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Der neoliberale Kapitalismus: Leben und Denken wie die Schweine

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17 Jan , 2016  

Die Überschrift des Beitrags wurde Gilles Châtelets Buch „To Live and Think Like Pigs: The Incitement of Envy and Boredom in Market Democracies“ entlehnt. Man denke bezüglich dieser freundlichen Übernahme an das Geständnis von Deleuze/Guattari, dass sie nur noch die zitieren, die sie lieben.

Auf welche Maxime, die anstatt des schweinischen Lebens ein anderes Leben einfordert, bezieht sich Châtelet in seinem Buch? Entfalte immer einen Raum, der allen Gerechtigkeit gibt und der deine eigenen Neigungen verstärkt. Das Aufnehmen einer Neigung oder wie Tiqqun sagen, einer forme-de-vie, betrifft nicht nur diese selbst und das Wissen, sondern sie betrifft das Denken, seine Differenzierung und Steigerung. Wer nichts von dieser Maxime versteht, lebt wie ein Schwein. Das neoliberale Schwein will wenn möglich alles so gestalten, um es auf einen möglichen Profit zu reduzieren; es will zwar alles exakt etikettiert, ausgepreist und konsumierbar haben, aber letztendlich sind all seine Begierden, Strategien und Projekte auf die Steigerung der Produktivität und der Profitabilität des eigenen Humankapitals ausgerichtet. (was es noch als Freiheit verkennt, denn es ist das Kapital als ein soziales Verhältnis bzw. als ein System, das über die Konkurrenz den Zwang zur Profitmaximierung setzt. Folgerichtig Adorno: „Die Signatur des Zeitalters ist es, daß kein Mensch, ohne alle Ausnahme […] sein Leben mehr selbst bestimmen kann.“). Anders zu leben heißt laut Châtelet unbekannte Dimensionen der Existenz zu entdecken, oder wie Rimbaud sagt, den Schwindel zu definieren. Wir brauchen den Schwindel, aber auch die Form. Dazu benötigt man jedoch keine Ethik. De Genossen des amerikanischen Magazins „Hostis“ schreiben dazu: „Wenn die Preisgabe der Ethik einen verstört zurücklässt, dann weil die Ethik eine ganz persönliche Angelegenheit ist. Heute bedeutet ethisch zu sein noch nicht einmal mehr reformistisch zu sein – es geht um eine Politik, die rein der Fantasie huldigt, ein lebendes Rollenspiel derjenigen vorführt, die es «gut« meinen. Die Sphäre des ethischen Lebens besteht aus einer Welt von Angebern und Fieslingen, die nur nach den Anderen schauen, um sich selbst zu beweisen, dass sie persönlich die richtige Wahl getroffen haben. Die Ethik verwertet für sich die Kraft der aktiven Intentionen, während sie die systemische Destruktion des global integrierten Kapitals vollkommen intakt lässt. Mit anderen Worten, sie wird durch den Elitismus des »besser-als-der-andere-Sein« befeuert.“

Und wie lautet nun die Maxime für ein richtiges Denken? Für Châtelet schläft das Denken im zeitlichen Kontinuum, es gibt aber immer wieder Singularitäten, die nur darauf warten reaktiviert zu werden, um Virtualitäten in den Falten der Zeit zu erfinden, die man entdecken und akzeptieren kann. Die Maxime eines nicht-schweinischen Denkens heißt: Aktiviere deine Virtualität! (Für Deleuze ist Virtualität nicht alles Mögliche, sondern das, was in einem spezifischen Zeit-Raum möglich ist, möglich war oder möglich sein wird. Das Virtuelle verfügt über enorme Wirkungen im Realen, und gleichzeitig erweist sich das Virtuelle wegen seiner Anbindung an empirische Kausalmechanismen immer auch als Wirkung einer Wirkung. Es fungiert als eine unkörperliche Quasi-Kausalität, wobei das Virtuelle auch inaktuell bleiben kann und damit den Status einer Reserve annimmt.) Wie ein Schwein zu denken heißt hingegen die Virtualität, ja die Kindheit in sich selbst abzutöten und zu imaginieren, dass man stets eine gut ausbalancierte Person ist, sprich ein Niemand. Paradoxerweise richtet diese Art von Niemand seine Aufmerksamkeit andauernd nur auf sich selbst. Das schweinische Denken sucht nicht nach Bedeutungen für seine Existenz, sondern immer nach der Exaktheit seiner Dimensionen. Châtelet fordert hingegen zu etwas ganz Anderem auf: Sei der Dandy deiner Ambiguitäten und wenn du Angst hast dich zu verlieren, dann bewahre nur das auf, was dich übersteigt. Sei der rebell-in-person, wie Laruelle es ausdrückt. Oder nehmen wir eine Bemerkung von Félix Guattari: „Die Arbeit der Revolutionäre besteht keineswegs darin, Worte zu befördern, Dinge zu haben oder Modelle und Bilder zu transportieren oder zu übermitteln. Ihre Aufgabe ist es, die Wahrheit ohne Übertreibung und Tricks zu sagen. Wie aber kann diese Wahrheitssuche erkannt werden? Das ist ganz einfach und es funktioniert immer: Die revolutionäre Wahrheit ist etwas, das dich nicht ankotzt, etwas, in das du involviert sein willst, das dir deine Furcht nimmt, das dir Stärke gibt, das deine Neigungen verstärkt, egal wie, selbst wenn es dich tötet. Die Wahrheit ist mit der Theorie oder der Organisation nicht identisch. Die Theorie und die Organisation beginnen, wenn die Wahrheit erscheint.“

