Groschenroman, NonPolitics

Die Erfindung des Gemeinsamen (2)

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5 Dez , 2017  

Wir hatten keine Möglichkeit uns bei irgendeiner Stelle zu beschweren oder all den Scheiß, der dann zu Leuten führt, die sagen: Wir finden da eine Lösung. Wir wollten keine Lösungen, sondern einfach Schluss machen, aufhören, sofort. Kein Essen mehr ausliefern, nichts mehr. Es war ganz einfach. Früher war man bei der Arbeit machtlos, weil man ein Roboter war, der immer das gleiche tat. 20 Griffe pro Minute am Band und die Bänder laufen immer weiter, auch in der Pause. In der Fabrik bei den riesigen Maschinen war man machtlos, außer man sabotierte, streikte, schloss sich zusammen, zog von Fließband zu Fließband und sammelte sich, bis das ganze Werk stillgelegt war. Wir kannten das nicht mehr. Jetzt mussten wir während der Arbeit auf die gleiche Weise denken, wie bei der Organisation eines Streiks. Sprechen, aufeinander reagieren, wie die Chefs es nannten: mitdenken. Zum Beispiel die Stadt zu kennen und zu wissen, wie man sich in der Stadt bewegt, das war jetzt unsere Arbeit. Wie eine Taxifahrerin bekamen wir auch zwei Punkte und mussten uns überlegen, wie wir am besten von dem einen zu dem anderen Ort kommen, das heißt möglichst schnell. Wenn die Bullen uns verfolgen ist es das Gleiche, wir wissen, wo wir hin wollen, dorthin, wo die Anderen sind, oder gerade dort nicht hin, und wir müssen schnell gemeinsam entscheiden, wie wir uns bewegen.

Das alles geschah bei Eiseskälte, unter schrecklich widrigen Umständen. Aber trotzdem setzten wir jeden Samstag einen Höhepunkt durch eindrucksvolle Demonstrationen, vorneweg Trommeln und Pyrotechnik, Gruppen von cheminots mit Signalfackeln, wie sie bei Nebel Verwendung finden. Es ging nämlich nicht mehr nur um die Interessen der Eisenbahner oder der Metrofahrer; hier wurde der Anspruch vorgetragen, dass das öffentliche Verkehrsnetz uns gehört, der ganzen Stadt und dass die Pläne, es anzurühren, es zu privatisieren, uns alle angingen.

Wir würden rausfahren aufs Land, also schon ziemlich weit weg, weil rund um Paris das wäre noch zu nah. Es müsste vielleicht irgendwo im Elsass oder in der Bretagne sein, oder irgendwo zwischen Le Havre und Rouen. Das wäre dann der Kontrast zur Metropole. Es wäre zum einen der französische Metrofahrer, der vom Streik vor zwanzig Jahren erzählt, jetzt aber schon in Rente ist, der die ganze Lage verfolgt in Paris, weil er immer noch in seinem Kiez wohnt, der aber doch anderes gewohnt ist und bei dem sich Sympathie für die jungen Leute mit großem Unverständnis mischt. Unverständnis für die Kampfformen, Unverständnis für die Lebensformen. Dann die jungen Leute, die in Deutschland wohnten, also wir. Wir wären dort mit ihm hingefahren, in ein Dorf, oder besser eine kleine Stadt, weil wir eine Familie kennen würden, die da wohnt. Jemand von uns hätte da mal länger was mit dem Sohn der Familie gehabt und wir könnten deshalb immer wieder dorthin fahren. Auf jeden Fall würden dort dann das ländliche Leben und die Metropole einerseits aufeinandertreffen und andererseits aber auch wir, die wir so dazwischen sind, weil in Deutschland das sind ja keine wirklichen Metropolen. Und die ganzen Gespräche wären halb auf Französisch, halb auf Englisch, wobei die einen nicht so gut Französisch könnten und die anderen nicht so gut Englisch, aber der Metrofahrer würde in beide Richtungen übersetzen können. Dann würde beim Spaziergang durch das Dorf oder die Kleinstadt der Streit entbrennen, der aber auch ein alter Beziehungsstreit wäre, den dann wiederum der Metrofahrer immer übersetzen würde, damit die Anderen auch alles verstünden, weil es ja vordergründig doch um Fragen ginge, wie man sich organisiert und wie man kämpft. Und letztlich würden wir die Leute auf dem Land verlachen, weil uns klar wäre, dass deren Konflikte wirklich peripher sind, dass alles von den Metropolen ausgeht. Aber durch den Metrofahrer und wie er von seinem Kiez sprechen würde, könnte dann klar werden, dass es das Ländliche fast gar nicht mehr gibt, dass man letztlich nur genau hinschauen müsste und man würde merken, dass die Leute hier auch irgendwie zu einer Metropolregion dazugehörten in ihrem Lebensvollzug.

Vielleicht bräuchte es ein solches Gespräch, in so einer Situation, während eines langen Spaziergangs, wo alle aus ihrem Kiez und ihrem Alltag rausgerissen sind und dadurch auf ihre Haltung reduziert werden könnten. Alle wären sozusagen isoliert und man würde sehen, unter welchen Vorzeichen es möglich wäre, sich zusammenzufinden, ob es überhaupt nötig wäre sich zu verständigen. Vielleicht käme man ja auch zu dem Schluss, dass einen ein unüberwindlicher Graben von den Alten trennt, dass man mit denen keinesfalls was zusammen machen kann, sondern sie höchstens duldet, bis sie tot sind irgendwann. Aber in dem Moment, bei dieser Lösung würde plötzlich der abstrakte Charakter all dieser Erwägungen deutlich werden, weil es nämlich ein Fest in dieser Kleinstadt gäbe, an dem Abend oder auch schon den ganzen Tag und auf das würden wir jetzt treffen und mit dem Ende der Isolation wäre die Frage plötzlich vorbei, weil man die Menschen sehen würde, alt und jung, wie sie zusammen feiern und es wäre klar, dass wir in unserem Kiez niemals auf die Idee gekommen wären, dass die Leute dann schon sterben würden, weil man sich ja doch immer wieder mit ihnen verständigt. Plötzlich wäre also dieses Draußen wieder da und man könnte ein Gespräch stattfinden lassen zwischen uns und Besuchern des Festes, die uns von der Politik in der Stadt erzählen würden und vom Essen und vom Wein. Es wäre schon eine Art zu sprechen, wie man sie hat, wenn man Touristen etwas erzählt, aber es wäre doch genau genug, um unsere überhebliche Idee aufzulösen, dass es hier keinen Kampf gebe.

Es wäre auch möglich eine Situation zu schildern, in der wir und eine andere Gruppe aufeinander treffen. Das kommt ja häufig vor, weil die Auseinandersetzungen ohne Bündnisse nicht zu führen wären. Ein solches Treffen könnte man dann etwas zuspitzen, zum Beispiel, in man die eine Gruppe sehr die Perspektive des Arbeitskampfs vertreten lässt, auf eine Weise, die wahrscheinlich einseitiger wäre, als die meisten Gruppen das heute tun. Die andere Gruppe könnte auch einseitiger als gewöhnlich die Perspektive eines Kampfes um Wohnraum einnehmen. Es wären also weniger reale Gruppen als vielmehr Stimmen, die bestimmte Positionen repräsentieren. So eine Zuspitzung könnte schon etwas bringen. Denn es ist doch so, zwar machen alle mehr oder weniger alles, aber alle halten einen bestimmten Bereich des Kampfes dann doch irgendwie für den Entscheidenden. Wir halten zum Beispiel die Kämpfe um Wohnraum und gegen Räumungen in der Stadt immer für wichtiger, als jeden noch so großen Kampf, der sich hauptsächlich um Fragen des Lohns dreht, selbst wenn wir diese Kämpfe miteinander verbinden wollen. Weil wir denken, dass sich heute alles in den Metropolen abspielt, selbst die Arbeit und dass wir hier in unserem Alltag alle bereits Dinge zusammen tun, die wir nur endlich befreien müssten. Die Zuspitzung wäre dann sinnvoll, wenn deutlich wird, dass man über diese verschiedenen Privilegierungen, also welchen Kämpfen man so etwas wie ein revolutionäres Potential zuspricht, streiten kann, wenn man das also so darstellt, dass die beiden Gruppen wirklich auf diesen Streit miteinander brennen, weil es allen darin wirklich um etwas geht.

