Die Erfindung eines dystopischen Momentums

Die Fiktion der Sicherheit in unserer Zeit

Gabriel Azaïs

Dieser lange Artikel enthält eine Analyse der globalen Pandemiesituation auf der Grundlage von Patrick Zylbermans Buch ‘Microbial Storms’ und insbesondere der Begriffe „preparedness“ (Vorbereitung) und „worst case scenario“ (schlimmstes Szenario), die in den USA in den 2000er Jahren die treibenden Begriffe für eine Wende in der Gesundheitspolitik waren. Es geht nicht darum, einfach zu sagen, dass der Moment, in dem wir leben, dystopisch sei: Es geht darum, zu zeigen, wie Szenario, Fiktion und Dystopie zu operativen Kategorien in einem neuen Regierungsparadigma geworden sind. (Vorwort Lundi Matin)

Life is a ‘State of mind’“

Peter Sellers

11. September 2001 – ad nauseam Wiederholung der Bilder der einstürzenden Türmen. Ein Gefühl der Tatsächlichkeit. Schockwellen, im kollektiven Bewusstsein erschienen die Anschläge wie das Ende einer Illusion. Diese vertrauten Bilder aus einem Katastrophenfilm, den wir nie vorhersehen konnten, wirkten wie ein Elektroschock: Alles schien uns bis dahin zu zeigen, dass nichts wirklich passiert. Bilder einer Kehrtwende, einer flüchtigen Enthüllung…

Der amerikanische Traum, der zerbrochen ist, der festgefahrene und bequeme Lauf unseres Lebens, der plötzlich unterbrochen wird, ein Gefühl der Verletzlichkeit, der Tod als Rückkehr des Verdrängten: Diese Bilder scheinen wie ein Symbol dafür zu sein.

Februar 2020 – Aus der Ferne betrachtet waren die apokalyptischen Bilder eines menschenleeren Wuhan zwar beunruhigend, aber zunächst faszinierend, ein halboffenes Fenster in eine Science-Fiction-Welt. Filme hatten uns das gezeigt, Bücher hatten uns dieses Universum mit dem Finger berühren lassen, hatten uns aber auch gewarnt.

Im Gegensatz zum 11. September, in einem gegenteiligen Prozess, schienen diese Bilder, so eindringlich sie auch waren, so etwas wie eine Rückkehr der Fiktion zu markieren.

Aber diese Science-Fiction-Atmosphäre, diese menschenleeren Straßen, diese extremen, noch nie dagewesenen Maßnahmen: Als diese Bilder bei uns plötzlich real wurden und in unseren Alltag eindrangen, wich die Faszination der Verblüffung. Der spektakuläre Aspekt wich eher einer Angst, die von Langeweile geprägt war. Es war wie eine Taubheit, der Hohlraum eines halbherzigen Lebens.

Die Fiktion war jedoch tiefer in unser Leben eingedrungen: nicht die große Fiktion, die wir in den Büchern gelesen hatten, sondern die kleine, die ereignislose.

So tief, dass sie bald alle Fragen auszulöschen schien. Die Frage war: Wie war es überhaupt zu diesem Umkippen gekommen? Konnten wir das überhaupt verursacht haben?

Und genauer gesagt, welchen Weg hatten wir eingeschlagen, um diese Art von Dystopie zu erschaffen? Kurz gesagt: Was genau erlebten wir?

Versuchen wir also, die Genese dieses „dystopischen Momentes“ nachzuvollziehen.

Gesundheitssicherheit und Worst-Case-Szenarien

Die Entstehung einer Biopolitik

Um die Jahrtausendwende entstand das biopolitische Konzept der „Gesundheitssicherheit“.

Mit diesem Konzept wird die Gesundheit zu einem Teil der Sicherheit (einer Schutz- oder eher Sicherheitspflicht, die Staaten gegenüber ihren Untertanen haben).

Die biopolitische Kontrolle der Individuen und die polizeiliche Kontrolle treten unmerklich an die Stelle der Gesundheit, der Pflege und des Menschlichen (die gesundheitliche Vernunft spielt hier eine zweitrangige strategische Rolle).

Wenn sich die Sicherheit um die Frage der Gesundheit kümmert, dann tut sie dies in einem idealen, superlativen Modus: Sicherheitsphantasien, die mit staatsbürgerlicher Vorbildlichkeit einhergehen, die Biomacht sorgt für die Gesundheit ihrer Mitbürger, indem sie die Bedrohung verwaltet (die Einführung dieses Begriffs ist von entscheidender Bedeutung).

Die Bedrohung ist theoretisch überall, sie ersetzt den alten versicherungstheoretischen Begriff des „Risikos“ durch ein viel breiteres und zugleich unschärferes Feld, das diese Biopolitik in maßlosem Ehrgeiz einzugrenzen versucht (1)

Als utopisch geprägte Vorwegnahme, als Sicherheitsideal, das von der Bedrohung heimgesucht wird, kapselt die Gesundheitssicherheit die Gegenwart in der Zukunft ein.

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2013 erschien ein für das Verständnis der aktuellen „Gesundheitskrise“ wichtiges Buch, Tempêtes Microbiennes [Untertitel „Essai sur la politique de sécurité sanitaire dans le monde transatlantique“, Gallimard, nrf essais] des Gesundheitshistorikers Patrick Zylberman.

Das Buch liefert einen Ausgangspunkt, der es uns ermöglicht, die Hintergründe dieser Krise zu erfassen und die Umwälzungen der letzten Monate in eine neue Perspektive zu rücken: die Entstehung einer Biopolitik, ideologische Aspekte, die Art und Weise, wie Epidemien im Rahmen der Gesundheitssicherheit erfasst und gehandhabt werden, konzeptionelle Ansätze usw.

Ich werde mich in diesem Teil umfassend auf dieses Buch stützen, das uns helfen wird, die Geschichte dieses Begriffs der „Gesundheitssicherheit“ nachzuvollziehen, der in seiner Entstehung nicht transparent, aber entscheidend ist.

Der Begriff wurde in den Vereinigten Staaten geprägt [Health Security]. Der politische Kontext nach dem Kalten Krieg und vor dem 11. September, die Angst vor Bioterrorismus, die mit der „neuen“ Bedrohung durch neu auftretende Krankheiten zusammenfielen, veranlassten Amerika, diese Biopolitik umzusetzen. Um das Konzept der „Gesundheitssicherheit“, dieser Verbindung von Gesundheit und Sicherheit, zu definieren, spricht Zylberman von einem „Eintritt auf Augenhöhe in den strategischen Ansatz der Staaten“ (S. 34), da die öffentliche Gesundheit so von Fragen der inneren Sicherheit vereinnahmt wird.

Die US-Regierung sieht die Dinge im großen Stil. Die Prävention, die „Philosophie des öffentlichen Gesundheitswesens des 20. Jahrhunderts“ und eine Methode des Risikomanagements, wird von der Preparedness abgelöst, einer Methode zur Antizipation und Bewältigung von Bedrohungen und zukünftigen Krisen. An die Stelle der Untersuchung wahrscheinlicher und potenzieller Risiken treten „Worst-Case-Szenarien“ [worst case scenario].

Auf der Buchrückseite beschreibt Zylberman die Entstehung der „Gesundheitssicherheit“ als einen „schwindelerregenden Absturz in die Fiktion“.

Alles beginnt übrigens mit dem Unwahrscheinlichen, mit der Fiktion.

Nach dem Golfkrieg und den Sarin-Gas-Anschlägen 1995 in der Tokioter U-Bahn kam es Ende der 1990er Jahre in den USA zu einer Art bioterroristischer Besessenheit, die sich aus der Angst vor chemischen oder biologischen Waffen (vor allem aus dem Irak) herauskristallisierte.

Zylberman nennt einen Schlüsselmoment: Präsident Clinton las 1998 den „Wissenschaftskrimi“ ‘The Cobra Event’. In dem Buch geht es um einen bioterroristischen Anschlag: Ein Biologe, der „im Auftrag internationaler politisch-mafiöser Netzwerke“ arbeitet, verbreitet ein genetisch verändertes Virus in der Lower East Side in New York (Moral der Geschichte: Er stirbt in einem U-Bahn-Tunnel, „gebissen von einer Ratte, die mit seinem eigenen Virus infiziert ist“).

Laut dem renommierten New England Journal of Medicine wird Clinton sich für das Problem des Bioterrorismus interessieren, nachdem er ‘The Cobra Event’ gelesen hat“.

Das Buch hat seine Wirkung nicht verfehlt. Im März 1998 fand in der Nähe des Weißen Hauses eine „tabletop exercise“ statt, bei der eine Krisensitzung simuliert wurde und an der „zum ersten Mal“ Regierungsmitglieder teilnahmen. Nach der Sitzung „tauchten die Beamten aus der Dunkelheit (…) auf und rannten zu ihren Autos, sie schienen unter Schock zu stehen, wie zwei Beamte des Nationalen Sicherheitsrats später berichteten“ (S. 85).

Die Regierung schaltet sich ein. Mitglieder des Innen- und des Gesundheitsministeriums, eine ganze politische und wissenschaftliche Gruppierung, die alle die Regierung beraten, sind über diese bioterroristische Bedrohung besorgt. Angesichts dieses unausweichlichen „Aufstiegs“ der Menschheit „zum Golgatha der biologischen Kreuzigung.“ (S. 110) werden Gesetze verabschiedet, neue Ressourcen bereitgestellt und Strategien entwickelt.

Bioterrorismus sei in erster Linie ein Problem der öffentlichen Gesundheit: „Die öffentliche Gesundheit ist nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der Bioverteidigung: Sie wird vielleicht ihr einziger Bestandteil in den frühen Stadien der Reaktion auf einen biologischen Angriff sein.“ (S. Morse, S. 116). Und laut Sam Nunn bedeutet Vorbereitung Abschreckung [preparing is deterring].

Die Gesundheit wird nicht mehr an sich betrachtet, sondern auf einer breiteren Ebene auch als Instrument zur Verteidigung im Falle eines Angriffs.

Die Vermischung von Sicherheit und Gesundheit, innerer Sicherheit und Gesundheitssystem wird immer deutlicher.

Man behandelt bioterroristische Bedrohungen wie epidemische Bedrohungen (und umgekehrt wird man letztere bald zu Problemen der nationalen Sicherheit machen): „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Wesentliche in diesem Bereich darin besteht, keinen Unterschied zu machen zwischen dem, was die Folge vorsätzlicher terroristischer Aktionen sein kann, und dem, was das Ergebnis natürlicher Phänomene ist“, erklärt David Heymann, Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten bei der WHO, im September 2001 der Zeitung Le Monde [2].

Zur gleichen Zeit wurde der Fokus biologische Terror durch die Bedrohung durch „neu auftretende“ Krankheiten erweitert.

Der Begriff taucht zum ersten Mal 1989 auf einer Konferenz in Washington auf, auf der es darum ging, die durch den Menschen verursachten Infektionskrankheiten (Zoonosen) zu identifizieren (der Begriff entstand auch durch den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, der die Identifizierung bis dahin unbekannter Viren ermöglichte, sowie durch das Wiederaufleben bestimmter Krankheiten).

Viren hängen in ihrer Verbreitung von politischen und soziologischen Faktoren ab, und hinter dem Begriff „Emergenz“ verbirgt sich die Idee eines schwierigen oder sogar unmöglichen Zusammenlebens zwischen dem Menschen und seiner Umwelt (zumindest seiner mikrobiellen Umwelt).

Dieses Konzept der „emergenten Krankheit“ scheint den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen (Viren wechseln lediglich ihre Umgebung, emergieren aber nicht im eigentlichen Sinne). Auf entscheidendere Weise, als man denken könnte: Die Natur wäre im Grunde sogar nur noch ein Vektor für einen schleichenden Krieg. Diese Bedrohung ist der Mensch selbst (das möglicherweise manipulierte Coronavirus würde aus dieser Sicht die Dinge wieder in die richtige Perspektive rücken).

Die Idee der Entstehung [Microbial Threats] verschmilzt mit der Idee der Bedrohung. “Die Politisierung von Epidemien und die Medikalisierung des Terrorismus sind zwei symmetrische Prozesse, die beide das gleiche Denkmuster voraussetzen. ‘Geringe Wahrscheinlichkeit, enorme Konsequenzen’, dieses in der gesamten Literatur gängige Klischee drückt perfekt die Konturen dieses seltsamen Universums aus, in dem heute die Bosheit der Natur und die Perversität der Menschen nebeneinander stehen.“ (S. 187)

Dieser Eintritt in das Regime der Bedrohung über die Gesundheitssicherheit bestimmt eine neue biopolitische Herausforderung: „Während der Bioterrorismus den Blick, den man traditionell auf biologische Waffen richtete, tiefgreifend verändert hat (…) und im Bereich der öffentlichen Gesundheit werden Infektionskrankheiten nicht mehr nur als Risiken betrachtet (…), sondern als Bedrohungen begriffen, gleichbedeutend mit einer ständigen Gefahr für die nationale Sicherheit.“ (S. 212-213)

Diese Bedeutungsverschiebung im Umgang mit der Gesundheit in den Vereinigten Staaten scheint ursprünglich auch eine schleichende Verschiebung hin zu einer Form der paranoiden Fiktion zu sein ([Infektions-]Krankheiten sind nicht mehr nur Risiken, sondern werden mit der Idee der Bedrohung mit einem Affekt, einer moralischen oder sogar metaphysischen Konnotation aufgeladen.

Der Begriff „neu auftretende Krankheit“ wird bald neue Maßnahmen auf internationaler Ebene nach sich ziehen, eine globale Gesundheitsüberwachung unter dem Dach der WHO, die sich um dieses Konzept der Gesundheitssicherheit gruppiert.[Global Health Security].

