Bemerkungen zu Lazzaratos “Capital hates Everyone” (2)

Die Kontrolle der Ströme und die Hierarchisierung der Bevölkerungen wird laut Lazzarato  weder durch die von Foucault beschriebene Biomacht noch durch die Thanatopolitik, sondern durch den Krieg gegen die Bevölkerungen geführt. Dieser Ausdruck scheint passender zu sein, weil er eine Kontinuität zwischen der physischen Unterdrückung (der Migranten), den neuen Formen der Ausbeutung der Arbeitskraft, der Politik der Segregation, der Privatisierung der Wohlfahrt, etc. anzeigt.

Die Konzeption der Macht bei Foucault ist für Lazzarato ist ein gutes Beispiel für die Grenzen, die das Denken der 68er in seiner Gesamtheit betreffen. Während sie einen Bruch mit den klassischen und sogar marxistischen Theorien darstellt, teilt sie mit ihnen eine auf den Norden zentrierte Auffassung von den Machtapparaten. Biomacht repräsentiert eine eurozentrische Sichtweise auf die Machtapparate, die immerhin seit 1492 globalisiert sind. Wenn man die Regulierung und Kontrolle von Bevölkerungen aus dem Blickwinkel der Ökonomie analysiert, kann man feststellen, dass der Eroberungskrieg, der „militärische“ Sieg über die „Bevölkerungen“ die staatliche Regulierung eben dieser Bevölkerungen begründet. Foucaults Aussage, dass „die alte Macht des Todes, in der die souveräne Macht symbolisiert wurde,  nun sorgfältig durch die Verwaltung der Körper und die berechnende Verwaltung des Lebens überdeckt wird“, ist von begrenzter Tragweite.

Was die Gouvernementalität zuallererst bewältigen muss, ist der Konflikt im Allgemeinen und die Perspektive der Revolution im Besonderen, deren Natur nicht biologisch ist.  Durch die Gegenüberstellung der „politischen Ökonomie der Macht“ mit der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ erschwert Foucault das Verständnis der Veränderungen der Machtausübung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzten, als diese beiden Ökonomien tief miteinander verflochten wurden, und zwar unter der Hegemonie des Kapitals. Der Vorrang der „politischen Ökonomie der Macht“ gegenüber der „Kritik der politischen Ökonomie“ ist für Lazzarato ein offensichtlicher Fehler der Post-68er-Interpretation des Kapitalismus, der von allen Philosophen seiner Generation (Lyotard, Deleuze, Derrida, Guattari, etc.) geteilt wurde, und den man auch im kritischen Denken wiederfindet, insbesondere dem von bestimmten feministischen Strömungen. Zum Beispiel die Debatte zwischen Nancy Fraser und Judith Butler, deren Theorien den Gegensatz zwischen „Sozialpolitik“ (politische Ökonomie) und „Identitätspolitik“ (politische Ökonomie der Macht) aufmachen. Zu der Zeit (1979), als Foucault erklärte, dass das Problem der Kapitalakkumulation, die gleichzeitig Reichtum und Armut produziert, ein Problem des 19. Jahrhunderts sei,  zeigte die Maschine des Kapitals ihre Absicht, ihre Strategie genau auf die „grenzenlose“ Steigerung der gleichzeitigen Schaffung von Reichtum und Armut zu lenken. Die Polarisierung der Besitzverhältnisse und der Einkommen und Vermögen erreichte bald die des Kapitalismus im 19. Jahrhundert.

Für Foucault ist die Dringlichkeit jedoch eine ganz andere. Die Kämpfe und Widerstände sollten die „Wirkungen der Macht“ zum Ziel haben, sich auf die Körper und Subjektivität und nicht auf Ausbeutung und wirtschaftliche Ungleichheiten konzentrieren. Was politisch bekämpft werden muss, „ist die Tatsache, dass eine bestimmte Macht ausgeübt wird.“ Foucault ist besessen von der Frage nach „zu viel Macht“, dem „Übermaß an Macht“, was für die Analyse der Entwicklung bestimmter Funktionsweisen des Kapitalismus, die der Marxismus beiseite gelassen hatte (Gefängnisse, Schulen, Krankenhäuser usw.) durchaus wichtig ist, doch erweist es sich als Sackgasse, wenn die Kritik an diesen „Auswüchsen der Macht“ nicht strikt mit Kritik der Kriegsstrategie des Kapitals verbunden wird.  Während Foucault von einer Kritik der Macht spricht, die von der juristischen zu einer auf „Kräften“ basierenden nietzscheanischen Machtkritik übergeht, gewährt er dem Staat weiterhin eine wichtige strategische Rolle. Biopolitik kann nur als „eine Bio-Regulierung durch den Staat“ verstanden werden, weil sie im Gegensatz zu den Disziplinen „komplexe Koordinations- und Zentralisierungsorgane“ benötigt. Aber der Staat initiiert gerade mit Blick auf die Organisation dieser Biopolitik eine Transformation, die seine „Autonomie“ allmählich untergräbt und ihn im Neoliberalismus zu einer bloßen Funktion des Kapitals werden lässt. Laut Lazzarato sieht Foucault nicht die Diskontinuität, diie Brüche für den Staat mit sich bringen und seine Handlungsweisen untergraben.

Diese Passagen zu Foucault sind ungenau. Seine Vorlesungen zur Gouvernementalität interessieren sich insbesondere für das Problem der Staatsphobie bzw. einer inflatorischen Theorie des Staates, die Foucault sowohl bei Hayek als auch bei der Frankfurter Schule am Werk sieht. Dies zeigt sich noch darin an, wenn Linke heute die Rückkehr zum Wohlfahrtsstaat als die einzige Lösung aller Probleme begreifen. Dagegen beschreibt Foucault die Staatsform als das Profil einer mobilen Figur, die ständig in Bewegung ist; sie ist der mobile Effekt eines Regimes von multiplen Gouvernementalitäten.  Foucault setzt hier an 4 Punkten an:1 ) Er wendet sich gegen das Modell des Staates, das schon immer als ein axiomatisches Modell der Realisierung existiert hat. 2) Wenn man in Bezug auf den Staat eine genetische Position einnimmt, dann kann er als ewiges Modell ständig in verschiedenen Formen reaktualisiert werden, ein evolutionärer Aspekt. 3) Oft wird die Entwicklung des Staates als die der schlimmst mögliche begriffen. 4) Explizit wird das Modell vom Urstaat angegriffen.

Lange Zeit hat man sich auch in Europa überhaupt nicht um das „Leben“ oder den Tod der „Proletarier“ gekümmert, wie Foucault selbst anerkennt: „Die Lebensbedingungen, die dem Proletariat aufgezwungen wurden, vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zeigen, dass man weit davon entfernt war, auf seinen Körper und sein Geschlecht Rücksicht zu nehmen.“

Heute scheinen die „biopolitischen“ Apparate nicht mehr die Foucaultsche Funktion der Vermehrung des Lebens der Bevölkerungen zu erfüllen. Das Leben, um das es geht, ist nicht in erster Linie das biologische Leben der Bevölkerung, sondern das politische Leben der kapitalistischen Maschine und der Eliten, die ihre Subjektivierung unentwegt feiern. Ihr Schutz bedeutet notwendigerweise die Gefährdung des Lebens der Bevölkerungen. Zur Aufrechterhaltung seiner eigenen Reproduktion ist das Kapital bereit, die Gesundheit, die Bildung, die Reproduktion, den Wohnraum, das heißt das Leben der Proletarier zu opfern. Ebenso kümmert sich das Kapital nicht im Geringsten um die allgemeine Zerstörung der Lebensmöglichkeiten des Planeten, die ja gerade die Bedingungen für seine Akkumulation darstellen. Pierre Dardot und Christian Laval veröffentlichten ein von Foucault inspiriertes Buch, La Nouvelle Raison du monde  [Die neue Vernunft der Welt], das ein sehr genaues Bild des Neoliberalismus zeichnet (ohne die südamerikanischen Bürgerkriege):  Im Kapitalismus ist alles rational, nur nicht das Kapital. Einen Marktmechanismus, der vollkommen rational ist, kann man begreifen, man kann ihn verstehen, man kann ihn lernen, und doch ist er völlig verrückt, er ist wahnsinnig. Ähnliche Aussagen findet man übrigens bei Deleuze. Faschismus und Krieg sind immer möglich, weil diese Rationalität die Dinge ständig ins Grenzenlose treibt, in die unbegrenzte Ausbeutung aller Ressourcen, menschlicher und nicht-menschlicher. Wenn es wahr ist, dass das Kapital die Grenzen, die es selbst geschaffen hat, immer weiter verschiebt, dann hat uns das 20. Jahrhundert gelehrt, dass diese Verschiebung ohne Kriege und ohne faschistische Gewalt nicht stattfinden kann.

Kritisches Denken ist nicht sehr empfindlich für den Kairos; es hat Schwierigkeiten die Kontingenz politischer Situationen zu begreifen. Die Wendepunkte der Geschichte scheinen sich ihm zu entziehen. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre führte Foucault demgegenüber den Begriff der „Strategie“ ein. Den Begriff hatte er direkt von Militäranalytikern entlehnt. Die Strategie kann „den Antagonismus erklären, der besteht, wenn eine Situation entsteht, in der Feinde aufeinandertreffen, eine Situation, in der der eine gewinnt und der andere verliert“, eine Situation, die genau unserer Wirklichkeit entspricht, in der die Sieger und die Verlierer Parallelwelten bilden. Aber diese Behauptung bleibt für Lazzarato zu allgemein, wenn man nicht hinzufügt, dass die Strategie seit 1789 Revolution und Konterrevolution zum Inhalt hat.  Dank der Problematisierung des Krieges entwickelt Foucault eine strategische Perspektive, die weit davon entfernt ist, die „produktiven“ und „repressiven“ Aspekte verschwinden zu lassen, sondern sie der Strategie unterordnet.

Die Macht wird durch eine Vielzahl von Kraftverhältnissen und Strategien definiert, die zugleich „lokal und instabil“ sind, sich in jedem Moment selbst produzieren und von überall herkommen. „[Die] vielfältigen Kraftverhältnisse, die sich in den Produktionsapparaten, in Familien, in kleinen Gruppen, in den Institutionen zeigen, dienen als Träger für breite Spaltungseffekte, die den ganzen sozialen Körper durchziehen.“ Macht wie sexuelle Herrschaft ist keine Sache, keine Institution, kein „Gesetz“ und keine Struktur, sondern „der Name, der einer strategischen Situation gegeben wird“. Streng genommen stellt sie diese Kräfteverhältnisse nicht her, sie beschränkt sich darauf, sie zu „kodieren“ und zu „integrieren“.  „Machtbeziehungen […] sind Generatoren der Transformation“, so dass eine Situation immer veränderbar ist, weil die Machtverhältnisse auch Teil der Widerstandspunkte sind (“ in den Machtverhältnissen spielen diese die Rolle des Gegners, des Ziels, der Unterstützung, der Projektion für eine Eroberung“). Diese „Generatoren der Transformation“ können aktiviert werden, wenn sie die Möglichkeit haben, einen politischen Bruch zu erzeugen und in einen Kampf und eine Strategie einzutreten. Foucault selbst lehnt später die kriegerische Form dieser Beziehungen und ihrer Strategien ab. Dabei können Politik (das Recht, der Staat, das politische System) und Krieg als Strategien schnell ineinander übergehen, allerdings unter der Hegemonie der Kapitalmaschine.