An der Stelle würde dann wieder eine Passage über den Kampf folgen. Wie wir ganz viel Angst haben, weil wir sehen, dass sie ernst machen, und wie wir deshalb fast weinen und wie das ganze Tränengas und Pfefferspray brennt und wir deshalb wirklich weinen. Aber auch, wie wir nicht aufhören und etwa nach Hause gehen. Das müsste entweder auf eine bestürzende Weise erzählt werden, also betonend, dass wir jeden Rückzugsort verloren hätten, weil wir unseren Kampf überall führen würden und es nicht mal mehr ein eingebildetes Außen gäbe oder es müsste mit Lust erzählt werden, mit dieser großen Kraft, mit der du dich in etwas hineinstürzt.

Dann würden wir wieder nach Paris fahren, und in der uns unbekannten Stadt weiter mitkämpfen. Auch aus Verzweiflung über die Lage in unserem Kiez, wo sich alles voneinander zu lösen begonnen hätte, wo der Zusammenhang zwischen den Aktionen der Vergangenheit und den Maßnahmen heute sich nicht mehr zeigte, wo plötzlich andere Wünsche nach Karrieren oder Ruhe und irgendwelche Harmonievorstellungen den Wunsch nach Selbstverteidigung und den Wunsch, sich den herrschenden Formen des Zusammenlebens zu entziehen, überwucherten. Ein bisschen würden wir auch dem Mythos Paris nachhängen, aber der Metrofahrer würde das durch seine trockene Art ausgleichen. Wir würden ihn immer wieder besuchen, während unserer Zeit in Paris und er würde häufig den Kopf schütteln, aber auch häufig lachen. Man müsste diese Gespräche nur ganz knapp andeuten, weil in ihnen letztlich nicht viel mehr zum Ausdruck kommen würde, als dass es bei ihm doch noch irgendein Verhältnis zur Arbeit gäbe, das handwerklich wäre, einfach weil er Jahrzehnte das Gleiche gemacht hätte, während wir nichts länger als ein, zwei Jahre lang gemacht hätten, außer zur Schule zu gehen. Was wäre es, dass ihn abhalten würde, mitzukommen zur Demonstration oder zu irgendeinem Plenum, einer Diskussion? Vielleicht wäre es neben den Momenten des Unverständnisses auch Resignation. Die könnte dann in so einem Gespräch zum Ausdruck kommen. Er könnte etwas sagen, wie: Am Ende hat man nichts in der Hand. Habt ihr einmal was in der Hand, werden sie euch so lange bekämpfen, bis sie es wieder aus eurer Hand geschlagen haben. Aber das wäre vielleicht auch schon zu offen. Es müsste eine feinere Resignation sein, ein Unterton, der sich in Sätzen bemerkbar machen würde, wie: Probiert es. Weil er ja auch nicht wirklich sicher wäre in seiner Resignation und weil doch auch immer wieder seine Lust es zu versuchen spürbar wäre.

Es ist relativ einfach, sagte der Metrofahrer. Was zusammen kam, ist auseinandergebrochen. Das ist die politische Entwicklung. Ich sehe keinen anderen Unterschied zwischen den Kämpfen der 90er Jahre und heute. 1995 war unsere Parole: Alle zusammen! Damit meinten wir, niemand wird privilegiert, nicht die Männer, nicht die Weißen, nicht die Franzosen. Alle zusammen sind diese Stadt und alle geht es etwas an, wem die Dinge gehören, wer seine Hand auf die Transportmittel bekommt. Ich erinnere mich noch gut an die Bewegung der Sans-Papiers von Saint-Bernard. Am 18. März 1996 besetzten einige Papierlose die nicht weit vom Friedhof von Père-Lachaise gelegene Kirche Saint-Ambroise. Wir waren zu dieser Zeit noch voll mobilisiert und trafen uns ständig in verschiedenen Konstellationen. Uns war klar, dass diese Besetzung auch ein Teil unseres Kampfes war, ging es hier doch genauso um das Recht, in dieser Stadt zu leben und diese Stadt zur Stadt aller zu machen, ungeachtet des Aufenthaltsstatus, einer rassistischen Einteilung der Menschen oder ihres Einkommens. Wir kamen zu den Besetzerinnen als Unterstützer und von Beginn an gelang es immer wieder, eine gemeinsame Grundlage der Verständigung zu schaffen. Unsere Lagen, mit Pass die einen, ohne Papiere die anderen, unterschieden sich und unterschieden uns, weshalb wir beschlossen nicht im Namen der jeweils anderen zu sprechen, um einer Politik der Stellvertretung mit ihren Fallstricken des Paternalismus, also der Entmündigung, zu entgehen. Wir wollten aber dennoch gemeinsame Aktionen in der Stadt durchführen. In den folgenden Wochen entstand die Bereitschaft voneinander zu lernen und zu diskutieren, ohne dass jemand im Vorfeld, aufgrund ihrer persönlichen Lage oder Erfahrung ins Recht oder Unrecht gesetzt wurde. Dann kam die Polizei und räumte. Monate, in der Zwischenzeit waren die Leute hauptsächlich in einem leer stehenden Gebäude der Bahn untergekommen, und viele Verhandlungen später, in denen klar wurde, dass die Forderung Papiere für alle die Grundlage dieser Gesellschaft verändern würde, besetzten die sans papiers die Kirche von Saint-Bernard. Ein Teil von ihnen ist in den Hungerstreik getreten, um ihre Forderung zu stärken. Der Pater war mit der Besetzung einverstanden und sicherte seine Unterstützung zu. Im Spätsommer, etwa zwei Monate nach der Besetzung wurde auch diese Zuflucht mit großer Brutalität von den Bullen geräumt. Daraufhin wurden von der Regierung selbst die bereits gegebenen Versprechen aufgekündigt. Die in der Kirche Lebenden wurden festgenommen und 13 von ihnen wurden abgeschoben. Aber in der Zwischenzeit war noch mehr geschehen. Es gab eine große Solidarisierung weit über Paris hinaus. Sie gründeten eine landesweite Koordination der sans papiers. Nach der Abschiebung verkündete dieses Komittee die Ausweitung der Kämpfe und neue Gruppen schlossen sich dem Bündnis an. Aber nicht mehr alle der Streikenden aus dem Winter 1995 waren dabei. Ein paar meiner Kollegen hatten sich von uns abgewendet. Gespalten hatten wir uns nicht mehr in Streikende und Streikbrecher, sondern in, ich muss es so sagen, Rassisten und Anti-Rassisten. Waren wir bereit, gemeinsam zu kämpfen oder sollte sich der mit der Muttermilch aufgesogene Nationalismus, das chauvinistische Franzosentum durchsetzen? Die Trennung von einem Freund, der mir vorher nie als Rassist aufgefallen war, fällt in diese Auseinandersetzung. Ich weiß noch, wie erschöpft ich mich fühlte, als ich nach vielen Versuchen der Diskussion einzusehen hatte, dass er, ein Genosse aus dem Streik – wir sahen uns seit dessen Ende fast jeden Tag –, zu fest eingesessen in seiner nationalen Identität war, um sich überzeugen zu lassen. Er konnte nicht verstehen, dass auch in dieser Situation die Losung zu lauten hatte: Alle zusammen. Für mich war das eine Kontinuität der Aktionen. Die Leute ohne Papiere machten auf sich aufmerksam und wir lernten einander kennen. Unsere Lagen, die uns trennten, unsere Ziele und unser Leben, die uns verbanden. Wir haben uns verständigt. Ich weiß nicht, ob mein ehemaliger Freund irgendwann in den kommenden Jahren dem Franzosentum den Rücken gekehrt hat. Ich weiß nur, dass die Kämpfe der sans papiers die Gelegenheit dazu gewesen wären. Seitdem hat sich nicht wieder mit einem solch großen Druck diese Frage in der Gesellschaft gestellt. Es war eine Situation, die niemandem erlaubte, seine alltägliche rassistische Einstellung einfach aufrechtzuerhalten, sondern die eine Entscheidung, eine Stellungnahme verlangte von vielen: Bist du für den Kampf Alle zusammen oder für die Fortführung der rassistischen Hierarchisierung? Unterschreibst du die Forderung nach Papieren für alle, oder nicht? An dieser Stelle hätten wir noch viel mehr über den Rassismus reden müssen. Was da, bei uns, die wir uns für den gemeinsamen Kampf entschieden, zusammen kam, ist heute auseinandergebrochen und damit kam alles wieder, was unsere Parole überwinden sollte.