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In der paranoiden Situation unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges und noch mehr nach den Anschlägen vom 11. September erfinden die USA einen Feind.

Zylberman beschreibt dieses Phänomen in den USA als ein Wiederaufleben des protestantischen Millenarismus. „Terroristen, einheimische Extremisten, Agenten aus dem Ausland oder sogar ein wütender ehemaliger Angestellter – wir nennen die Vollstrecker ‚den universellen Widersacher’“. (S. 197) warnt D. Howe, Direktor der Abteilung ‘Reaktion und Planung’ des Homeland Security Council, der für die Entwicklung von Worst-Case-Szenarien zuständig ist. „Als Produkt der Allianz zwischen Neokonservativen und der christlichen Rechten, apokalyptischer Religion und Fortschrittsglauben wird ‘die nationale Sicherheit’ so in Begriffen verstanden, die direkt aus der Dämonologie stammen“ [John Gray].“ (S. 198)

Die Einführung von preparedness, einer Methode zur Antizipation künftiger Krisen, oder die Idee, sich angesichts einer künftigen, unmittelbar bevorstehenden Bedrohung „bereit“ zu halten, veranschaulicht ebenfalls diesen protestantischen Millenarismus.

Sowohl die bioterroristische als auch die der aufkommende Bedrohung entleihen der sogenannten „asymmetrischen“ Kriegsführung die Vorstellung von einem unsichtbaren Feind, der im Schatten lauert und jederzeit zuschlagen kann.

Hinter diesem Narrativ, das an die Oberfläche dringt, hat die ‘Gesundheitssicherheit’ in den USA eine eminent strategische Bedeutung.

Hinter dieser „Logik des Schlimmsten“, von der Zylberman spricht (in Bezug auf die sich überbietenden Worst-Case-Szenarien), steht der irrationale Wille, die Bedrohung auszurotten. Eine biopolitische Fantasie der Unbesiegbarkeit (der Bioshield Act), verkörpert durch Cheneys Supraprinzip der Vorsorge [Zylberman] und seine „1%-Doktrin“, die man wie folgt zusammenfassen könnte: „In Bezug auf Katastrophen ist ein Risiko von 1% genauso wichtig wie ein höheres Risiko; es entspricht einer Gewissheit (der höchsten Wahrscheinlichkeit).“ (S. 210)

Die Anschläge vom 11. September stürzten die Amerikaner in eine noch größere Paranoia, die sich durch die gesamten 2000er Jahre zog und mit einer Regierung unter Bush dazu beitrug, diese ‘Gesundheitssicherheit’ zu verfestigen (der Public Health Security & Bioterrorism Preparedness & Response Act im Jahr 2002).

Man muss sagen, dass die Amerikaner ausnahmsweise einmal Recht zu haben scheinen: Die Anthrax-Briefe unmittelbar nach diesen Anschlägen würden das bioterroristische Risiko bestätigen (rückblickend, nach der „Lösung“ der Affäre im Jahr 2008, scheint uns diese Episode in Wirklichkeit diese Art von amerikanischem Unterbewusstsein, in dem Paranoia, Fiktion, ideologische und mythologische Konstruktionen ständig miteinander verwoben sind und ihnen schließlich böse Streiche spielen, mit dem Finger berührt zu haben) [3].

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Um das Kapitel Bioterrorismus abzuschließen, seien einige Zahlen in Erinnerung gerufen: „Von 70.000 gemeldeten Fällen von Terroranschlägen zwischen 1970 und 2004 (…) waren 43 bioterroristische Vorfälle, d.h. einer von 1600 Fällen oder 0,0006 Prozent.“ (S. 103) “Der einzige biologische Angriff, den die Vereinigten Staaten erleiden mussten, forderte fünf Todesopfer, während die saisonale Grippe Jahr für Jahr 36.000 Todesopfer fordert.“ (S. 122)

Es gibt noch weitere Gründe für die Entstehung des Konzepts der ‘Gesundheitssicherheit’ in den USA: zum einem die Unzulänglichkeit des amerikanischen Gesundheitssystems [4], der andere Grund hat mit dem politischen System der USA zu tun: Eine Bundesregierung neigt im Unterschied zu den einzelnen Bundesstaaten natürlich dazu, diesen Begriff der Sicherheit zu bevorzugen, da sie die „Beziehungen der Union zur Außenwelt“ verwalten muss [5].

Die Europäische Union, und, nach der gleichen föderalen Logik, die WHO, werden schließlich der amerikanischen Idee folgen und Epidemien als Probleme betrachten, die die Sicherheit der Staaten betreffen [6].

Frankreich wird, ebenso wie die EU, das Risiko des Bioterrorismus nie sehr ernst nehmen. Die ‘Gesundheitssicherheit’ wird dort eher den Beigeschmack von „ziviler Sicherheit“ haben. Es ist vor allem ein technokratischer Apparat, der nach und nach aufgebaut wird, vor dem Hintergrund der bürokratischen Angst nach französischem Vorbild. Dennoch stellt sich die Frage, ob es nicht einfach nur dem „Zeitgeist“ entsprach, dass die Gesundheit zu einem Problem der nationalen Sicherheit wurde.

Zylberman weicht dieser Frage teilweise aus [7].

Wir können also auch einfach behaupten, dass dieser „Zeitgeist“ – dieser Begriff der ‘Gesundheitssicherheit’ – vom amerikanischen Modell verkörpert und geprägt wird.

Präemptives Modell und Allmachtsphantasien: „Bush sprach im Juni 2002 in West Point [diese Warnung] aus: ‘Wenn wir warten müssten, bis sich die Bedrohungen materialisieren, würden wir riskieren, ein wenig zu lange zu warten.’ Es wäre also ein großes Missverständnis, die Worst-Case-Szenarien einfach als aus Angst geboren zu betrachten. Die Worst-Case-Mechanik schöpft aus der Verknüpfung von Infektionsrisiken und geopolitischen Bedrohungen, wie sie sich auch aus der Ablehnung des ‚Plausiblen‘ speist.“ (S. 216)

Die ‘Gesundheitssicherheit’ schlägt im Grunde eine neue Bedeutung des Krieges vor: „Als radikaler Vorwurf gegen die Gegenwart stellt die Ohnmacht des Staates das absurde und unheimliche Schauspiel von Konflikten in den Vordergrund, deren Waffen, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten, Anleihen aus dem Arsenal der öffentlichen Gesundheit nehmen.“ (S.471)

Der eigentliche Gründungsgedanke der ‘Gesundheitssicherheit’ ist in der Tat, dass Epidemien und Krankheiten Kriege erheblich verschärfen und Chaos verursachen (in den 1990er Jahren ging es um die Stabilität des afrikanischen Kontinents, der sich in einer zerstörerischen Spirale befand, in der sich Kriege und Epidemien miteinander verflochten). So betont Zylberman „die (…) sehr enge Beziehung zwischen dem Schutz der öffentlichen Gesundheit auf internationaler Ebene und der Organisation des Friedens.“ (S. 478) Ebenso wird die Tatsache hervorgehoben, “dass Epidemien eine Desorganisation, ein soziales, politisches Chaos erzeugen” [8].

Der Begriff der ‘Gesundheitssicherheit’ ist in seinem eigentlichen Prinzip globalisierend, transnational: Er möchte eine neue, globalisierte, befriedete Ordnung verheißen. Man darf sich jedoch nicht täuschen lassen: Das angestrebte Ziel ist nicht so sehr die Gesundheit, sondern die Stärkung der Sicherheit von Staaten [9].

Die Strukturreformen erfolgen im Übrigen fast ausschließlich nach dem für die Preparedness typischen Modell der Vigilanz (Überwachung und Warnung) und nicht nach dem Modell der Verbesserung der Gesundheitssysteme.

Die ‘Gesundheitssicherheit’ ist das Echo eines „latenten“ (S. 478) Krieges in unseren Gesellschaften. Ein grundsätzlich doppeldeutiges Konzept dieser ‘Gesundheitssicherheit’: Während die Gesundheit auf den ersten Blick eine zentrale Rolle zu spielen scheint (selbst das Überleben von Staaten hängt davon ab) [10], ist diese in Wirklichkeit strategisch sekundär (das Ziel ist nicht die Gesundheit, sondern die Sicherheit und die Stärkung der Staaten).

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Welche Funktion nimmt die Vorsorge in der Strategie der ‘Gesundheitssicherheit’ ein?

Preparedness, das Markenzeichen des 21. Jahrhunderts im Gesundheitswesen, löst die Prävention, die Philosophie der öffentlichen Gesundheit des 20. Jahrhunderts, ab“ [11].

Im Vergleich zur Prävention (die eine eher passive Bedeutung hat) ist sie proaktiv, sie bereitet vor, hält sich bereit, verschärft die Überwachungsfunktion der Gesundheitsinstitutionen. Nach 2001 „setzt sich Preparedness gleich (…) mit der Intensivierung der epidemiologischen Überwachung (…), sie wird zum Synonym für eine erhöhte Reaktionsfähigkeit der Warnsysteme (…)“ (S. 289). Angesichts der biologischen Bedrohung tendiert sie also dazu, die Wachsamkeit des Staates, der verschiedenen Gesundheits- und Sicherheitsorganisationen zu entwickeln. Sie ist ein biopolitisches Instrument, das plant und tendenziell koordiniert: „Fünf Aktionsbereiche markieren ihre Konturen: Vorbereitung und Prävention (Notfallpläne), Erkennung und Überwachung, Labortätigkeit, schnelle Reaktion, Kommunikation.“

Zylberman stellt die verschiedenen Ambivalenzen fest: „Die Finanzierung des Schutzes vor biologischer Bedrohung im großen Stil ist nicht ohne Spannungen zwischen den verschiedenen Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens. (…) Vor allem entbehrt die Preparedness, da sie die Wahrscheinlichkeiten verleugnet, jeglicher wissenschaftlicher Grundlage; Simulation ist unerlässlich und Szenarien erscheinen als die beste – aber auch als die einzige – Modellierung.“ (S. 289)

Wobei Preparedness heute das Modell ist, auf das sich die WHO und die verschiedenen Gesundheitsinstitutionen weltweit bei der Bewältigung von Epidemien beziehen. (Siehe insbesondere das Global Preparedness Monitoring Board (GPMB) unter der Schirmherrschaft der WHO [12].

„Wenn das Denken in Szenarien einer Kritik des Plausiblen und der Vorhersage, einer Genealogie des Ungewissen entspringt, ist es auch das unheimliche und düstere Spiegelbild einer zerbrochenen Welt, in der die Gehirne der Menschen von einem Kriegstaumel ergriffen werden.“ (S. 187)

Während die Preparedness auf eine logistische Einrichtung abzielt, sind die Worst-Case-Szenarien wie das Laboratorium hierfür; sie sind Simulationen (Versuche in Lebensgröße), können aber auch einfache Modellierungen sein, im Falle eines Angriffs, einer Epidemie, und sind der Brennpunkt dieser Vorbereitung [13].

Durch ihre sehr ausgeprägte innere Logik – die Logik des Schlimmsten – strukturieren diese Szenarien „konkrete“ Antworten auf ein in der Gesundheitssicherheit sehr abstraktes Element, nämlich das der Bedrohung.

Auch Szenarien entfernen vom Tumult der Realität, tendieren dazu, zu konditionieren: „Sie verhindern Angst und Panik durch das Eintauchen in ein fiktionales Universum; ermöglichen es, die Auswirkungen der Verbreitung von Infektionen in Zeiten einer Gesundheitskrise auf das Verhalten zu erfassen.“ [14]

„Epidemie-Szenarien ordnen die Realität in Handlungssequenzen, die die Bedrohung zähmen, indem sie sie als Horizont eines Rollenspiels konstituieren.“ [15]

Das Problem: “ Im Virtuellen angesiedelt, decken sie alles mit einem ebenfalls virtuellen Notbehelf ab „ (S. 178).

Was ist also die Methode dieser Worst-Case-Szenarien? Würden diese Katastrophenszenarien es ermöglichen, weniger schlimme Zukunftsszenarien besser zu antizipieren?

Nicht wirklich. Es geht nicht einmal mehr darum, vorauszusehen, sondern der Ungewissheit zu begegnen, und sogar darüber hinaus: Für Zylberman führt die Reaktion auf die Bedrohung, wie sie durch die Logik des Schlimmsten theoretisiert wird, im Grunde zu einer schlichten „Ablehnung“ der Wahrscheinlichkeiten, des Gewissen oder des Ungewissen [16].

Worin besteht also diese Methode? Im Wesentlichen darin, zu wachen, zu beobachten und sich „vorzubereiten“. Eine Wachsamkeit sicherstellen, sie führt in der Folge zu einer offensiven Technik, einer präemptiven Aktion (oder Krieg) [17].

Ein (Super-) Präventionsprinzip.

Diese Ablehnung von Wahrscheinlichkeiten ist auch eine Ablehnung von Kausalität. Bei Worst-Case-Szenarien hält man sich an die Symptome, an die Hypothese (wo und wann). Dies kann indirekt zu „monumentalen Fehlurteilen“ und zu einer Form der Fiktionalisierung führen.

Zylberman prangert auch an, dass diese Szenarien das Denken in eine Falle locken: „Das Ereignis vereitelt die Vorhersagen: Es ist immer etwas anderes. Die Szenarien des Schlimmsten werden zu einem Handicap für das Denken, weil sie in der Modellierung gefangen bleiben“.