Was hat das nun alles mit dem zu tun, was man heute gemeinhin als „Neoliberalismus“ bezeichnet? Philip Mirowski geht in seinem Buch „Die Untoten leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist“ einer neuen neoliberalen Subjektivierungsform nach, einem unternehmerischen, mit wechselnden Identitäten ausgestatteten Selbst (das wir Dividuum nennen), das von Simulakren anderer solcher Wesen umgeben ist. Dieses unternehmerische Selbst versteht jedes denkbare Glück oder Unglück als Folge von selbst eingegangenen und selbst zu verantwortenden Risiken, als Konsequenz richtiger oder eben falscher Investitionsentscheidungen. So tönen die diskursiven Sprachrohre der neuen Mittelschicht, dass man heute zwischen diesen oder jenen Strategien und Dingen sich unter allen Umständen frei entscheiden könne, obgleich doch alle Entscheidungen praktisch immer auf dasselbe hinauslaufen, nämlich, dass sie in letzter Konsequenz vom Markt exekutiert werden. Um sich als Individuum zu imaginieren, muss deshalb in die eigene Performance permanent Differenz injiziert werden. Der Trick des Neoliberalismus besteht einfach darin, diese Art von Freiheitsprogramm, nämlich die Möglichkeit, unter tausenden von Risiken und Waren zu wählen, als Strategie und Position gegen verkrustete und verknöcherte Systeme zu verkaufen. Wenn man aber den Zwang, dem man unterworfen ist, als Freiheit empfindet, dann ist aber nichts weiter als das Ende der Freiheit angesagt.

Wir können heute zunächst von zwei sich überschneidenden Subjektivierungsprozessen ausgehen: Individuierung und Dividuierung. Die digitale Arbeit ist fragmentiert; das Dividuum – selbst eine zelluläre Form – erfährt in den digitalisierten Produktionsprozessen eine rekombinante Fragmentierung in zellulären und zugleich rekombinierbaren Segmenten, die sich unter den Gesichtspunkten des finanziellen Kapitals als ein kontinuierlicher Flow von Geldkapitalströmen darstellen. Es geht hier nicht nur darum, dass die Arbeitsbeziehungen selbst prekär werden, sondern es kommt in ihnen fortwährend zu Teilungen, unter Umständen sogar zur Auflösung des produktivern Agenten, der Arbeitskraft. Es ist ganz klar, als Zellen der produktiven Zeit können die Dividuen in fragmentierten Formen der Arbeitsprozesse ständig neu mobilisiert und rekombiniert werden. Wir haben es mit einem immensen Anwachsen einer depersonalisierten Arbeitszeit zu tun, insofern das Kapital immer stärker dazu übergeht, anstatt den Arbeiter für acht Stunden verschiedene Zeitarbeitspakete zu mieten, um sie dann zu rekombinieren (Out- und Crowdsourcing) – und dies eben unabhängig von ihrem austauschbaren und damit mehr oder weniger zufälligen Träger. Das „Selbst“ fluktuiert als fluides Rest-Ego und wird in immer neuen Relationen rekombiniert, und diese Formierung vergleicht Ulrich Bröckling mit einem Kaleidoskop, „das bei jedem Schütteln ein neues Muster zeigt.“

Laut Mirowski war es Foucault, der als erster linker Intellektueller (mit all seinen Begrenzungen) seine Aufmerksamkeit auf die Debatten liberaler und neoliberaler Wissenschaftszirkel, Think Thanks und anderen Organisationen legte, angefangen von denen der deutschen Ordoliberalen bis hin zu denen der Chicago Schule um Milton Friedman, wobei Foucault ausgerechnet dem Ziehvater der Neoliberalen, Friedrich Hayek, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenkte (Hayek fungiert vor allem als Verbindungsstück der beiden Lehren). Man könnte nun mit Foucault sagen, dass sich die Fragmentierung und Dividuierung über die unternehmerische Gestaltung der eigenen Person, die über eine Vielheit ineinander fließender Unternehmen verfügen soll, abwickelt. Das neoliberale Subjekt ist für sich selbst Kapital, Einkommensquelle und Produzent, so Foucault. Egal, was es macht, seine unternehmerischen Aktivitäten sollen über die Ökonomie hinaus qua Wettbwerb und Investition auf alle gesellschaftlichen Felder ausgedehnt werden. Geltung und Sollen fließen ineinander. Nach Foucault betrifft das Modell des Homo oeconomicus, der nun als ein gut durchkonstruiertes Stück Humankapital endgültig vollständig regierbar wird, damit nicht nur den ökonomischen Akteur, sondern einen allgemeinen Akteur, der bspw. sein Liebesleben wie eine Datingmaschine pflegt (Maximierung der Rendite bezüglich der Investition in Gefühle, Zeit und Geld), der den Nutzen von Verbrechen kalkuliert oder der seine Freundschaften evaluiert wie er in seinen Jobs evaluiert und bewertet wird. Er ist kein klassischer Unternehmer mehr, sondern ist als Humankapital der Vervielfachung der Unternehmensform quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche unterworfen. Als zu kapitalisierendes Subjekt hat er schließlich so in sich zu investieren, dass sein Kapital- bzw. Portfoliowert in allen gesellschaftlichen Feldern steigt und/oder Investoren auf seine Kreditwürdigkeit aufmerksam werden.

Er verdichtet sich zu einem Bündel mentaler Eigenschaften, wobei sein Interessenkalkül in eine äußerst geschwätzige Gefühlsökonomie eingebettet wird. Mirowski zitiert in seinem Text zum Neoliberalismus bspw. einen Gesprächstherapeuten: „Ob jemand weiß, wovon er redet, ist egal, solange er nur bereit ist viel zu reden.“ Das souveräne Handeln, das durch die digitalisierte Arbeit in der Tendenz zerstört wird, muss ständig rekonstruiert werden, indem es simuliert wird, und zwar durch das Zusammenspiel von Semiologien, ansteckender Kommunikation und der sie ergänzenden Kognition, wobei dieses Spiel sich im Modus der Endlosschliefe vollzieht, die Kroker/Weinstein als postmoderne Ideologie folgendermaßen beschrieben haben: „“Ich könnte für immer hier bleiben und mit dir weiter reden.“ Das ist die Einstellung jener Leute, die bei MC Donald`s herumhängen: die ideale Sprechgemeinschaft, die es bereits gibt, aber von der „Kritischen Theorie“ übersehen wurde.“ Darüber hinaus stattet der neoliberale Refrain (Kommuniziere! Verhalte dich als Unternehrmer! Werde ein Asset! Trage ein Risiko!) die Dividuen mit funktionalen, effizienten Relationen aus, damit sie in den kapitalisierten Raumzeiten und im Wettbewerb mit den anderen Mitspielern bestehen können. Man muss nur das Stimmengewirr im Internet zur richtigen Zeit platzieren, das sture Nachbeten im Anfangsstadium einer Marketingkampagne betreiben und man braucht eine Strategie für das nachlassende Interesse am Ende der Kampagne. Alles wird zur blöden Anekdote, kann jederzeit aktualisiert, um gleichzeitig als Zeichen entaktualisiert zu werden.