Zu sprechen wäre dann von den Erfahrungen dieser Kämpfe, von den Besetzungen, den Hungerstreiks, den Informationswegen zwischen den Besetzerinnen, von den Auseinandersetzungen zwischen den Frauen, die aus dem Schatten der Männer traten und zu Hauptorganisatorinnen der Illegalen wurden, von den Kämpfen gegen den Sexismus, der innerhalb der Bewegung und von Seiten der Polizei, der Öffentlichkeit den Frauen immer wieder die Rollen der Mitbestimmung, der Koordination, der Organisierung aus den Händen zu reißen versuchte. Selbst von den polizeilichen Räumungen wäre zu sprechen, den nie aufhörenden Anfeindungen, den ständig wiederholten Schlägen ins Gesicht, von den Lügen, den falschen Versprechungen, mit denen die Leute an Orte gelockt wurden, um sie festnehmen, wegkarren und abschieben zu können, ja von den Abschiebungen selbst. Wer aber würde davon Zeugnis ablegen können, in unserer Konstruktion? Der Metrofahrer könnte es nicht sein. Wovon wir gelesen hatten, in Zeugnissen der sans papiers, vor allem im Buch einer Sprecherin der Bewegung, das ließ sich alles vorstellen, als dem Metrofahrer bekannt. Die vielen Gespräche und Auseinandersetzungen in dieser Zeit würden seine genaue Kenntnis dieser Vorgänge plausibel machen. Als ein aktiver Beteiligter wäre er für all diese Erfahrungen empfänglich. Er könnte sie verstehen und nachfühlen. Dennoch sollte sich in unseren langen Diskussionen darüber, wie er davon zu berichten hätte, in welcher Situation und an welcher Stelle seiner gedanklichen Entwicklung, keine Klangfarbe einstellen, die es uns erlaubte, diesen Gedanken und Erlebnissen Ausdruck zu geben. Es wäre dies die Stelle, an der wir dem Metrofahrer jemand anderes gegenüber stellen müssten. Etwa wirklich den Bericht von Madjiguène Cissé, Papiere für Alle und zwar in Gänze, mit all seinen Wiederholungen, mit seinen Rekursen auf die Kolonialzeit, mit seiner detaillierten Schilderung des Ablaufs, mit seiner Hervorhebung der Autonomie als entscheidender Form des Kampfes, mit seiner Absage an Repräsentanten und paternalistische Unterstützergruppen sowie mit seiner Freude an der Rekapitulation des Zusammenkommens mit vielen Unterstützerinnen in einem gemeinsamen Kampf, der wiederum in den Worten Alle zusammen seine treffende Parole gefunden zu haben meinte. Diesen Bericht, den wir lange diskutierten, dessen Aussagen wir versuchten für den Metrofahrer umzuschmelzen, sie ihm in den Mund zu legen, auch mit seinen Halbheiten und bisweilen seiner Kulturalisierung bestimmter Lebensformen, aber vor allem mit seiner Empörung und seiner unmissverständlichen Forderung einer Weltbürgerinnenschaft, hätten wir Wort für Wort aufzunehmen und seine Stimme nicht zu tilgen, indem wir ihn dem Metrofahrer einverleibten. Aber wäre sein Universalismus im Umschlag von der Unerträglichkeit der Situation zur unabdingbaren politischen Forderung nicht der Einsatz, an dem sich auch der Klang der Stimme des Metrofahrers wieder vernehmen ließe? Hier wäre das Aufeinandertreffen, das Zusammenkommen ermöglicht und zumindest im Kampf, für Augenblicke, Situationen die Zuschreibung und Festlegung auf die eine oder die andere Identität überwunden. Der Metrofahrer könnte also berichten, was er gehört hatte von Freunden, Bekannten oder, was er gelesen hatte, wie wir es gelesen haben im Bericht von Cissé. Die Fähigkeit der Mitteilung würde auch ihm erlauben, den Horizont des selbst Erlebten zu überschreiten, und die Möglichkeit geben, sich zu distanzieren, sich aufeinander einzulassen und das, was einem nicht selbst widerfuhr dennoch in die Überlegungen und Strategien mit einzubeziehen, mehr noch, dem Verstummen über die selbst erlebten und beobachteten Qualen entgegenzuwirken.

Der Metrofahrer und wir könnten so nachvollziehen, was es ausgemacht haben musste, wenn die Theatermacherin Ariane Mnouchkine in ihrem Theater die sans papiers beherbergte, kurz nachdem die Kirche Saint-Ambroise geräumt wurde, was es bedeutet haben musste, wenn dort wichtige Entscheidungen bereits bei der Ankunft der Besetzerinnen getroffen worden waren und als verwaltungstechnische Maßnahmen ausgegeben wurden: Alle dort Untergekommenen erhielten einen Anstecker, durch den sie Anspruch auf einen Schlafplatz, auf Nahrungsmittel hatten. So wurde die Gruppe auf Beschluss der Hausherrin bürokratisch erfasst und geschlossen. Wir könnten über die Folgen dieser Bürokratisierung diskutieren, über die Natur der politischen Haltung des helfenden Theaters spekulieren, die eine solche Verhaltensweise nahelegt, und über das Urteil von Cissé sprechen, die schreibt: Korrekt wäre es gewesen, eine Entscheidung von solcher Tragweite erst nach einer ausgiebigen Analyse zu treffen oder auch abzulehnen und sie nicht als Frage von Tellern oder Matratzen zu behandeln. Was sollte aus den Tausenden von MigrantInnen werden, die sich in derselben Lage befanden wie wir? Ich dachte an all die Sans Papiers, die gekommen waren, um uns in Saint-Ambroise zu besuchen, ermutigt von uns und unserem Beispiel, die wir aus dem Dunkel herausgetreten waren.

Wir waren mittlerweile in eine Situation gekommen, in der uns alles fragwürdig schien. Es war Grenzgebiet, das hieß, was andernorts in der Regel noch möglich war, konnte hier schon lange nicht mehr geduldet werden. Spätestens seit der Verschärfung der Grenzkontrollen in der ganzen EU, seit der erneuten Errichtung von Zäunen und Mauern, die Europa zerteilten, konnte hier scheinbar alles passieren. An den Grenzen griff der Staat mit seinen brutalsten Leuten zu. Wir träumten, als wir an einem Hang kurz vor der Grenze Halt machten, dass hier unter Umständen selbst die Überschreitung einer Grenze in einem Buch, wo die Leserin die Protagonistinnen verfolgt, wie sie illegal über die Grenze gelangen, verboten sein könnte. Dass hier eine Polizeikraft eigens dafür angestellt sei, die Bücher, der in diesem Gebiet auftauchenden Personen nach Grenzverletzungen abzusuchen und die betreffenden Seiten mit Nadeln abzustecken, wie es früher in bürgerlichen Haushalten oftmals die Mutter machte, um ihr Kind von Beschreibungen sexueller Handlungen fernzuhalten. Doch wir wussten auch um die schöne Fantasie belesener Polizeikräfte, als sie uns fast gänzlich unbeachtet hindurch winkten, ihrer rassistischen Wahrnehmung wegen. Wir konnten so die Veranstaltungen am Abend noch erreichen, zu der uns Freundinnen eingeladen hatten. Angekommen informierten wir uns über die Ereignisse des Tages, erfuhren von den zahlreichen Verhaftungen und dass man aufgrund dieser am nächsten Tag vor das Polizeirevier ziehen wolle. Wir sammelten uns früh morgens, etwa zweihundert Leute, und versuchten die Bullen in ihrer eigenen Höhle zu überraschen.

