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Die 24/7 Maschine (1)

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15 Aug , 2019  

»Die Rhythmen des Lebens, das Auf und Ab der Natur und des Alltags müssen verschwinden in dieser Welt; für die Schwäche und Unzulänglichkeit menschlicher Zeit, ihre diffusen und verschlungenen Strukturen«, so schreibt Jonathan Cray, sei in dem global-digitalen-24/7-System kein Platz mehr. Der 24/7-Modus hat längst eine entzauberte Welt ohne jedes Geheimnis hervorgebracht, eine unruhige und unheimlich identische Welt der Indifferenz, eine Welt ohne Gespenster, eine Welt, die einerseits die Dunkelheit zu eliminieren trachtet, andererseits den Tag mit seinen verschiedenen Rhythmen, Perioden und Eigenartigkeiten zur Eindimensionalität hin verflacht und ihn doch zugleich zerrüttet. So ist es wahrlich kein Zufall, dass die Dinge, Objekte und Ereignisse, die im Alltag zirkulieren, auf ihre bloße Funktionalität, Kalkulation und Effizienz, ja schließlich auf ihre Brauchbarkeit für die Kapitalisierung reduziert werden, sodass selbst noch die minimalen Kontingenzen, Brüche und Eruptionen im Alltagsleben verschwinden, gerade auch indem der Alltag in einer Art und Weise kulturalisiert wird, dass eine fieberhafte und wie von unsichtbarer Hand gesteuerte Suche nach dem Originellen, dem Echten und dem Authentischen beginnt, die egal, was da als das Ergebnis der Suche von der Kulturindustrie eingesetzt werden mag, sich vor allem durch den funktionellen Fluss der Suche selbst auszeichnet. Die Welt wird grell-hell, es fließen in ihr ununterbrochen ultra-sichtbare Ströme von Bildern, Fotos und Informationen im Endlos-Stream, die selbst noch die Katastrophe, das Verbrechen und das Obszöne ausleuchten und zugleich neu konstruieren. Die visuelle Stimulation kommt aufgrund der Dominanz des Grellen im digitalen Bilderbrei einer weißen Wand gleich, gegen die den Kopf zu stoßen nichts bringt, weil es nicht einmal Beulen hinterlassen würde.

Das 24/7-System des Kapitals generiert wie eine perfekt geölte Tretmaschine unablässig asoziale Modelle des automatisierten Funktionierens – der Mega-Motor des Super-Kapitals, das abstrakte Prinzip der Vermehrung des Geldes um der Vermehrung willens, treibt unaufhörlich die Kalkulation, Quantifizierung und Verwertung des Lebendigen und des Toten mit vielfältigen Prozessen voran, bei denen aber oft genug unerkennbar bleibt, auf wessen Kosten die laufende Betriebsamkeit geht und wer von ihr profitiert. Diese 24/7-Metrik unterscheidet sich stark von einer Zeit, die Marxisten wie Georg Lukács im 20. Jahrhundert als lineare, leere, gleichförmige Zeit des Kapitals bezeichnet haben, insofern die 24/7-Zeit als wirbelnder Strom eine a-lineare und nicht-chronologische Zeit der Spekulation inhäriert, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischt, aber dennoch unaufhörlich auf Beschleunigung und auf die Eliminierung von unproduktiven Leerstellen in der Arbeit und im Alltag setzt. Diesem Prozess zufolge sind es nicht die Produktion, Konsumtion, Austausch und Distribution, sondern es sind die Geschwindigkeit und die Größe der Prozesses der Zirkulation selbst, die vor allem zählen. Alles wird heute von der Zirkulation aufgesogen und niemand darf sich der Zirkulation verweigern, alles zirkuliert unaufhörlich und niemand kann der Macht der Kreisläufe der Zirkulation entkommen. »Die Zirkulation ist die erste Totalität unter den ökonomischen Kategorien.« Marx Grundrisse.

