PhiloFiction

Derivat und Differenz. Zum Strategem der différance bei Derrida

By

1 Mrz , 2018  

Es geht bei den Derivaten immer auch um eine in der Zeit verschobene und sich verschiebende Differenzialität, wobei man diese mit Derridas Strategem der »différance«, das er in seiner Schrift Randgänge der Philosophie vorgestellt hat, umschreiben kann. (Derrida 1976: 6ff.) Für Derrida kombiniert das Strategem der différance je schon die medialen Formen der Verschiebung und der Differenz: Das erste »Moment« wird hier durch das zweite konstituiert. Dabei geht es keineswegs um eine Differenz, die durch feststehende positive Begriffe konstituiert wird (deren Präsenz also vorausgesetzt ist), vielmehr betont die différance die Differenz und die Kräfte einer Tätigkeit, »etwas auf später zu verschieben, sich von der Zeit und den Kräften bei einer Operation Rechenschaft abzulegen, die Rechnung aufzumachen, die ökonomisches Kalkül, Umweg, Aufschub, Verzögerung, Reserve, Repräsentation impliziert, alles Begriffe, dich ich hier in einem Wort zusammenfasse, das ich nie benutzt habe, das man jedoch in diese Kette einfügen könnte: die Temporisation.« (Ebd.: 12) Doch die différance neutralisiert selbst noch den aktiven Aspekt des Tätigseins und kündigt damit tatsächlich eine neue mediale Form an, die keinen Begriff beinhaltet, vielmehr die Möglichkeit für jedes Begriffssystem erst bereithält. Wenn die Begriffe durch die Differantation konstituiert sind, dann leiten sie sich sozusagen gegenseitig um, um notwendigerweise eine nicht vollständige Determination, ja eine Indetermination zu erzeugen, das heißt eine Verschiebung der Identität, welche jede mutmaßliche Identität des Begriffs zu sich selbst verzögert oder aufschiebt, oder, um es anders zu sagen, man spricht von einem Begriff, der niemals ankommt. Die différance ist immer nur durchgestrichen das, was das Gegenwärtige präsentiert, und damit besteht sie jenseits der Kategorien der Seins und des Nicht-Seins. (Vgl. Fuchs 2001: 121)

Man muss hier allerdings sofort einwerfen, dass Derrida das Strategem der différance gewissermaßen absolut setzt. Die Dekonstruktion inkludiert einen absoluten Prozess, aber dieser ist zugleich tief von differenzieller Relativität durchtränkt; er lässt sich also nicht insgesamt als absolut, sondern als relativ-absolut »definieren«.(Laruelle 2010a: 126f.) An jeder Textstelle, an der Derrida versucht, eine absolute Entität (sei es der Rekurs auf die nietzscheanische unendliche Affirmation oder auf das Andere von Levinas) zu extrahieren, führt er zugleich die endliche, iterative und relative Logik wieder ein, womit das Absolute allein der Aufrechterhaltung der Dekonstruktion dient. Das Absolute der Alterität ist bei Derrida gleich der Inversion und Dekonstruktion der realen syntaktischen Bedingungen einer immanenten Textproduktion. So wird ständig das Relative der textuellen Inskription neu etabliert und durch die Inversion der Syntax wieder auf das Absolute abgezielt. Aber die Inversion der Syntax bleibt eben immer noch syntaktisch. Wo Heidegger auf die absolute Subtraktion von der philosophischen Syntax drängt und auf die Endlichkeit von ontisch Seiendem abzielt, da drängt Derrida hingegen auf ein real Unendliches: Die finite Syntax wird ständig relativiert, um einen unlimitierten, iterativen Schnitt zu ermöglichen. Damit erschafft Derrida ein syntaktisches Milieu für alle möglichen Regionen. (Ebd.)

