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Be Water Set Fire – Interview aus Minneapolis

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4 Jun , 2020  

Anonymer Interviewbericht mit einem Genossen in Minneapolis zum aktuellen Aufstand in den USA

Aus den USA erreichten uns eine schlechte Nachricht nach der anderen: Die Corona-Todesrate ist dort erheblich höher als in anderen Ländern. Ein größenwahnsinniger Präsident fordert die Bevölkerung dazu auf, sich Bleichmittel zu injizieren, rechte Milizen marschieren ungehindert in Parlamentsgebäude, um für die Wiedereröffnung von Geschäften zu demonstrieren und keiner leistete Widerstand. Dann plötzlich der alles auslösende Funke: der brutale Mord an George Floyd. 

Überrascht dich das alles? Wie erklärst du dir die Aufstände? 

Ja in gewisser Weise kamen die Aufstände sehr unerwartet. Persönlich hatte ich befürchtet, dass nach den weltweiten revolutionären Bewegungen von 2019 uns jetzt mit der Pandemie dunkle Zeiten erwarten würden. Aber gerade als wir im Begriff waren, die Hoffnung zu verlieren, haben uns die Ereignisse in den USA gezeigt, dass wir uns an einem Anfang befinden. Dass es so gekommen ist, hat viele gute Gründe. Das fängt schon damit an, dass die Bevölkerung wegen der COVID-19 Pandemie und den Quarantänemaßnahmen sehr viel stärker an das Internet gebunden ist als zuvor. Das Video vom Mord an George Floyd konnte sich viel schneller und viel umfangreicher verbreiten, als das normalerweise der Fall gewesen wäre und genauso war es auch mit der Nachricht, dass Proteste geplant werden. Dass die Menschen über Monate lang nicht mehr in Gruppen zusammenkommen konnten und dass sie menschlicher Berührung entbehren mussten, hat wahrscheinlich auch zur unvorhersehbaren Natur der Aufstände beigetragen. Ich glaube, dass die Leute einfach am Ende sind, nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen dem institutionalisierten Rassismus und der Unterdrückung gegen Schwarze, die sich jahrhundertelang ungehindert durchsetzen konnte. Seit Jahren demonstrieren die Leute für Gerechtigkeit und haben damit nichts erreichen können. Es ist also keine Überraschung, wenn ab einem bestimmten Punkt das Bitten aufhört und die Leute anfangen zurückzuschlagen.

Hattest du im Laufe der Tage den Eindruck, dass sich eine kollektive Intelligenz entwickelt hat oder eher nicht? Wie sprechen die Leute über die Aufstände, was verschweigen sie, welche Forderungen werden formuliert? Gibt es regionale Abweichungen? Was für verrückte Dinge sind passiert? 

Ich bin mir nicht sicher, ob man sich anderswo über die Ausmaße der Ereignisse so richtig im Klaren ist. Die Proteste am ersten Tag erstreckten sich schon über anderthalb Kilometer zwischen dem Ort, an dem George Floyd ermordet wurde (38th Street und Chicago Avenue) und dem 3rd Precinct von Minneapolis (Polizeikommissariat im 3. Bezirk, Lake Street und Hiawatha Avenue). Mehrere Menschenansammlungen konnten sich oft ohne jegliche Polizeipräsenz zwischen diesen beiden Punkten bewegen. Die meisten Zusammenstöße passierten nahe der Polizeiwache, aber auch in der Umgebung gerieten die Dinge mehr und mehr außer Kontrolle. Am Ende des zweiten Tages hatten sich die Unruhen und Plünderungen schon mehrere kilometerweit in alle Richtungen verbreitet. Während die Polizei nicht in der Lage war, über den Bereich rund um die Polizeiwache hinaus vorzudringen, sind große Gruppen von Menschen in verschiedene Richtungen gezogen. Dabei stiegen sie in Geschäfte ein, machten überall Graffiti und legten Brände. Einige Leute sind in verschiedene Viertel gefahren und haben in kleinen Gruppen Geschäfte geplündert.