Nach Foucault gibt es nicht „den einen Ort der großen Verweigerung, die Seele der Revolte, die Quelle aller Rebellionen, das reine Gesetz der Revolution“. Dies ist seit den 1970er Jahren eine anerkannte Wahrheit.  Der Kampf beschränkt sich nicht auf eine Politik der „Anerkennung“ der Vielfalt der menschlichen Subjekte (Butler), sondern er geht an die Wurzel der Dinge. Die Strategie und der revolutionäre Bruch werfen immer wieder ein neues Licht auf das Funktionieren der „sozialen Maschine“ des Kapitals.  Die Definition dieser Maschine durch die Produktion („Produktionsweise), durch die Ware (eine immense Anhäufung von Waren, die sogar zu „Bildern“ werden, wie bei den Situationisten) oder durch „Struktur“, „System“ oder wiederum ausschließlich als „soziales Verhältnis“ vorzunehmen, bedeutet, eines ihrer konstituierenden Elemente zu eliminieren: Klassenkriege und ihre Artikulationen (Rassen- und Geschlechterkrieg). Die Konzeption des Kapitals, die Lazzarato vertritt, ist die einer Verknüpfung von Maschinen und Strategien, eine Reihe von Mechanisierungen (ökonomisch, technologischen, institutionellen, etc.) und einer politischen Strategie, die sie aktualisiert und in einem Kampf zwischen politischen Gegnern subjektiviert. Die Theorien der Fluchtlinien, der Klasse, des Widerstands ohne „Revolution“, der Möglichkeit beraubt, ihre eigene Strategie durchzusetzen, sind heute angesichts des Neoliberalismus ohnmächtig. Die Entscheidungen und Strategien sind nicht die eines Souveräns, sondern von einer Vielzahl von Kräften (Kapitalisten, Verwaltungen, militärischen Führern, Politikern usw.), die sich im Laufe der Konfrontation entwickeln, die es schaffen, sie kollektiv zu gestalten, durch Erfolge und partielle Misserfolge, in Situationen, die immer kontingent sind, Es geht nicht darum, eine der Errungenschaften des 68er Denkens, die Verknüpfung von Mikro- und Makropolitik zu überprüfen, sondern um die Feststellung, dass sich die Situation radikal verändert hat. Die kriegerischen und repressiven Maßnahmen des Kapitals treten seit 2008 deutlich zutage, nämlich als die Blockade der „realen“ Wirtschaft (die Finanzwirtschaft jedoch hat sich weiter ausgebreitet), die nicht durch eine einfache „schöpferische Zerstörung“ à la Shumpeter überwunden werden kann, sondern auf eine Umstellung der Politik in Verbindung mit der Wirtschaft auf „Krieg“ setzt (derzeit sieht man nur Anfänge, Möglichkeiten eines Bürgerkriegs).  Es geht beim Aufstieg der neuen Faschismen genau um diese Umstellung.

Dieser Strategiewechsel ist nicht selbstverständlich, er ist mit Zögern verbunden, mit einem Kampf innerhalb der Eliten, aber wenn die Kriegsmaschine des Kapitals bei der Vertiefung des Neoliberalismus und der politischen Abspaltung aufrechterhalten werden soll, hat sie keine anderen Möglichkeiten. Kodifizierung und und Eroberung seitens des Kapitals sind immer vorübergehend und partiell, weil sie von den Strategien abhängen. Es ist immer möglich die Situation umzukehren, vorausgesetzt, die Machtverhältnisse werden unter strategischen Gesichtspunkt betrachtet. Die Grenzen der politischen Theorien nach ’68  betreffen nicht nur das Wesen und die Definition des Kapitalismus, sondern vor allem die „Kriegsmaschinerie“, die man ihm entgegensetzen will. Das politische und theoretische Versagen liegt in der Unfähigkeit, über die Erfahrung des Leninismus hinauszugehen, da die Kritik an diesem zwar völlig berechtigt ist, aber nie zu einer Organisation geführt hat, die auch nur im Entferntesten vergleichbar mit der Kriegsmaschinerie ist.

Im zweiten Teil untersucht Lazzarato die Beziehungen zwischen der technischen Maschine und den Kriegsmaschinen. Der Faschismus hatte schon immer eine Faszination für Maschinen. Das Gleiche gilt für den neuen Faschismus, der ein Cyberfaschismus ist. Er entwertet alle Utopien – vom Cyberpunk bis zum Cyberfeminismus, von der Cybersphere bis hin zur Cyberkultur -, die seit der Nachkriegszeit und verstärkt seit den 1970er Jahren in den kybernetischen Maschinen das Versprechen einer neuen post-menschlichen Subjektivität und einer Emanzipation von kapitalistischer Herrschaft heraufkommen sahen. Bolsonaro und Trump haben sich alle verfügbaren Technologien der digitalen Kommunikation zunutze gemacht, aber ihr Sieg kommt nicht von der Technologie; er ist das Ergebnis einer politischen Maschine und einer Strategie, die eine Mikropolitik der traurigen Affekte (Frustration, Hass, Neid, Angst, Furcht) mit der Makropolitik eines neuen Faschismus verbindet. Die technische Maschine wird nun in all ihren Formen in den Dienst der Strategie der neofaschistischen Gesellschaftsmaschine gestellt, die unter den heutigen Bedingungen des Kapitalismus nur eine Kriegsmaschine sein kann. Diese banale Einsicht kollidiert mit einer Auffassung, nach der die Technik wie jeder andere juristische oder ökonomische Apparat die Machtverhältnisse einbezieht, indem sie sie befriedet und entpersönlicht. Die Macht des technischen Apparats, die durch automatische Vorgänge ausgeübt wird, würde so weit normalisiert, dass es schwierig wäre, „eine Gewalt“ zu erkennen, um es mit den Worten von Negri und Hardt zu sagen.

Solche Aussagen, die so alt sind wie der Liberalismus, scheinen eine neue Bestätigung in der Kybernetik und den neuen Technologien zu finden, die wie der „Markt“  eine selbstregulierende und selbstkorrigierende Potenz besitzen. Auf diese Weise würde das automatische und unpersönliche Funktionieren der sozialen Normen durch die automatischen und unpersönlichen Operationen der Technik verstärkt. Diese entpolitisierte Vorstellung von Apparaten, die sich selbst automatisieren und ein unpersönliches Eigenleben entwickeln, hat für Lazzarato ihre Wurzeln im Marxismus (Warenfetischismus) wie auch im Liberalismus (die unsichtbare Hand desdes Marktes). Heidegger macht daraus die letzte Figur der Metaphysik, während Günther Anders, der ihr eine politischere Lesart gibt, das Kapital in der „autonomen“ Funktionsweise der Maschinen verschwinden lässt.

Auf diese Weise entsteht eine Alternative zwischen denen, die der technischen Maschine die Macht der Zerstörung und Unterwerfung zuschreiben, die in Wirklichkeit die Maschine des Kapitals ist, und denen, für die die von der Maschine ausgeübte Macht der von Foucault beschriebenen Macht gleichzusetzen ist (sie lockt, fordert auf, ermutigt, macht bestimmte Handlungen möglich und andere unmöglich – Handlung auf eine andere Handlung ist ihr modus operandi, der den „physischen Zwang“ oder „disziplinarischer Zwang“ ersetzt). Was in all diesen Fällen ausgeblendet wird, ist die Beziehung zwischen Strategie, sozialer Maschine und technischer Maschine. Es ist die Kriegsmaschine, die Vorrang vor der technischen Maschine besitzt. In diesem Sinne ist die Technik einer der wichtigsten Momente des Krieges innerhalb der Bevölkerung.

Das Aufkommen der neuen Faschismen bietet eine zusätzliche Bestätigung,  dass die soziale Maschine nicht durch technische Innovationen, sondern durch Revolutionen und Gegenrevolutionen aufrechterhalten wird. Es sind die Kriegsmaschinen, die diese Brüche verursachen, indem sie die „Apparate“ (einschließlich der technologischen) aktualisieren. Der Bruch, den die neuen Faschismen darstellen, kam nicht von außerhalb des Kapitalismus, als Ergebnis von Krisen; in Wirklichkeit ist der Faschismus tief in der Organisation der Arbeit verankert („abstrakt“ und gleichgültig gegenüber jeglichem Gebrauchswert, kann die „Arbeit“ auf dieselbe Weise in der Produktion von Autos und der Produktion von Massenvernichtung angewendet werden) und in der Organisation des Konsums (abstrakt und „gleichgültig“ gegenüber allen Modalitäten ihrer Produktion, auch gegenüber der Kinderarbeit oder der der sklavischen Arbeit von Millionen von Arbeitern im globalen Süden).

Lazzarato macht es sich in diesen Passagen sicherlich zu einfach, das Kapital und seine unpersönlichen Bewegungsformen zu analysieren, ja sie sogar wegzudefinieren. Das ökonomische System des Kapitals erzeugt machtvolle und geordnete Muster und Patterns, die historische und lokale Partikularitäten transzendieren, das heißt sie kanalisieren die historischen Pfade der wichtigsten ökonomischen Variablen, wobei die gestaltenden Kräfte selbst Resultate bestimmter immanenter Imperative sind. Dabei geht es nicht darum, ahistorische Gesetze mit historisch kontingenten Ereignissen zu konfrontieren, vielmehr existieren Agenten und „Gesetze“ in einer multidimensionalen Struktur von Einflüssen, wobei die Struktur hierarchisch geordnet ist, das heißt bestimmte Kräfte wie das Profitmotiv machtvoller als andere sind. Die resultierende systemische Ordnung wird in-und-durch eine kontinuierliche Unordnung erzeugt, wobei die letztere der immanente Mechanismus der Ökonomie  ist. Wenn Ordnung nicht mit Optimum gleichgesetzt werden kann, so Unordnung nicht mit der Abwesenheit von Ordnung. Es lässt sich eine große Bandbreite von ökonomischen Phänomenen durch ein kleines Set von operativen Prinzipien erklären, wobei aktuelle Ereignisse um die je sich schon bewegenden Zentren der Gravitation kreisen. Dies  ist ein systemischer Modus der turbulenten Regulation, dessen charakteristischer Ausdruck die Form der Wiederholung von Patterns annimmt.

Lazzarato verweist dann auf Lewis Mumford, der argumentierte, dass jede Gesellschaft selbst eine Maschine oder, besser noch, eine „Megamaschine“ sei, eine Idee die Deleuze und Guattari dazu inspirierte, ihr Konzept der „sozialen Maschine“ zu entwickeln. In Der Mythos der Maschine zeigt Mumford, dass die Gesellschaft als Megamaschine zu begreifen ist, die Menschen und technische Maschinen in ein und demselben Prozess verbindet. Zum Beispiel, die archaische ägyptische Megamaschine der Pharaonen, die zum einen aus einer Vielzahl von menschlichen Elementen, den Sklaven besteht – „spezialisiert, austauschbar“, „rigoros zusammengeführt und koordiniert in einem zentral organisierten und zentral gelenkten Prozess – , und zum anderen aus sehr einfachen technischen Maschinen – der schiefen Ebene und der Wasserwaage (das Rad, der Flaschenzug, die Schraube waren noch nicht erfunden worden).  Zahlreiche materielle, semiotische, imaginäre, kosmische und subjektive Elemente unterscheiden die Megamaschine von der technischen Maschine. Die Megamaschine benötigte viel mehr Elemente, um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine zu schaffen und zum Funktionieren zu bringen: der Königsmythos des göttlichen Rechts, die Sonnenanbetung und die „kosmischen Phantasien. Die enorme Produktivität dieser Maschine, die über sehr rudimentäre Technologien verfügt ist in erster Linie die der sozialen Maschine. Wenn dies im Hinblick auf das Ägypten der Pharaonen offensichtlich ist, gilt dies auch für eine soziale Maschine wie die unsere, die mit viel höher entwickelten Technologien ausgestattet ist.

Dem Begriff der sozialen Maschine zieht Lazzarato aber einen anderen Begriff von Deleuze und Guattari vor, nämlich den der „Kriegsmaschine“. Foucault hat in hervorragender Weise gezeigt, dass es notwendig ist, sich vom „Soziologismus“ zu befreien, womit er die Tendenz der Sozialwissenschaften begreift, die Machtverhältnisse allein unter der Wirkung von allumfassenden, generischen, holistischen Entitäten wie Gesellschaft, das Soziale, und soziale Beziehungen zu sehen. Das Problem ist, dass die Anonymität der „Gesellschaft“ und ihre Mechanismen Kriegsbeziehungen, Klassenspaltungen und verschiedene Herrschaftsverhältnisse verdeckt. Die Macht muss auf der Grundlage ihrer eigenen Strategien analysiert werden, die immer singulär, ereignisorientiert und und unvorhersehbar sind und keiner anderen Regelmäßigkeit folgen als der ihrer Behauptung. Folglich gibt Lazzarato den allgemeinen und unpräzisen Begriff der „sozialen Maschine“ auf, der scheinbar auf unpersönliche Weise Normen, Dispositionen [Habitus] und Gesetze produziert, und wendet sich der  Kriegsmaschine zu, die das Beherrschte und das Beherrschte impliziert, Beziehungen zwischen Kräften, auf deren Grundlage Normen, Dispositionen und Gesetze produziert werden, aber auch ein gewisses Maß an „Todesursache“ und Gewalt.

