Auto-mobil

Ursprünglich veröffentlicht von Streifzüge. 

Das „Automobil“ sollte eigentlich „Auto-mobile“ heissen; ein Kunstwort, das aus dem altgriechischen „auto“ – selbst – und dem lateinischen „mobile“ – beweglich – zusammengesetzt ist.

Gemeint ist mit diesem Begriff, den es erst seit gut hundert Jahren gibt, ein Fahrzeug, ein Wagen, vor den man kein Zugtier spannen muss, sondern einer, der „von selbst“ fährt. Das Gespann Zugtier – Wagen war schon in der Antike der Inbegriff für die rationale Mechanisierung des menschlichen Arbeitens. Nachdem das Rad erfunden war, brauchte man schwere Lasten nicht mehr selbst zu tragen – nicht mehr heben, halten und forttragen – sondern konnte sie ablegen, und sie blieben trotzdem „mobil“. Allerdings musste auch der Wagen geschoben oder gezogen werden, man musste eine Zugkraft vorspannen. Diese Kraft kann der Mensch selbst ausüben. Er kann auch – als Herr und Gebieter – andere Menschen – als Diener beziehungsweise Sklaven – dazu anhalten oder Tiere zu diesem Zweck einsetzen.

Worauf bezieht sich nun dieses „selbst“ beziehungsweise „selber“ bei der Bewegung und beim Arbeiten? Wenn ich gehe oder laufe, dann bin zweifellos ich selbst es, der geht oder läuft. Dasselbe gilt für alle meine leiblichen Tätigkeiten, mein Tun und Arbeiten. Ich lege selbst Hand an und mache es selbst. Es ist allerdings nicht viel, was ein einzelner Mensch alleine ausrichten kann. Fast alle notwendigen Tätigkeiten können wir nur gemeinsam, in Zusammenarbeit verrichten.

Das gilt insbesondere für sehr junge und sehr alte oder kranke Menschen; die einen müssen das leibliche Sich-Bewegen, das Gehen und Zugreifen erst erlernen und üben, den anderen gebricht es zunehmend an körperlichen Kräften. Aber auch wenn wir bei guten Kräften sind, bleiben wir weitgehend abhängig von anderen und anderem. Was kann es dann bedeuten, etwas „selbst“ zu tun? Wir können dem „Selber Tun“ wohl nur innerhalb eines dialektischen Spannungsfelds zwischen Selbständigkeit und Abhängigkeit näher kommen.

Selbstbewegung

Schon Platon hatte das Ideal der „Selbstbewegung“ eingeführt und dieser die „Fremdbewegung“ entgegengestellt, die er den materiellen Dingen zuschrieb. Die empirischen Dinge werden gestossen und gezogen, sie erhalten den Anstoss zu ihrer Bewegung von aussen, durch andere. Die Bewegung und Veränderung pflanzt sich von einem zum anderen fort – eine Kettenreaktion – und muss irgendwo bei einem „ersten Beweger“ ihren Anfang nehmen. Im grossen Ganzen, dem Kosmos, ist dieser erste Beweger der Gott des Monotheismus, den man sich zunehmend als „Demiurgen“ vorstellte, der wie ein Handwerker die Welt als sein Werk hergestellt hat.

Im Kleinen und Einzelnen ist aber auch jeder Mensch, jede Person eine Selbstbeweger*in. Sie kann nach ihrem Willen und ihren Vorstellungen Bewegungen in Gang setzen: Ein Plan wird in die Tat umgesetzt, ein Vorhaben wird realisiert. Wenn das Bewegen und Tun in diesem Sinn von Absicht und Entscheidung geleitet ist, dann können wohl nur solche Wesen sie selbst hervorbringen, die „beseelt“ und geistbegabt sind. Aristoteles sagte: Sie müssen „logos“ besitzen. Er formulierte auch gleich seine prägnanten Axiome der Logik. Nur wer denkend handelt – über die Begriffe und ihre logischen Verknüpfungen – kann die Dinge in ihrem Lauf bewegen und lenken.

Damit war die Spaltung des unmittelbaren leiblichen Handelns in eine „geistige“ und eine „materielle“ Seite eingeleitet. Die empirischen, rein materiellen Dinge werden in ihren Bewegungen und Veränderungen durch Notwendigkeit bestimmt. Sie können nur auf eine einzige Art und Weise ablaufen und diese ist durch kausale Gesetzmässigkeit eindeutig bestimmt. Sie können ihre Bewegungen nicht selbst bestimmen, sondern müssen den Naturgesetzen gehorchen – sie werden von aussen, also „fremd“ bewegt.

