Biopolitics, PhiloFiction

Die 24/7 Maschine (2)

By

17 Aug , 2019  

Um heute die Effekte, die Potenziale und die Gefahren der digitalen Angebote (Meme) nachzuvollziehen, muss man die gefährliche Macht der Quasi-Objekte verstehen, die einzig und allein da sind, um mit steigender Geschwindigkeit zu zirkulieren. Es geht hier um die rigorose Transsubstantiation des Seins in die Relation. Damit drohen selbst noch die alltäglichsten Gewohnheiten und die Nicht-Dinge ob ihrer Kurzfristigkeit dem schnellen Verfall ausgesetzt zu sein, obgleich wir weiterhin in den schlechtesten Gewohnheiten gefangen bleiben, beispielsweise ohne Zeit für Entscheidungsfindungen zu finden dem Allerneuesten hinter her zu hecheln. Selbst die Ökoprodukte entgehen dem Gesetz der Vermüllung nicht: Ist es nicht voreilig oder unvernünftig, die Sonnenenergieanlage auf mein Dach zu setzen, die heute die am weitesten entwickelte ist, wenn doch morgen die Entwicklung darüber hingegangen sein wird? Jede ergriffene Chance ist eine Niederlage, jede getroffene Entscheidung ist eine Entscheidung für Müll.1 In diesem sich beschleunigenden Kontinuum der Vermüllung durch die Zirkulation der Quasi-Objekte sollen die Phasen der Unterscheidungsfindung, der Unterbrechung und des Nachdenkens immer weiter reduziert werden, was einer zunehmenden Kontrolle und Vereinnahmung der gelebten Zeit entspricht. Horizontale Kommunikation und vertikale Kontrolle.

Fordert die Sharing Economy nicht zum umdenken? Mit der Sharing Economy gelingt es den Subalternen, aus einem Gästezimmer oder einem unbenutzten Raum in einer Wohnung eine Einkommensquelle zu machen, während gleichzeitig alle Formen der prekären Arbeit weiter zunehmen. Möglichst alles, selbst noch der recycelbare Müll, soll fortan als Einkommensquelle dienen, und dies bezieht sich gerade auch auf das, was von den Lebenden bisher noch gar nicht produziert worden ist. Und oft genug zeigt sich gerade darin der nekrophile Zug des Kapitals und seiner Kulturindustrie: Erst wenn eine Sache längst tot ist, kommt sie so richtig in Mode und wird dann als eine zukunftsweisende zeitgenössische Singularität verkauft, womit sich anzeigt, dass die Retro-Industrie gerade in einem Zeitalter, das angeblich auf die Vermarktung der Dinge mit Blick auf die Zukunft setzt, im kulturellen Bereich längst zum Standard geworden ist. Dabei wird auf der Suche nach dem Originellen und Einzigartigen der Unterschied zwischen Historischem und Zeitgenössischem permanent verwischt, sodass am Ende lediglich die Rekombination der Objekte, Zeichen und Stile übrig bleibt. Wenn in diesem Sinne jedes Produkt Retro ist, ist nichts mehr Retro und die Zeit wird weiß. Und selbst noch gewöhnliche Industrieprodukte wie Jeans werden mit schier nach Lebendigkeit ringenden Gebrauchsspuren, die beispielsweise das Heroische der Arbeit ausstellen sollen, und irgendwelchen sonstigen historischen Details aufpoliert, und noch der industriell hergestellte Kuchen schmeckt angeblich wie der Kuchen zu Omas Zeiten. Die Zirkulation der hybriden Waren läuft heute insofern immer wieder auf dasselbe hinaus, insofern die ihnen hinzugefügte Erzählung, die von ihrer Authentizität oder Singularität labert, gerade das verschleiert, was sie in Wahrheit meistens sind, nämlich seriell gefertigte Wegwerfprodukte, gerade einmal dazu da, nach dem Kauf sofort wieder auf Ebay weiterverkauft oder gleich in den Müll geworfen zu werden. Es kann sich dabei durchaus auch um einzeln hergestellte Objekte und Accesoires handeln, die, werden sie mit einem fiktiven Wert versehen und beispielsweise in der Wohnung gesammelt, den Hauch des Atmosphärischen schaffen, eine leichte Wolke, die vorbeizieht und wieder im Nichts verschwindet.