Man sagt (ausschließlich) das Schlimmste voraus, nicht um (eventuell) dem weniger Schlimmen entgegenzutreten, sondern um sich bereitzuhalten, in Alarmbereitschaft zu sein. Oder die Epidemiologie als Katastrophenwissenschaft (so wie man von Katastrophenfilmen spricht), eine bevorzugte Methode der Antizipation, die in die Fiktion gefallen ist, ein Disziplinierungsinstrument (die Modellierungen führen zu einer Anpassung an dieses Denken des Schlimmsten).

Bei diesen absolut unwahrscheinlichen Szenarien ist niemand jemals vorbereitet: Die Szenarien (Vorbereitungen) rufen ständig andere Szenarien (Vorbereitungen) hervor: „Ein Glück, dass ‘Dark Winter’ nur ein Test war und kein echter Notfall. Unsere mangelnde Vorbereitung – das ist der wahre Notfall“. (Sam Nunn, Gründer der auf Vorsorge spezialisierten Organisation NTI, Darkwinter 2001) (S. 179).

Die Worst-Case-Szenarien zeichnen sich im Grunde als Matrix aus, als Prisma, das zu einer Perfektionierung der Biopolitik führt: immer mehr Gesetze, Organisationen, Logistik, immer mehr involvierte Institutionen [18] ; und konkret: Entwicklung von Warnsystemen, Überwachung (Sicherheitstechnologie), Aufbau einer pharmazeutischen Reserve.

Die Drehbuchautoren des Schlimmsten täuschen sich nicht und berufen sich auf diese biopolitische und sicherheitspolitische Herrschaft. Randall Larsen, einer der Koautoren von ‘Dark Winter’: „Ein nationales System der öffentlichen Gesundheit wird im 21. Jahrhundert für die nationale Sicherheit so wichtig sein wie das Verteidigungsministerium im 20. Jahrhundert.“ (S. 109); Tara O’Toole, ebenfalls Mitautorin von ‘Dark Winter’: „Die Verantwortlichen für das öffentliche Gesundheitswesen sollten in den höchsten Entscheidungsgremien sitzen.“ (S. 173)

* * *

In den USA werden seit Ende der 1990er Jahre und Anfang 2000 neue Vorschriften (Model Act) erlassen und Gesetze in diesem Sinne verabschiedet, die sich auf Quarantänemaßnahmen stützen.

Die Idee der Bedrohung, die durch die Logik des Schlimmsten noch verstärkt wird, überreizt das Gefühl der Verwundbarkeit: „Im Gegensatz zum Begriff des Risikos synthetisiert die Idee der Bedrohung einen ganzen Katalog von Sorgen, von natürlichen (Epidemien) und absichtlichen (Bioterrorismus) Gefahren, die bereits erahnt und zum Teil aktualisiert wurden. Aus dieser Verschiebung ist ein Gefühl der extremen Verletzlichkeit entstanden.“ (S. 409)

Um dem entgegenzuwirken, zögert man also nicht, auf archaische Verfahren zurückzugreifen: „Die ‚Rückkehr‘ der Quarantäne kann nicht überraschen. Angst in ein Kriterium verwandelt, folgt die öffentliche Gesundheit einem ‚Pfad‘, auf dem alle in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen weiterhin wirken.“ (S. 406)

Ende 2001 wird den US-Bundesstaaten ein Gesetz vorgelegt, der Model State Emergency Health Powers Act (MSEHPA), um auf bioterroristische Angriffe zu reagieren: „Der MSEHPA beinhaltet die Möglichkeit extrem belastender und völlig von den öffentlichen Freiheiten abweichender Maßnahmen, insbesondere die Quarantäne von asymptomatischen Personen“, stellt Patrick Zylberman in einem Artikel in Le Monde vom März 2020 fest [19].

Er fügte hinzu: „Nicht alle Staaten haben es als solches übernommen. Aber überall wurde die Möglichkeit, im Falle einer ernsthaften Gesundheitsbedrohung auf administrativen Zwang zurückzugreifen, verstärkt (…). Auch in Europa, wo man weniger als in den USA geneigt ist, Maßnahmen zu ergreifen, die direkt die öffentlichen Freiheiten angreifen“.

2005 entstand in den USA zur Bewältigung der Vogelgrippe-„Bedrohung“ die Idee der sozialen Distanzierung und allgemeinen Eindämmung: Ursprünglich ein Vorschlag der beiden Berater für Gesundheitsstrategien im Weißen Haus, Richard Hatchett und Carter Mecher, der von den Behörden zunächst mit Skepsis aufgenommen wurde, aber schließlich in den folgenden Jahren als Arbeitsgrundlage für Simulationen von Epidemien diente [20].

In Asien jedoch treten diese Maßnahmen am signifikantesten in das allgemeine Recht ein. Die Vogelgrippe im Jahr 2005 und vor allem SARS im Jahr 2003 haben die Quarantäne noch stärker als in den USA zum Modell gemacht.

Anders als beim Coronavirus handelt es sich hierbei um lokale (und meist gezielte) Eindämmungsmaßnahmen, die jedoch neue Standards für den Umgang mit Epidemien setzen: „Ja, SARS wurde mit Techniken aus dem vierzehnten Jahrhundert eingedämmt. Kein Wunder also, dass die Behörden in Zukunft bei einer neuen Epidemie (…) ohne zu zögern auf Massenquarantäne zurückgreifen werden.“ (S. 417) (Diese trügerische „Wirksamkeit“ verschleiert die Tatsache, dass hier unverhältnismäßig oft mit „neuen“ Regeln experimentiert wurde: Verdachtsfälle, die unter Quarantäne gestellt wurden, die nie nachgewiesen wurden, geringe Anzahl an ansteckende Viren…).

Aber der Gesetzesapparat allein kann und wird nicht ausreichen, warnt uns Zylberman… Diese Infragestellung der Grundrechte des Einzelnen muss mit einem, wie er es nennt, „Bürgersinn im Superlativ“ einhergehen, dem Kardinalwert des Gesundheits- und Sicherheitsideals. Während die Gesetze nach und nach den Rückgriff auf gesundheitliche Notstandsmaßnahmen erlauben – rückschrittliche und für die damalige Zeit neuartige Einschränkungsmaßnahmen -, wird zur gleichen Zeit der Akzent „auf die Pflichten und Verpflichtungen des Bürgers wie auf die Notwendigkeit, Altruismus zu zeigen, gelegt.“

Dass der Einzelne um der Gemeinschaft willen so leicht seiner Rechte beraubt wird, wird in Zukunft vielleicht auch einige Anpassungen erfordern, eine Ausweitung, im Gegenzug, dieser „Logik des Schlimmsten“ der ‘Gesundheitssicherheit’, scheint Zylberman zu warnen: „Dann muss die Regierung all ihre Hoffnungen auf dieses Craving für das Schlimmste setzen – diesen zwanghaften Hunger nach der Katastrophe oder vielmehr nach ihrem Bild -, der tief in jeder postmodernen Gemeinschaft schlummert.“ (S. 432)

Katastrophendenken und Ausnahmeregime und -maßnahmen können sich nur gegenseitig verstärken, sich gegenseitig hervorbringen. Eine weltweite Epidemie würde diese Analyse nur verdeutlichen (man bedenke, dass Zylbermans Buch 2013 geschrieben wurde). Aber für welchen Amoklauf-Effekt?

Das Bedrohungsregime – diese „Grauzone“ – führt auch zu einer Form der Intransparenz: Um dem Bioterror zu begegnen, entsteht in den 2000er Jahren in den USA eine Art „Biologiepolizei“ [Zylberman], die im Wesentlichen eine Kontrolle der als gefährlich eingestuften wissenschaftlichen Veröffentlichungen ausübt (und die bis dahin nicht gefährlich waren – eine Form der Zensur) – eine Kontrolle, die dem Fachwissen schadet, aber alles andere ermöglicht (eine „Politisierung der Gesundheit“ (S. 225), die durch die neuen Vorrechte der Bush-Regierung veranschaulicht wird: Während ihrer ersten Amtszeit wurde die Sache zu einer nationalen Angelegenheit, wissenschaftliche Experten vertreten offiziell die Regierung).

In Bezug auf die für den Menschen gefährlichen Viren erlaubt diese Logik der Bedrohung, des Schlimmsten, Experimente und Forschung, aber unter dem Siegel der Geheimhaltung (während man sie unter dem Regime des Risikos verbieten oder zumindest besser eingrenzen könnte) [21].

Die gleiche Art von Intransparenz, bei der es an Fachwissen mangelt, umhüllt von nun an die Forschung in Bezug auf alles, was mit möglicherweise wieder aufkommenden Viren (Pocken), Grippeviren usw. zu tun hat, die dazu führen, dass Viren verändert, manipuliert und mutiert werden, um ihre potenzielle Gefährlichkeit zu bewerten.

Auch in der Fiktion gibt es einen „Absturz“. Chimären der Wissenschaft…

* * *

Zur Bedeutung der Prävention unter der Herrschaft der Preparedness bemerkt Zylberman abschließend: „Nach Machiavelli (…) erfordert die Prävention drei Arten von Fähigkeiten: das Urteilsvermögen (…), die Vorhersage (…) und die Wachsamkeit (…). Und was haben wir gesehen? Man hat gesehen, dass das Urteilsvermögen durch Fiktion ersetzt wurde, die Vorhersage durch Rollenspiele und starre Szenarien, die Wachsamkeit durch eine gewisse Neigung zur Alarmierung.“ (S. 490)

Verweist also der Wille, mit der Bedrohung umzugehen, in all dem Abstrakten, das dieser Begriff hat, nicht grundsätzlich auf eine Fantasie? Als Allmachtsphantasie (durch den insbesondere präemptiven Charakter dieses biopolitischen Ansatzes), als Phantasie einer totalen Beherrschung der Risiken durch einen omnipotenten (Super-)Staat ist die ‘Gesundheitssicherheit’ zunächst auch eine Illusion der ‘Gesundheitssicherheit’ selbst.

Unter dem Regime der Bedrohung verwandelt die Erwartung der Krise die Zukunft ins „Unmittelbare“ (S. 200), stellt Zylberman fest: Vorherrschaft der Antizipation über die bloße Prävention, phantasmatische Beschleunigung, „schwindelerregender Abstieg in die Fiktion“, das Virtuelle…

Die Worst-Case-Szenarien, die sich, wie wir sehen werden, selbst erzeugen, werden so die Einführung einer Art Sicherheitsfiktion beschleunigen. [Ich werde diesen Ausdruck in diesem Artikel in der doppelten Bedeutung von fiktiver, illusionärer Sicherheit und Dystopie verwenden].

Aber lassen Sie uns in diesem Ablauf eine Pause einlegen. Der nächste Teil, der der H1N1-Krise gewidmet ist, wird uns auch helfen, die sehr konkreten Herausforderungen einer solchen Biopolitik besser zu erfassen und in einen Zusammenhang zu stellen.

Bericht des Senats über die H1N1-Grippe

Die „Worst-Case-Szenarien“ oder das Denken als Geisel genommen

Rückblick auf „die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts“.

Dies ist der etwas ironische Titel eines Berichts des Senats aus dem Jahr 2010 über die H1N1-Epidemie (eine Grippe, die viel harmloser war als erwartet und in Frankreich zu einem Impfstoff- und Regierungsfiasko führte) [22].

Ein äußerst belastender Bericht, der zeigt, wie die Logik des „worst case scenario“ die gesamte Gesundheitspolitik auf internationaler Ebene bestimmt hat.

Dieses Dokument, von dem hier ein kurzer Überblick gegeben wird, veranschaulichte anhand der Fehler, zu denen sie führten, sehr gut die Risiken, die mit der Verwendung dieser Szenarien, der Preparedness, verbunden sind.

Im Nachhinein betrachtet war die H1N1-Episode eine Warnung.

Der Bericht spricht von einer sehr schädlichen „Surpreparedness“: „Während der letzten fünf Jahre haben sich die Pandemievorbereitungen somit im Wesentlichen auf „Worst-Case-Szenarien“ konzentriert, was dazu führte, dass die öffentlichen Behörden auf das Auftreten des H1N1-Virus reagierten, als ob es sich um ein beispielloses ‘Gesundheitsereignis’ handelte.“

Es wird eine fortschreitende Konditionierung festgestellt: „Viele Gesprächspartner des Ausschusses betonten die Mechanismen, die zu einer kollektiven Vorbereitung der Forscher und insbesondere der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf das Auftreten eines pandemischen Risikos vom Typ H5N1 [Vogelgrippe 2005] geführt haben, was dazu führt, dass das, was nur wissenschaftliche Vorhersagen sind, unbewusst in eine Art ‘Wunsch nach einer Pandemie’ umgewandelt wird“.

Ein „Wunsch“, der sogar zu einer Hoffnung geworden ist… …: „Sind wissenschaftliche Vorhersagen unbewusst zu Hoffnungen geworden?“.

Zu große Abstraktion, Diskrepanz der verwendeten Modelle zum „Feld“„Das Problem liegt in der Trennung zwischen öffentlicher Expertise und dem Feld.“

Mangelnde Flexibilität, Diskrepanz der verwendeten Modelle zur Realität, bis hin zur Verfälschung: „Alles lief so ab, als hätte es keine Alternative zu dem Plan gegeben, der für eine Pandemie entworfen wurde, die hundertmal mehr Todesopfer forderte als die, die sich abzeichnete, als müsste man ihn umsetzen, koste es, was es wolle, und sei es um den Preis einer Verfälschung der Realität.“

Der Bericht zeigt den Widerspruch zwischen einer Form der globalen biopolitischen Steuerung und der Notwendigkeit eines eher lokalen Pragmatismus auf. Schließlich wird die „genauere Wahrnehmung durch Laien“ hervorgehoben. Gesundheitsfachleute werden jedoch ins Abseits gedrängt, „relegiert“.

Ein Problem, das im Grunde mit dem Konzept der nationalen oder transnationalen Sicherheit im Gesundheitsbereich zusammenhängt?