Reine 24/7 Zirkulation als Bedingung und als Produkt des virtuell-finanziellen Modells der Zirkulation von Kreisläufen. Kreisläufe der Produktion, Kreisläufe der Konsumtion, Kreisläufe des Austauschs und Kreisläufe der Distribution, alle miteinander verlinkt und sich überlappend. Die Kreisläufe der Zirkulation verbinden sich im Modus der quantischen Ungewissheit mit der multiplen Zirkulation der Kreisläufe, und das muss so sein, weil die Waren- und Kapitalbestände selbst ständig recodiert, rekombiniert, repliziert und geklont werden können. In der Zirkulation fließt etwas aus und kommt wieder herein, immer und immer wieder, das heißt, sie ist ein Kontinuum, und insofern ist sie zur gleich Zeit innen und außen. Sie ist ein vielfach gefaltetes System mit relativen Innen- und Außenzuständen ohne absolute Exklusionen und Inklusionen, vielmehr sind beide Falten desselben kontinuierlichen Prozess. Die Zirkulation reproduziert nicht nur einen Strom qua eines Netzwerks multipler Falten, sondern lässt sie expandieren, wenn sie zusammenkommen. Sie ist die kontrollierte Reproduktion und Redirektion der Bewegung. In der Zirkulation geht es um Größen, Liquidität, Geschwindigkeit und Vektoren. Selbst die Nicht-Zirkulation – in diesem Falle das Geld, das der Zirkulation kurzfristig entzogen ist (Schatz), um als Kredit zu fungieren – zirkuliert auf immer höherer Stufenleiter. Deshlab sind auch die Blockaden von Häfen und logistischen Hubs so effektiv, weil die Macht eben nicht mehr nur in den Institutionen verankert ist, vielmehr in den Infrastrukturen konzentriert ist, womit auch ein Shift von den Plätzen hin zu den Strömen verbunden ist, den Autobahnen, Glasfasernetzen und Stromlinien. Die Macht liegt im Verborgenen und ist dennoch banal: Sind die Fabriken und Büros noch Orte oder Knotenpunkte in einem Strom, speziell wenn sie Teile einer vernetzten Infrastruktur sind? Ist ein Verkehrskreisel ein Strom oder ein Platz, oder beides? Haben sie reale oder symbolische Dimensionen, oder beides? Die revolutionären Gelbwesten bestimmen mit ihren Straßensperren den Kurs der Globalisierung. Sie können sie aufhalten oder umlenken, ja sogar umkehren. Die Geschichte wird spontan gemacht, am Kreisverkehr mit seinen Abzweigungen.

