Covid, Kapitalismus, Streiks und Solidarität: Ein Interview mit Asia Art Tours

Gefunden auf der Seite Chuangcn, die Übersetzung von Soligruppe für Gefangene

Asien Kunst-Touren: Wie ihr in eurem Artikel über Covid-19 (ähnlich wie die Werke von Mike Davis oder Achille Mbembe) umreißt, sind Pandemien und andere Umweltkatastrophen unter der Nekro-Politik des Kapitalismus unvermeidlich. Hat es innerhalb Chinas, das das Risiko eingehen musste (und bitte sagt mir, ob ich übertreibe), Wuhan zu „opfern“, um die Epidemie einzudämmen, Überlegungen der Regierung oder eine groß angelegte Umgestaltung der kapitalistischen Praktiken gegeben, die Covid-19 in China entfesselt haben? Darüber hinaus, was sagt uns die Behandlung von Nicht-Weißkragenarbeitern und Migranten darüber, wie China (und das globale Kapital) während der nächsten (unvermeidlichen) biologischen oder ökologischen Krise in der Zukunft mit Arbeit umgehen wird?

Chuang () : Es ist nicht klar, was du mit „opfern“ von Wuhan meinst. Als Epizentrum sollte es natürlich unter viel strengere Kontrollen gestellt werden, aber lasst uns hier keine hyperbolische Sprache verwenden, denn „opfern“ klingt, als hätte es eine Sci-Fi-Zombie-Plage gegeben, und die Regierung debattiert, ob sie einen Luftangriff durchführen soll. Die Situation war nie so ernst. Wenn du ein Beispiel für „Opfer“ haben möchtest, dann schlage ich vor, du schaust dir die Politik der USA an (die von allen großen industriellen Interessen vorangetrieben wird, mit Ausnahme der wenigen, die von Telearbeit oder elektronischem Handel profitieren), wo Hunderttausende von Menschen unverhältnismäßig arm sind, was in den USA auch ein rassisches Missverhältnis impliziert – sie sind buchstäblich geopfert worden, um den Bedürfnissen der Wirtschaft zu dienen. Die Zahl der Todesopfer ist enorm. Nimmt man all diejenigen, die in der gesamten Provinz Hubei am Covid-19 gestorben sind, so würden sie nicht einmal zehn Prozent der Sitzplätze in einem durchschnittlichen American-Football-Stadion ausfüllen. Selbst wenn man alle gemeldeten Todesfälle in ganz China mitzählen und die Zahl verdoppeln würde, weil man vermutet, dass sie zu gering ist, hätte man immer noch nicht einmal genug Leichen, um auch nur ein Drittel eines durchschnittlichen Stadions zu füllen. Nimmt man aber all diejenigen, die in Amerika an der Krankheit gestorben sind, dann könnte man jeden einzelnen Menschen in einer Stadt von der Größe von Richmond, Virginia, durch eine Leiche ersetzen und hätte immer noch tote Überreste. Das ist eine düstere Metapher, aber der Punkt ist, dass das, was in Wuhan passiert ist, in jeder Hinsicht ein großer Erfolg gewesen wäre, verglichen mit buchstäblich jeder amerikanischen Großstadt.Was die zweite Hälfte der Frage betrifft, so ist die Antwort im Grunde einfach: Nein. Erinnern wir uns zunächst daran, dass dies kein unschuldiger Fehler ist. Es ist nicht so, dass sich die großen Agrarkapitalisten des Problems nicht bewusst wären – schließlich müssen sie jede Saison Millionen für Impfstoffe, Antibiotika usw. für ihr Vieh ausgeben – oder dass die Regierung sich des Problems nicht bewusst ist oder es nicht regulieren will: SARS hat sie über das Problem aufgeklärt und ihnen sicherlich geholfen, die Methoden vorzubereiten, die schließlich im Hinblick auf diese jüngste Pandemie angewandt wurden. Aber all dies kann nichts an der grundlegenden Anforderung ändern, die in das System eingebaut ist: Rentabilität. Es gibt keine Möglichkeit, rentabel in einem Maßstab zu produzieren, der nicht diese ökologischen Gräben erzeugt: sowohl makroökologisch als auch mikrobiologisch. China ist eine kapitalistische Gesellschaft, die von einer kapitalistischen Klasse regiert und von kapitalistischen Imperativen getrieben wird, unabhängig davon, was rechte Politiker dagegen sagen mögen. Daher muss „die Regierung“, die in China ein ziemlich gut organisiertes Bündnis aller führenden Fraktionen der kapitalistischen Klasse bedeutet, in erster Linie den Bedürfnissen der Akkumulation dienen. Alles andere ist zweitrangig.