Das 24/7-Modell eines panisch gewordenen Konsums im Sog einer »Verschwendung« von Gütern, die aber hauptsächlich nur in ihrem Design ständig variiert werden, ohne dass es zur wirklichen Neuheit kommt, ein Modell, das zudem auch die individuelle Verausgabung rein zum Zwecke der Selbststeigerung (des Gleichen) setzt, ist die Karikatur einer Überschreitung und jener Verschwendung, die Bataille noch als ein allgemeines ökonomisches Modell gegen das (re)produktive Recycling-Kapital propagiert hat. Die Überraschung liegt nicht darin, dass die Ungewissheit, was als nächstes kommt, bei dieser Art der Güterproduktion präsent bleibt sondern, dass kaum einer erkennt, dass es sich letzten Endes um die aufdringliche Wiederholung des Gleichen mittels der minimalen Differenzierung handelt, sodass von Ausnahmen abgesehen, es immer wieder auch dieselben Unternehmen und Ketten sind, die einen großen Teil der Nachfrage auf sich ziehen. Der Verlust der Haltbarkeit führt heute dazu, dass in der Tendenz auch die symbolischen und kulturellen Distinktionsmerkmale, die die Luxuswaren von den Billigwaren unterscheiden, verfallen. Daran ändert auch die für das Kapital heute konstitutive Spekulation, wie wir das an verschiedenen Stellen schon vorgeführt haben, nichts, sie findet verstärkt auf den Kunstmärkten statt, aber auch dort nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Kulturalisierung der Kunstobjekte, sondern ihrer eineindeutigen Monetarisierung, wobei auch die Sichtbarkeit auf der Strecke bleibt, wenn Milliardäre ihre gekauften Kunstobjekte dem Publikum gerade nicht zur Ansicht anbieten, sondern in schwer geschützten Bunkern die Ansicht verwehren.

Es sind die digitalen Geräte, die heute den Platz alsständige Begleiter des Menschen einnehmen, sie verlangen im Sinne des Überwachungskapitals geradezu begierig nach der permanenten Mensch-Maschinen-Kommunikation und sie sind deshalb wie das Smartphone am besten direkt am Körper anzubringen oder als digitale Brillen vor die Augen zu kleben. So fordern die Geräte unentwegt danach bedient zu werden, und deswegen müssen sie eine Vielzahl von Optionen und Bedienungsmöglichkeiten bereitstellen, die das andauernde Navigieren im digitalen Space erforderlich, ja attraktiv und zugleich im positiven Sinne nervenaufreibend und unruhig machen. Allerdings führt diese Art der unruhigen Optionalität nicht zur Freiheit des Konsumenten, sondern zu dessen ständigen Versuchen, die Anpassungen und Adaptionen an die funktionalen Erfordernisse und Bedienungsanleitungen der technischen Objekte, die eine Diversifizierung der Abläufe anbieten, mit Furor zu leisten, was die Konsumenten zudem noch aktiv mit ihren Comments im Internet befördern, ohne aber im Geringsten zu spüren, dass sie selbst eine Anwendung des 24/7-Taktes und seiner Kontrollsysteme bleiben. So gesehen verlangt der Gebrauchswert der digitalen Geräte die modulare und effiziente Bedienung, die Navigation ihrer Funktionen und Zustände, die ja permanent weiter moduliert werden – der Konsument ist damit selbst so etwas wie die lebendig gewordene Bedienung. Es werden aber nicht nur ständig alte Produkte durch neue ersetzt, sondern der Konsum der neuen Produkte fordert die andauernde Beschäftigung mit ihnen geradezu heraus. Im Konsum treten das Bedürfnis nach dem Produkt und die Affirmation seiner Ersetzbarkeit ständig miteinander in Konflikt, und doch gilt es, die digitalen Anreize schnell zu erkennen, um sich in die Kette beständig heißer vorgegebener Verheißungen einzuklinken, die zumindest eine verbesserte Funktionalität in der Anwendung des Produkts versprechen, auch wenn sich letztendlich für den Nutzer beim Gebrauch der Geräte kein Nutzen einzustellen vermag. Das verlangt einen Konsumenten, dem die durchaus variable Konformität wie ein nach Maß geschneideter Anzug passt, und der den Verhaltensvorhersagen von künstlichen Maschinen folgt, welche möglichst ein Verhalten des Konsumenten antizipieren, das zuverlässig zu den »gewünschten kommerziellen Ergebnissen führt« (Zuboff 235). Der Konsument ist damit definitiv die Ratte in der Skinner-Box, indem er einer Konsum-Konditionierung unterworfen wird, die nicht nur mit den Zyklen der technischen Produkte identisch sein, sondern vor allem Profite für das Überwachungskapital generieren soll. Dabei will man die Zeit der Entscheidungen der Konsumenten, wenn sie die digitalen Geräte bedienen, nicht nur verkürzen, sondern am besten gleich ganz automatisieren, sodass nicht einmal mehr gewusst werden muss, dass jede eingeführte Neuheit Teil der nackten Wiederholung des 24/7-Taktes selbst ist. Der Dauermodus des Als-ob, den beispielsweise das Smartphone bereitstellt, lässt die Verstandesfunktion mit ihrer regulativen Kapazität auf ein fatales Residuum implodieren und klebt sie als notwendiges Detail an die Daten-, die Bild- und Informationszirkulation der Geräte. Adorno hatte diesbezüglich schon eine böse Vorahnung: »Ausgegangen wird von der Gedächtnisschwäche der Konsumenten: keinem wird zugetraut, daß er sich an etwas erinnere, auf etwas anderes konzentriere, als was ihm im Augenblick geboten wird. Er wird auf die abstrakte Gegenwart reduziert. Je bornierter aber der Augenblick für sich selber einzustehen hat, um so weniger darf er mit Unglück geladen sein.« Nichts anderes bedeutet das Ende der Geschichte auf der Ebene des Subjekts.