Am dritten Tag haben sich bereits mittags in Saint Paul – der Zwillingsstadt von Minneapolis – spontane Gruppen gebildet und angefangen zu plündern und später am gleichen Abend, als die Polizeikräfte dazu gezwungen wurden, sich aus der Polizeiwache zurückzuziehen, plünderten weitere Gruppen überall in der ganzen Stadt. Spät in der Nacht rückte Verstärkung von weiteren polizeilichen Einsatzkräften sowie der Nationalgarde heran und nahm die Gegend um das 3rd Precinct wieder ein. Ohne dass stark mobilisiert werden musste, sammelten sich am nächsten Tag viele Menschen rund um das 5th Precinct (Polizeikommissariat im 5. Bezirk), das sich fast anderthalb Kilometer weiter auf der Lake-Street befindet. Auch dort streiften Menschenmassen durch die ganze Nachbarschaft, während die Polizei sich darauf begrenzen musste, ihre eigene Wache zu verteidigen. 

Das alles zeigt schlichtweg, dass den Ereignissen nicht wirklich räumliche Grenzen gesetzt waren. Sie verteilten sich über ganze Städte und sogar darüber hinaus. Es gab eine kollektive Intelligenz, die die Polizeikräfte zwang bei ihren Polizeiwachen bleiben zu müssen, während sich gleichzeitig die Proteste über ganze Bezirke verteilten und nicht zu kontrollieren waren. 

Das Abgefahrenste, was ich gesehen habe, war wahrscheinlich, wie jemand ein geklautes Zustellauto von der Post mit voller Geschwindigkeit in die Barrikaden vor der verlassenen Polizeistation gefahren hat, bevor diese dann in Brand gesetzt wurde. Andere von uns haben gesehen wie Leute mit einem Tresor und Taschen voll Bargeld aus einer Bank kamen. Es werden auch Geschichten von Teenagern erzählt, die Freitagnacht in San Francisco in Sportwagen ein Diamantengeschäft nach dem anderen auf Union Square geplündert haben. Dabei wurden sie von der Polizei verfolgt, konnten ihr aber immer entkommen! Menschen aus der ganzen Welt fliegen da zum Einkaufen hin. 

Was wir gerade erleben ist die größte Umverteilung von Reichtum in der modernen Geschichte der USA. Ich denke, das ist wunderbar.

Da viele Länder die Situation in den USA beobachten, ist die Hinrichtung von George Floyd nicht nur ein nationales sondern ein globales Ereignis. Es überrascht nicht, dass es überall in den USA zu Protesten kommt, allerdings scheint das Ausmaß und die Entschlossenheit der Proteste in anderen Städten genauso groß zu sein wie in Minneapolis. Warum ist das so? Konzentriert sich die Bewegung nur auf Großstädte oder gibt es auch Bewegungen außerhalb von ihnen? 

Es ist absolut unglaublich, dass sich in so vielen verschiedenen Städten die Menschen dem Aufstand anschließen und dass sie überall eine solch militante Form annehmen. Das beschränkt sich auch nicht nur auf Großstädte – im Vergleich zu New York und Chicago ist Minneapolis nicht so groß. Es sind nicht nur Städte die aufbegehren, ich habe auch von Aufständen in kleineren Orten gehört. Hier in Minneapolis ist so viel passiert, dass es für uns hier schwierig ist genau zu verfolgen, was genau sich gerade alles woanders abspielt. 

Ich bin mir nicht sicher, warum die Proteste auch in anderen Städten solche Ausmaße angenommen haben. Vielleicht weil alle überall einfach genug haben von der Polizeigewalt? Weil alle sich nach Menschenmengen sehnen? Weil alle auf ihre Smartphones schauen und sehen können, wie einfach wir die Polizei zum Rückzug zwingen konnten? Es gibt bestimmt eine marxistische Analyse dafür, die sich auf die Anzahl der Menschen bezieht, die wegen der Pandemie ihre Arbeit verloren haben und auf die zunehmende Prekarität. Das spielt da sicher auch eine Rolle. 

Es ist schwer zu sagen, ob die Bewegung auch die ländliche Räume erfassen wird. Es gibt mehrere Beispiele von Aktionen in kleineren Städten wie Fayetteville in North Carolina, wo das Markthaus in Brand gesetzt wurde, in dem früher Sklavenversteigerungen stattfanden. Städte werden in Brand gesetzt, weil die Bewohner wissen, was für lebensfeindliche Räume Städte sind. Es ist schwer zu sagen, wie die konterrevolutionären Kräfte den Städten Herr werden wollen. Ausgangsperren, die wegen der Pandemie eigentlich Standard waren, konnte die Polizei bisher nicht durchsetzen. Auf der anderen Seite hat die Polizei in Minneapolis schon angekündigt, dass sie die Contact-Tracing-Technologien (die in der Quarantäne eingesetzt wurden) dazu benutzen werden, Protestierende zu überwachen und zu verfolgen und wir sehen zweifellos einer beispiellosen Repressionswelle entgegen.