Kriegsmaschine bedeutet also, auch im Gegensatz zu Deleuze und Guattari, dass die Gesellschaft gespalten ist, dass es gegensätzliche Kräfte gibt und diese Kräfte sich durch Strategien der Konfrontation manifestieren, auch durch Technologie. Es ist genau diese Unterscheidung zwischen technischer Maschine und Kriegsmaschine, die im Maschinenbegriff von Günther Anders aufleuchtet. Ausgehend von seiner Erfahrung als Fließbandarbeiter in einer großen amerikanischen Fabrik während seines Exils, transformiert er Heideggers berühmte Formel, wonach der Mensch „der Hirte des Seins“ ist, in „Hirte der Maschinen“, eine Geste, die mehr Perspektiven zu eröffnen scheint. Er erklärt dies folgendermaßen: „Da die Daseinsberechtigung der Maschinen in der Leistung liegt, und zwar in der maximalen Leistung, brauchen sie Umgebungen, die diese Leistung garantieren. Und sie erobern sich, was sie brauchen. Jede Maschine ist expansionistisch, um nicht zu sagen imperialistisch; jede schafft ihr eigenes koloniales Imperium von Dienstleistungen (bestehend aus Transportern, operativen Teams, Konsumenten). […] Die ursprüngliche Maschine wächst also, zu einer „Megamaschine“ […] Sie benötigt auch eine Außenwelt, ein „Kolonialreich“, das sich ihr unterwirft und ihre Befehle ausführt. […] Der Durst der Maschinen nach Akkumulation ist unstillbar.“ Indem sie ihre Expansion fortsetzt, wird sie wird sie zu einer „globalen Maschine“, einer „totalen Maschine“, der es gelingt, die Welt vollständig zu erobern. Die „Welt wird eine Maschine“, ein technototalitärer Staat, der sich aus einem „gigantischen Maschinenpark“ konstituiert.

Wie wir gerade gesehen haben, hat Mumfords „Megamaschine“ jedoch nichts Mechanisches an sich. Im Gegenteil, sie ist der Ort von Konflikten, Entscheidungen und Strategien – es ist tatsächlich eine Kriegsmaschine. Es ist leicht zu verstehen, dass wir überall dort, wo Anders „Maschine“ schreibt, „Kapital“ zu lesen ist: Es ist nicht die technische Maschine, die diesen „Durst nach Akkumulation“ nach sich zieht, sondern es ist die Kriegsmaschine des Kapitals.

Lazzarato verweist auf die großen amerikanischen Unternehmen, die heute an der Spitze der technologischen Innovation stehen (die GAFAM: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft).  Deren Maschinen scheinen eine Befriedung der Machtverhältnisse zu verkörpern, da dank ihnen Macht auf eine entpersonalisierte Weise ausgeübt wird. Die GAFAM propagiert eine intelligente Figur des „Humankapitals“, die in einer intelligenten Stadt lebt, sich intelligent ernährt und intelligent kommuniziert, eine Subjektivität, die offen für sexuelle und kulturelle Unterschiede sowie für den Markt ist. Diese Unternehmen, die das Imaginäre, die Werte und und Inhalte des zeitgenössischen Kapitalismus stark beeinflussen, dringen in die intimsten Bereiche des alltäglichen Lebens ein und besetzen Subjektivitäten und deren Affekte rund um die Uhr. Indem sie ständig Aufmerksamkeit einfordern – was zu einer so absurden Tätigkeit führt wie das zwanghafte Konsultieren des Smartphones – produzieren sie Apparate der zeitgenössischen Generalmobilmachung. Sie fabrizieren unermüdlich Informationen, die Subjektivitäten beeinflussen sollen und die über Milliarden von Telefonen, Fernsehern, Computern und Tablets zirkulieren, deren Verbindungen den Planeten in ein immer dichteres Netz einhüllen. Die entpolitisiertesten „Cyber“-Kritiker behaupten, dass unter diesen Bedingungen jegliches politische Handeln unmöglich sei: Die Informationen seien zu schnell, zu intensiv, zu dicht und zu komplex, als dass Individuen und Kollektive sie noch erfassen könnten, um politisch zu handeln.  Und doch werden in diesem „Chaos“ der Informationen die Vorstände der Unternehmen, die Großbanken, die Staaten, die Mafiosi problemlos Strategien auswählen, um politische Schachzüge auszuführen und Gewinne zu erzielen. Die von Trump aufgebaute Kriegsmaschine orientiert sich, wählt aus und entscheidet in diesem Wirrwarr. Das Problem ist politisch, bevor es technologisch ist.

Die Silicon-Valley-Firmen trugen wesentlich zur Schaffung der Situation bei, die es Trump ermöglichte, die Macht zu übernehmen. Die schwindelerregende Abfolge von technologischen „Revolutionen“ (digitale Programme, Plattformen, Smart Cities Städte, Smartphones, Bitcoins, Bio- und Nanotechnologien, künstliche Intelligenz usw.) hat die unbeweglichste aller sozialen Unbeweglichkeiten geschaffen. Die Verbreitung dieser Technologien verstärkte die Machtverhältnisse, anstatt sie zu erschüttern.

Diese Unternehmen sind das beste Beispiel für die Macht der Monopole (und damit für unverdiente Einkommens) und Symbole für die Konzentration von Eigentum (sie weisen derzeit die höchsten Marktkapitalisierungen auf). Die horizontale Machtverteilung, die durch die Miniaturisierung der Computer möglich wurde, hat das Gegenteil bewirkt: Monopole, die die des Industriezeitalters bei weitem übertreffen. Die Beschleunigung der Innovation, die durch eine exponentielle Zunahme der der Rechenleistung ermöglicht wurde, führte geradewegs zu einem hypertechnologischen „Ancien Régime“, in dem die zu besetzenden Positionen in der Hierarchie der Arbeitsplätze, des Einkommens, des Vermögens, der Bildung, des Wohnraums usw. von der Geburt abhängen, genau wie vor der Französischen Revolution. So wird aus dem Transhumanismus des Silicon Valley kein „posthumanes“ Selbst, sondern eine sehr vertraute Figur, der Aristokrat.

Die Kybernetik ist das unmittelbare Ergebnis der Einwirkung des Staatsapparats im Krieg auf Wissenschaft und Technologie. Der Krieg funktioniert hier als Produktivkraft, die in der Lage ist, die Durchsetzung der technologischen Erfindung und eines neuen Typs von Wissenschaftlern zu beschleunigen. Strategie und Krieg sind keine Realitäten, die der kybernetischen Technologie außerhalb ihres normalen Betriebs hinzukommen würden. Im Gegenteil, sie sind der Nährboden für diese Entitäten gewesen. Kybernetik und Big Science wurden während und für die totalen Kriege erdacht, erprobt und angewandt. Ihre Entwicklung, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, war das Werk der US-Armee, des größten, reichsten und innovativsten Unternehmers, den der Kapitalismus je gekannt hat. Die Macht dieses Staatsunternehmers übersteigt bei weitem die des Shumpeterschen Industriekapitäns des 19. Jahrhunderts, dessen Verschwinden heute bedauert wird. Die Kriegsmaschine ist nicht nur eine äußere Bedingung der Kybernetik.  Der Feind, der Wiener interessierte, war „aktiver“ als der anonyme Feind und „rationaler“ als der rassische Feind: ein mechanisierter und emotionsloser Feind, der zu vorhersehbaren Bewegungen fähig war, die zumindest durch eine Art ‚Black-Box-Maschinerie‘ modelliert werden konnten. Die Kybernetik hat ihren Ursprung in diesem Feindbild. Für den Radarbediener war der Pilot des abzuschießenden Flugzeugs so sehr mit der Maschine verschmolzen, dass der Unterschied zwischen Mensch und Nicht-Mensch zu verschwinden drohte. Derjenige, der das Flugabwehr-Maschinengewehr abfeuern sollte, war in einer ähnlichen Hybridisierung. Auf der Grundlage dieser doppelten Hybridisierung wurde eine Maschine gebaut, die mit einer Rückkopplung ausgestattet war und in der Lage war, die Bewegungen der anvisierten Flugzeuge zu antizipieren.

Während des Zweiten Weltkriegs haben die Armee und der amerikanische Staat die Grundlagen für das geschaffen, was die italienischen Marxisten den „General Intellect“ nennen. Die kapitalistische Produktion ist nun weniger von der Arbeitszeit des Arbeiters abhängig zu machen, sondern von der Entwicklung der Wissenschaft. Dieser Prozess wurde während des ersten totalen Krieges in Gang gesetzt, der eine direkte Kontrolle von Staat und Kapital über die wissenschaftliche Produktion ermöglichte. Die Verwaltung, die für die Herstellung der Atombombe notwendig war, erforderte eine noch umfassendere Kontrolle der wissenschaftlichen Produktion von Seiten des Staates.

Um neue technische Maschinen der Zerstörung zu entwickeln, modelliert und moduliert die Maschinerie des kriegführenden Staates einen neuen Typus von Forscher und organisiert neue Modalitäten der produktiven Zusammenarbeit, die während des Kalten Krieges perfektioniert und verstärkt wurden.

 Die organisatorischen Methoden, die Boltanski und Chapello dem Erfindungsreichtum der Kapitalisten nach ’68 zuschreiben oder die die Theoretiker des kognitiven Kapitalismus als Ergebnis der Zusammenarbeit der kognitiven Arbeiter sehen, wurden von der  U.S. Army erfunden, die in der Forschung innerhalb einer sozialen Struktur ohne echte Hierarchie arbeitete.  Die Überschreitung der disziplinären und Berufsgrenzen ist sogar das Geheimnis der Methode. Wiener betont, dass diese Organisation, die Arbeit und Leben, Arbeit und Vergnügen (andere Merkmale, die dem Post-68er-Management zugeschrieben werden) zusammenführt und etwas war, wovon die wissenschaftliche Gemeinschaft immer träumte und die der Krieg mit sich gebracht hatte. In den Kriegsanstrengungen lernten Wissenschaftler und Ingenieure zudem, wie ein Firmenchef zu handeln.

Was Marx nicht vorausgesehen hatte, und was die Marxisten des General Intellect immer noch nicht sehen, ist, dass die Entwicklung von Wissenschaft, Technologie und Kommunikation/Information sowohl die Zerstörung und Produktion zum Ziel hat. Technologie und Wissenschaft sind Komponenten der Kriegsmaschinerie. Die Wissenschaftler, die die kybernetischen und informationellen Technologien entwickelt und gefördert haben, waren nicht naiv. Sie waren sich durchaus bewusst, dass ihre Forschung strikt von der Kriegsmaschinerie und Finanzierung des Militärs abhängt.

Deleuze/Guattari, die in den Jahren 1960-1970 den Begriff der Maschine grundlegend erneuert haben, haben uns ein begriffliches Instrumentarium hinterlassen, um der Falle der „technologischen Revolutionen“ zu entkommen, das heißt extrem ausgefeilten Theorien über Maschinen, die immer die neueste technische Maschine in Frage stellen (Algorithmen, Bitcoins, Nanotechnologien, digitale Plattformen usw.), aber niemals die (kapitalistische) Kriegsmaschine, die sie auswählt und zum Funktionieren bringt.  Die Akzelerationisten zum Beispiel zeigen diese Naivität, wenn sie in ihren Analysen der Funktionsweise des Finanzkapitals die Kriegsmaschinerie verbergen, die das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis durchsetzt, ihre Strategien („Gläubiger zuerst“) und ihre Unterwerfungen (das verschuldete Individuum).  Der Akzelerationismus gehört zu jener großen und bunten Sammlung von Theorien, die, wenn sie nicht von den fortschrittlichen Potenzialen der Technik fasziniert sind, so doch von der Katastrophe, die sich anzukündigen scheinen (Mark Fisher, Franco Berardi, Nick Land, usw.). Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Standpunkte treffen sich in der zentralen Bedeutung, die der Automatisierung und den Automatismen zugeschrieben wird. „Wir werden von Algorithmen regiert“, digitale Maschinen dirigieren unsere „Handlungen“, „Zahlen diktieren unser Verhalten“. Franco „Bifo“ Berardi, ein regelmäßiger Teilnehmer an den Debatten, die die in diesen Netzwerken geführt werden, fasst diese Konvergenz folgendermaßen zusammen: „Die finanzielle Abstraktion basiert auf dem unpersönlichen Betrieb von Automatismen. Niemand trifft mehr Entscheidungen, weil eine logisch-mathematische Kette jede Entscheidungsfindung ersetzt hat, die Algorithmen des Kapitals sind unabhängig vom individuellen Willen derjenigen geworden, die sie geschaffen haben, und derjenigen, die sie benutzen.“ Von der Hand zu weisen ist dies bis zu einem gewissen Maß nicht, wie wir denken.

Den Ursprung dieser Entpolitisierung muss für Lazzarato in den letzten 68er-Denkens gesucht werden, zum Beispiel bei Lyotard oder Baudrillard. Für ersteren ist das Kapital ein System ohne wirkliches Außen und braucht folglich keine Strategie. Lyotard reduziert es auf „einen faktischen Prozess“, eine technologische, kybernetische Operativität, deren einziges Ziel die Entwicklung ist und dessen „einzige bekannte Regel […] die Maximierung der Leistungen des Systems“ ist. Selbst die „Dysfunktionen“ des Systems werden in Anreize zur Steigerung seiner Performativität umgewandelt. Das System kann alles recyceln, sogar den Krieg, der nur ein Ergebnis ist, ein notwendiger oder zufälliger Unfall. Diese Post-Achtundsechziger-Version des des „Endes der Geschichte“ wurde bald mit ihrer Unsinnigkeit konfrontiert, denn der Krieg, der nicht stattfinden müsste (Baudrillard), war nicht nur sehr real, sondern bestand in der doppelten Niederlage, die die Amerikaner im Irak und in Afghanistan erlitten haben. Die digitale Technologie, die im Zentrum dieser Theorien steht, wurde durch eine einfache politische Strategie konterkariert – was zeigt, dass das „Reale“ nicht in einer Simulation verschwunden ist, die den Manipulationen des Systems unterliegt.