Abgesehen davon können wir hier natürlich einige wichtige Lehren daraus ziehen, wie der chinesische Staat mit seinen Problemen der mangelnden Leistungsfähigkeit umgegangen ist. In der Vergangenheit war es für den Staat äußerst schwierig, seine Autorität bis auf die lokale Ebene „durchzudrücken“. In vielen Fällen bedeutete dies eine ziemlich langfristige Dezentralisierung der Macht auf lokaler Ebene. Das traf insbesondere auf die Dörfer zu, wo die Vermarktung mit dem Rückzug der direkten Aufsicht sowie mit dem Aufkommen aller Arten neuer balkanisierter lokaler Regierungsbehörden einherging. Das bedeutete aber auch, dass in diesen Gebieten neue hybride lokale Regierungsmechanismen entstanden, wie das Dorfbewohnerkomitee (村委会), das zwar technisch gewählt wird, in der Praxis aber dazu neigt, von lokalen Eliten dominiert zu werden, die oft durch Erblinienverbände (家族) in Zusammenarbeit mit lokalen Zweigen der KPCh organisiert sind – oft begannen diese Verbände gleichzeitig in lokale Komitees und lokale KPCh-Zweige einzutreten. In städtischen Gebieten gibt es einen gleichwertigen Mechanismus, den so genannten Einwohnerausschuss (居委会), der offiziell die unterste Ebene der staatlichen Verwaltung in den Städten darstellt, obwohl er kein offizielles Regierungsorgan ist. In ähnlicher Weise begannen auch die lokalen KPCh-Zweige, sich etwas zu dezentralisieren, so dass mehr lokale Eliten in die Partei eintreten konnten und die lokalen Parteiführer durch ähnliche Wahlmaßnahmen ausgewählt wurden, bei denen es sich ebenfalls fast immer um Scheinwahlen handelte, die durch lokale Eliteinteressen verzerrt waren.

Unter all diesen neuen hybriden Organen der Kommunalverwaltung hatten die ländlichen Dorfkomitees tendenziell mehr Macht und erhielten mehr Aufmerksamkeit, weil sie in alle möglichen Konflikte über Landverkäufe, Investitionen usw. verwickelt sind. Aber im Zusammenhang mit der Pandemie sahen wir, dass die städtischen Bewohnerkomitees tatsächlich eine sehr wichtige Funktion spielten und im Wesentlichen dort eingriffen, wo breitere staatliche Kapazitäten fehlten. Diesen unzähligen kleinen Gruppen, die jeweils etwa vier- bis fünftausend Personen beaufsichtigten, wurde die Hauptverantwortung für die Steuerung des Zustroms von Menschen übertragen, die inmitten des Ausbruchs vom Frühlingsfest zurückkehrten. Diese Komitees waren (in vielen Städten) während der gesamten Tortur der primäre Kontaktpunkt der Menschen mit „dem Staat“, auch wenn diese Beziehung vielleicht indirekt gehandhabt wurde. Sie waren diejenigen, denen man bei der Ankunft in dem Gebiet Bericht erstattete, sie überwachten deine Quarantäne, du hast ihnen deine Gesundheitsdaten zur Verfügung gestellt und sie hatten auch die letztendliche Entscheidungsgewalt darüber, ob du in deine Heimat zurückkehren durftest oder nicht. Es bleibt abzuwarten, wie sich solche Organisationen in der Zukunft entwickeln werden, aber es kann gut sein, dass wir zurückblicken und auf diesen Moment als Markierung für den Zeitpunkt verweisen, an dem China trotz all seiner gegenwärtigen Inkonsistenzen begann, einen wirklich funktionierenden lokalen Staatsapparat aufzubauen. Gleichzeitig trifft es zu, dass diese Komitees in vergangenen Notfällen, wie während SARS oder im strengen Winter 2008, als Dorfkomitees bei der Koordinierung der Nothilfe in Gebieten halfen, die von jeglichem Zugang abgeschnitten waren, eine ähnliche Arbeit geleistet haben. Die aktuelle Pandemie zeigt einfach, dass sie sich in ihrem Umfang, ihrer Reichweite und ihrer Effizienz weiterentwickelt haben – vor allem aber, dass sie jetzt offenbar stärker in die Befehlsketten integriert sind, die etwas direkter mit dem Zentralstaat verbunden sind, auch wenn sie immer noch mit allen möglichen lokalen Eigenheiten operieren. Es handelt sich also weniger um eine plötzliche Veränderung als vielmehr um ein langes Projekt des Staatsaufbaus, das sich in den letzten zehn Jahren beschleunigt hat.

Aus dieser Erfahrung können wir also sagen, dass die Kapazitäten des chinesischen Staates, obwohl sie absolut gesehen schwach bleiben, viel, viel erfolgreicher darin geworden sind, diese Unfähigkeit durch die Übertragung von Macht bis hinunter zu den lokalen Behörden zu bewältigen. Im Allgemeinen können wir dies als ein Beispiel dafür anführen, dass der Staat seine Schwäche klar erkannt hat und versucht, eine von unten nach oben gerichtete Regierungsbasis aufzubauen, indem er viele scheinbar „basisnahe“ Aktivitäten in seine eigenen de facto lokalen Organe einbindet. Es ist hilfreich, dass es neben diesen Einwohnerkomitees auch viele ernsthafte Aktivitäten an der Basis gab, z.B. gegenseitige Hilfeleistungen, um medizinisches Personal mit PSA ( A.d.Ü., persönliche Schutzausrüstung) auszustatten oder die Einrichtung lokaler Quarantäne-Straßensperren zu unterstützen. Diese Aktivitäten zeigten die Unfähigkeit des Staates, aber sie verbargen sie auch, weil sie das Problem im Wesentlichen selbst lösten, wenn auch auf manchmal chaotische Weise (wie zum Beispiel als die Polizei und die Einwohner von Hubei und Jiangxi bei der Wiedereröffnung der Provinzgrenze Ende März zusammenstießen). Die Pandemie war eine wichtige Etappe in diesem Prozess und bewies im Wesentlichen, dass sich die ganze Arbeit des Aufbaus dieser seltsamen hybriden lokalen Verwaltungsorgane erfolgreich ausgezahlt hat und nicht nur (wie viele zum Zeitpunkt ihrer Einführung vorhersagten) zu einer weiteren Balkanisierung in zahlreiche Lehen der lokalen Elite führte (obwohl auch das nicht ganz unwahr ist).