Wir machten auch diese ziemlich erfolglosen Aktionen, wo wir in Supermärkte gegangen sind und forderten, dass jede Person, die da einkauft, dafür bezahlt wird, weil auch das eine Arbeit sei. Die ganze Stadt soll streiken, nicht nur die Fabriken sollen lahmgelegt werden. Jede Aktivität soll unterbrochen werden und in einen neuen Zusammenhang eintreten. Einen Zusammenhang, der nicht länger vom Kapital bestimmt ist. Noch heute wissen wir nicht, warum es nicht geklappt hat. Vielleicht hielten wir unsere Idee für zu genial. Wir hatten uns gefragt, wo wir das meiste Bargeld ausgeben und das war der Supermarkt. Da tragen wir alle unseren Lohn hin und suchen mühsam nach den besten Dingen zu den günstigsten Preisen. Dafür wollten wir Bezahlung und zwar sofort, bar auf die Hand.

Der Metrofahrer würde Recht behalten, er würde zwar die Notwendigkeit des Kampfes anerkennen, aber unsere Selbstüberschätzung würde er verurteilen. Den Kampf müsste man führen, um überhaupt etwas tun zu können. Aber er würde uns darauf hinweisen, wie schlecht es wirklich aussieht. An dieser Stelle müsste vielleicht durch irgendein Ereignis, dass uns und ihn direkt betreffen würde, aber es dürfte kein Terroranschlag sein, klar gemacht werden, dass es schon lange nicht mehr um irgendeine Normalität geht, dass schon lange wieder die einfache Frage erreicht ist: Sozialismus oder Barbarei? In ganz Europa ist der Faschismus auf dem Vormarsch. Der Mob, der aufmarschiert und Häuser anzündet und Menschen angreift und tötet, der teils auch Staat geworden ist und sich prächtig einrichtet in immer mehr Regierungen zusammen mit den konservativen Parteien. Das würde der Metrofahrer sehen, während wir es nur aus dem Kampf heraus sehen würden, aus dem Kampf, der auch verzerrt, weil er, wenn man darin ist, so groß erscheint, während er doch so klein ist. Weil zur gleichen Zeit Faschisten regieren, oder kurz davor sind zu regieren. Wir würden den Nationalismus der Vielen verdrängen, der Metrofahrer aber würde ihn sehen in seiner Nachbarschaft und im Fernsehen. Er würde zwar nicht mehr wissen als wir, aber er wäre nicht von unseren kleinen Aktionen euphorisiert, kurz gesagt, er würde sich ohnmächtig fühlen und diese Ohnmacht würde er dann an einem Abend uns gegenüber zum Ausdruck bringen.

Der Streit zwischen den Gruppierungen würde auch immer wieder an der Diskussion von Texten entspringen. Es müsste unterschieden werden zwischen zwei Sorten von Texten, jenen, auf die sich alle gleichermaßen bezögen und jenen, durch deren Lektüre man sich voneinander absetzte. Die Großindustrie bringt eine Menge einander unbekannter Leute an einem Ort zusammen. Die Konkurrenz spaltet sie in ihren Interessen; aber die Aufrechterhaltung des Lohnes, dieses gemeinsame Interesse gegenüber ihrem Meister, vereinigt sie in einem gemeinsamen Gedanken des Widerstandes – Koalition. So hat die Koalition stets einen doppelten Zweck, den, die Konkurrenz der Arbeiter unter sich aufzuheben, um dem Kapitalisten eine allgemeine Konkurrenz machen zu können. Wenn der erste Zweck des Widerstandes nur die Aufrechterhaltung der Löhne war, so formieren sich die anfangs isolierten Koalitionen in dem Maß, wie die Kapitalisten ihrerseits sich behufs der Repression vereinigen zu Gruppen, und gegenüber dem stets vereinigten Kapital wird die Aufrechterhaltung der Assoziationen notwendiger für sie als die des Lohnes. Das ist so wahr, daß die englischen Ökonomen ganz erstaunt sind zu sehen, wie die Arbeiter einen großen Teil ihres Lohnes zugunsten von Assoziationen opfern, die in den Augen der Ökonomen nur zugunsten des Lohnes errichtet wurden. In diesem Kampfe – ein veritabler Bürgerkrieg – vereinigen und entwickeln sich alle Elemente für eine kommende Schlacht. Einmal auf diesem Punkte angelangt, nimmt die Koalition einen politischen Charakter an. Hierin sähen alle in unserer Gruppe zum Beispiel ihre Vorstellungen auf den Punkt gebracht, aber wir würden immer wieder bemerken, wie weit auseinander unsere Vorstellungen lägen. Wir würden uns dann auf verschiedene Kampferfahrungen beziehen und sie gegeneinander führen, um unseren jeweiligen Vorschlag, wie man sich zu organisieren habe, wie man zusammenkommen könne, zu stützen. Von dem Unterschied zwischen unseren Positionen müsste in ganz trockenem, sachlichen Ton berichtet werden. Die Arbeiter, die auch nicht davor gefeit waren die schlimmsten Nationalisten zu werden und sich so in den Staat integrieren ließen, in dem sie sich auf ihn noch mit ihren Forderungen als ihren Staat ausrichteten, müssten dabei zur Sprache kommen, wie die Vorstellung, dass aber die Armut immer wieder die Grundlage schaffe für eine Solidarität, die alle Spaltungen in Lohngruppen und Nationalismen überwinden könne, wenn man sie in den Zusammenhang bringe und nicht als Schuld der Einzelnen an ihrem Unglück privatisiere.

Hier würde auch der Streit zwischen uns über der Frage entstehen, wie man die Auseinandersetzung innerhalb unserer Gruppe darzustellen habe. Ob man den Wein, den wir während der abendlichen Diskussion der Texte trinken würden, beim Lesen auf der Zunge schmecken dürfe, oder ob die Lektüre des Textes keinesfalls den Genuss des Weins ersetzen solle. Auch in dieser Frage würden wir uns nicht einigen können, dann aber beschließen, uns zunächst wieder der Frage zu widmen, welche Positionen aus unserer Gruppe in der Diskussion des Textes vorkommen würden. Die Einen würden in dem Text lesen, dass es unbedingt einer orchestrierenden Organisierung bedürfe, die das gemeinsame Interesse der Arbeitenden artikuliere. Sie würden darauf hinweisen, dass Koalition ein Wort sei, das später durch das Wort Gewerkschaft abgelöst worden sei und dass es also darum gehen müsse, Gewerkschaften aufzubauen. Und zwar Gewerkschaften, wie die Basisgewerkschaften, die Industrial Workers of the World und ähnliche Organisationen, die sich nicht mit Kompromissen zufrieden geben dürften, sondern auf eine allgemeine Assoziation drängen müssten. Auch hier würde es ausreichen ein Feld mithilfe zweier Positionen abzustecken. Die Anderen würden vielleicht behaupten, dass in dem Text grundgelegt sei, wie die verschiedenen Formen des Zusammenschlusses immer über sich selbst hinauswiesen, sodass im Kampf um den Lohn schon etwas entstehe von dem, was man Autonomie oder das Gemeinsame nennen könnte. Dann würden wir wieder auf die Frage nach dem Weintrinken zurückkommen.

