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“Das Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem Bewohner abverlangt”

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12 Nov , 2019  

30 Jahre nach der Wende finden die Texte der linken DDR-Opposition wieder mehr Beachtung. Das macht deutlich, dass die offizielle Erzählung Risse hat

Nun sind die Feierlichkeiten zum 30ten Jahrestag des Mauerfalls auch schon Geschichte. Es gab natürlich viel Selbstbereicherung der BRD. Doch die Erzählung, dass mit dem 9. November 1989 die Freiheit über die Tyrannei gesiegt hat, bleibt nicht mehr unwidersprochen. Der Aufbruch Ost ist eine Initiative junger Leute, die die offizielle Einheitserzählung hinterfragen.

Auch die Arbeit der Treuhand wird von ihnen kritisch gemustert. Wenn die Initiatoren den Anspruch bekräftigen, die ostdeutsche Debatte nach links verschieben zu wollen und dabei bewusst an die linke DDR-Opposition anknüpfen, dann kann man das nur begrüßen. Allerdings ist es schon verwunderlich, dass die Initiative selbst die Spielregeln des linksliberalen Diskurses so verinnerlicht hat, dass allen der Begriff Klassenkampf tabu zu sein scheint.

So heißt es in der Wochenzeitung Freitag, die in den letzten Wochen eines der zentralen Medien wurde, wenn es um eine andere Erzählung der Ereignisse vor 30 Jahren geht:

“Aufbruch Ost” besteht aus 40 bis 50 aktiven Mitgliedern, überwiegend Studenten. Neben Leipzig hat sich eine weitere Ortsgruppe in Erfurt gegründet. Einige arbeiten 20 Stunden die Woche für das Kollektiv. Mails beantworten, Veranstaltungen organisieren, Interviews geben. Viel unbezahlte Arbeit für wenig Diskursverschiebung.

In Zukunft soll der inhaltliche Fokus noch deutlich breiter werden. “Wir wollen Leute in Ostdeutschland dazu ermutigen, sich wieder zu ermächtigen, für gewerkschaftliche Organisation oder die Gründung von Betriebsräten. Für einen emanzipatorischen Aufbruch von unten, von links”, sagt Jette Helberg. Klingt nach Klassenkampf? Helberg lächelt, macht eine kurze Pause. “Mit solchen Begriffen arbeiten wir nicht”, sagt sie.

Aus: Wochenzeitung Freitag

Für eine aktive Interessenvertretung der Lohnabhängigen

Es ist zu hoffen, dass die Initiatoren von Aufbruch Ost die Scheu vor dem Begriff Klassenkampf verlieren, wenn sie es ernst meinen mit ihrem löblichen Vorhaben, gewerkschaftliche Initiativen zu fördern. Sie können damit an einen Strang der linken DDR-Opposition anknüpfen, der heute wenig bekannt ist.

Auf der Großdemonstration am 4. November verzichtete der Dramatiker Heiner Müller auf eine eigene Rede und verlas stattdessen einen Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften, der nicht nur eine vernichtende Kritik an den DDR-Staatsgewerkschaften enthielt. So heißt es in den ersten drei Absätzen:

Was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? Hat er die Frage der Arbeitszeitverkürzung als ständige Forderung an die Betriebsleitung gerichtet? Warum hat er nicht die 40-Stunden-Woche mit uns erkämpft?
Hat er dafür gesorgt, dass unsere Löhne der schleichenden Inflation angepasst werden? Warum sind nicht ständige Tarifverhandlungen über Lohnerhöhungen geführt worden?
Wo stehen die Funktionäre des FDGB, wenn in unserem Betrieb neue Normen eingeführt werden?
Auf unserer Seite? Verhindern sie die Normen, bevor nicht klar ist, dass wir auch entsprechend bezahlt werden?

Aus dem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften

Hier nehmen die Verfasserinnen und Verfasser die Position der Arbeiteropposition in der frühen Sowjetunion ein, die auch für unabhängige Interessenvertretung der Lohnabhängigen beim Aufbau des Sozialismus kämpften und davor warnten, dass Gewerkschaften zum Traditionsriemen einer sich sozialistisch nennenden Staatspartei würden.

Doch im zweiten Teil des kurzen Aufrufs wird betont, wie nötig unabhängige Interessenvertretungen in der Zukunft sein werden.

Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen, die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft vor allem uns. Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen!
Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht erheblich sinken soll, brauchen wir eigene Interessenvertretungen.

Aus dem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften

Wahrscheinlich war den Verfassern des Aufrufs nicht klar, wie schnell sich ihre Warnungen bewahrheiten würden. Bereits wenige Monate nach dem 4. November 1989 nahm die Treuhand ihre Arbeit auf und sorgte für die Deindustralisierung der DDR, die längst zum Beitrittsgebiet geworden war.

Vieles wurde unrentabel im neuen Kapitalismus, und wo das nicht der Fall war, wie bei den Kaliwerken in Thüringen, sorgte das BRD-Kapital dafür, dass die lästige Konkurrenz verschwand. Die DDR wurde auch vom westdeutschen Kapital bald zum Labor für “ent-garantierte” Beschäftigungsverhältnisse ausersehen. Das war nur möglich, weil eben die eigenen Interessenvertretungen, die im Aufruf gefordert wurden, nicht entstanden sind.

