Automation. Zu Jason E. Smiths “Smart Machines and Service Work” (4)

Im Gegensatz zu Smith halten wir den Finanzsektor in der Folge des griechischen Ökonomen John Milios für einen produktiven Sektor. Eine Zwischenposition nimmt Tony Norfield in seinem Buch The City ein, in dem er aufzeigt, dass kapitalistische Unternehmen sui generis den finanziellen Sektor benötigen, um ihre Geschäfte zu tätigen, obgleich sie keine Rolle in der aktuellen Produktion für Waren spielen und ihre Profite deshalb nur ein Anteil der gesamten Wertproduktion, die hauptsächlich im produktiven industriellen Sektor stattfände, seien. Die Metapher „zentrales Nervensystem des Kapitals“, die Tony Norfield in seinem Buch The City zur Charakterisierung des gegenwärtigen Finanzsystems verwendet, deutet zutreffend die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomien an. Wenn das Kapitalprinzip der Motor des atmenden Monsters namens Gesamtkapital ist, dann ist das finanzielle System dessen Gehirn und Zentralnervensystem. Randy Martin hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass das Finanzsystem den drei Bänden von Marxens Kapital insofern immanent ist, als es in den Bewegungen der Produktion und der Zirkulation und der damit verbundenen Notwendigkeit das Risiko zu antizipieren, eine wichtige Funktion für die Reproduktion des Kapitals einnimmt. Das Finanzsystem exekutiert zu einem nicht unerheblichen Teil die Konkurrenz, die Koordination und die Regulation der Unternehmen (in allen Sektoren), denen wiederum das Apriori des Gesamtkapitals vorausgesetzt ist, das sich über die reale Konkurrenz der Unternehmen, die für Marx allemal kein Ballett, sondern ein Krieg ist, aktualisiert. Das finanzielle Kapital moduliert andauernd die Konkurrenz aller Unternehmen und entfacht sie neu – es ist also ein integraler Teil der Kapital-Ökonomie und kein Krebsgeschwür, das ein Arzt entfernt, um dem Kapitalkörper wieder zur Gesundheit zu verhelfen.

Für Norfield sind die Operationen des Finanzsystems keineswegs auf die vielfältigen Strategien der Banken, der Investmentfonds und anderer Finanzinstitutionen begrenzt, vielmehr betreffen sie das kapitalistische System und seine Unternehmen insgesamt, insofern eben auch die industriellen und kommerziellen Unternehmen ständig eine Vielzahl von finanziellen Transaktionen durchführen müssen. So benutzen die international agierenden Unternehmen die privaten Banken, um an die Währungen zu gelangen, die sie benötigen, um Importwaren zu kaufen, oder um die Gewinne, die aus ihren Exportgeschäften stammen, in die einheimische Währung zu tauschen. Unternehmen leihen sich von den privaten Banken kurzfristige Kredite, um ihre Cashflows zu sichern, oder sie nehmen längerfristige Kredite auf, um ihre Investments zu finanzieren. Sie geben Anleihen oder Aktien an den Finanzmärkten aus, um sich Geld von Investoren zu verschaffen, und sie benutzen Derivate, um sich gegen ungünstige Bewegungen der Zinsraten, die ihre Profitabilität einschränken, abzusichern. Beispielsweise kann der Einkauf von Rohstoffen, It-Systemen, Gebäuden, Maschinen und Arbeitskräften, der getätigt wird, um neue Waren zu erzeugen, die mit Gewinn verkauft werden sollen, durch anstehende Zinszahlungen reduziert werden. Und die Nettoprofite der Industrieunternehmen werden durch alle möglichen finanziellen Transaktionen affiziert, angefangen vom Hedgen der Währungen bis hin zu Zinsratenrisiken, insbesondere, wenn die Unternehmen selbst in finanzielle Sicherheiten investieren. Die Finanzierung der kapitalistischen Produktion und Zirkulation ist ein entscheidender Aspekt der Reproduktion des Kapitals auf erweiterter Stufenleiter.