Mit jeder Innovationswelle wird uns wieder gesagt, dass  die Technik „Zeit freisetzen“ wird, dass die steigende Produktivität der Maschinensysteme uns letztlich von der Notwendigkeit der Arbeit emanzipieren wird. Nun werden diese Versprechen der Befreiung nicht nur nie eingelöst, sondern sie werden überall in ihr Gegenteil verkehrt. Und warum? Ganz einfach weil die Maschine selbst von ihrer Unterordnung befreit werden muss. Im Kapitalismus, sagt Simondon, „ist die Maschine ein Sklave, der dazu dient, andere zu Sklaven zu machen“.  Diese Aussage bringt uns laut Lazzarato auf den entscheidenden Pfad der Machtverhältnisse. Denn wenn die Maschine ein Sklave ist, hat sie eine Autonomie und Unabhängigkeit, die völlig relativ sind. Sie muss einen Chef haben, einen Sklavenhalter, jemanden, für den sie arbeitet und dessen Befehle sie ausführt. Simondon verrät uns nicht die Identität dieses Herrn, aber Deleuze und Guattari geben uns einen Teil der Antwort: „Wir sind immer Sklaven der sozialen Maschine und niemals die der technischen Maschine.“ Die technische Maschine müsste also der Kriegsmaschine untergeordnet sein. Letztere ist es, die dem Verhältnis der Mensch-Maschine-Beziehung bestimmt, denn sie geht sowohl dem Menschen als auch der Maschine voraus.

Um das Wesen und die Funktion der Technik zu begreifen, muss man für Lazzarato auch die meisten Marx’schen Beobachtungen über Maschinen und und ihr Verhältnis zum Menschen kritisieren. Im Kapital erklärt Marx, dass die qualifizierte Arbeit des Arbeiters, der neben den Maschinen agiert „ohne jeden Sinn“ ist und eine unbedeutende Größe gegenüber den Kräften der Wissenschaft, dem System der Maschinen und den Naturkräften darstellt. Diese Theorie bleibt für Lazzarato völlig anthropozentrisch, beseelt von „individuierten“ (lebenden) Subjekten, verdinglichten (toten) Objekten und (dialektischen) Mechanismen, die die Beziehungen zwischen Menschen umstürzen und sie in Beziehungen zwischen Dingen verwandeln. Es ist dieseSubjekt/Objekt Dialektik, aus der die Idee des automatischen und unpersönlichen Funktionierens der kapitalistischen Apparate, die die Menschen, die sie produziert haben, beherrschen, entstammt.

Eine Theorie der Maschinen, die auf einer Ontologie „individuierter“ Subjekten und „verdinglichten“ Objekten, auf der Macht der unpersönlichen Automatismen, die sich aus der dialektischen Umkehrung der Ordnung der Subjektivität in die Ordnung der Objektivität ableitet, besteht, wird niemals in der Lage sein, die Natur der Technik zu erklären, die, wie Simondon erklärt, „weder zum weder dem rein sozialen Bereich noch dem rein physischen Bereich angehört.“

Die Entwicklung der Mensch-Maschine-Beziehung, die Simondon jenseits des Subjekt-Objekt-Gegensatzes konstruiert, ermöglicht es, die Grenzen der zeitgenössischen Theorien zu begreifen: Dank ihrer kybernetischen Plastizität würden die Maschinen die Plastizität des Gehirns simulieren und eine Autonomie (Catherine Malabou) erlangen. Es ist hingegen der „soziale Körper“ des Kapitalismus, der die technische Maschine als konstantes Kapital und den Arbeiter als variables Kapital erschafft. Sie sind komplementär, sie entwickeln sich gemeinsam, parallel, unter der Kontrolle der höheren Einheit der Kriegsmaschine. Nur vom Standpunkt eines anderen „sozialen Körpers“, dem der Revolution und ihrer Organisationsformen, kann die Kriegsmaschine des Kapitals kritisiert und das Verhältnis zwischen Mensch und Nicht-Mensch anders gestaltet werden.

Simondon vertritt wie Deleuze und Guattari eine andere Ontogenese der Technik. Die Maschine erweitert das leibliche Schema nicht; „weder für die Arbeiter noch für die Besitzer der Maschinen“ ist die Maschine  ein „Organ“, eine Prothese, eine Externalisierung des Arms, des Auge, der Körperkraft, des Gehirns usw. Sie ist kein Werkzeug. Sie ist eine Verbindung, eine Kopplung, eine Organisation von zwei Existenzweisen (Mensch und Maschine). Für Deleuze- und Guattari und Simondon ist die Unterscheidung zwischen Maschine und Werkzeug grundlegend: Instrumente und Werkzeuge sind eine Prothese, eine leibliche Prothese, eine körperliche Verfremdung, sie haben sie keine eigene „Individualität“, anders als die Maschine.

Das 19. Jahrhundert  war das Jahrhundert der Maschinen, die zu einer Dezentrierung der menschlichen Funktionen führte. Mit der kapitalistischen Industrie wurde der Mensch der Funktion des „technischen Individuums“ enthoben: Die Werkzeuge wurden von der Maschine geführt (Werkzeugmaschine), so dass von nun andie Maschine das Zentrum der technischen Individuation einnahm. Die Tätigkeit der automatischen Maschinen war nicht autonom, sondern verlief parallel zur menschlichen Tätigkeit, die nicht verschwindet, sondern sich verschiebt.  Der Mensch wurde entweder der Organisator der Beziehungen zwischen den technischen Ebenen oder einfach ein „Lieferant von Elementen“ für das Funktionieren der Maschine.

Das sind die Maschinen, die man im Kapital findet. Während die Marxschen Automaten den Menschen als Diener (Arbeiter) oder Organisator (Kapitalist) brauchen, benötigen die selbstregulierenden Maschinen den Menschen als Techniker, als Mitarbeiter, erklärt Simondon. Die Maschinen-Werkzeuge werden erst mit diesen kybernetischen Maschinen zu technischen Individuen. Die kybernetische Maschine, als „technisches Individuum“, ist weder ein Ding, ein bloßes Objekt, noch eine Verdinglichung menschlicher Tätigkeit, sondern eine „Existenzweise“, was bedeutet, dass die Maschine keine „absolute Einheit“ ist, kein „geschlossener Block“, eine „Substanz“, also ein bereits individuiertes, bereits vollständiges, totes „Ding“, um die Sprache von Marx zu verwenden. Die Maschine ist in mehrfacher Hinsicht offen, weil sie Beziehung und eine Vielzahl von Beziehungen ist: eine Beziehung zu ihren eigenen Komponenten, zu anderen Maschinen, zur Welt und zum Menschen. Dieses Wesen der Technik, das Heidegger vergeblich suchte, ist also für Simondon Relation. Es „liegt in der Tatsache, dass die Beziehung den Wert des Seins hat: sie hat eine doppelte genetische Funktion, gegenüber dem Menschen und gegenüber der Maschine“, während im zeitgenössischen kritischen Denken „die Maschine und der Mensch bereits vollständig konstituiert und definiert sind.“

Wie Deleuze und Guattari behandelt Simondon Mensch und Maschine  nie als Essenzen, die jeweils eine autonome Existenz führen würden. Mensch und Maschine sind vielmehr eine Assemblage [agencement], also ein Feld von Möglichkeiten, von Virtualitäten ebenso wie von konstituierten Elementen (mechanische Teile, Softwareprogramme, Algorithmen), aber all das muss in Beziehung zu den Möglichkeiten und konstituierten Elementen der Kriegsmaschinen gesehen werden. Wenn die Maschine offen ist, wenn die Maschine Relation ist, enthält sie einen „Spielraum der Unbestimmtheit“ und ihre Individuation ist nicht ein für alle Mal gegeben, denn ihr Funktionieren ist anpassungsfähig und nicht starr konstituiert, wie das der Automaten, von denen Marx spricht und die deshalb eine minderwertige Art von Technologie sind.

Indem er die Maschine als Kristallisation der „lebendigen Arbeit“ substanzialisiert, begreift für Lazzarato Marx sie als ein fertiges Objekt, einen „geschlossenen Block“, etwas „Totes“ („tote Arbeit“, um genau zu sein), das  jedes Potential ausgeschöpft hat, während alle Kapazitäten in der lebendigen Arbeit konzentriert sind. In Wahrheit aber wird die Maschine nicht nur durch ihren materiellen Zustand, sondern auch durch ihre unsichtbaren Dimensionen (Pläne, Pläne, Diagramme usw.) und ihre Potenziale bestimmt. Sie ist nicht tot, sondern in hohem Maße „lebendig“, unterliegt der Variation, der Veränderung, ist fähig in Prozesse der Individuation einzutreten.

Das Beziehungsgeflecht, das die Mensch-Maschine-Assemblage ausmacht, ist in der Individuation gefangen. Hier muss für Lazzarato der Begriff der Kriegsmaschine ins Spiel gebracht werden. Aufgrund ihrer Unbestimmtheit ist die Maschine (wie auch der Mensch) offen für eine Individuation, die vom „sozialen Körper“ des Kapitals abhängt.

Der Kapitalismus ermöglicht sowohl die relative Autonomie der technischen Maschinen als auch ihre brutale „Versklavung“. Das Kapital verursacht einen Bruch in der politischen und sozialen Geschichte, aber auch in der Geschichte der der Technik, indem es die monetären, sozialen, technischen und politischen Ströme deterritorialisiert. Die verallgemeinerte Dekodierung der Ströme gab eine neue „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ für die Entwicklung der technischen und wissenschaftlichen Ströme, die gleichzeitig der Logik von Profit und Macht unterworfen wurden.

Die relativ unbestimmten Entwicklungsmöglichkeiten der Maschinen wurde jedoch sofort von der Kriegsmaschinerie des Kapitals erfasst und aktualisiert.  Die kapitalistische Kriegsmaschine „lässt Wissenschaftler und Mathematiker in ihrer Ecke ’schizophrenisieren'“ – das heißt, sie lässt sie den Stamm ihrer eigenen Disziplin verfolgen und entwickeln und auf diese Weise entschlüsselte Ströme, die sie zu Axiomatiken der vermeintlichen Grundlagenforschung macht, entstehen. Die Kriegsmaschinerie unterwirft jedoch unerbittlich diese Ströme von Forschung und Innovation einer sozialen Axiomatik, die viel strenger ist als alle wissenschaftlichen Axiomatiken, aber auch viel strenger als all die alten Codes und Übercodierungen, die verschwunden sind.

Deleuze und Guattari definieren das Verhältnis Mensch/Maschine präzise  innerhalb der Funktionsweise der Kriegsmaschinerie des Kapitals. Die Letztere befindet sich in einer permanenten Krise (die Maschine „spielt ständig verrückt“), braucht immer neu soziale Organe der Entscheidungsfindung, Verwaltung, Reaktion, Einschreibung, eine Technokratie und eine Bürokratie, die nicht auf das Funktionieren von technischen Maschinen reduziert werden kann. Das „Management“ von Krisen wird nicht durch das Eingreifen von automatischen Apparaten, sondern durch das Wirken einer Technokratie und einer Bürokratie, die als Subjektivierung der Megamaschine des Kapitals dient, geleistet. Was diese Krisen betrifft, die nie rein wirtschaftlich sind, eröffnen sie immer die Möglichkeit eines Bürgerkriegs, so dass neben den Bürokraten und Technokraten auch die Faschisten eingreifen.

Die Kriegsmaschinerie ist niemals unpersönlich, auch wenn automatisch zu funktionieren scheint, denn die Bürokraten und Technokraten sind immer neben den technischen und sozialen Automatismen  bereit einzugreifen, wenn sie politisch oder wirtschaftlich gefordert sind. Die Politiker, Technokraten, Journalisten, Militärs, Experten, Faschisten usw. bilden die Subjektivierungen der Megamaschine; sie intervenieren als Regulierer, Wächter, Diener, Restauratoren des großen Flusses von Geld, Kapital, Technologie und Krieg, aber auch als „Gouverneure“ der Spaltungen von Geschlecht, Rasse und Klasse. Sie wenden Strategien an, die die Kriegsmaschine impliziert, die sie auferlegt, wenn sie nicht funktioniert, die dann aber nur eine Subjektivierung in Ordnung bringen kann.