Der Markt ist nach Hayek der vom Wettbewerb (und nicht vom Tausch) angetriebene optimale, der komplexe und der unsichtbare, der auf alle Ewigkeit bestens funktionierende Informationsprozessor. Für Foucault muss er als der Ort der Veridiktion, der Produktion und Zirkulation von Wahrheiten, ständig neu konstruiert werden. Wo aber derlei als Norm und Wahrheit instruierter perfekter Wettbewerb herrscht, da existiert eigentlich kein Wettbewerb mehr. Das Glaube des kybernisierten Thermostat-Bürgers, so nennt Châtelet das sich selbst regulierende neoliberale Subjekt, negiert, dass die dem perfekten Wettbewerb entsprechende perfekte Kommunikation nichts mehr kommuniziert, es herrscht vollkommene Transparenz, obgleich es doch im Zeitalter des Exzesses der Daten eine Asymmetrie des Datenzugangs zu verzeichnen gibt. Die hobbeschen Robinson Partikel, so nennt Chatelet die klassischen liberalen Rechtssubjekte, mutieren im Neoliberalismus zu halbwegs friedlichen Menschen, die sich in zwei Lagern befinden: Dem des Angebots und dem der Nachfrage, organisiert von einem Prozessor, der beständig Gleichgewichtspreise herstellt, das heißt alle profitieren von den instantanen und freien Informationen, die angeblich jede Spekulation und Übervorteilung verunmöglichen. In der Realität hat jedoch gerade die neoliberale Kapitalisierung bzw. Finanzialisierung ein ökonomisches Modell für Praktiken hervorgebracht, die die Unternehmen, Haushalte und Staaten gleichermaßen betreffen und ein umfassendes Risikomanagement für Investionen und Spekulationen einfordern, um die Kapital- und Portfoliowerte sowie die Ratings und Rankings der jeweiligen Akteure zu steigern. Dies impliziert auch, dass zuindest theoretich alles zum Rohmaterial und Modell für den Markt und zum Underlying für das Derivat mutieren kann, wobei das aktuelle Ding jederzeit durch eine bessere, volatilere Materie ersetzt werden kann, die einen noch schnelleren Shortcut von Geld zu MehrGeld ermöglicht. Und dies in einem System der Überblendungen und Superpositionen: Ein Tisch mag ein Ding zur Bereitstellung einer Mahlzeit sein, aber wenn Faktoren wie zu zahlende Zinsen auf die Kredite des Tische produzierenden Unternehmens, Optionen und Versicherungen auf den Holzpreis und schließlich Währungsschwankungen mit den entsprechenden Faktoren in der Produktion übereinander geblendet werden, und dies im Kontext der Produktion weiterer Güter und Dienstleistungen, so wird über dem äußerst bescheidenen Tisch (als physikalisches Objekt) ein globales Festgelage des monetären Kapitals platziert.

Die Möglichkeit durch das Effektivieren des eigenen Risikomanagements auf Dauer profitieren zu können, besteht stärker denn je in der kontinuierlichen Ausnutzung der Arbitrage (auch der Ausnutzung der Arbitrage der anderen, der Ausnutzung von kleinsten Differenzen, die Volatilität erzeugen), und dies als eine bevorzugte Weise der finanzialisierten Subjektivierung. Ein derartig strukturierter und motivierter Arbitrage-Handel ermöglicht die Verleugnung der Abhängigkeit (gegenüber Unterehmen und Staaten), die nun auschließlich als befreiender Wettbewerb, der sich individuell-souverän ausnutzen lässt, erfahren und zugleich zelebriert werden will, als ob dieser Wettbewerb einzig und allein aus der Perspektive der individuell kontrollierbaren Inputs und Outputs gemessen werden könnte, oder um es etwas anders zu sagen, manche gewinnen, manche verlieren. Und dies heißt wiederum, dass manche gerettet werden, während andere weggeworfen oder zertreten werden. Shit happens. Gegenwärtige finanzialisierte Biopolitiken inkludieren die beständige Modulation des Risikos und die statistische Sortierung der Bevölkerung, nämlich in die, die im Angesicht des Risikos erfolgreich sind, und die, die es definitiv nicht sind – und nichts anderes heißt eben at-risk zu sein. Abgekupfert ist das von den Konkurrenzmechanismen der Einzelkapitale, bei denen es darum geht, die anderen Einzelkapitale outzuperformen. Freiheit, sie ist der trübe Sud, in dem sich das Marktverhalten der Unternehmen und der Subjekte spiegelt.