Die Jagd nach dem ever zirkulierenden Mehr, die der Kapitalisierung zukünftiger Zahlungsströme und Zahlungsversprechen entspringt, eröffnet gerade Zeitströme, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in keiner determinierten Relation mehr zueinander stehen, sondern sich in einem kontinuierlichen Zustand der Bewegung, der Transformation und des Entfaltens befinden. Entlang dieser nicht-chronologischen spekulativen Zeit1, in der Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte für eine ständige Re-Organisation, ein Resetting oder auch die Suspension offen sind, werden die Kanäle für die Kapitalisierung kreiert. Der 24 Stunden Aktienmarkt bezeugt den Triumph des »streamed capital« als den der Ausdehnung und der Beschleunigung über die Dauer. Mit der Zeit ist es jetzt wie mit allen Transit-Orten – siehe Einkaufszentren, Flughäfen, Museen und Sportarenen: So ist auch die Zeit in all ihren Dimensionen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) austauschbar geworden, ganz egal, in welchem Jahr, Tag und Sekunde man sich gerade befindet. Indem sie austauschbar geworden ist, ist sie standardisiert und zugleich differenziert. Das Entscheidende der 24/7-Metrik liegt aber gerade nicht in der Standardisierung/Differenzierung, sondern in der Redundanz einer Un-Zeit, in der es keine Gelegenheit mehr gibt, nicht zu shoppen, nicht zu konsumieren, nicht zu arbeiten oder keine Daten abzurufen. Dennoch inhäriert die 24/7-Metrik keine gleichförmige Zeit, sondern eine reduzierte und abgeschliffene Diachronie, in der die Unterschiede auf austauschbare und zirkulierende Differenzen zusammengestrichen sind – Austauschbarkeit ist die Normalität. Es wird eine schale halluzinatorische Präsenz inszeniert – die Abfolge reibungsloser und wie geschmiert ablaufender Operationen als eine besondere Form der Zeitlosigkeit, in der den Unterschied ausmachende Pausen, Unterbrechungen und Rhythmen eliminiert werden. In diesem Kontext muss darauf hingewiesen werden, dass der Kalender und die in ihn eingeschriebenen Zeiten weiter existieren, aber ihre Kenntlichkeit und Bedeutung wird durch die Indifferenz der 24/7 Metrik überlagert. »Disconnection« bedeutet jetzt definitiv den sozialen Tod, während gleichzeitig drahtlose Technologien gerade die Besonderheiten und das Singuläre der Orte, der Landschaften, der Zeiten und der Ereignisse auslöschen. Und es entsteht geradezu ein Sog, der einen dazu zwingt, ununterbrochen den durch das Marketing erzeugten Bedürfnissen und Wünschen im digitalen Netz und auch in der analogen Welt nachzujagen, die aber auch deswegen unerfüllt bleiben müssen, weil ständige neue Produkte, neue Apps, Versionen und Upgrades auf dem Markt erscheinen, welche die Wünsche nicht nur stimulieren und anheizen, sondern sie zugleich ständig transformieren und gerade auch deshalb unerfüllt lassen. Dabei erzeugt die 24/7-Metrik keineswegs manipulierte Konsumenten, sondern über die Inszenierung von Differenzen infolge der ständig wechselnden Warenangebote, die aber letztendlich der radikalen Indifferenz gegenüber den Dingen gleichkommt, werden die wirklich den Unterschied machenden Unterschiede geschliffen und die Konsumenten in ihrem Verhalten nivelliert, das Spektrum ihrer Verhaltensweisen, Erfahrungen und Ereignisse in der Tendenz auf Null reduziert. Nullintensität.

Dieser Zeit des 24/7 ist selbst noch der Schlaf ein Greuel. Jonathan Cray schreibt: »Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels. 24/7 ist eine Zeit der Gleichgültigkeit, der gegenüber die Fragilität menschlichen Lebens zunehmend inadäquat wird, eine Zeit, in der der Schlaf nicht länger notwendig oder gar unvermeidlich ist. Sie lässt die Vorstellung eines Arbeitens ohne Pause, ohne Ende plausibel, ja normal erscheinen. So verbindet sie sich mit dem Unbelebten, Inerten oder Alterslosen.«

Für Cray ist es nur noch der Schlaf in seiner puren Nutzlosigkeit, der mit den Takten, Metriken und Ansprüchen der 24/7-Welt des Super-Kapitals kollidiert, womit er weitgehend auch von den Angriffen der Unternehmen und den von ihnen generierten Bedürfnissen befreit bleibt; er ist die kompromisslose Unterbrechung der vom Kapital unablässig geraubten Zeit, während hingegen selbst die existenziellen Bedürfnisse und Begehren – Hunger, Durst, Sex und Freundschaft – heute monoton aufgeladen und dermaßen terroristisch kapitalisiert sind, bis schließlich jede Geste des Körpers unerbittlich in eine Verstärkung der kapitalistischen Axiomatik umgewandelt wird. Der Schlaf konterkariert die Kapitalisierung, weil er auf einem Zeitintervall insistiert, das sich vom Kapital nicht verwerten lässt und er bleibt damit eine sperrige Anomalie, ja sogar ein potenzieller Krisenherd in der globalen Präsenz des Kapitals. Allerdings, und das gilt es gegen Cray ins Feld zu führen, wird mit der Existenz von Schlaflaboren längst auch der Schlaf durch diverse Methoden, die seiner Effektivierung dienen, umgestaltet. Dennoch bleibt er vielleicht zumindest in seiner Traumdimension das, was Blanchot das Unwahrscheinliche nennt. Gleichzeitig bleibt der Schlaf eine transzendentale Bedingung, ein reines Eins-in-Eins, weder Freude noch Trauer, sondern unerbittlicher Schlaf. Er ist das kleine object a des sexuellen Vergnügens, das Andere des 0+ des Träumens und das 0- des Todes.

