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Deleuze und Hannelore (Elsner) tanzten Clickhop

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9 Mrz , 2018  

Abschweifende bis ketzerische Bemerkungen zur Konferenz “Entwerfen” in Frankfurt

Wissenschaftler wissen längst, dass der “wahre” Kongress oftmals außerhalb ebendiesem stattfindet: in den Vortragspausen und auf den Gängen, beim gemeinsamen Frühstück und während des Abendprogramms. Auf die “Internationale Konferenz Entwerfen” (alternativer Link), die über Allerheiligen an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt abgehalten wurde, traf dies in besonderem Maße zu: Der subjektiv gesehen beste Vortrag fand nicht im Casino-Hörsaal, dem eigentlichen Veranstaltungsort, sondern in einer etwas abgewrackten Fabrikhalle (oder Garage? oder gar Ausstellungshalle?) unweit des Instituts für Kunstpädagogik statt. Der Zeitraum: Die Nacht auf 3. 11., ca. 3 bis 4 Uhr morgens. Der Referent: Achim Szepanski. Der Zuhörer: Stefan Weber.

Während unten die Leiber zuckten, theoretisierte oben, hinter dem DJ-Set, der charismatische Labelchef von “Mille Plateaux” auf “seiner eigenen” Party ohne Unterlass: Von Spinoza bis zu Feuerbach, von Althusser bis zu Foucault, von Deleuze (eh kloar) bis zu Butler ging die Reise. Um die ungebrochene Aufmerksamkeit seines einen Zuhörers zu sichern, fanden auch Niklas Luhmann, Rodrigo Jokisch und David Loy Eingang in die Tour de force durch zweitausend Jahre und vor allem durch aktuelles Philosophieren. Es war der beste Vortrag des Kongresses “Entwerfen”, nicht nur inhaltlich, sondern auch formal.

Man muss sich das einmal vorstellen: Achim Szepanski, permanent Theorie-Brocken und Literatur-Verweise in das Ohr des Zuhörers brüllend, gegen den relaxt-tanzbaren und doch experimentellen House-Beat ankämpfend. Das fortwährende Hin- und Herbewegen seines Kopfes lief nicht synchron mit den Clickhop-Rhythmen, eher setzte es das aus den Theoriebemühungen bekannte Oszillieren körpersprachlich um, und dies sicher unbewusst. Der Rezensent war wie hypnotisiert von diesem Setting und wünschte sich in besagten Minuten, ein gesamter wissenschaftlicher Kongress würde so verlaufen. Er dachte an die Tradition kalter Kopflastigkeit deutscher elektronischer Musikproduktion und fühlte, hier wird Geschichte geschrieben.

Ich habe auf alle Fälle die “Mille Plateaux”-Party im Rahmen des Kongresses “Entwerfen” als eine der besten Parties der vergangenen Jahre in Erinnerung. Dies mag schlichtweg daran liegen, dass ich mich ansonsten kaum noch in derartigen Kontexten bewege. Dennoch: Die Faszination lag in der Verschränkung von oftmals gegensätzlichen Polen: Der Sound war mitunter vertrackt-experimentell und dann doch wieder groovy-tanzbar, die Atmosphäre war cool/erotisch/relaxt und doch auch (siehe oben) enorm kopflastig/intellektuell. Großartig etwa das Projekt “Open Source”, das den oft gehörten Einwand, bei Clicks-and-Cuts-Darbietungen würden sich live nur verklemmte Jungs hinter ihren Notebooks verschanzen, pervertierte, indem die Laptops schlichtweg umgedreht wurden und die Brustbilder der ‚Künstler’ auf den Screens in Richtung Publikum zeigten. Die Visuals, sowohl ein wenig an (verlangsamte) “Granular Synthesis” als auch an das visuelle Frühwerk von “Psychic TV” erinnernd, taten ein übriges. Von den anschließenden House-Klängen von M.R.I. und DJ Crane A.K. war dann auch Überraschungsgast Hannelore Elsner (ja, die!) durchaus begeistert, was an ihren dezent wippenden Stilettos abzulesen war. Und so hatten alle was davon: Ich den Vortrag von Szepanski, und seine Labelkollegen ein Autogramm von Hannelore.

