Bon anniversaire! Gilets Jaunes

written by Johnny

Mitte November 2018 betraten die Gilets Jaunes die geschichtliche Bühne, am 17. November ereignete sich l’Acte 1 (dem Wochenende für Wochenende unzählige weitere folgen sollten, nur in der Hochphase der Corona Pandemie gab es eine, intern umstrittene, Pause), an diesem ersten beteiligen sich in ganz Frankreich fast eine halbe Million Menschen, an über 2000 Orten wurden Straßen, Autobahnen und Bahnhöfe blockiert, in Paris versuchten mehrere tausend Menschen die Bullenabsperrungen in Richtung Präsidentenpalast durchzubrechen. Zwei weitere extrem turbulente Wochenenden folgten, mit Straßenkämpfen in etlichen französischen Städten, aber vor allem in Paris, wo es trotz tausender Bullen zu Straßenschlachten auf den Champs Elysées kam, Luxusgeschäfte in den nobelsten Vierteln von Paris geplündert wurden. Viertel, die selbst während des Paris Mai 1968 “verschont” geblieben waren. In der Zuspitzung wurde schon Macron auf eine mögliche Evakuierung des Präsidentenpalastes vorbereitet, Hubschrauber standen in Bereitschaft, Scharfschützen bezogen Stellung.

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Diese Non Bewegung (1) überfordert(e) die Begriffswelten vieler Linken, in Frankreich und darüber hinaus. Antisemitismus, verkürzte Kapitalismus Kritik, keine wirklich politische oder/und revolutionäre Agenda, die Vorwürfe und Diffamierungen waren vielfältig. Und ja, es gab (und gibt) eine reaktionäre Tendenz innerhalb dieser Bewegung, gerade in der Anfangsphase versuchten organisierte Faschisten Einfluss zu nehmen und es dauerte bis sie ganz handfest aus den Demos und von den Aktionen geprügelt worden waren. In Paris etablierte sich nach der ersten Hochphase ein merkwürdiger Ordnerdienst, an dem sich ex Militärs und Rechte beteiligten, es waren Aufrufen aus den Vororten, aus den Zusammenhängen der Selbstorganisierung von Migrant*nnen gegen Polizeigewalt, von linken, unabhängigen Gewerkschaftlern notwendig, um dagegen zu mobilisieren und diese Figuren aus den Demos raus zu werfen.

Es folgten zahlreiche Integrationsversuche, Steuererhöhungen wurden zurückgenommen, bekanntere Gesichter der Bewegung wurden als neue Stars der alten Parteien präsentiert oder versuchten ihr eigenes politisches Süppchen als Wahllisten zu kochen, sie alle waren nach ein paar Wochen von allen Demos und Aktionen vertrieben, teilweise berichteten die bürgerlichen Medien davon, dass einige Figuren auch ihr Engagement aufgegeben hätten, nachdem sie persönlich bedroht worden waren. Wie auch immer, niemand erinnert sich mehr an diese Gesichter, aber die Gilets Jaunes sind immer noch da. Tausend Mal wurden sie seitdem totgesagt, von den Medien, der politischen Klasse, der etablierten Linken und den großen Gewerkschaften. Aber sie sind immer noch da. Jedes Wochenende weht irgendwo in Frankreich Tränengas durch die Innenstädte, weil die Gilets Jaunes durch die Straßen ziehen.

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Nun also 3 Jahre Gilets Jaunes. Man sagt, Bewegungen sterben spätestens an ihren Jahrestagen. Nun, vielleicht ist das eine historische Wahrheit. Vielleicht aber auch scheren sich die Gilets Jaunes einen Scheissdreck um historische Wahrheiten. So wie sie auf alles scheissen, den Staat, die Bullen, die alten, linken Gewerkschaften, die ganzen linken Lautsprecher. Was soll ihnen auch noch geschehen…

Nachdem dutzende Menschen bei den Aktionen der Gilets Jaunes ihr Augenlicht verloren haben, weil die Bullen ihre Gummigeschosse auf Kopfhöhe abgefeuert haben, Menschen ihre Hände abgerissen wurden von den Offensivgranaten, die die Bullen nach wie vor einsetzen. Schon 1977 verlor Vital Michalon sein Leben durch eine solche Offensivgranate bei einer Demo am AKW Malville, 2014 starb Rémi Fraisse bei Protesten gegen ein Staudammprojekt durch ein solches Geschoss.

Nach abertausenden von Gerichtsverfahren, etliche hundert Gilets Jaunes haben das Gefängnis (2) von innen kennengelernt, verwegene Gilets Jaunes haben sogar schon versucht einen Knast zu stürmen, um ihre Kampfgefährten zu befreien, sie schafften es immerhin bis in den ersten Innenhof.

Nun also 3 Jahre Gilets Jaunes. An hunderten von Orten trafen sie sich wieder, an den Kreisverkehren, vor den Bahnhöfen, bei den Blockaden der Straßen und Autobahnen, bei Besetzungen von Institutionen und am 20. November auf den Demos in ganz Frankreich. In Paris sind es vielleicht an die 8.000, es war nicht groß überregional nach Paris mobilisiert worden. Aber einige sind trotzdem in die Hauptstadt gekommen, der black bloc fällt grösser aus als gedacht.