Aber wahrscheinlich hat selbst Cray nicht mit Unternehmen wie Under Amour gerechnet, deren mobile App Record eine Schalt- und Überwachungszentrale für menschliche Aktivitäten rund um die Uhr ist, um die Fitness, aber eben auch den Schlaf einer Person zu tracken, zu analysieren und dann die ausgewerteten und modifizierten Daten zu verkaufen. Es wundert längst nicht mehr, dass die User diese Daten freiwillig zur Verfügung stellen, worauf sie beispielsweise mittels der KI Plattform Watson analysiert werden, deren Ergebnisse das Unternehmen nutzt, um Feedbacks zu versenden, Nutzerprofile und neue Verhaltensmodifikationsmittel zu erstellen, die wiederum ein quasi-programmiertes Verhalten erzeugen sollen, das heißt, beim User genau das vom Unternehmen vorhergesagte Verhalten auslösen, das zum Beispiel im Kauf der physischen Produkte des Unternehmens besteht. Selbst noch das intimste Wissen über die Qualität des eigenen Schlafs wird als Daten in algorithmische Maschinen eingespeist, um daraus neues Vorhersage-Wissen herzustellen, das angeblich die Effektivität des Schlafs verbessert. Und die Schlaftracker auf dem Smartphone, die am frühen Morgen angeben, ob man gut oder schlecht geschlafen hat, disziplinieren selbst noch den Schlaf, soweit es eben geht, denn der Schlaf bleibt ein umkämpftes Territorium. Wissenschaftliche Erkenntnisse über den Schlaf dienen meistens dazu, die Agenten fit für den Job und ihr monetarisiertes Leben zu machen, sodass eine Art Hochleistungsschlaf durchaus erwünscht ist – man schläft sich schön, schlank und gesund. Man schläft unter der Bedingung der Leistungsbereitschaft, um den Arbeitsalltag bewältigen zu können, und dafür benötigt man, so die Wissenschaft, möglichst viele Tiefschlafphasen sowie die Kontinuität unter den Bedingungen eines optimalen Raumklimas. Selbst für die Vorbereitung des Schlafes haben die Lebensratgeber einen Kanon von strikten Regeln entwickelt: Keine Bildschirme mehr vor der Nachtruhe. Körperliche Betätigung ist gut, zu meiden sind unbedingt Alkohol und schweres Essen, genauso wie Sorgen. Wer in Altersheimen oder Krankenhäusern 24-Stunden-Schichten schiebt, wer zwischen zwölf und acht Uhr morgens die Bürogebäude großer Firmen putzt oder in Chemieanlagen, in der Nahrungsmittelproduktion oder für Sicherheitsfirmen die Nächte durcharbeitet, der muss sein Schlafbedürfnis minimieren und am Tag oder am Wochenende stillen. Mehr als ein Drittel der Schichtarbeiter, das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse, schlafen weniger als fünf Stunden.

