geldes folgt, gelangt noch stets an so etwas wie eine Verschwörung. (Und, jedenfalls was die populäre Mythologie anbelangt, an ein geheimnisvolles Grab der Identität.)

Man wird aus Zorn und Nützlichkeit „identisch“, und umgekehrt zerfällt die Identität in Zorn und Nützlichkeit. (Der nützliche Zorn als Kern des Faschismus!)

Im Internet, das ist eine kulturelle Nachricht, gibt es nicht nur ein Spiel mit Identitäten, sondern auch mit der Identität: Die Fälschung der einen führt, paradox genug, zur Konstitution des anderen. Man verströmt Identität in Form von Informationen, und das „anderswo“ wieder zusammengesetzte Datengespenst wird zum Zerrspiegel: Das soll Ich sein?

Natürlich wird Identität teurer, wenn sich die Welt in Daten und Informationen auflöst. Aber zugleich wird jeder Ersatz auch billiger. So kommt der Körper (wieder) ins Spiel.

Der lästige Körper wird zum letzten Schatz der Identität. So muss man ihn herrichten.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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