Derrida behandelt seine Art der Differenz, die différance, als spezifische Unterform der Differenz, als die primäre Einheit inklusive des dekonstruktiven Bruchs und seiner permanenten Neueinschreibung in den Text. Dabei bleibt die Differenz zwischen der textuellen Objektivität und der textuellen Operation das primäre Element des dekonstruktiven Bruchs und der Neueinschreibung. Die Dekonstruktion kommt durch die permanente Destabilisierung dieser Differenz, die jedoch zugleich eine fixe Struktur inhäriert, zustande. Différance ist das Stadium 0 der Relation, sie ist relativ zur Relation und in sich selbst relational. (Ebd.: 126) Und Operatoren wie Metapher und Metynomie dienen hier als Marker, um infinite Ketten zu konstituieren, für die sie das »Gesetz« sind. Diese »Bewegung« ist als Apriori-Bedingung für die Re-Inskription der Zeichen zu verstehen – sie zeigt sich als Auto-Affektion an, die die Signifikation als solche etabliert und ein Moment der scheinbaren Durchdringung des Textes darstellt und schließlich nichts weiter als die différance innerhalb einer generellen Ökonomie der Wiederholung ist.

So bleibt die Dekonstruktion gerade durch die (paradoxe) Destabilisierung der différance als einer letztendlich fixierten Struktur bis ins Unendliche motiviert. Laruelle glaubt (Laruelle 2010a), dass Derrida mit der Philosophie der Dekonstruktion die Identität der Differenz auf einer Art Meta-Ebene wieder-herstellt. Zwischen der Textebene und der Präsenz (Anderer) existiert zwar eine abgrundtiefe Differenz, wobei es aber eigentlich doch nur den Text als différance gibt, der als Meta-Ebene der Dekonstruktion eine Art Identität gewährleistet. Das heißt auch, dass der Andere je schon in den Text eingeschrieben ist. Die différance wird auf der Meta-Ebene als Differenz eingeklinkt, oder, anders gesagt, die différance etabliert als Metaebene die Identität der Differenz. Wenn es aber qua einer derartigen Identität nur noch die Aufschiebung von Supplements gäbe, dann dürfte es konsequenterweise auch keine Supplements mehr geben, weil jede Supplementierung ihr eigener Ursprung wäre. Und wenn das Ganze des Textes unter der Vorherrschaft der différance verschwindet, dann müsste dies ja auch für die différance selbst gelten. Deshalb muss die différance eben stabilisiert werden, in dem sie sich selbst (allerdings unausgesprochen) als absolut setzt. Dekonstruktion bleibt damit ein absoluter Prozess des Relativen und ist nicht absolut ohne die Reserve zu halten; sie besteht in der Beziehung relativ-absolut. (Ebd.: 117) Dies erst erlaubt Derrida zu bestimmen, dass das Kontinuum immer eine Relation des Verbindens und des Schneidens beinhaltet; das Kontinuum ist diese Relation und es bezieht sich sui generis auf weitere Kontinua in derselben Art und Weise. Dabei sind alle negativen Bewegungen, wie die der Verschiebung und des Aufschubs, als Instrumente einer generellen A-Ökonomie zu verstehen, die vielleicht sogar etwas mit der Denkfigur der inklusiven Disjunktion gemeinsam haben, wie sie von Deleuze/Guattari im Anti-Ödipus konzipiert wurde. (Vgl. Deleuze/Guattari: 98) Dies und/oder das – das ist der Modus der inklusiven Disjunktion. Différance besäße damit dieselbe positive Identität wie die deleuzianische Differenz, sie brächte die Dinge in einem disjunktiven Modus zur selben Zeit zusammen.

Die differanzielle Syntax lässt die Formen zirkulieren, um sie scheinbar zu zerstören, aber Derrida hält schließlich doch am absoluten Charakter der Zirkulation der Formen fest, wobei diese Treue für Laruelle mit dem schlechten Gewissen korreliert und deshalb immer wieder zu Operationen der Zerstörung führen muss. Dekonstruktion kommt gewissermaßen von sich selbst zu sich selbst und ist für sich selbst, und zwar als ein letztendlich Nicht-Dekonstruierbares. Als dieses Nicht-Dekonstruierbare ist sie wiederum relativ zu sich selbst, relativ nicht-dekonstruierbar, weil ihre Nicht-Dekonstruierbarkeit gerade ihre Dekonstruierbarkeit ist. Dekonstruktion besteht in der Univozität des Systems des Anderen, sie etabliert die christlich-jüdische Ebene der Immanenz. (Laruelle 2010a: 133ff.)