Damit verschwinden Kategorien wie Profit, Mehrwert und Kapital, auch der Klassenbegriff aus den Diskursen, stattdessen wird das Risiko zu einem allgemeinen Handlungsimperativ auserkoren, obgleich es bei den Neoliberalen doch letztendlich immer der Markt sein soll, der über das individuelle Risikomanagement entscheidet; gleichzeitig wird die Armut erst personalisiert und dann kriminalisiert. Risiko ist zunächst ein versicherungstechnischer Begriff, es müssen den zu versichernden Personen feste Kategorien zugeordnet werden, um dann Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Anders im Neoliberalismus. Hier fungiert das Risiko als ein Leitwert, dem es sich quasi stürmisch hinzugeben gilt, und der nur noch von dem der Freiheit übertroffen wird. Als Markenzeichen des Unternehmers, der keine Wahrscheinlichkeiten mehr abzuwägen braucht, gilt es sich also in purer Ekstase dem Risiko und dem es kontrollierenden Markt hinzugeben, jedoch einem Markt, der alles übersteigt, was wir zu denken vermögen und dem wir einen seltsamen Vertrauensüberschuss zuweisen, wie es vielleicht einmal die Pfaffen mit Gott gemacht haben. Bedingungslose Hingabe an das Risiko, das aber letzendlich wie eine unsichtbare Hand vom Markt gestaltet wird und zugleich die bedingungslose Konkurrenz erfordert, gilt als die wichtigste Methode zur Veränderung der Identität und zur maximalen Verwertung des eigenen Lebens. Mirowski schreibt dazu: „Es grenzt an Schwachsinn, die Vorzüge eines Marktes zu preisen, der den Menschen bietet, was sie wollen, wenn man ihnen zugleich den Drang zuschreibt, jene Art von Person zu werden, die eben das will, was der Markt ihr bietet.“ Das Risiko ist eine Droge, die Ihnen das Paradies verspricht, greifen sie einfach zu. Das hat mit den ökonomischen Strukturen des Kapitals zunächst wenig zu tun, es handelt sich hier um ein diskursives Konstrukt der Neoliberalen, das nicht nur die Relationen zwischen Staat, Politik, Subjekt und Wirtschaft unter die Dominanz der Ökonomisierung und der Marktrationalität stellt, sondern auch bisher noch nicht ökonomisierte Sphären, Dinge und Begierden in Prozesse der Kapitalisierung umwandeln will. Und dies hat aber Folgen, die bspw. Adorno weitsichtig voraussah: „Mit der Auflösung des Liberalismus ist das eigentlich bürgerliche Prinzip, das der Konkurrenz, nicht überwunden, sondern aus der Objektivität des gesellschaftlichen Prozesses in die Beschaffenheit der sich stoßenden und drängenden Atome, gleichsam in die Anthropologie übergegangen.“ Es gilt weiterhin festzuhalten (auch gegen Foucault), dass es nicht in erster Linie die neoliberale Regierungsrationalität und Vernunft, sondern das Kapital in der letzten Instanz ist, das über seine Operationen, Mechanismen und Strategien die heutigen Welten und Subjekte strukturiert, konstituiert und beherrscht. Und insofern bedeutet die risikobereite und zugleich verantwortungsvolle Investition in das unternehmerische Subjekt seine Unterwerfung unter das Kapital, den Staat und die Technologien. Zwangsläufig muss die Selbsterhaltung und Selbstverwertung im Sinne der Erhaltung und Steigerung der eigenen Kreditwürdigkeit der Govenance des Staates und der Gesundheit des Kapitals und seinen Wachstumsimperativen und Finanzialisierungsanforderungen, seinen Konjunkturen und Krisen, seinen Blasenbildungen und Akkumulationsbewegungen unterstellt werden.

Zeigt der Markt nach unten, dann beruht das auf falschen Einschätzungen der Risikoakteure, deren Scheitern immer selbst verschuldet ist. Ständig motiviert man díe Bürger dazu, ihr eigenes Leben wie ein Portfolio zu betreiben und bricht das Leben einmal zusammen, dann wird der Einzelne verteufelt. So wie einmal die Pflicht zur Einordnung in die Volksgemeinschaft als stummer Zwang fortbestand, so ist es heute die Einübung in das Risikomanagement, die als stummer Zwang insistiert (obgleich der Erstere nicht verschwindet). Der Idealtyp des unternehmerischen Akteurs erledigt jedoch nicht nur alles freiwillig und ohne Zwang, er wähnt sich unter Umständen sogar in der Rebellion gegen das System, aber diese Art von Glücksspiel simuliert das Leben zu Übungszwecken, mit denen sich ganz und gar den Marktprozessen übergeben wird. Auch dieser Zusammenhang war schon Adorno nicht ganz unbekannt. Als bloßer Agent der Vergesellschaftung, das heißt in einen totalen Funktionszusammenhang integriert, was die Ersetzbarkeit aller durch alle bedeutet, hat für Adorno das Individuum zugleich aber auch noch kreativ und flexibel zu sein. Aufgrund der Ersetzbarkeit aller durch alle ist das Individuum zwar objektiv bedeutungslos geworden, bleibt aber in seinem isolierten Für-sich-Sein eine Monade, die sich vor allem um die eigene Selbsterhaltung und Selbstverwertung kümmern muss.

Die Zunahme der Risikosubjekte erfordert heute gewinnorientierte Versicherungen, die die Risikosubjekte kategorisieren und normalisieren, und unter diesem Gesichtspunkt geht es keineswegs um ekstatisch das Risiko bejahende Subjekte, die man sonst so propagiert. Die Versicherungen erheben Daten nämlich aufgrund einer ziemlich gewöhnlichen Risikodefinition, indem sie die Risikosubjekte nach Kriterien wie Einkommen, familiärer Herkunft, Beruf, Wohnort, Geschlecht und Bildung sortieren, hierarchisieren und auspreisen. Während die Leute hartnäckig mit ihrer kreativen Neubildung beschäftigt sind, sich ständig in Freiheit kreativ neu erfinden (Kreativität wurde schon in den 1960er Jahren als eine pseudonormative Leerformel denunziert, Topitsch), betrachten die Versicherungen sie als stereotype Protagonisten, die wie eh und je ein gewöhnliches Leben leben, unter Umständen das des „lebendig gewordenen Stelleninserats, eine gelungene Synthese aller Charaktereigenschaften, die sich Personalchefs und Volksschullehrer bei einem Menschen wünschen.“ (Pohrt) Während die risikobereiten Subjekte, insbesondere aus der Mittelschicht, sich permanent selbst feiern, dass sie die Fesseln verkrusteter Identitäten gesprengt haben, werden sie äußerst effizient durch Versicherungen und andere Kontrollfirmen, die sich selbst unsichtbar zu machen versuchen, gescannt und klassifiziert. Die aufstiegswillige Mittelschicht – ökonomisch nach oben, kulturell nach unten orientiert – findet dies chic, und einigen ihrer Repräsentanten, die bestimmte Funktionen bei den Versicherungen selbst einnehmen, gelingt es sogar im Highsein des Hedgens sich gegenseitig zu übertrumpfen, und dies im Zuge eines schnellmachersüchtigen Ausspuckens von Funktionen, Formeln und Slogans, plus dem nahezu orgiastischen Sog, den eine Panikmeldung auf Bloomberg oder Reuters erzielen kann. (Ob in einer Straße im Stadtzentrum, in einer U-Bahn-Station oder einer Gruppe von Arbeitskollegen: die Vollkommenheit des Überwachungsdispositivs besteht gerade in der Abwesenheit des Überwachers, so Tiqqun.)

