Biopolitics, EconoFiction

Brian Massumis “On the Revaluation of Value” (6)

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27 Mrz , 2018  

Die Frage der Normen und der Macht ist sehr kompliziert; es gibt keinen singulären Machtmodus, sondern deren viele. Man muss die verschiedenen Formen der Vereinnahmung durch die Macht und das Verhältnis der Formen zueinander diskutieren. Das Kapital ist selbst ein Machtmodus, der andere Machtformen integriert, ohne sie gänzlich auszuradieren; es ist ein weltweiter Apparat der Vereinnahmung. Dies ändert nicht daran, dass die Derivate heute der dominante Modus des Kapitals sind, was die Dynamik (Leveraging) und die Wertgrößen anbetrifft, die das Kapital transferiert. Und gerade dies macht die Logik der Derivate auch zu einem wichtigen Teil des Kapitals als Machtformation.

Massumi schlägt nun eine weitere Definition des Derivats vor – für ihn ist es ganz allgemein jeder emergente Effekt, der ein komplexes qualitatives Differenzial aufzeichnet. Und die affektive Resonanz ist im Verhältnis dazu ein »event-derivative.«, das als ein Synonym des Mehrwerts des Lebens zu begreifen ist, der allerdings von den finanziellen Derivaten nicht entwickelt werden kann. Dazu schreibt Massumi: “This surplus-value of life does not have the same form or content as the factors composing the conditions of emergence from which it derives (friction between particles, etc.). It envelops its conditions of emergence, and remains wrapped up with them, directly sharing in their event. But at the same time, it adds an affective dimension that asserts its difference in nature from them. The affective registering has its own quality, like the peak of a wave in contrast to the horizontal expanse of the ocean. The qualitative difference of the surplus-value of life is the differential feeling tone of the state of the weather: in and of it, but not it.”

Das event-Derivative benötigt keine Trennung-Verbindungs-Linie (man denke an dieKonstruktion von CDOs), sondern setzt auf die Linie der Akzentuierung-Differentation. Die erstere lässt, wenn sie als Derivat erscheint, den Mehrwert des Lebens in den Mehrwert an Information konvergieren. Das Kapital schleudert andauernd derartig degenerativen “event-derivatives” aus sich heraus, um neue Machtfelder zu konstituieren. Wenn hier die Metrik, die mit dem Profit und kapitalistischen Mehrwert verbunden ist, in das Feld des Lebens eingepflanzt wird, dann besteht der regulatorische Effekt  in der Formatierung des Lebens als Humankapital, womit die Lebensaktivitäten maximal unter das Kapital subsumiert werden und der Einzelne lediglich ein Quantum an Kapital verkörpert, um folgerichtig sein Leben ganz dem punktuellen Profit zu widmen, sodass das individuelle Leben zu einem Grad der kapitalistischen Macht wird.

Der kapitalistische Prozess ist für Massumi mehr-als-eine-menschliche Subjektivität. Die Subjektivität wird durch hier die Macht sich selbst zu produzieren und zu variieren definiert. Ihr Selbstantrieb ist ihre Selbstbezogenheit (in einer nicht-linearen Unzeit sich entwickelnden Verhältnis), die nach Außen weit geöffnet ist und ein nicht-kognitives Gedächtnis besitzt, das einen auf die Vergangenheit und einen auf die Zukunft bezogenen Aspekt hat, wobei bei ersterem Archaismen bis in die Gegenwart aufbewahrt und zum auch Teil kapitalisiert werden.

Subjektivitäten werden für Massumi durch Tendenzen produziert, die nichts weiter als Proto-Subjektivitäten sind, die durch Spannungen zwischen den verschiedenen qualitativen Differenzialen entstehen. Den Kapitalismus definiert Massumi an dieser Stelle als eine Subjektivität ohne Subjekt. Das Kapital ist ein selbstreferenzieller Prozess, der beständig seine eigenen Grundlagen umwälzt, i.e ein subjektives Werden, bei dem das Subjekt nicht existiert, sondern allenfalls wird. Ansonsten würde man die Gesellschaft als einen Aktanten oder als Hyper-Objekt hypostatisieren. Diese Sichtweise muss auch auf die Klassen übertragen werden, denn die kapitalistische Klasse ist kein holistischer Aktant, sondern ein verteilter Operator des Systems.

Das Subjekt hingegen integriert eine Reihe von Tendenzen und kann je nach Perspektive wie ein holistischer Aktant behandelt werden. Besser wäre es jedoch, das Individuum als ein Dividuum zu behandeln bzw. als eine Komposition von protosubjektiven Tendenzen, die Konzentrationspunkte und Spannungen besitzen.

