EconoFiction, Necropolitics

Das 24/7-Kapital und seine infantilisierten Endprodukte

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24 Okt , 2017  

Das 24/7-System des Kapitals generiert wie eine gut geölte Tretmaschine unablässig asoziale Modelle des automatisierten Funktionierens – der Mega-Motor des Super-Kapitals treibt die Kalkulation, Quantifizierung und Verwertung des Lebendigen und des Toten mit Prozeduren voran, die unerkennbar lassen, auf wessen Kosten die laufende Betriebsamkeit geht und wer von ihr profitiert. Diese 24/7-Metrik unterscheidet sich von dem, was Marxisten wie Lukács im 20. Jahrhundert als die leere, gleichförmige Zeit des Kapitals bezeichnet haben, insofern jene selbst noch den Anspruch, die Verwertungs-Zeit mit langfristigen Unternehmungen oder mit Vorstellungen von Fortschritt zu verbinden, welche in der großen Erzählung vom Kapitalismus noch enthalten waren, aufgibt. Cray schreibt: »Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels. 24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen.«

In dieser Zeit der endlosen Präsenz verschwimmen nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch Produktion, Verteilung und Konsumtion. Vordergründig scheint es dem Kapital an nichts zu fehlen, weder die Arbeit noch der Konsum, wenn man unter Arbeit einfach Hilfsarbeit und unter Konsum die zerebrale Aufnahme eines Flüssigfernsehers, des Mikroschaltkreises aus Wünschen, Zeichen und Energie für hergestellte Körperhirne versteht, die durch die Räume des Superkapitalismus treiben. Einzig und allein am Mehr, Mehrwert und Surplus mangelt es. D

Die Arbeit, die als industrielle Arbeit (in den Metropolen) verschwindet, bleibt als Mangelware und der Konsum bleibt als Amphetamin und Tranquilizer zugleich erhalten. Die Arbeit transformiert zur Dienstleistung am Arbeitsmarkt und ihr Träger zirkuliert an ihm als eine potenziell zu vermietende Ware, die sich zeitlich befristet aktualisiert oder wahlweise zum Kunden der Jobcenter mutiert. Damit verwandeln sich die Arbeitslosen, die Produzenten ohne Arbeit sind, in Konsumenten bzw. in Käufer von Arbeit. Mehr noch, die Produzenten zeichnen sich jetzt generell durch Kaufakte aus, sie werden auf den Status eines Konsumenten reduziert, der nicht nur den Konsum, sondern auch die Arbeit konsumiert. In der Folge muss die Arbeit, die in der Tat nicht mehr Arbeit ist, eine Schönfärbung besonderer Art erfahren, sie wird nämlich zur Selbstverwirklichung umgeschrieben, ein Euphemismus, den nicht nur diejenigen, die einmal in den Genuss einer Maßnahme des Jobcenters kamen, sondern auch diejenigen, die einem normalen Job im Büro nachgehen – eine beängstigende Konvulsion aus Mobbing, lähmender Langeweile und sinnentleerter Betriebsamkeit – nur als einen schlechten Scherz begreifen müssten. Aber weil sie das nicht tun, müssen sie zur Strafe die Arbeit als Selbstverwirklichung konsumieren, die Höchststrafe, die das Kapital für derart zusammen geprügelte Subjekte, denen die Arbeit im Schweiße ihres Angesicht verwehrt bleibt, bereithält. Und ein solcher Konsum der Arbeit ist heute per definitionem Dienst an der Arbeit, de facto aber Arbeitsdienst.