Motor und Mobile

Jedes Seiende ist ein „mobile“ (in der späteren, lateinischen Terminologie), das nur durch einen „motor“ bewegt werden kann. Dahinter steht das Modell von Wagen und Pferd – oder noch etwas allgemeiner und abstrakter, wie es die neuzeitliche Physik dann fasst: von „Last“ und „Kraft“. Hier beginnt schon die „Mechanisierung des Weltbildes“. Das betrifft nicht nur das räumliche Fortbewegen der Dinge, sondern unseren ganzen Umgang mit ihnen; nicht nur den Transport mit Pferd und Wagen, sondern alles, was wir mit ihnen zu tun haben. Die Menschen verstehen und behandeln die natürliche Wirklichkeit zunehmend auf mechanische Art und Weise.

Die physische Wirklichkeit der Dinge, mit denen wir umgehen, zerfällt dabei immer mehr in tote Materie auf der einen Seite und in bewegende Kraft auf der anderen. Im naturwissenschaftlichen Ansatz Newtons wird daraus dann „Masse“ auf der einen und „Kraft“ auf der anderen Seite. Zur hauptsächlichen „Kraft“ wird bei ihm schliesslich die Gravitation – mit ihr gelingt Newton die Vereinheitlichung von „Himmel“ und „Erde“: Die Schwerkraft bestimmt sowohl den kurzen Fall aller Dinge auf der Erde als auch die unendliche Kreislaufbewegung der Gestirne am Himmel.

Mit der Mechanisierung werden die Dinge zu „Zeug“ und Werkzeug. Es kommt immer mehr darauf an, wie wir sie stellen, setzen und in begrifflicher Ordnung verwalten. Nicht mehr der sinnliche Kontakt, das qualitative Wahrnehmen, Erfahren, Erleben und Begegnen steht im Vordergrund, sondern das rationale Begreifen mit Begriffen und deren logisch-theoretisches Zusammenspiel. Die Menschen legen die Dinge gleichsam aus den Händen, ordnen und stellen sie fest in ein objektives Koordinatensystem. Es wird ihnen keinerlei „Eigenleben“ und qualitativ-sinnhafte Bedeutung mehr zugestanden, welche über die reine Kausalität hinausginge.

Es zählt nur noch das berechenbare und voraussagbare Funktionieren. Die Dinge werden zu funktionierenden Mechanismen, die zu immer längeren Ursache-Wirkungs-Ketten aneinander gereiht werden. Diese laufen jetzt „von selbst“ und erfordern nicht mehr das sensomotorische Dabeisein eines Menschen, weder wahrnehmend („sensorisch“) noch bewegend („motorisch“). Dieses Von-selbst-Laufen hat nun eine ganz neue Bedeutung erhalten. Es bedeutet nicht mehr wie bei Platon „Selbstbewegung“ und Selbstwirksamkeit eines eigenständigen Seienden, das sich zeigt und mitteilt, sondern im Gegenteil völlige Determiniertheit eines von aussen bewegten „mobile“.

Von der Entelechie zur Mechanisierung

Aristoteles hatte noch den Begriff der „Entelechie“ geprägt: Die Naturdinge, die sich bewegen und verändern, entwickeln sich dabei auf ein gewisses Ziel (telos) hin, einen eigenen Zweck, eine charakteristische Eigenart, die sie hervorbringen. Dieser Selbst-Zweck ist in ihnen angelegt als Möglichkeit und Kraft (dynamis), und sie sind fortwährend dabei, diese Möglichkeiten zu vollziehen, zu realisieren und als ihre Wirkung zu zeitigen (energeia). Es ist also der Übergang, die Umwandlung aus der Möglichkeit in ihre Wirklichkeit, die den Lauf der Dinge bestimmt. Und wenn wir die Dinge und ihre Prozesse wahrnehmen und mit ihnen zu tun haben, dann begegnen wir ihnen und lernen sie kennen, indem wir ihre Eigenarten und Qualitäten am eigenen Leib spüren – wir erfahren und erleben sie.

Die neuzeitliche Naturwissenschaft hingegen – mit ihrer Methode der Mechanisierung und Rationalisierung – wendet sich scharf gegen jegliches Wahrnehmen, Erleben und Erfahren. All das wird als „Subjektivität“ abgewertet, welche letztlich nur Täuschungen hervorbringt. Die einzig legitime Methode im Umgang mit den Dingen ist das Messen und Quantifizieren. Wir müssen uns die Dinge buchstäblich vom Leib halten und draussen, in einem objektiven Koordinatensystem, feststellen und ordnen.