Dem können wir im Großen und Ganzen zustimmen. Aber es gibt eben auch Rituale, die den Status der Strategien nicht erreichen. Sehen wir uns zum Beispiel die Finanzmärkte an. Es gibt es eine Form der Performativität, in der und mit der sich jeder Marktteilnehmer den Markt vorstellt, nämlich ähnlich wie alle anderen. Die im Finanzsystem eingesetzten Technologien, vom Hochfrequenzhandel über Algorithmen bis hin zu mathematischen Modellen, haben den Effekt, dass sie das zugrunde liegende Soziale, das der Reproduktion von Märkten dient, verschleiern, während sie gleichzeitig die Sensibilität der Marktteilnehmer für quantifizierende Urteile über ihr Verhalten erhöhen. Technologie verbindet Akteure in dem Maße, wie sie den Markt als Epizentrum ihres sozialen Lebens begreifen. Insgesamt handelt es sich dabei um eine anonyme Vergesellschaftung und zugleich um eine existentielle Performativität, die Zuschreibung einer ganz spezifischen Vergesellschaftung, d.h. eines wechselseitig erwarteten Repertoires von Überzeugungen, Wünschen und strategischen Urteilen über den Markt und auch über das Verhalten der Marktteilnehmer, insbesondere gegenüber Gegenparteien, deren Selbstdarstellung nichts weiter erfordert als die elektronische Spur eines Geschäfts auf einem Bildschirm. Die Marktteilnehmer gehen davon aus, dass diese Strukturen reziprok und rekursiv sind, insofern als andere ihr Verhalten in der gleichen Weise wie das ihre gestalten würden, egal wie anonym die anderen sind, und dies angesichts der Tatsache, dass die Transaktionen, die auf dem Bildschirm erscheinen, computergeneriert sind. Aber man geht einfach davon aus, dass Handelsprogramme die Absichten der Akteure widerspiegeln. Handelsprogramme und die Ideen ihrer Programmierer haben jedoch einen allgemeinen und standardisierten Nutzwert, den Händler nutzen, um Tauschwerte zu gestalten und Gewinne zu erzielen.

Und zum Abschluss dieses Abschnitts noch einmal eine etwas genauere Darstellung des Problems der technischen Maschinen.

Die meisten marxistischen Diskurse verstehen sowohl die Technologie, den logischen Diskurs um die Teleologie vollendeter Naturbeherrschung, der sich als die entscheidende Orientierung für die westlichen Naturwissenschaften erweist, als auch das technische Objekt, den praktischen Gegenstand der theoretischen Wissenschaften, als Teil der Produktivkräfte und nicht der Produktionsverhältnisse. Wobei es jedoch nicht auszuschließen ist, dass im Kapitalismus die Produktionsverhältnisse selbst zu Produktivkräften mutieren können, worauf schon Adorno hingewiesen hat.[1]

Es war Hans-Dieter Bahr, der im Anschluss an die 1968er Studentenbewegung darauf hinweist, dass in den marxistischen Technologiedebatten bestimmte philosophische Mythen andauern: Es sei das Eigentümliche des prometheischen Mythos und jeder seiner bisherigen Fortschreibungen gewesen – zu denen eben auch die meisten Schulen des Marxismus gehören – , die Technik rein als Produktivkraft erfasst und zugleich die technische Innovation in einen linear verlaufenden und ordnungsbetonten Fortschrittsdiskurs eingebunden zu haben, um selbst noch die Technologie als explosiv vorzustellen. Dies zeigt sich auch in der Ultra-Modernität des Leninismus und seiner späteren fordistischen Biopolitik, mit der er – man denke an das Wiederkäuen der Formel »Kommunismus = Sowjetmacht und Elektrifizierung« (LW 31: 513) – eine kommunistisch-utopistisch-technizistische Menschheitsproduktion biokosmischen Ausmaßes in Gang setzen wollte. (Vgl. Balibar 2013: 136)

Obgleich Lenin in seiner erkenntnistheoretischen Konzeption noch ganz dem Realismus verpflichtet bleibt, i. e. der Anerkennung der unabhängigen Existenz der Außenwelt als der primären Referenz für das diskursive Wissen, findet man bei ihm auch eine politikdominierte, präskriptive Beschreibung der Naturwissenschaften, nach der es die Aufgabe der theoretischen Wissenschaften im Sozialismus sei, die Gesetze zur Manipulation von natürlichen Objekten ganz in den Dienst der Gesellschaft zu stellen (im Gegensatz zu einer rein deskriptiven Darstellung, nach der die Gesetze der Physik aussagen, wie sich Gegenstände verhalten. Siehe dazu Schlaudt 2014a: 123). Im Zuge der Affirmation der unglücklichen Formel »Produktivkraft = Fortschritt« hat der marxistisch-leninistische Fortschrittsdiskurs auch keinerlei Probleme damit, dass das Technische (insbesondere die Maschinendiskurse der Mechanik) bzw. die Syntax der technischen Objekte sich genau dann als rational erweist, wenn die Kräfte des Technischen sich als geordnete und ordnende Relationen anzeigen. Bahr schreibt: »Das Technische ist ein Ordnungshüter par exellence. Ihr interner Diskurs zeigt sie nicht als Produktivkraft, sondern als Ordnungssystem.« (Bahr 1983: 186) Dies gilt gleichermaßen für die theoretische Mechanik wie für die Maschinendiskursivität der Kybernetik. Und dies gilt nicht zuletzt auch für die Ökonomiewissenschaften und für den Neologismus »Politische Ökonomie«, einen Begriff, der im 19.Jahrhundert exakt darauf verweist, dass dem effizienten Wirtschaften ein Ordnungssystem immanent ist, welches das Maß des Politischen inhäriert. (Vgl. Vogl 2015: 40)

Im 19. Jahrhundert erforderte die Emanzipation der Naturwissenschaften von der Tyrannis der Endlichkeit die Neugestaltung der Physik, die nun in der Lage sein sollte, den Platz der Metaphysik einzunehmen, indem sie sich der Begriffe Kraft und Energie bemächtigte, um diese in ein je schon codiertes rationales Netz des Wissens einzubinden. So erst konnte man ausdrücklich ein Axiom niederschreiben, das Michel Serres als das erste und wichtigste Axiom des 19. Jahrhunderts bezeichnet hat: »Das Reale ist rational, das Rationale ist real« (Serres 1993: 77). Und dem korrespondiert in der westlichen Philosophie das Axiom: »Das Reale ist kommunizierbar, das Kommunzierbare ist real« (vgl. Laruelle 2010c: 22). Die Aussage Laruelles bezieht sich auf das klassische philosophische Modell des medialisierten Seins, das von der Antike ausgehend bis hin zur Gegenwart immer noch prävalent ist, und für das der Gott Hermes steht, der die Dinge aus fremden Plätzen und über diese transportiert. Mit ihrer hermeneutischen Megamaschine und ihrem Nebel der semantischen Transfers hat die westliche Philosophie die Begriffe Rationalität und Wahrheit in Beziehung zu dem gesetzt, was der Möglichkeit nach verborgen ist, aber doch aufgedeckt werden muss und auch kann.[2]

Es ist davon auszugehen, dass die neuzeitliche Naturwissenschaft ihrem eigenen Gegenstand – Natur – stets in der Form von Mathematik, Diskursen und materiellen Apparaten/Maschinen gegenübertritt. (Vgl. Schlaudt 2014a: 68) Von Technologie/Technik lässt sich somit erst dann sprechen, wenn die materiell-geistige Produktion selbst schon zur Technik gereift ist. Sollte man nun, wenn man an diese Problematik anschließt, Technik und Technologie weniger als durch die Ökonomie des Kapitals konstituierte Phänomene, sondern eher als Phänomene von Industriegesellschaften definieren, wie dies Oliver Schlaudt tut, sodass von Technologie als einem spezifischen Diskurs der Naturbeherrschung unter kapitalistischen Bedingungen gesprochen werden müsste? (Schlaudt 2014b: 160) Oder gilt es auf der Position zu beharren, die besagt, dass in den Begriff des Techno-Logischen je schon die logische Rationalität des monetären Kapitals bzw. der Kapital-Macht eingeschrieben sei? (Vgl. Bahr 1970: 34)

Für Simondon oder Laruelle ist die Kapital-Macht sowohl an den Aspekt der Individuation des Denkens als auch an Technologien gekoppelt, insofern letztere eine operationale Zirkulation des Wissens ermöglichen und zugleich eine spezifische Axiomatik der Signifikation strukturieren. Und es stellt sich immer die Frage, wie ein solches System der Signifikation die Produktion/Zirkulation des Kapitals qua der technischen Objekte effektivieren kann. Simondon liefert ein Schema, das die Relation zwischen Kapital und Technologie umfassend erläutern will, um schließlich die Kapital-Macht zu de-mystifizieren. (Vgl. Simondon 2012) Für Laruelle ist der »Sinn« der Kapital-Macht je schon mit einem bestimmte Modus des Denkens verlinkt, während für Simondon ein solcher »Sinn« durch technische Invention, die selbst ein Modus des Denkens ist, mobilisiert werden kann.

Simondon lokalisiert den Ursprung der Technologie zumindest für den westlichen Okzident in der Begegnung zwischen der Technik (dem praktischen Gebrauch von verschiedenen Geräten/Maschinen) und dem Logos der theoretischen Wissenschaften. Gegenüber der Technik, die trotz ihrer engen Beziehung zum Humanen ein autonomer und automatischer Modus des Seins bleibt und damit unabhängig vom Humanen zu verstehen ist, begreift Simondon die Technologie oder Mechanik als eine durch und durch humane Konstruktion.(Ebd.) Technologie inauguriert einen generativen Code, der die Korrelation zwischen Mensch und Natur qua der »Gesetze« des Menschen strukturiert und der damit als die direkte Konsequenz der Entwicklung der menschlichen Sprache und der theoretischen Wissenschaften zu verstehen ist. Simondon behauptet weiter, dass die »Gesetze« des Menschen bisher ausschließlich der Domestizierung und der Regulierung der Natur dienten, insofern mit ihnen natürliche Phänomene beschrieben und antizipiert und die Exploitation der Arbeit vorangetrieben werden konnte; Strategien, die nur dann möglich erscheinen, wenn die Teleologie des mechanischen, linearen Fortschritts auf Dauer gestellt werden kann. Dieses Denken hat schließlich ein System hervorgebracht, das progressiv jedes Diskontinuum in das Kontinuum des Fortschritts integriert, und damit den kairos  – die aletorische Macht der Natur – verhindert, um stattdessen unentwegt die Antizipation und Effektivierung der Relationen zwischen Kapital und Technologie zu forcieren und zur gleichen Zeit die Freiheit der Technik zu reduzieren, solange bis eben eine neue technische Invention einen neuen Code erschafft. Mit Hilfe der Mathematik und der theoretischen Wissenschaften hat die menschliche Spezies den autonomen Logos der Technologie erschaffen, das heißt eine Kette von theoretischen Operationen, die es erlauben, dass ein technisches System eben effektiv funktioniert. Und dies impliziert, dass der transzendentale Nomos (Gesetz) den ökologischen Code der Korrelation (zwischen Natur und Logos) durch den ökonomischen Code (Logos und Ökonomie) ersetzt. Die Geburt der Technologie markiert für Simondon definitiv die Verschiebung der ökologischen hin zur ökonomischen Realität (inklusive des kulturellen Überbaus, der das Soziale konstituiert). Man muss das Band, das die politischen und die sozialen mit den ökonomischen Relationen verbindet, genauestens analysieren, um die (technologische) Evolution des Geldes und des Kapitals, die qua Kapitalisierung auch die Quantifizierung der menschlichen Beziehungen in Szene setzt, zu erfassen. (Ebd.)