Asia Art Tours: Die Arbeit von Verkaufsstellen wie Chuang, Reignitepress und Lausan, die Artikel aus mehreren Sprachen ins Chinesische übersetzt haben, hat mich sehr ermutigt. Von deinem Standpunkt aus betrachtet, welche globalen Techniken, Strategien oder theoretischen Linsen können Solidarität mit Aktivisten in China oder Nutzen für sie bringen? (All Cops are Bad? Be Water? Black Lives Matter? The Milk Tea Alliance?) Und welche Taktiken, Methoden oder Erkenntnisse von Linken/Kommunisten/Anarchisten in China haben das Potenzial, übersetzt, verbreitet und in anderen globalen Kämpfen eingesetzt zu werden?

Chuang () :Solidarität ist ein chaotischer Begriff, und wir stehen ihm recht kritisch gegenüber – auch wenn wir selbst eindeutig auf einer Ebene der direkten Interaktion mit chinesischen Aktivisten stehen, die weit über das hinausgeht, wozu andere in der Lage sind -, denn das Wort ist meist nur ein leerer Signifikant, mit dem versucht wird, verschiedene Niveaus linker Leistungen zu vergleichen und zu messen, was fast ausschließlich über soziale Medien geschieht und periodisch inszeniertes Schilderhalten beinhaltet. Daran ist nichts Politisches, denn es steckt nichts Materielles dahinter. Im schlimmsten Fall handelt es sich um Dinge wie diplomatische Druckkampagnen, Botschaftsproteste usw., die dazu tendieren, nichts weiter zu tun, als in die innenpolitischen Erzählungen der Rechten von einem neuen Kalten Krieg zwischen dem freiheitsliebenden Westen und den autoritären Chinesen einzuspeisen. Diese Kampagnen werden Schwierigkeiten haben, überhaupt als „links“ verstanden zu werden, da sie, um effektiv zu sein, alle Erwähnungen der sozialistischen, kommunistischen oder anarchistischen Tendenzen ihrer Anhänger verbergen müssen. Und selbst dann gelingt es ihnen nicht, sich sehr effektiv zu verbreiten. Das Ergebnis ist also, dass sie nicht nur unter all den schlimmsten Problemen der alten Strategie der Volksfront leiden (wo sich Radikale unter liberaler Führung mit Liberalen vereinen, um dem Faschismus entgegenzutreten), sondern in diesem Fall sind sie nicht einmal populär. Seien wir ehrlich: Wenn diese Kampagnen etwas Materielles bewirken, dann ist es die Legitimierung rechter Politiker, die neue protektionistische Maßnahmen für die nationale Sicherheit verabschieden, die dazu beitragen, die Macht einheimischer Monopole zu stärken – in der Regel solche, die direkt mit der Infrastruktur der nationalen Sicherheit verbunden sind, wie Oracle, das buchstäblich aus einem gleichnamigen CIA-Projekt ausgegliedert wurde, wobei die Firma gerade eine riesige Investition in TikTok aufgrund eines solchen Gesetzes in den USA belohnt hat. Wenn der Erfolg einer solchen Kampagne bedeutet, dass man sich mit Tom Cotton treffen kann, um bei der Ausarbeitung eines Anti-China-Gesetzes mitzuhelfen, dann ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass man selbst eine Strategie hat, die viel mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Gleichzeitig ist aber auch das Gegenteil der Fall, denn viele ernsthafte westliche Linke erkennen diese Tatsachen schließlich an und wenden sich ganz in die andere Richtung, indem sie Material von Wumao (Online-Trolle, die von der chinesischen Regierung bezahlt werden, um zu ihren Gunsten zu argumentieren) lesen, das den chinesischen Staat gegen jede Kritik verteidigt. Letztlich bieten sie eine Form der „Solidarität“ an, die einen Deckmantel der Legitimität für Dinge wie die Razzia in Hongkong und die Massenbestattung in Xinjiang bietet. Sogar recht prominente linke Kanäle wie der „Monthly Review“ sind in diese Falle getappt. Es ist, ehrlich gesagt, ziemlich ekelhaft zu sehen, wenn diese Publikationen dazu beitragen, Propaganda zu fördern, die darauf abzielt, die zweitgrößte Welle von Massenverhaftungen in der Welt (natürlich nach dem US-Gefängniskomplex) zu vertuschen und sogar ganz zu leugnen. Dies hat sicherlich nichts mit „Solidarität“ zu tun.