Distanz und zweifelndes Hinterfragen werden zum obersten Gebot. Überprüfung und Beweise werden gefordert, der objektive – von uns unabhängige und selbständige – Lauf der Dinge soll nachgewiesen werden. Die Natur wird gestellt und ihrer Taten überführt – durch klare, rationale Beweisführung. Der Naturwissenschaftler wird zum Detektiv. Die Naturdinge sollen uns in ihrem Lauf nicht mehr ihre Selbstzwecke (Entelechie) zeigen, wir sollen ihre charakteristischen Eigen-arten nicht mehr erfahren und er-leben – was ja zugleich unser Leben ausmacht – sondern sie werden „draussen“, abgetrennt und unabhängig von uns, als funktionierende Mechanismen dargestellt und eingerichtet.

Die Sache darf allerdings nicht so einfach in schwarz-weiss gesehen werden, sondern sie verhält sich dialektisch – voll von Widersprüchlichkeiten. Auch wenn die Naturwissenschaft die Dinge und ihre Prozesse zu funktionierenden Mechanismen reduziert und degradiert, so schafft sie mit ihrer Methode doch neue Zugänge und macht Zusammenhänge sichtbar, die wiederum lebendig erfahrbar sind.

Die Methodik des Experiments mit ihren modellhaft inszenierten Fragestellungen an die Naturdinge, auf die nur quantitative und gesetzmässig wiederholbare Antworten zugelassen werden, hat ein faszinierendes, in vielen Farben schillerndes Wissensgebäude hervorgebracht. Es ist zwar höchst rational, reduziert und abstrakt, aber gerade ein so nüchternes und auf Sicherheit bedachtes Gebäude kann unsere komplexen Beziehungen zur Naturwirklichkeit – in der wir ja mitten drinnen leben – wieder bereichern. Rationales Konstruieren und leibliches, sensomotorisches Wahrnehmen, Erleben und Erfahren müssen einander nicht ausschliessen.

Allerdings sind wir durch die einseitige Verfolgung der mechanistisch-naturwissenschaftlichen Zielsetzung, die sich in den letzten 300 Jahren zu einer „naturwissenschaftlich – technologisch – kapitalistischen Fortschrittsspirale“ aufgeschaukelt hat, heute zweifellos in eine existenzbedrohende „Naturkrise“ geraten.

Die Faszination am Mechanismus

Das mechanistische Denken und Fühlen, das die Naturprozesse und Dinge ins Aussen stellt und abtrennt von unserem leiblichen Erleben der Wirklichkeit, gilt rundum als erstrebenswert. Wir erklären diese Prozesse als reine Mechanismen, die gesetzmässig funktionieren. Die mechanischen Bauteile aus toter Materie, aus Roh-Stoff, stellen und setzen wir in erfinderischen Konstruktionen zusammen, reihen sie als zwingende Ursache-Wirkungsketten aneinander, sodass sie über möglichst lange Strecken ohne unser Zutun – also „von selbst“ – laufen.

Die zunächst einfachen Mechanismen, die uns als Werkzeuge dienen, mit denen wir gut arbeiten können, werden weiterentwickelt zu Maschinen, die sich ein- und ausschalten lassen, deren Lauf exakt eingestellt werden kann. Immer mehr arbeiten die angewachsenen Maschinensysteme für uns, die Produktion wird immer schneller und effizienter, der Output und Wirkungsgrad immer grösser. Immer mehr läuft nun „von selbst“, ohne unser Zutun, wir können die Arbeit aus der Hand legen und uns auf das Warten der Maschinerie und das Kontrollieren der Abläufe zurückziehen. Die Phase der Automatisierung nicht nur des Arbeitens, sondern auch des wissenden und kontrollierenden Denkens, in der wir uns heute befinden, tut ein Weiteres, um uns immer mehr aus den lebendigen Naturzusammenhängen herauszunehmen.

Wir tun also jetzt immer weniger selbst und lassen statt dessen die Dinge für uns arbeiten. Das mechanisch-kausale Arbeiten, das die Dinge jetzt für uns verrichten, ist ein erzwungenes Tun; es muss in engen, eindeutigen und linearen Bahnen laufen und dabei strengen Gesetzen gehorchen. Es läuft nach dem hierarchischen Schema von Herr und Knecht, von Befehlen und Gehorchen.

