Die Implosion des systems

Baudrillard bindet die Instabilität des Systems an die Implosion, womit er andeutet, dass das System in sich kollabiert (und nicht durch einen nuklearen Krieg etwa explodiert). Es befindet sich in einer Involution, bricht also an einem Punkt schlagartig in sich selbst zusammen. Für Baudrillard bewegt sich das System heute ständig in beschleunigender Beschleunigung auf seinen Kulminationspunkt bzw. seine Grenze zu, wobei es die zunehmende Dichte der Simulationen ist, die es schließlich zerstört. Die Simulation saugt die gesamte Energie des Realen auf und spukt sie als ein Exzess des Hyperrealen aus. Das System leidet an der Ekstase des Gleichen. Immer mehr vom Gleichen zirkuliert selbstreferenziell, das heißt, die Zirkulation der Bilder und der Zeichen hat im Stadium der Hyperrealität jegliche Referenz verloren – Zeichen beziehen sich nur noch auf weitere Zeichen. Was zu diskutieren wäre.

Veranschaulichen lässt sich das an der Zirkulation und Verbriefung von Derivaten wie den CDOs. Diese enthalten hierarchisch gegliederte Ansprüche an Zahlungen, und zwar Tranchen, die als sicher angenommenen werden, und unsichere Tranchen, wobei selbst noch diese risikoreichen Papiere vor der Finanzkrise 2008 wieder aufgekauft und zu neuen Zahlungsversprechen verpackt wurden. Kauft eine Firma die vom Ausfall bedrohten Papiere in hinreichender Menge, lassen sich die Risiken erneut bündeln und durch weitere tranchierte Wertpapiere finanzieren, womit CDOs dritten Grades etc. geschaffen werden. Gerade die Verpackung der CDOs in CDOs von CDOs und in CDOs dritter Ordnung hebt aber die A-linearität und Diachronie der Strukturierung von Risiken nicht auf, sondern führt stattdessen zu einer Implosion der CDOs und verschärft gleichzeitig die Abhängigkeit der Finanzinstitutionen untereinander, und zwar durch die sukzessive Steigerung der gegenseitigen Kreditansprüche.

Jedes Derivat wäre für Baudrillard nicht nur eine exakte Kopie, sondern trüge auch eine exakte Kopie von sich selbst in sich und könnte zu jedem beliebigen Zeitpunkt gegen ein beliebiges anderes Derivat ausgetauscht werden. Die Derivate sind unterschiedlich viel wert, so dass sie als Repräsentation ihrer selbst angesehen werden können, und doch repräsentieren sie sich gegenseitig perfekt, so dass sie sich in jeder beliebigen fraktalen Umgebung reproduzieren können. Diese Art von Ansatz wird auch mit großem Erfolg von Fast-Food-Franchiseketten genutzt, die in jedem Restaurant die gleiche Erfahrung bieten.

Die Implosion geht mit einer Zerstörung des Sinns im Taumel des Sichtbaren einher. Die Krisenhaftigkeit der Ökonomie, ja die Unsicherheit der Welt soll durch die artifizielle Evidenz des Derivativen und des Sichtbaren bezwungen werden. Im gegenwärtigen Regime der Simulation und des Fraktalen werden soziale und ökonomische Wirklichkeiten aus Derivaten, Zeichen und Modellen erzeugt, die dem Realen vorausgehen, ja das Modell produziert das „Reale“ als Hyperreales, das Medium und die Botschaft in einem. Infolgedessen verweisen die Modelle und Zeichen auf nichts mehr als auf sich selbst.  Alle Zeichen oder Bezüge flottieren frei in einem Teufelskreis oder auf einem Möbiusband. Im Hyperrealen zirkuliert die Besessenheit einer Überbietung der Zeichen durch die Zeichen.

Wo das Reale durch die Sichtbarkeit maximaler Künstlichkeit im Hyperrealen negiert wird, entsteht gerade die Fiktion eines Realen jenseits des Hyperrealen.  So ist es für Baudrillard zum Beispiel Disneyland, das verdecken soll, dass das Reale nicht mehr das Reale ist, es ist genauso wenig wirklich wie Disneyland selbst. Das Hyperreale soll eben sogar noch Ununterscheidbarkeit von Fiktion und Realität verschleiern.

Es gibt für Baudrillard also das Reale, das durch das System hervorgebracht wird, aber auch das Reale, das die absolute Grenze des Systems ist. Baudrillard feiert nicht nur die Simulation der Simulation, das Ende des Realen im Hyperrealen wie es viele seiner Kommentatoren meinen. Sein Problem ist vielmehr auch, wie man das Reale denkt, wenn alles Simulation ist, wie man das Reale gegen die Versuche der verschiedenen Rationalitätssysteme, es zu erklären, einsetzen kann. Aber das ist ein Proble, das weiter zu diskutieren wäre.