Wie kann man also in materieller Hinsicht Aktivisten in China „Solidarität entgegenbringen“? Gegenwärtig können die meisten Menschen dies im Grunde genommen auf keine materielle Weise tun. Auf individueller Ebene kann man natürlich über diese Kämpfe lesen und mehr über die Rolle Chinas im globalen Kapitalismus erfahren. Wir beabsichtigen nicht, diese Art von Aktivitäten abzulehnen. Ihr solltet es tun. Das ist schließlich ein Grund für unsere Existenz. Der Kommunismus ist von Natur aus internationalistisch, und das bringt natürlich die Notwendigkeit mit sich, über die Erfahrungen der größten nationalen Fraktion des globalen Proletariats zu lernen, die in den größten technologischen Komplexen der Welt arbeitet! Aber Bücher lesen ist leider nicht wirklich Solidarität. Wenn man wirklich sehr, sehr interessiert ist, kann man versuchen, einige der Dinge zu tun, die wir getan haben, die etwas materieller sind – das bedeutet, Chinesisch zu lernen, wenn man es noch nicht spricht, zu helfen, diese Erfahrungen zu übersetzen, nach China zu reisen, um direkt mit diesen Arbeitern zu sprechen, und diese Kommunikationslinien, an deren Aufbau wir und die anderen Gruppen, die ihr hier erwähnt (sowie zahlreiche andere) seit vielen Jahren arbeiten, weiter zu verbreitern. Vielleicht können man dies am besten als so etwas wie „Vor-Solidarität“ bezeichnen, denn dies sind notwendige Faktoren, die die Grundlage für das bilden, was sich in der Zukunft zu einer tatsächlichen materiellen Unterstützung und einem echten, praktischen Austausch zwischen den Bewegungen entwickeln könnte.

Zwei Beispiele könnten hier hilfreich sein, ein historisches und ein aktuelles. Das erste ist ein Beispiel dafür, dass chinesische Aktivisten aus Kämpfen außerhalb Chinas lernen, und das zweite ist ein Beispiel für das Gegenteil. Erstens das historische: Eine Sache, die oft vergessen wird, wenn man heute von „Solidarität“ und „Internationalismus“ spricht, ist die pragmatische Form, die diese Begriffe früher annahmen. Solidarität bedeutete nicht nur „Gedanken und Gebete“, oder unsere „Herzen und Köpfe“ sind bei euch! Es bedeutete: Ihr habt einen Aufstand? Großartig, wir schließen uns euch an! Oder, wenn wir keinen eigenen haben können, dann nehmt wenigstens diese Waffenlieferungen! Dies ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es signalisiert den ultimativen Charakter dessen, worüber wir sprechen. Wie hat diese internationale Solidarität für chinesische Organisatoren in der Vergangenheit ausgesehen? Ein wesentlicher Bestandteil dieser Solidarität im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Rolle der internationalen Arbeitsstudienprogramme: Chinesische Anarchisten aus etwas wohlhabenderen Verhältnissen nutzten ihre Ressourcen, um eine Infrastruktur für junge chinesische Radikale zu schaffen, damit sie von China aus an Orte wie Frankreich reisen konnten, wo sie inmitten des pulsierenden Lebens der französischen Gewerkschaften geworfen wurden, und dann diese Lektionen in den chinesischen sozialen Kontext zurückbringen konnten. Später würden ähnliche Austauschprogramme mit der Sowjetunion ebenso integraler Bestandteil sein. Es gibt viel zu kritisieren, was die Details solcher Programme betrifft, aber hier geht es darum, dass „Solidarität“ sehr praktisch, sehr materiell war. Diese Art des direkten internationalen Reisens, der Arbeit und des Studiums – und natürlich das Übersetzen, die Gründung von Zeitungen, Bibliotheken, Zeitschriften, all das gehört dazu – war das eigentliche Fleisch der Solidarität. Und das ist die Art von Dingen, für die wir versuchen, den Grundstein zu legen.

Dazu bedarf es nicht nur der direkten internationalen Interaktion, sondern auch der pragmatischen Verknüpfung von Kämpfen. Das zweite, zeitgenössische Beispiel ist hier also hilfreich: Wir können echte Fälle von Solidarität in der Art und Weise sehen, wie Straßen-Taktiken aus Hongkong diejenigen informiert haben, die an der jüngsten Rebellion in den Vereinigten Staaten beteiligt waren. Echte Solidarität bedeutet schließlich nicht nur, dass ich vor einer Botschaft mit einem Schild winken und die US-Regierung im Wesentlichen auffordern werde, die Niederschlagung zu verurteilen. Nein, es bedeutet, dass ich aus diesem Kampf auf Leben und Tod lernen und ihn direkt in meine eigenen Bedingungen umsetzen werde. Ich werde auf die Ungerechtigkeiten einschlagen, die für mich in Reichweite liegen, und nicht nur entfernte Schlachten anfeuern. Wenn du dich also zum Beispiel mit Hongkong „solidarisch“ zeigen willst, dann schreibe auf Twitter einige Artikel über den Kampf – und was noch wichtiger ist, über taktische Formationen oder die Anwendung guter Sicherheitspraktiken zum Beispiel in Telegram -, aber geh auch auf die Straße und tu etwas, wo du bist, pragmatisch informiert durch das, was du gelernt hast.