Gibt es für euch irgendeine Inspiration aus anderen politischen Bewegungen? Hongkong, die Gelbwesten oder andere? Zirkulieren und verbreiten sich Erzählungen und Erfahrungen?

Der Aufstand in Hongkong scheint einen wirklichen Einfluss auf den Aufstand hier zu haben, aber genauso die allgemeine Erfahrung der globalen Unruhen der letzten Jahre. Leute haben Tipps wie man Tränengas ausschaltet nach dem Vorbild von Hongkong in Umlauf gebracht und adaptieren die „sei Wasser“-Strategie um Polizeikesseln oder Festsetzungen an einem Ort zu vermeiden, Laser werden benutzt um die Polizei zu blenden und Helikopter zum Rückzug zu zwingen.

Die Twin Cities haben ebenfalls schon in der Vergangenheit kleinere Aufstände gegen Polizeimorde erlebt. In 2015 im nördlichen Minneapolis und 2016 in Saint Paul. Taktiken die in diesen Momenten entdeckt wurden – am bekanntesten ist vielleicht das 2015 erzwungene Festsetzen der Polizei in deren eigenem Revier – gehören nun zum gesunden Menschenverstand. Zusammen mit der 2019 in den weltweiten Unruhen entstandenen allgemeinen taktischen Intelligenz hilft er dem strategischen Verstand des Aufstands Form zu geben.

Ich würde sogar sagen, dass auf einer taktischen Ebene, die Intelligenz, die gerade aufgebaut wird, eine Synthese von dem kantonesischen „sei Wasser“ mit sehr vielen Autos, amerikanischen Waffen und Brandstiftungen ist. Das weitverbreitete und dezentrale Plündern in ganz Minneapolis und Saint Paul, das von Gruppen in Autos realisiert wird, zwang die Polizei ihre Kräfte in jede Richtung zu zerstreuen. So plünderten und zerstörten Leute Discounter wie „Target“ oder Apotheken wie „Walgreens“, um anschießend zu anderen Orten zu fahren und dort weiterzumachen. Als Antwort würde dann die Polizei Einheiten vor den geplünderten Geschäften von „Taco Bell“ und „Target“ stationieren, um sie vor Brandstiftung zu schützen, und das hieß wiederum, dass nicht genug Polizisten beim dritten Revier waren, welches dann tatsächlich auch angezündet wurde. Die Taktiken sind recht simpel: plündere jeden Laden und brenn sie anschließend nieder. Die Cops verbrachten einen Großteil ihrer Zeit damit Feuern hinterher zu rennen und wurden von den Protestierenden ausgestochen. So stand die Polizei letztlich auf dem Dach ihres Reviers und konnte sich nur mit Tränengas verteidigen. Als sie kein Tränengas mehr hatte, wurden die Polizisten unter der Drohung eines unmittelbaren Angriffs zur Flucht gezwungen. Protestierende haben dann das Gebäude geplündert und angezündet.

Die Protestierenden in Minneapolis setzten sich bisher hauptsächlich aus jungen Leuten zusammen, obwohl es auch viel Unterstützung von älteren Leuten gab. Tatsächlich ist es interessant zu sehen, wie die Riots ohne eine strikte Einheit funktioniert haben, wie viele Leute zusammenhielten, obwohl sie nicht in allem übereinstimmen.

Wer organisiert eigentlich die Demonstrationen, die sich in den wichtigsten amerikanischen Städten entfalten? Wie entstehen sie? Durch bereits bestehende militante Strukturen oder eher auf spontane Weise?

In Minneapolis gab es bisher kaum organisierte Proteste. Der allererste Tag war von einer Koalition von linken Gruppen organisiert, aber sie haben in keinster Weise irgendwas angeführt. Viele Leute in den Demonstrationen, die von Linken organisiert wurden, versuchten andere Menschen von jeglich subversiver Aktion abzuschrecken, somit denke ich, dass viele Leute sich in den „friedlichen Demonstrationen“ nicht sicher fühlten. Abgesehen von diesen kleinen Protestzügen, wussten die Leute einfach, dass sie jederzeit zum dritten Revier gehen und dort eine Menge Menschen finden würden. Es war vollkommen spontan und kein Protest, zu dem aufgerufen oder der organisiert wurde. Ich kann mir vorstellen, dass in vielen Städten Demonstrationen von linken Aktivistengruppen organisiert werden, aber die Unruhe lässt diese schnell hinter sich. Die Linke wird – wie immer – versuchen den Aufstand auszuschlachten und ihn in eine neue Kampagne für Reformen umzuwandeln, aber es scheint bis jetzt klar zu sein, dass dies nicht wirklich gut funktionieren wird.