Freilich war neben Achim Szepanski noch mindestens ein weiterer Redner bemerkenswert: Peter Weibel. Doch das überraschte nicht so sehr wie die unerwartete Theorie-Party. Peter Weibel ist, wenn er in Form und vorbereitet ist, ein begnadet persuasiver und – ebenso wie Szepanski – ein ungemein charismatischer Redner. Weibel hielt seinen Eröffnungsvortrag am ersten Abend der Konferenz vor rund 140 Leuten (die Teilnehmerzahl sackte in den Folgetagen auf 60 bis 30 ab), und kam – wie immer – deutlich zu spät (und dies trotz ZKM-Dienstwagens mit abgedunkelten Fenstern und eigenen Chauffeurs indischer Abstammung). Gerade in dem Moment, als dem Kongress-Ko-Veranstalter Manfred Faßler die Füllworte ausgingen und er die Pause ausrief, war er da: Der “Callboy”, wie er sich selbst gesprächsweise im Anschluss an den Vortrag bezeichnete (Zitat: “Zizek und ich sind Callboys: Man ruft uns an, wir kommen und machen was G’scheites”).

Sein Vortrag war brillant. Er diente der Untermauerung der These, dass die besten künstlerischen Entwürfe mitunter dann passieren können, wenn sich der Künstler als Person völlig zurücknimmt. Ganz nebenbei führte dieser Gedankengang zu Ratschlägen, wie man mit Kreativitätsblockaden umgehen kann: Man überlässt die künstlerische Kreation einfach einem Algorithmus, also einer ‚Handlungsanweisung zur Lösung eines Problems in endlichen Schritten’. Nicht der Künstler, sondern das algorithmische Regelwerk wird dann zum Konstrukteur von Kunst. Ganz so, wie etwa Ernest V. Wright 1927 einen 267seitigen Roman publizierte, in dem der Buchstabe “e” nicht vorkommt. Oder umgekehrt, so wie R. V. Holland einen Roman schrieb, in dem als Vokal nur das “e” vorkommen durfte.

Algorithmen (Regelwerke, Handlungsanweisungen) sind also simple Verfahren zur Auslösung von Kreativprozessen. Ein Beispiel, das die anwesenden Kunststudierenden sichtlich besonders beeindruckte: Wie der Schreibhemmung, der nicht eintreten wollenden Eingebung entkommen? Indem man einfach Tinte aufs Papier schmeißt und dann den Fleck interpretiert: Schon hat man einen Beginn. Weibel: “Der Entwurf, das Ableiten einer Idee, geschieht dann nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Papier.” Weibel faszinierten immer schon Verfahren, bei denen sich das autonome Subjekt in den Zustand der “freiwilligen Selbstkontrolle” begibt. So erklärt sich sein Interesse für kontextgesteuerte Kunst, aber eben auch für algorithmische Literaturproduktion (mit der er sich auch schon seit den Siebzigern beschäftigt). Dahinter steckt ein Weltbild, das den Anthropozentrismus hinter sich gelassen hat, in dem Intelligenz in die Umwelt ausgelagert wird: auf Algorithmen oder eben auch Computer.

Wie heute noch kreativ sein? Damit beschäftigte sich in einem ebenso ausgezeichneten Vortrag Günter Blamberger, Medien- und Literaturwissenschaftler an der Uni Köln. Dabei zeichnete er, wie auch die Kulturanthropologin Gisela Welz vor ihm, ein dialektischeres, differenzierteres Bild als Weibel: Im Rahmen seiner Version von “Kreatologie” interessiert Blamberger das Zusammenspiel von Zufall und Ordnung, Inspiration und Regelwerk, Kontingenz und Kybernetik im Prozess des kreativen Entwerfens. Während für Weibel, den Freund der Unfreiheit, des planbaren Entwerfens, der Zufall “der Feind des Algorithmus” ist, betrachtet Blamberger – man könnte sagen: – die Ko-Evolution beider Steuerungsgrößen, wiewohl auch er letztlich ein “antiindividualistisches Kreativitätskonzept” vertritt. Im Gegensatz zu Weibel interessiert sich Blamberger jedoch nicht für algorithmische Reproduktion, sondern für Teamkreativität – auch hier aber eine Abkehr von der rein subjektzentrierten Entwurfs-Logik. Gisela Welz schlug genau in dieselbe Kerbe, wenn sie Praxen des Entwerfens mit soziologischer Brille im Wechselbad von Freiheit und Kontrolle, von Innovation und Konvention analysierte.