Es gibt viele Linke, die jahrelang im Wesentlichen damit verbracht haben, die Menschen über die Ähnlichkeit ihrer Kämpfe mit denen entfernter Genossen in China zu belehren und sich dabei vorzustellen, dass sie sich dabei „solidarisch“ verhalten. Aber in Wirklichkeit hilft es nicht viel, wenn man nur vage weiß, dass die Menschen in China streiken oder in Hongkong randalieren, und selbst das Wissen um die Gründe und die Geschichte dahinter ist nicht immer sehr hilfreich. Letzten Endes ist diese „Solidarität“ daher ziemlich billig. Aber dann gibt es diese Kinder – und wir sprechen hier wirklich von Teenagern -, die sich die Ausschreitungen in Hongkong live in sozialen Medien anschauen, die einige der Memes sehen, die wir zusammengetragen und übersetzt haben und die Dinge wie Schildformationen abdecken, und sie gehen einfach hinaus und reproduzieren sie auf den Straßen. Das ist echte Solidarität! Denn das ist natürlich mit Kosten verbunden und erfordert etwas Mut. Menschen über irgendeinen fernen Kampf zu belehren, der für ihr tatsächliches Leben nicht relevant zu sein scheint, aber alle Kästchen des richtigen „Verbinde-die-Punkte“-Internationalismus überprüft – das ist eine Wohlfühlvorstellung, die nur dazu dient, das Ego der Linken aufzufüllen. Es ist einfach. Sie erfordert keinen Funken Mut und kostet weder Schweiß noch Blut. Vielleicht ist es also letztlich das, was wir statt Solidarität von nun an sagen sollten: Schweiss und Blut.

Schließlich wollen wir noch einen Punkt ansprechen, wenn es um Kämpfe am Arbeitsplatz geht. Diese nehmen vielerorts nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der sich lange aufgebaut hatte und schließlich durch die Pandemie ausgelöst wurde, wieder zu. Wir haben im Laufe der Jahre zahlreiche Berichte über solche Kämpfe auf dem chinesischen Festland übersetzt und zwei längere Artikel verfasst, in denen der breitere Kontext und die tieferen Tendenzen untersucht werden. Auch wenn die Intensität solcher Aktionen in China seit einiger Zeit nachgelassen hat, bietet diese jüngste Geschichte immer noch eine Reihe äußerst praktischer Lehren für Arbeiter an Orten wie den USA oder Europa, die inmitten der Krise zunehmend unter Druck geraten. Einer der Gründe dafür, dass der chinesische Fall so viele praktische Lektionen enthält, liegt gerade darin, dass die De-facto-Illegalisierung der unabhängigen gewerkschaftlichen Organisierung dazu führte, dass alle größeren Streiks informelle wilde Streiks waren, die sich der direkten Aktionen bedienten. Dazu gehörten damals nicht nur direkte Produktionsstilllegungen, sondern auch eine Menge Eigentumszerstörung, die Entführung von Bossen und sogar einfach nur direkte Gewalt gegen missbrauchende Manager oder korrupte lokale Beamte. Solche Taktiken waren im Durchschnitt auch äußerst wirksam. All dies sind großartige Lehren für die Arbeiter in den westlichen Ländern und insbesondere in den USA, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad unglaublich niedrig ist und die bestehenden Gewerkschaften fast ausschließlich dazu dienen, Unruhen zu unterdrücken, die Arbeiter von wirklich wirksamen Taktiken abzulenken und bei Verhandlungen langsam den Bossen nachzugeben. Die amerikanischen Arbeiter könnten daraus eine Menge lernen: Traut zum Beispiel nicht blind den offiziellen, staatlich sanktionierten Gewerkschaftsvertretern. Und noch wichtiger: Ergreift möglichst direkte Maßnahmen, um die Geschäftsabläufe zu stören, einschließlich der Zerstörung von Eigentum. Verschlüsselt in der Zwischenzeit eure Kommunikation und seid bereit, euch gegen die Polizei zu verteidigen!

Asia Art Tours: Mit der Erweiterung der Grenzen, der Überwachung, der staatlichen Gewalt und der ethischen Vorherrschaft sowohl innerhalb Chinas als auch weltweit. Ich wollte fragen, wie stabil ihr China als einen funktionierenden Nationalstaat auf absehbare Zeit seht? Und hat die zunehmend brutale Regierung/ethnische Vorherrschaft weltweit CHUANGs Schlussfolgerungen über den Wunsch nach Nationalstaaten in einer kommunistisch/anarchistischen Zukunft beeinflusst?

Chuang(): Der Kontext ist hier wichtig. Wenn du sagst „zunehmend brutale Regierung/ethnische Vorherrschaft“, fragen wir: relativ zu wo und wann? In Wirklichkeit scheint es so zu sein, dass Dinge, die schon immer geschehen sind, erst seit kurzem für viele Menschen sichtbar gemacht werden. So könnte man zum Beispiel in den USA vielleicht das „Trump-Phänomen“ nennen, wo plötzlich Masseneinkerkerung, Zwangsarbeit, der Bau von Konzentrationslagern für Migranten, Familientrennung an der Grenze, zügellose Morde durch Polizisten, rechtsextreme Attentate und Massenerschießungen – all diese Dinge erscheinen plötzlich einem Haufen Menschen auf einmal nicht, weil es sie vorher nicht gab, sondern weil die Wahl von Trump die Augen solcher Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben auf politische Themen gerichtet hat. Die Realität ist natürlich, dass alles, was oben aufgelistet ist, eine lange, lange Geschichte in Amerika hat. Tatsächlich ist diese Liste eine ziemlich gute Zusammenfassung der amerikanischen Geschichte im Allgemeinen!