Das zeigt aber auch, welch zentralen Punkt die Verfasser hier angesprochen haben. Hier ging es nicht um utopische Freiheitslyrik, sondern um sehr konkrete materielle Verhältnisse. Trotzdem bekam der Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Es gab neben Applaus auch viel Unmut über die Verlesung des Textes. Es stellt sich die Frage, warum die Initiative für Unabhängige Gewerkschaften, die sich ja für die Selbstorganisierung und gegen Stellvertreterpolitik aussprach, die Rede nicht selbst vortrug.

Setzen sie auf den Promifaktor von Müller? Doch, wenn auch schon 1990 klar wurde, dass die Einschätzung der Verfasser des Aufrufs völlig zutraf, sowohl was die Diskreditierung des FDGB betraf, als auch was die Zukunft der Lohnarbeit anbelangt, gelang es nicht, massenhaft unabhängige Gewerkschaften zu gründen.

Wenn nun 30 Jahre später, jüngere reformorientierte Menschen des Aufbruch Ost die Gewerkschaftsarbeit wiederentdeckt haben, bestätigt das nur den Inhalt des Aufrufs vor 30 Jahren.

Wenn die Dummheit der Kommunisten die Leute zu Antikommunisten gemacht hat: dann war sie deren furchtbarster Fehler”

Inhaltsverzeichnis

Vier Monate später, Anfang März, 1990 hielt der Schriftsteller Ronald M. Schernikau auf dem letzten Kongress des DDR-Schriftstellerkongresses eine Rede, die viel zitiert, aber selten begriffen wurde. Denn Schernikau, der als Kommunist und BRD-Bürger erst kurze Zeit vorher die Staatsbürgerschaft der DDR annahm, hielt in einer Zeit, als sich auch im Schriftstellerverband alle auf den neuen kapitalistischen Takt vorbereiten, eine Rede zum Lob des Kommunismus. Dass damit nicht die SED-Bürokratie gemeint war, wurde ziemlich am Anfang der Ansprache deutlich.

Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus. Honeckers Versuch, ein guter König zu sein, so klein und mickrig er auch ausfiel, er war der Versuch zu Konsens.

Aus der Rede von Ronald M. Schernikau

Schernikau sprach aus der Position des westdeutschen Kommunisten, der die SED nicht als Machtpartei und Unterdrückungsapparat kennengelernt hat. Daher scheint seine Rede in manchen Passagen konträr zum Aufruf der linken DDR-Oppositionellen für unabhängige Gewerkschaften zu stehen.

Die DDR hat sich wehrlos gemacht, systematisch, mit offenen Augen. Endlich können wir auch die Erfahrungen der Linken im Westen verwerten!, das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muss Neger verhungern lassen. Wer die Spaltung Europas überwinden will, muss den Westen siegen lassen.

Ronald M. Schernikau

Hier hat der Text Schwächen, auch deshalb, weil sich bald zeigte, dass die DDR-Bevölkerung den Unternehmerverband bekam, aber keine starken unabhängigen Gewerkschaften. Doch Schernikau sagte auch:

Meine Damen und Herren, Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt. Was Sie vorerst begriffen haben: Der Westen ist stark..

Ronald M. Schernikau

Im Rückblick von 30 Jahren zeigt sich, das Schernikaus Text viel mehr Realitätssinn davon hat, was der Sieg des Kapitalismus bedeutet, als viele vor Freiheitslyrik triefenden Texte jener Jahre. Deshalb kann man heute sagen, Schernikaus Rede und der Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften waren vor 30 Jahre eine Flaschenpost, die erst später verstanden werden wird. Sind wir heute soweit?

Am 4. November spielte das Theaterkollektiv Panzerkreuzer Rotkäppchen die größte Demonstration am 4. November 1989 am historischen Ort nach Dort wurden beide Texte vorgestellt. Dabei stellte sich heraus, dass die zwei Reden, die vor knapp 30 Jahren an unterschiedlichen Orten gehalten worden sind und vor den Folgen einer schnellen kapitalistischen Wiedervereinigung warnten, vielmehr Gemeinsamkeiten haben, als die Protagonisten damals ahnten.

Dreißig Jahre AfD

Kürzlich haben linke Ostoppositionelle unter dem Titel 30 Jahre AfD eine Doppelnummer des telegraph herausgebracht. Es ist die linke DDR-Zeitung, der der Soziologe Bernd Drücke in seinem Buch “Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht” über die Geschichte der libertären Presse in Ost und West bescheinigt, wesentlich zu den Veränderungen im Herbst 1989 beigetragen zu haben.

Der Titel des aktuellen telegraph zielt auf die 1989 von den Unionsparteien mit anderen Rechtsparteien initiierte Allianz für Deutschland, die im Herbst 1989 die Stimmung für die Wiedervereinigung mit Erfolg anheizte. Im Vorwort der aktuellen telegraph-Ausgabe heißt es:

Wir fragen in dieser Ausgabe ebenso nach den politischen Einflussfaktoren der Entmachtung eines “dritten Wegs” im nachrevolutionären Prozess von 1990, der Marginalisierung einer Alternative jenseits stalinistischer oder politbürokratischer Zwangsvergesellschaftung und knechtender kapitalistischer Gesellschaftsformierung.

Aus dem Vorwort zum telegraph 135/136

Auf Online kann man kurze Interviews mit Exponenten der linken DDR-Opposition hören. Dort sprechen sie über ihre Hoffnungen vor 30 Jahren und was daraus geworden ist.

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