Cray weist in diesem Kontext darauf hin, dass heute die Zahl derjenigen Menschen (und das betrifft nicht nur die Daytrader) stark ansteigt, die nachts aufstehen, um Mails, Social Media-Plattformen und Infos im Internet zu checken oder auch mal den Kühlschrank zu besuchen, um etwas zu essen. Solch ein unterbrochener Schlafmodus, man denke an den Lenin-Schlaf der Banker, reduziert den Schlaf auf einen minderwertigen Zustand, weil er ihn letztendlich lediglich auf die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit und Verfügbarkeit des Menschen für die Arbeit und das Kapital festlegt. Cray schreibt über den 24/7 Takt: »Er verdrängt das »Ein/Aus«-Prinzip. Nichts ist mehr richtig »aus«. Nie gibt es mehr einen wirklichen Schlafmodus.« Es kommt heute zu einer ständigen Verknappung oder Verkürzung des Schlafs und gleichzeitig kommt es zu notorischen Schlafstörungen, sodass man in diesem Fall gezwungen ist, mit der Einnahme von Schlaftabletten Schlafzeit zu kaufen. Und für den Erfolg des Unternehmens, in dem man gerade arbeitet, hat man immer wieder einmal eine Idee im Kopf, auch in der Nacht, man ist sozusagen rund um die Uhr im Dienst und wenn gerade kein Firmenangestellter zur Kontrolle bereitsteht, dann kontrolliert man sich eben selbst.

In dieser Zeit der endlosen Präsenz verschwimmen nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Produktion, Verteilung und Konsumtion in schnell zirkulierenden Kreisläufen ineinander. Vordergründig scheint es dabei dem Kapital an nichts zu fehlen, weder an der Arbeit noch am Konsum, wenn man unter Arbeit einfach Hilfsarbeit und unter Konsum die zerebrale Wahrnehmung eines Flüssigfernsehers oder eines digitalen Mikroschaltkreises, der vielfältige Wünsche, Zeichen und Energie aufzeichnet, versteht. Einzig und allein am Mehr, am Mehrwert mangelt es nach wie vor auf Dauer. Gerade der ach so reflexive Konsum der Mittelklassen erzeugt heute den toxischen und oft in erschöpfenden Dimensionen stattfindenden Verzehr von Gadgets, Geräten, Apps, Bildern, Chemikalien etc., Waren, die von den großen Silicon Valley Konzernen permanent transformiert und neu angeboten, um dann sofort auf den entsprechenden Medien-Märkten und Plattformen kommentiert zu werden. Man konsumiert dies alles sehr häufig am Smartphone, indem man unentwegt auf das Display schaut, browst, chattet, skippt, deleted, surft und liest und bleibt dabei immer eingetaucht in eine Passivität, die einem das Online-Leben aufbürdet, während man gleichzeitig doch irgendwie aktiv ist, also irgendwie total involviert ist, eine Verrücktheit höchsten Grades. Man lebt in den Geisterwelten hedonistischer digitaler Maschinen und promiskuitiver digitaler Kontakte. Entscheidend für den 24/7-Takt, der in seiner ultraschnellen Schmalspur-Eleganz zur Zerrüttung, Verflüssigung und Flexibilisierung der alltäglichen Tagesabläufe führt, ist nicht mehr die Akkumulation der Dinge durch die Subjekte, sondern der expandierende und paradox differenziell-gleichförmige Strom der Beschäftigung sowie des Konsums von meist digitalen Angeboten, der durch den zunehmenden Verlust von Pausen und Unterbrechungen durch eine schrille Kurzfristigkeit der Aktivitäten gekennzeichnet ist. Virilios rasender Stillstand. Die Metrik des 24/7 induziert eine Zeit ohne Zeit, eine Un-Zeit, die ohne jede Dramatik, ohne Ereignisse oder differenzierende Wiederholungen, die einem im Gedächtnis bleiben könnten, dahin schleicht, oder, wenn man in bestimmte Projekte und Jobs eingespannt ist, unter dem Zwang sich kaputt zu arbeiten dahin rast – jedenfalls handelt es sich um eine Art Zeitlosigkeit oder um die endlose Ausdehnung einer flachen, sich dehnenden und fürchterlichen Gegenwart.