Daher ist der richtige historische Rahmen eigentlich sehr wichtig. Stimmt es, dass du als Kommunist oder Anarchist, der sich für die Gleichberechtigung der Rassen in den USA organisiert, dass jetzt vielleicht deine Kommunikationen überwacht werden? Dass du von der Polizei geschlagen, ins Gefängnis geworfen oder von rechtsextremen Verrückten erschossen werden könntest? Natürlich ist das möglich. Aber dasselbe galt in den 1960er, 1930er, 1890er Jahren usw. Genau dasselbe könnte man übrigens auch für China sagen, wobei man die Jahre vielleicht ein wenig verfeinern könnte. In all diesen Sinnen neigen wir also dazu, zu übertreiben, was genau neu ist und was nicht, denn unsere unmittelbaren Bezugspunkte sind oft eine recht junge Geschichte, die mit Propaganda angefüllt war, die das Ende der Geschichte als solcher propagierte, das Ende des Klassenkampfes, wie die Wirtschaft wuchs, wie jeder zur Mittelklasse gehörte, all dieser Unsinn. Natürlich stimmte es schon damals nicht, wenn man der ganzen Welt Aufmerksamkeit schenkte, aber es ist diese falsche Fassade der jüngsten Geschichte, die gewöhnlich als unser spontaner Bezugspunkt fungiert, wenn wir versuchen, diese Periode zu verstehen, in der diese Fassade verschwindet. Das bedeutet nicht, dass der Staat heute nicht notwendigerweise über weitaus weitreichendere Befugnisse verfügt, es ist nur wichtig, genau zu messen, wie er dies tut und wie er es nicht tut. Es liegt auf der Hand, dass die Komplexität der Überwachung heute größer ist als beispielsweise in der Vergangenheit. Und die eigentliche Frage hier ist im Grunde genommen, ob diese Kapazitäten moderne Staaten widerstandsfähiger gegen interne Herausforderungen der Bevölkerung gegen ihre Macht machen oder nicht.

Sicherlich können wir auf die wirklich extreme Ungleichheit hinweisen, wenn es um die Fähigkeit geht, Macht und Gewalt zu mobilisieren. Auf technischer Ebene gemessen, ist die gegenwärtige kapitalistische Klasse, die in unzähligen Staaten organisiert ist, erschreckend in ihrer Fähigkeit, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu zerstören. Gleichzeitig ist selbst die größte militärische Vorherrschaft offensichtlich nicht in der Lage, einen populären, asymmetrischen Kampf gegen sie leicht zu bewältigen. Wenn man dann noch die klassischen revolutionären Bedingungen in diese Gleichung einbezieht – Dinge wie Meuterei innerhalb der Streitkräfte, z.B. massenhaftes Überlaufen von der konservativen zur revolutionären Seite, Zusammenbruch des Produktionsapparates usw. – scheint es anzudeuten, dass dieses Ungleichgewicht vielleicht nicht so schwerwiegend ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die revolutionäre Kapazität kann nicht nur durch das Zählen von Waffen gemessen werden. Stattdessen ist sie etwas Intensives, sie beinhaltet einen wirklichen Zusammenbruch der Hauptstromkreise der Weltwirtschaft, und das fügt der Macht der kapitalistischen Klasse eine ganz andere Art von Schaden zu als selbst viele historische Revolutionen (A.d.Ü., in der Lage waren). Das ist also ein Grund, warum der chinesische Fall für uns so interessant ist, wegen der einzigartigen Art und Weise, in der das globale industrielle System eine Reihe von absolut wesentlichen Knotenpunkten innerhalb Chinas konzentriert hat, und wegen der Frage, was passieren könnte, wenn eine lokale Rebellion diese Produktion zum Stillstand bringen würde.

Schließlich fragst du über die „Sehnsucht nach Nationalstaaten in einer kommunistisch/anarchistischen Zukunft“. Die Antwort ist hier sehr einfach: Es gibt keinen solchen Wunsch. Kein Kommunist, der etwas auf sich hält, kann dir ins Gesicht sehen und sagen, dass es im Kommunismus immer noch einen „Staat“ gibt. Wenn sie das tun, sind sie keine Kommunisten im wahrsten Sinne des Wortes. Und natürlich haben die Anarchisten kein Verlangen nach einem Staat. Inzwischen ist der Begriff „Nationalstaat“ immer mehr eine Propagandabemühung als eine Beschreibung irgendeiner grundlegenden Einheit gewesen. Wenn Staaten einen sprachlichen oder national-kulturellen Charakter haben, dann liegt das daran, dass sie bei ihrer Gründung und auch heute noch der Verwaltungsmechanismus bestimmter Fraktionen von Kapitalisten (und historisch gesehen natürlich von Landeliten, alten Aristokraten usw.) waren und sind, die eine grobe sprachliche oder kulturelle Affinität teilen und deshalb begannen, ihre Interessen gemäß diesen Zufällen der Geschichte, die sie zusammengebracht hatten, zu koordinieren. Es handelte sich dabei um kontingente Bündnisse unter Kapitalisten, die oft aus vorkapitalistischen Geographien ererbt wurden, die dann den Charakter allgemeinerer „nationaler“ Kulturen annahmen.

