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Auskunft über Politik im Zeitalter der Zombies

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25 Apr , 2017  

Am 9. November meldete Meißen einen Lehrerinnen-Mord. Während des Unterrichts hatte eine maskierte Person 22mal mit dem Küchenmesser zugestochen. Es war ein Schüler im Alter von 15 Jahren. »Fast noch ein Kind«, meinte »Bild«. Werden die Täter immer jünger?

Jung sein ist eine Herzensfrage, sagen unsere Alten. Von denen behauptet übrigens niemand, daß sie immer säuischer und bestialischer würden, wenn wieder mal ein Kinderpornoring aufgeflogen ist.

»Ich habe sie einfach gehaßt«, soll der Junge bei seiner Festnahme gesagt haben. Das erklärt nach allgemeiner Überzeugung nichts.

Deshalb passieren solche schlimmen Dinge. Sind Leute, für die ein Mord ein Raubmord oder Sexualmord sein muß, damit sie ihn begreifen können, nicht unaussprechlich fies? Muß man sie dafür nicht hassen? Ich wüßte kein besseres Motiv für einen Mord.

Aber umgebracht haben Sie deshalb noch keinen.

Nicht meine einzige Unterlassung. Auf dem Nangaparbat war ich auch noch nie. Im Leben eines jeden Menschen gibt es viele Dinge, die er nicht geschafft hat.

Eine Woche vor diesem Mord ging es in Bad Reichenhall rund. Vom Fenster eines Wohnhauses aus wurde das Feuer auf Passanten eröffnet: sieben Verletzte, drei starben. Der Täter erschoß ferner seine bei ihm weilende Schwester und zuletzt sich selbst. Ein Lehrling war es diesmal, gerade 16 Jahre alt. Wie erklären wir uns das?

Ist das so schwer? Man lehrt uns, alle Menschen ohne Ansehung der Person zu achten. Die Menschen sind wesensgleich, heißt das, und das Wesen ist gut. Wir haben hier einen analytischen Befund und ein Werturteil. Der Junge nun hat zwar den analytischen Befund akzeptiert, aber das Werturteil verworfen. Die Menschen sind gleich heißt dann »gleichermaßen tötenswert«.

Bemerkenswerterweise hielt er dies Urteil durch bis zur letzten Konsequenz und tötete am Ende sich selber. Solcher Rigorismus hat einmal die Person als Subjekt ausgemacht und früher die Figuren in Geschichten und Filmen, an die man sich länger als eine halbe Minute erinnert. Heute sind Überzeugungen verhandelbar und situationsbedingt. Kein Oppositioneller, der nicht Dialogbereitschaft erkennen lassen würde. Er erwartet dann ein Angebot und versucht, für seine Leistung, nämlich das Umdenken oder den Paradigmenwechsel, einen möglichst guten Preis zu kriegen.

Aber woher kommt solcher Menschenhaß? In Meißen wie in Bad Reichenhall wurden im Nachlaß der Jugendlichen angeblich brutale Computerspiele und Gewaltvideos gefunden.

Irgendwo muß das Zeug ja liegen. Aufessen kann man die Datenträger nicht, und sie werden in Mengen verkauft. Für Kinder ist das Abspielen die Medizin, die sie brauchen, damit die brutale wirkliche Welt für sie erträglich wird. In den beiden Fällen, über die wir sprechen, war die Medizin zu schwach. Die Realität war stärker.

Was meinen Sie damit?

Man braucht ein Gewaltvideo wie »Das Kettensägenmassaker« nicht zu kennen, um es gelegentlich in den Recorder schieben zu wollen. Der Name sagt alles, er ist Erleuchtung, Erlösung und Verheißung. Nicht immer, aber manchmal. Zum Beispiel dann, wenn, wie beim letzten OSZE-Gipfel in Istanbul neulich, Jelzin und Schröder Arm in Arm zu sehen sind.

Um Triebabfuhr geht es dabei sicher auch. Viel wichtiger, vielleicht sogar lebenswichtig aber ist es, einen Verlust aufzufangen, den Verlust des Glaubens an die Menschheit und die Welt. Er ist die Voraussetzung dafür, irgend etwas lieben, mögen oder schätzen zu können, und das wiederum ist die Bedingung allen Glücks. Glück schließlich ist das einzige Mittel, welches die bösen Impulse besänftigt, die zweifellos jeder Mensch auch besitzt.

Zum Glauben an die Menschheit und die Welt gehört zwingend die Idee der Gerechtigkeit und damit die der gerechten Strafe. Die Idee, weil es die gerechte Strafe real noch nie gegeben hat. Sie existiert nur in der Gestalt einer Hoffnung oder Erwartung, egal ob des Jüngsten Tages, eines bewaffneten Aufstands oder eines Revolutionstribunals.

