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Dagegen und nicht damit existieren.

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12 Jan , 2019  

“Dieselbe Sirene heult zum Krieg und zur Sklaverei. In der stickigen, vibrierenden, staubigen, ekelhaften Fabrik habe ich sie gesehen: angekettet wie im Zuchthaus. Können sie herbeiwünschen, auszureißen? Sie haben sogar aufgehört, daran zu denken. Sie sind da: ohne Einsicht wie ohne Willen. Sechs Uhr, schnell ins Haus, beugen wir uns der Hausarbeit. Und durch diese sonderbare Anpassungsfähigkeit des Wesens an seine menschliche proletarische Lage, werden sie morgen wie heute dreckig und staubig wiederkommen. Auf dem Kai die Schiffsablader, backstein- und kohlenfarbig: ein komisches Schauspiel für andere menschliche Wesen, deren mangelndes Bewußtsein, deren Verachtung und Arroganz durch sehr teuer bezahlten Scharm, durch Anmut und Schönheit und ein ganzes, zum Fell ihrer Hunde passendes >>Komplet<< gesichert ist. Mangelndes Bewußtsein und Verachtung? Nicht einmal. Es gibt zwei Welten (die eine begreift nicht die andere, es sei denn durch falsche Vorstellungen) und selten sind jene, die sich in der einen wirklich der alltäglichen Wirklichkeit der anderen bewußt sind. Es gibt das Leben. Die Wohnung der einen und der anderen, und die Stunden und was sie in jeder Existenz verursachen. Es gibt Leben, die keine Stunden haben: der Tagesanbruch der Verzweifelten, das Warten der Arbeitslosen . . . die Überflüssigen, jene pack das Fieber und gibt ihnen zu verstehen, was geschieht, und dieses >>Unerträgliche<<, in dem ihr eigenes Leben gefesselt ist, würgt ihnen im Hals, verlangt eine Antwort.

Dann wundert man sich darüber, daß es nicht öfters . . . tagtäglich . . . Vorfälle gibt; ja, Zornesausbrüche mitten in Paris, Rue Royale, auf den Champs-Élysées. Doch nein, die Furcht vor dem folgenden Tag annulliert das Heute. So ist die Hälfte des Lebens bloß Befürchtung, Angst oder knickerige, bedachte Muße. Und dann gibt es all jene, die derart an das Büroleben angepaßt sind, das fieberhafter ist als das ihres Hauses, daß sie – weit davon entfernt, zu revoltieren – an den Interessen des Arbeitgebers Anteil nehmen. Alles ist eine Frage des Fiebers, man fängt an, zu hoffen, daß der Zorn in den Arbeitervierteln niedergeduckt bleibt, daß er sich dort verschanzt, um sich besser zu wappnen, beherrscht hervorzubrechen.

Und bald verwickelt sich alles. Es ist die Zeit der grauen und verödeten Straßen, wo die Autobuschauffeure, von der Tagesarbeit erschöpft, haßerfüllt jähzornig Alleen einschlagen, die sich ganz nackt wie Frauenbeine spreizen. In sausendem Tempo überfahren sie die Straßen, sie haben genug davon, ein ganzes umherziehendes Vogelhaus zu transportieren, das kreischt, plappert, quasselt, schnaubt und sich neugierig anblickt. Mit ihrem Bild, das wie ein tiefhängender Himmel auf dem Leben lastet, begebe ich mich weg.

Was ist eine nicht bewiesene Überzeugung? Eine Gewißheit, die nicht in die Tatsachen eingeht? Eine verbale Solidarität? Der Zweifel hat sich wie ein Wurm eingeschlichen, der das Herz zernagt. So fern von allen, von jedem und von diesem Ich sein, das dennoch mit ihnen verbunden ist! Zu jenen kehrt mein Denken immer und beständig zurück. Das ist ganz so unerträglich wie eine Rückkehr in ein nebeliges Paris nach 15 Tagen Leben in der Sonne. Alles, was ich habe, ist mir gestohlen. Etwas drückt, drückt. Die Straße ist frei. Sie sind zu Hause, die langweiligen und knickerigen Termiten, Teppich in der Mitte ihrer Feuerstätte ohne Feuer. Man sieht sie in der Métro, unter dem grünen Lampenschirm mit Perlenfransen oder dem Kronleuchter aus vergoldetem Holz. Man sieht sie ihren Haushalt gründen oder auflösen, aber stets hin und her überlegend, berechnend, kombinierend: Frau oder Mätresse? Warum diese geistige Beschränkung. Warum ist es nötig, daß eure Handlungen nicht ganz wir sind. Unsere Behauptungen wenden sich gegen uns. Alles widersetzt sich dem Ziel. Das Denken hemmt die Geste und man bleibt dabei stehen, in die Enge getrieben. Das Denken? Nein: die Tatsachen, die Geschichte, die Menschen und ihre Sprache sind verkehrt. Dann bewegt man Ideen wie man Knöchelchen spielt? Doch man klammert sich nicht an das Papier wie ein Ertrunkener sich am Felsen festklammert: das Blatt ist glatt, glatt, glatt und der gute Wille flitzt durch die Finger wie ein Aal. Das Papier ist weicher Brei, trockener Kleister mit abgedroschenen Worten. Beitritt, Rücktritt, das ist schnell gesagt. Doch das ist das ganze Leben, sogar ohne daß du dich aus der Affäre ziehen kannst. Geh doch bis ans Ende deiner Denkens und folge ihm in all seinen Konsequenzen. Doch du sprichst leise wie im Hause eines Toten. Es ist mir gleichgültig, wo ich stehe, wenn ich weiß, wohin ich gehe. Vielleicht wird der Augenblick kommen, wo es ausreichen wird zu wissen, wogegen man ist. Wenn ich Arbeiterin wäre oder gar Modistin, dächte ich nicht soviel an die letzten Dinge der Handlung. Ich verteidigte mein Brot, meine Zukunft gegen die >>Unbewußten<<, die ein Leben wie ein Feenmärchen leben. Ich wußte nicht, daß >>die Geschichte sich wiederholt<<, daß die Anführer unfähig sind, maskiert durch das Verschulden ihrer verbrecherischen Phraseologie: >>unsere glorreichen Arbeiterhelden<<, wobei sie noch daran zweifeln, daß es ein besseres Ziel gibt als den Ausgangspunkt.

