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Die Hyper-Völle der Fake News

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28 Dez , 2018  

Der kapitalistischen Kulturindustrie sei die Fälschung per se eigen, so Guy Debord, der zudem schrieb, dass in der wirklich verkehrten Welt das Wahre ein Moment des Falschen sei. Selbst Kunstwerke seien nichts weiter als Symbole der falschen Kultur. Oft versuchte man mit dieser Position im Kontext einer Durchschauenskonstellation hinter das Falsche zu gelangen, indem man entweder gut hegelianisch zum Wesen der Dinge vordrang, das durchaus begrifflich verfasst ist, oder zum Original bzw. der unverfälschten Natur, die der Begriff eben nur verfälschen kann.

Es gibt allerdings eine marxistische Position, die behauptet, dass die theoretische Kritik auf die Kernstruktur bürgerlicher Theorie, die der empirischen Falsifizierung per se nicht zugänglich sei, abzuzielen habe – woraus man wiederum folgern kann, dass die Theorie in einem Spannungsverhältnis zur Empirie steht, wobei letztere selbst wieder begrifflich zu untersuchen ist. Hier steht die Frage der Richtigkeit der Theorie auf dem Spiel, die in gewisser Weise die Fakten konstruiert, ohne dass man die Theorie aber der Fälschung bezichtigen kann. Es bedarf dafür im Sinne von Foucault der Aussagen, die in einem bestimmten Verhältnis zu einem Referential stehen, das aber nicht durch Fakten konstituiert wird, sondern durch die Existenzregeln von Gegenständen. Dennoch stehen auch die Fakten zur Debatte, wie sie etwa im historischen Kontext gesucht werden, im Wo? und Wann?, im Wieviel? und Wie?, was ohne eine Intensivierung der Wahrnehmung, die theoretisch inspiriert ist, gar nicht zu leisten ist. Andererseits führt diese Intensivierung auch dazu, dass man, man denke an Deleuze, die Macht des Flaschen und das Trugbild aufsteigen lassen kann, um zu einem positiven Begriff des Fake zu gelangen.

Von solchen Konstellationen ist die heutige Medienwirklichkeit weitgehend befreit, befindet man sich doch einerseits im Dschungel der zusammenfantasierten Fake News, denen andererseits die reinen Fakten, oft genug Statistiken, gegenübergestellt werden. Ein Dschungel der Fake News war beispielsweise die Bild Zeitung schon immer, eine Bastion der Desinformation, gegen die jede Analyse ohnmächtig bleibt. Neu im Zeitalter der sozialen Medien ist, dass fast jeder sich mit seinem Profil eine eigene Bild Zeitung bastelt, von der er wie von unsichtbarer Hand in Bann geschlagen wird.

Wenn man die Tweets des King of Fake News, Donald Trump, liest, dann kommt man zu dem Schluss, dass solche Fake News nur die eines funktionellen Psychopathen sein können, der alles als seine Zeichen deutet, die aber dennoch auf übergeordnete Muster verweisen, vielleicht den Restspuren des Herrensignifikanten. Scheinbar unbezweifelbare Fakten sind längst keine auffindbaren Ereignisse und Dinge mehr, die darauf warten, entdeckt zu werden, vielmehr werden sie im Rahmen eines kurzfristig hergeholten Narrativs wie am Fließband produziert, um noch die letzte Unterscheidung von Spur und Gedankenmüll zu verwischen. Das Referential oder die Referenz auf die Realität wird beliebig, die Referenz muss nur an sich vorhanden sein. So wird die Hyper-Völle des Medialen ständig neu übertüncht, die Information wird zur (gezielten) Desinformation, aus Denken wird Gedankenmüll. Sieger in dieser Produktionskette wird derjenige, dem es gelingt auf der Welle des Überangebots an Information, das die erkennbare Realität hinweg schwemmt, zu surfen.

Dem soll eine Passage aus meinem neuen Buch “Imperialismus, Staatsfaschisierung und die Kriegsmaschinen des Kapitals” angefügt werden«, die das Problem auf anderer Ebene anreißt.