Diese Hoffnung und Erwartung aber ist tot. Das moralische Empfinden rebelliert, und der Verstand sagt: Es kann nicht sein, was ich sehe. Die Bilder beweisen: Es ist aber so. Es ist nicht nur so, sondern es zeigt sich so, wie es ist, in der schamlosesten Weise und in aller Öffentlichkeit. Und es zeigt sich so, weil es sich seines Sieges und seiner Fortdauer bis in alle Ewigkeit sicher ist.

Das ist dann der Punkt, wo die Gewaltphantasien einsetzen müssen. Sie versprechen eine Welt, wo wirklich einmal die Letzten die Ersten wären und uns die Ausbeuter nicht später als bewunderte Wohltäter begegnen. So können die Gewaltphantasien den Glauben an die Menschheit retten und vor der fürchterlichsten Verzweiflung schützen. Bei den Jungen von Meißen und Bad Reichenhall konnten sie es nicht.

Wir bezweifeln stark, daß die beiden Jungs sich für OSZE-Gipfel und dergleichen interessierten.

Sicher nicht. Das Beispiel war nur ein didaktisches Brückchen, eigens errichtet zu dem Zweck, KONKRET-Leser mit ihren verborgenen Empfindungen vertraut zu machen. Daß ein Fischer oder Scharping auf der Mattscheibe die Phantasie des Betrachters auf Abwege führt und in seinem Herzen dann böse Wünsche keimen – das räumen KONKRET-Leser vielleicht eher ein, weil sie in diesem Fall ihre Regungen politisch rationalisieren können.

Es sind aber nicht die politischen Taten der Personen, die uns ein süchtiges Verlangen nach Kettensägen, Kreissägen und ähnlichem Werkzeug empfinden lassen, wenn wir ihrer ansichtig werden müssen. Vielmehr sind es ihre Gesichter. Und es sind nicht nur ihre Gesichter. Es sind die Gesichter aller, die das Fernsehen zeigt.

Es zeigt sie uns in Großaufnahme, und dabei blicken wir obendrein gleichsam durchs Schlüsselloch. Wir können hinschauen, ohne den Blick senken zu müssen. Im wirklichen Leben wäre die Art, wie wir Gesichter auf der Mattscheibe betrachten, ein unerhörter Affront. So schaut man Sachen an, aber keine Menschen. Wir sind also eingeladen, so lange, so genau und so erbarmungslos hinzuschauen, wie wir es im wirklichen Leben nie dürften. Aus Moderatoren und Redakteuren, aus Politikern und Talk-Show-Gästen, aus Sportlern und Starlets beiderlei Geschlechts formt sich dann, nach gründlicher Prüfung und reiflicher Überlegung, das Bild einer Gattung, an deren Erhalt uns wenig liegen kann.

Ist also doch das Fernsehen schuld?

Das Fernsehen ist heute alles, ein Staat und Wirtschaft umfassender Apparat. Zugleich liefert es das Weltbild. Es liefert das zutreffende Bild einer Welt, in welcher jeder jeden und alles verkauft, und zuallererst sich selbst. Ein millionenschwerer Tennis-Star ist sich für Brotaufstrich-Reklame nicht zu schade. Ein Präsident nimmt lieber die Ausstrahlung einer Video-Aufzeichnung über sein erbarmungswürdiges Sexualleben hin, als auf sein Amt zu verzichten.

Alles wird in den Dienst der Selbsterhaltung gestellt, das Selbst am Ende auch. Selbsterhaltung geht dann in Selbstauslöschung über. Das Fernsehen zeigt uns Personen, von denen nichts mehr übrig ist. So muß man es verstehen, daß töten im Jargon heute auch »alle machen« heißt. Das wahre Horror-Video läuft im Hauptprogramm zur besten Sendezeit. Wir sehen eine Welt der lebenden Leichen.

Warum schaltet man nicht ab?

Weil das wirkliche Leben zum Einschalten zwingt. Es ist nicht auszuhalten, darum sitzen die Kinder vor dem Monitor. Man flieht und kommt vom Regen in die Traufe.

Flucht wovor?

Vor der Welt, die für ein Kind in erster Linie die Eltern sind. Und die sind Abziehbilder der Gestalten, die man im TV zu sehen bekommt. Selbsterhaltung als Selbstauslöschung praktizieren alle. Was ist der Mittelstand ohne die Fassade von Gesetzestreue, Sittenstrenge, Rechtschaffenheit? Und wie präsentiert sich der Mittelstand heute? Skrupellos und verlottert, und die einzige Energie, die er kennt, ist die kriminelle. Deshalb fühlt die Nation sich würdig vertreten durch einen Außenminister mit Vergangenheit.

Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Der Verbrecher bricht das Gesetz, um sein Selbst zu retten. Statt als kleiner Angestellter tagaus, tagein hinter dem Schalter einer Bank zu verkümmern, überfällt er sie. Er nimmt sich mit der Waffe, was er braucht, um dafür nicht seine Lebenszeit, also sein Leben hergeben zu müssen. Er unterwirft sich keiner Regel, aber seine Lebensführung besitzt einen vernünftigen Sinn. Verbrecher sind sie also nicht, unsere abgehechelten kleinen Selbstverkäufer, trotz aller kriminellen Energie. Sie sind es nicht, weil der Lohn der Schlechtigkeit entfällt. Er wird nicht einmal mehr erwartet. Die Lumpereien dienen nicht der Befreiung von der Arbeit, sondern sie sind selber welche von der härtesten und stressigsten Art. Ihr einziger Zweck ist das endlose Weitermachendürfen. Das brauchen die Entkernten, weil sie an nichts mehr hängen und ohne das Weitermachen ihr Leben wie ein angestochener Luftballon zusammenfällt.

Sie können den Kindern nicht zeigen, wie man lebt, und sie können sie nicht lieben. Sie können es nicht, weil sie nichts mehr lieben können, nicht einmal sich selbst. Was tun allein gelassene, ungeliebte Kinder? Sie schalten den Fernseher ein.

Die jugendlichen Täter als Opfer und Rebellen? Im Nachlaß eines der Jungen wurden Hitler-Bilder entdeckt.

Schröder-Bilder wären schlimm. Vom Nationalsozialismus hört ein 16-Jähriger heute, wenn irgendwo wieder Gedenkveranstaltung oder Feierstunde ist. Die TV-Nachrichten bringen es dann, wie Thierse, Vollmer, Süßmuth, Schily auf Hitler schimpfen. Und der Junge überlegt: Wer solche Gegner hat, kann kein ganz übler Bursche sein. Ich täte es, wenn ich es nicht besser wüßte.

Wird die Jugend zu wenig über die Nazis aufgeklärt?

Wer sollte es tun, ohne daß ein Junge denkt: Lieber die als der?

Die Wehrmachtsausstellung, was immer man gegen sie einwenden kann, hatte es versucht.

Wie schön, daß sie vorbei ist. Mir sind vor allem die vielen von der Presse angekündigten Eröffnungsfeiern in Erinnerung. Mein Eindruck war, daß Veranstalter und Festgäste sich dabei wechselseitig Pomade auf den Hintern rieben. Nichts gegen erfolgreiche, wohlgenährte, glatt rasierte Leute im dunklen Anzug mit Fliege oder Schlips. Sowas gehört zum Opernball, und gegen Opernbälle wüßte ich nichts einzuwenden.

Aber wenn solche Leute sich redenschwingend in Pose werfen, und wenn sie sich dann auch noch wichtigtuerisch neben den Fotos abgelumpter, ausgemergelter, stoppelbärtiger Menschen zeigen, die nach ihrem Tod am Galgen hängend geknipst worden sind, dann empfinde ich das als obszön und pervers. Zumal der Veranstalter ganz andere Maßstäbe anlegt, wo es ums Recht am eigenen Bild geht. Die Verbreitung eines Fotos, das ihn ja keineswegs am Galgen zeigte, sondern nur mit leicht ramponiertem Konterfei, wurde untersagt.

Wir haben bislang nur von den hiesigen Verhältnissen gesprochen, aber die meisten Amok-Kids gibt es in den USA.

Weiß man das? In den frühen 80er Jahren gab es einen mir bekannt gewordenen und von keiner Zeitung erwähnten Fall, und vielleicht war das gar kein Einzelfall. Ein 14jähriger Junge hatte seine Mutter erstochen: Sie von Beruf Kinderpsychologin, der Vater Pädagoge, linkes akademisches Milieu. Klare Sache: Gegen zwei von der Sorte hat ein Junge nur bewaffnet eine Chance. Warum? Menschen ohne Gewissen, ohne Selbst, ohne Scham und ohne Würde kann man außer mit dem Messer nicht verletzen.

Man kann sie weder bloßstellen noch kränken, weil hinter der Fassade oder der Maske nichts ist. Sie brechen nicht zusammen, und es bricht keine Welt für sie zusammen, wenn ihnen bewiesen oder wenn öffentlich bekannt wird, daß sie verächtliche kleine Schurken sind. Paradebeispiel sind die Clintons, die neuerdings wieder zu dritt Hand in Hand für die Kameras posieren. Das ist der Menschentyp, der Kinder – und nicht nur sie – zur Waffe greifen läßt.

Wolfgang Pohrt gab in KONKRET 12/98 Auskunft über Politik im Zeitalter der Zombies

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