Könnt ihr uns was über die Stimmung auf den Demos und den Riots erzählen, sowohl was die Zusammensetzung als auch was die Emotionen angeht? Hier in Deutschland kommt an, dass die Aufständischen ziemlich verschiedene Hintergründe haben, was es der Polizei und vielen Politiker*innen möglich macht, weiße „Provokateure“ für alles verantwortlich zu machen. Man hört, was die Menschen antreibe seien Trauer und Wut – sind das die einzigen bzw. die bestimmenden Emotionen, die die Menschen dazu gebracht haben auf die Straße zu gehen?

Der Aufstand hat einen sehr vielfältigen Charakter, und das spiegelt die Diversität der Menschen in der Gegend im südlichen Minneapolis wieder, wo das Ganze angefangen hat. Die Idee, dass weiße Provokateure die Demos infiltriert hätten und verantwortlich für die Gewalt seien ist ein alter Trick, ein rassistischer Trick, und hat nicht wirklich funktioniert. Erst nach vier Tagen fing die Regierung an weiße, rassistische Provokateure für die Gewalt verantwortlich zu machen, und erst daraufhin machte sich in den Mengen die Paranoia breit. 

Was die Emotionen angeht, ja, eine beispiellose Trauer und Wut sind sicher wichtige Motivationen des Aufstands. Aber wenn die Polizei zurückgedrängt wird und Menschen ungehindert plündern und Barrikaden bauen können, dann ist die Stimmung auch sehr freudig und festlich. Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist; die Menschen sind wütend auf die, die sie unterdrücken, aber sie fühlen vielleicht zum ersten Mal auch die Stärke des gemeinsamen Handelns mit tausenden anderen. 

Ich werde niemals die Menschen vergessen, die ich am Donnerstagabend an dem großen Lagerfeuer, das das 3. Kommissariat in Minneapolis war, getroffen habe. Alle hatten ein Grinsen auf dem Gesicht, teilten die erbeuteten Güter untereinander auf, tanzten und relaxten, da die Cops nirgendwo zu sehen waren. Falls du jemals den Roman „Dhalgren“ von Samuel Delany gelesen hast, kannst du dir ungefähr vorstellen, wie es war. Ganze Häuserblocks standen in Flammen, während Menschen die Überreste geplünderter Gebäude durchforsteten, mit Waffen und Lasern in den Himmel schossen, neue Menschen kennenlernten, tanzten – das ist eine besondere amerikanische Art der Liebe.  

Auch wenn es schwierig ist zu verallgemeinern: Was sind, jenseits des unmittelbaren Zusammenhangs, die Angriffsziele der Bewegung? Rassismus? Polizeigewalt? Trumpismus?

Das ist die Nat Turner-Sklavenrevolte von heute. In den USA wird die Revolution niemals im Kampf gegen Austerität, für kostenlose Krankenversicherung oder für den „Kommunismus“ ihren Ausgang nehmen. Was wir in den Straßen von Minneapolis und überall im Land sehen ist ein bewaffneter Aufstand gegen die sklavenhaltende und besitzende Klasse. Wenn du durch die Straßen zwischen den brennenden Häuserblocks läufst, hörst du Menschen Sachen sagen wie „500 Jahre, 500 Jahre“ (seit dem Beginn des atlantischen Sklavenhandels). Es ist ein Aufstand gegen die rassistischen Dispositive. Das heißt, der Horizont ist viel weiter als nur Reform und „Gerechtigkeit“ – und ich glaube es ist wirklich wichtig, das zu betonen, denn diese Tatsache scheint das, was gerade passiert, von der Black Lives Matter-Bewegung abzusetzen. Natürlich wollen viele Menschen, dass die Bullen des Mordes schuldig befunden werden, und das ist okay, weil es eine beinahe unmögliche Forderung ist. Aber auf der Straße wiederholen alle den selben Refrain: „Brennt alles nieder! Jagt alles in die Luft!“ Niemand erwartet irgendwas von den Regierungsinstitutionen. Wenn Menschen hier Widerstand leisten, dann erinnern sie sich an 500 Jahre Völkermord und Sklaverei, aber auch an 500 Jahre Widerstand.