Man sollte darauf beharren, dass die Paranoia der massenpsychologische Treibstoff neofaschistischer und rechtspopulistischer Bewegungen ist. Diese haben heute die verwundbaren Fremden als ihr geeignetes Feind-Objekt auserkoren. Und um es gleich vorwegzunehmen, die Paranoia der Rechtspopulisten und die des Staates verstärken sich wechselseitig. Aber die in Latenz gehaltene Paranoia bleibt zuallererst und in dominanter Weise die des Staates und seiner Behörden, welche mittels Datenverarbeitung, Kameras, Satelliten, Computerbespitzelung und Abhörverfahren solch eine umfassende Beobachtung der Bevölkerung in Szene gesetzt haben, dass wir ohne Weiteres von einer paranoiden politischen Situation sprechen können. Die Paranoia wird gerade von Seiten des Staates dadurch noch weiter angeheizt, dass trotz der überwältigenden Macht und Perfektion der technologischen Mittel doch nicht restlos alles im Bild oder auf Band festgehalten werden kann (und deshalb weiter überwacht werden muss). Seitdem die weltumspannende optische Überwachung durch den Satellitenblick möglich ist, bleibt der nicht überwachte Raum lediglich ein milde zu belächelnder Atopos, weil eben ein Überwachungssatellit aus wenigen hundert Kilometern Entfernung mit gepixelter Detailtreue hoch aufgelöste Echtzeitbilder von jedem Ort der Welt als Top Shots auf die Computermonitore der Angestellten von Geheimdiensten senden kann. Dabei kommen die Bilder aus den Kalkülen selbst hervor, sie sind numerisch programmiert.

Die Paranoia, von der wir hier sprechen, impliziert die ständige Konstruktion der Furcht und von solchen Situationen, die sie geradezu herausfordern, basierend auf der Befürchtung, dass es ein total gefährdetes System geben könnte, welches das Subjekt andauernd durchquert, ein System, das allerdings eher imaginiert als gewusst wird. In diesem Kontext dienen sämtliche Wahrnehmungen der Paranoia lediglich als Zeichen für die Existenz einer unsichtbaren Macht, wobei die exzessiven Interpretationen der Macht, die schließlich immer darauf hinauslaufen, dass die Macht nämlich unauffindbar bleibt, den paranoiden Wahn letztendlich generieren. Die Paranoia ist hier nicht pathologisch zu verstehen, sondern als ein normalisierendes und bis zu einem gewissen Maß institutionalisiertes Verfahren, das verschiedene Intensitätsstufen durchlaufen kann, sodass alles in allem von einer funktionalen Paranoia gesprochen werden muss. Man kann über Paranoia nur reden und schreiben, wenn sie auf den Deutungswahn (Lacan) hin zugespitzt wird, der darin besteht, in alles und jedes Bedeutungen hineinzulegen. Egal ob die Paranoia ungeformt bis pathologisch ist, wie dies Jacques Lacan annimmt, oder gar durch rationalisierende Begründungen angereichert werden kann, sie bleibt, wenn sie kollektiv angestimmt wird, ein Normalitätsverfahren, eine Patho-Logik mit verschiedenen Normalitätsgraden und Abstufungen, wobei die ständige Übertreibung, die heute vor allem medial und in den sozialen Netzwerken betrieben wird, der Paranoia sehr entgegenkommt. Es scheint, als würden Prävention, Prophezeiung und Paranoia zusammen eine Tendenz zur »self-fullfilling prophecy« ausbilden; sie produzieren das, was sie antizipieren, gleichsam virtuell sowie als imaginäre Erwartung, während die Auswirkung paranoider Handlungen auf das Soziale durchaus gefährliche Realitätseffekte erzeugt.