Für die schamlos unzufriedenen und zugleich infantil-grotesk Genießenden erscheinen die digitalen Geräte inklusive ihrer Gadgets und Apps den Takt vorzugeben, handelt es sich doch um kurz-terminierte Wegwerfprodukte, die dem ständigen Austausch unterliegen, man denke an die heutige Hyper-Präsenz touchscreen-gesteuerter Geräte, die man aber wahrscheinlich bald durch Rechner, welche auf ein Winken, Blinzeln oder Räuspern reagieren, ersetzen wird, um den Nonstop-Betrieb des Konsums auf beschleunigte Weise fortzusetzen. Die Intelligenzmaschinen des Überwachungskapitals passen die unzähligen Apps (über 300 für Googles Android-Plattform) über das Wetter, Dating, Musik, Gesundheit etc. ständig an und infizieren sie zudem noch mit einer großen Anzahl von Trackern, um persönliche Daten zu extrahieren, algorithmisierte Profile zu erstellen und Geld mit zielgerichteter Werbung zu verdienen.

Nehmen sie einem genügend Informationsarbeit ab, sind die digitalen Geräte womöglich sogar ein freundlicher Begleiter, andererseits übernehmen sie gleichzeitig die Funktion einer unerbittlichen Kontrollinstanz, wenn sie beispielsweise alle möglichen Indikatoren des aktuellen Körperzustands eines Users messen, um dann beispielsweise Imperative für das sportliche Verhalten oder das Essverhalten des Users auszugeben. Vielmehr noch, sie sind eine Enteignungsinstanz, die, egal ob als Smartphone oder Laptop, in einen ungeschützten privaten Raum eindringt und Daten über menschliches Verhalten extrahiert, und das geschieht nicht nur im digitalen Space, sondern auch durch das Monitoring in der realen Welt, wenn man beispielsweise bei seinen Exkursionen in der Stadt entlang bestimmter Routen geführt wird, wobei Google leise und unbemerkt seine Rolle als Ratgeber in die eines sanften Kontrolleurs transformiert.1 Wenn der User zum Beispiel im Internet nach einem Stuhl sucht, so wird er, kaum dass er in ein Auto eingestiegen ist, sanft zum nächsten Möbelgeschäft dirigiert, er wird also mittels sogenannter Push-Technologien zu einem Ziel hingeführt, das er in kein Gerät eingegeben hat. Schon mit dem Download von Apps wird die Software autorisiert, sensible Daten zu erfassen und zu modifizieren, ja zum Teil auch zu löschen; man erfasst den Status des Smartphones, Standortdaten und WLAN-Verbindungen, aktiviert Kameras und loggt sich in die privaten Archive mit Fotos und Videos ein. Der Extraktionsimperativ von Google & Co verlangt geradezu danach, dass alles in Beschlag genommen wird, wobei das Überwachungskapital wiederum bestimmte Produkte und Dienstleistungen natürlich nur innerhalb der eigenen Versorgungsrouten und Infrastrukturen anbietet. Dazu muss man sich unbedingt die Daten über das Verhalten der Nutzer aneignen und Produkte generieren, die im 24/7 Modus vorschreiben, wie der Nutzer mit bestimmten Objekten, zum Beispiel mit seinem Auto zu interagieren hat.