Zitieren wir nun John Milios zu diesem Thema in Länge (deepl Übersetzung): „In diesem Ansatz (Ricardo) zufolge kann die Profitabilität im Kapitalismus über zwei unterschiedliche Wege abgeleitet werden: einen produktiven (M-C-M′, wobei M für Geld, C für Waren steht und M′ = M+ΔΜ) und einen parasitären oder spekulativen (M-M′′, mit M′′=ΔΜ′). Ricardo kam natürlich nie zu dieser Schlussfolgerung oder Kategorisierung. Nichtsdestotrotz kann letzteres als eine unmittelbare Konsequenz seiner Argumentation gesehen werden, wenn man diese Argumentation ausweitet, um die Entwicklungen des zeitgenössischen Finanzwesens zu erfassen.In dieser Hinsicht kann man vorschlagen, dass, wenn der abwesende Eigentümer in der Organisation des kapitalistischen Lebens dominant wird, die „produktiven“ Aspekte des letzteren verdrängt werden und spekulative und räuberische Aktivitäten in eine dominante Position rücken. Dies wäre der Fall, weil das vorherrschende Motiv des Kapitalismus auf das Streben nach Profit in der Sphäre der Finanzzirkulation hinausliefe, d. h. auf die Aneignung des Profits, der von anderen Fraktionen des (produktiven) Kapitals oder sogar vom Einkommen der (produktiven) Arbeiter geschaffen wird. Die Zirkulation wird zum Hauptmittel der Absorption des zuvor durch die Produktion erzeugten Profits; all dies würde zu Stagnation und Instabilität in der Produktion von Gebrauchswerten führen…

Im Kontext der kapitalistischen ökonomischen und sozialen Beziehungen bindet die Bewegung des Geldes als Kapital den Produktionsprozess an den Zirkulationsprozess: Die Warenproduktion wird zu einer Phase oder einem Moment (und in der Tat, für den gesamten Valorisierungsprozess, zum entscheidenden Moment) des Kreislaufs des sozialen Kapitals: M-CMLPp … P … C′ … M′(1.1) Der Kapitalist tritt auf dem Markt als Besitzer von Geld M auf und kauft Waren C, die aus Produktionsmitteln Mp und Arbeitskraft Lp bestehen. Im Produktionsprozess (P) werden diese Waren C produktiv verbraucht, um einen Output anderer Waren, ein Produkt C′, zu erzeugen, dessen Wert den von C übersteigen soll. Schließlich verkauft sie diesen Output, um eine Geldsumme M′ zu erhalten, die höher ist als M….

Finance „schafft Kosten“. Sie setzt Arbeitskraft und Produktionsmittel ein, um bestimmte (suigeneris) Güter zu schaffen und zu verkaufen (Tauschwerte, die gleichzeitig Gebrauchswerte für andere sind). Mit anderen Worten: Finanzintermediation kann verschiedene Formen annehmen und verschiedene Arten von Institutionen umfassen, aber in jedem Fall ist sie mit einem bestimmten Satz von Finanzdienstleistungen verbunden, die in der Tat kapitalistische Kommoditäten sind. Wir werden uns nicht auf die Diskussionen über die Funktionen von Finanzintermediären einlassen. Aber im Allgemeinen vermitteln sie den Investitionsprozess unter bestimmten Bedingungen, die den institutionellen Trends der kapitalistischen Volkswirtschaften folgen.3 Diese Vermittlung ist selbst eine Dienstleistung und daher eine produktive Tätigkeit, die nach Profitmaximierung strebt, wie jeder andere Sektor der kapitalistischen Wirtschaft. Sie wird daher als eine produktive Tätigkeit betrachte.“ (Dimitris P. Sotiropoulos, John Milios, and Spyros Lapatsioras: A Political Economy of Contemporary Capitalism and its Crisis)

Unsere Argumentation in Kapital und Macht im 21. Jahrhundert ist noch einmal eine andere. Gegenüber Milios stellen wir heraus, dass die finanziellen Unternehmen gegenüber dem industriellen Sektor eine eigene Form der Herstellung der Profite betreiben, die aber nichtsdestotrotz notwendig für das Gesamtkapital ist: Leveraging, Kredit, Derivate etc. Alan Freeman schreibt hier (Übersetzung deepl): „Wir können weder die Krise noch die Marxsche Theorie der Profitrate verstehen, wenn wir von Marx‘ Konzept des Finanzwesens abstrahieren. Genauer gesagt, Geld ist Kapital. Dies mag so gesagt offensichtlich erscheinen, aber es fehlt in fast allen marxistischen Schriften über die Profitrate.“ Dies alles hat natürlich auch Auswirkungen auf die Frage, wie Profitraten aus den offiziellen Statistiken herausgelesen werden können, der wir hier leider nicht ausführlicher nachgehen können. Auch Freeman geht im übrigen von einer fallenden Profitrate in den USA seit den 1980er Jahren aus.