Das Verhältnis der Spezies Mensch zur Welt ist grundlegend artifiziell und technisch, es enthält eine bestimmte Konfiguration aus ökonomischen und zusätzlich aus politischen, architektonischen, sozialen und erotischen Techniken, aus Landwirtschafts-, Informations-, Kriegstechniken etc. Weil es vielerlei Einzeltechniken gibt und jede Technik eine Mikro-Welt konfiguriert und zugleich eine bestimmte soziale Lebensform materialisiert, gibt es keine Essenz des Menschlichen zu vermelden, vielmehr bleiben die Techniken in gewisser Weise (Transindividuation bei Simondon) gegenüber dem Menschen autonom. Wie mit Simondon schon angedeutet wurde, ist es nicht in erster Linie die Technik, sondern die Technologie (in ihrem Verhältnis zum Kapital), die dem Kapital adäquat ist, ohne mit ihm vollkommen zu korrespondieren (adäquat-ohne-Korrespondenz). Und die Technologie ist keineswegs als die Vollendung der Technik zu verstehen, vielmehr forciert sie, indem sie in der letzten Instanz durch das Kapital determiniert wird, gewissermaßen auch die Enteignung des Menschen zumindest von verschiedenen alten Techniken. Technologie inhäriert die logische Systematisierung der für das Kapital effizienten Techniken und betreibt damit die Einebnung aller Welten der Alterität. Die Technologie inauguriert einen autoereferenziellen Diskurs über seinen Gegenstand, die Techniken. Genau in diesem Sinn ist das Kapital sui generis technologisch, insofern es die rentable Organisation und Operation der produktivsten Techniken forciert. Und Determination der Technologie durch das Kapital in letzter Instanz bedeutet, dass jene zur Steigerung der Produktivität, als schockartige Innovationsschübe zur Neuregulierung der Klassenkämpfe und als neue Machtechnologien eingesetzt wird. Gerade die Verbindung von neuen Informationstechnologien mit der Konstruktion neuer derivativer Finanzinstrumente zur Liquiditätsbeschaffung setzte in den USA  nach 2000 eine ökonomische Entwicklung in Gang, die dem Land wieder Wettbewerbsvorteile in der Kapitalakkumulation und -allokation gegenüber anderen frontkapitalistischen Ländern verschaffte. Dazu zitiert Detlef Hartmann den ehemaligen FED-Präsidenten Alan Greenspan: »Der Prozess der Kapital-Realallokation  wurde  durch die Geamtwirtschaft hindurch unterstützt von einer erheblichen Entfesselung (unbundling) von Risiken in Kapitalmärkten, die durch die Entwicklung innovativer Finanzprodukte ermöglicht wurden, von denen viele ihre Brauchbarkeit den Fortschritten auf dem IT-Sektor verdanken.« (Hartmann 2015: 69)

Es stimmt zwar, dass weder die Technik noch die Technologie aus der Diskursivität des monetären Kapitals unmittelbar abgeleitet werden können, und es stimmt auch, dass technische Objekte oder Maschinen als Mittel bis zu einem gewissen Maß disponibel sind, aber wenn man von der Neutralität der Techniken oder der Maschinen spricht, dann lässt sich dies doch nur auf eine spezifische Unbestimmtheit beziehen. Man kann nun fragen, in welchem Funktionsmodus die Techniken im Kontext der materiell-diskursiven Praxen  des Kapitals fungieren. (Vgl. Bahr 1983: 14) Maschinen/Techniken inhärieren in dieser Sichtweise bestimmte Zwecke. Ganz provokant kann man sagen: Technische Tatsachen sind versteinerte Zwecke, und als Mittel sind die Techniken materialisierte Zwecke des Kapitals (in der letzten Instanz). (Vgl. Schlaudt 2014a: 41) Dringend bleibt es aber geboten, gerade nicht von einer primären Rationalität der Technik auszugehen, die auf der reinen Mittel-Zweck-Relation basiert, denn zumindest sind die Zwecke auch auf die Kohärenz und Wirkungsmächtigkeit der Mittel und ihrer Produktionen hin zu befragen. Die Techniken und die Wissenschaften inhärieren je schon ganz spezifische Mittel, die wiederum von ganz spezifischen Zwecken nicht zu trennen sind; dieser Komplex wird vom Kapital (als einem sozialen Verhältnis) und seinen Imperativen (u. a. Steigerung der Produktivität) in der letzten Instanz determiniert, sodass ihm bestimmte Technologien adäquat sind (ohne dass eine direkte Korrespondenz zwischen Technologie und Kapital erforderlich ist, und diese Konstellation der Adäquanz-ohne-Korrespondenz bedarf des Axioms der Nicht-Kausalität bzw. der unilateralen Dualität).

Damit ist das Problem der disponiblen Anwendbarkeit der Technik im Rahmen einer sozio-ökonomischen-historischen Praxis, in der Schlaudt den positiven Anwendungsbereich des theoretischen Pragmatismus im Vergleich zum Realismus vermutet (ebd.: 139), längst nicht aus der Welt geschafft. Zumindest aber lässt sich damit zwei scheinbar diametral gegenüberstehenden Positionen ausweichen, wobei die erste Postion die Technik und Maschinen unter der rein instrumentellen Perspektive eines neutralen Gebrauchsgegenstandes auffasst, der vom Kapital – oder alternativ auch vom Proletariat – angeeignet werden kann, während die zweite Position die Maschinen ausschließlich als reell subsumiertes, formbestimmtes Kapital analysiert. Bahr spricht in seiner Schrift Über den Umgang mit Maschinen hingegen von der differenziellen Neutralität oder der nicht-neutralen Indifferenz der Maschinen. (Bahr 1983: 14) Geht man davon aus, dass die Techniken und/oder Maschinen heute zumeist vergegenständlichte Relationen der Rationalität des Kapitals (spezifische Gebrauchsmittelstruktur der Maschinerie) inhärieren, so ist ihre Neutralität, in die differenzielle a-signifikante Semiotiken und materielle Diskurse (des Kapitals) je schon eingeschrieben sind – und darauf ist zu insistieren – von der Determiniertheit durch das Kapital (in der letzten Instanz) nicht zu trennen.

Warum ist das so? Aus der Sicht des (marxistischen) Ökonomen bevorzugt man es, die Welt rein aus der Sicht des Kapitals zu sehen. Aus der Sicht des Technologen bevorzugt man es, die Ökonomie rein als eine Extension der Maschinerie zu begreifen. Marx hatte für dieses Dilemma anscheinend eine elegante dialektische Lösung parat: Danach würden die aktuellen Maschinen immer eine frühere und primitivere Form der Arbeitsteilung ersetzen und somit die Akkumulation des Kapitals verbessern. In dieser einfachen Art und Weise sagen uns die Maschinen immer etwas über das Kapital aus. Philip Mirowski (Mirowski 1986) hat gezeigt, wie Marx aus den zu seiner Zeit hegemonialen wissenschaftlichen Modellen gewisse Teile herausgezogen hat, um die Entstehung des Werts zu erklären, nämlich Teile aus der Thermodynamik und aus Newtons Physik. Somit habe Marx eine doppelte Messung des Werts ins Spiel gebracht; die erste basiert auf den Arbeitsstunden pro Tag, die zweite auf der im Durchschnitt sozial notwendigen, gesellschaftlich-abstrakten Arbeit. Es gibt bei Marx also eine thermodynamische (Carnot) und eine gravitationale Messung (Newton), eine metrische und eine topologische, eine, die auf der Pferdekraft, und eine, die auf einem Feld von Kräften basierte, eine eher substanzielle und eine eher relationale Messung.[3] Aber diese Parallelisierung der beiden Physiken und der zugehörigen Messungen, die schließlich über das Geld und das Kapital »synthetisiert« werden,  bleibt in ihrer spezifischen Reduktion noch ganz ungenügend.[4]

Abstraktheit, Wiederholung, Wiederholbarkeit, breiteste Anwendbarkeit und plurale Verfahren sind Charakteristisken einer Technik oder Technologie, die von vornherein in Relation zur monetären Kapitalisierung und zu den entsprechenden Produktivitäts- und Wachstumsimperativen des Kapitals stehen, die wiederum über die Mechanismen der relativen Mehrwertproduktion prozessieren. Bahr hat in seiner frühen Schreibphase schon angemerkt, dass das Einzelkapital durch den durch Konkurrenz und ihre Korrekturmechanismen vermittelten Zwang, den die relative Mehrwertproduktion im Kontext der Gesetze des Gesamtkapitals setzt, permanent zur technologischen Innovation und Investition aufgefordert wird. Das impliziert u. a. die Erfordernis, eine breit gestreute Verfahrenspluralität der Maschinen in die Produktion zu integrieren, das heißt, die Austauschbarkeit von Maschinenteilen und technologischen Konstruktionsleistungen herzustellen, wobei zu beachten ist, dass dieselben technischen Verfahren von den Unternehmen durchaus verschieden eingesetzt werden können, um differenzielle monetäre Profite zu generieren. (Bahr 1970: 79) [5]  Heute lassen sich diese Prozesse gerade auch an den technologisch-ökonomischen Entwicklungen in der Finanzindustrie nachvollziehen. Die Anwendung der Informationstechnologien führt hier zur Verwischung von Handel und Bankwesen und damit zu einem weiten Spektrum von spezialisierten Finanzdienstleistern und ihren vielfältig auf die Kunden zugeschnittenen Produkten. Die Senkung der Kosten durch jene Technologien erweitert die Größenordnung  für die Bereitstellung von  Unternehmens- und Konsumentenkrediten enorm. Neue Techniken der Kreditberechnung und der Securization vermitteln schneller denn je die Zugänge für  Haushalte und Unternehmen zu den nationalen und internationalen Kreditmärkten. (Vgl. Hartmann 2015: 79)

Es liegt nun aber auch der Verdacht nahe, dass die spezifische Konstellation – die uni-laterale Relation von Kapital und Technologie/Technik – von der ungleichzeitigen historischen Phylogenese der Maschinen nicht zu trennen ist, i. e. die historischen Datierungen der Maschinen sind nicht als synchronistisch, sondern eher als heterochronistisch zu verstehen. (Vgl. Guattari 2014: 56) So ist selbst noch das neoliberale finanzielle Kapitalregime durch bemerkenswert ungleichzeitige Patterns des Einsatzes von Techniken und selbst noch der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung und Forschung gekennzeichnet: Auf der einen Seite haben sich die Innovationen in den Techniken der Überwachung und des digitalen Mappings, des Transports, der Logistik und der Kommunikation, der Datenerfassung und der Datenkalkulation rapide beschleunigt.[6]  Auf der anderen Seite gibt es Techniken, die in der Warenproduktion, der Landwirtschaft und der Industrie eingesetzt werden (Gentechnologie etc.) und doch über mehrere Perioden hinweg das Wachstum der Produktivität, das bisher die langen Zyklen in der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte ausgezeichnet hat, kaum gesteigert haben. Dies anzumerken ist durchaus wichtig, insofern die Produktivität nach wie vor ein wichtiges Maß für das Wachstum der Volkswirtschaften darstellt. Bezüglich der hier zuletzt genannten Techniken könnte man fast schon von einer technologischen Erschöpfung des Kapitals sprechen, der Erschöpfung von Relationen, die bisher die großen Sprünge im Kapitalismus gerade auch bezüglich des sozio-ökologischen Surplus ermöglicht haben. Unter zeitlichen Gesichtspunkten gilt es schließlich anzumerken, dass die dominante Temporalität des Kapitals nicht unbedingt mit der der höchsten technologischen Entwicklung koinzidieren muss; die revolutionären Politiken können sogar durch scheinbar archaische  Abschnitte der Zeit passieren.

Die ungleichzeitige Entwicklung bleibt virulent, gerade wenn die anthropologisch motivierte Begriffsbestimmung der Maschinen als Instrumente, also der teleologisch und zielgerichtete Gebrauch der Produktionsmittel für fixierte menschliche Zwecke, vollkommen fragwürdig wird. Schließlich darf ein Technikdiskurs, der die Maschinen als Projektion oder Spiegelung des Leibes oder der menschlichen Kognition vorstellt, heute endgültig als erledigt gelten.[7] Weil andererseits die sozio-ökonomische Logik des Kapitals nicht unmittelbar in der Maschine, und selbst nicht in der Techno-Logie, gespiegelt wird, entsteht das Schwebende eines Diskurses, der einerseits ahnt, dass das Kapital als  soziales und zugleich logisches Verhältnis irgendwie in der Maschine anwesend ist, der aber andererseits weiterhin von der transparenten Neutralität der Maschinen oder ihrer bloßen Instrumentalität ausgeht. Vor diesem diffusen Hintergrund argumentieren selbst noch solche Marxisten, für die Politik einen zwiespältigen Charakter besitzt – virtuell und aktuell zugleich – , dass letztendlich zumindest die Technologien und Maschinen von solchen Virulenzen befreit sein sollten. So wuchert der prometheische Mythos untergründig weiter, wenn aktuell linke Akzelerationisten unter dem Rubrum »postkapitalistische Komplexitätssteigerung und Normativität« angeblich neutrale Techniken und Technologien sich zu eigen machen, indem sie sie einer gesellschaftlich emanzipatorischen Anwendung zuführen wollen. Aus dem Imperativ »Vorwärts« machen  die Akzelerationisten zugleich ein teleologisches »Hinauf«. Peter Sloterdijk hat darauf hingewiesen, dass eine Theorie, die auf einem solchen Strom des Progressivismus treibt (den die Akzelerationisten allerdings als eine eher hausbackene theoretische Leistung anbieten), mit einem Paradoxon zu kämpfen habe: Die Geschichte der technologischen Entwicklung lasse sich einfach nicht als diejenige eines (linearen) Fortschritts anschreiben, der notwendigerweise auch noch zur Emanzipation, was immer das auch sei, dränge. (Sloterdijk  2009: 588)