Der postmoderne Konsument der Metropolen ist eine gestaltlose Gestalt, einerseits ein Aktivum, das mit geradezu unternehmerischem Gespür für konsumistische Ressourcen in der Freizeit betreibt, andererseits ein Passivum, ein statistisch kontrolliertes und auf Vorhersage hin konstruiertes Konglomerat aus Kennziffern, Ratings und Indikatoren, mit denen ständig die Verhaltensweisen, Leistungen bis hin zum Sex bewertet werden (Tauschwert). Singulär und anspruchsvoll, so posaunen die Propagandisten der neuen Mittelklasse, müsse es dabei zugehen, sei es im Flirt in der digitalen Partnerschaftsagentur, dem Verzehr des Menüs beim Sternekoch, den Übungen im Thai-Chi-Kurs, und das aus einer Szene-Galerie erworbene Gemälde ist natürlich der Outperformer wie das Gespräch mit Freunden beim Rotwein am Abend, und nicht zu vergessen der Sex, eine Singularitätsperformance sui generis.

So gesehen erscheint es ganz normal, dass Marketing-Agenturen ständig neue semiotische Vibrations für die Angehörigen der Mittelklasse erzeugen, um so etwas wie eine Ästhetik der Unsicherheit zu generieren, die beim Konsumenten einen Impuls des just do it hervorkitzeln soll, man denke hier auch an Extremsportarten, Risikogesellschaften, finanzielle Derivate, kreative Klassen, Pornostars, Spielkulturen.2 Dabei bietet das Internet, in dem der binäre Code in Klänge, Texte und Bilder transformiert wird, auch für die Unterklassen die Möglichkeit, den Konsum in den Modus des Dauererlebens zu überführen, eine eigenartige und durch das Smartphone zudem mobile und ständig mobilisierende Sucht, die sich an die Präsenz und Transformation der Angebote hängt; es ist die Zirkulation, die nun auf Dauer gestellt ist, Kreisläufe der Null-Zeit-Zirkulation, die für die Anbieter spiralförmig verläuft, nämlich als die Akkumulation von Kapital, während die Nachfrager über den Modus des Dauererlebens nicht hinauskommen. Es sind also insbesondere die Internetmärkte, welche den kurzfristigen Konsum und die kurzfristige Aufmerksamkeit befördern, beispielsweise den Konsum des für Sekunden attraktiven You Tube Clips, der heute auftaucht und morgen schon wieder im Nirwana der Archive verschwunden ist, wobei aber die Langfristigkeit der Attraktivitätszufuhr für die wenigen großen Konzernen gesichert bleibt oder eben einfach im Internet-Protokoll fundiert ist, das die Infrastruktur für die Zirkulation der kurzfristig attraktiven Güter bereitstellt. Der ständige Wechsel in den Produktlinien der großen Digitalkonzerne forciert die Kurzfristigkeit, während die Identifikation mit der Marke aber erhalten bleiben muss. Auf Dauer gestellt sind auch Identitätswaren, die man beispielsweise in den Fanshops der Fußballvereine kaufen kann, um sich mit ihnen dann in den öffentlichen Events in die Reihe der freiwillig Gleichgeschalteten einzureihen.

Letztendlich scheint es unmöglich geworden zu sein, dem Netzwerk-Paradigma, dem die virale, epidemische und produktive Verbreitung von Informationen eigen ist, zu entfliehen, selbst wenn man von der unermüdlichen digitalen Beschäftigung, die die Propaganda des Selbst und der Selbstreplikation erfordert, rein gar nichts zurückerhält. Weniger die Frage, ob die Bedürfnisse in der Anwendung von digitalen Geräten oder im Aufenthalt in den sozialen Netzwerken aufgehen, steht jetzt im Mittelpunkt, sondern es ist der 24/7-Modus der Geschwindigkeiten, der Metriken und der Beschleunigungen, der den Konsum und die Bedürfnisse endlos zirkulieren lässt – er punktiert, kontrolliert und quantifiziert zudem die Wahrnehmung, das Erleben und das Leben jedes Einzelnen. Am Abend begegnet man dann den Grenzen des Tages und allem, was nicht beendet wird, und man ermüdet genau dann, wenn man seine to-do Liste anschaut, die sich Tag für Tag wie ein dreckiger Virus reproduziert.

