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bullshit jobs

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22 Jan , 2018  

Es muss heute unbedingt davon ausgegangen werden, dass eine Vielzahl bezahlter Produkte, Arbeiten  und Dienstleistungen nicht nur wertlos, sondern schädlich sind. David Graeber spricht in diesem Kontext von bullshit jobs, die er insbesondere im Dienstleistungssketor und in der Administration verortet.

Graeber schreibt:

Also, um was für Arbeitsstellen handelt es sich genau? Ein kürzlicher Bericht, der Beschäftigungsverhältnisse in den USA zwischen 1910 und dem Jahr 2000 verglich, gibt uns ein klares Bild (und ich merke an, ziemlich genauso ist es im Vereinigten Königreich). Im Verlauf des letzten Jahrhunderts, ging die Zahl der Arbeiter, die als Hausangestellte, in produzierenden Gewerben, oder in der Landwirtschaft beschäftigt waren, drastisch zurück. Die Zahl der „Fachleute, Manager, Sachbearbeiter, Vertriebs- und Service- Angestellten“ verdreifachte sich, sie wuchs „von einem Viertel auf drei Viertel der gesamten Beschäftigungsverhältnisse“. Mit anderen Worten, produktive Stellen wurden, so wie vorausgesagt, größtenteils durch Automatisierung wegrationalisiert (selbst wenn man Produktionsmitarbeiter weltweit mitzählt, mit einbezogen die schuftenden Massen in Indien und China, machen solche Miterbeiter bei weitem nicht so hohe Anteile der Weltbevölkerung aus, wie es einmal war).

Doch statt eine beträchtliche Minderung der Arbeitsstunden zu erlauben, die der Bevölkerung die Freiheit ließe, eigene Projekte, Vergnügungen, Visionen und Ideen zu verfolgen, haben wir ein Aufblähen nicht nur des Dienstleistungssektors, sondern gerade des administrativen Sektors gesehen. Das schließt die Erschaffung vollkommen neuer Industriezweige ein, wie Finanzdienstleistung, oder Telefonverkäufe oder die nie dagewesene Expansion von Bereichen, wie dem Körperschaftsrecht, der Verwaltung der Bildung, Wissenschaft und Gesundheit, Humankapital und Public Relations. Und die Anzahl dieser Stellen bezieht noch nicht einmal die mit ein, deren Aufgabe es ist, administrative, technische oder sichernde Unterstützung für diese Gewerbe zu bieten, oder zusätzliche Nebengewerbe (Hundewäscher, nächtliche Pizza-boten) die nur bestehen, weil jeder viel zu beschäftigt damit ist, seiner Arbeit in einer dieser Tätigkeiten nachzukommen.

Das sind Stellen, die wie ich vorschlage, unsinnige Stellen genannt werden sollten (bullshit jobs).

Die Massen werden also in den Metropolen konstant am Arbeiten gehalten, während Teilbereiche der produktiven Arbeit längst automatisert oder insbesondere nach Asien ausgelagert sind. Und sie werden mit komplett unnötigen Arbeiten zwangskollektiviert, in letzter Konsequenz dann wie bei Hartz4 in einem virtuellen Arbeitslager festgehalten.

Graber resümiert:

Reale, produktive Arbeiter werden gnadenlos ausgequetscht und ausgebeutet. Der Rest wird aufgeteilt in eine in Schrecken gehaltene Schicht der universal verhassten Arbeitslosen und eine größere Schicht derer, die prinzipiell fürs Nichtstun bezahlt werden. Angestellt in Tätigkeiten, die geschaffen wurden, um sie dazu zu bringen, sich mit den Perspektiven und Empfindungsweisen der Herrschenden Klasse (Manager, Administratoren, usw.) – und insbesondere den finanziellen Avataren – zu identifizieren. Gleichzeitig aber schüren die Tätigkeitsbereiche einen schwelenden Unmut gegen jeden, dessen Arbeit einen klaren und unverkennbaren gesellschaftlichen Wert hat. Es ist klar, das System wurde nicht bewusst so ins Dasein gebracht. Es bildete sich auf diese Art heraus, im Laufe fast eines Jahrhunderts voller Versuche und Irrtümer. Aber es ist die einzige Erklärung dafür, warum wir alle trotz all der technologischen Möglichkeiten immer noch keine 3-4 Stunden Arbeitstage haben

Die unnötigen Arbeiten haben aber noch eine Reihe von Ursachen, die über die Aufblähung der administrativen Sektoren, die die Evaluation eines jeden durch jeden am Laufen halten, hinausgehen. So hat der Ökonom Christian Kreiß gezeigt, dass die Produktion von Lebensmitteln, die weggeworfen werden, von Geräten, in die der frühzeitige Verschleiß eingebaut wird, oder von Werbung, welche die Massen verblödet,  zu einem riesigen Arsenal von unnötigen Arbeiten führt, die jedoch, und das muss immer wieder betont werden, für das Kapital durchaus als produktiv zu gelten haben.

Allerdings generiert das Kapital längst nicht mehr jene Produktivitätsmaschine, wie es in bestimmten Phasen seiner historischen Entwicklung der Fall war, vielmehr sinkt oder stagniert die Produktivität der hochkapitalistischen Ökonomien seit längerem schon. Zudem müssen Beschäftigte, die unnötige Arbeiten oder bullshit jobs verrichten, sich reproduzieren und dies erfordert mehr Arbeit in den produktiven Sektoren der Ökonomie. Die Beschäftigten, die in den produktiven Bereichen arbeiten, zu denen durchaus auch große Teile des finanziellen Sektors gehören, müssen die Beschäftigten, die unnötige Arbeiten verrichten, mitversorgen. Wenn die unnötigen Arbeiten zunehmen, dann verteuern sich zum einen die lebensnotwendigen Dinge und zum anderen müssen die Arbeistzeiten konstant hoch gehalten werden. Kreiß kommt daher zu dem keineswegs überraschenden Schluss: “Wenn die USA den Lebensstandard von vor 20 Jahren beibehalten und den technologischen Fortschritt dieser 20 Jahre in Freizeit umgewandelt hätten (statt immer mehr unnötige Arbeit zu leisten), müssten sie heute 40 Prozent weniger arbeiten und könnten sich einer Drei-Tage-Woche erfreuen.”

An einem anderen Beispiel kann man erahnen, in welche Bullshit-Ökonomie Kapital und Staat die Insassen ihres Weltinnenraumes gelockt haben und gefangen halten, und wie es manchmal auch relativ einfache, wenn auch höchst lokale Lösungen gibt. In Melbourne fahren die Straßenbahen inzwischen kostenlos, und auf die Frage, wie das denn bezüglich der Kosten-Nuten-Analyse möglich sei, antwortete die Stadtverwaltung: “Es fahren Zehntausende Pkw weniger durch das Stadtzentrum, Straßen halten länger, Unfälle sind seltener, die positiven Auswirkungen auf die Luft sind immens. Dazu kommt, dass man keine Fahrkartenkontrolleure bezahlen muss, die Zahl der kostspieligen Strafverfahren gegen Schwarzfahrer ist gegen Null gegangen – und die Zahl der Touristen angestiegen, denn die fahren kostenlos!”

Foto: Bernhard Weber

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