Und diese Strafe setzt sich in der Freizeit fort; bekanntlich beginnt heute der Ernst des Lebens in der Freizeit, in welcher der Konsum im Loop konsumiert wird. Und dieser reflexive Konsum erzeugt ein Konsumverhalten, das weniger die Akkumulation der Produkte, sondern den unablässigen Verzehr der Gadgets, Dienstleistungen, Bilder, Chemikalien etc. einfordert, und dies in toxischen und oft tödlichen Dimensionen. Entscheidend für den 24/7-Takt, der insbesondere die Zerrüttung, Verflüssigung und Flexibilisierung der Tagesabläufe betrifft, ist also nicht mehr die Dominanz einer Akkumulation der Dinge, sondern der lineare, expandierende und differenziell-gleichförmige Strom des Konsums, der durch den Verlust von Pausen, Unterbrechungen und gleichzeitig durch Stillstand gekennzeichnet ist. Virilios rasender Stillstand. Das 24/7-Modell eines panisch gewordenen Konsums, das die Verausgabung rein zum Zwecke der Selbsterhaltung und – verwertung setzt, ist die Karikatur der Überschreitung und Verschwendung, wie sie Bataille als Modell gegen das Recycling-Kapital propagiert hat, und führt letztlich zur Zerstörung der Kreisläufe und der zeitlichen Rhythmen der Erde.

Für Cray ist es nur noch der Schlaf in seiner Nutzlosigkeit und Passivität, der mit den Takten, Metriken und Ansprüchen der 24/7-Welt des Super-Kapitals kollidiert, insofern er von den Angriffen der Marketingindustrie und ihren generierten Bedürfnissen befreit bleibt; er ist die kompromisslose Unterbrechung der vom Kapital unablässig geraubten Zeit. Die existenziellen Bedürfnisse und Begehren hingegen – Hunger, Durst, Sex und Freundschaft – werden monoton und terroristisch kapitalisiert (weniger in Waren- oder Geldform transformiert9. Der Schlaf konterkariert diese Kapitalisierung, insofern er auf einem Zeitintervall insistiert, das sich nicht verwerten lässt und damit eine sperrige Anomalie bleibt, i.e. ein potenzieller Krisenherd in der globalen Präsenz, obgleich mit dem Einsatz von Schlaflaboren der Schlaf längst auch durch die Methoden der Effektivierung umgestaltet werden soll. Dennoch bleibt er in seiner Traumdimension das, was Blanchot das Unwahrscheinliche genannt hat.

Cray weist in diesem Kontext darauf hin, dass heute die Zahl der Menschen stark ansteigt, die nachts aufstehen, um ihre Mails, Daten und Infos im Internet zu checken. Solch ein unterbrochener Schlafmodus, man denke an den Lenin-Schlaf der Banker, will den Schlaf auf einen minderwertigen Zustand reduzieren, der die Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit für die Arbeit und das Kapital einschränkt. Cray schreibt über den 24/7 Takt: »Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es einen wirklichen Schlafmodus. Schlaf ist die irrationale, unannehmbare Bestätigung der Tatsache, dass lebendige Wesen mit den vermeintlich unwiderstehlichen Kräften der Modernisierung nicht grenzenlos kompatibel sind. Es gehört heute zu den Gemeinplätzen kritischen Denkens, dass es keine Naturkonstanten gibt – nicht einmal den Tod, wenn man den Vorhersagen glaubt, dass wir unsere Verstandesdaten bald abspeichern können, um digital unsterblich zu sein.« Es kommt heute zu einer ständigen Verknappung des Schlafes und gleichzeitig zu notorischen Schlafstörungen, sodass man mit dem Kauf von Schlaftabletten den Schlaf zu kaufen hat.

