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Bemerkungen zu Stieglers “Automatic Society. The Future of Work” (1)

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23 Jul , 2017  

Wir werden systematisch von Kapitel zu Kapitel die Gedankengänge Stieglers verfolgen, um dann zu einer Einschätzung und Kritik zu kommen. Beginnen wir mit dem durchaus anfechtbaren Begriff des Anthropozäns bei Stiegler (siehe dazu Jason W. Moore und seine Einführung des Begriffs Kapitalozän), der sich hier weniger auf die Gestaltung der Erde durch die gesamte Menschheit, sondern auf die am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Bedingungen einer generalisierten Proletarisierung bezieht, die bis hin zu der Phase reichen, mit der das Anthropozän definitiv ein geologischer Faktor wird, der eine geologische Zeit inhäriert, der Grund für eine massive und beschleunigte Entropie des Globus. Das Anthropozän, dessen Geschichte für Stiegler von der des Kapitalismus nicht getrennt werden kann, beginnt mit der »organologischen Industrialisierung«, in der die Kalkulation und Buchführung jeden Prozess der Entscheidungsfindung dominiert, während die algorithmischen und mechanischen Prozesse sich in der logischen Automation und der Automatisierung eines durch und durch kontrollierten Sozialkörpers materialisieren, mit dem die Ankunft des Nihilismus heraufzieht. Die Erfindung der thermodynamischen Maschine bedeutet eine fundamentale Unterbrechung in der Menschheitsgeschichte und schreibt die Prozessualität, die Irreversibilität des Werdens und die Instabilität des Gleichgewichts ins Zentrum der Physik ein. Diese Maschine, die für die Physik die Frage der dissipativen Energie stellt, ist zugleich ein technisches Objekt, das die sozialen Beziehungen und Organisationen umfassend verändert und die Epoche der Technowissenschaften dokumentiert. Das technische Objekt, das für die Verbrennung steht, inhäriert das Problem des Feuers und dessen Pharmakologie ab jetzt sowohl auf der Ebene der Astrophysik als auch auf der Ebene der menschlichen Ökologie.

Das Anthropozän leitet die geologische Periode des Menschen ein, in der die Kohlenstoff- und Stickstoffzyklen auf kosmischer Ebene bedeutsam werden. Damit werden die leitenden Vorstellungen eines Dualismus von Natur und Kultur außer Kraft gesetzt. Latour schreibt in seinem neuen Buch »Gaia«, dass angesichts der Hohlheit unseres kostbarsten Werte Deleuze/Guattari nicht zufällig von einer geologischen Moral sprechen, und das heißt eben auch, dass sie in einer Ent- oder Umwertung der Werte besteht. Marx und Nietzsche können dann zusammen gelesen werden, wenn die Ökonomie zu einer Dimension des Kosmos und damit zu einer Ökologie wird, womit die ökonomischen Werte und die moralischen Entwertungen zu einer Transvaluation führen, die heute im Nihilismus des Konsums endet, der allerdings durch einen neuen Wert aller Werte überstiegen werden kann, den Stiegler die Negentropie bzw. die Anti-Entropie oder die negative Entropie nennt.

Seit der industriellen Revolution, der Thermodynamik und die Grammatik der Gesten insistiert und dominiert die Theorie der Entropie in der Frage der Redefinition der Werte, womit für Stiegler sich aber das Problem um das Verhältnis von Entropie und Negentropie weiterhin und neu stellt. Es gilt heute organologisch und zugleich pharmokologisch (das englische Wort, Gift als toxisch und Geschenk zugleich) zu denken, was unter dem Begriff des Entropozäns und der Negenthropologie gefasst wird, wofür wiederum die Matrix der Technik wesentlich ist.

Das Anthropozän stellt also für Stiegler zugleich einen Ausgang dar, der zum Neganthropozän führt, wobei dieses anzeigt, dass die Zeit, die durch die umfassende Automation der Produktion eingespart wird, in neue Kapazitäten, die der De-Automatisierung dienen, investiert werden muss, das heißt für die Produktion von Negentropie, einer befreiten Zeit, die neue Werte generiert und die Arbeit neu erfindet, aufgewandt werden muss. Eine Kultur der De-Automatisierung, die gerade durch die umfassende Automatisierung der Produktionsprozesse möglich wird, muss neue Werte der Negentropie schaffen und sich auf die freie Zeit der Bevölkerung beziehen. Heute wird unmittelbar einsichtig, dass das Artefakt der Ursprung der Menschwerdung ist, und dies führt Stiegler zur Frage einer praktischen Organologie bzw. einer Produktion, die wesentlich auf Erfindung beruht. Eine technologische Epoche ist etwas, das mit einem schon konstitiuierten Automatismus, der lange sozialisiert wurde, bricht und die Kapazität besitzt, durch die Aneignung des Wissens die eigene De-Automatisierung herzustellen: Die Suspension der sozialen Automatisierung findet genau dann statt, wenn neue asoziale Formen der Automatisierung auftreten. Dabei werden neue Formen der De-Automatisierung im Sinne der Negentropie freigesetzt, um neue soziale Organisationen zu erfinden. Das Wissen ist immer auf diese Prozesse bezogen, während die Dummheit rein von der Automatisierung profitiert.