Um was die Forderungen angeht noch etwas weiter zu gehen: macht es Sinn, über eine mögliche politische Antwort auf diese Ereignisse zu nachzudenken? Trotz sechs Jahren Black Lives Matter und zwei Obama-Amtszeiten hat sich die Situation kaum geändert. Und die anstehende Präsidentschaftswahl bietet offenkundig ebenfalls keine Hoffnung auf Veränderung. Was erhoffen sich die Protestierenden? Eröffnet die Bewegung neue Horizonte oder ist sie von Rachegelüsten getrieben?

Im Moment werden dir die Medien sagen, der Zyklus sei ein reiner Rachezug, und das stimmt auch sicher. Dennoch werden viele vielversprechende Beispiele positiver Horizonte gesetzt. Zuallererst einmal richten Menschen Selbsthilfezelte überall in den Straßen auf, in denen erbeutetes Wasser und Snacks verteilt werden, und es gab immer viel Milch, mit denen Menschen sich das Tränengas aus den Augen waschen konnten. Überall sind Sanitäter unterwegs und helfen verletzten Menschen. Das ist sehr verbreitet, aber die Medien zeigen es natürlich nicht. 

Noch ein paar kurze Beispiele positiver Horizonte: gestern Abend wurden in Chicago Schulen für Menschen geöffnet, die in eine Bullenfalle geraten waren. In Minneapolis haben einige ein Hotel übernommen, in dem jetzt 150 Obdachlose wohnen. 

Es ist auch das erste mal in der neueren US-amerikanischen Geschichte, dass ein Kommissariat eingenommen, geplündert, zerstört und niedergebrannt wurde. Jetzt haben wir die reale und konkrete Möglichkeit, die Polizei zum Aufgeben zu zwingen, und das ist etwas wirklich neues. Der Zaun vor dem Weißen Haus wurde am selben Abend niedergerissen, auch das ist wahrscheinlich beispiellos. Wir wissen nicht, wie es weitergehen wird – das ist wirklich schwer zu sagen.

Die Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts stellten sich – nach dem Muster der Russischen Revolution – den Ablauf immer so vor, dass zuerst ein Regierungssitz besetzt und dann eine neue Gesellschaft ausgerufen wird. Ich muss sagen, dass wir einfach kein Bild davon haben, was für eine Art „Gesellschaft“ die jetzige ersetzen wird, wenn denn überhaupt eine! So funktioniert Macht heute einfach nicht. Wie unsere französischen Cousins nach der Wahl Trumps schrieben: „Vielleicht ist das, was gerade passiert, eine allmähliche aber unendliche Fragmentierung des nationalen Territoriums – das Ende der Vereinigten Staaten von Amerika – in der die Vervielfachung der Milizen die Vervielfachung der Kommunen notwendig macht.“ Wer weiß, vielleicht sind wir die neuen Amerikaner. Wir könnten alles niederbrennen und dort neu anfangen, wo andere den Kampf gegen koloniale Invasion und Sklaverei aufgegeben haben.

Welche Rolle hat Black Lives Matter seit seiner Gründung gespielt, und welche Bedeutung hat es in der Bewegung? Von hier aus gesehen ist es schwer zu beurteilen, ob es sich um einen Slogan, ein Netzwerk oder eine vollentwickelte politische Organisation handelt. Müssen wir uns die Bewegung und ihre Innovationen (bis hierher größtenteils in der Kunst der Zerstörung) als eine Kritik der Fehler von BLM vorstellen, oder eher als eine Fortsetzung von BLM?

Black Lives Matter ist im Grunde alle diese drei Sachen, und die letztere (die Organisation) profitiert von ihrer Verwechslung mit der ersteren (dem Slogan). Denn die Organisation spricht für sich, aber jeder denkt, als spräche sie für eine ganze Bewegung. In den Twin Cities Minneapolis-Saint Paul gibt es kein BLM-Chapter mehr, was die ganze Sache einfacher macht.