Und jedes Produkt ist als ein potenzielles Wegwerfprodukt in den variablen 24/7 Zeit-Sog integriert. So werden die Touchscreens der Smartphone verschwinden und durch Gesten gesteuerten Rechnern Platz machen – als »Revolution« gefeiert werden diese Produkte, darauf kann man sich verlassen, ein möglichst schnell zu entsorgendes Teil der Nonstop-Innovation des Kapitals.2 Die digitalen Geräte erfordern nicht nur einen repetitiven Ersetzungsmodus, sondern sie erscheinen als Neuheiten genau dann attraktiv, wenn sie wie am Endlosband Wahlmöglichkeiten, das heißt einen Modus zur Erzeugung von Optionalität anbieten, der direkt aus der Finanzindustrie herauskopiert ist.

Pierre Klossowski hat in seinem Buch Die lebende Münze die industrielle Produktion als das Prinzip einer Produktion-bis-um-äußersten, die einen Konsum-bis-um-äußersten fordert, bezeichnet, nämlich die Produkte auf kurzfristigen Verschleiß hin in Serie zu produzieren, um folgerichtig den Konsumenten, der diese Kurzfristigkeit aufgreifen muss, daran zu gewöhnen, die Idee eines haltbaren Gegenstandes ganz zu verlieren.3 Die Zerstörung der Haltbarkeit durch die maschinelle Innovation, mittels derer nicht nur die Maschinen, sondern die Konsumprodukte immer schneller durch andere abgelöst werden, ist also schon Teil der industriellen und seriellen Massenproduktion. Diese verstärkt die Flüchtigkeit und den Verlust des Objekts und soll jeden Gedanken an die Haltbarkeit der Objekte eliminieren, womit diese in ihrer Waren-Endlichkeit zu Quasi-Objekten mutieren, das heißt, sie sind kalkulierbar und quantifizierbar und kurzfristig austauschbar geworden und sind damit als Objekte nichtig. Die Objekte mutieren zu Nicht-Dingen. Sie sind nichts, oder, anders gesagt, jedes Objekt ist nun potenziell Müll, ja das Objekt ist Müll. (Nur der Preis hält das Objekt noch am Leben).

Für Klossowski ist damit, so muss man einfach folgern, der Müll keine unvermeidliche Nebenwirkung der industriellen Produktion, sondern ihr Hauptzweck, insofern die fabrizierten Industriewaren dem Wachstumszwang des Kapitals unterliegen, was ihre schnelle Untauglichkeit und Unbrauchbarkeit, ihre umgehende Entsorgung unbedingt einfordert, sodass man eben zu dem Schluss kommen muss, dass der wirkliche Zweck der Waren nur darin bestehen kann, Müll zu sein. Wenn das Marketing heute jedes Produkt mit dem Attribut neu versieht, ja als brandneu oder als eine noch nie dagewesene Sensation propagiert, dann fällt im optimalen Fall der Augenblick des Erscheinens des Produkts mit seinem Verschwinden zusammen, zumindest ist das Produkt einem schnellen Zerfallsprozess ausgesetzt, weil es – in Serie hergestellt – nur die Vorstufe eines noch neueren Produkts sein kann. Das Produkt trägt damit per se den Makel oder den Mangel des Überholten und Defizitären bereits in sich, seine Halbwertszeit tendiert gegen Null. Und Müll ist demnach nicht nur das, was auf den Mülldeponien der Welt vergammelt, sondern das riesige Warenangebot in den Regalen der Supermärkte und in den Online-Shops von Amazon, Warenmüll ist das kommende Abjekt, das als solches gar nicht wahrgenommen wird. »Abfall ist das finstere, schändliche Geheimnis jeglicher Produktion. Es soll vorzugsweise ein Geheimnis bleiben.« (Zygmunt Bauman, 2005. 42)

