Berlin Meine Schöne

Mein Gespräch, meine Lieder

mein Hass und mein Glück

mein Tag, meine Nacht, mein Vor, mein Zurück

meine Sonne und Schatten, Zweifel, die ich hab

an dir und in mir bis zum letzten Tag

deine Straßen, wo ich fliehe, stolper und fall

deine Wärme, die ich brauch, die ich spüre überall

Klaus Hoffmann – Berlin

Zickenplatz im Dunkeln, ferne Erinnerungen, alte Geschichten, tolldreiste Nächte, wilde Fluchten, heute hängen die Straßen und Bürgersteige voller Menschen, alles ganz ruhig, aber das ist nur die Konzentration, der Moment sich zu sammeln vor dem Sprung. Dann knallt Body Count aus dem Lautsprecher, und alles setzt sich in Bewegung, schnell, aber nicht hektisch. Eine schwarze Menge, die sich durch die Straßen schiebt. Die ersten Fenster zersplittern, dieses dumpfe Dong, wenn der Stein aufprallt, dass du tausend mal gehört hast und das du nie wieder vergessen wirst wie das Rauschen des Meeres oder den Atmen des Geliebten im Bett neben dir.

Irgendwo laufen die Bullen seitlich mit, Pyros, Knaller und Steine fliegen ihnen um die Ohren. Eine Scheibe nach der anderen fällt in sich zusammen, du findest die alten Gefährten, wie selbstverständlich, kurze Umarmungen, du schlüpfst in dein alte Haut, das verwaschene Halstuch, an dem du so hängst, bedeckt jetzt dein Gesicht. Scherze unter alten Männern, die Wehwehchen, die vergessen sind, die morschen Knochen, die noch einmal tanzen.

An der Kottbusser Brücke zieht ein Bullentrupp halbherzig auf die Fahrbahn, der allseits bekannte Haufen Zivis taucht aus einer Seitenstraße auf. Kurzes Zögern, ein paar werden hektisch, aber dann kassieren die Bullen schon wieder Steine und die Zivis rennen panisch zurück in die dunkle Seitenstraße. Der Kotti taucht auf, ein Ring aus Licht, du siehst schon die lauernden Hundertschaften, das übliche Szenario, aber Käsekuchen, die Bullen fahren Raumschutzkonzept, eine taktische Katastrophe, bekommen ihre Truppen nicht schnell genug verlegt. Die Bullen und Wannen, die am Kotti postiert sind, kassieren Wurfmaterial bis Anschlag, irgendwo gehen weitere Scheiben und obere Preisklasse Schlitten kaputt. In der Reiche dann der erste wirklich große Bullentrupp. Wartet erst unschlüssig auf dem Gehweg, während der Frontblock einfach weiter zieht, die ganze Zeit fliegen Steine und Pyros, die Bullen stürmen dann los, ein Teil dem Frontblock hinterher, ein Teil rennt wie bescheuert den Gehweg Richtung Kotti runter. Die Demo reorganisiert sich, den Frontblock haben die Bullen auch nicht erwischt. Am O Platz erwischt es die nächsten Bulleneinheiten, ein Trupp flüchtet in Panik hinter sein Gruppenfahrzeug, das Schickimicki Hotel am Platz verliert ein paar seiner Sicherheitsglasfenster, Abendgesellschaften fliehen angesichts der unverhüllten Realität aus dem Foyer.

So langsam haben die Bullen ihre Truppen umgruppiert, nach 20 Minuten vollständigen Kontrollverlusts in der Oranienstraße jetzt Spalier, Ecke Adalbert brechen aber schon die ersten Gruppen wieder aus, Richtung Köpi. Ein halbe Hundertschaft hinterher, ein paar Steinwürfe später stoppen sie aber sichtlich beeindruckt die Verfolgung. Na gut, also Spalier, aber dann eben Stimmung, Tausende ziehen mit Parolen durch die mit Touristen, Nachtwärmern und verbliebenen Einheimischen bevölkerten Oranienstraße, das rhythmische Klatschen hallt von den Fassaden zurück. Dann zähes Stopp und Go durch die dunklen, engen Seitenstraßen. Die Bullen zupfen an den Seitentranspis und Schirmen, machen heute aber nicht den Larry, sichtlich verunsichert. die Demo noch immer mit Anmeldung und Lauti, während sonst wegen jedem Scheiss aufgelöst wird, lassen sie heute lieber laufen, die Angst vor dezentraler Action muss tief sitzen.

An der Köpi Bullenmassen und Wasserwerfer, trotzdem aus dem Dunkeln Abwerfen der nachrückenden Fahrzeugkolonne der Bundespolizei, irgendwann erreicht die Demo wieder die Adalbertstraße, ein letztes Aufstoppen, dann sickern die Gruppen langsam raus. Einige hundert finden noch den Weg zurück in die Oranienstraße, wo auswärtige Bulleneinheiten vom Bierflaschen schwenkenden Völkchen angepöbelt werden. Die alten Knochen fangen wieder an zu frieren, im Hahn ist es schön warm von Schnaps und Liebe, überall strahlende Gesichter, viele Umarmungen, aufgeregtes Vibrieren, ein typischer Freitagabend, bis ein Trupp Bullen unvermittelt den Laden stürmt. Auf alles einschlägt in der engen, knallvollen Kneipe, wo alles übereinander stolpert und fällt, aber trotzdem keine Panik und man hilft sich wo man kann inmitten des Tumults. Schläge im Schwitzkasten gegen den Kopf, einige gehen zu Boden, zwei schleppen sie raus. Dann verpissen sie sich wieder. Rolläden fahren runter, Tische werden nach vorne geschoben, Blessuren versorgt. Vor der Kneipe eine Masse Bullen. Alte Kreuzberger Historie, vom Verwertungsprozess ausgemustert, aber immer noch mit einem Barhocker in der Hand, wenn sie nochmal stürmen. Lassen sie aber sein. Raussickern in die Nacht, von Genossen in Empfang genommen, der Schädel brummt, aber scheiss drauf. Begrabt mein Herz am Heinrichplatz.

Aus dem Nebel, Sebastian Lotzer, den 16.10.2021

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