Der theoretische Rahmen war damit im Wesentlichen abgesteckt. Zu erwähnen ist noch, dass der Kunsthistoriker Gottfried Kerscher in seinem Vortrag über virtuelle Architektur eine wertvolle Differenzierung zwischen dem Prozess des Entwerfens und dem Produkt des Entwurfs leistete. Einige (Künstler-)Wissenschaftler zeigten in der Folge interessante Beispiele für algorithmische Praxen des Entwerfens – wie etwa der Siegener Literaturwissenschaftler Peter Gendolla mit der Delphi-Maschine, einem Wort-Zufallsgenerator aus 40.000 Seiten Wissenschaft und Literatur, oder Luka Frelih mit seinem “Net Art Generator”: In beiden Fällen wird sinnvolles oder eben auch sinnloses Wissen mit unabgeschlossenem So-Far-Charakter, werden also Entwürfe im Sinne Manfred Faßlers erzeugt.

Andere Wissenschaftler-Künstler wiederum verorteten Kreativität beim Betrachter (wie etwa Axel Rochs Eyetracking-System “Visionary Apparatus”) oder – ganz klassisch und why not – bei sich selbst, wie etwa Zelko Wiener und Ursula Hentschläger mit ihren Medienkunstprojekten auf der Zeitgenossen-Website. Bei den auf dem Kongress präsentierten Kunstwerken interessierte sowohl der Weg von der Idee zum Entwurf (sozusagen der ‘konstruktivistische’ Part) wie auch der Weg vom Entwurf zur Realisierung (gleichsam der ‘realistische’ Teil). In beachtenswerter Selbstreflexion haben dies etwa Zelko Wiener und Ursula Hentschläger vorgeführt – auch unter Selbstthematisierung der zur Präsentation verwendeten Medialität.

Andere Künstler wiederum – wie immer bei solchen Konferenzen – zeigten lediglich ihre Kreationen her (wie etwa Marti Guixe mit seinen Food-Designs, die für mich eher unter die Kategorie ‘schlechte Witze’ fallen) oder betrieben recht schamlos Eigenwerbung für ihr Anliegen (wie etwa Ricardo Dominguez’ propagandistische Leseübung in Sachen ‘interhacktivity’ und “Electronic Disturbance Theatre”).

Und damit komme ich schließlich zur Problematik der gesamten Konferenz: Wenn – im Sinne des Veranstalters und ‘geistigen Mentors’ Manfred Faßler – jedwedes Wissen Entwurf ist und künstlerische Prozesse sowieso Prozesse des Entwerfens sind, dann handelte es sich eben um nicht mehr und nicht weniger als eine weitere, x-beliebige Kraut-und-Rüben-Konferenz, bei der man jeden Wissenschaftler und jeden Künstler hätte einladen können: Auch Archäologen entwerfen dann, Historiker sowieso, Theologen wie Literaten, Netz-Aktivisten wie Köche – am Ende gar jede/r immer schon? Er siedle den Begriff des “Entwerfens” oberhalb und als Sammelbegriff von “Design” oder “Konstruktion” an, meinte Manfred Faßler in der Schlussdebatte, als er von de:bug-Redakteurin Mercedes Bunz harsch gefragt wurde, was denn “Entwerfen” mit Wissen zu tun habe und warum die Künstler in diesem Rahmen bloß ihre Werke hergezeigt hätten.

Mercedes Bunz scheint mit derartigen Veranstaltungen herzlich wenig anfangen zu können, und man kann in der Tat die Konferenz auch so sehen. Doch wer dies tut, stellt den Sinn des wissenschaftlichen Konferenzwesens (zumindest dieser postmodernen Provenienz) selbst in Frage. Freilich ist auch das legitim. Und eine perverse Lust an einem finalen Symposium, mit dem Titel “Das Symposium nach dem letzten Symposium”, kuratiert von Weibel und Zizek, hätte auch ich. Kein Zweifel überdies, dass viele Fragen, die bei “Entwerfen” diskutiert wurden, auch in einer kleinen, nicht-öffentlichen Arbeitssitzung der referierenden Wissenschaftler gut aufgehoben gewesen wären. Vielleicht wäre die Debatte dann, wo sie spannend wurde, nicht abgebrochen worden: etwa bei der hitzigen Diskussion der Frage, ob die Takeover-These, wonach das Kreativpotenzial heute primär im Bereich der Medien- und Biotechnologien zu finden ist und nicht mehr in der Kunst, empirisch haltbar ist.

Was nehmen wir von “Entwerfen” mit? Ein wenig neues Wissen, vor allem aber das Wissen darum, dass das Wissenschafts-Spiel – und damit auch das Symposiumswesen – bis auf weiteres weitergeht. Autopoiesis eben. Danke für die Einladung.

 

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