Aber auch die „Nation“ ist oft ein Witz, um ehrlich zu sein. Denn Tatsache ist, dass die homogensten Nationen fast immer (oft ziemlich gewaltsam) die Standardisierung und Assimilation in die vermeintlich gleiche nationale Kultur durchsetzen mussten. Betrachtet man zum Beispiel die frühmoderne Bildung dieser Nationalstaaten in Europa, so sind die historischen Dokumente voll von Versuchen, alle dazu zu zwingen, gegenseitig verständliche, standardisierte Versionen, zum Beispiel des Französischen, zu sprechen und eine bestimmte Teilmenge eindeutig nationaler kultureller Merkmale zu feiern. An vielen Orten bedeutete dies, selbst wenn man die ungeheuerlichsten Beispiele aus den Siedlerstaaten ignoriert, eine ziemlich substanzielle Unterdrückung der internen sprachlichen und kulturellen Vielfalt (man siehe, z.B. warum man auf den britischen Inseln Englisch und nicht etwa Walisisch spricht). Dies ist natürlich genau das, was der chinesische Staat auch heute noch verfolgt, was zum Beispiel den jüngsten Konflikt um den mongolischen Sprachunterricht verursacht hat.

In Wirklichkeit deuten fast alle Beweise auf ein viel größeres spontanes Niveau kultureller und sprachlicher Vielfalt hin, das immer dann auftritt, wenn gegenteilige Bemühungen gestoppt werden. Wir würden also erwarten, dass, selbst wenn es in einer solchen Gesellschaft starke Bemühungen um den Aufbau und die Aufrechterhaltung einer gegenseitig verständlichen Lingua franca (oder mehrerer) für den gesamten Globus gibt, wir auch ein beispielloses Aufblühen völlig neuer kultureller und sprachlicher Praktiken auf lokaler Ebene erwarten. Es wäre jedoch ein Fehler, solche Praktiken mit Begriffen wie „Nation“ zu beschreiben, genauso wie es ein Fehler wäre, das Wort „Staat“ für irgendeine Art von kollektiver, absichtlicher Koordination zwischen den Menschen in einer Gesellschaft zu verwenden. Dies sind Begriffe, die in ihrer modernen Konnotation Phänomene beschreiben, die spezifisch für den Bogen der Klassengesellschaften sind, von den frühen Agrarimperien bis zum zeitgenössischen Kapitalismus. Das kommunistische Projekt ist das Ende der Klassengesellschaft. Marx und Engels beschreiben dies als eine Art Rückkehr, in einem völlig neuen (technologischen, demographischen, ökologischen) Ausmaß, zu den kommunistischen Beziehungen, die während eines Großteils der Menschheitsgeschichte vorherrschten. Welche sprachliche, kulturelle oder geographische Vielfalt wir auch immer in einer kommunistischen Gesellschaft sehen würden, es bedürfte also neuer Begriffe, um sie zu beschreiben, oder zumindest würde sie besser mit Kategorien aus sehr unterschiedlichen sprachlichen Kontexten beschrieben werden – Sprachen, die in nomadischen Hirtengesellschaften oder unter Jägern und Sammlern entstanden sind, zum Beispiel. Und die Implikationen solcher Wörter wären sehr unterschiedlich.

Asia Art Tours: Schließlich erinnere ich mich immer daran, was mir der Gelehrte Eli Friedman in unserem Interview über den (damals inhaftierten) Gewerkschaftsaktivisten Xiangzi sagte, dass (ich umschreibe) wir nie wissen, welche internationalen Proteste, Meinungsverschiedenheiten oder direkten Aktionen China effektiv unter Druck setzen können, so dass wir einfach immer wieder versuchen müssen, neue Druckpunkte zu finden. Welche Ratschläge gibt es für Gewerkschaftsaktivisten, die in Xinjiang, Hongkong, Tibet oder anderen China-Fragen arbeiten, um diese Druckpunkte zu finden, und wie man sie nutzen kann, wenn sie gefunden werden?

Chuang():Wir sind der Meinung, dass jede Politik, die darauf ausgerichtet ist, Staaten oder Unternehmen „unter Druck zu setzen“, damit sie besser handeln, ein verlorenes Spiel sein wird. Man denke zum Beispiel an die gigantischen globalen Proteste vor fast zwei Jahrzehnten, als die USA in den Irak einmarschierten. Es gab riesige Demonstrationen in Ländern auf der ganzen Welt. Alle Arten von diplomatischem Druck entstanden, viele Nationen weigerten sich, sich den von den USA geführten Bemühungen anzuschließen, Antikriegsgruppen entstanden überall in den USA selbst und organisierten sich kontinuierlich, während der Krieg begann und sich hinzog. Und sie taten absolut nichts. Staaten und die Kapitalisten, die hinter ihnen sitzen, sind einfach keinen anderen Etikette-Regeln unterworfen als denen, die sie sich selbst auferlegt haben. Also bedeutet ein „wirksamer“ Druckpunkt in diesem Sinne bestenfalls, dass man darum bettelt, dass eine Fraktion der kapitalistischen Klasse eine andere dafür bestraft, dass sie aus der Reihe tanzt. Diese Art von Appell an den Staat ist im Grunde das, was viele Aktivisten im Hinblick auf das harte Vorgehen Chinas in Hongkong und seine gewaltsamen Assimilationsprojekte in Xinjiang, Tibet und jetzt in der Mongolei verfolgt haben. Hoffentlich ist es zumindest einigen dieser Aktivisten ein wenig peinlich, dass diejenigen, die am ehesten bereit sind, China an ihrer Seite zu verurteilen, die berüchtigtsten konservativen Politiker und einheimischen Kapitalisten waren. Das sollte ein ausreichender Beweis dafür sein, dass die Idee der „Druckpunkte“ rundum eine verlustreiche Strategie ist.