An einer Stelle fragte uns jemand, ob wir denn wüssten, was wir da tun. Was sollten wir darauf antworten, auf all die Versuche, jeden Funken von Rationalität, den wir zu fassen glaubten, als Ausgeburt des Wahns darzustellen? Was sollten wir darauf antworten, die wir den Kommunismus als einzige Möglichkeit erkannt zu haben meinten, als Freie und ohne Angst zusammen zu leben? Sollten wir uns selber sagen, dass wir es wüssten, dass wir bei vollem Bewusstsein handelten, wo doch der Kampf ein Mittel, das Mittel, darstellte, überhaupt ein Bewusstsein der Lage zu erlangen? Sollten wir wirklich zu der Illusion zurückkehren, dass wir uns ein Bewusstsein erarbeiten könnten, um sodann, die Ideen im Gepäck, in den Kampf ziehen zu können? Oder sollten wir nicht besser den von uns erfahrenen absoluten Charakter des Kampfes betonen? Den unbedingten Charakter dieses Kampfes, der immer schon angefangen hatte, wenn wir daran gingen, ihn zu analysieren, sodass unsere Analyse sich nicht auf einem Terrain ansiedeln ließ, das ihm äußerlich war, wollten wir nicht verleugnen. Dafür wurden wir angegriffen und pathologisiert. Denn die Position, dass die Bedingungen des Kampfes selbst die Möglichkeit der Produktion von Erkenntnissen bestimmen, musste allen herrschenden Vorstellungen von Unabhängigkeit, von neutraler Analyse und Wissenschaft, von gesundem Menschenverstand und freier Meinungsäußerung widersprechen. Unsere These, die Rationalität sei selbst Gegenstand des Kampfes, konnte folgerichtig nur als Schwachsinn aufgefasst werden.

Es war ein Polizeirevier, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, die im mittleren Westen spielen. Ein riesiges Gebäude, das in der Stadt merkwürdig deplatziert erschien, als hätte man eigens, um es besser zur Geltung kommen zu lassen, die umliegenden Straßenzüge nur mit sehr kleinen Häusern bebaut. Wir kamen aus einer kleinen Straße, die schräg auf die Kreuzung führte, wo das Revier lag und müssen wohl ausgesehen haben wie ein Trauermarsch, waren wir doch alle leise und liefen in einer langen Schlange maximal vier Personen nebeneinander auf das Gebäude zu. Wir waren nicht gekommen, um zu demonstrieren, sondern um für Unruhe zu sorgen. Aber wir waren auch nicht fanatisiert, wie man es gerne solchen Riots unterstellt, wir hatten einen ausgearbeiteten Plan, in den alle eingeweiht waren. Wir näherten uns dem Gebäude von zwei Seiten. Direkt vor dem Gebäude würden sich die Wege beider Gruppen kreuzen. Jede Gruppe wusste, von wo nach wo sie gehen und was sie dabei auf das Revier und auf die Bullen werfen würde. Angriff und Flucht waren eine Handlung. Unsere Forderung verkündeten wir nicht, sie war klar: Freilassung der Gefangenen. Der Angriff wäre, da waren wir uns einig, Signal genug.

An dieser Stelle müsste dann die Frage der Gewalt auftauchen. Es könnte wieder das Treffen zwischen uns und einer anderen Gruppe sein. Oder vielleicht besser, ein Treffen von uns, im Laufe dessen wir uns an der Frage der Gewalt spalten. Die Schwierigkeit bestünde darin, die Positionen als wirklich konträre darzustellen und dennoch die herrschende Art des Sprechens über die Gewalt zu sprechen nicht zu wiederholen. Also es müsste direkt klar sein, dass es nicht um Gewalt klandestiner Gruppen geht, die sich gegen Teile einer Bevölkerung richtet. Wir dürften nicht so erscheinen, als würden wir die andere Seite der rechten Gewalt vertreten, also jener Gewalt, die sich gegen Menschengruppen richtet, die sie anhand rassistischer Kriterien identifizieren. Eine von uns könnte als Gegner der Gewalt dargestellt werden: Gewalt nur in Situationen der sogenannten Notwehr, also aus Abwehrgründen. Das einzige Gewaltmittel, das zum Sieg führen wird, ist die politische Aufklärung. Eine andere von uns würde dann den Standpunkt einnehmen, dass ohne offensive Gewaltanwendung gar keine sinnvolle Politik mehr zu machen wäre. Diese Position wäre aber nochmal zu spalten, um verschiedene Formen der offensiven Gewalt zu thematisieren. Man bräuchte da also mehrere Personen, die diese Position vertreten, damit sie sich dann im Gespräch nochmal spalten können. Die ganzen sich aufdrängenden Vergleiche und Bezugspunkte, die immer wieder beschworen werden, wenn es darum geht, einer linken Politik auf welcher Ebene auch immer jede Möglichkeit abzusprechen, bräuchten in dem Gespräch vielleicht auch gar nicht aufkommen, da es um Gewalt in einem viel geringeren Ausmaß ginge. Politische Morde, Geiselnahmen und das alles, davon träumen manche heute bloß. Dass es, wenn man von Gewaltmitteln spricht, direkt um die härtesten Formen geht, egal wie weit weg sie sind, wäre selbst als Effekt der tabuierten Diskussion zu zeigen. Es geht bei ernsthaften Diskussionen dieser Frage heute letztlich immer nur darum, ob man Gewalt auch geplant einsetzt, als Angriff bei einer Aktion oder, ob man sich nur wehrt. Am Ende der Diskussion könnte vielleicht irgendwie diese Dimension auftauchen. Man könnte zeigen, wie klein das ganze Problem wirklich ist. Indem zum Beispiel klar wird, dass Gruppen, die gar keine offensive Gewalt wollen, gezwungen sind mit gewaltbereiten Gruppen zusammenzuarbeiten, wenn sie was Größeres planen und umgekehrt. Also es wäre klar, dass die eine Person, in unserer Gruppe, die als Gegner der Gewalt auftreten würde, uns jetzt nicht deshalb den Rücken kehren würde. Weil das auch bedeuten würde, wieder ganz von vorne zu beginnen.

Andersherum wären genau diese Leute anzugreifen, die dennoch nicht die Gemeinsamkeit mit den anderen suchen und sich auf ein ganz bestimmtes Verfahren der Gewaltanwendung oder auch der Gewaltlosigkeit einigen und das dann, ohne Abweichungen zuzulassen, durchsetzen. Jene Leute, die nicht kooperieren, die egoman ihre Linie fahren. Nur, von denen gibt es keine in unserer Gruppe, die müsste man dazu erfinden. Die könnten uns dann auch den Rücken kehren, wenn sie merken, dass es mit uns vieles gibt, aber keine einheitliche Linie, die auf jeden Fall befolgt wird.

Der öffentliche Nahverkehr in Paris betrifft rund acht Millionen Personen. In den Gemeinden des Gürtels um Paris, etwa in Saint-Denis oder La Courneuve, befinden sich riesige Busdepots, und diese Depots standen vollständig offen. Die Leute kamen, blieben stehen und diskutierten, es gab aber weder Streikposten noch Wächter, und trotzdem verließ kein Bus das Depot und auch sonst passierte nichts. Das ist insofern bemerkenswert, als es sich um Gemeinden mit ernsthaften Problemen handelt und bisweilen gewalttätige Banden das Gebiet kontrollieren. So kam es vor dem Streik beinahe alltäglich zu Zusammenstößen zwischen Bandenmitgliedern und Busfahrern, und in der Folge traten die Fahrer bestimmter Linien immer wieder in Proteststreik, wenn einer ihrer Kollegen verprügelt worden war. Es war auch ein bisschen die Gunst der Stunde, und es wird nicht mehr auf diese Weise passieren.