Die Metrik des 24/7 induziert eine Zeit ohne Zeit, eine Un-Zeit, die ohne jede Dramatik, Ereignisse oder differenzierende Wiederholungen dahin schleicht oder rast, egal, eine Zeitlosigkeit oder die Ausdehnung einer flachen Gegenwart. Wenn die Leute heute in der Sauna, unter dem Solarium oder im Swinger-Center das Gefühl beschleicht, dies alles könne nicht mehr reizen, und wenn sie im Zeitalter des Online-Datings im Zuge der Algorithmisierung der nach wie vor klassenspezifischen Liebesbeziehungen für exakt drei Monate glücklich werden – dann kann kein Sexual- oder Lebensratgeber, kein Lifestyle-Konzept mehr helfen, aber die Leute könnten zumindest bei Proust oder Balzac nachlesen, was sie verpasst haben. Weil sie auch das kaum tun, hängen sie am Tropf, der die Insistenz auf das Zeitgenössische injiziert, womit die Gegenwart als ewig ausgedehnt erscheint oder sich dehnt wie ewig zerlaufender Käse. Das Zeitgenössische gerinnt zu einer Zeit, welche Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft okkupiert. Mit der Zeit ist es dann wie mit allen Transit-Orten – Einkaufszentren, Flughäfen, Museen und Sportarenen: Wie die Orte, so ist die Zeit in all ihren Dimensionen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) völlig austauschbar geworden, ganz egal, in welchem Jahr, Tag und Sekunde man sich gerade befindet. Indem sie austauschbar wird, ist sie auch standardisiert. Das Entscheidende der 24/7-Metrik liegt aber gerade nicht in der Standardisierung, sondern in der Redundanz einer Un-Zeit, in der es keine Gelegenheit mehr gibt, nicht zu shoppen, zu konsumieren, zu arbeiten oder Daten abzurufen. Zudem lässt sich heute alles Mögliche als Bild oder Information abspeichern, womit das Objekt zu einer Simulation verkommt, die rund um die Uhr konsumiert wird. Drahtlose Technologien löschen die Besonderheiten und das Singuläre der Orte, der Landschaften, der Zeiten und der Ereignisse aus. Es entsteht geradezu ein Sog, der einen dazu zwingt, ununterbrochen den durch das Marketing erzeugten Bedürfnissen und Wünschen nachzujagen, die unter anderem auch deswegen unerfüllt bleiben müssen, weil ständige neue Produkte und Upgrades auf dem Markt erscheinen, welche die Wünsche nicht nur erneut stimulieren und anheizen, sondern sie zugleich transformieren.

Das so motivierte Subjekt will nichts weiter als haben (das, das will ich haben) verwerten, gewinnen und sich dabei noch ins Koma glotzen, bleibt aber eingespannt in ubiquitäre Quantifizierungs- und Kontrollmechanismen, die seine Überflüssigkeit perpetuieren. (Kognitionen werden ausgelagert, in Mechanismen der ternären Retention eingelagert, und diese Art der Kontrolle wird durch Statistiken, Normalisierungsprozeduren und den staatlichen Terror supplementiert.) Pohrt bezeichnet derlei Konsumenten als verbitterte Hedonisten:» Insofern der Spätkapitalismus den Typus des Infantilen, weil in kindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht gehaltenen, zum dominierenden Sozialcharakter macht […] sind für den sofortigen Genuss übrigens nicht einmal die elementaren Voraussetzungen gegeben, weil man erst einen dezidierten Wunsch haben muß, um ihn sich erfüllen zu können. Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch seine Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach dem Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich die unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.«

Der schamlos unzufriedenen und zugleich infantilen Genussfreude korrespondieren vortrefflich digitale Geräte, Gadgets und Apps, Wegwerfprodukte, die in einzigem Fluss der endlosen Zirkulation dahin trieben, man denke an die Hyper-Präsenz touchscreen- gesteuerter Geräte, die wahrscheinlich bald aber durch Rechner, welche mit einem Winken, Blinzeln oder Räuspern gesteuert werden, ersetzt werden könnten, um den Nonstop-Betrieb des Konsums fortzuführen. Die Produkte haben heute nur noch eine kurze Laufzeit, bevor sie auf den Müllhalden des Techno-Trashs landen. Pierre Klossowski hat in seinem Buch »Die lebende Münze« das Prinzip einer Produktion-bis-um-äußersten, das einen Konsum-bis-um-äußersten fordert, als Prinzip der modernen Ökonomie in ihrer industriellen Form bezeichnet, nämlich zerstörbare Produkte zu produzieren, um den Konsumenten daran gewöhnen, die Idee eines haltbaren Gegenstandes zu verlieren. Dabei bleibt der Konsum von Waren und Dienstleistungen immer ein und derselbe Konsumakt, der stupide mit x verschiedenen Dingen, in Events und in der Kulturindustrie wiederholt wird, wobei immer mehr persönliche Zeit und Aktivität insbesondere in den Konsum von Dingen und Relationen eingebracht wird, die auf der Elektronik und der Digitalität beruhen. In diesem sich beschleunigenden Kontinuum sollen die Phasen der Unterscheidungsfindung, der Unterbrechung und des Nachdenkens immer weiter reduziert werden, was einer zunehmenden Kontrolle und Vereinnahmung der gelebten Zeit entspricht.