Kommen wir auf das von Derrida eingeführte Problem der Temporalisation zurück. Ein Intervall muss jedes gegenwärtige Element bzw. die Gegenwart von dem trennen, was es/sie nicht ist, um es/sie selbst zu sein, womit das Intervall, welches die Gegenwart konstituiert, die Gegenwart je schon in sich spaltet. (Derrida 1976 : 19) Derrida nennt das sich teilende Intervall das Raum-Werden der Zeit oder das Zeit-Werden des Raumes. (Ebd.) Es reicht nicht aus, zu sagen, dass die Vergangenheit nicht da war und die Zukunft nicht das ist, was sich entfalten wird, sondern man muss auch sagen, dass die Gegenwart nicht einfach nur jetzt-hier ist. (Vgl. Barad 2015: 76) Karen Barad spricht in Anknüpfung an Derrida von der nichtlinearen Einfaltung von Raum-Zeit-Materialisierungen, wobei nicht nur das Wesen der Zeit, i. e. die Verstreuung und Zusammenhangslosigkeit der Zeit, sondern die Zusammenhangslosigkeit selbst betrachtet werden muss. Barad schreibt: »…Quanten/dis/kontinuität, die weder völlig diskontinuierlich mit Kontinuität ist, noch in ihrer Diskontinuität kontinuierlich, und auf jeden Fall nicht eines mit sich selbst ist. Es gibt hier keinen übergreifenden Sinn von Zeitlichkeit, von Kontinuität.« (Ebd.: 77-78) Vergangenheit und Zukunft werden hier ständig iterativ überschrieben, indem Praktiken in der Gegenwart zu Einfaltungen, das heißt zu kontigenten Raum-Zeit-Materialisierungen führen. Und dies bildet ein Phänomen, das selbst weder diskontinuierlich noch kontinuierlich mit sich selbst oder anderen ist. Jedes Phänomen interferiert mit verschiedenen Zeitlichkeiten, die es durch diverse Raum-Zeit-Materialisierungen hindurch iterativ differenzieren.

Hier ließe sich aber einwerfen, dass ein derart (gespaltenes) Selbst-Sein der Zeit – inklusive der Gegenwart – nur möglich ist, wenn ein gegenwärtiger Augenblick (Phänomen) von einem anderen, der noch nicht oder schon vergangen ist, real unterschieden werden kann, und dies benötigt immer auch eine stehende Jetzt-Zeit. Wenn die Gegenwart rein als die Reihung verfallender Jetzt-Momente gedacht wird (Sprünge von einem zum anderen, ohne das Moment der Verbundenheit überhaupt noch zu kennen), dann muss man sich wirklich die Frage stellen, ob, damit nicht alles dem Zerfall anheimgegeben wird, nicht doch ein »Jetzt« existieren muss, das es erst ermöglicht, dass etwas Anderes noch nicht ist oder schon war. Es gäbe dann nicht nur die Gespaltenheit der Gegenwart, sondern zugleich das stehende Jetzt der Gegenwart, denn ansonsten hätte man es tatsächlich allein mit der Problematik der absoluten Kontingenz und des Zerfalls zu tun. Es gibt aber auch immer das »Jetzt« im Sinne der Gleichzeitigkeit, die hier aber als das Problem der Zeitigung der Zeit gelesen wird. (Das Verhältnis von Gleichzeitigkeit/Koexistenz und Verzeitlichung haben wir in Kapitalisierung Bd.1 untersucht; Szepanski 2014a: 265ff.)