Wir kamen also mit fünf oder sechs Leuten in den Supermarkt und hatten zwei Megafone. Drei von uns gingen rein, zwei blieben bei den Kassen. Wir liefen zwischen die Regalreihen und machten laute Durchsagen mit dem Megafon: Lohn für Einkaufsarbeit! Hier kauft jemand Tomaten und Bananen, Stücklohn 2 Euro. Und immer so weiter mit verschiedenen Lohnformen. Wir riefen auch, dass jemand eine halbe Stunde einkaufen wäre, also 20 Euro bekommen müsse und so Zeug. An den Kassen versuchten wir die Angestellten zu überzeugen. Dafür hatten wir uns extra Texte überlegt, damit sie nicht denken, es gehe gegen sie oder darum, dass sie ihren Job verlieren. Wir wollten ja, dass sie mitmachten und am besten den Leuten Geld gaben und sich selbst die Taschen vollmachten. Es endete immer damit, dass die Bullen gerufen wurden.

Von Anfang an haben Leute mit Arbeits- oder Mietkonflikten uns hauptsächlich gefunden, weil wir Poster an Laternenpfähle geklebt haben. Wir hängen sie meistens in Arbeiter_innenvierteln auf oder in Gewerbegebieten, wo viele Menschen arbeiten. Der erfolgreichste Ort zum Plakatieren scheint die Umgebung stark frequentierter Bushaltestellen zu sein. Wer herumsteht und auf den Bus wartet, nimmt sich eher die Zeit ein Poster zu lesen als Passant_innen. (…) Sieg auf Sieg zu erringen, motiviert und lässt die Gruppe wachsen. Sich in Kämpfen festzubeißen, die nicht gewonnen werden können, würde zum Gegenteil führen. Wenn wir stärker werden, können wir Kämpfe gewinnen, die wir zurzeit noch verlieren würden.

Wir haben Blockaden gebaut auf der Straße und so war es schon Vormittag geworden, als sie bei uns waren und dann erst haben wir angefangen mit den Rufen und den Parolen. Es waren viele Familien da und alle unsere Freunde. Dann kam der Kommissar und sagt uns, er will verhandeln. Aber wir glauben dem kein Wort. Der sagt: Wer ist das Komitee? Und wir rufen, dass wir alle das Komitee sind. Wenn er was zu sagen hat, soll er hier und jetzt mit uns allen reden. Aber der hatte nichts zu sagen oder Schiss bekommen, denn er ging zurück. Dann haben alle Polizisten ihre Visiere runtergeklappt und wir wussten, das heißt eine Salve Tränengas kommt. Aber es gab noch Barrikaden und wir verbarrikadierten uns im Gebäude und um durch zu kommen brauchten sie wieder Zeit und mittlerweile war es schon Nachmittag. Sie hatten nichts geschafft und wussten, dass sie niemals heute all die Wohnungen würden räumen können. Da wussten wir, dass wir gewonnen haben.

Ein Schauplatz könnte auch eine breite Straße sein, vielleicht eine Allee mit breiter Grünanlage in der Mitte, auf der für gewöhnlich zahlreiche Spazierende unterwegs sind. Dort würde die Demonstration, nein der Aufstand, stattfinden, bei welchem alle zusammenkommen. Die Gruppen würden sich erneut treffen, aber diesmal auf der Straße und in der Praxis würde sich eine neue Art der Verbindung herstellen. Die alten Streitereien wären nicht begraben, keineswegs, es bedürfte ihrer weiterhin, aber sie wären vielleicht anders verortet. In einem Verhältnis zu dem, was unsere Körper da auf der Straße machen würden. In einem Verhältnis zu dem, was wir gemeinsam rufen würden und was unser Aufstand bewirken würde. Aber es müsste auch klar werden, dass wir mit diesem Aufstand nicht wirklich erfolgreich sein würden, da wir doch nach wie vor zu wenige geblieben wären. Am Ende dann käme der Moment, wo es weiter ginge, aber dennoch Ruhe einkehren würde, vielleicht eine trügerische Ruhe. Das könnte offen bleiben: Die Bullen sind vorerst geschlagen, wir schauen uns um und sehen, was sich zeigt. Vielleicht bricht die Nacht heran oder der Tag nach einer Nacht des unerbittlichen Kampfes, in der die ganze Stadt durchlaufen wurde. Die Sonne geht schon auf und wir alle sind wieder auf der Straße, auf der Allee, wo es am Tag zuvor losging. Es gibt kein Ergebnis, aber es gibt etwas, das geschehen ist und das festgehalten wurde. Dieser Eindruck müsste entstehen. Das Ende müsste sein, wie wir uns teilen, in verschiedene Richtungen gehen, aber im Wissen, dass wir wieder zusammenkommen werden, dass es nicht vorbei ist.

Sobald ein Genosse von Polizisten verfolgt wurde, konnte er sich in die Häuser flüchten. Und aus den Fenstern und vom Balkon warfen sie alle möglichen Klamotten und Unrat auf die Bullen herab.

Diese Art zu leben gefiel mir, weil sie so gar nichts zu tun hatte mit der Fabrik, mit dem Dorf, mit der Kirche. Die Bullen schlugen jeden zusammen, der vor der Haustür stand. Frauen, Kinder, Greise, egal, was es war. Wir sind ihnen entwischt und jetzt war draußen eine Masse Arbeiterinnen und Studierende vor dem Hauptgebäude. Erst, als sie drohten, mit dem Maschinengewehr zu schießen, ließen wir ab.

Irgendwann hörte das Blut dann auf zu fließen. Die Wundheilung begann. Wir hörten, am gleichen Tag sei sogar scharf geschossen worden. Auch Ärzte waren wir, Chirurginnen, Leute, die das Wissen und die Möglichkeit hatten, jeden erdenklichen Eingriff durchzuführen. Wir hätten unsere Lebern oder Nieren austauschen können. Wir hatten alle Möglichkeiten und alle Macht. Wir verwendeten unsere letzten Kräfte darauf, die ganze Nacht zu lachen. Am Morgen lasen wir wieder und träumten von den Leserinnen, die auch von Grenzen lesen würden, die keine Staatsgrenzen waren, sondern Türschwellen, hinter denen man sich nicht mehr sicher fühlen konnte, weil sie von den Bullen einfach übertreten werden konnten, oder Autos, hinter denen man sich verschanzt hatte und die einfach wegfuhren. Die Herrschaft besteht nicht darin, dass Grenzen oder Unterschiede zwischen uns vorgefunden werden, sondern darin, dass sie Abgrenzungen und Unterschiede herstellt. Diese Herrschaft war es, von der die Leserin vielleicht las, wenn sie von den Grenzen las, zumindest träumten wir das so.

