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Die große nationale Debatte – Die Macht im Angesicht der großen Lotterie der Worte

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17 Jan , 2019  

Wir erfahren also durch die Presse, dass der Präsident die Durchführung einer großen nationalen Debatte fordert, um die Bewegung und die “Ansprüche” der ‘Gelben Westen’ “besser zu verstehen”.

Im Grunde genommen geht es um das, was die Fernseh-, Radio- und Presseformate seit zwei Monaten versuchen, nämlich die Frage zu beantworten, die (Journalisten und Nachrichtensprecher, Regierungsmitglieder) am meisten als lächerlich ausweist: “Aber was ist eigentlich eine ‘Gelbe Weste’?“ Denn dies sagt eigentlich viel mehr über sie aus als über den Träger der betreffenden Weste.

Diese “Debatte” kann auch als die Fortsetzung einer ethnologischen Phänomenologie, ausgestattet mit einem Tonfall aus dem 19. Jahrhundert betrachtet werden, und vielleicht sollten wir eher von der Zoologie sprechen, die von den herrschenden Klassen und den Herrschern über die am stärksten dominierten und benachteiligten unter Uns ausgeübt wird.

Deshalb schlage ich vor, diese große Debatte als eine große zoologische Untersuchung des Frankreichs des 21. Jahrhunderts mit dem Untertitel “Auf der Suche nach den Armen” zu bezeichnen, deren subsidiäre Frage “Was ist eine gelbe Weste” sein dürfte. Genauer gesagt, “was ist ein armer Mann? Und man schreibe den großen Appell der Regierung, oder zumindest den von E. Macron, in “Mein tapferer Mann, bring mir einen Bettler, damit ich ihn beobachten kann” um.

Einige Leute erkannten, dass sie sich verirrt hatten, dass sie den größten Teil ihres Lebens bei Cocktailempfängen und gesellschaftlichen Anlässen, Imbissen und Dinnern in der City verbraucht hatten, und beschlossen in aller Eile, mit größter Dringlichkeit, angesichts des bevorstehenden Todes, der immer am zerbrechlichsten Eingangstor einbricht, zu schreiben. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Andere, die erkannten, dass sie auch etwas verpasst hatten, ohne wirklich zu wissen, was oder wen, noch sich der Auswirkungen und der retrospektiven Bewegung bewusst zu sein, die dieses Erwachen für ihre schlichte Person (wenn es dieses Bewusstsein gab, und genau das glaube ich nicht) bedeutete, beschlossen, lieber auf der Suche nach den verlorenen Menschen, den verlorenen Armen, dem Bettler unserer Zeit zu gehen. Marcel Proust ist nicht derjenige, der dies will!

Außerdem starten der Präsident und seine Freunde ohne Eile und ohne den Füller in die Hand zu nehmen diese großartige Kommunikationsoperation, vielfach umgeben von einer Armee mobiler Gendarmen (die sanfte Rückkehr der Lektoren?), von der CRS, von den Angehörigen der BAC (Brigades anti-criminalité). Oder vielleicht auch nicht, da wir jetzt wissen, dass Abzeichen und Armbinden wie warme Semmeln zirkulieren, wie Pokemon- Karten getauscht werden, d.h. dass die Kleider nicht den Mönch ausmachen, nicht mehr als der Schlagstock den Polizisten.

Es sei schließlich darauf hingewiesen, dass eine Regierung fünfzig Jahre nach Mai 1968 erneut die Linie des Generals wählt, um die Unordnung mit dem Knüppel zu unterdrücken und zu behaupten “Ich habe dich verstanden”. Mit ein paar weiteren Abzeichen am Ärmel singt die Regierung “Marshal, hier sind wir! “? Vielleicht denkt er das, lass uns aufpassen, lass uns das nicht vergessen.