Wenn die privaten Banken heute eine tragende und zugleich treibende Rolle in der Allokation des Geldkapitals für die verschiedenen Branchen und Sektoren der Ökonomie übernehmen, dann gilt es gerade einige wichtige Unterschiede zwischen dem finanziellen Kapital und dem industriellen und kommerziellen Kapital hinsichtlich der Profitmechanismen und der ökonomischen Macht zu beachten. Es gibt definitiv keinen einheitlichen Mechanismus, der zum Ausgleich der Renditeraten der finanziellen Unternehmen mit den Profitraten der industriellen und kommerziellen Unternehmen führt, oder, um es anders zu sagen, die Profite der privaten Banken haben keinen strikt gesetzmäßigen Bezug zu den Investments und den Profiten des industriellen Kapitals. Nicht dass die Profite der Privatbanken überhaupt nicht kalkuliert werden könnten oder in überhaupt keinem Bezug zu den Profiten der industriellen Unternehmen stünden, aber es gibt weder zwischen den privaten Banken untereinander den Mechanismus einer Ausgleichsbewegung der Profitraten, wie er im industriellen Sektor vorzufinden ist, noch gibt es eine Integration der Bankprofite in die Prozesse zur Herstellung der (industriellen) Durchschnittsprofitraten. Um dies zu belegen, muss man die verschiedenen Formen der Investments und Spekulationstätigkeiten der privaten Banken etwas genauer untersuchen. Der finanzielle Kapitalvorschuss, der für die industriellen Unternehmen notwendig ist, damit sie Technologien, Maschinen, Energie, Rohstoffe und Gebäude kaufen und die Anmietung von Arbeitskräfte vornehmen können, besitzt für finanzielle Unternehmen nicht dieselbe ausschlaggebende Bedeutung, wenn es um die Generierung ihrer eigenen Profite geht. Die Renditen der privaten Banken basieren eben nicht in erster Linie auf dem Einsatz von Handelsbildschirmen, Gebäuden, Software und Arbeitskräften. Das fixe und das zirkulierende Kapital haben relativ wenig mit dem Kreditschöpfungs- und den Kapitalmechanismen zu tun, mit denen die privaten Banken ihre Profite real kreieren, denn sie können nämlich ganz im Gegensatz zu den industriellen Unternehmen Giralgeld selbst kreieren und fiktives/spekulatives Kapital gewinnbringend herstellen und verfügen deswegen über ein weitaus höheres Leverage als die Industrieunternehmen.

Kommen wir nach diesem längeren Exkurs zu dem Text von Smith zurück und im speziellen zu dem Kapitel „Circulation und Control“, in dem es zunächst um die Investitionsraten im produktiven Sektor (Maschinen, Computer, Fabriken, Forschung etc.) geht, die seit den 1980er Jahren in den USA anhaltend stagnieren. Zwar gibt es in den 1990er Jahren einen moderaten Anstieg der Produktivität durch die Computerisierung des Rechnungswesens, Lagerhaltung und Logistik, aber keinen Anstieg im neuen Jahrtausend durch das E-Commerce und die smarten Technologien. Den Rückgang der Investitionsraten führt Smith auf den Fall der durchschnittlichen Profitraten in der gesamten Ökonomie zurück, wobei er davon ausgeht, dass die Profite, die im Finanzsektor generiert werden, Teil der Profite des „wertproduzierenden“ Bussines sind (Industrie und z.T. Service) sind.