Stiegler bezieht sich hier auf die Epistemologie Canguilhems, der das Wissen des Lebens nicht nur in der Biologie, sondern auch im System, dem Milieu und in den Prozessen der Individuation entdeckt, wobei das Wissen in der Verbindung mit der Technologie die Bedingung und die Zukunft des Lebens ist. Dies korreliert mit dem Wissen der Individuation (Simondon), eine Individuierung, die stets weiß, dass sie fragil ist. Das Wissen als Bedingung der psychischen und kollektiven Individuation kommt immer zu spät, es ist sich nicht selbst genügend, es enthält das Wissens der Arbeit und des Lebens, das sich selbst übersteigt und von der technischen Individuation überstiegen wird, die wiederum Generationen von technologischen Schocks erzeugt, um neue Epochen des Wissens hervorbringen. Dabei macht die natürliche Selektion der artifiziellen Selektion Platz. Die Technik ist für Ziegler eine Akzentuierung der Negentropie, der Agent einer wachsenden Differentation, zugleich aber auch der Beschleunigung der Entropie, und dies nicht nur im Sinne der Verbrennung und der Dissipation von Energie, sondern als industrielle Standardisierung, die zur Zerstörung des Lebens, dem die Proliferation von Differenzen eigen ist, führen kann, man denke an die Reduktion der Biodiversität, der sozialen und psychischen Diversität (im Sinne von Singularitäten).

Generell hat die Automation, die wir seit dem Taylorismus kennen, eine hohe Menge an Entropie hervorgebracht, und dies auf solch einer monströsen Ebene, dass die Humanen und insbesondere die Jugendlichen heute allen Grund haben, an ihrer Zukunft zu zweifeln. Mit der weltweiten Einführung des Internet im Jahr 1993 ist für Stiegler das Anthropozän in eine neue Epoche vorgedrungen, eine Epoche der kompletten Automation, die durch die Industrie der netzwerkartigen digitalen Spurensicherung ermöglicht wird. Gleichzeitig eröffnet die Automation jedoch auch negentropische Möglichkeiten, insofern die Vernetzung neue Möglichkeiten der Arbeit anbietet – als das Ende der Epoche der Beschäftigung zeigt sich sogar schon die generelle und komplette Automatisierung an, die  zu einer Umgestaltung der Werte führt, wobei die soziale Arbeitszeit aufhört das relevante Mittel der Messung zu sein und der Tauschwert nicht länger den Gebrauchswert bestimmt, und schließlich der Wert des Werts negentropisch wird.

Die industrielle Exploitation der digitalen und modellierten Spuren kondensiert heute die entropische Katastrophe des Anthropozän, die ins Nichts führt. Der 24/7 Kapitalismus und die algorithmische Governance inhärieren die hyper-entropischen Funktionsweisen des Kapitals, welche andauernd die Rhythmen der konsumistischen Destruktion beschleunigen, indem sie eine strukturelle Insolvenz einführen, die in einer generellen Betäubung und funktionalen Verdummung besteht (nicht unähnlich den Blödmaschinen von Metz/Seeßlen), wobei die negentropischen Kapazitäten, die vom Wissen ausgehen, umfassend zerstört werden. Die gegenwärtigen Infrastrukturen der Vernetzung, die auf mobilen Gräten wie dem Smartphone, dem webbasierten Fernsehen und schließlich dem smart house und der smart city basieren, modellieren eine Gesellschaft der Hyper-Kontrolle.  Das vernetzte Fernsehen ist ein Tool, mit dem die Subjekte totalitär durchleuchtet und ausgespäht werden. Es sammelt enorme Mengen von Daten, es registriert, wann, wo, wie und wie lange man das TV benutzt, es setzt Cookies und Beacons und zeichnet die Apps auf, die man benutzt, die Webpages, die man besucht und wie man mit dem Content umgeht.

Das Smartphone wiederum hat zu einem realen Wandel der Hardware der digitalen Infrastrukturen geführt, insofern die Operationen, Funktionen und manche Optionen im Gegensatz zum Laptop nicht länger dem User zugänglich sind. Dabei nimmt der Baseband-Chip eine wichtige Funktion ein, insofern jede Kommunikation mit dem Außen – SMS, Email, Daten, Telefon – durch ihn passieren muss. Er wird schließlich mehr und mehr mit dem Inneren des Mikroprozessors fusioniert, womit man als User nichts mehr kontrollieren noch über die Prozessoren wissen kann. Die Smartification, die auf algorithmischer Regulierung beruht, ist Teil eines neuen Typus kybernetischer Governance. Es handelt sich für Stiegler hier um die Exploitation, Speicherung und Reproduktion einer ternären digitalen Retention, die jeden strukturellen Konflikt, jede Nichtübereinstimmung und Kontroverse zu eliminieren trachtet.

Das Speichern eines vorhergegangenen Ereignisses in der gegenwärtigen Wahrnehmung (Perzeption) wird von Stiegler im Anschluss an Husserl als »primäre Retention« bestimmt. Von dieser ist das Gedächtnis bzw. die »sekundäre Retention«, die der Vergangenheit angehört, zu unterscheiden. Während Husserl die beiden Retentionen trennt, sind sie für Stiegler nicht nur kombiniert, sondern werden durch die »tertiäre Retention« ergänzt, die durch die technische Speicherung auf die jederzeitige Abrufbarkeit von etwas abstellt, wobei durch Wiederholungen unterschiedliche Wirkungen erzielt werden können. Tertiäre Retentionen werden durch phonogrammatische, kinematografische oder alphabetisch Objekte produziert. Die algorithmische Governance eröffnet schließlich die technokratische Utopie einer Politik ohne Politik. Auf Foucault bezogen kann man hier von einem transhumanistischen Programm sprechen, das über die Versicherungen und neue Formen der Medizin nicht nur zur Reprogrammierung des Staates, sondern auch des menschlichen Körpers führen soll.

Foro: Bernhard Weber

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