Die großen Städte, die Metropolen, haben ja nicht diesen einen Stadtkern mit der Kirche und dem Platz, sondern viele Zentren, Plätze, prominente Straßenecken, Orte, die gut wiedererkennbar sind. Das waren die Orte, an denen wir uns versammelten. Wir hatten kein Register, wussten nicht, wo genau wir sind anhand der Straßennamen und der Namen der Plätze. Es waren andere Merkmale, an denen wir uns orientierten, dort der ausladende Torbogen, hier der Turm mit der grünen Uhr. Das waren die Signale, da wussten wir, was gemeint ist. Die Namen irgendwelcher Herrscher, Fürsten, Bischöfe hätten wir zwar mühselig lesen können, sie waren aber alle in einer uns zu unvertrauten Sprache geschrieben, um Verständigung zwischen uns zu ermöglichen. Wir riefen uns die Signale zu und wussten, wo wir uns als nächstes versammeln würden. Und wir hatten viele Leute, die alles kannten, die jede Ecke mehrfach betreten hatten, weil das ihre Arbeit war, herumzufahren und Dinge auszuliefern oder von einem Treffen zum nächsten zu eilen. Wir hatten dann alle dieses Wissen, denn wir konnten miteinander sprechen. Wir wussten, wenn wir den Ort wechselten, wären schon Leute da, denn so wie die Stadt nicht diesen einen Kern hat, hatten wir ihn nicht. Wir waren nicht eine Masse, sondern unsere Glieder wurden größer und kleiner, bald schrumpften unsere Köpfe, bald wuchsen sie zu unermesslichen Beulen heran. Dann schlugen wir los, immer wieder, zogen uns immer wieder zurück in andere Teile der Menge. Ein Teil stürmte über die Brücke auf die Straße mit den kleinen Läden und Boutiquen, die direkt am anderen Ufer des Flusses begann. Zweihundert Meter weiter mündete diese in einen kleinen Platz, auf dem sich bereits um die 200 Leute befanden, von den Bullen eingekesselt, als wir von außen dazustießen, auf sie zu rannten und so den Kessel sprengten. Wir hatten uns ausgerüstet mit Steinen und Eisenteilen, die wir jetzt auf ihre Autos warfen. Andere waren auf der anderen Flussseite geblieben und am Ufer entlang zu einer anderen Brücke gelaufen, bis sie aufgehalten wurden. Sie zu befreien, war unser nächstes Ziel. Dafür organisierten wir schnell wieder einen richtigen Demonstrationszug und liefen etwa eine halbe Stunde, 600 oder 700 Leute, durch den Stadtteil südlich des Flusses. Die Bullen nutzten die Zeit, um Knotenpunkte abzuriegeln, aber wir hatten bereits einen Plan. Wir kamen zu der Brücke, auf deren anderer Seite, die Anderen aufgehalten worden waren und gaben ihnen das Signal noch einmal alle ihre Körper einzusetzen, während wir auf unserer Seite losstürmten, um so die Bullen unter uns, die wir von beiden Seiten auf die Brücke rannten, zu begraben.

Der Metrofahrer würde uns dann an einem Abend erklären, dass er beschlossen hätte auszuwandern. Er sei jetzt 70 Jahre alt und würde wahrscheinlich nicht mehr lange leben. Er hätte jetzt genug von Paris und all dem Trubel. Er würde in Ruhe etwas lesen wollen und all so etwas. Da hätten wir dann vorgeschlagen, gemeinsam raus zu fahren aufs Land und so würde diese isolierte Situation draußen weit außerhalb von Paris entstehen. Das könnte der Ausgangspunkt sein, für seine Erinnerungen an den Streik von 1995 und inwiefern das der Ausgangspunkt gewesen wäre für die ganzen Bewegungen danach, zumindest für ihn. Es wäre der Anfang unseres Versuches über die Möglichkeiten in Europa Politik zu machen. Wir würden versuchen die Impulse, Aussagen, Erinnerungen, Handlungsmomente zu verbinden und das Vernommene zu Sätzen zu ordnen. Wir würden ihm zuhören und dabei selbst ins Erzählen kommen. Man könnte die ganzen Reisegespräche als Rückblenden verwenden. Es würde sich so immer wieder die Situation während der Reise mit dem Erzählten verbinden. Ziel dieser Überschneidung wäre eine Verdeutlichung anzustreben, eine präzisere Anschaulichkeit zu ermöglichen. Also, wir würden die Leute auf dem Land treffen, die wir zuerst verlachen und er würde von der Bewegung der sans papiers erzählen, die auch verlacht worden sei von manchen Arbeitern. Aber vielleicht müsste man das auch nicht so offensichtlich machen, weil es ja doch immer um etwas Anderes gehen müsste. Wir würden die Leute auf dem Land ja anders verlachen, als einige Arbeiter die sans papiers. Wir würden die Leute auf dem Land aus Überheblichkeit verlachen und aus einer Einschätzung des Kampfes, die den großen Städten die größte Wichtigkeit gibt, nicht aus einem unausgesprochenen oder offenen Rassismus.

Oder man würde das Andersherum erzählen: Zuerst würde der Metrofahrer noch in Paris bleiben wollen, aber unsere Reise mit ihm und seine Erzählungen, die Diskussionen darüber würden ihn erst wirklich resignieren lassen. Man könnte ihm zuschauen, wie er langsam begreifen würde, dass es nichts mehr wird, nicht mehr in seinem Leben und nicht so bald und das würde ihn zu dem Schluss führen, auswandern zu wollen und lesen zu wollen von den Freuden des Lebens, von Leuten, die kämpfen, weil sie es nicht mehr aushielten und die glücklich wurden dabei. Es wäre zugegeben ein schwacher Trost, aber ihm würde auch nichts Besseres einfallen und so würde er dann seinen Sachen packen, sobald wir wieder in Paris angekommen wären. Das könnte auch noch eine Szene sein: Wie er seine Sachen ordnet und sortiert, wie er sie vor allem wegwirft. Es wären ja nicht viele Dinge, aber es wären Dinge, die etwas erzählen würden, darüber, was ihm noch wichtig wäre oder darüber, was er glauben würde, das ihm noch wichtig wäre. Zum Schluss würde man zeigen, wie er auf einen Campingplatz fährt, weil zu mehr würde es nicht reichen. Irgendein Campingplatz in Italien zum Beispiel, wo er morgens früh aus seinem Campingwagen steigen würde und ein paar Runden um den Platz drehen würde. Er würde sehr knapp haushalten müssen, weil sie 1995 zwar die Rentenkürzungen bekämpft hätten, aber die Rente wäre dennoch viel zu niedrig. Und im Winter würde er mit seinem Campingwagen einige Probleme haben.

In der Zwischenzeit hatte sich der Kampf im ganzen Viertel ausgebreitet. Es wurden regelmäßig Veranstaltungen organisiert und noch zwei weitere Häuser, die ein paar Straßen weiter lagen, schlossen sich unseren Forderungen an. Wir konnten dann auch anders miteinander reden. Weil wir alle jetzt im Kampf waren. Viele waren plötzlich bereit auch anders über die Welt zu reden, weil sie diese Haltung hatten: Wir bleiben alle! Und was uns viele sagten war, dass sie verstanden hätten, dass wir uns die Dinge nehmen müssen, weil man es uns nicht geben wird. Und da haben wir es auch erst verstanden. Plötzlich gibt es so viele Leute. In all diesen Wohnungen wohnen Menschen, die wir vorher oft nicht wirklich gesehen hatten und die plötzlich Dinge machen und Vorschläge haben, sodass wir jetzt wissen: Es hört nicht auf. Wir können zwar immer wieder verlieren, aber wir haben schon viel gewonnen. Es sind jetzt schon ein paar Jahre, die wir geblieben sind und uns nicht haben verjagen lassen, aber nicht nur das. Es sind Jahre, in denen das, was hier ist, besser wurde, weil wir es zu unserem gemacht haben, weil wir gesagt haben, dass wir alle bleiben und dass die uns hier nicht rauskriegen und sie haben uns bis heute nicht rausgekriegt.

Wir träumten auch mit Schrecken von Leserinnen, die in den Grenzübertritten, welche in den Büchern, die sie lasen, beschrieben waren, das Leben zu erblicken glaubten. Als wäre es genau der Übergang für den gelebt werde. Eine Fantasie, die Bücher oft erzeugen, und die uns, selber lesend, gefährlich vorkam. Wir wussten, dass wir in einem Interregnum leben. Einer offenen Situation des Übergangs, in der deutlich spürbar ist, dass alles abhängt von einem Kräfteverhältnis und, dass das Resultat dieses Kampfes niemals in seinem Ausgang voraussagbar sein wird. Wir sahen keinerlei Anzeichen dafür, dass unser Sieg einer Notwendigkeit entspräche. Wir wussten nur, dass wir ihn erringen wollen, weil wir anders leben wollen. Wir wussten nicht, ob wir überhaupt jemals etwas zu Ende bringen würden. Wir hatten Anfang und Ende aus den Sinnen verloren.