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Diesmal kommen alle zur “genehmigten” Demo, aber schon nach wenigen Metern der erste Ausbruch aus dem polizeilichen Wanderkessel, das erste Tränengas. Das geht so in Etappen über Stunden weiter, an diesem einzigen Tag wird in Paris mehr Tränengas verschossen als in Deutschland in einer Dekade. Aber alle bleiben, im Rücken der Bullen werden immer wieder Barrikaden gebaut und in Brand gesteckt, um Druck vom Kessel zu nehmen, am Ende singen Tausende im Licht der Straßenlaternen das Lied der Gilets Jaunes. Standesgemäß ziehen nach der eigentlichen Demo noch an verschiedenen Orten ein halbes Dutzend manifs sauvages durch Paris, eine Gruppe hat es sogar auf die hermetisch abgeriegelten Champs Elysées geschafft. Nein, es war nicht die “grosse Schlacht”, auch nicht die Episode 2, wie es mancherorts hiess. Es war einfach nur ein trotziges Lebenszeichen und eine Ermutigung für alle, die wütend, verletzt und ohnmächtig zusehen müssen, wie ihr Leben den Bach runter geht.

Doch lassen wir doch einfach einen Gilets Jaunes anlässlich des Jubiläums selbst zu Wort kommen. Der “Brief eines anonymen Gilets Jaunes” erschien am 17. November auf Cerveaux Non Disponibles:

3 Jahre. So weit weg, so nah.

Wenn ich an die ersten Aktionen der GJ zurückdenke, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Es war einer der eindrucksvollsten Momente meines Lebens. Verrückte Erinnerungen. Viele neue Begegnungen. Und die Hoffnung! Mehrere Wochen lang schien uns alles möglich. Die Gesellschaft zu verändern, unser Leben zu verändern.

Aber ich bereue auch sehr viel und habe ein echtes Gefühl der Enttäuschung: Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht weit genug gegangen bin, dass ich nicht mehr „Risiken“ bei den Aktionen eingegangen bin, bei denen es hätte kippen können.

Wenn ich an die Tausenden von GJ denke, die verletzt wurden oder im Gefängnis saßen, sage ich mir, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen war. Dass ich meinen Körper und mein Leben noch mehr hätte einsetzen müssen.

Ich war von der ersten Aktion an dabei. Ich habe in drei Jahren an über 100 GJ-Versammlungen teilgenommen. Ich habe Barrikaden errichtet und angezündet. Ich stand an der Frontlinie. Ich habe an extrem entschlossenen wilden Demos teilgenommen, an der Übernahme von Orten (öffentlichen und privaten), an Besetzungen. Zu mehreren Zeitpunkten hätte ich festgenommen, verurteilt und/oder verletzt werden können. Man könnte also meinen, dass „ich meinen Teil dazu beigetragen habe“.

Aber nein, wenn ich darüber nachdenke, habe ich nicht alles getan, was ich hätte tun können. Und ich bereue es. Und ich entschuldige mich dafür bei den Tausenden von GJ, die ihren Traum bis zum Ende verfolgt und dafür einen hohen Preis bezahlt haben.

Denn wenn ich heute den Zustand unserer Gesellschaft sehe, wie Macron und seine Polizei es geschafft haben, die Hoffnung auf eine Volkserhebung zu zerschlagen, und nur noch die reaktionären Impulse hörbar zu sein scheinen, dann sage ich mir eines: Wenn es nötig gewesen wäre, dass ich ein paar Monate im Gefängnis sitze oder verletzt werde, damit der Ausgang der Bewegung zu einem Sturz des Systems führt, dann hätte ich es getan. Ohne zu zögern.

Natürlich maße ich mir nicht an zu glauben, dass mein Handeln den Lauf der Geschichte verändert hätte. Außer, dass bekannt ist, dass mehr als 4000 Gelbwesten verletzt und mehr als 3200 verurteilt wurden. Man kann also davon ausgehen, dass fast 10 000 Citoyens auf die eine oder andere Weise den Preis für diese Revolte bezahlt haben. 10 000. Das ist eine enorme Zahl. Aber wir wissen auch, dass es mindestens fünf- bis zehnmal so viele waren, die zu fast allem bereit waren, um zu sehen, wie die Bewegung zum Sturz des Regimes und des Systems führt. Wenn unter den 30.000 bis 50.000 enttäuschten Gelbwesten, die das Glück hatten, nicht unter den Folgen der Repression zu leiden, weitere 10.000 gewesen wären, die ihr Engagement auf die Spitze getrieben hätten, und zwar mit den aufständischsten Handlungen, dann hätte das Ergebnis meiner Meinung nach anders ausfallen können.

Man kann nicht nur mit ständigen Bedauern leben. Aber ich wollte diesen dritten Jahrestag der schönsten Volksbewegung, die ich in meinem Leben erlebt habe, nutzen, um denjenigen zu danken, die daran teilgenommen haben, die sich mit Leib und Seele engagiert haben. Ihnen zu danken und mich dafür zu entschuldigen, dass ich nicht so weit gegangen bin, wie ich letztendlich hätte gehen wollen und können.

Fußnoten

  1. Der vielleicht beste Text zu den Non Bewegungen ist “Vorwärts Barbaren” von endnotes, eine deutsche Übersetzung findet sich auf Sunzi Bingfa https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2021/01/11/vorwaerts-barbaren/
  2. „SIE NANNTEN UNS POLITISCHE GEFANGENE“ – INHAFTIERTE GILETS JAUNES ERZÄHLEN IHRE GESCHICHTE

https://non.copyriot.com/sie-nannten-uns-politische-gefangene-inhaftierte-gilets-jaunes-erzaehlen-ihre-geschichte/AutorsunzibingfaVeröffentlicht amKategorienSūnzǐ Bīngfǎ Nr. #31 – 13. Dezember 2021SchlagwörterCerveaux Non DisponiblesGilets JaunesJ

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