Nicht nur die Techniken zur Modulation der Dividuen haben zugenommen, sondern auch solche, mit denen man Profite selbst noch aus dem Scheitern der Vereinzelten extrahiert. Die Existenz risikobereiter Subekte erfordert eine Kontrollstruktur (Statistiken, Tabellen und Taxonomien), die die Subjekte nach Risikokategorien eingliedert und klassifiziert, sortiert nach allen möglichen Kriterien zum Zweck der Erstellung eines Risikoprofils. Nochmals Mirowski: „Während sich die Akteure dazu gratulieren, immer wieder die Fesseln der Identität gesprengt zu haben, verfolgen die Kontrollfirmen sie hartnäckig durch Zeit und Raum als identische Personen.“ Unternehmen und Personen werden heute nicht mehr am konkreten Einzelfall auf ihre Kreditwürdigkeit geprüft, sondern anhand der Erstellung einheitlicher quantitativer Indizes. Die Kreditkontrolle durch Prüfung des Einzelfalls wird durch die Kreditkontrolle mittels der Erstellung von Risikoprofilen ersetzt. Für Unternehmen leisten dies die drei große Ratingagenturen und für die Verbraucher wurde der Fico Score eingeführt, ein Algorithmus, der als wichtigstes statistisches Instrument zur Kontrolle des neoliberalen Subjekts dient. Es wird nach den oben genannten Kriterien klassifiziert, und auf diese werden Punkte vergeben, gewichtet und zu einer Bonitätsnote zusammengefasst, um mit dem Gesamtscore bspw. Kreditvergaben festzulegen. Versicherungen konstruieren mit dem Fico Score die Kreditgeschichten der Kunden, Unternehmen prüfen mit ihm die Stellenbewerbungen und suchen nach optimalen Standortbestimmungen, Krankenversicherungen erheben mit ihm Prognosen, ob die Patienten die Medikamente ordnungsgemäß einnehmen, Spielcasonos eruieren die gewinnträchtigsten Gäste. Ein Netz von Rankings, Ratings und anderen Evaluationsmechanismen durchzieht die gesellschaftlichen Felder, bezieht sich auf fast alle Tätigkeiten und Bereiche.

Man betrachte etwa die Entwicklung der Lebensversicherungen, die über die Methoden der Verbriefung von Wertpapieren zu einem handelbaren Finanzprodukt geworden sind. In den 1980er Jahren entstanden in den USA Firmen, die den Kauf von Policen HIV Kranker mit Pauschalsúmmen betrieben. Dabei übernimmt die Versicherung die Beitragszahlungen des Kranken in der Erwartung, dass sein baldiger Tod die Kosten im Verhältnis zur Versicherungssumme minimieren wird. Heute werden die Policen in forderungsbesicherte Wertpapiere gebündelt und an institutionelle Anleger verkauft, denen die makabren Ausgangeschäfte gar nicht bekannt sein müssen. Während selbst noch totkranke Menschen zur Verstärkung ihrer unternehmerischen Aktivitäten angehalten werden, gehen die Firmen, die ihre Policen verbriefen, nur kalkulierte Risiken ein, das heißt auf Basis versicherungstechnischer Kategorien und der Kenntnis fixierter Kundenidentitäten. Generell bedarf die Ekstase zur Marktbereitschaft qua Kreditkarten, Studentenendarlehen und Hypotheken als Pendant die Operationalisierung versicherungstechnischer und -mathematischer Größen wie Klassenzugehörigkeit und feste Identität, zu deren Kontrolle ganz spezielle Panoptiken errichtet werden.

Dieses derartig zugerichtete Risikosubjekt ist nicht passiv, sondern muss sich im Rahmen seines Risikomanagements ständig aktiv und strategisch, ja seine Zukunft kakulierend bewegen. Dies geht ungefähr so: Du kannst alles werden, was du willst, du musst es nur wollen, obgleich Google dir vorgibt, was du gerade tun willst und was du morgen tun wirst, und glaube mir, du wirst es tun. Belohnung oder Strafe sind das Ergebnis eines permanenten Managements um die zu kalkulierenden Risiken. Mirowski bezeichnet das Risiko als den Sauerstoff des unternehmerischen Selbst, einer kleinen Kapitalie, die sich effektiv und vielgestaltig in allen Lebensbereichen verwertet. Dies erfordert zwingend, dass man Unwissenheit und Unsicherheit als konstitutiv für das eigene Leben und seine Relationen zum Job, Familie, Versicherungen und Konsum versteht. Und das unternehmerische Selbst funktioniert am Besten, wenn es einem noch unternehmerischeren Selbst zu mehr Geld verhilft, wenn es sich riskanten Hypothekekengeschäften überlässt, die leichte Wirtschaft im Internet goutiert, die Absorption des Alltags durch die Finanzialisierung mitorganisiert, wie ein Profi an der Börse spekuliert, auf Facebook sein Profil effektiviert, so in etwa Mirowski. Das neoliberale Risikosubjekt ist simultan das Unternehmen, der Kunde, das Produkt und das Rohmaterial seines Lebens. Die Unterscheidung von Konsument und Produzent löst sich hier zugunsten eine Subjekts auf, das mit einem kleinen Kapital zusammenfällt. Seine Eigenschaften, Projekte, Skills und Fähigkeiten hat das neoliberale Risikosubjekt wie Kapital- und Vermögenswerte zu behandeln, die es zu pflegen, zu managen und zu vermehren gilt. Eingeschlossen der Verbindlichkeiten, die gemanagt werden müssen. Natürlich steht man besser auf der Seite der Forderungen als auf der Seite der Verbindlichkeiten. Versicherungen sind die notwendige Form, um die anfallenden Schwankungen zu regulieren. Schließlich mutiert das neoliberale Subjekt zum Spielball von Derivatgeschäften, an denen es hängt wie es sie gleichzeitig in höchster Alarmbereitschaft bzw. Flexibilität zu pflegen, zu festigen und zu effektivieren hat. Zwischen den verschiedenen Rollen, die es dabei zu besetzen gilt, besteht keine feste Hierarchie, sondern sie werden je nach momentanen Anforderungen besetzt und gerade diese Art der Flexibilität erfordert die permanente Selbstkontrolle. Emotionen, Techniken und Verfahren wechseln, und wer das eigentlich orchestriert, ist nicht ganz klar (man denke an Adorno und seine Bemerkung, wie unverschämt es eigentlich sei, noch Ich zu sagen), aber es muss weiter ein Integral existieren, so provisorisch es auch sein mag, will das neoliberale Subjekt nicht ganz in das Pathologische abdriften. Der Oportunismus besteht einfach darin, in der Beziehung zu sich selbst ständig die Figuren, die dieses Selbst verwalten, auszutauschen, indem man neue Techniken ausprobiert, emotionale Bindungen und Affekte je nach Erfolgsausichten verändert. Integration und Auflösung sind die Komponenten, in denen sich das abspielt.