Die WHO wird ebenfalls stark in Frage gestellt: „Die WHO-Definition einer Pandemie spielte auch eine zentrale Rolle bei der Auslösung nationaler Pläne zur Vorbereitung auf das Pandemierisiko. Da sie keine Kriterien für die Schwere der Krankheit berücksichtigt, hat sie ihre Rolle als ‘Filter’ nicht wahrgenommen“.

Wie man sieht, bildet die WHO kein Gegengewicht zur katastrophistischen Expertise. Viel schlimmer noch, sie scheint einen Verdacht zu nähren, der keinen Halt mehr gibt.

Die Begriffe „Schwere“ und „gesundheitlicher Notfall“ bleiben ebenso wie die Begriffe „Bedrohung“ und „Sicherheit“ in der Tat vage und dehnbar. Dies sind die Schlüsselbegriffe der sich entwickelnden Biopolitik, für die die WHO, ein etwas gespenstisches Gebilde, nur eine der Hilfsorganisationen ist.

Neben den Vorwürfen der Vereinfachung, der mangelnden Flexibilität und der Begünstigung reicher Länder auf Kosten armer Länder wird die WHO zunächst verdächtigt, „das Risiko überschätzt und die Mitgliedstaaten zu Ausgaben verpflichtet zu haben, die besser hätten verwendet werden können“„Interessenkonflikte“„Undurchsichtigkeit“ und „eine gewisse interne Lobbyarbeit“ nicht unter Kontrolle gehabt zu haben.

Interessenkonflikte, Interessen, die weit über den Rahmen der WHO hinausgehen, eine ganze Ökonomie, die auch durch Preparedness, durch diese Logik des Schlimmsten, induziert wird: „Innerhalb jeder Institution, sobald etwas wie eine drohende Pandemie auftritt, kämpft jeder darum, der Erste zu sein, um seinen diagnostischen Test zu machen, denn am Ende stehen Veröffentlichungen, berufliche Anerkennung und der Fortbestand der Tätigkeit. […] Es gibt ein Interesse daran, selbst unbewusst darauf zu hoffen, dass die Krankheiten kommen“ (Yves Charpak, spricht über die Welt der Forschung).

Investitionen „zwischen 1,5 und 2,5 Millionen pro Labor in den letzten Jahren im Rahmen ihrer Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie“.

„Diese hohen Investitionen auf allen Ebenen, sowohl auf politischer als auch auf wissenschaftlicher Ebene, erklären zweifellos zum Teil, dass alle an der Bewältigung von Gesundheitskrisen beteiligten Akteure auf diese Bedrohung gewartet haben und dass es seit der Ankündigung der ersten Fälle von H1N1-Grippe schwierig war, sich etwas anderes als das Auftreten einer Pandemie vorzustellen.“

Abschließend warnen die Senatoren: „Angewandt auf Bereiche, in denen die Anzahl der verfügbaren verlässlichen Daten im Vergleich zur Anzahl der bei ihrer Erstellung berücksichtigten Variablen besonders gering ist, sollten diese Modelle zur Verbreitung des Virus nicht als Grundlage für eine Prognosepolitik im Bereich der Gesundheit verwendet werden.“ [23]

>>> Flash-Forward: November 2021. Manche Leute fragen sich immer noch (mit einer Hartnäckigkeit, die uns stutzig machen sollte), ob das Virus und die Gefahr wirklich existieren…

Alles scheint falsch zu sein. Einige sprechen von einer Diktatur, einer Diktatur, die selbst nur ein Schein zu sein scheint.

Die Art von Dystopie, in der wir zu leben scheinen, schürt ebenfalls alle Ängste.

Alle Verschwörungstheorien.

Es werden Verbindungen hergestellt. Interessenzirkel werden aufgedeckt, die älter sind als die Epidemie [24].

Während die Gesundheitsgesetze und -maßnahmen auch heute noch immer umfangreicher werden, wirft die Show-Medizin, die sich in die Politik einmischt, ihrerseits Fragen auf, nährt Verdächtigungen und legitime Kritik…

Es gibt eine ganze Reihe von Netzwerken und Interessen, die in einer gläsernen, hypermedialisierten Welt fatalerweise Verschwörungstheorien nähren: der Gesundheitsmarkt, den die Labors zwangsläufig voraussehen, finanzielle oder politische Interessen, die mit dieser Entwicklung der Biopolitik einhergehen.

Es geht übrigens auch nicht darum, jede Möglichkeit einer mehr oder weniger abgestimmten Strategie zumindest in einigen Punkten abzustreiten: „Wer mit den Forschungen der Historiker vertraut ist, weiß sehr wohl, wie die Ereignisse, die sie rekonstruieren und erzählen, notwendigerweise das Ergebnis von Plänen und Handlungen sind, die sehr oft von Einzelpersonen, Gruppen und Fraktionen abgesprochen werden, die mit allen Mitteln ihre Ziele verfolgen.“ [25] Giorgio Agamben

Hat dieser reale Druck die gesundheitspolitischen oder politischen Entscheidungen in der Covid-19-Krise beeinflusst und geleitet, und auf welche Weise?

Dies ist offensichtlich ein entscheidender Faktor, dessen Ausmaß unbedingt erfasst werden muss, der jedoch nur im Kontext (als biopolitisches Ökosystem, das dieser Krise weit vorausgeht) betrachtet werden darf. Dieser Aspekt allein würde uns am Wesentlichen vorbeisehen lassen.

Entscheidender ist es zweifellos, den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen, zu verstehen und zu analysieren, durch welche Mechanismen unsere Gesellschaften in diese Art von Dystopie abrutschen werden.

Ich würde es die „Erfindung eines dystopischen Momentums“ nennen: die Sicherheitsfiktion unserer Zeit.

Dystopischer Umschwung und das Regime der Simulation

Aktualisierung der Biopolitik

Wir sprechen von einem alten Projekt, bei dem die Gesundheit in den Bereich der Staatssicherheit eingetreten war, das mindestens zwanzig Jahre alt ist, von dem aber niemand – nicht einmal die Drehbuchautoren des Schlimmsten – hätte denken können, dass es sich genau in diese Form entwickeln würde.

Wie der Virus, der sie hervorgebracht hat, scheint auch diese Transformation unvorhersehbar gewesen zu sein.

Wenn sich die breite Öffentlichkeit oft darüber wundert, dass die meisten Länder sich dem, was in Wuhan getan wurde – den Methoden einer Diktatur – anpassten, dann ohne je zu begreifen, dass die biopolitische Matrix der Gesundheitssicherheit – die bereits weit verzweigt war und ihr Reich längst ausgedehnt hatte – diesen Umschwung ebenfalls beschleunigt haben könnte.

Dennoch kann diese Transformation weder für den Leser von Zylbermans Buch [26] noch die verschiedenen Gesundheits- und politischen Instanzen überraschend gekommen sein.

Diese biopolitische Governance, die sich etabliert hatte und von Katastrophenszenarien genährt wurde, verlangte an sich zweifellos nach einem Science-Fiction-Szenario. Das aktuelle politische Modell Chinas mit seiner Technopolitik, seinen Hyperkontroll- und Hegemoniephantasien lieferte dieses Science-Fiction-Modell bereits in gewisser Weise „schlüsselfertig“.

Und auch wenn hier natürlich nichts vollständig beschrieben wurde – ohne den chinesischen Ursprung hätte diese Dystopie vielleicht sogar einen ganz anderen Aspekt angenommen -, sollten wir diese Idee der Simulation, die der Krise vorausging und im Herzen des biopolitischen Projekts der Gesundheitssicherheit verankert ist, im Hinterkopf behalten.

Welche Form hat diese Biopolitik mit dem Auftreten des Coronavirus in unseren Ländern angenommen?

Genauer gesagt, wie hat sich dieser dystopische Umschwung vollzogen?

Ich werde hier die Eindämmung, auf die die meisten westlichen Länder zurückgegriffen haben, als eine allgemeine gesellschaftliche Entscheidung und, trotz der Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, als ein vor allem globales Phänomen betrachten (das, wie wir sehen werden, mit dem biopolitischen Konzept der Gesundheitssicherheit zu tun hat).

Es geht nicht darum, ob die in unseren Ländern ergriffenen Maßnahmen verhältnismäßig waren oder nicht – das konnten sie nicht sein -, sondern darum, durch die Analyse der Art und Weise, wie dieser „dystopische Moment“ entstand, im Grunde den Grad der Verfälschung der Politik durch die Biopolitik und damit unseres eigenen Lebens zu erfassen.

Lassen Sie uns zu Beginn des Ausbruchs der Epidemie einige Fakten und Reden anführen, die mit dieser Logik des Schlimmsten in Verbindung stehen, sowie den anfänglichen Medienrummel, der diesen Umschwung begleitete.

Das markanteste und entscheidendste Beispiel für ein „Worst-Case-Szenario“ waren Anfang März 2020 die Modellrechnungen des britischen Epidemiologen Neil Ferguson vom renommierten und einflussreichen Imperial College in London: Diese mathematische Modellrechnung prognostizierte mehr als 500.000 Todesfälle im Vereinigten Königreich, wenn in den nächsten Tagen nichts unternommen würde. „Eine Arbeit, die viele Länder der Welt dazu veranlasst hat, sich angesichts der Covid-19-Pandemie einzuschließen“, schrieb später Libération. Vor allem Frankreich, das sehr früh über diese Berechnungen informiert wurde. [27]

Einige aufschlussreiche Bemerkungen von Antoine Flahault in demselben Artikel der Libération:

„Man spürt sehr wohl, dass je nach den Szenarien, die Sie haben werden, bestimmte Parameter die Exponentialfunktion viel weiter laufen lassen werden als andere, und so werden Sie eine Form von Katastrophismus haben, der diesen mathematischen Modellen fast inhärent ist.“

„Prognostizierte Todeszahlen zu liefern, selbst wenn man darauf hinweist, dass es sich um ein Szenario des nur Möglichen handelt, ist so, als würde man sagen: Im Juni wird es in Schweden möglicherweise 100.000 Tote geben’. Da wir absolut nichts darüber wissen, ist es am besten, solche Zahlen niemals in den Medien zu erwähnen.“

Als weiteres Beispiel – und wenn die verschiedenen Verschwörungstheorien nicht schon alles gesagt hätten – könnte man auch den Einfluss von Bill Gates hervorheben, einem großen Impfbefürworter vor dem Herrn, der auf dieser Katastrophenwissenschaft reitet und zwangsläufig dazu beigetragen hat, seine alarmierende Vision zu prägen (Finanzierung der WHO mit 25% )[28].

Veranschaulichen wir diesen Einfluss anhand seiner berühmten Katastrophenszenarien vor dem Hintergrund einer techno-globalistischen Inszenierung: die Simulation „Event 201“ im Jahr 2019 in Zusammenarbeit mit der US-Regierung oder seine TED-Konferenz im Jahr 2015, in der er das Risiko einer Epidemie mit einem Atomkrieg verglich und die Welt mithilfe von Schockbildern und Slogans vor den kommenden Gefahren warnte – und nebenbei einen schlüsselfertigen, hypertechnologischen Plan nach diesem „Worst-Case-Szenario“ lieferte [29].

Erwähnenswert ist auch Richard Hatchett (der das Weiße Haus in die archaischen Methoden der allgemeinen Eindämmung einführte – siehe oben), der an der Spitze der Preparedness-Strategien steht und Direktor der sehr einflussreichen Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) ist, der ab dem 05. März 2020 den Ton angibt, ganz geprägt vom schlimmsten Katastrophismus: „Krieg ist die richtige Analogie“, warnt er, während das Virus gerade beginnt, sich in Europa zu verbreiten [30].

In der gleichen martialischen Stimmung werden Macron und andere Präsidenten bald diese Metapher verwenden (die auch üblicherweise gegen den Terrorismus eingesetzt wird; siehe Teil 1).

Leider handelt es sich hierbei nur um Beispiele. Mindestens ebenso wichtig wie die Frage, was jedes dieser Szenarien oder jede dieser Reden in der Praxis bedeutet und welche Politik in Zukunft gemacht werden soll, ist ihr fiktionaler und virtueller Gehalt.

Diese Logik des Schlimmsten bedeutet, dass die Krise in das Regime der Simulation eingetreten ist.

Der virtuelle Gehalt ist auch der des Imaginären der Bedrohung, auf das sich die Vorsorge und die Gesundheitssicherheit beziehen; ein virtuelles Dach, das alle künftigen Maßnahmen bedingt (auf die Worst-Case-Szenarien antworten „außergewöhnliche“ Maßnahmen, die, wie wir sehen werden, zur Norm werden).

Ist diese Simulation nicht das Merkmal von Krisen?

Man muss auch verstehen, dass diese Logik des Schlimmsten, der Simulation und der Bedrohung der Krise vorausgeht. Das Modell – oder die Modellierung – geht dem Ereignis weitgehend voraus.

Bald wird auch überall das gleiche Schauspiel geboten, das von Bildern wie aus einem Katastrophenfilm genährt wird: menschenleere Städte, gestürmte Supermärkte, Länder, die wie in einem Domino-Spiel nacheinander den Maßnahmen der Eindämmung und der „sozialen Distanzierung“ nachgeben….

Dieser Umschwung wird begleitet von einem Phänomen des Medienrummels (Fokussierungseffekt) und gleichzeitig von dem, was man eine Virtualisierung unseres Lebens nennen könnte (die Beziehung zur Realität mit den Einschließungen scheint nur noch über diese Medien zu erfolgen) [31].