Weil es nämlich dennoch Tausende sind, die Pfennig für Pfennig ihr Daseinsrecht verteidigen, Tausende, die dieses winzige Recht bewahren, gibt es eine Bewegung, die Verteidigung und Haß ist, Furcht und Schrecken.

Die Bedeutung des Lebens kann bloß in Widerstand und Revolte bestehen, ausgedrückt mit der ganzen Kraft der Verzweiflung. Und selbst diese Verzweiflung ist eine große Liebe zum Leben, Liebe der wahren menschlichen Werte und der großen instinktiven Kräfte, Liebe alles Daseienden, was wir leben.

Man kann nicht den Wert von irgendetwas beurteilen, ohne die Arbeiterklasse oder die Emanzipationsbemühungen dieser Klasse zu berücksichtigen. Das >>situiert alles . . . es ist der wichtige Angelpunkt, auf den man sich bezieht<<. Wir wissen wohl, wie sehr zur Zeit diese Klasse bedroht ist. Wir wissen auch, welche beschränkten Horizonte sie dem menschlichen Geist und dem Herzen öffnet. Diese Solidarität mit dieser Klasse müssen wir im täglichen Kampf materialisieren und konkretisieren. Im Inneren von uns finden sich in der Tag dieselben Fallen, dieselben Hindernisse wieder wie jene, die dieser Klasse materiell entgegentreten.

Diese Wesen dort schwanken abwechselnd zwischen ihrem Stolz und ihrem Elend. In dem Glauben, der >>verdorbenen<< Welt entkommen zu können, bilden sie sich neu einen Kosmos, hergestellt aus diversen anderen und alles in allem nachgeahmten, nach und nach angenommenen Gewohnheiten; in diesem Universum versteht man sich dank Worten, die Erkennungsworte geworden sind.

Sind wir für immer Gefangene der Welt, die wir geschaffen haben? Oder Gefangene, die ununterbrochen aus all ihren gläsernen Gefängnissen ausreißen? Jämmerliche Übungen. Die Tage fließen gerade dadurch trübe und matt dahin, daß man sie nichtig findet. Mit seiner eigenen Pleite paktieren.

Anhaltspunkte: die Liebe. Das geliebte Wesen erscheint als die letzte Rettung.

Indem wir all dies sagen, wissen wir, daß die Gefangenen in Wirklichkeit Wesen sind, die sich stets in konvexen oder konkaven Spiegeln betrachten und sich niemals über das klare Wasser eines Baches gebeugt haben. Es scheint so, daß es dennoch die Natur gibt.

* * *

Verschiedene Töne, verschiedene Motive. Das Leben als eine Symphonie, als eine Fuge begriffen. – Es leben.

Ausdrücken, daß es von etwas getragen wird: ein glänzender Beweis, eine Bestätigung.

Wenn Nietzsche mehr für die Befreiung des Menschen getan hat als Lenin?

Der reiche oder arme Mann konstruiert seine eigene Größe in seinem Herzen, seine Widerstandsfähigkeit dem Existierenden gegenüber, seine Fähigkeit zur Nichtanpassung an das Leben, so, wie es gewollt wird: besudelt und verdorben durch Millionen von Wesen. Dagegen und nicht damit existieren.

Das unterdrückt nicht die Freude, sondern erregt sie, das ist keine Verzweiflung, sondern eine unermeßliche Hoffnung.”

aus “Laures Schriften” von Colette ‘Laure’ Peignot

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