Da nun die Begrifflichkeiten wieder eingeordnet wurden, lasst uns uns nun einen Blick auf das lächerliche Durcheinander werfen, das vor sich geht, wobei die Regierung und die Medien in einem Spektakel der Verwunderung dargestellt werden. Um von Charybdis zu Scylla zu gelangen, sagt er? Ich glaube es nicht. Diese Überraschung, die jeden Tag wiederholt wird (und vielleicht aufrichtig gelebt wird, Katastrophe), sagt nichts über das Thema – die Revolte – aus, über die sie (Mitglieder der Regierung und der Medien) behaupten zu sprechen, sondern sagt alles oder fast alles über diese Personen, die in Erstaunen versunken sind, in ihrer Blase, ihrer Unwissenheit über die Welt, ihrer groben Unwissenheit und Verachtung für alles, was nicht sie sind.

Ein Erstaunen also, das nach fünfzig Jahren (was soll ich sagen? Mehr!) neoliberaler Politik und dem großen Verrat an den Menschen durch die Linke nicht passieren dürfte.

So ist es mehr als erstaunlich, dass es sich um eine Frage der Verblendung handelt, die heute an eine Grenze stößt, an die des Realitätsprinzips, dass die Vorbilder des liberalen Pragmatismus, die Lieder des Rationalismus, dennoch gut wissen sollten, wer sich in ihrer Berechnung so ernst nimmt wie Ameisen, mit festen Beinen auf dem Boden.

Ja, der berühmte letzte Strohhalm! In diesem Fall der letzte Tropfen von Arroganz und Verachtung. Ein ungezügeltes Unbewusstes (Kommunikationsexperten würden sagen, ungehemmte Sprache) spuckt in das Gesicht von Individuen, die bereits vor Ort sind. Individuen, die ausgebeutet, infantilisiert, niedergeschlagen und jetzt verachtet und gedemütigt werden. Individuen, deren “Auswirkungen der Angst” sofort in “Auswirkungen des Hasses” umgewandelt wurden: Die Geburt der Empörung (um die Worte von Frédéric Lordon in seinem Essay Capitalism, Desire and Servitude zu verwenden). Der Zeitpunkt ohne Wiederkehr ist erreicht. Unerträglich ist daher die Überraschung der Dominanten, die viel zu oft zu spät kommt; ein Zeichen für ihre Blindheit. Aber was bedeutet es, von Blinden regiert und informiert zu werden? Lasst uns weiter gehen, lasst uns erforschen, was diese Blindheit über sie sagt.

Mehrere Medien, von denen ‘der Welt’ bis zum BFM- TV, sagen von den ‘Gelben Jacken’, dass es sich um eine neue und vielschichtige Bewegung handelt, einen Ausdruck eines sozialen “Meckerns” – hier kommt die Zoologie – aus heterogenen Gruppen und ohne Führer, und daher “schwer zu fassen”. Würgendes Entsetzen beim Anhören derartiger Dinge, Schluckauf der Scham.

“Wechsle deinen Job! und öffne die Augen!”, würde ein vernünftiger Mensch antworten.

Wenn es nicht genau die Pflicht des Journalisten ist, hinauszugehen und Kontakt mit der Realität, der Welt und den Menschen die sie bewohnen aufzunehmen und die sich jeden Tag in jede erdenkliche Richtung bewegen und das produzieren, was das Material dessen, was man “die Nachrichten” nennen könnte, ausmacht, dann weiß ich nicht, was ein Journalist ist.

Oder natürlich, und das ist nur eine sehr persönliche Annahme, habe ich eine vage Einschätzung dessen, was dieser Job ist, und ich sehe mich gezwungen zu dem Schluss zu kommen, dass das Einzige, was diese Personen von einem Reporter haben, das Mikrofon ist, das sie in der Hand halten.

Definitiv! Nach Mönchen, die nur ihre Angewohnheiten haben, Polizisten nur den Schlagstock, Journalisten nur das Mikrofon, so sind wir hier, umgeben von irreführenden Erscheinungen. Ist dies das Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft nur dank dieser Individuen funktioniert, die nur aufgrund ihrer Eigenschaften eine Funktion haben? Mit anderen Worten, dass wir umgeben von Betrügern leben?