Jede gelebte Erfahrung wird duch ein Konglomerat von Lifestylen ersetzt, wobei man die Spannung zwischen Zugehörigkeitsgefühl zu einer Trendgruppe und Individualität auszuhalten hat, und dies gerade so, dass beide Eigenschaften in bestimmten Momenten kurzgeschlossen werden können. Tiqqun schreiben: „Franzose, Ausgschlossener, Frau, Künstler, Homosexueller, Bretone, Bürger, Feuerwehrmann, Moslem, Buddhist oder Arbeitsloser: alles ist recht, solange nur ein jeder in diesem oder jenem Tonfall und mit verklärtem Blick ins Unendliche das wunderbare „ICH BIN…“ grölen kann.“ Dabei geht es meistens nur um die Beschwörung der eigenen Nichtigkeit oder, wie David Foster Wallace sagt, um die Bewirtschaftung der eigenen Bedeutungslosigkeit, die heute am erfolgreichsten vom Promi A bis C vorgeführt wird.

Man denke aber auch an jenen Banker, der ultrahektisch mit isometrischen Gesichtsübungen beginnt, und die kleinen Muskelstränge begehrt, die seine Augäpfel mit dem Gehirn verbinden, bis es schlussendlich so tierisch schmerzt, dass das authentische Leben auf seiner elfenbeinfarbenen Stirn fast verglüht, und er beginnt die prickelnde Hohlheit seiner eigenen Expertenkultur symbolisch mit ein paar wirren Hieben durch die Luft zu zerhacken oder zu zerstückeln, steht auf, geht zur Toilette und onaniert in das ultraflache, nierenförmige Waschbecken aus Edelstahl, das kunsttechnologisch sowieso der Outperformer der Luxus-Penthouse-Kabine im 33. Stock des Commerzbank Gebäudes ist. (Die Jagd nach individuellem Glück ist heute als allgemeines Recht anerkannt.) Die Tower aus Glas und Stahl, in denen die Finanzmärkte zu Knotenpunkten sich verdichten, sind Hochsicherheitstrakte der Risikokalkulation. Permanent Access, schneller Zugriff. Beschleunigungs- und Verlangsamungszumutungen kalkulieren die Broker & Sales Manager normalerweise in monetären Größen, klar ein Risiko ist bei jedem nur denkbaren Trade dabei, jedoch kein gänzlich unkalkulierbares bzw. keines jenseits der zu bewirtschaftenden Kontingenz, dafür stehen bezüglich der Subjektivierung sowohl die obsessive Manipulation subjektiver Beschleunigungstechniken à la zen-orientiertes Konzentrationstraining als auch die hingebungsvolle Ökonomisierung der eigenen subjektiven Zeit, und nicht zuletzt experimentieren Broker gerne mit Präparaten wie Ciprexilex oder Zanosar, ohne dass allerdings medizinische Diagnosen mentaler Störungen bei den meisten Akteuren vorliegen. Es geht hier um die in Eigentherapie rekursiv produzierte Selbsterkenntnis, dass man zu Recht einen possessiven Individualismus frönt, der einem grundsätzlich von anderen Kollegen unterscheidet, denn jeder ist in der Tat einzigartig, einzigartig aber im Sinne der zynischen Selbstverwertung, die den eigenen Zensor auf Autopilot stellt, wenn es um die sadistische Vernichtung der Vorstellung geht, man könnte etwas mit den narzisstisch induzierten Klischees bzw. Stereotypen von ihm Selbst zu tun haben, bis man schließlich drauf und dran ist, der Absorption des Selbst durch die soziopsychologischen Imperative der Kontrolle durch die telemetrischen Finanzmärkte wieder zuzustimmen, mit all den Prozeduren der Individualisierung und der Modulation, die die Finanzmächte errichten, was einem wiederum mittels Projektion das In-das-Zentrum-Stellen seines Selbst in der Jobwelt möglich macht.

Die Investitionen, die das Dividuum betreffen, erstrecken sich heute bis in die genetische Manipulation hinein. Neurotransmitter, Organe, biologische Komponenten und somatische Identitäten werden zum Tausch freigegeben. Es wird eine umfängliche Begeisterung für die Freiheit verlangt, seinen Körper andauernd in Bezug auf das Monetäre zu filetieren. Der Körper mutiert zur Firma, die Fusionen eingeht, man denke an Implantate, Transplantationen und chirurgische Eingriffe, und man tätigt mit ihm Verkäufe, seien es Organe, Blut oder Keimzellen. Es gibt Personen, die im Zuge ihres Self-Trackings ihre Körper mit Sensoren ausstatten und rund um die Uhr Blutdruck, Blutzuckerwert und Fettanteil messen und diese Daten dann ins Netz stellen. Gerade dies führt zur Asomatognosie, einem Nichtwissen um den eigenen Körper. Der Begriff bezeichnet den Verlust der Wahrnehmung oder des Gefühls der Zugehörigkeit eigener Teile. Wer aber ganz scheitert, kommt ins psychatrisierende Rehaprogramm, wo ihm stur eingetrichtert wird, dass gegen einen Burnout nur die Steigerung des eigenen Unternehmertums hilft.