Der 24/7-Stunden-Betrieb kitzelt die Sucht der Dividuen nach Wettbewerb, Gier, Egoismus; Opportunismus und Ignoranz gegenüber anderen geradezu hervor. Die Bedürfnisse werden immer enger an Plattformen, Modelle und Programme geknüpft, das heißt, die konsumierten Produkte sind weniger materielle Güter, sondern Geräte, die eine große Anzahl an Dienstleistungen, Unterhaltungen und anbieten. Es werden nicht nur ständig alte Produkte durch neue ersetzt, sondern der Konsum dieser neuen Produkte ist mit einer Steigerung von Optionen und Wahlmöglichkeiten verbunden, mit denen sich die Erlebnisfelder und Sensationen der Konsumenten vervielfältigen sollen, während die Produkte gleichzeitig höhere technische Anforderungen stellen. Das Dividuum wird nun selbst Teil der Anwendung neuer Kontrollsysteme, insofern mit jeder technischen Neuerung seine Abhängigkeit von der Anwendung der 24/7 Metrik qualitativ gesteigert wird. Der Gebrauchswert dieser Art von Produkte veranlasst den Konsumenten bzw. den User zu einer immer effizienteren Anwendung und Bedienung standardisierter Funktionen und Modelle, was kaum noch Zeit für sowieso unnötige Denkpausen lässt. Dabei treten das Bedürfnis nach dem Produkt und die Affirmation seiner Ersetzbarkeit miteinander in Konflikt, wobei letztere zu einer systematischen Auslöschung des Vergangenen im Kontext der phantasmatischen Konstruktion der Gegenwart führt. Es gilt ddie Anreize zu erkennen, um sich in die Kette beständig heißer Verheißungen einzuklinken, die eine verbesserte Funktionalität versprechen, auch wenn sich letztendlich keinerlei Nutzen einzustellen vermag. Weniger der Zuwachs an Produkten, sondern die Bestätigung, dass das eigene Leben in all den Anwendungen, Modellen und Geräten aufgeht, stehen heute im Mittelpunkt des Konsums und dies wird wiederum hemmungslos vermarktet.

Der Dauermodus des Als-ob reduziert die Verstandesfunktion mit ihrer regulativen Kapazität und klebt sie als Detail an die Daten, die Bild- und Informationszirkulation des Kapitals an. Weniger die Frage, ob die Bedürfnisse in der Anwendung von Geräten oder im Aufenthalt in den Netzwerken aufgehen, stehte heute im Mittelpunkt, sondern der 24/7-Modus der Geschwindigkeiten, Metriken und Beschleunigungen, die den Konsum endlos zirkulieren lassen, punktieren, kontrollieren und quantifizieren heute die Wahrnehmung, das Erleben und das Leben jedes Einzelnen. Jedes Produkt ist als ein Wegwerfprodukt in diesen Sog integriert. die Touchscreens der Smartphones werden verschwinden und den durch Gesten gesteuerten

Dabei sollen die Entscheidungszeiten der Dividuen nicht nur verkürzt, sondern am besten gleich automatisiert werden, sodass noch nicht einmal mehr gespürt wird, dass jede eingeführte Neuheit Teil der nackten Wiederholung des 24/7-Taktes selbst ist. In diesen derart modulierten Konsum fließen ständig auch Verfahrensweisen der Arbeit ein, die durch Konkurrenz, Neid, Ehrgeiz und Besitzgier – auf Kosten anderer – geprägt sind. Der Technikkonsum wird vollkommen in das kapitalisierte Machtstrategem eingebaut, während das Personal- und Verhaltensmanagement das konzipiert, was Bildung ist und subjektlose Subjekte generiert, willfährig, gehorsam und zugleich von einem barbarischen Narzissmus besessen. Diese Eigenschaften werden von den Dividuen andauernd in individuelle Bedürfnisse umgedeutet, obgleich sie doch ganz an funktionale, ideologische und normative Programme geknüpft bleiben, in die jedes Produkt, jede Dienstleistung und jeder Service integriert sind.