Zerteilung der Arbeit

Die Arbeit – vor allem im Bereich der Produktion – wurde im Lauf ihrer Mechanisierung in immer kleinere Stücke zerteilt. Das Bewegen einer Masse wird in der Mechanik reduziert auf ein lineares Schieben oder Ziehen von hier nach dort. Wenn ich selbst handwerklich – also mit meinen Händen – werke, dann kann ich „freihändig“ komplexe Bewegungen ausführen, etwa ein Kleidungsstück nähen. Ich bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit bei dieser Arbeit und ihrem Sinn. Soll dieses Arbeiten nun mechanisiert werden, dann muss das sinn- und bedeutungsgeleitete Tun zerlegt werden in kleine, sinnentleerte – eben „mechanische“ – Schritte.

Das geschah in der fortschreitenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung schon mit dem noch menschlich – leiblichen Arbeiten. Erst recht wird die Austreibung des Sinns notwendig, wenn das Arbeiten schliesslich auf Mechanismen und Maschinen übertragen werden soll. Zunächst waren es Serienproduktion und Fliessband, welche die noch menschlichen Handgriffe immer mechanischer werden liessen. Je reduzierter die gebotenen Handgriffe sind, desto weniger „qualifiziert“ und „ausgebildet“ müssen die „Arbeitskräfte“ sein. Zu solchen degradiert die naturwissenschaftlich-technisch-kapitalistische Fortschrittsspirale die arbeitenden Menschen. Es ist wohl das alte Schema von Pferd und Wagen, in der Physik als Schema von Kraft und Last gefasst, das jetzt zum Schema von Arbeitskraft und Arbeitslast weitergeführt wird.

Durch die Mechanisierung der Natur wurden „die Geister ausgetrieben“, sie wurde „entzaubert“. Sie wurde in kleinste Teilchen von Kraft-Last-Einheiten zerlegt, die einander gegenseitig bewegen; in Materieteilchen, zwischen denen es nur mehr lineare Anziehung oder Abstossung gibt. Indem wir Sinn und Geist aus der Natur ausgetrieben haben, so scheint es, haben wir sie auch aus unserem Arbeiten entfernt.

Herr und Knecht

Das Austreiben von Sinn und Geist hängt eng mit dem hierarchischen Schema von Herr und Knecht zusammen. Hinter der mechanischen Grundfigur von Pferd und Wagen steht ja als dritte Instanz letztlich der Herr, der oben auf dem Wagen sitzt und dem Pferd, dem Sklaven oder Knecht seine Befehle erteilt. Ein Herr, der mit Worten und Zeichen, vielleicht auch mit der Peitsche, die Richtung vorgibt. Bei ihm haben Sinn und Geist nun ihren Sitz, die (Arbeits-)Kraft wird auf ihre mechanische Funktion reduziert.

Das „ingenium“ (der „schöpferische Geist“) liegt jetzt, in der industriellen Produktion allein beim „Ingenieur“, der die zu verrichtende Arbeit in geistlose, mechanische Teile zerlegt und daraus wieder zusammenstückelt – die Arbeitskraft braucht nur noch mechanisch die Anleitungen zu befolgen. Allerdings unterliegt auch der Ingenieur, der die „geistige“ Arbeit verrichtet, seinerseits einem kapitalistischen „Arbeitgeber“ als seinem Herrn. Es sei denn, er macht sich „selbständig“ und wird so zu seinem eigenen Herrn. Womit wir wieder beim „Selbertun“ wären. Aber auch dieses „selbständige“ Arbeiten unterliegt wohl wiederum weitgehend dem „Geist“ und der Logik der Hierarchie, der Logik des kapitalistischen Tauschmarktes, der Logik von Kampf und Wettbewerb, die nur das Entweder-Oder von Sieger und Verlierer kennt.

Wäre auch eine andere Art der Arbeitsteilung möglich, die nicht den Geist aus der Natur austreibt und durch den Geist der Hierarchie, der „heiligen Ordnung“ (des Patriarchats) ersetzt? Ein Arbeiten, das nicht von Herren an Knechte, von Vorgesetzten an Untergebene befohlen wird? Ein Selbertun und Selbstsein im Geist der Zusammenarbeit, der partnerschaftlichen Kooperation? Wo Ich und Du, die Eine und der Andere nicht hierarchisch höher oder tiefer gestuft, vor- oder nachgereiht werden, sondern gemeinsam und im Einklang zu einem Wir werden, als das beide erst wirklich selbständig arbeiten können und mögen?