Die dystopische Erzählung, in die wir nun eintraten, bestand darin, überall den Ausnahmezustand zu verhängen, eine ganze Reihe völlig neuer Maßnahmen mit Zwangscharakter, wobei die politische Antwort auf die Simulationen dieser „Drehbuchautoren“ und anderer Katastrophenexperten, die alle seit vielen Jahren an der Preparedness arbeiten, der Art und Weise, wie Epidemien verwaltet und vorbereitet werden, festgeschrieben war.

Wir sollten uns auch über die Begriffe verständigen: Wie könnte man diese Art von Dystopie bezeichnen?

Ein plötzlicher Eintritt in eine andere Realität in Form einer globalisierten Einschließung – ein beispielloses Ereignis; ein planetarer Umschwung zu einer Form der allgemeinen und systematischen Kontrolle der Menschen (ihres Tagesablaufs, der Bewegung ihrer Körper). Eine Realität, die in die Ferne rückt: völlig neue, radikale gesellschaftliche Entscheidungen, die – aufgrund ihres vermeintlich vorübergehenden Charakters – einer Art Wette ähneln, einer Art Test in Lebensgröße auf globaler Ebene (in direkter Linie zu den Simulationen von Worst-Case-Szenarien). Schließlich ist sie durch die verschiedenen, weltweit ergriffenen Maßnahmen des Ausnahmezustands eine Suspendierung jeglicher Politik, auf ideale Weise, in einer (dystopischen) Logik der Umkehrung der Werte: „Die Biosicherheit hat sich als fähig erwiesen, die absolute Einstellung jeglicher politischer Aktivität und jeglicher sozialer Beziehung als die maximale Form der Bürgerbeteiligung darzustellen“(26). Giorgio Agamben

Für viele wäre die Gesundheit in unseren übermäßig geschützten Gesellschaften in den Vordergrund gerückt. In Wirklichkeit umfasst diese Gesundheit, die durch das biopolitische Sieb der Gesundheitssicherung gepresst wird, eine sehr verarmte Bedeutung (der Philosoph Giorgio Agamben spricht daher vom „nackten Leben“, dem Leben des Individuums, das auf seine biologische Bedingung reduziert wird). Wie wir gesehen haben, ist Gesundheit auch nicht das Ziel der Gesundheitssicherung. Diese degeneriert und führt in vielerlei Hinsicht, wie ich hier illustrieren möchte, dazu, dass nur noch eine Sicherheitspolitik betrieben wird.

Warum also hat das Coronavirus eine so große Bedeutung erlangt?

In der Vergangenheit gab es viele Epidemien, die tödlicher waren, aber nicht so einen wichtigen Platz in unseren Gesellschaften einnahmen und auch nicht so lange andauerten.

Die übertriebene Abwehrbereitschaft der Staaten, das Phänomen der Erwartungshaltung, die durch die Preparedness noch verstärkt wird, wird wie bei der H1N1-Krise zu einem Fokussierungseffekt geführt haben, sobald das Virus auftauchte, das von den Gesundheitsbehörden als (potenziell) außergewöhnliches Ereignis aufgefasst wurde.

Es sollte vor allem untersucht werden, wie dieser Fokussierungseffekt anschließend durch das Medienprisma erfolgte und wie dieses Prisma mit der Politik interagierte, wobei die Eindämmung (und dann die verschiedenen Maßnahmen, die die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zogen) ein umso stärkeres Prisma darstellten(31).

Es ist also völlig übertrieben zu sagen, dass die Aufmerksamkeit nur noch auf das Coronavirus und die Gesundheit der Bürger gerichtet war, während die Bevölkerung weltweit eingesperrt wurde und nun von der Entwicklung der Epidemie und den geringsten politischen Entscheidungen abhängig ist.

Wie konnte es konkret zu diesem Umschwung kommen, der durch diese weltweite Einschließung ausgelöst wurde?

Das Konzept der ‘Gesundheitssicherheit’, das sich in den letzten Jahren allmählich im Herzen unserer Institutionen verankert hatte, hat mit dieser Covid-Krise plötzlich seine roheste Materialisierung gefunden, von unterschwellig zu manifest: Was im Zuge dieser Krise nicht sichtbar war (die biopolitische Struktur), wird sichtbar; was noch im Zustand des Konzepts war, wird mit der Epidemie aktualisiert.

Es sei daran erinnert, dass dieses Konzept der ‘Gesundheitssicherheit’ im Umgang mit Epidemien, auch wenn es geheim oder schemenhaft erscheinen mag, auf nationaler Ebene von den Staaten oder Gesundheitsbehörden und auf internationaler Ebene von der WHO sowie den Laboratorien und Experten, die alle seit fast 20 Jahren an der Vorsorge, der Global Health Security, arbeiten, vollständig integriert worden war.

Diese Biopolitik entspricht auch Gewohnheiten, Codes, Methoden und einer Denkweise. Und auch ein ganzer Gesetzesapparat hatte sich etabliert. (Siehe Teil 1).

Werfen wir also einen kurzen Blick auf das französische Gesetz, das Notstandsmaßnahmen zulässt (Artikel L 3110-1), ein Gesetz über schwere Gesundheitsbedrohungen, das erst 2007 in das Gesetzbuch über die öffentliche Gesundheit aufgenommen wurde:

„Im Falle einer ernsthaften Gesundheitsbedrohung (…), insbesondere im Falle einer drohenden Epidemie, kann der Gesundheitsminister (…) im Interesse der öffentlichen Gesundheit alle Maßnahmen anordnen, die den Risiken angemessen und den zeitlichen und örtlichen Umständen angemessen sind, um die Folgen möglicher Bedrohungen für die Gesundheit der Bevölkerung zu verhindern und zu begrenzen.“ [32]

Das französische Recht, das zum Teil noch in alten Mustern verhaftet ist, scheint keine Kompromisse zwischen den Begriffen Risiko und Bedrohung eingehen zu wollen; es erlaubt „jede Maßnahme“.

Wir haben auch gesehen, wie die ‘Gesundheitssicherheit’, die unter das Regime der Bedrohung fiel, sich über den Begriff des Risikos hinwegsetzte und jede „Verhältnismäßigkeit“ der Maßnahme zunichte machte.

Zweifellos wurde diese Zeit von vielen als dystopisches Momentum empfunden, da ein ideologischer Umschwung stattfand – ein Opfer, das wir am eigenen Leib zu spüren bekamen, unserer Rechte und Freiheiten, sowohl auf politischer als auch auf individueller Ebene.

Politisch, ganz einfach und mehr oder weniger bewusst, durch die „Aktivierung“ dieser 20 Jahre alten biopolitischen Logik: Sicherheit und „Bürgersinn“ werden wichtiger als Freiheit; Gesundheit, epidemische Bedrohungen werden zu Problemen der inneren Sicherheit und rechtfertigen Ausnahmemaßnahmen, „aller Maßnahmen“ [wie früher, im Namen der Souveränität der Völker, der Krieg diese Ausnahmemaßnahmen (Kriegsgesetze) nach sich zog].

Die Einführung des Ausnahmezustands, die weltweite Einschließung der Bevölkerung und die darauf folgenden Maßnahmen kommen de facto, nicht nur symbolisch, einer politischen Entscheidung für die Allgemeinheit gleich, die sogar im Widerspruch zu bestimmten Verfassungsgrundsätzen steht. „Die Freiheit selbst, einst unveräußerlich und unverjährbar, wird heute im Namen von Prinzipien relativiert, die ihr angeblich übergeordnet sind (sei es die Sicherheit oder die Gesundheit).“ [33]

Mathieu Slama

Dieses Opfer wird in einem anderen Licht eine Negation der Politik selbst gewesen sein: Die ‘Gesundheitssicherheit’ führt eine Logik der Ko-Abhängigkeit zwischen den Staaten herbei, eine Weltordnung, in der die politische Entscheidung zurücktritt und einem allgemeineren biopolitischen Prinzip (vom Typ Sicherheit) unterworfen ist.

Auslöschung der Politik und permanenter Ausnahmezustand: Unter dem Regime des Ausnahmezustands wird die politische Entscheidung intransparent gemacht (in Frankreich der sehr geheime Verteidigungsrat), zugunsten der wissenschaftlichen Expertise (die allein dadurch legitimiert zu sein scheint); dieses Ausnahmeregime ist gleichzeitig ein Regime der Simulation: Die Ausnahme wird selbst zur Norm, sie ist darüber hinaus ein politisches „Labor“ autoritärer Art, das unter dem Deckmantel der Ausnahme schließlich neue Normen aufstellt (durch einen wohlbekannten Prozess der Banalisierung der Gebräuche).

(Kontinuität auch zwischen dem Prinzip der Wachsamkeit, das der ‘Gesundheitssicherheit’ eigen ist, und dem des Ausnahmezustands: Man muss diesen permanenten Ausnahmezustand, den die ‘Gesundheitssicherheit’, die zeitgenössische Epidemiologie unter dem Joch der (bioterroristischen oder infektiösen) Bedrohung herbeiführen, genau erfassen). [34)

Individuell wird dieses Opfer eher unbewusst und unterhalb der Oberfläche stattfinden. Es wurde von einer starken Akzeptanz all dieser Maßnahmen gesprochen (auch Resignation angesichts von Maßnahmen, die nicht mehr ganz einer politischen Logik entsprechen: keine wirkliche Debatte mehr möglich).

Von einem Plebiszit sogar, da jeder das Prinzip des gesundheitlichen Ausnahmezustands fortsetzte: dieser „latente“ Kriegszustand, der jeden potenziell verdächtig und zum Träger des Virus macht, dieser Krieg aller gegen alle, der der (bio-)terroristischen Bedrohung eigen ist.

Aber versuchen wir hier, die missverstandene Rolle der Technologie und des Internets in dieser Covid-Krise zu sehen, die ihrerseits diese Sicherheitsfiktion „übernommen“ haben.

Der Modus Operandi dieser biopolitischen Steuerung ist die Fiktion.

Wir werden zunächst sehen, wie diese von einer Science-Fiction-Vorstellung geprägte Governance von der chinesischen Erfahrung profitiert hat, um tatsächlich umgesetzt zu werden.

Coronavirus und Massenphänomen :

Aufkommen eines dystopischen, kybernetischen Bewusstseins

„Alle Gesellschaften, alle herrschenden Technokratien streben nach diesem Ziel der Allmacht. Alle suchen nach dem ‘einzig besten Weg’, um dieses Ziel zu erreichen. Allenfalls müssen wir die Unterscheidung zwischen ‘aufgeklärtem’ (amerikanischem, westlichem) Techno Despotismus und ‘absolutem’ Techno Despotismus chinesischer Prägung beibehalten, auch wenn sie interagieren, jeder gewisse Züge des anderen aufweist und auf den anderen zugraviert, bis sie in einem globalisierten Techno Totalitarismus verschmelzen.“ [35] Kevin Boucaud-Victoire, Pièces et main d’œuvre

Wie wurde Preparedness, die Gesundheitssicherheit, in den letzten Jahren in China eingesetzt?

Das autoritäre chinesische Modell für die Verwaltung des öffentlichen Gesundheitswesens hatte dieses Sicherheitsprinzip bereits in sich verankert. Die chinesische Politik in Bezug auf die Gesundheitssicherheit ist nicht auf Programme oder Reden beschränkt: Sie ist bereits eine Umsetzung ihrer Prinzipien (Überwachung, Bedrohungsmanagement, „Bürgersinn der Superlative“).

In einer (technisch-wissenschaftlichen, technokratischen) Welt, in der die Effizienz zum einzigen Kriterium geworden zu sein scheint, wurden die von den chinesischen Behörden ergriffenen Maßnahmen mehr oder weniger zum Modell erhoben. Das beginnt, wie wir gesehen haben, mit der Masseneinschließung der Bevölkerung.

Aus der Ferne betrachtet, erinnerten die chinesischen Maßnahmen den westlichen Betrachter aufgrund ihres spektakulären und neuartigen Aspekts zunächst an einen Science-Fiction-Film (der gar nicht so weit von den schlimmsten Szenarien entfernt ist). Die perverse Logik der Bedrohung, der „Bürgersinn im Superlativ“, der Appetit auf die Fiktion der ‘Gesundheitssicherheit’ und die Worst-Case-Szenarien haben unsere Gesellschaften – das Virus rückt allmählich näher – in diese globalisierte Eingrenzung getrieben. Alles läuft auf eine dystopische Synthese des biopolitischen Systems der ‘Gesundheitssicherheit’ mit seinem effizienteren chinesischen Modell hinaus.

Durch die Medien, die als Massenphänomen spektakulär sind, konnte sich zunächst ein globales und einheitliches Management der Epidemie etablieren. Behelfskrankenhäuser hier und da, auf den Fernsehkanälen: mediale Beweise dafür, dass die Epidemie an unsere Tür klopfte – eine Tür, die wir bald kaum noch öffnen konnten. Es wird geklatscht.

Von Wuhan nach Bergamo, von Bergamo nach Madrid, usw.. Der virale Effekt der Bedrohung, von einem Land zum anderen, aktiviert im medialen Orb die Angst vor autonomen politischen Gemeinschaften (schlechte Schüler), autonomen Subjekten (unverantwortlich), und ruft am Ende die Reproduktion des Gleichen hervor [36].

Man sollte sich nicht täuschen lassen: Wenn diese globalisierte Eingrenzung einer Form von Archaismus zu entspringen schien, so sind ihre Gründe ebenso sehr technologischer Natur.

Es wurde wenig oder gar nicht betont, aber die Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen, die diese allgemeine Eindämmung und den Übergang unserer Gesellschaften zu einem biopolitischen Modell ermöglichen, waren nur mit dem Internet (und den verschiedenen Technologien zur Rückverfolgung) möglich. Und vor auch nur 10 oder 15 Jahren hätte keine dieser Maßnahmen in diesem Ausmaß umgesetzt werden können [37].