Ein Journalist, der ein Mikrofon trägt, um hastig die Seiten einer Zeitung zu füllen und sensationelle Bilder zu produzieren, und der so entdeckt wird, um einer Nachrichtenredaktion beizutreten? Ja. Das Gleiche gilt für diesen Polizisten, der zuschlägt, um seine Macht zu demonstrieren und auszuüben, um seine Willenskraft zu entfalten, seinen Wunsch, den anderen ungestraft zu dominieren, zu schlagen und zu demütigen, aber hier insbesondere um sich selbst zu unterscheiden, von wem? Von dem Anderen, den er schlägt, von dem Anderen, von dem der Journalist denkt, dass er nur “grunzt”, von dem Anderen, von dem der Präsident denkt, dass er Gegenstand eines Kommunikations- und Unterdrückungsapparates sein muss, um in die Reihen zurückzufinden.

Lügen von Journalisten, Polizeigewalt, Staatskorruption: Anzeichen von Drift, Zeichen von Betrug und Symptome eines gigantischen Wunsches nach Unterscheidung, und dann? Es wäre das letzte Mal, dass wir die Begriffe im großen Wortlotto requalifizieren: Würden wir uns diesem Tiefpunkt stellen und uns in die Tat erinnern?

Eine Angelegenheit, die von einer primären Angst vor dem Sein angetrieben wird, für diese Betrüger, sagen wir mal, lassen Sie uns die Hypothese von diesen rückständigen Hinterwäldlern weiter vorantreiben?

Und was ist ein Hinterwäldler, wenn nicht der andere, der weniger gut urteilt als man selbst, der Bewohner eines kleinsten Bezirks als des eigenen, der einen Rüpel richtet, “der Unsichtbare”, derjenige, der keine Funktion und damit keine Macht haben würde, kurz gesagt, der Dominierte?

Schauen wir uns das an: Der Präsident und die Politiker tragen das Gewand, aber keiner von ihnen erfüllt seine Funktion, nämlich die Wähler zu vertreten, das allgemeine Interesse zu verteidigen. Im Gegenteil, sie alle vertreten sich selbst, verteidigen ihre persönlichen Interessen, sind durch Ehrgeiz, Karriere, Machtliebe, Hybris da, und nicht nur aus dem Grund, warum sie da sein sollten, um vorübergehend eine politische Funktion zu übernehmen. Für den Anderen da zu sein, und nicht für sich selbst.

Eine Maxime also, um während dieser zoologischen Untersuchung an die Gouverneure und die Medien zu richten: Sie vergessen einerseits, dass wir alle die rückständigen Hinterwäldler von jemandem sind, und andererseits, dass sie für niemanden, wenn nicht für sich selbst, vonnöten sind.

Nach dieser informativen Reise in das Land der Worte, wissen wir es:

1°) Dass wir Gegenstand einer zoologischen Untersuchung sind;

2 °) Dass wir es mit einer großen Gruppe von blinden Betrügern zu tun haben, die Angst davor haben, Hinterwäldler zu sein, und zu deren Gunsten diese Untersuchung durchgeführt wird;

3 °) Dass wir folgende Konsequenzen ziehen können: durchhalten, definieren, dokumentieren, demonstrieren, immer wieder.

Sprachinterventionsbrigade



Anmerkungen:

Wie immer, wenn eine wirkliche Bewegung und nicht eine hybride Kopie die Bühne der Geschichte betritt, bahnt sich eine neue Sprache den Weg. Bisher Ungesagtes und Ungedachtes will formuliert und postuliert werden. Der Übersetzer sieht sich außerstande, der Schönheit dieses Augenblickes auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Aber da sich bisher niemand gefunden hat, der diesen Job unternimmt, muss das werte Publikum mit diesem plumpen Versuch einer Übersetzung vorlieb nehmen. Die Übersetzung erfolgte weitgehend aus der englischen Version, die auf ‘autonomies’ erschien http://autonomies.org/2019/01/the-gilets-jaunes-a-rebellion-against-the-totalitarians/#more-10009. Das Original wurde am 15.Januar auf ‘Lundi Matin’ veröffentlicht: https://lundi.am/A-la-Moulinette-du-Dictionnaire

Sebastian Lotzer, 16.Januar 2019

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