Und ständig soll die ökonomische Ordnung ungefähr so natürlich emergieren wie die fitteste Spezies im Kampf um das Überleben, während insgeheim doch eine politische Arithmetik propagiert wird, um den gewöhnlichen Mann zu domestizieren, den atomistischen Produzent-Konsument von Gütern und Dienstleistungen. Wenn das Leben, so wie es ist, noch einmal einen Sinn bekommen soll, der ewige und alternativlose Freiheit verspricht, dann muss die Unterwerfung unter die ameisenhafte Schufterei und stupide Arbeit und der Verzicht als selbstverschuldet erscheinen, als mangelnde Kompetenz oder unzureichnende Risikobereitschaft, die es für jeden Einzelnen schleunigst zu beheben gilt. Auf das Schweigen der Massen, das alles andere als harmlos ist, wurde der primitive Ökonomismus der Mittelschicht und der Eliten gestülpt, dessen Leitfiguren der Buchhalter und Krämer sind – jeder Cent zählt –, die wiederum von einer administrativen Spiritualität befeuert werden, die heute insbesondere die Inspektoren der Finance zelebrieren. Die Jagd nach jedem Cent ist unter subjektiven Gesichtspunkten weder allein als Gier noch als Geiz zu verstehen. Die sie begleitende Abschreibung jeder Art von Kulanz verweist vielmehr auf die bedingunglose Konkurrrenz (einst von Adorno als „Kameraderie der Anrempelei“ bezeichnet), in die sich ständig Panik mischt, eine Art latenter Melancholie verschnitten mit einer Menge Wahnsinn. „Denke positiv, eliminiere das Problem und maximiere (deinen Kapitalwert)“ lautet der Imperativ der globalen neoliberalen Mittelschicht, die so in aller Ausführlichkeit das Ende der Geschichte genießen will. Wolfgang Pohrt hat zu einer derartigen Species folgendes vermerkt: “Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem richtig zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch Vorzüge hat -, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken, oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.”

Das heutige Dividuum soll wie ein modularer Baukasten konstruiert werden und seinem Erfolg soll nichts im Weg stehen. Die Fragmentierung erreicht dann ihren einsamen Höhepunkt, wenn das Dividuum affirmiert, dass es nicht nur Zeitarbeiter, Angestellter oder arbeitslos, sondern ein zu verkaufendes Produkt, ein Werbeplakat, ein Manager seines Lebenslaufs ist und sich dabei zudem noch als Artist seiner Motivationen imaginieren darf. Dabei rechnet sich das Dividuum die eigene Durchschnittlichkeit noch als Verdienst an. Unter zeitlichen Gesichtspunkten steht es unter dem Diktat des Futur 2, des „Es-wird-gewesen-Seins“. Die Vergangenheit gilt ihm als ein Kostenfaktor, der im Zuge einer Kalkulation, die ganz auf die Zukunft ausgerichtet ist, reduziert werden werden muss. Adorno hatte auch diesbezüglich schon eine böse Vorahnung: „Ausgegangen wird von der Gedächtnisschwäche der Konsumenten: keinem wird zugetraut, daß er sich an etwas erinnere, auf etwas anderes konzentriere, als was ihm im Augenblick geboten wird. Er wird auf die abstrakte Gegenwart reduziert. Je bornierter aber der Augenblick für sich selber einzustehen hat, um so weniger darf er mit Unglück geladen sein.“ Nichts anderes bedeutet das Ende der Geschichte auf der Ebene des Subjekts. Gleichzeitig ist, wie Mark Fisher es eindringlich in seinem Buch „Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft“ beschrieben hat, die Vergangenheit, vor allem vorangetrieben von der Popindustrie, heute überpräsent. Jede x-beliebige Vergangenheit wird rekapituliert, so ähnlich wie George A. Romero es in seinem Zombie-Filmklassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ inszeniert hat. Wenn es den Toten in der Hölle zu eng wird, müssen sie eben auf die Erde zurück. Dies ist aber nur die eine Seite der Temporalisierung im neoliberalen Kapitalismus. Die ominöse Okkupation der Zukunft durch das spekulative Kapital, die gleichzeitig einer monströsen Vernichtung jeder anti-axiomatischen Uberraschung und Virulenz entspricht, lässt sich eben nur vom Futur II her schreiben, obgleich selbst diese Zeit vom Kapital immer wieder überwunden werden will. Das Kapital hält daran fest, seiner Zukunft einerseits entgegenzustürzen, sodass die Gegenwart per se an der Zukunft gemessen wird, andererseits seine eigene Zukunft beständig auch zu überholen, das Trauma par excellence, das durch die futurisierende Kapitalisierung, die paradoxerweise zugleich auf absolute Selbstgegenwärtigkeit setzt, eingeholt werden will und doch nicht eingeholt werden kann. In dieser gesellschaftlichen Situation scheinen nicht nur die ökonomischen Prozesse, sondern auch die politischen und sozialen Bewegungen erratisch und ziellos umherzuwandeln, sodass der Zeitpfeil endgültig ins Trudeln gerät, obgleich weiterhin das Diktat von ewiger Jugend herrscht. Alain Badiou hat darauf hingewiesen, dass es hinsichtlich der Zeichen ewiger Jugend für die Subjekte nur zwei Möglichkeiten gebe, nämlich einerseits der aufgrund demografischer Entwicklungen und unterentwickelter Gebiete, in denen Geldzirkulation nur vermindert stattfindet, aufkeimende jugendliche Terrorismus, und andererseits die Affirmation der Maxime „Have Fun“ in den kapitalistischen Metropolen. Damit unterschätzt er sicherlich den Zwang, sich zumindest in den Metropolen ständig als profitorientierte Risikosubjekte modellieren zu müssen. Gleichzeitig korreliert in den Metropolen das jugendliche Design des Lebens jedoch mit einer Todesproduktion, die Deleuze/Guattari folgendermaßen beschrieben haben: „Der einzige moderne Mythos ist der der Zombies – tödliche Schizos, die, wieder zur Vernunft gebracht, gut für die Arbeit sind. In diesem Sinne stellen der Wilde und der Barbar mit ihrer Art, den Tod zu codieren, Kinder dar gegenüber dem modernen Menschen und dessen Axiomatik (es braucht so viele Arbeitslose, so viele Tote, der Algerienkrieg tötet nicht mehr als die Verkehrsunfälle am Wochenende, als der geplante Mord in Bengalen … ). Der moderne Mensch deliriert noch mehr. Sein Wahn gleicht einer Fernsprechanlage mit dreizehn Telefonen. Er gibt der Welt Befehle. Er liebt die Damen nicht. Er ist auch brav. Er wird mit aller Macht dekoriert. Im Spiel des Menschen ist der Todestrieb, der schweigende Trieb, sicher eingesetzt, vielleicht an der Seite des Egoismus. Er nimmt das Feld der Null beim Roulette ein. Das Kasino gewinnt immer. Der Todebenso.“ Die von Deleuze/Guattari beschriebenen Zombies sind sicherlich nicht diejenigen von Romero, der das Szenario einer Stadt entwirft, in der sich die Reichen in einem Tower einquartiert haben, in dem sie den gewöhnlichen Luxus genießen, während die Masse unter dem Tower in Elend dahinvegetiert. Diese Art von Klassenstruktur kann nur aufrechterhalten werden, weil das Land von Zombies besetzt ist, die jeden Ausbruch aus dem Tower mit Tod bedrohen. Die Zombies von Deleuze/Guattari sitzen aber auch im Luxustower selbst, gestalten ihre Lifestyles wie digitale Püppchen an den Bildschirmen und gehen zugleich wie gewohnt ihrer Arbeit nach. Unter ihnen gibt es realiter eine weitere Art von Zombies, die aber die Luxuszombies in ihren Worldghettos kaum bedrohen. Sie besteht aus der Masse von Arbeitsnomaden, für die das globale Kapital keinerlei Verwendung mehr hat. Es ist ein schönes Irrenhaus, das Leben im Spätkapitalismus .