Dies ist natürlich nicht nur ein Umstand, sondern vielmehr eine Richtung, die unsere Gesellschaften eingeschlagen haben, hin zu einer Art „Cyber-Pilot der Massen“ [38]. dem Morgen der Utopie.

Die Biopolitik der ‘Gesundheitssicherheit“, die in Fiktion badet, wird schließlich, zusammen mit den verschiedenen Einschließungen, ihren vollen Ausdruck im Internet, der technologischen Dystopie, gefunden haben, die gleichzeitig zu einer globalisierten, kybernetischen Form der Entfremdung führen werden.

Das Internet wird letztlich die Einschließung, diese globale Einschließung, möglich und akzeptabel gemacht haben: Auf der einen Seite als Informationsrelais (Datenaggregation, Statistiken, Entwicklung der Epidemie, Kontrollmaßnahmen usw.); Befehls-, Überwachungs- und Warnzentrale in „Echtzeit“ (fließende Entscheidungsfindung, Zustand der Gesundheitsüberwachung auf lokaler, nationaler und globaler Ebene, Geolokalisierung, Zeitstempel, „feine“, invasive Kommunikation usw.). Auf der anderen Seite als Genussmedium, als „Ventil“ in Bezug auf die verschiedenen Containment-Maßnahmen (Ablenkung und Kommunikation über die verschiedenen Netzwerke), das eine Form der virtuellen Alternative zum Alltag darstellt (Telearbeit, Fernunterricht usw.), einen lächerlichen Ersatz (die Künstler des Containments) ebenso wie einen Gesellschaftsentwurf (eine Welt ohne Kontakt).

Das Sicherheitsideal findet im Internet sein bevorzugtes Terrain: eine Fantasie von Selbstgenügsamkeit, eine Schutzblase, in der die Realität und ihre Bedrohungen, die wie ein Virus potenziell tödlich sein können, auf Distanz gehalten werden; das Internet verkörpert somit eine Verallgemeinerung des Prinzips der „sozialen Distanzierung“. Durch eine Vielzahl von subtilen Mechanismen hat es diese Sicherheitsfiktion übernommen.

Dieser dystopische Umschwung war in diesem Sinne auch eine Verfälschung unserer Welt, die Herrschaft einer Form von medialer „Hyperrealität“ [Baudrillard].

Das Internet wird letztlich die Einschließung, diese globale Einschließung, möglich und akzeptabel gemacht haben: Auf der einen Seite als Informationsrelais (Datenaggregation, Statistiken, Entwicklung der Epidemie, Kontrollmaßnahmen usw.); Befehls-, Überwachungs- und Warnzentrale in „Echtzeit“ (fließende Entscheidungsfindung, Zustand der Gesundheitsüberwachung auf lokaler, nationaler und globaler Ebene, Geolokalisierung, Zeitstempel, „feine“, invasive Kommunikation usw.). Auf der anderen Seite als Genussmedium, als „Ventil“ in Bezug auf die verschiedenen Containment-Maßnahmen (Ablenkung und Kommunikation über die verschiedenen Netzwerke), das eine Form der virtuellen Alternative zum Alltag darstellt (Telearbeit, Fernunterricht usw.), einen lächerlichen Ersatz (die Künstler des Containments) ebenso wie einen Gesellschaftsentwurf (eine Welt ohne Kontakt) [39].

Eine weltweite, technologisch unterstützte Einschließung, deren angstauslösendes Prinzip im Gegenzug eine Vermassung und Diversifizierung der Kontroll- und Überwachungstechnologien begünstigt haben wird.

In einem kürzlich erschienenen Buch hat Olivier Tesquet analysiert, wie der Sicherheitssektor von der Covid-Krise profitiert hat, indem er sich passenderweise auf den Gesundheitssektor verlagert hat [40]. Um dieses Phänomen zu beschreiben, spricht Tesquet von einem technologischen Ausnahmezustand, der wie der politische Ausnahmezustand „nicht diskutiert, sondern wortlos durchgesetzt wird“ und die Form eines allgemeinen Experimentierens mit Überwachungstechnologien in der Bevölkerung annimmt, ohne irgendwie gebremst zu werden.

Wie der politische Ausnahmezustand ist auch der technologische Ausnahmezustand ein Eintritt in ein Regime der Simulation. Legitimiert durch die „Gesundheitskrise“ werden diese verschiedenen Tests in Lebensgröße, „Überwachungstechnologien, die unter dem Deckmantel des Experimentierens eingesetzt werden“ [41] tendieren sehr schnell dazu, ebenfalls zur Norm zu werden, und zwar durch denselben Prozess der Banalisierung der Nutzung, der bereits weiter oben beobachtet wurde („Ratchet-Effekt“).

Der abgedeckte Bereich ist mehr als umfangreich und grenzt an eine reine Dystopie: epidemiologische Überwachungstechnologien „nach chinesischem Vorbild“, Sicherheitstechnologien vom Typ „Safe City“, Technologien zur Verfolgung, Erkennung und Aufrechterhaltung der Gesundheitsordnung (Überwachung, Einsatz von Drohnen, soziale Distanzierung usw.), Wanzensoftware (Geolokalisierung), eine ganze Reihe von Experimenten und eingesetzten Geräten, die oft auch die Frage einer zweideutigen Zusammenarbeit zwischen Staat und Unternehmen aufwerfen (wer genau überwacht was?).

Dieser technologische Notstand entspricht auch einer massiven Umstellung von Unternehmen, die ihr Image verbessern wollen, auf den „Gesundheitsbereich“: NSO (spezialisiert auf Spionagesoftware, die einen „Ansteckungsscore“ erstellt), Palantir (Vermischung privater Daten), Hikvision (Videoüberwachung des uigurischen Volkes, bietet jetzt auch Wärmebildkameras an), Athena Security, etc.. Im Übrigen sind diese Technologien meist nur Fassade, erklärter Voluntarismus, mit dem Ziel, eine „Illusion von Sicherheit“ zu schaffen [42]. Die Entfaltung dieser Vorkehrungen ist in Wirklichkeit an sich wichtiger als ihre Auswirkungen. Die schützende Sicherheitsblase ruft diesen Illusionismus auf und haucht ihm Leben ein.

Die Biopolitik der Gesundheitssicherheit, die von Worst-Case-Szenarien geprägt ist, wird ein Regime der Simulation eingeführt haben, das seine logische Ausdehnung in der totalen Technologie, dem Virtuellen, findet.

Der sich abzeichnende kybernetische, von Science-Fiction geprägte Horizont entspricht dem Aufkommen einer Sicherheitsfiktion, die zugleich Dystopie und ständig durchkreuztes, illusorisches Sicherheitsideal ist. Das chinesische und das westliche dystopische Modell entsprechen sich heute wie ein Spiegelbild.

Der Unterschied zum chinesischen Modell besteht darin, dass es uns unseres nur als vorübergehend erscheint. In diesem Sinne spielt sie eine doppelte Rolle: Durch ihre technologischen Werkzeuge stellt sie de facto ein Mittel zur Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung dar, und als Fiktion oder Simulation verbirgt sie sich, während sie ihr Reich kontinuierlich ausweitet und sich unter dem Deckmantel eines Experiments oder einer vorübergehenden Lösung immer weiter verbessert.

Aufgrund ihres Ursprungs lange vor der Krise erweist sich diese Fiktionalisierung somit bemerkenswerterweise als ein polizeiliches Instrument der Biopolitik in Richtung einer sicherheitsorientierten Gesellschaft.

Ein „Absturz in die Fiktion“ …

Was kommt als Nächstes?

Die westlichen Länder haben aus diesen Antizipationsstrategien und der Vervielfachung der Worst-Case-Szenarien im Grunde nichts gelernt. Keines dieser Szenarien hat den Ländern geholfen, und alle haben es versäumt, eine zeitlich begrenzte Strategie zur Kontrolle der Epidemie zu entwickeln.

Stattdessen haben die verschiedenen Szenarien ein ganzes virtuelles Feld besetzt: Von der Leugnung der Epidemie bis zu den endlosen Beweisen für eine (angekündigte, verhinderte oder abgeschwächte) Katastrophe, von Verschwörungstheorien bis zu obsessivem Alarmismus drehte sich in der öffentlichen Debatte im Grunde alles nur noch um die Frage, wie schlimm die Epidemie war und ob sie tatsächlich stattfand.

Der Hauptvorwurf, der den verschiedenen Kritikern des Gesundheitsmanagements gemacht wurde, bestand immer darin, dass diese „Realität“ nicht berücksichtigt wurde. Als ob niemand mehr seine Geigen stimmen könnte, weil das Gefühl der Unwirklichkeit in den Debatten vorherrschte: Dabei hätte jeder dem biopolitischen Bruch in der Geschichte unserer Gesellschaften zustimmen können, der mit dem Konzept der ‘Gesundheitssicherheit eingeläutet wurde.

Dieser Bruch wird sich auf unsere gesamte Beziehung zur Wissenschaft auswirken. Das ist ein weiterer Aspekt dieser Dystopie.Die fälschlicherweise zentrale Rolle des Gesundheitswesens in der Biopolitik der ‘Gesundheitssicherheit’ wird, wie bei der H1N1-Krise, die ambulante Medizin, die „Laien“, in den Hintergrund gedrängt haben [43].

Die Medizin tendiert dazu, eine abstraktere Bedeutung anzunehmen und stattdessen sehr allgemeine Maßnahmen zu ergreifen, die statistisch auf die gesamte Bevölkerung angewendet werden (die Beziehung des Patienten zum Arzt wird in gewisser Weise zu einer (unvermittelten) Beziehung des Patienten zum Staat).

Die entscheidende Rolle, die der Wissenschaft in dieser Krise zugeschrieben wurde, war in Wirklichkeit vor allem politisch und ideologisch (es gibt keine „wissenschaftliche Meinung“).

Wie könnte diese Ideologie entlarvt werden?

Eine Biopolitik, die in den Fängen des Spektakels [Debord] gefangen ist und sich religiös auf eine Form des Szientismus beruft; eine alltägliche Unterwerfung unter eine Gesundheits- (Sicherheits-) Fiktion, die all unsere Handlungen und Gesten reguliert [44]. Giorgio Agamben: Medizin als Religion

Kurz gesagt, ein Kult der Wissenschaft und der Medizin, der im Kontext eines von finanziellen Interessen überlagerten Gesundheitsmarktes, einer Wissenschaft ohne größere Unabhängigkeit und mit einem zunehmend schwankenden epistemologischen Rahmen [45] stattfindet,hat ebenfalls viel zur Gestaltung dieses dystopischen Moments beigetragen.

Zwar scheint die Wissenschaft bei der Covid-Krise an ihre Grenzen gestoßen zu sein und sich mit einer Art Ohnmacht konfrontiert zu sehen (fast zwei Jahre später lähmte das Virus immer noch die Welt), aber es ist vor allem eine in die Fiktion (Logik des Schlimmsten) gefallene Wissenschaft, mit der wir es zu tun haben, die einige ihrer Grundsätze verleugnet (eine gewisse methodologische Verarmung, die der ‘Gesundheitssicherheit’ innewohnt: Ablehnung von Wahrscheinlichkeiten, Kausalität, auf Symptome beschränkte Studien usw.), und die sich nicht auf die Gesundheit der Menschen beschränkt. – siehe Teil 1).

Für einen großen Teil hat sich eine Form des Szientismus, der Wissenschaftsfeindlichkeit, etabliert, in einer experimentellen Logik, die noch ganz viel mit dem oben erwähnten Simulationsregime zu tun hat – Tests, Worst-Case-Szenarien, wissenschaftliche Hypothesen, die von Experten validiert werden und politische Entscheidungen rechtfertigen (die so dazu beitragen, mit der Zeit neue Normen aufzustellen) [46]

Maßnahmen, die einer Form der Illusion, einer Gesundheitsfiktion entspringen, zu denen man alle willkürlichen Maßnahmen hinzufügen könnte, die darauf abzielen, mehr zu disziplinieren als zu schützen – in Frankreich besonders ausgeprägt (kurz gesagt, alle kafkaesken Maßnahmen, die mit einem wissenschaftlichen Anstrich versehen sind und die französische Bevölkerung nach und nach in den Wahnsinn getrieben haben) -; sowie, allgemeiner, das falsche Prinzip eines „Gesundheitsschutzes“, während Krankenhausbetten reduziert werden [47] und keine Präventionspolitik für „Risikopersonen“ (Fettleibigkeit, Diabetes) usw. unternommen wird..

Die ‘Gesundheitssicherheit’, die eine triumphierende Herrschaft der Biopolitik und ein Spektakel darstellt, die paradoxe Inszenierung einer Form von Ohnmacht (Krankenhäuser, die immer in Alarmbereitschaft sind, Medizin, die mittelfristig nicht in der Lage ist, die Epidemie zu bremsen usw.), scheint hier jedoch ihre Grenzen zu finden.

Sie wird zu einer Sicherheitsfiktion verkommen sein, in der die Demokratien unfähig erschienen, eine einfache Epidemie (eine Syndemie) [48]) zu bewältigen, wobei sie letztlich nur Zwangsmaßnahmen zur Bekämpfung einer Krankheit vorschlugen, die im Übrigen unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten bedrohen.

***

Nehmen wir den Faden dieser Geschichte wieder auf und gehen wir dieser Logik des Schreckens auf den Grund.

Die Amerikaner, die eine zweideutige Rolle spielten – als Vorboten und gleichzeitig als Agenten einer realen Katastrophe, die das Aufkommen der ‘Gesundheitssicherheit’ beschleunigten -, hatten in ihrer millenaristischen Logik vielleicht Recht: Als Zivilisationskatastrophe, getarnt als Gesundheitskatastrophe, wird das chinesische Virus letztendlich unsere Gesellschaft (ihre Werte) tiefgreifend angreifen. Im Grunde musste man nur daran glauben.