Die lineare Abfolge der Neuheiten impliziert nicht allein einen repetitiven Ersetzungsmodus, sondern jedes Produkt eröffnet zugleich neue Optionen und Wahlmöglichkeiten, einen Modus der Erzeugung von Optionalität, der direkt aus der Finanzindustrie herauskopiert wird. Die Optionalität führt allerdings nicht zur Freiheit, sondern zu ständigen Anpassungen an die funktionalen Erfordernisse und Bedienungsanleitungen der technischen Objekte. Diese Art der Funktionalisierung verläuft über die Diversifizierung der Abläufe, der Produkte und Angebote, an die die Dividuen nicht nur angeklebt werden, sondern die sie aktiv befördern, ohne zu spüren, dass man letztendlich selbst eine reine Anwendungen des 24/7-Taktes und seiner Kontrollsysteme bleibt. Gleichzeitig erzeugt das Kapital eine Surplusbevölkerung, welcher der Luxus der Integration in die 24/7-Metrik verwehrt ist, sodass ihr nichts weiter übrig bleibt als ein Ersatzteillager für die in den Komfortzonen lebenden Dividuen abzugeben, als lebende Leichen aus Körperteilen und Organen dahin zu vegetieren.

Das postmoderne Dividuum der Metropolen ist eine gestaltlose Gestalt, ein Konglomerat aus Anwendungsmöglichkeiten, Kennziffern und Indikatoren – eine Zusammenfassung, die ständig die eigenen Leistungen, den Konsum und den Sex bewertet. So gesehen besteht der Gebrauchswert des Dividuums in nichts weiter als der effizienten Bedienung von standardisierten Anwendungen, Funktionen und Zuständen der Technik – das Dividuum ist nicht mehr nur ein lebendig gewordenes Stelleninserat, sondern eine lebendig gewordene Bedienungsanwendung, mit der Zeuge davon abgelegt wird, dass heute nicht nur die Arbeit und die Technik, sondern das Leben selbst im Zuge des Konsums konsumiert wird. Das Dividuum wird dabei einer Variabilität unterworfen, die mit den Lebenszyklen der technischen Produkte identisch ist, welche wiederum mit einer rasenden Geschwindigkeit verschleißen, die jedes High-Tech-Produkt von vornherein zu Schrott macht.

Und diese Kurzlebigkeit will das Dividuum am liebsten auf ewig leben – es oszilliert dabei zwischen dem Bedürfnis nach dem Objekt und der Affirmation des unvermeidlichen Ersetzens desselben, und so muss es bis zur Erschöpfung den Verheißungen der Angebote im Fluss des monoton und zugleich differenziell fließenden 24/7-Taktes nach hecheln, das heißt, die attraktiven Anreize und verbesserten Funktionalitäten wahrzunehmen ist identisch mit der Bestätigung, dass das eigene Leben und seine Ziele sich genau in den technischen Anwendungen, Gadgets und Netzwerken erfüllen, die gerade auf dem Markt sind. Alle Ereignisse, Erlebnisse und Dinge, die nicht über das Display des Smartphones und seinen Icons und Links dargestellt und optimiert werden können, verlieren nicht nur an Attraktivität, sondern sie sind nichtig. Um ein optimales Selbstmanagement zu organisieren, muss in diesem Sinne jedes neue Produkt, Gadget und jeder Service registriert, getaktet und in ein Bedürfnis transformiert werden, womit die Metrik des 24/ selbst zur Gewohnheit transformiert, welche die Ideologeme der Wahlfreiheit, Abwechslung und Autonomie nicht nur mitschleppt, sondern diesse lassen sich von den Marketing- und Meinungsindustrien überaus produktiv anwenden.