Zeichen, Derivate und Modelle zirkulieren mit zunehmender Geschwindigkeit, wobei die Bezugspunkte immer unwahrscheinlicher werden. Das zeigen Finanzkrisen. Die Zentralbanken versuchen die Überakkumulation (Zuviel vom Gleichen des Gleichen) des spekulativen, fiktiven und industriellen Kapitals, das zyklisch zu Krisen führt, durch das Über ihrer Geldpolitiken zu heilen. Unzweifelhaft handelt es sich heute bei den Zentralbanken um bedeutende Krisenakteure, die das Über des Geldkapitals durch verschiedene Eingriffe und Interventionen in die Zirkulation des Geldes sichern, verlängern und erweitern und damit aber auch gerade neue Destabilisierungen auf den Weg bringen. Baudrillard sieht das Über des Gleichen in allen Bereichen, von der Mode über die Kunst bis hin zur Politik. Sobald das System gerade durch den beschleunigten Exzess eine Sättigung erreicht, beginnt es in sich zusammenzufallen, wie ein schwarzes Loch.  Die Dinge verschwinden durch Vermehrung oder Kontamination, durch Sättigung oder Durchsichtigkeit, durch Abschwächung oder Auslöschung oder durch die Epidemie der Simulation, durch den Übergang in die sekundäre Existenz der Simulation. Sättigung führt zu Trägheit.

Für Baudrillard sind die globalen Städte bereits zu schwarzen Löchern geworden, die vergangene soziale Phänomene und Bedeutungen auffressen. Sie sind rein funktionale Zonen, die um Standorte wie Hypermärkte (riesige Supermärkte), Einkaufszentren und Verkehrsnetze angeordnet sind. Die Städte scheinen sich aufzulösen. Das liegt daran, dass sie ihren eindeutigen Zweck oder Gebrauchswert verloren haben, vielmehr vibrieren sie als polyfunktionale Black Boxes mit unterschiedlichen Input-Output-Kombinationen. Nützlichkeit ist selbst eine Ideologie, die auf der Simulation von Knappheit oder der Schaffung von künstlicher Knappheit beruht. Sie ist eigentlich eine moralische Konvention, keine Naturgegebenheit.

Supermärkte sind heute auch Versicherungen, Banken, Apotheker, staatliche Informationsverteiler, Hauslieferdienste und vieles mehr. Diese Art von Hyperfunktionalismus zerstört die Funktionen, sie zelebrieren einen Operationalismus ohne spezifische Funktionen. Alle verschiedenen Funktionen werden instantan simultan, ohne Vergangenheit, Zukunft oder Unterscheidung. Alle mentalen, zeitlichen, räumlichen und signalisierten Koordinaten werden in der simulierten Welt austauschbar.

Die Macht hat längst aufgehört, an die Universität zu glauben. Studienabschlüsse haben nicht mehr den Wert, den sie einst hatten. Die Hyperrealität, die Simulation von Funktionen, neutralisiert das umgebende Territorium.

Für Baudrillard wird das System ständig von dem Gespenst der Krise heimgesucht, die es als Spektakel vorführt. Es stellt seine Alternativlosigkeit ständig seiner Krise gegenüber (Nachrichten, Katastrophenfilme, Kriminalfilme, Actionfilme). Nach der Produktion von Bedeutung bleibt nur noch  die Zirkulation, und Ventilation der Zeichen und Bilder als Spektakel oder im Panikmodus. Explosionen werden vorhergesehen und ausgeschlossen. Aber die Implosion, der Tod der kybernetischen, kombinatorischen Welt, bleibt eine ständige Bedrohung.

Einige soziale Institutionen brechen schneller zusammen als andere. Das Recht ist in der Krise, weil es eine Macht zweiter Ordnung ist. Es wird durch die Norm ersetzt. Statt mit Explosionen, die sich dem Gesetz entziehen, befasst man sich mit der Abweichung als Anomalie, die vom Durchschnitt abweicht. Es wird durch die Parodie untergraben, die Unterwerfung und Übertretung gleichwertig macht. Die Macht wiederum wird durch das Entgleiten der Bedeutungen und das Fehlen von Referenzialität entmachtet. Sie wird zu einer leeren Simulation von Macht. Sie droht zu kollabieren, weil sie sich im Spiel der Zeichen auflöst.