Viele „Sozialisten“ fallen heute jedoch auch in diese Falle, und zwar vom entgegengesetzten Ende her: zu denken, dass „Antiimperialismus“ bedeutet, sich auf eine Seite zu stellen in dem, was in Wirklichkeit ein sich aufbauender interimperialistischer Konflikt ist. Sie weisen auf die Heuchelei vermeintlich linker Politiker hin, die Artikel von berüchtigten, verrückten Antikommunisten wie Adrian Zenz über Xinjiang z.B. teilen, oder sie teilen Bilder von Hongkong-Protestierenden, die amerikanische Flaggen schwenken. Dies sind leichte Ziele, aber es sind wirkliche Ziele, denn so viele Menschen machen diese grundlegenden Fehler und appellieren an konservative Kräfte, die sich auch aus wirtschaftlichem Interesse oder wegen ihrer rechtsextremen evangelikalen Ideologie gegen den „chinesischen Autoritarismus“ wenden – trotz der Tatsache, dass dies dieselben Leute sind, die auf die Verabschiedung von Gesetzen drängen, die die Organisation der extremen Linken in Europa und den USA illegalisieren! Aber es ist ebenso idiotisch, den gleichen Fehler in die entgegengesetzte Richtung zu machen, zur Verteidigung des chinesischen Staates überzuspringen, das harte Vorgehen gegen Feministinnen, Arbeiterzentren und marxistische Studentengruppen zu ignorieren oder ganz zu leugnen, was in Xinjiang vor sich geht.

Dagegen halten wir es für strategischer, zu fragen, wie und wo Kommunisten inmitten der andauernden globalen Aufstände echte Macht aufbauen können, und zwar auf eine Weise, die nicht einfach in einen allgemeinen Vorstoß für „fortschrittliche“ Sozialpolitik oder in die Unterstützung einer Fraktion in einem globalen interkapitalistischen Konflikt verwandelt wird. Ein wichtiger Teil davon ist es, Kommunikationslinien und gegenseitiges Verständnis zu schaffen und dabei unser Verständnis des globalen Kapitalismus und seiner unzähligen Konflikte zu schärfen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich hierbei wirklich noch um ein Projekt, das sich noch in seinen frühesten Stadien befindet, aber es ist unerlässlich, die Grundlagen zu schaffen, und wir haben bereits einige großartige, inspirierende Ergebnisse gesehen, z.B. einige der Übergangseffekte zwischen dem Aufstand in den USA und dem Aufstand in Hongkong ein Jahr zuvor. Es bleibt zu hoffen, dass diese Art von Interaktionen mit der Zeit an Tiefe und Breite gewinnen können, zumal sich die Unruhen weltweit weiter ausbreiten.

Und dies ist ein weiterer wichtiger Teil des Projekts: die Teilnahme an diesen Zyklen von Unruhen, wo Sie sich gerade befinden. Wenn ihr wirklich „Solidarität“ mit China zeigen wollt, verschwendet ihr eure Zeit mit dem Versuch, an die bessere Natur der Regierungseliten zu appellieren. Wenn dies eure Vorstellung von Solidarität ist, dann werdet ihr letztlich durch die Ergebnisse in Verlegenheit gebracht werden. Ihr solltet euch lieber an die Front begeben und die Randalierer verteidigen, die die Polizeistation niederbrennen und den Target (A.d.Ü., ein Einkaufszentrum) in Minneapolis plündern; Tränengaskanister zurücktreten, während die Menge die Luxusgeschäfte auf den Champs-Élysées zertrümmert; Ziegelsteine in die sich zurückziehende Reihe der Bereitschaftspolizei in Bandung, Indonesien, schleudern; Bundesgebäude mit den Feministinnen in Mexiko-Stadt stürmen. Wo auch immer ihr seid, die beste Solidarität entsteht aus dem Blut und Schweiß, der dazu beiträgt, Gebiete zunehmend unregierbar zu machen, unabhängig davon, wie gut ihr intellektuell versteht, dass zum Beispiel der Kampf gegen Rassismus in den USA strukturell mit dem Kampf gegen strenge Arbeitsgesetze in Indonesien und dem Kampf für die so genannte „Demokratie“ in Hongkong verbunden ist. Verschwenden nicht eure Zeit damit, nach „Druckpunkten“ zu suchen oder Petitionen an eure Führer zu richten. Baut stattdessen Macht auf, wo und wie immer ihr könnt.

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