Und wie sieht es eigentlich mit denjenigen Agenten aus, die im Angesicht des Risikos versagt haben? Mirowski schreibt: „Seit den Neunzigerjahren verfolgen nicht nur die Reichen, sondern fast jeder, der noch einen Job hat, mit elektrisierender Schadenfreude, wie die Vollstrecker der Austerität tausenderlei grausame Einschnitte im Sozialstaat vornehmen. Dass die Armen, wie oben argumentiert wurde, nicht mehr als Klasse gelten, macht es leichter, sie zu hassen. Sie sind der Abfall des Marktes. Diese jämmerlichen Gestalten, so gibt man zu verstehen, leben von unserer Großzügigkeit. Deshalb sind sie es, die uns etwas schulden; und deshalb haben wir jedes Recht, Zuschauer im Theater der Grausamkeit zu sein. Bei diesem dunklen Vergnügen lernen selbst einkommenschwache Menschen, sich in einer Ära des Niedergangs wie Reiche zu fühlen.“

Wie im Neoliberalismus die Bereitschaft zur Selbstverwertung voraugesetzt wird, so auch die Bereitschaft zur Selbstentwertung. Letzere entspringt dem Umbau der Sozialversicherungssysteme und der Existenz von Jobcentern, sprich Anstalten, die den Arbeitszwang und die Armut verwalten. Umschulungsprogramme und eine gigantische Maßnahmenindustrie organisieren die staatlich subventionierten Demütigungen. Als beliebig verwertbares Material, als Personen, denen jedes Bedürfnis ausgetrieben worden ist, sind die Armen heute der beständigen Belästigung, dem Zwang und der Nötigung durch den Staat ausgesetzt. Die Kunden der Arbeitsanstalten werden in teambasierte Netzwerke von sog. Maßnahmen eingepasst, mit denen sie in loser Reihenfolge mit sinnlosen Kursen und Coachings gequält werden oder die Kunden werden wahlweise dazu gezwungen, jede Drecksarbeit anzunehmen, und parieren sie nicht, werden sie sanktioniert, das heißt in den Hunger getrieben. Leiharbeitsfirmen besitzen das Recht, die Kunden zu nahezu jeder beliebigen Arbeit zu nötigen. Ein ungeheurer Apparat der Verdummung, der Verrohung und der Bedrohung ist entstanden, eine neue Panikindustrie hat sich entwickelt. Hartz IV leitete eine Entwicklung ein, an deren Ende nicht nur die Verstaatlichung der Arbeitskraft steht, sondern die Aneignung der Körper als einer Biomasse durch den Staat, durch die politische Souveränität des Gesamtkapitals. Hartz IV und Agenda 2010 sind die Labore der Panik. Es geht hier keineswegs um die begründete Furcht, die man als Kunde des Jobcenters durchaus haben kann und die man irgendwie bewältigen muss. Dem Staat geht es vielmehr darum, die reale Angst ins Phantastische zu überhöhen und die Furcht durch die Panik der Selbsterhaltung zu substituieren. Die Produktion der Panik will den Schock, und sie erzeugt nichts weiter als die Nazifizierung des Bürgers. Gerade weil der Bürger weiß, wozu er selbst fähig ist, darum traut er seinem Staat noch viel mehr zu. Die Todesproduktion wird wieder konsumfähig. Und noch ein Letztes; Badiou hat es aktuell angesprochen: Auch die jungen Selbstmordattentäter sind Effekte eines unterdrückten oder unmöglichen Verlangens. Wenn man hartnäckig erklärt, dass eine andere Welt unmöglich ist, dann fragen sich diese Jugendlichen, warum sie in dieser Welt keinen Platz haben. Wenn nämlich jede andere Welt als unmöglich abgewiesen wird, erscheint es keineswegs tolerierbar, keinen Platz in dieser Welt zu haben, keinen Platz, der den Kriterien dieser Welt entspricht: Konsum, Komfort und Geld. Gerade diese Frustration eröffnet den Raum für den Todestrieb: Was wir wollen, das hassen wir, gerade weil wir es nicht bekommen können. Gerade im Hass auf diese Welt zeigt sich dann das Begehren auf diese Welt.

Foto: Bernhard Weber

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