Die Macht versucht, sich gegen den Zusammenbruch der Bedeutung zu wehren, indem sie überall das Reale und das Referenzielle wieder einführt. Sie versucht, die Menschen davon zu überzeugen, dass die soziale Welt immer noch objektiv real ist. Sie verweist lieber auf die Krise oder sogar auf die Sehnsucht, als ihren eigenen Zusammenbruch zuzugeben. In der Vergangenheit bekämpfte sie die Bedrohung durch das Reale, indem sie es in gleichwertige Zeichen umwandelte. Jetzt bekämpft sie die Bedrohung durch die Simulation, indem sie mit der Krise spielt. Es macht sich Ideologietheorien und sogar radikale Kritiken zu eigen, um den Anschein von Wahrheit zu wahren.

Das unternehmerische Subjekt befindet sich in einer ähnlichen Situation der Krise. Das System, gerade im Neoliberalismus, stützt sich auf Selbstverantwortung des unternehmerischen Subjekts. Aber in einem System, das auf bürokratischer Programmierung beruht, werden unverantwortliche Akteure benötigt – Figuren wie Eichmann, die einfach nur Befehle befolgen oder Funktionen erfüllen. Die Subjekte werden in eine Drift, in eine Art ständigen unbewussten Zustand versetzt. Ohne feste Beziehungen verwandelt sich alles in einen Strom von Übertragungen.  Die Ersetzung von Bedeutung durch Funktionen lässt die Menschen erwarten, dass alles immer funktioniert. Eine Verzögerung von ein paar Sekunden beim Laden einer Webseite wird zu einer unerklärlichen Quelle immenser Frustration. Die Ursachen sind verschwunden, aber die Auswirkungen sind immens geworden – etwa wenn eine lokale Katastrophe einen globalen Stillstand verursacht.

Diese Verallgemeinerung der Verantwortung lässt sich auf den Verlust des symbolischen Austauschs zurückführen. Die verallgemeinerte, unbegrenzte Verantwortung entsteht, weil nichts mehr ausgetauscht wird, die Tauschbedingungen werden einfach untereinander ausgetauscht. Das System erzeugt nichts als Schwindel und Faszination. Die verallgemeinerte Verantwortung ist gleichbedeutend mit verallgemeinerter Verantwortungslosigkeit und dem Zusammenbruch der sozialen Beziehungen. Werte wie Verantwortung, Gerechtigkeit und Gewalt kursieren nur noch als staatlich verordnete Simulationen. Das wiederum ist fatal für die „Szene“ der Politik.

Produktion und Bedeutung werden durch Simulation und Faszination ersetzt.  Der Inhalt – Information, Kultur, Waren – ist nur noch die Unterstützung für das Funktionieren des Codes, des Mediums.  Die Funktion des Codes besteht einfach darin, die Masse zu reproduzieren.  Die Information verschlingt ihren eigenen Inhalt, indem sie das Reale in das Hyperreale verwandelt. Einerseits verbindet Baudrillard die Simulation mit dem Code und der Kybernetik, andererseits betont er die chaotische Dimension der Simulation als Zustand der Unentscheidbarkeit und Indetermination, als Ende des Realitätsprinzips und als Implosion der binären Dichotomien, auf denen das Realitätsprinzip ja wesentlich beruht: „Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzen Begriffen. Überall die gleiche Genesis der Simulakren: die Austauschbarkeit des Schönen und des Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation. Diese universelle Austauschbarkeit der Zeichen führt Baudrillard zwar noch auf die Arbeit des Codes zurück, sofern dieser formale, operationale Modelle generiert, in denen Inhalte und Sinngehalte keine Rolle mehr spielen. Dennoch lässt sich das Moment der Simulation in der Figur des Codes und mit ihm des System nicht mehr denken. Auf der einen Seite wird die Simulation als Zustand der Referenzlosigkeit beschrieben, auf der anderen Seite stiftet aber auch der Code noch eine gewisse Art des Referenz-Signifikanten. Baudrillard löst diesen theoretischen Widerspruch nach und nach auf, indem er die Rede vom Code schrittweise verabschiedet. Stattdessen spricht er, vor allem eher von Bildern, die schwerer bestimmbar sind als Codes, wodurch sich das chaotische Moment sehr viel besser darstellen lässt.

Am Ende spricht Baudrillard von einem vierten Stadium der Zeichen und der Werte, dem Fraktalen. Auch hier gibt es das Konzept eines chaotischen Elements, das in allen Fraktalen vorhanden ist. In der Mathematik ist dies eine imaginäre Zahl (Quadratwurzel aus einer negativen Zahl); in der Chaostheorie wird dies als Schmetterlingseffekt bezeichnet. Dieser führt zu einer Singularität, einem außergewöhnlichen Ereignis, einem Börsencrash, einem Riot oder einem beispiellosen Terroranschlag wie dem 11. September. Aber auch diese Ereignisse können nicht verhindern, dass das System seinem Tod durch Implosion entgegen taumelt.

Foto: Sylvia John

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