1 Das Futur 2 scheint bei Marx die Zeit zu sein, die der dritten Bestimmung/Funktion des Geldes als sich verwertendes Geld komplementär ist. Im Prinzip funktioniert das Geld an dieser Stelle der Argumentation schon als (spekulatives) Geldkapital, was bezüglich der Zeit impliziert, dass die Gegenwart durch die Kalkulation ihrer Zukunft eine Bewertung an ihrer und durch ihre Zukunft findet, aber letztlich gerät doch alles anders, als man es im aktuellen Moment voraussehen kann – weil die Zukunft eben auch gerade darauf reagiert, wie man versucht, die Zukunft zu kalkulieren. Nicht die Gewordenheit der Gegenwart aufgrund ihrer Vergangenheit, sondern ihre Gewordenheit bezüglich der Zukunft rückt damit eindeutig in den Blickpunkt, Zukunft, der man wiederum selbst eine Gewordenheit zuschreibt, als sie durch gegenwärtige Erwartungen bestimmt wird. Das Futur 2 zeigt sich hier darin, dass das Geld in der Gegenwart durch das bewertet wird, was es in Zukunft wert gewesen sein soll. Da man aber im Voraus gerade nicht berechnen kann, was das Geld in Zukunft wert gewesen sein wird, kann das Geld nur rein spekulativ in seiner Bezogenheit auf sich selbst verrechnet werden, oder anders gesagt, das spekulative Rechnen mit dem Geld ist seine eigene permanente Verzeitlichung, die das Geldregime vergegenwärtigt und zugleich immer weiter nach vorne verschiebt, anders gesagt, gegenwärtige Zukünfte und künftige Gegenwarten sind nicht deckungsgleich, d. h., sobald eine künftige Gegenwart tatsächlich aktuell wird, aktualisiert sich auch der Unterschied zu jener Zukunft, die das Kapital erwartet (gegenwärtige Zukunft) und deren Aussichten es einstmals genutzt hat, und so kehren stets andere Zukünfte als die erwarteten in die Gegenwart zurück. (Vgl. Esposito, Die Zukunft der Futures, 2010: 177f.) Die zeitliche Zirkularität der finanziellen Ökonomie besteht nach Elena Esposito exakt darin, dass die Gegenwart von der Zukunft abhängig ist, die ihrerseits auf Gegenwart verwiesen ist, die sich nach ihr richtet. (Ebd.: 28) Damit haben wir es hinsichtlich der Zukunft zugleich mit einer Verlängerung der Gegenwart zu tun, in einem sehr verdrehten Sinne eben mit dem Futur 2 des »Es-wird-gewesen-sein«. Dies besagt auch, dass das Kapital sozusagen immer schon mit dem Rücken in die Zukunft geht – es setzt neben seiner eigenen unabweisbaren Unbestimmtheit und Unverfügbarkeit eben auch darauf, dass die Dinge hinterrücks immer schon (für das Kapital) gut gelaufen sein werden. Und diese Zukunftsbetrachtung gibt die Zukunft als eine geschlossene Zukunft wieder, gerade weil man die Zukunft ausschließlich von einem Erwartungshorizont heraus bestimmt, der das wirklich Neue eliminieren will, und nicht nur das, das Kapital ist seine Zukunft, es hat seine Zukunft je schon stipuliert und es hat sie ausdeterminiert, womit sich sofort anzeigt, dass diese ominöse Okkupation der Zukunft, die jeder anti-axiomatischen Überraschung und Virulenz bar ist, sich nur vom Futur 2 her schreiben lässt, obgleich selbst diese Zeit immer wieder überwunden werden soll – das Kontinuum des Kapitals hält also gerade daran fest, seiner Zukunft einerseits in vollkommener Neutralität entgegen zu stürzen, andererseits seine eigene Zukunft beständig auch überholen zu müssen, sein Trauma par excellence, das durch die Kapitalisierung, die im Rahmen ihrer Zukunftsforschung auf absolute Selbstgegenwart bzw. Aktualität setzt, eingeholt werden will und doch nicht eingeholt werden kann.