Als selbsterfüllende Prophezeiung scheinen die Amerikaner alles Interesse daran zu haben, diese Fiktion, die sie selbst mit in Gang gesetzt haben, zu zertrümmern. Ein Ausstieg aus der Fiktion, kurz gesagt.

Weniger ironisch, dafür aber realistischer wäre es, zu sehen, wie sich diese „Fiktion“ fortsetzen könnte, was hier im Kern angelegt ist (obwohl dieser Sicherheitsbegriff den Horizont erheblich eingrenzt). So könnte man sich nach der Dauer und den Folgen dessen fragen, was uns mehr als eine Prüfung, die unsere Gesellschaften zu bestehen hätten, erscheint, vielmehr ein Test in Lebensgröße, gesellschaftliches Projekt zu sein scheint.

Dass man irgendwann einmal in Betracht gezogen hat, dass diese lange Aussetzung unserer alten Gewohnheiten nur vorübergehend sein könnte, erscheint uns heute fast seltsam. Die „Worst-Case-Szenarien“ gingen nicht so weit, das Kommende vorwegzunehmen.

Aber verbirgt sich hinter der Angst und der Besessenheit von der Katastrophe, die sich in diesen Worst-Case-Szenarien materialisiert, nicht auch der millenaristische Wunsch, etwas herbeizuführen, den Techno-Menschen, die hybride Posthumanität. Ein Ideal der Sicherheit, der perfekten Immunität…

Und auch wenn uns diese Illusion brüchig erscheint, so ist sie doch bereits in unserer Gesellschaft am Werk und zerfrisst sie mit vergifteten Träumen.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass man nach dem Gesundheitsnotstand versuchen wird, die Experimente fortzusetzen, die die Regierungen bislang nicht zu Ende führen konnten: (…) einfach nur digitale Nachrichten austauschen und überall, wo es möglich ist, dafür sorgen, dass die Maschinen endlich jeden Kontakt – jede Ansteckung – zwischen den Menschen ersetzen.“ [49] Giorgio Agamben

Die Fiktion ist im Grunde nicht a priori das Problem (der Mensch trinkt ständig von ihr). Sie wird zu einem Problem, wenn sie zu einer Form der allgemeinen Verfälschung neigt (eine Umkehrung, die Debord bereits in den 1960er Jahren mit seinem Konzept des Spektakels theoretisiert hatte).

Sie ist es umso mehr, wenn sie dazu neigt, Angst und Bedrohung zu vermitteln. Das ist die Sicherheitsfiktion, von der wir uns heute so schwer trennen können (die man hier auch als Dystopie bezeichnen könnte).

Diese Fiktion begünstigt die Lüge, oder besser gesagt – als ob sie keine eigene Geschichte mehr hätte – sie verschleiert ihre Gründe, ihre tiefere Logik. Sie verschleiert ihren Ursprung. So scheinen die Lügen aus dem Nichts zu kommen, sie sprudeln förmlich aus ihm heraus, ohne Worte zu benutzen.

Die logischen Verkettungen im Spektakel – und noch mehr in der Sicherheitsfiktion, die wir erleben – scheinen zerbrochen.

Lügen untermauern nicht mehr die klassischen Muster der Unterdrückung. Es erscheint daher komplexer, sich ihnen zu widersetzen. Wir spüren jedoch, dass etwas nicht stimmt, dass etwas ins Wanken geraten ist, ohne es in Worte fassen zu können. Diese neue Welt verlangt von uns sogar eine subtile, schmerzlose Kooperation, und das ist das Besondere an ihr: Die Lüge ist die Bequemlichkeit und Sicherheit, die uns als Endwerte auf Kosten aller anderen Werte angeboten werden.

Aber was bedeutet diese Sicherheit, für die wir bereit sind, alles zu opfern?

Wenn sie zunächst eine unerfüllbare Fantasie ist, wenn sie vor allem eine Illusion ist, dann ist sie zweifellos auch ein Ideal der Sicherheit.

Sie haben die Wahl: ein Paradies, panoptisch, schmerzlos, oder die virtuelle Hölle dieser Sicherheitsfiktion.

„Und tatsächlich leben wir in einer Gesellschaft, die die Freiheit den vermeintlichen ‚Gründen der Sicherheit‘ geopfert hat und die sich gerade deshalb selbst dazu verurteilt hat, in einem Zustand dauerhafter Angst und Unsicherheit zu leben.“ [50]

Giorgio Agamben

Fußnoten

[1] „Das Risiko lässt sich leicht in die Schemata der Versicherung pressen; eine geopolitische Perspektive entspricht eher den Bedrohungen globaler, nachhaltiger und dauerhafter Natur, die auf den G8-Gipfeln oder den Plenarsitzungen des Weltwirtschaftsforums diskutiert werden“ (S. 212) [P. Zylberman, Microbial Storms, Gallimard, 2013.

[2] Interview mit David Heymann, Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten bei der WHO, Le Monde, Sept. 2001: https://www.lemonde.fr/archives/article/2001/09/27/entretien-avec-david-heymann-directeur-de-la-division-des-maladies-infectieuses-a-l-oms_227882_1819218.html

[3] Der Fall der „Anthrax-Briefe“ am Tag nach den Anschlägen vom 11. September ist aufschlussreich und hilft uns, diesen paranoiden Kontext zu verstehen: Der 2008 identifizierte Bruce Ivins, der den Anschlag verübte, war als Mikrobiologe bei dem U.S. Army Army Medical Services selbst mit dem amerikanischen Schutz beauftragt. Das FBI erklärte seine Tat – die zum Teil den amerikanischen Kampf gegen den Bioterrorismus einleitete, der sich vor allem auf die Entwicklung von Impfstoffen konzentrierte – damit, dass er beleidigt gewesen sei und die Behörden kein Interesse an dem von ihm entwickelten Impfstoff gezeigt hätten: „Er war psychisch gestört und wollte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit eines von ihm entwickelten Impfstoffs lenken“ [Wikipedia]. Um dem gewundenen, paranoiden Aspekt dieses Falles noch ein weiteres Element hinzuzufügen, sei darauf hingewiesen, dass dies nur die offizielle Version der Behörden ist – siehe den Slate-Artikel mit der glaubwürdigsten der anderen „Versionen“: die Regierung selbst steckt hinter dem Angriff: Fahrad Manjoo, The Movement for the Truth about Anthrax, Slate, Sept. 2010: http://www.slate.fr/story/26755/anthrax-complot-fbi-terrorisme

[4] „Im Zeitalter des Bioterrorismus“, schreibt die Washington Post, „gefährden die lange tolerierten Schwächen des US-Gesundheitssystems die nationale Sicherheit.“ (S. 205) Wie wir sehen werden, hat diese biopolitische Steuerung jedoch nie zu einer Verbesserung des amerikanischen Gesundheitssystems geführt, da die Politik der Gesundheitssicherheit, die Idee der Bedrohung – die neu an Epidemien festgemacht wurde – fast ausschließlich zu einer Verbesserung der Überwachungs-, Warn- oder auch Gesundheitsüberwachungssysteme führt: „Die öffentliche Gesundheit ist zu einem Schlüsselsektor geworden (…). …) für die Erfassung der Bedrohung (…); eine strategische Variable, kurz gesagt, in den Bemühungen zur Eindämmung und Abschreckung des biologischen Terrors“ (S. 289).

[5] Bekräftigung dieser Bundespolitik, im Bereich der Gesundheitssicherheit, nach dem 11. September: „Die epidemiologische Überwachung ist nun ein Kapitel der nationalen Sicherheit; Epidemiologie, die Kerndisziplin im Zeitalter des Bioterrorismus“, erklärte einer der Direktoren des Gesundheitsministeriums von Wisconsin im Oktober 2001. (S. 252)

[6] Aus einem Bericht der WHO von 2019 „Annual Report on Global Preparedness for Health Emergencies“„Das Aktionsprogramm für globale Gesundheitssicherheit, eine multinationale Koalition, die Anfang 2014 ins Leben gerufen wurde, um die Kapazitäten und die Koordination auf Länderebene zu verbessern (…), hat mittlerweile fast 70 Mitgliedsländer und Partnerorganisationen. Sein Privatsektor-Rundtisch arbeitet mit dem Privatsektor zusammen, damit dieser sich stärker an der Stärkung der globalen Gesundheitssicherheit beteiligt.” https://www.gpmb.org/docs/librariesprovider17/default-document-library/annual-reports/gpmb-2019-annualreport-fr.pdf?sfvrsn=df2c232b_3

[7] Preparedness, ebenso wie Worst-Case-Szenarien: „Von der WHO wärmstens empfohlen, vom US-Justizministerium und dem Ministerium für Heimatschutz, dem Johns Hopkins Center oder dem Center for Biosecurity der Universität Pittsburgh in Fließbandarbeit hergestellt, werden die Szenarien der mikrobiellen Bedrohung nun systematisch für die methodische Vorbereitung auf das Notfallmanagement aller großen lokalen, nationalen und internationalen Behörden verwendet.“ (S. 24)

[8] „Für uns ist eine Epidemie nicht einfach nur die Verwüstung und das Leid, die durch die Ausbreitung einer Infektion verursacht werden, sondern auch die brutale Desorganisation, die darauf folgt, eine menschliche Gesellschaft am Ende ihrer Kräfte: die Erniedrigung des Staates, der Zerfall der Behörden, der sozialen Strukturen und der Mentalität.“ (S. 36)

[9] Siehe zum Beispiel den Status quo in Afrika, lächerliche eingesetzte Mittel, nach 15 Jahren ‘Gesundheitssicherheit:’ „Die Hindernisse sind wohlbekannt und in den meisten Ländern des Südens dieselben: geringes Niveau der (biologischen) Überwachung; Fehlen einer vorausschauenden Vision auf globaler Ebene; Starrheit bei Paradigmenwechseln; Knappheit der Finanzmittel; Schwierigkeiten beim geografischen Zugang.“ Les nouvelles menaces des maladies infectieuses émergents, Bericht des Senats, Juli 2012 :

}https://www.senat.fr/rap/r11-638/r11-638_mono.html

[10] Zylberman definiert Gesundheitssicherheit als diesen „Oberbegriff für mikrobielle Bedrohungen aller Art, natürlich, zufällig und absichtlich, vorhergesehen oder unvorhergesehen, die das Überleben der Gesellschaft selbst gefährden.“ (S. 303)

[11] Interview mit Patrick Zylberman, Coronavirus: „L’histoire de la santé publique pose la question des frontières“, Le Figaro, Februar 2020: https://www.lefigaro.fr/vox/societe/coronavirus-l-histoire-de-la-sante-publique-pose-a-nouveau-la-question-des-frontieres-20200214.

[12] https://www.gpmb.org/home#tab=tab_1

[13] Wir wollen hier nur einige Szenarien wegen ihrer vielsagenden Namen nennen: Civex (1993, „Anthrax Dispersion in der U-Bahn einer imaginären Stadt namens „Metropolis“.“) Ill Wind (1997), Dark Winter (2001), Crimson Sky (2002), TopOff 2 (2003, inspiriert von Prestons Roman The Cobra Event), Global Mercury (2003), Atlantic Storm (2005) usw.

[14] Patrick Zylberman, Health Security in the United States (1989-2008), Academia.edu: https://www.academia.edu/27234109/LA_S%C3%89CURIT%C3%89_SANITAIRE_AUX_ETATS-UNIS

[15] Frederic Keck, Scénarios de catastrophes sanitaires, La vie des Idées, Sept. 2013: https://laviedesidees.fr/Scenarios-de-catastrophes-sanitaires.html

[16] „Wir fragten: Was hat sich also durch dieses Abrutschen vom Risiko zur Bedrohung geändert? Zumindest dies: nicht so sehr der Zusammenbruch der Wahrscheinlichkeiten (dafür sorgten der erste Ölschock 1973 und der Fall von Saigon zwei Jahre später), sondern ihre Ablehnung.“ (S. 216)

[17] Zum Verständnis des Begriffs „präemptiv“, in der Politik der Bush-Regierung: http://www.irenees.net/bdf_fiche-notions-175_fr.html

[18] Siehe die wahnwitzige Inflation von Gesetzen, staatlichen oder parastaatlichen Einrichtungen und strategischen Organisationen in den USA in den letzten 20 Jahren, die mit dem Konzept der „Gesundheitssicherheit“ verbunden sind: der Pandemic and All-Hazards Preparedness Act (PAHPA), die National Health Security Strategy (NHSS), die Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA), das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB), etc.

[19] Catherine Vincent, Les libertés publiques à l’épreuve du coronavirus, Le Monde, März 2020: https://www.lemonde.fr/idees/article/2020/03/20/les-libertes-publiques-a-l-epreuve-du-covid-19_6033764_3232.html.

[20] E. Lipton, J. Steinhauer[link-1577bcf9←] , The Untold Story of the Birth of Social Distancing, The New York Times, April 2020: https://www.nytimes.com/2020/04/22/us/politics/social-distancing-coronavirus.html

Erstaunliche Schlussfolgerung dieses Artikels: Dr. Markel, der ebenfalls an dieser Idee arbeitete, wird nach der Anwendung dieser Theorien beim Coronavirus kein Problem damit haben, zuzugeben, dass die Arbeit an diesen Worst-Case-Szenarien nicht mehr und nicht weniger bedeutete, als dystopische Konzepte zu agitieren: „We always knew this would be applied in worst-case scenarios“ he said.