Von vornherein lässt sich eine, gerade auch im Marxismus oft favorisierte, technokratische Position nicht affirmieren, gemäß derer die an sich neutrale Maschinerie mit ihrer Funktion im Verwertungsprozess des Kapitals zu konfrontieren sei, wobei man von der Superfötation der verwertungsbedingten Formbestimmungen des Kapitals auszugehen habe, das heißt, dass die Verwertung des Kapitals die Struktur der Produktionmittel eben nur überforme (und den Inhalt letztendlich unberührt lasse). Damit wäre in der Tat die Logik der monetären Verwertung des Kapitals für die Gestaltung von maschinisierten Produktionsprozessen nicht zwingend konstitutiv und deshalb könnten die entsprechenden Maschinensysteme auch ohne irgendeine strukturelle Veränderung von der monetären Verwertung bzw. Kapitalisierung befreit und in einen »postindustriellen Kapitalismus« überführt werden. Diese Position übernimmt bestimmte theoretische Aspekte der leninistischen Politik der Industrialisierung in der Sowjetunion weitgehend unhinterfragt. Die diametral gegen diese Diskurse gerichtete Position der Kritischen Theorie, gegen die sich konsequenterweise auch die Angriffe des Akzelerationismus hauptsächlich richten, soll hier nicht verschwiegen werden. Im Kontext der Kritischen Theorie begreift man den Komplex theoretische Wissenschaft, Technologie und Technik häufig als vollständig durch das Kapital absorbiert, indem er selbst die Form des Kapitals reell annimmt. So hat Stefan Breuer, in der Nachfolge der Kritischen Theorie Adornos, zum Verhältnis von Ökonomie und Technik angemerkt, dass heute beide Bereiche als Momente einer Totalität zu verstehen seien, wobei diese Totalität seit dem Aufkommen der transklassischen Maschine von der Abstraktion vom Realen zur Realisierung des Abstrakten vorangeschritten sei und damit die Kluft zwischen Kapital und Technik endgültig geschlossen habe.[8] (Breuer 1992: 98ff.)

Mit all diesen noch sehr vagen Formulierungen kann sich schließlich andeuten, dass an dieser Stelle wieder die kantianische Heuristik des Als-ob ins Spiel zu bringen wäre, wenn man von den Maschinen als Materialisierung des Kapitals sprechen möchte, i. e. Maschinen würden begrifflich so konzipiert, als ob sie unmittelbarer kausaler Ausdruck der Ökonomie wären. Für den Produzenten wiederum heißt dies, dass er seine Arbeit so zu beurteilen hätte, als ob er tatsächlich die Zweckmäßigkeit seiner Produkte selbst erschaffte, während er realiter nur die Funktionen des Kapitals exekutiert. (Vgl. Bahr 1970: 66) Auch der ontologische Technikdiskurs, die theoretischen Wissenschaften und die Technologie, sofern sie glauben, die Erkenntnisinteressen des Kapitals nicht berücksichtigen zu müssen, bleiben von den von Als-ob-Bestimmungen nicht verschont, insofern hier die Bewertung der Technologie so vorgenommen wird, als ob sie keiner Kausalität oder Determination durch das Kapitals unterworfen sei. Allein mit der Einführung der Heuristik des »Als ob« in die Analyse des Technischen/Technologischen dürfte man allerdings nicht sehr viel weiterkommen, insofern hier Determination (Geltung) und Kausalität (Genesis) nicht konsistent aufeinander bezogen werden, um zu wirklich neuen Hypothesen, Deduktionen, Schlussfolgerungen und Tests auch in der Technologiedebatte zu gelangen. (Vgl. Schlaudt 2014a: 281) Es ist weiterhin davon auszugehen, dass die technischen Objekte/Technologie durch spezifische materiell-diskursive Praxen konstituiert werden, wobei diese Praxen immer auch sozio-ökonomische Praxen sind, das heißt, dass sie in der historisch heterogenen Formation »Kapitalismus« vom monetären Kapital in der letzten Instanz determiniert werden. Die materiell-diskursiven Praxen verdichten sich in Apparaten, in denen gerade heute die Verkopplung von Arbeit und Technik zu überwältigenden inhumanen Konstellationen führt, man denke etwa an die Klimawissenschaften, die aus einer Matrix von Satelliten, Computern, terrestrischen Wetterstationen, Formen der internationalen Kooperation innerhalb der Wissenschaften, vereinbarten Standards etc. besteht.

Im Postscriptum der Kontrollgesellschaften stellt Deleuze fest, dass die vielfältigen Resonanzen zwischen den sozio-ökonomischen Strukturen und den (technologischen) Maschinen, und zwar im Zwischenraum von technologischer Akzeleration und sozio-ökonomischer Transformation, heute so intensiv geworden seien, dass jeder Versuch, entweder eine unmittelbare Einheit oder eine krude Opposition von Technologie und Ökonomie begrifflich herzustellen, sich massiv in der Krise befinde. Die Relation zwischen der Ökonomie (ihren sozialen Relationen) und den maschinellen Komplexen versucht Deleuze mit der Metapher der »Dramatisierung« zu umschreiben. Die Frage, die sich hier sofort stellt, ist die, was sich mit dieser Metapher überhaupt anfangen lässt. Vielleicht lässt sich Dramatisierung in Richtung einer asymmetrischen Bestimmung der Technologie durch die Ökonomie denken (und nicht umgekehrt), unter Umständen eben im Sinne der laruelleschen Determination in der letzten Instanz und im Gegensatz etwa zu einer symmetrischen Erklärung der beiden Bereiche durch ein Drittes.

Bezüglich letzterer Position ist auf Bruno Latour zu verweisen, der mit seiner Theorie der Koproduktion von Natur,Technik und Gesellschaft einen symmetrischen Ansatz wählt, wobei er, in Anlehnung an Michel Serres, zunächst ganz allgemein von einem »schnellen Wirbel« der wechselseitigen Konstitution von Subjekt und Objekt spricht. (Vgl. Latour 1990:  163)  (Subjekt und Objekt sind durch diskursiv-materielle Praktiken konstituiert zu denken.) Wenn Latour den Begriff der Technik (Substantiv) durch das Verb »technisieren« ersetzt, wobei er anmerkt, dass »Techniken als solche nicht existieren, daß es nichts gibt, was sich philosophisch oder soziologisch als ein Objekt, ein Artefakt oder ein Stück Technik bestimmen läßt« (Latour 2002: 233), dann versucht er zunächst, Techniken als Medien und Mittler zu erfassen. Der Begriff »Mittler« bezieht sich darauf, dass sozio-ökonomische Verhältnisse sich gerade nicht eins zu eins in die Technik einschreiben können, als wäre die Technik etwa ein leeres weißes Blatt, das durch die Beschriftung seine einzig kennzeichnende Beschreibung erhalten würde. Vielmehr sieht Latour in der Technik non-humane Akteure als Mittler am Werk, »die mit der Fähigkeit begabt sind, das von ihnen Übermittelte zu übersetzen, umzudefinieren, neu zu entfalten oder aber zu verraten.« (Latour 2008: 109)  Wenn man den Begriff des Mediums in den Vordergrund stellt, dann sind Maschinen als Quasi-Objekte, wie Latour sie nennt, zu konzipieren, disponible Mittel, welche die »circumstances« genau dann vermehren, wenn man ihre Vielfältigkeit als komplexe Botschaften interpretiert. Dabei mögen die als Quasi-Objekte definierten Dinge die Eigenschaft besitzen, Medium potenzieller Ereignisse zu sein, welche nicht unbedingt von den menschlichen Akteuren abhängen, aber deren Handeln durchaus beeinflussen, sodass die Dichotomie zwischen Subjekt und Objekt sich letztendlich auflöst.

So wird den technischen Objekten, die Latour keineswegs als passive Dinge begreift, ein jeweils zu bestimmendes Handlungspotenzial zugeschrieben, wobei eine Gesellschaft je schon Subjekte, Objekte und Quasi-Objekte benötigt, um eine gewisse Stabilität zu erlangen. (Ebd.: 141). Latour will mit dieser symmetrischen Position die Dualismen von Natur und Gesellschaft, Subjekt und Objekt, Technologie und Ökonomie etc. überwinden, indem er Natur und Gesellschaft in ihrer gemeinsamen historischen Dimension erschließt. Und dazu dient auch der Begriff des Kollektivs, wobei es das Kollektiv eigentlich nur im Plural gibt, und zwar in der Gestalt unvorhersehbarer Dynamiken und Verfahrensweisen, die dazu dienen, technologische Erkenntnisse zwischen Menschen und Quasi-Objekten zu versammeln. Das Verb »Versammeln« verweist in diesem Kontext nicht nur auf die praktische Tätigkeit (Technik als praktischer Gebrauch von Geräten), sondern vor allem auf die Re-Interpretation der Welt (Technologie). Im naturwissenschaftlichen Kontext entsteht jedes Faktum als ein theoretisches Artefakt im Labor und bleibt zugleich in den Zusammenhang integriert, in dem es entdeckt wurde. Latour geht hier weniger von Prozessen im sozialdeterministischen Sinn aus (Technik als geronnenes soziales Handeln oder als verdichtete Machtverhältnisse), sondern er sieht in der Technik selbst den Motor, in dem soziale Konstellationen durch die Ordnung von Akteuren und Beobachtern eine gewisse Stabilität erhalten. Technische Objekte seien deshalb immer schon mit Subjekten und Kollektiven zu konjugieren. (Ebd.: 89) Allerdings muss Latour sich ernsthaft fragen lassen, ob es die von ihm behauptete Symmetrie zwischen technischen Objekten und sozialen Akteuren so überhaupt gibt. Technische Objekte oder Dinge können gegenüber den humanen Akteuren und den sozialen Verhältnissen nicht ohne weiteres Geltungsansprüche einbringen, sind also von den Akteuren und den materiell-diskursiven Praktiken auch zu unterscheiden. Auch Forschungsgegenstände und Forschungsmittel gehören nicht derselben Kategorie der Dinge an. Forschungsmittel sind angeeignete Natur, Forschungsgegenstände nicht. (Schlaudt 2014a: 89) Schlaudt sieht in Latours ANT-Theorie den Versuch, über die Hintertür doch wieder die Positionen des erkenntnistheoretischen Realismus einzuführen, insofern Latour vergesse, dass technische Artefakte sich nur aufgrund von historisch spezifischen, materiell-diskursiven Praxen auf Fakten bezögen.[9]

Es sollte klar sein, dass in ihrer Funktion des Anzeigens von ökonomischen Verhältnissen die Maschinen keineswegs als ein direkter Ausdruck der Ökonomie zu verstehen sind, wobei gleichzeitig aber auch über jeden rein instrumentell orientierten Begriff der Maschinen als neutralen Mitteln zur Produktion hinausgedacht werden muss. Wenn Marx schreibt, dass die Maschinerie nicht identisch mit ihrem Bestehen als Kapital sei (siehe Terranova 2014: 130), dann scheint er selbst der Maschinerie gegenüber dem Kapital eine gewisse Neutralität zuzusprechen, was auch dann anklingt, wenn er von der Anwendung der Maschinerie durch das Kapital spricht, um darüber hinaus noch ihre weltgeschichtliche Potenzialität einzufordern (dem Proletariat kommt dann die welthistorische Aufgabe zu, die Kapitalisten von den Produktivkräften zu trennen). Solchermaßen würde das Verhältnis von Ökonomie und Maschinerie aber zugunsten der Autonomie der letzteren wieder simplifiziert.

Man kann zunächst festhalten, dass sich das Wesen der Technik weder in ein linear evolutionistisches (Steigerung der Potenzialitäten) noch in ein digital-dialektisches Schema (Explosion der Widersprüche des Kapitals im Kontext der Entfesselung der Produktivkräfte), noch in eines der reellen Subsumtion der Technik unter das Kapital einfügen lässt, vielmehr deuten die technischen Objekte bzw. die Maschinen zumindest eine gewisse Verstellungskunst an, wenn sie über die stumpfe Zweck-Mittel-Beziehung hinaus treiben, wobei allerdings die Maschinen durch die Technologien und die theoretischen Wissenschaften überdeterminiert sind und in der letzten Instanz durch das Kapital determiniert werden. Die technischen Maschinen sind also nicht vollkommen offen, vielmehr ist ihnen eine bestimmte technologische Strukturierung durch das Kapital als Gesamtkomplexion in der letzten Instanz eingeschrieben. Weil die Maschinen aber eben keine rein passiven Objekte darstellen, geht es um das »Einschreiben« des monetären Kapital-Verhältnisses in Relationen, die als spezifische Verkettungen von Mensch-Maschinen- und Maschinen-Maschinen-Konstellationen insistieren. So zielt die Einschrift – Einfaltung oder Einschnitt des Kapitals – von vornherein nicht auf die Maschine als Ding ab, vielmehr zeigt sie monetäre Methoden, Messungen, Algorithmen, Diagrammatiken und materiell-diskursive Praktiken inklusive ihrer Vergegenständlichung in Apparaten an – Strategien, Methoden und Apparaturen, die Einzelkapitale aufgrund der immanenten »Gesetze« des Gesamtkapitals zur Steigerung des relativen Mehrwerts notwendigerweise einsetzen müssen, um in der differenziellen Kapitalakkumulation (Konkurrenz) überhaupt bestehen zu können. Damit deutet sich zumindest an, dass ein differenzierter Technik- und Technologiebegriff zu entwickeln ist, und zwar auch in Hinsicht der komplexen Zusammensetzung und Verkettung des Maschinischen und des Technologischen selbst. Von vornherein existiert die Maschine nur in Gefügen.