2 Agamben hat das Smartphone als ein Dispositiv, als eine techno-politische Apparatur beschreiben, die das menschliche Subjekt neu konfiguriert. Der entscheidende Hinweis auf die neueren Entwicklungen der Sichtbarkeit und Kontrolle liegt bei Foucault wiederum im Begriff des Beobachtungsnetzes: Die Sehreize werden heute vervielfältigt, nur um Informationen zur Verbesserung der Kontrolltechniken zu liefern. Das Sehen wird nun selbst zum Gegenstand der Beobachtung. Der Augenbewegungsscanner, der im Kaufhaus die Verhaltensweisen des Kunden beobachtet, war durchaus schon im Blick von Foucault. Die Gegenfiguren muss man heute bei denen suchen, die wieder Fragen der Darkness, der Unsichtbarkeit und des Nicht-Wahrnehmbaren aufwerfen.

3 Kunststoff hat mit seinen Eigenschaften – formbar, gut verarbeitbar, und leicht – den Trend zum Wegwerfkonsum forciert.. Und weil er so billig und leicht zu entsorgen war, setzte er sich schnell durch. Im Jahr 1963 sagte Lloyd Stouffer, Redakteur der Fachzeitschrift Modern Plastics, frohlockend auf einer Branchenkonferenz: »Man füllt die Mülltonnen, die Müllhalden und die Verbrennungsanlagen mit Milliarden von Kunststoffflaschen, Kunststoffbechern, Kunststoffschläuchen, Blistern und Schutzfolien, Plastiktüten und Blechverpackungen.« Die Müllhalde von Agbogbloshie wird höchstwahrscheinlich auch letzte Destination für die Tablets, Smartphones und Computer sein, die wir morgen kaufen! Der chinesischen Plastikmüll-Organisation CSPA zufolge haben im vergangenen Jahr mehr als 1000 chinesische Recycling-Unternehmen ihr Geschäft nach Südostasien verlagert und dort umgerechnet 1,5 Milliarden Euro investiert. Das Equipment, die Expertise und selbst die Lieferketten hätten die Firmen gleich mitgebracht.

Viele Länder buhlen um den Müll, vor allem Thailand, Vietnam und Malaysia. Denn was deutsche Konsumenten schlicht für Plastikmüll halten, ist längst zum global gehandelten Wirtschaftsgut geworden

Die Krise um den importierten Müll ist umso brisanter, als gerade die Länder Südostasiens kaum mit ihrem eigenen Abfall klar kommen. Jedes Jahr landen dort hunderttausende Tonnen Müll im Ozean, zusätzliche Abfallberge aus dem Ausland, die nicht richtig recycelt werden, dürften die Lage noch verschärfen. Heng Kiah Chung von Greenpeace Malaysia, der den Abfallskandal mit aufgedeckt hat, sagt, dass das globale Recycling-System nicht funktioniere und auch nicht dazu tauge, das Problem der Plastikverschmutzung zu lösen. 46,7 Prozent aller Kunststoffabfälle wurden 2017 laut Umweltbundesamt hierzulande recycelt, die Weltbank titelt: Rekord. Doch die Quote sagt wenig aus. Denn die Unternehmen müssen lediglich nachweisen, dass der Abfall ordnungsgemäß verwertet wurde, nicht aber wo. Sie selbst recyceln nur relativ reinen Plastikmüll, etwa aus dem gelben Sack. Probleme machen hingegen Kunststoffabfälle aus dem Gewerbe oder dem Haushaltsmüll. Die werden in riesigen Ballen ins Ausland verschifft – und dürfen trotzdem in die Quote mit eingerechnet werden. 

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