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Brian Massumis “On the Revaluation of Value” (4)

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19 Mrz , 2018  

Um den Wert wiederzugewinnen muss man sich jenseits des Regimes der Urteile bewegen und das heißt als erstes ihn von der Quantifizierung entkoppeln, womit er als ethisch, qualitativ und innerweltlich ausgewiesen werden kann. Eine neue Ethik ist relational und ökologisch im weitesten Sinne.

Die Lohnarbeit ist nur ein Beispiel für die Generierung des Mehrwerts, wobei die Automation ihre Bedeutung schmälert, und hier sind vor allem die Finanzmärkte und das Internet zu beachten, die den Mehrwert als den Effekt einer relationalen Bewegung kreieren. Dazu benötigt man ein Konzept des Mehrwerts von Strömen. Im Internet besitzt der Mehrwert wenig Bezug zum formalen Input an Zeit, Arbeit und Investment. Konsumenten werden informelle Produzenten, indem sie fast grenzenlos ihre Lebenszeit und vitale Aktivität einbringen, ihre freie Gaben als fixes Kapital in der Form von Daten kompatiblen Instrumenten. Die daraus resultierenden Meme-Effekte können sich exponentiell erhöhen, i.e. die sich erhöhende Disproportion zwischen Input und Output in Bezug auf den Mehrwert der Ströme zeigt, dass die Arbeitswerttheorie neu überdacht werden muss. Den Mehrwert an Strömen bezieht Massumi einerseits direkt auf das Marx`sche Konzept des zinstragenden Kapitals, andererseits auf das Konzept des maschinellen Mehrwerts bei Deleuze/Guattari Für Massumi nimmt der Mehrwert der Ströme, die Erhöhung der Umschlagzeiten und die Katapultierung von immer mehr Sektoren auf die Weltmärkte im Neoliberalismus eine zunehmende Bedeutung ein. Sie äußert sich auch in der Sucht der Investoren nach Liquidität.

Das Konzept des maschinellen Mehrwerts, das aufgrund der Automation und Computerisierung an Bedeutung gewinnt, geht nach Massumi schon auf das Marx`sche Maschinenfragment zurück, in dem die Automation als die Objektivierung des generellen Intellekts bezeichnet wird, wobei das soziale Wissen direkt in eine Produktivkraft trabsformiert wird. Im Internet wird die sozial notwendige Arbeitszeit auf die Dünne eines Clicks reduziert und mit jedem Click arbeiten die User selbst noch in der Freizeit hart an der Produktion des kapitalistischen Mehrwerts. In der digitalen Welt ist der Mehrwert an Strömen gleich dem Mehrwert an Information. Auch die Finanzmärkte kapitalisieren den Mehrwert an Strömen, und zwar im Leveraging von Differenzialen. Dabei sind die Derivate reine Operatoren des Mehrwerts, die nur in der Zirkulation existieren. Sie sind in erster Linie Produkte der Zirkulation und nicht der Arbeit. An den Finanzmärkten nehmen die Differenziale die Form von Spreads zwischen ökonomischen Sektoren, nationalen Währungen, finanziellen Instrumenten und Zeitintervallen an; die Differenziale sind in der Zeit relativ zu allen andern

Das Kapital besitzt eine Reihe von Formen – Maschinen als konstantes und Arbeit als variables Kapital, finanzielle Instrumente und industrielle Investments, soziales und kulturelles Kapital. Im Neoliberalismus firmiert das Individuum als Humankapital, insofern es in der Lage ist, die Bewegung des Kapitals lokal zu verkörpern. Die Lebensaktivität transformiert zu einem Quantum an kapitalistischem Mehrwert. Der Job besteht nun einfach darin, auf den Bewegungen des Kapitals zu surfen, sich auf den rapide die Anforderungen wechselnden Arbeitsmärkten wettbewerbsfähig zu machen oder als ein unabhängiger Unternehmer zu fungieren. Die Jobbeschreibung des Individuums wird zu einer Beschreibung des eigenen Lebens, es muss sich nun strategisch um qualitativen Differenziale kümmern, die sein Leben zusammensetzen. Massumi schreibt: These include, among others, the differentials between leisure time and work time, skill development and the application of acquired knowledge, friendship and networking, discipline and improvisation, energizings and replenishment, immediate satisfaction and tactical deferral. A fundamental task is to glean surplus-value of information and leverage it. This involves producing surplus-value of perception (Massumi 2014a; T34 Schol. e), not to mention surplus-value of sociality—a whole spread of qualitatively different surplus-values.

Das dynamische Bündeln all dieser Differenziale komponiert den integralen Mehrwert des Lebens –  das Individuum als Humankapital auszeichnet. Der Mehrwert des Lebens wird im kapitalistischen Prozess total vereinnahmt. Eine Einheit des Humankapitals ist ein Quantum Mehrwert an Leben, das durch die Bewegung des Kapitals als eine Funktion des Selbsttriebs vereinnahmt wird. Was kann besseres passieren als das individuelle Werden dem Kapital gleichzusetzen? In diesem Kontext ersetzt für Massumi die komplizenhafte Gläubiger-Schuldner Beziehung den Antagonismus zwischen Arbeiter und Kapitalist als die dominante differenzielle Spannung: »The creditor-debtor relation is the black sun around which the neoliberal production of capitalist subjectivity comes to revolve.«

Das Potenzial des finanziellen Kapitals die Spreads zwischen allen anderen Formen des Kapitals zu hebeln und Mehrwert aus den komplexen Patterns von Strömen zu extrahieren, macht es zu einer Art Metakapital. Die Automatisierung des finanziellen Kapitals nimmt für Massumi die Form der Derivate an, bei denen unter anderem auf die Bewegung der Underlyings spekuliert und die Volatilität kapitalisiert wird. Im Falle von CDS sind die Underlyings Schulden, womit Schulden zu einem Kreditinstrument werden, das weitaus mächtiger ist als das einfache zinstragende kapital. Die Differenz zwischen Verbindlichkeit und Asset wird hier auf einem Metalevel einkassiert und damit auch die Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Aktivitäten in der Ökonomie. Mit Massumi gehen wir davon aus, dass die Finanzindustrie heute der führende Sektor in der kapitalistischen Ökonomie ist. Massumi schreibt: “The emphasis on financial capital is in fact one of the key defining characteristics of neoliberalism. The neoliberal economy is increasingly anchored in the tendential unanchoring of financial capital from the productive economy. The tables have turned, to the point that it is the productive economy that might more accurately be considered secondary to financial capital. The two realms of the capitalist economy still revolve around each other, but the power relation has shifted, turned upside down. This self-turning of capitalism on its own head vastly increases volatility . . . which only further feeds the ability to game surplus-value of flow, actually strengthening the financial sector, which up until now has been able to skate past the periodic crises that inevitably result. The workhorse of industrial capital has been displaced by the cat of financial capital. Neoliberalism repeatedly throws the economy into air, trusting it to land back on its feet (onto the backs of the self-acting mules it rides). Under neoliberalism, in Herman Minsky’s oft-quoted dictum, the high-risk surfing of volatility has become so integral to the economy that it is now the case that “stability is destabilizing” (Minsky 1982, 26). Seen in this light, the jargon of “securitization” seems like a bad capitalist joke.”

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