Es ist nicht die Masse an Bilder und Informationen, die hier entscheidend ist, sondern die Strukturierung, die Geschwindigkeit und die Organisation der technischen Umgebungen – Metrik, Format, Netzwerk, Maß, Upgrade und Zubehör. Filme, Videos, Pop, Fußball, Fernsehen und Porno stellen ein System der audiovisuellen Industrieproduktion dar, das zur massenhaften Synchronisation der Körper, der Bewusstseine und der Erinnerungen führt. Dabei sind diese hyper-industrialisierten Bewusstseine weder verkehrte Bewusstseine, wie dies immer noch viele Marxisten annehmen, noch vollzieht sich die operationale Logik der Kapitalisierung von Datenspuren hinter dem Rücken der Bewusstseine, wie dies Hegel in der Phänomenologie des Geistes schreibt, sondern diese Logik operiert mit der Übernahme und dem Überholen der Protentionen (Erwartungen), die das Bewusstein konstituieren, in dem man ständig neue vorfabrizierte Protentionen vorschlägt, die dann von den Dividuen automatisch eingeholt werden, wobei längst neue Protentionen darauf warten,  dass man sie konsumiert. Kreisläufe der Total-Idiotie. Und die entsprechenden Datenströme werden andauernd von einer dekadenten, unkultivierten und auf globaler Ebene operierenden Oligarchie angezapft und verwertet, einer Oligarchie, die absolut bestechlich, das heißt perfekt nihilistisch ist.

Die Linke findet dagegen bisher keine Konzepte. Wie die Junkies, die auf Heroin hängen geblieben sind, ist die Linke auf einem Kanon von Stereotypen hängen geblieben, während die total verwüsteten zerebralen Systeme der Massen im Zuge der abwechselnden Einnahme von Beruhigungsmitteln und Stimulanzien – Funktionalisierung der Paradessenz ähnlich dem Konsum von Kaffee, der gleichzeitig stimulieren und beruhigen soll – an den toxischen Nadeln hängen, welche die automatisierten Konsumsysteme des Kapitals gleich ihren technischen Wegwerfprodukten im 24/7-Takt frei Haus liefern. Ein globaler Albtraum, von dem allerdings die Surplusbevölkerung ausgeschlossen ist, die in den ubiquitären Slums dahin vegetiert und deren Körper allenfalls noch als Ersatzteillager für diejenigen Dividuen dienen, die in den Zellen der urbanen Ballungsräume an den Screens hängen, still gestellte und zugleich pulsierende und fibrillierende Leuchtpunkte, die ständig das Geld imaginieren. Der letzte Schrei ist dann der Voice-Synthesizer auf einem Computer, der mit einer sexy Frauenstimme  detailliert alle Informationen liefert, die das Dividuum für seine Selbstverwertung benötigt. Das Paradigma für dieses Modell ist der Cybersex, bei dem die Ehefrauen längst schon auf das Gästezimmer geschickt worden sind.