Und die erschöpfende Art und Weise der Kurzlebigkeit will der Konsument paradoxerweise am liebsten auf ewig leben – er oszilliert wie im Taumel dabei zwischen dem heißen Bedürfnis nach dem Konsum des Objekts und der Affirmation des unvermeidlichen schnellen Ersetzens desselben, und so muss er bis zur Erschöpfung den heißen Verheißungen der Werbeindustrie im Fluss des monoton und zugleich differenziell fließenden 24/7-Taktes nach hecheln, ohne dabei aber zu erkennen, dass die attraktiven Anreize und die verbesserten Funktionalitäten der Geräte gerade mit seiner Bestätigung, dass das Ich sich in der technischen Anwendung der Gadgets erfüllt, identisch sind. Dinge, die sich nicht über das Display des Laptops oder des Smartphones und seinen Icons und Links darstellen und optimieren lassen, verlieren heute unzweifelhaft an Attraktivität.

Darüber hinaus kitzelt der 24/7-Stunden-Betrieb die Sucht der Dividuen nach Wettbewerb, Egoismus, Opportunismus und Ignoranz gegenüber den anderen geradezu hervor, wobei diese Bedürfnisse immer enger an Plattformen, Modelle und Programme geknüpft und von diesen auch dirigiert werden, indem sie vorhandene Zeichen und Objekte permanent rekombinieren und generell in die Form des Remixes und des Mash-Ups (Rekontextualiserung) überführen – Kopien von Kopien, unaufhörlich verlinkt im Rausch von Pseudo-Moden, Hits und Stars. Folgerichtig sind die konsumierten Produkte heute in immer höherem Maß Geräte, die eine große Anzahl an Dienstleistungen, Unterhaltungen und Threads anbieten, wobei die Plattformen diese Geräte beispielsweise auf Daten fressenden Mobilitätsmärkten einsetzen, wie man an Uber sieht, das die städtischen Kommunen auffordert, Daten über den öffentlichen Nahverkehr mit dem Unternehmen zu teilen, sodass Uber seine Fahrzeuge zielgenau und in Echtzeit in Richtung überlasteter Straßen, Bahn- und Bushaltestellen lenken kann.

Wenn heutzutage die Leute in der Sauna, unter dem Solarium oder im Swinger-Center das Gefühl beschleicht, selbst diese digitalen Anwendungen könne sie nicht mehr reizen, und wenn sie im Zeitalter des Online-Datings infolge der Algorithmisierung der Partnerwahl (der nach wie vor klassenspezifischen Liebesbeziehungen) gerade mal für drei Monate glücklich werden – dann kann kein Sexual- oder Lebensratgeber und kein digitalisiertes Lifestyle-Konzept mehr helfen, aber die Leute könnten zumindest bei Proust oder Balzac nachlesen, was sie verpasst haben. Weil sie aber auch das nicht tun, hängen sie weiter am Tropf, der ihnen die Insistenz auf das Zeitgenössische, auf den punktgenauen Erlebnis- und Symbolwert der Produkte injiziert, womit trotz des wirren und hysterischen Bestehens auf der Einzigartigkeit der Ereignisse, Dienstleistungen oder Produkte, die man da am laufenden Band und zugleich möglichst kurzfristig konsumiert, die Gegenwart als ewig ausgedehnt erscheint oder sich dehnt wie ganz langsam zerlaufender Käse. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Kreativindustrien, in denen sich Teile der Mittelklassen versammeln – IT-Branche, Medien, Design, Marketing, Games, Wellness, Tourismus und Sport – machen rund um die Uhr Angebote, mit denen man die Selbstverwirklichungsansprüche eines speziellen Teils der Mittelklasse testet. Es sind im speziellen die Mitglieder einer globalen, virtuellen Klasse, die vernetzt, liquide und verbunden in den neuen technischen Labors und Büros leben, eine spezielle Klasse des digital-finanziellen Zentralnervensystems des Kapitals.