Die Produktion der Paranoia durchläuft mehrere Stufen. Sie beginnt in einer unsicheren und angespannten Atmosphäre, in der man lediglich weiß, dass etwas nicht stimmt. Ihr folgt eine Stimmung, in der Situationen plötzlich Sinn ergeben und die Welt mit Bedeutungen angefüllt wird, und sie endet in einer dritte Phase, in der die Dinge und Situationen mit Bedeutungsüberschüssen supplementiert werden. Die Paranoia impliziert also immer einen Deutungs- und Bedeutungswahn, der sich in einer unverrückbaren symbolischen und imaginären Ordnung verfestigt, die relativ konsistente Wahnaggregate etablieren. Und damit wird ein altes Symbolsystem durch eine gewisse Anzahl von kollektiven Wahnaggregaten ersetzt, mit denen sich eine, wenn auch fragile symbolische Ordnung herstellen lässt, die heute in den Medien ständig transformiert wird. Wenn heute etwa eine bestehende Faktenlage mit Daten- und Informationsströmen und Fake-Konvulsionen über alle Medienkanäle regelrecht überflutet wird, sodass allein schon wegen dieses Exzesses jeder Sachverhalt problemlos umgedeutet werden kann. Es lässt sich oft kaum noch ausmachen, was angesichts des Überangebots an Informationen gezielte Desinformation oder nur ungenaue Rasterung ist. Damit wird das Verarbeitungsproblem selbst immer prekärer, sodass schließlich nur noch die permanente Rekonstruktion der riskobehafteten Ereignisse hilft, bei der allerdings alle Bedingungen, die zu einem Ereignis geführt haben, von der Rekonstruktionsarbeit im Rahmen teleologischer Notwendigkeit selbst gesetzt werden. Dabei konstruieren die Paranoiker entweder Verschwörungen oder sie verkünden die Gabe, die dunklen Geheimnisse anderer durchschauen zu können, noch ehe sie überhaupt in die Welt gesetzt werden, sodass dem paranoiden Urteil auch eine antizipierende Präventivlogik entspricht, mit der ein Verdächtigter von vornherein als schuldig gilt. (Vgl. Deleuze/Guattari 1992: 393) Jüngste Ereignisse wie der Brexit, die Fake-News-Politik Trumps oder die notorische Lügenpolitik des Rechtspopulismus zeigen, dass die Aussagen in dieser postfaktischen Lage teilweise noch nicht einmal mehr des Anscheins von Wahrheit bedürfen. So werden etwa Kriminalitätsraten in Deutschland wissentlich falsch mit Flüchtlingen in Verbindung gebracht, was weder ein Schamgefühl hervorruft noch zu ernsthaften Konsequenzen für die Medien, die das Postfaktische verbreiten, führt.

Insofern verwundert es nicht, dass dem postfaktischen Zeitalter die unaufhörliche Generierung und Interpretation von Daten immanent ist, was allerdings längst nicht beliebig (und ohne jede Bedeutung) verläuft, sondern aufgrund der institutionell geschaffenen Kontingenzlagen eine paranoide Form annimmt. Diese wiederum wird durch die automatisierte Auswertung großer Datenmengen zu dem Zweck der Erkennung von Mustern, Regelmäßigkeiten und verborgenen Gesetzmäßigkeiten in den Datenströmen, technologisch untermauert. (Doll 2016: 312) Diese Verflüssigung der Bedeutung im endlosen Datenbrei in Folge der permanenten Suche nach Mustern und Korrelationen in den produzierten Datenmengen heißt nicht, wie etwa von Baudrillard mit seiner Simulationstheorie angenommen, dass jede Bedeutung verschwindet und die Zeichen indifferent lediglich noch im Als-Ob zirkulieren (Baudrillard 1982), sondern dass der Deutungswahn immer intensiver um sich greift, gerade aufgrund des Faktums, dass nach wie vor be- und gedeutet werden muss, unabhängig davon, was nun im Einzelnen bedeutet wird. Dies liegt in der letzten Instanz in der auf die Zukunft ausgerichteten Kapitalisierung, die sowohl das Geld als auch die Bits in ihrer Austauschbarkeit als auch eine auf die Zukunft kalkulierende Vermehrung des Kapitals umfasst, einzig zu dem Zweck, alles und jedes als Finanzanlage zu inszenieren, die, unabhängig vom Basiswert, auf den sie sich angeblich bezieht, nichts außer Rendite erwirtschaften soll. (Vgl. Vief 1991: 132f.)

Bezüglich der Austauschbarkeit von Bits erweist sich der Computer als ein Zeichentransformator,der reine Information prozessiert, aber nicht ohne Inhalt, sondern mit beliebigem und austauschbarem Inhalt. So wie Geld gegen Ware austauschbar sein muss, gleichgültig, gegen welche, so müssen Bits etwas bedeuten, gleichgültig, was sie bedeuten. (Ebd.) Geld und Bits indizieren Kommunikation eben ausschließlich unter dem Aspekt der Negation einer spezifischen Bedeutung. Oder, um es anders zu sagen, unter Ausschluss jeder Bedeutung, außer der, dass unaufhörlich bedeutet werden muss, sodass Dassheit oder die die durchkreuzte Perspektive des Sinns hier eindeutig in den Vordergrund tritt. Es kommt deshalb gerade auch bei der gegenwärtigen Dateninvasion zu keinem Bedeutungsverlust, sondern zu einer Bedeutungsüberproduktion, die der durch das Kapital gesetzten Gleichgültigkeit jeder Bedeutung gegenüber komplementär ist, aber es muss ja nach wie vor bedeutet werden, ansonsten fiele das System auseinander. Diese Art der Bedeutungsüberproduktion macht den wirklichen Verlust an Bedeutung aus.

Foto: Stefan Paulus

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