Die Rezeptionsweisen der verblödeten Massen mutieren zu rein repetitiven Reaktionen, wobei die Dividuen aber keineswegs passiv bleiben, sondern über die sozialen Netzwerke sich andauernd ins Geschehen einbringen, um mit kostenloser Arbeit Daten und Informationen zu produzieren, welche die großen Medienkonzernen quantifizieren, aus- und verwerten. Der Content selbst mutiert zum austauschbaren und flüchtigen Material, das dem Dividuum nur dazu dient, innerhalb des 24/7-Taktes irgendwie am Ball zu blieben, in dem es das Material bespricht, liked, tauscht und archiviert. Video -und Glücksspiele, Internetpornos und alles Mögliche verflüssigen und intensivieren den 24/7-Konsum, wobei die in ihn eingebauten Gewinn-, Macht- und Besitzillusionen andauernd enttäuscht werden. So muss sich zwangsläufig der Konsum der elektronischen Reize mit dem Konsum von Psychopharmaka vereinigen, die von den Anreizsystemen des Marketings generierte Nervosität muss tranquilisiert werden, wenn das zugerichtete und sich selbst zurichtende Dividuum nicht überschnappen will. Allerdings geht es nicht um die Ruhigstellung der Dividuen, sondern um die Mobilisierung ihrer Befindlichkeiten, Emotionen und Aktivitäten, welche der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit nicht nur am Arbeitsplatz, sondern im Konsum und in den sozialen Netzwerken dient, eine Lächerlichkeit sondergleichen, von denen der gedopte Leistungssportler das beste Beispiel und Vorbild zugleich abgibt. Gleichzeitig wird inzwischen jede Lebensregung und Befindlichkeit pathologisiert, um neue Märkte für Lebensberatung, Pharmazie und Therapeutik zu schaffen. Ein Furz wird zu einer krankhaften Störung aufgebauscht, die man mit Medikamenten bekämpft.

Die 24/7-Metrik erzeugt keineswegs manipulierte und standardisierte Dividuen, sondern gerade über die Inszenierung von Differenzen qua der ständig wechselnden Angebote werden die den Unterschied machende Unterschiede geschliffen und nivelliert, das Spektrum der Verhaltensweisen, Erfahrungen und Ereignisse in der Tendenz auf Null reduziert. Nullintensität. So gesehen besitzt das moderne Dividuum die Vitalität eines Regenwurms. Dennoch inhäriert die 24/7-Metrik keine gleichförmige Zeit, sondern eine reduzierte und abgeschliffene Diachronie, in der die Unterschiede auf tauschbare und zirkulierende Differenzen zusammengestrichen sind – Austauschbarkeit ist die Normalität. Es wird eine halluzinatorische Präsenz inszeniert, die Abfolge reibungsloser und wie geschmiert laufender Operationen, eine besondere Form der Zeitlosigkeit, mit der Pausen, Unterbrechungen und Rhythmen eliminiert sind. Zwar besteht der Kalender und die in ihn eingeschriebenen Unterscheidungen fort, aber ihre Kenntlichkeit und Bedeutung wird durch die Indifferenz der 24/7 Metrik stark reduziert.

»Die Rhythmen des Lebens, das Auf und Ab der Natur und des Alltags müssen verschwinden in dieser Welt; für die Schwäche und Unzulänglichkeit menschlicher Zeit, ihre diffusen und verschlungenen Strukturen«, so Cray, sei in dem global-digitalen Uhr-System kein Platz mehr. Der 24/7-Modus generiert eine entzauberte Welt ohne jedes Geheimnis, eine mit sich identische Welt, eine Welt ohne Gespenster, eine Welt, die einerseits die Dunkelheit zu eliminieren trachtet, andererseits den Tag mit seinen Rhythmen, Perioden und Eigenartigkeiten verflacht und zugleich zerrüttet, indem die Dinge, Zustände und Ereignisse auf ihre bloße Funktionalität und Kalkulation, ja schließlich auf die Brauchbarkeit für die Kapitalisierung reduziert werden, sodass Kontingenzen, Brüche und Eruptionen des Alltagslebens verschwinden. Nicht nur dominiert die Helligkeit, sondern die Zustände und Ereignisse in ihr werden auf pure Funktionalität eingeebnet, sodass selbst die individuelle Sehfähigkeit in ein Kontinuum integriert wird, die nun durch das endlose Angebot verfügbarer visueller Reize und Attraktionen geleitet wird, eine sehr spezifische Form der Redundanz, Beschleunigung und Vereinheitlichung. Die Welt wird grell, es kommt zu endlosen Strömen von Bildern und Informationen, die die Katastrophe, das Verbrechen und das Obszöne ausleuchten und simulieren, und so degenerieren nicht nur die Objekte, sondern auch die Bilder zu Wegwerfprodukten oder einfach zu Müll. Die visuelle Stimulation ist gerade aufgrund der Dominanz des Grellen eintönig.

Foto: Bernhard Weber

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