Die Bullen waren vorerst geschlagen. Jetzt gab es keinen Gedanken mehr an die Arbeit. Wir gingen und sahen uns um und sahen, was sich zeigte. Gesichter erschienen in den scharfkantigen Löchern. Es war schon fast Tag und die Sonne fing schon an aufzugehen. Sie dachten, wir wollten ins Stadtzentrum marschieren und das hatten wir natürlich auch vor.

Epilog: Pariser Kommune

2016 habe ich am Rande einer großen Demonstration gegen die Faschisierung der europäischen Nationalstaaten in Paris, die aus der Protestbewegung gegen die Notstandsgesetze entstanden war, eine alte Frau kennengelernt, die mir mehrere Bilder gezeigt hat:

Paris 1871, oben an seinem Fenster stehend, ein Bürger. Auf die Straße blickend, wo gerade die letzten Trümmer einer vom Militär zerstörten Barrikade nebst einigen Leichen, die fast ununterscheidbar von den Steinen, Töpfen, Lappen und anderen Bestandteilen der Barrikade auf dem Boden liegen, weggeräumt werden. Im Hintergrund sind einige niedergebrannte Häuser zu sehen. Hinter ihm am Fenster stehen zwei jüngere Geschäftsleute, deren Blicke seinen Armen, mit denen er ab und zu gestikulierend auf die Straße weist, folgen, während die beiden mit besonderer Aufmerksamkeit jedes seiner Worte registrieren. Worte, die wir im Folgenden wiedergeben wollen.

Jetzt verstreuen sie sich wieder über ganz Paris. Eine Woge hierhin, eine Woge dorthin: der gesammelte Abschaum. Da unten seht ihr die Hinterlassenschaften seines Terrors, des Terrors der Massenherrschaft, den wir die letzten 70 Tage ertragen mussten. Eine kaputte Stadt, die beinahe endgültig im Chaos versunken wäre. Zu etwas anderem ist die Masse nicht fähig. Überhaupt ist der Trieb im Menschen, sich zu vermassen, ein krankhafter. Nichts, aber auch gar nichts ist in der Masse, das nicht niederträchtig wäre. Ihre Politik fundiert nicht auf der Ratio, sondern auf der Aufwallung. Ihre Handlungen sind nichts als kollektive Reaktionen des Gemüts. Es sind die verderblichsten und verdorbensten Schurken, die man sich vorstellen kann. Es sind die Mafiosi und Terroristen, die Flüchtlinge und Wohnungslosen, les misérables, die in den Erzminen das Gestein noch über ihre eigenen Knochen weg hinauf karren, die in einstürzenden Fabriken unaufhörlich Hosen nähen und Wolle spinnen, es sind die dem Wahn verfallenen Arbeiter, die Häuser und Plätze besetzen und natürlich die Juden. Kurz, alle gefährlichen Klassen in ihrer gesamten Ausdehnung von West nach Ost, von Nord nach Süd, die sich hier zusammengerottet haben, ihre Schreckensherrschaft zu errichten. Banditen, Fremde, Bettler und Rebellen, die hier zusammenkamen und beinahe unserer großen Nation den Todesstoß versetzt hätten, uns im Elend hätten ersaufen lassen, in ihrer Commune, ihrer sozialen Republik. Diesmal ist es noch gerade gutgegangen. Aber man findet ihre Bestandteile überall, an jeder Straßenecke: die Asozialen, die Flüchtlinge, die Armen und die Politischen. Seid gewarnt vor ihrer Zusammenkunft, vor ihrem gemeinsamen Auftreten als Masse: das ist der wahre Feind, denn sie kennen nur Zerstörung. Zerstörung der Besitztümer, der Familie, der Ordnung, der Religion, der nationalen Freiheit, kurz von allem, was uns Franzosen heilig ist.

Wir liefen an den gewaltigen Hundertschaften der Polizei, die alle mit Mgs bewaffnet waren, vorbei, von denen 80.000, laut Zeitungsmeldungen, aus den ländlichen Regionen Frankreichs nach Paris gekarrt worden waren, um hier für, wie es hieß, Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Wir gingen in die Wohnung der Alten, wo sie mir das zweite Bild zeigen wollte. Es hing bei ihr im Zimmer:

Zwischen den Häuserreihen links und rechts einer großen Pariser Straße, einer dieser Boulevards, wie Haussmann sie erdacht hatte, um den Truppen ein leichtes Spiel im Falle von Barrikadenkämpfen, dem Schreckgespenst der 1848er Revolution, zu ermöglichen, seine Fantasie der geraden Linie, zwischen diesen Häuserreihen steht eine Gruppe von Kommunarden – Männer, Frauen, am Bein eines Mannes auch ein Kind – die Gewehre geschultert. Einer hält ein Flugblatt in der Hand, die anderen blicken in seine Richtung. Er liest wohl vor. Dahinter steigt über der Straße ein überdimensionierter Heißluftballon auf. Der Ballon nimmt den größten Teil des Bildes ein. Der Ballon ist rot. Auf dem Ballonkorb steht zu lesen: Vive la Sociale. An Board hat dieser gen Himmel fliegende Ballon das Flugblatt, dass der Kommunarde unten der versammelten Menge vorließt. 10.000 Exemplare, die über den ländlichen Regionen Frankreichs abgeworfen werden sollen, um die Landarbeiter und Bauern für die Kommune einzunehmen und zu verhindern, dass sie sich von den Mächten des alten Staates für dessen Kriegszug gegen die Kommune rekrutieren lassen.

Der Kommunarde unten liest vor:

Ihr seid Arbeiter wie wir! Wir sind Unterdrückte von denselben Kräften, nur auf unterschiedliche Weise. Wir müssen uns zusammenschließen. Paris will den Bauern den Boden geben und den Arbeitern die Fabriken. Ihr seid Arbeiter wie wir!

Mit dieser Botschaft stieg der Ballon hoch über die Dächer von Paris. Doch der Ruf, so berichtete mir die alte Frau, wurde von dem Großteil der ländlichen Massen erstickt unter ihrem Geheule Wir sind Franzosen! Ein Geheule, das zu einem Schrei nach Pariser Blut wurde, als die Mächte des alten Staates den ländlichen Massen signalisierten: Wir auch! Es lebe Frankreich!

Dienstag, 16. Mai. Ich sah die Vendôme-Säule fallen. Sie kollabierte mit einem Mal, wie ein Bühnenelement, als die Maschinistin in ihre Pfeife blies.

Schon aber, wie in einem rückwärts laufenden Film, erstand die Säule aufs neue, die Bronzeplatten flogen spiralförmig hinauf, die Bruchstücke des Kaisers fügten sich hoch oben zur trajanischen Gestalt zusammen. (Peter Weiss)

Die Kommune von Paris dekretiert:

In Erwägung, dass die kaiserliche Säule auf dem Platz Vendôme ein Monument der Barbarei ist, ein Symbol von blanker Gewalt und eine Bejahung des Militarismus, permanente Attacke auf die Besiegten durch die Sieger, und somit eine Verletzung einer der drei Prinzipien der französischen Republik: Brüderlichkeit, wird hiermit erklärt:

Artikel 1: Die Säule am Vendôme-Platz wird zerstört.

Sofort stieg eine große Staubwolke auf, während tausende kleine Teile in alle Richtungen sprangen und rollten, weiß auf der einen, grau auf der anderen Seite. Das kolossale Symbol der Großen Armee Napoleons, wie fragil, leer, wie miserabel war es! Es sah aus, wie ausgehöhlt von einer Menge Ratten, wie Frankreich selbst. Wie waren überrascht keine Ratten zu sehen. Die Musiker spielten Fanfaren, ein alter Graubart hielt eine Rede auf den Trümmern, die Niedertracht der Eroberer und die Solidarität der Völker. Wir tanzten im Kreis um die Trümmer und dann gingen wir. Sehr zufrieden mit der kleinen Party.

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