[21] „Das Risiko (…) ist ein gewaltiger Multiplikator von Expertenwissen: immer mehr Experten, und zwar unabhängige Experten, das ist die Moral des Risikos und der Vorsorge. Umgekehrt stellt die Bedrohung die Wissenschaft unter Aufsicht. Weit davon entfernt, das Fachwissen zu vermehren, schlägt die Biosicherheit vor, den Zugang dazu streng zu beschränken.“ (S. 218)

[22] La grippe A (H1N1): Retours sur „la première pandémie du XXIe siècle“, Rapport du Sénat, Juli 2010 :

https://www.senat.fr/rap/r09-685-1/r09-685-1_mono.html#toc66

[23] Es ist bedauerlich zu sehen, wie sehr die Behörden während der Covid-19-Epidemie diese Warnung in den Wind schlugen: Die Regierung stützte sich hauptsächlich – sei es bei den verschiedenen Abgrenzungen, Ausgangssperren, der Entscheidung im Juli, Massenimpfungen durchzuführen und damit die Ausweitung des Gesundheitspasses zu beschleunigen, usw. – auf diese Modellierungen, um ihre Entscheidungen zu legitimieren.

[24] Um die Entstehung dieser Kreise in den Vereinigten Staaten, d. h. der politischen, wissenschaftlichen und medialen Kreise, nachzuvollziehen, verweisen wir auf das Buch von Zylberman, S. 109-145.

[25] Giorgio Agamben, Deux vocables infâmes, lundimatin, Août 2020: https://lundi.am/Deux-vocables-infames

[26] Giorgio Agamben, Biosicherheit und Politik, lundimatin, Mai 2020: https://lundi.am/999-Biosecurite-et-politique

(Agamben verwendet den Begriff „Biosicherheit“ etwas umständlich („Gesamtheit von Maßnahmen zur Sicherung der Nutzung biologischer Ressourcen“, Larousse), den man hier aber sehr gut im Sinne einer sicherheitspolitischen, polizeilichen Umsetzung biopolitischer Prinzipien [Gesundheitssicherheit] verstehen wird.

[27] Waren die Prognosen von Ferguson, die dazu führten, dass sich viele Länder abriegeln mussten, unrealistisch?, Libération, Juni 2020: https://www.liberation.fr/checknews/2020/06/03/les-previsions-de-ferguson-qui-ont-conduit-de-nombreux-pays-a-se-confiner-etaient-elles-fantaisistes_1790061/.

[28] Ist das, was Sie über Bill Gates gelesen haben, wahr?, Le Monde, Juni 2020: https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2020/06/23/oms-vaccins-puce-sous-cutanee-ce-que-vous-avez-lu-sur-bill-gates-est-il-vrai_6043910_4355770.html

[29] Event 201 Pandemic Exercise: Highlights Reel, Youtube, Nov. 2019: [https://www.youtube.com/watch?v=AoLw-Q8X174&t=5s&ab_channel=centerforhealthsecurity→https://www.youtube.com/watch?v=AoLw-Q8X174&t=5s&ab_channel=centerforhealthsecurity] Bill Gates: Die nächste Epidemie? Wir sind nicht bereit, Youtube, April 2015: https://www.youtube.com/watch?v=6Af6b_wyiwI&amp ;t=5s&ab_channel=TED.

[30] Coronavirus-Experte: ‚War is an appropriate analogy‘, Youtube, 6. März 2020: https://www.youtube.com/watch?v=dcJDpV-igjs&amp ;ab_channel=Channel4News.

[31] INA STUDIE. Covid-19 in den Nachrichtensendungen: ein nie dagewesenes Maß an Medienpräsenz für eine Pandemie, Oktober 2020 :

https://larevuedesmedias.ina.fr/pandemie-covid-19-coronavirus-journal-televise

[32] https://www.legifrance.gouv.fr/codes/id/LEGIARTI000006687762/2004-08-11

[33] Mathieu Slama, Loi de vigilance sanitaire: „Le gouvernement impose, le Parlement execute“, Le Figaro, Nov. 2021: https://www.lefigaro.fr/vox/politique/loi-de-vigilance-sanitaire-le-gouvernement-impose-le-parlement-execute-20211104.

[34] siehe zum Beispiel die Folgen dieses Umschwenkens nach der Einführung des Gesundheitspasses in Frankreich, ein Abgleiten in einen permanenten „Ausnahmezustand“: „Wir erleben also gewissermaßen die Geburt eines neuen Konzepts, des „Wachsamkeitszustands“, der im Namen der Vorsicht und der Vorsorge die freiheitsberaubendsten Maßnahmen rechtfertigt. Auch hier banalisiert die Regierung den Ausnahmezustand, indem sie ihn nicht mit der Dringlichkeit der aktuellen Situation, sondern mit der hypothetischen Dringlichkeit der zukünftigen Situation rechtfertigt“. (Mathieu Slama); Mathieu Slama, „Pourquoi il fallait s’attendre à ce que le passe sanitaire soit prorogé“, Le Figaro, Okt. 2021: https://www.lefigaro.fr/vox/politique/mathieu-slama-pourquoi-il-fallait-s-attendre-a-ce-que-le-passe-sanitaire-soit-proroge-20211021.

Bereits 2012 äußerte sich die CNRS-Forscherin Anne-Marie Moulin in einem Bericht des Senats über neu auftretende Krankheiten besorgt über dieses Risiko: „Wie kann die Wissenschaft der infektiösen Emergenzen in die Demokratie eintreten? Wie kann ein permanenter Ausnahmezustand entstehen, ohne in tyrannische Biomacht auszuarten, angesichts der Unsicherheiten, die wir über den eigentlichen Inhalt der Wissenschaft kennen?“ https://www.senat.fr/rap/r11-638/r11-638_mono.html

[35] Kevin Boucaud-Victoire, Pièces et main d’œuvre: „La cybernétique affaiblit notre autonomie de pensée“ [Interview], Le Comptoir, Oct. 2021: https://comptoir.org/2021/10/26/pieces-et-main-doeuvre-la-cybernetique-affaiblit-notre-autonomie-de-pensee/

[36] Diese Schockbilder und das ominöse Kriterium der Hospitalisierungsraten, der „belegten Betten“, werden das wesentliche Ferment der politischen Entscheidungen gewesen sein, diktiert von einer übersteigerten Mimikry, die viel mit der Psychologie der Massen [Gustave Le Bon] zu tun hat, wobei das Denken in dieser Logik gefangen wurde. Zwei Jahre später ist es unmöglich, sich davon zu befreien: Die binäre Logik der Zahlen und das Schreckgespenst der überlasteten, überforderten Krankenhäuser scheinen das einzige Kriterium für politische Entscheidungen zu sein.

[37] Um sich davon zu überzeugen, siehe das Buch: Mikrobielle Stürme. Die geschilderten Szenarien illustrieren sehr gut die (enormen) Probleme der Kommunikation, des Informationsflusses, der Unzulänglichkeit der Warn- und Überwachungssysteme, die auch in den 2000er Jahren noch vorhanden waren. (S. 160-187)

[38] Kevin Boucaud-Victoire, Pièces et main d’œuvre: „La cybernétique affaiblit notre autonomie de pensée“ [Interview], Le Comptoir, Oct. 2021: [https://comptoir.org/2021/10/26/pieces-et-main-doeuvre-la-cybernetique-affaiblit-notre-autonomie-de-pensee/→https://comptoir.org/2021/10/26/pieces-et-main-doeuvre-la-cybernetique-affaiblit-notre-autonomie-de-pensee/]

„Die Cybersteuerung der Massen hat im Zuge dieser Krise im Namen der Sicherheit und der Gesundheit eine offensichtliche Schwelle überschritten“ (Pièces et Mains d’Œuvre).

[39] Kennen Sie die ‚Untact‘-Strategie? Le projet de la Corée du Sud pour une vie sans contact, RTBF, August 2020 :

https://www.rtbf.be/info/monde/detail_connaissez-vous-la-strategie-untact-le-projet-de-la-coree-du-sud-pour-une-vie-sans-contact ?id=10563632

[40] Olivier Tesquet, État d’Urgence Technologique – Comment l’économie de la surveillance tire profit de la pandémie (Éditions Premier Parallèle, 2021) „Man hat gesehen, wie Offiziere aller Größen, die gestern noch im saftigen Sicherheitssektor positioniert waren, auf einen neuen Imperativ schwenkten, den der Verfolgung kranker Körper – ein noch mächtigerer Hebel als der Kampf gegen den Terrorismus.“ [Olivier Tesquet]: http://www.premierparallele.fr/livre/etat-durgence-technologique

[41] „Überwachungstechnologien – Gesichtserkennung, Drohnen, etc. – werden (…) systematisch unter dem Deckmantel der Erprobung eingesetzt, nach dem Modell der Testphase (…) Sie entstehen aus einem chemisch reinen Ausnahmezustand, der durch die Zwangsjacke des Gesetzes ermöglicht wird.“ [O. Tesquet, Technologischer Ausnahmezustand].

[42] „Zwei entscheidende Aspekte der Ökonomie der sozialen Distanzierung: die Illusion von Sicherheit und die Abkehr von den ursprünglichen Zielen, die berühmte mission creep.“ [O. Tesquet, Technological Urgent State].

[43] Biopolitische Dystopie in Zeiten von Covid: Zunahme der Macht des Staates, Vorherrschaft der „Logistik“ auf Kosten der individuellen Initiative, der Intelligenz der Individuen, der „Praktiker“; Vorrang der Technologie, der Überwachung, der Statistiken auf Kosten der ambulanten Medizin, Aufgabe bestimmter medizinischer Grundsätze (ärztliche Schweigepflicht); in einigen Ländern die Anweisung, nicht zu behandeln (aus Angst vor einer Überlastung der Krankenhäuser), usw.

[44] Giorgio Agamben, Medizin als Religion, lundimatin, Mai 2020: https://lundi.am/La-medecine-comme-religion. (Deutsche Übersetzung von S. Lotzer in den Pandemie Kriegstagebüchern auf non copyriot: https://non.copyriot.com/pandemie-kriegstagebuecher-narrenschiffe/, d.Üb.)

[45] Richard Horton, Offline: What is medicine’s 5 sigma?, The Lancet, April 2015: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60696-1/fulltext ?rss%3Dyes.

Kamran Abbasi, Covid-19: Politicization, “corruption“ and suppression of science, The British Medical Journal, November 2020: https://www.bmj.com/content/371/bmj.m4425.

[46] Unmäßiger und fast orakelhafter Rückgriff auf Modellierungen; Experimente in großem Maßstab; Maßnahmen, die ergriffen wurden, die nie von einer Studie bestätigt wurden, die allein durch das Vorsorgeprinzip gerechtfertigt wurden, wie die Pflicht, im Freien einen Mundschutz zu tragen, die verschiedenen Einschließungen (A), die weder für diese Art von Epidemie noch in diesem Umfang jemals erprobt wurden, noch über diesen Zeitraum (und ohne jemals die Kosten oder negativen, indirekten Auswirkungen auf nationaler wie auf globaler Ebene zu berücksichtigen(B)), Massenimpfungen (auf Kosten einer Impfung von Risikopersonen, mit Impfstoffen in der Testphase, die auf Dauer unwirksam sind), etc.

A) Lockdowns Do Not Control the Coronavirus: The Evidence, American Institute for Economic Research, Dez. 2020:

B) „Schätzungen zufolge waren im Jahr 2020 etwa 9,9% der Bevölkerung unterernährt, gegenüber 8,4% im Jahr 2019“, wahrscheinliche Auswirkungen der Eindämmungen, d. h. 120 Millionen Menschen litten unter schweren Ernährungsmängeln. Das Jahr der Pandemie ist gekennzeichnet durch einen Anstieg des Welthungers, Vereinte Nationen, Juli 2021: https://news.un.org/fr/story/2021/07/1100002

[47] Sicherheitsfiktion, biopolitische Logik, die bereits im Keim vorhanden war, seit der H1N1-Epidemie im Jahr 2009. Siehe am Ende des Senatsberichts die Senatorin Marie-Christine Blandin, die den Widerspruch zwischen dem Katastrophismus der damaligen Regierung (der unverhältnismäßige Maßnahmen rechtfertigt) und ihrer Politik zur gleichen Zeit im Gesundheitsbereich (Schließung von Krankenhausbetten, Krankenhausabteilungen usw.) aufzeigt.

[48] Richard Horton, Offline: COVID-19 is not a pandemic, The Lancet, Sept. 2020: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)32000-6/fulltext.

[49] Giorgio Agamben, Was ist also eine Gesellschaft, die keinen anderen Wert als das Überleben anerkennt?, NouvelObs, April 2020: [https://www.nouvelobs.com/idees/20200427.OBS28058/giorgio-agamben-qu-est-donc-une-societe-qui-ne-reconnait-pas-d-autre-valeur-que-la-survie.html→https://www.nouvelobs.com/idees/20200427.OBS28058/giorgio-agamben-qu-est-donc-une-societe-qui-ne-reconnait-pas-d-autre-valeur-que-la-survie.html].

[50] Giorgio Agamben, Was ist also eine Gesellschaft, die keinen anderen Wert als das Überleben anerkennt?, NouvelObs, April 2020: [https://www.nouvelobs.com/idees/20200427.OBS28058/giorgio-agamben-qu-est-donc-une-societe-qui-ne-reconnait-pas-d-autre-valeur-que-la-survie.html→https://www.nouvelobs.com/idees/20200427.OBS28058/giorgio-agamben-qu-est-donc-une-societe-qui-ne-reconnait-pas-d-autre-valeur-que-la-survie.html]

Der Text erschien ursprünglich am 7. März 2022 auf Lundi Matin und wurde für die Ausgabe der Sunzi Bingfa übersetzt.

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