Und weiter insistiert die differenzielle bzw. nicht-indifferente Neutralität oder die nicht-neutrale Indifferenz der Maschinen, von der Hans-Dieter Bahr einst sprach. (Bahr 1983:14) Hierauf rekurriert in gewisser Weise auch Bernhard Stiegler, der die Technologie als ein Pharmakon (Gift und Kur zugleich) bezeichnet, dem vergiftende (repressive) und zugleich heilsame (Möglichkeiten eröffnende) Momente zu eigen seien. (Stiegler 2012) Solch eine Qualifizierung bezieht sich bei Stiegler auf technische Kategorien, die sich per se dem Politischen öffnen, insofern die Transindividuation der technischen Anordnungen und Objekte (Simondon) dem Ökonomischen sich immer auch schon entzogen hat. Mit dem Begriff der Transindividuation, wie ihn Simondon verwendet, ist angesichts unserer postindustriellen Situation zunächst von technischen Objekten zu sprechen, deren jeweilige Elemente stets Rekursionen bilden und innere Resonanzen zueinander unterhalten, während die technischen Objekte zugleich in äußeren Resonanzen zu anderen technischen Objekten stehen, um möglicherweise als offene Maschinen die ihnen eigene Technizität in den maschinellen Ensembles ausspielen zu können. (Simondon 2012) Und wenn Hans-Joachim Lenger konstatiert, dass die medialen Technologien einen anderen Text als den des Kapitals schrieben, dann sind daran ansetzend erneut die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie, Technik und Technik-Wissenschaft (Technologie) zu untersuchen. Es ist davon auszugehen, dass diese Relationen mit dem Begriff der Superposition (Überlagerung) erfasst werden können, insofern die Kapital-Ökonomie nach wie vor in der letzten Instanz determiniert und mittels der Strukturen des Techno-Logos die Techniken/Maschinen per se infiziert.[10] Insofern kommt das Kapital allerdings ohne den Einsatz  von  Philosophien, denen Laruelle eine onto-techno-logische Disposition zuschreibt, nicht aus.


[1] Vgl. dazu die von Hans-Georg Backhaus in einer Seminarmitschrift festgehaltenen Bemerkungen Adornos zum durchaus zwiespältigen Technikbegriff bei Marx: »Der Begriff der Technik bei Marx nicht klar. Dieser Begriff ist von Saint-Simon übernommen, ohne daß dieser seine Stellung zu den Produktionsverhältnissen durchdacht hätte. Diese sind einerseits das Fesselnde, andererseits wandeln sie sich ständig, und sie werden auch Produktivkräfte. Das ist die Problematik dieses Begriffs.« (Backhaus 1997: 512) Produktivkräfte wiederum sind Werkzeuge, Maschinen und Technologien, aber sie umfassen eben auch die Anwendung und Entwicklung eines spezifischen sozialen Wissens.

[2] An dieser Stelle ist vor allem die Totalisierung der eigenen Erklärungsansprüche der Naturwissenschaften zurückzuweisen. Hält man die Naturwissenschaften nämlich für fähig, die absolute Wahrheit auto-positional zu erlangen, so bleibt jene jeder Frage der Legitimation und Erklärbarkeit enthoben. (Vgl. Schlaudt 2014a: 14) Im primitiven Realismus greift man häufig auf die Korrespondenztheorie der Wahrheit zurück, nach der es immer zu einer Übereinstimmung von Gegenstand und Erkenntnis kommt, wobei dies voraussetzt, dass beide Bereiche als solche gegeben sind. Jedoch ist der Gegenstand, der hier vorausgesetzt wird, durch materiell-diskursive Praxen gegeben, insoweit man ihn erkennt, sodass sich schlussendlich Erkenntnis immer auch an Erkenntnis anlegen lassen muss. (Ebd.: 46) Allerdings darf dies wiederum nicht zu Etablierung eines philosophischen Korrelationismus führen, der die Welt ausschließlich für perzeptive Empfänger oder menschliche Beobachter (individuell/kollektiv) als real gegeben sieht. Zwar sind beispielsweise strittige Thesen über das Elektron im Kontext von physikalischen Experimenten per se von den sozio-ökonomischen Umständen und materiell-diskursiven Praxen und Technologien abhängig, in und mit denen diese Thesen entwickelt werden, und dennoch setzt man das Elektron n ja auch als unabhängig von der sozialen Konstruktion voraus. Es gilt damit zumindest die Ansprüche des philosophischen Kulturalismus zurückzuweisen, der die Technik in Form des ideell-funktionellen Diskurses rein normativ thematisiert, gleichwohl dieser Diskurs sich doch immer auf vorgefundene Techniken, die von den ökonomisch-historischen Gegebenheiten gar nicht zu trennen sind, beziehen muss.(Ebd: 26)

[3] Bei Deleuze/Guattari findet man Maschinen der ersten Synthesis (Wunschmaschinen) und der zweiten Synthesis (Aufzeichungsmaschinen). Diese schneiden den Strom der Wunschmaschinen und schreiben Zahlen und  Codes ein, um einen Mehrwert an Strömen zu erzielen. Immer wenn Deleuze/Guattari Maschinen der Produktion beschreiben, haben sie auch die Maschinen der Registration, der Vereinnahmung und der Regulation im Blick.

[4] Derrida hat in seiner kurzen Schrift Über das »Preislose« oder The Price is Right in der Transaktion darauf hingewiesen, dass das Verhältnis zwischen Geld und Technologie ein intrinsisches sei, und hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Indifferenz ins Spiel gebracht. (Derrida 1999: 18f.) Indem das Geld sein Prinzip an die Stelle des Tauschs setze, beschleunige es nicht nur die Zirkulation, sondern eröffne auch einen technologischen »Raum der Indifferenz«, der sich durch Wiederholung, Wiederholbarkeit und Substitution auszeichne. Damit sei die Quantifizierung und Mathematisierung der Ökonomie und schließlich die Neutralisierung der Zeit möglich. Zeitgewinn, den die neuen Kommunikationstechnologien an den Finanzmärkten zwar ermöglichten, sei aber vor allem der Essenz des Geldes selbst als Zeit (Geld ist Zeit) zu verdanken, und deshalb seien die Bewegungsgesetze des Geldes als Kapital und die der Technologie untrennbar miteinander verbunden. Als Kapitalbewegung und mehr noch als Bewegung eines über die Ökonomie hinausschießenden Begehrens (allgemeine Ökonomie) sei das Geld eine Ökonomie der Zeit, ja ein Uhrwerk, dass die Technologien, insbesondere die Kommunikationstechnologien, präge oder forme, als seine eigene Bewegung mitreiße. In der Geformtheit der Technologie durch das Kapital liegt wohl deren Nicht-Neutralität, was allein deswegen möglich ist, weil Technologie und Technik durch dieselbe Indifferenz wie das Geld gekennzeichnet sind. Technische Objekte sind wie das Geld indifferent, wobei ihre Zeichen (Industrienormen) ähnlich sein müssen, i. e. sie zeichnen sich durch Wiederholung, Wiederholbarkeit und Ersetzbarkeit aus.

[5] Welche Problematiken sich in diesem Feld auftun können, zeigt der ökonomische Diskurs  Sraffas, der das Beispiel der Kuppelproduktion anführt, bei der in einem Produktionsprozess mehr als nur ein Produkt erzeugt wird, sodass dem Einsatz einer gegebenen Arbeitsmenge mehrere Profitraten entsprechen können, womit es immer schwieriger zu entscheiden wird, welche Technik zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade für ein Unternehmen die kostengünstigste ist. (Vgl. Strauß 2013: 268) Die Frage der jeweiligen Technikwahl lässt sich dann über die Bestimmung eines objektiv-allgemeinen Innovationsbegriffs hinaus, der sich je schon auf die differenzielle Kapitalakkumulation und die relative Mehrwertproduktion bezieht, nur noch mit empirischen Studien beantworten.

[6] Wir haben es bezüglich der Daten mit Mappings und nicht mit Maps zu tun, weil die Kartographie nicht auf statische Maps limitiert ist, die auf Papier gedruckt oder am Computerbildschirm zu sehen sind. In den neuen Mapping-Systemen ist die Visualisierung der Daten gegenüber den räumlichen Daten-Systemen, die etwa Fakten über die sozialen Lebensverhältnisse der Bevölkerung sammeln und integrieren, in den Hintergrund getreten. Solche Innovationen samt ihren Algorithmen sind natürlich auch wichtig für die Finanzialisierung, die just-in-time Produktionssysteme und für die präventive Ausspähung jeder Art von zukünftiger Opposition.

[7] Gehlen, Habermas etc. begreifen die Technik als Organverstärkung, -ersatz und -entlastung. Dabei wird übersehen, dass die Multiplizierung der Organleistungen (von der Faust zum Stein, vom Auge zum Mikroskop) auf instrumentell unzulängliche Organe rekurrieren muss, die nur durch die Arbeit weiter ausgebildet werden können. Unzulängliche Werkzeugfunktionen der Organe, die in der Arbeitsteilung erst entstanden sind, werden in den Produkten von Arbeit aufgehoben, womit die Werkzeuge quasi subjektlos geworden sind.

[8] Im übrigen wird das Freund-Feind-Schema, das für die Apologeten des technischen Fortschritts stets dafür herhalten musste, um in der Maschine einen Verbündeten sehen zu können, anders herum auch von Ludditen benutzt, die umgekehrt die Maschine als ihren natürlichen Feind darstellen, also im selben Diskurs verbleiben, auch wenn sie nicht das Gleiche sagen. Hinsichtlich der Bestimmung des Begriffs der differenziellen Neutralität des Technischen liefert jenes Schema genau so wenig Anhaltspunkte wie das »Herr-Knecht-Schema«, in dem die Maschine zum Mittel, Ding oder Sklaven degradiert wird.

[9] Darüber hinaus ist nach den Voraussetzungen und Setzungen des Subjekt-Objekt-Verhältnisses in den Diskursen über die Maschinen selbst zu fragen. Wenn, wie Nietzsche gezeigt hat, der Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache ein bestimmtes Weltverständnis inhäriert, nämlich das der Ontologie von Substanz und Attribut, so kommt es mit der Prädikatisierung des Objekts »Maschine« zu einer Pseudosubjektivierung der Maschine, womit sie eine Grammatik besitzt, die letztendlich nur vom menschlichen Subjekt her gelesen werden kann. Die transzendentale Subjektivität kehrt die Maschine als das Uneigentliche hervor, und dort, wo die Maschinensysteme anfangen zu lernen und sich fortzupflanzen, muss der Kampf gegen ihre Verselbständigung mit aller Entschiedenheit geführt werden. Diese anthropologische Maschinenpolitik versucht über bestimmte Analyse- und Messverfahren wiederum auch die Kontrolle über die Menschen zu er- und behalten und bringt damit aber nur neue maschinelle Effekte hervor. (Vgl. Bahr 1983: 271) Insofern wäre Latour zumindest darin Recht zu geben, dass die Anwendung des asymmetrischen Herr-Knecht- oder Freund-Feind-Schemas, egal an welche Stelle man nun die technischen Objekte setzt, das Problem des Technischen nicht lösen kann, bringt doch gerade der Diskurs der Anthropozentrik, indem er verbissen an der Dominanz des menschlichen Subjekts festhält, seine  eigene Auflösung mit sich.

[10] Dabei hat die marxistische Technikkritik gerade diese Position kaum berührt, kurzfristig vielleicht bei Herbert Marcuse (vgl. Marcuse 1970: 127), der von der Technik als der gegenständlichen Herrschaft des Kapitals sprach, um dann doch wieder zur Definition der Maschine als einem neutralen Instrument zurückzukehren, das man politisch so oder so einsetzen könne. Bahr hingegen bestand früh darauf, dass die technische Rationalität als eine spezifische Vergegenständlichung der kapitalistischen Arbeitsteilung gedacht werden müsse. (Vgl. Bahr 1970: 75)

Fortsetzung folgt

Teil 1 hier 

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