Es gibt post-normative und nicht-regulatorische Einfaltungen des immanenten Außen, die jenseits der Biomacht weniger kanalisieren als animieren und anstiften. Diese Prozesse nennt Massumi »Ontomacht«. Sie wirken über Prävention und Antizipation, über Operationen, die in den Feldern der Emergenz vorzufinden sind, wobei deren Potenzial noch keine determinierende Form angenommen hat, das heißt, sie konstituieren eine Proto-Formalität, der die Kräfte der Zukunft zu eigen sind und welche die Potenziale der Lebensformen ausschwemmt. Auf dem systemischen Level des Neoliberalismus bleiben diese formativen Bewegungen allerdings in den fluiden, werdenden und ontogenetischen Formen des Humankapitals gefangen.

Mit der Ontomacht übersteigt die Macht des reguläre Funktionieren. Für Massumi ist es kein Zufall, dass der Neoliberalismus von der Deregulierung begeistert ist, da er eine post-normative Neigung besitzt. Im Gegensatz zur Biomacht, die eine Kontrolle über das Leben inhäriert, ist die Ontomacht eine Kraft, welche ein Mehr an Leben generiert, indem es die Aktivitäten in einem Feld moduliert. Ein unschöner Aspekt dieser Entwicklung ist die Erzeugung von funktionellen Psychopathen, vor allem bei den herrschenden Eliten. Ein anderer Aspekt besteht in der Entstehung von Bewegungen der Flucht, die in der Tendenz eine Autonomie der kreativen Prozesse erzeugen und die Prozesse sozusagen verwildern lassen. Im Neoliberalismus dominiert jedoch eine Form der Ontomacht, welche die permanente Intensivierung der Ökonomisierung der Felder des Lebens vorantreibt. Die kreativen Prozesse der Verwilderung und die der Ökonomisierung gehen gewissermaßen Hand in Hand und formen sich zu Extremen aus, und dies ganz im Sinne von Extremsportarten.

Die beiden Prozesse bilden für Massumi den treibenden Antagonismus des Kapitals, und zwar  in der Phase des Neoliberalismus, der den Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten ersetzt hat, sodass nun die Gläubiger-Schuldner-Relation im Zentrum der Kämpfe steht. Dies heißt jedoch nicht, dass der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital verschwunden ist oder dass die Klasse keine Bedeutung mehr besitzt, vielmehr strukturiert der Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten eben nicht mehr das gesamte kapitalistische Feld. Dieser Antagonismus ist eher eine Opposition innerhalb einer Struktur. Der Kapitalismus ist jedoch keine Struktur, sondern ein (offenes) System, offen für sein immanentes Außen als ein Prozess, der zu keinem Ganzen sich formt, sondern globale Integrationen von proliferierenden Differentialen fördert. Das Kapital versucht sich alles zu nehmen und dennoch kann es eben docj nicht alles subsumieren, da es ein offenes System ist und seinem immanenten Außen verdankt es sogar seine eigene Kreativität. Gerade der zwanghafte und permanente Exzess des Systems, der darin besteht, immer ein weiteres Quantum an Mehrwert erzeugen zu müssen, ist auch dafür verantwortlich, dass über die Operationen des Systems hinaus Potenziale entstehen, die dem Kapital gegenüber widerständig sein können. Massumi geht von einer Komplizenschaft oder Duplizität der beiden Prozesse aus: Dabei bringt Massumi drei Machttypen auf den Punkt: Die disziplinarische Macht modelliert, die Biomacht kanalisiert und die Ontomacht moduliert, wobei im kapitalistischen Feld die drei Machttypen Kombinationen und Hybride bilden.

In der postkapitalistischen Ökonomie finden wir das Konzept der Zeitleere wieder, das auf eine Potenzialität offener Lebensvollzüge und auf das Spiel mit qualitativen Differenzialen verweist, die den Mehrwert des Lebens erhöhen, ja sogar zu einem Leverage führen, das den Zusammenhang des Inputs, der in der Zeit gemessen wird, und dem Output, der als nicht-messbarer Wert erscheint, unterbricht. Damit ist die Zeit des Kapitals und des verzinsten Kredits sowie die Weltzeitmessung, die durch die Messung der Schwingungsfrequenz des Cäsiums-Atoms geschieht, radikal in Frage gestellt. Wir nähern uns der Zeit der Derivate an, um uns im gleichen Atemzug wieder von ihr zu entfernen.

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