Video- und Glücksspiele, Internetpornos und alle Spielarten von Games verflüssigen und intensivieren den 24/7-Konsum, wobei die in ihn eingebauten Gewinn-, Macht- und Besitzillusionen für die meisten andauernd enttäuscht werden, sodass man gerade deshalb den Konsum der elektronischen Reize oft genug mit dem Konsum von Psychopharmaka weiter stimulieren oder wahlweise die von den Anreizsystemen des digitalen Marketings generierte Nervosität zumindest zeitweise ruhig stellen muss, wenn der zugerichtete und sich selbst zurichtende Konsument nicht ganz überschnappen will. Wolfgang Pohrt bezeichnet derlei Konsumenten als verbitterte Hedonisten: »Insofern der Spätkapitalismus den Typus des Infantilen, weil in kindlicher Abhängigkeit und Ohnmacht gehaltenen, zum dominierenden Sozialcharakter macht […] sind für den sofortigen Genuss übrigens nicht einmal die elementaren Voraussetzungen gegeben, weil man erst einen dezidierten Wunsch haben muß, um ihn sich erfüllen zu können. Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch seine Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach dem Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich die unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.« Diese Entwicklung wird noch dadurch vorangetrieben, dass der imaginäre Wert der Freizeit weiter ansteigt, während man umgekehrt viele Freizeitaktivitäten einfach in Arbeit umdefiniert. Tiqqun schreiben: »Was MAN heute Arbeit nennt, bewertete MAN gestern als Freizeit – ›Videospiel-Tester‹ werden dafür bezahlt, den ganzen Tag lang zu spielen, ›Künstler‹ dafür, die Clowns der Öffentlichkeit zu sein; eine wachsende Masse von Unfähigen, die MAN Psychoanalytiker, Kartenleger, Coaches oder nur Psychologen nennt, werden fett dafür bezahlt sich das Lamento der anderen anzuhören …« Arbeit und Freizeit geben sich die Hände, egal ob die Initiative von der einen oder der anderen Seite ausgeht.

1 Google besitzt heute das größte Computernetz der Welt mit einer schier unendlich anpassungsfähigen digitalen Architektur ausgestattet mit 2,5 Millionen Servern auf vier Kontinenten (zuboff 220). Das Unternehmen Google ist in der Lage, die hauseigenen Algorithmen mittels eigener Chips in den eigenen Clouds lernen zu lassen, wobei die hauseigenen Maschinenintelligenzen aber nur so viel lernen können, wie eben Daten in die Maschinen eingespeist werden, mit denen diese dann trainiert werden. Dazu benötigt man, wenn man die materielle Infrastruktur der Datenzentren und Server nicht ins Uferlose ausbauen will, hochleistungsfähige Prozessoren wie Googles Tensor Processing Unit (TPU), den Ausbau neuraler Netzwerke und die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz.

2 Es war Primo Levi, der in seinen Erinnerungen an Auschwitz schrieb, dass in den Konzentrationslagern die Insassen ihre Meinungen über die Zukunft ganz und gar willkürlich änderten, und zwischen blinder Zuversicht und äußerster Verzweiflung schwankend, „pendelten sie, ohne Gedächtnis und Folgerichtigkeit und je nach Gesprächspartner und Augenblick, zwischen diesen extremen Positionen hin und her“. Hier deutete sich schon jene »Momentanpersönlichkeit« an, die heute jeder vorgegebenen Situation mit zynischem Opportunismus und panischem Selbsterhaltungstrieb begegnet, und sei es, dass sie sich mit Psychopharmaka befeuern oder sich mit Büchern aus der Lebensratgeberindustrie zu müllen und einschläfern lässt, nur um voran zu kommen, wobei aber vergessen wird, dass das Voran nicht unbedingt ein Hinauf ist. Es ist ein mythologischer Glaube, der Sache nach nicht verschieden vom abendlichen Gebet, vom Tieropfer, das den Erfolg in der kommenden Schlacht sichern soll, oder vom Regentanz des Schamanen. Befolge das Ritual, und der von dir nicht kontrollierbare Erfolg in der Zirkulation wird auf dich herabrieseln. In dem Maße, wie man zwar immer mehr produzieren kann, immer mehr weiß, umso unsicherer wird der Erfolg, ob der Absatz gelingt. Das statistische Verhältnis zwischen der eigenen Anstrengung und dem Markterfolg wird immer ungünstiger. Und umso größer wird die Anziehung von Regelwerken.

Die kapitalistische Gesellschaft schafft den Irrglauben nicht ab, sondern schafft durch die Zwangslagen, in die sie die Individuen versetzt, eine beständig neue Nachfrage danach. Je schwieriger der eigene Absatz wird, desto größer die Anziehung von Ersatzreligionen. Schlussendlich drückt sich darin die Grenze der kapitalistischen Gesellschaft selbst aus: was heute möglich wäre, geht weit über das hinaus, was am immer enger werdenden kapitalistischen Markt absetzbar ist. Deine Freiheiten sind unendlich, aber ob es sich lohnt, wird immer unwahrscheinlicher.


1 Vielleicht aber sind die Objekte doch noch etwas, nämlich Projektile, die die Erde zerstören.

Teil 1 here

, , , ,

By