Smith fasst danach kurz das Marx`sche Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate zusammen. Wir verweisen auf unsere ausführliche Zusammenfassung des Gesetzes in Kapitalisierung Bd.1. Smith hält Arbeiten, die mit Kontrolle und Aufsicht der Produktionsprozesse verbunden sind für unproduktiv. Arbeiten in der Zirkulation wiederum umfassen solche der Realisierung von Waren, ein weites Spektrum vom Transport, Distribution, Sicherheit und Versicherung, Finance, Recht und Accounting, Sektoren, die Smith dem wachsenden Servicesektor zuschlägt, der für ihn weitgehend unproduktiv ist, weil hier keine Produkte oder Dienstleistungen produziert werden, die für Profite verkauft werden können. Wenn dies für Staatsaktivitäten weitgehend stimmt, so doch lange nicht für die Finance und andere Unternehmen im Servicesektor, die in der Tat Profite realisieren. Siehe die obige Diskussion zur unproduktiven Arbeit.

Für Smith muss eine Erhöhung der Mehrwertrate nicht nur die Reduzierung der Arbeitskräfte im Verhältnis zum Kapital (qua technologischer Innovation) kompensieren, sondern auch die zunehmenden Ausgaben in der Zirkulation, wobei die hier generierten Löhne aus dem Mehrwert gezogen werden müssen, der im produktiven Sektor generiert wird. Er verweist in der Folge auf Paul Mattick, der schreibt, dass die Tendenz zur niedrigeren Produktivitätssteigerungen in der Zirkulation einen Druck auf die Profitraten ausübe, wobei die Rolle der Zirkulationsarbeiten im totalen Kreislauf des Kapitals darin bestünde, dass sie einerseits für die Realisierung von Waren notwendig seien, andererseits aber direkt keinen Wert produzieren würden. Hier stellt sich nun für Smith die Frage, warum die wachsende Disproportion zwischen steigender Produktivität im produktiven Sektor und der stagnierenden Produktivität im Servicesektor nicht durch die eine steigende Automatisierung des letzteren Sektor reduziert würde, und er gibt Mattick folgend die Antwort, dass die Produktionsprozesse in einigen immer größer werdenden Unternehmen konzentriert seien, der Servisesektor hingegen stark dezentralisiert sei. Der Ökonomie der large-scales in der Industrie stehen die arbeitsintensiven Tätigkeiten in der Zirkulation gegenüber.

Smith erwähnt hier den marxistischen Ökonomen Fred Moseley, der seit den 1970er in den USA einen moderaten Anstieg der Produktivität bei sinkenden Reallöhnen konstatiert, was atypisch zu einem Fall der Profitrate geführt habe. Wenn die Mehrwertrate stärker steigt als die organische Zusammensetzung des Kapitals, dann steigt die Profitrate. Smith erwähnt als Gegentendenzen wiederum gegen fallende Profitraten sinkende Kosten des konstanten Kapitals, sinkende Löhne und eine höhere Produktivität. Moseley behauptet, diese drei Faktoren seien in den USA seit 1980 präsent, aber dennoch sei es aufgrund einer steigenden Rate der unproduktiven gegenüber der produktiven Arbeit zu einem Fall der Profitrate gekommen, was Smith insofern relativiert, dass es apriroi keinen Grund gäbe, dass die Arbeitsmenge in der Zirkulation gegenüber der in der Produktion anwüchse, und zudem zu hinterfragen sei, warum die Produktivität in der Zirkulation geringer sei als in der Produktion. Als Grund führt dann Smith an, dass es aufgrund der vielfältigen Transaktionen von Person zu Person in der Zirkulation inhärente Schwierigkeiten in der Zunahme der Automation gäbe, man denke etwa an die stark automati sierte Automobilindustrie, in der die Verkaufsaktivitäten aber nach wie vor stark personalisiert seien. Die Ersetzung von Arbeitskräften in den Bereichen der Zirkulation (Security, Transport, Lager, Lieferung etc.) sei bisher begrenzt, aber greife heute unter Umständen auf Tätigkeiten der Kontrolle und der Aufsicht über Produktionsprozesses zu, die für die Steigerung der Arbeitsintensität in den Produktionsprozessen zuständig seien. Heute werde dies durch elektronische und biometrische Methoden der Messung und des Monitoring von Arbeit forciert. Es geht als ostärker um die Automation der hochbezahlten Kontrolltätigkeiten als um die Tätigkeiten von niedrig bezahlten Beschäftigten in der Zirkulation. In diesem Zusammenhang erwähnt Smith den Einsatz von Überwachungstechniken wie smart sunglasses in der Produktion, mit der man in der Lage sei, die Performance der Arbeitenden im Minutentakt zu beobachten und zu messen.

Teil 1 hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier

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