Wie ich eben schon erwähnt habe scheint es so, dass die Menschen im Großen und Ganzen die Forderung nach Gerechtigkeit vom Staat aufgegeben haben und es stattdessen vorziehen, die Polizei direkt zu konfrontieren. Black Lives Matter, als Organisation, hat von Anfang an versucht, diese Wut und Entschlossenheit in Rufe nach Reform und Gerechtigkeit zu kanalisieren – wie z.B. den nach der Strafverfolgung des Polizisten. Nur eine Minderheit fordert solche Dinge im Moment, was als eine Antwort auf das Scheitern der formalen BLM verstanden werden kann. Aber es ist gerade dieses Scheitern, dass den Slogan „black lives matter“ mit seiner ganzen Stärke in Kontakt bringen könnte.

Wie angedeutet ist die Bewegung sehr vielfältig, von jungen Menschen, die respektabel genug sind, um als TV- oder Sportstars durchzugehen, bis zur plündernden Jugend. Gibt es Dissens zwischen diesen Gruppen? Wenn ja, betrifft das die Vorgehensweisen? Gibt es schon Führungsfiguren und Organisationen, die versuchen, die kollektive Wut zu kanalisieren?

Natürlich gibt es Uneinigkeit, aber darin liegt auch die Stärke der Bewegung. Die Hongkonger haben dieses Motto „Jeder auf seine Weise erklimmen wir gemeinsam den Berg“, der hervorhebt, dass Menschen uneins sein und dennoch eine kohärente Kraft entfalten können. Ich denke, das ist der Reflex, der in der Bewegung noch entwickelt werden muss: das Gespür dafür, dass wir nicht immer einer Meinung sein oder einen Konsens haben müssen, um eine revolutionäre Bewegung zu formen. Ich denke die Menschen werden lernen, auch wenn das nicht immer schön sein wird. Viel Vertrauen muss erst noch aufgebaut werden. Dieses Land ist auf antiblackness aufgebaut, und ist schon lange fällig, dass weiße Menschen ernsthafte Risiken auf sich nehmen, um unsere braunen und schwarzen Brüder und Schwestern zu schützen. Das bedeutet viel mehr tun als nur protestieren. Wir müssen eine echte Infrastruktur schaffen, um Menschen eine Möglichkeit zu geben, das Ende dieser Welt zu überstehen; denn was wir auf den Straßen von Minneapolis sehen ist eindeutig der Beginn einer neuen Welt.

Spielt hier ein gewisser Nihilismus eine Rolle oder eher nicht? Menschen fühlten sich verlassen, allein; angesichts der viel höheren Coronavirus-Sterblichkeitsrate unter Nicht-Weißen (wie immer), steht hinter den Zerstörungen eine Art Nihilismus? Insbesondere bei der jüngeren Generation?

„Nihilismus“ ist ein komplizierter Begriff. Vielleicht ist Nihilismus ihre Methode, aber jeder, der diese Menschen gesehen hat, weiß, dass sie Freiheit in ihren Herzen tragen. Ich würde es also eher „Hoffnungslosigkeit“ nennen oder sagen, dass sie Teil der „no future“-Generation sind. Klar, es scheint so gut wie unmöglich, sich eine Revolution in den USA vorzustellen, aber trotzdem würde ich die Menschen, die alles niederbrennen, nicht Nihilisten nennen. Sie sind unsere einzige Hoffnung auf ein Weiterkommen; ohne die jungen Frauen und Männer, die gegen die Bullen zurückschießen, würde niemand von uns sehen, was alles möglich ist. Ohne die Brandstifter und Plünderer wären wir verloren. Wir müssen sicherstellen, dass die Bewegung nicht in einen symmetrischen bewaffneten Konflikt mit dem Staat gerät, aber ich denke, das wissen die meisten. Die Menschen bekämpfen diese faschistischen Bullenschweine seit 500 Jahren, es gibt ein sehr tiefsitzendes Wissen um Widerstand in den USA, und ich denke, dass wir in Momenten wie diesem sehen, wie klug und einfallsreich die Amerikaner wirklich sind. 

Niemand hat daran geglaubt, dass wir dieser Scheiße ein Ende setzen können, aber wir sind zu viele und die Polizei kann uns nicht stoppen. Trump kann uns nicht stoppen, die Linke kann uns nicht stoppen. Der ganze Schmerz, die Trauma und die Trauer sind da draußen. Wir haben dieses Land in die Knie gezwungen. Die Aussicht auf eine Revolution ist da, das Weiße Haus könnte brennen. Das ist nur der Anfang.

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