Der neuzeitliche Motor

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Dampfmaschine erfunden. Sie wurde zum ersten „Motor“ der einsetzenden Industriellen Revolution und des Kapitalismus. Der Motor ist jetzt eine „Kraftmaschine“, die es möglich macht, die bewegenden Naturkräfte fortwährend und dauerhaft zu nutzen. Eine Naturkraft, so wie sie in der Dynamik Newtons gefasst wird, ist an sich eine kurze, lineare Angelegenheit: Der Apfel, der vom Baum fällt, ist schnell am Boden angelangt. Dasselbe gilt für die Kraft von Zylinder und Kolben, die der heisse Dampf und später die Explosion eines Treibstoffs hervorbringt. Auch die elektromagnetische Kraft hört nach kurzer Bewegung auf, wenn der elektrische Pluspol beim Minuspol, der magnetische Nordpol beim Südpol angekommen ist.

Wie kann aus diesen kurzen Bewegungsstücken eine anhaltende Antriebsbewegung erzeugt werden? Es ist das technische Prinzip der Rückkoppelung, die das bewerkstelligt. Ein Elektromotor besteht aus einem im Motorgehäuse ruhenden Stator und einem Rotor, der sich in der Mitte dreht. Immer dann, wenn ein magnetischer Nordpol des Rotors gerade beim Südpol des Stators angelangt ist, wird umgeschaltet und die Anziehungskraft muss – wie Sisyphos – immer wieder von vorne beginnen. Es ist nur ein kurzes Bewegungsstück, das sie bewirkt, aber reiht man sie alle aneinander, so werden sie zu einer unendlichen Bewegung, einer beständigen Rotation der Motorwelle.

Vom Meschanismus zur Maschine

Ein solcher Motor wird nun als Antrieb in einen Arbeitsmechanismus – etwa einen Webstuhl – eingebaut, woraufhin dieser „von selbst“ läuft. Man kann ihn nach Belieben ein- und ausschalten. Der lineare Mechanismus, der als Werkzeug eingesetzt wird, ist damit zu einer Maschine geworden, die einen inneren Kreislauf besitzt, der im Prinzip endlos laufen kann. Ein solcher Innen-Kreislauf macht eine Maschine noch nicht zu einem Lebewesen, aber sie eignet sich schon weit besser als der einfache Mechanismus dazu, vormals menschliches Arbeiten an sie zu delegieren. Damit möchte ich keineswegs zur Maschinenstürmerei aufrufen, im Gegenteil; es liegt in der Dialektik der Sache, dass gerade die heute so vielfältigen Kleinmaschinen das handwerkliche „Selbermachen“ wieder stark befördert haben.

Narrenlob des Fahrrads

Das Auto-mobil, Leit- und Spitzenerzeugnis der kapitalistischen Massenproduktion des zwanzigsten Jahrhunderts, ist so eine Maschine mit Motor und schaltbarem Innenkreislauf. Das Tun der Menschen, die es benutzen, beschränkt sich damit auf das Gasgeben und Lenken – sonst brauchen sie nichts zu arbeiten. Der Mensch kann ganz Herr sein, die Maschine dient. Ist das nun wirkliche Selbstbewegung – „Auto-Mobilität“?

Ich halte es hier eher mit Ivan Illich, der schon in den 1970er Jahren sein „Narrenlob des Fahrrads“ verfasst hat. (Obwohl ich natürlich für manche Zwecke auch das Auto – und vor allem das öffentliche Verkehrsnetz benutze): Wenn ich Fahrrad fahre, dann bewege ich mich selbst. Das Radfahren ist gegenüber dem Gehen auch schon ein wenig mechanisiert – es hat die Kreisbewegung eingebaut – und ist so bedeutend schneller, weitreichender und weniger mühevoll als zu Fuss zu gehen.

Das Auto, so rechnet Ilich vor, mag zwar kurzfristig an Stundenkilometern um ein Vielfaches schneller sein, aber das ist letztlich kein wirklicher Zeitgewinn: Wenn alle Arbeitszeit eingerechnet wird, die es für die Einzelnen braucht, um Auto und Treibstoff kaufen und erhalten zu können, um als Gesellschaft die für das System Auto erforderliche Infrastruktur zu errichten, dann liegt die tatsächlich erreichte „Grenzgeschwindigkeit“ für Transport und Verkehr nicht höher als etwa 15 km/h, eine Geschwindigkeit, die mit dem Fahrrad spielend zu bewerkstelligen ist. Noch gar nicht eingerechnet sind dabei die Schäden und Zerstörung, die das System der „Automobilität“ anrichtet, und die verrückte Konsequenz, dass die „Freiheit der Mobilität“ längst in einen „Zwang zur Mobilität“ übergegangen ist.

Ivan Illich ruft in diesem Sinn auf, in möglichst allen Lebensbereichen eine „conviviale Technik“ zu entwickeln, eine Art und Weise des Umgangs mit den Dingen und uns selbst, die mit dem Leben verträglich ist und uns gemeinsam ein gutes Leben ermöglicht.

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