Wenn die Ordnung von Koexistenzen nicht gleich den Ordnungen der Sukzessionen sein kann, wie dies im Übrigen schon Leibniz festhielt, so gilt es an dieser Stelle jedoch mit Derrida einzuwerfen, dass gerade durch die Simultaneität des Ungleichzeitigen (jedes andere Jetzt, mit dem ein Jetzt nicht koexistieren kann, ist in gewisser Weise auch dasselbe) die unmögliche Koexistenz von mehreren anwesenden Jetzts doch möglich erscheint. (Vgl. Derrida 1976: 71) Zeit ist der Name für die Möglichkeit der Unmöglichkeit. Zugleich kann Gleichzeitigkeit nicht an sich sein (Raum), sondern nur in der Verzeitlichung, i. e. erst die Temporalisation hält zwei Punkte zusammen; räumliche Koexistenz entsteht in und mit der Temporalisation. Das ist aber weiterhin naiv gedacht, insofern sich kein Wesen der Zeit und des Raumes festhalten lässt. Gleichzeitigkeit ist weder räumlich noch zeitlich, sie wirft stattdessen das Problem der Zeitigung der Zeit auf: Verschiedene Jetzts können nicht aufeinander folgen, indem sie sich vernichten (sonst gäbe es keine Zeit), sie können aber auch nicht dasselbe Jetzt bleiben (sonst wären Dinge im Abstand von Tausenden von Jahren gleichzeitig). Die Problematik ist nun folgende: Das simul, das Zusammen, versammelt an dieser Stelle weder Punkte noch Phasen, sondern die hier anwesende Duplizität (Gleichzeitigkeit als das Problem der Zeitigung der Zeit und der Temporalisierung) ist als ein Komparieren »Ausdruck der Dyade als dem Minimum« (ebd.).

Für Derrida beinhaltet die Spur der différance die wichtigste temporale Konstitution der Gegenwart selbst, i. e. kein Element ist gegenwärtig jemals anwesend noch einfach abwesend. Gegenwärtig ist in jedem Element immer nur das Andere (Abwesende), das sich jedoch als dieses Andere präsentieren muss und dennoch nicht in seine Präsenz übertritt. Hier besteht dann aber in der Tat wieder die Gefahr, die Gegenwart ganz zu entwerten und sie auf einen je schon gespaltenen Augenblick im Zeitstrom zu reduzieren, ohne zu erkennen, dass Vergangenheit und Gegenwart immer auch Funktionen gegenwärtiger Erinnerungen und Erwartungen sind.

Literatur:

Derrida, Jacques (1976): Die différance. In: ders.: Randgänge der Philosophie. Wien.

(1993): Falschgeld. Zeit Geben I. München.

(1999): Über das Preislose, oder the price is right in der transaktion. Berlin.

– (2004): Marx’ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt/M.

Fuchs, Peter (2001): Die Metapher des Systems. Studien zu der allgemein leitenden Frage, wie sich der Tänzer vom Tanz unterscheiden lasse. Weilerswist-Metternich.

Laruelle, François (1979): La Transvaluation de la methode transcendentale. Bulletin de la societe francaise de philosophie 73.

(1999): A Summary of Non–Philosophy. In: Pli. The Warwick Journal of Philosophy. Vol. 8. Philosophies of Nature.

(2003): What can Non–Philosophy do? In:

http://de.scribd.com/doc/20244479/Laruelle-What-Can-Non-Philosophy-Do

(2010a): Philosophies of Difference. A critical Introduction to Non–philosophy. New York.

– (2010b): Philosophie non-standard: générique, quantique, philo-fiction. Paris.

– (2010c): The Truth according to Hermes: Theorems on the Secret and Communication. In: Parrhesia No.9. http://www.parrhesiajournal.org/index.html

(2011): The Generic as Predicate and Constant: Non–Philosophy and Materialism. In: Bryant, Levi R./ Srnicek, Nick/ Harman, Harman (Ed.): Speculative Turn: Continental Materialism and Realism, 237-260. Victoria/Australia: re.press. Original work published 2008.

– (2012): Struggle and Utopia at the End Times of Philosophy. Minneapolis.

(2013a): Anti–Badiou: On the Introduction of Maoism into Philosophy, Bloomsburg.

(2013b): A New Presentation of Non–Philosophy. In:

http://www.onphi.net/texte-a-new-presentation-of-non-philosophy-32.html

(2013c): Das Reale gegen den Materialismus: In: Avanessian, Armen (Hg.): Realismus Jetzt. Berlin.

(2013 d): The Principles of Non-Philosophy. New York.

(2013e): Dictionary of Non-Philosophy. In: http://monoskop.org/images/2/2b/Laruelle_Francois_Dictionary_of_Non-Philosophy.pdf

(2013 f): Philosophy and Non-Philosophy. Minneapolis.

– (2015): Introduction to Non-Marxism.Minneapolis.

print

, , , , , , ,

By