Die Kommunen im Angesicht der Imperien

Die Kommune war in erster Linie eine Ansammlung von Akten, mit denen gewöhnliche Männer und Frauen die staatliche Bürokratie abbauten.“

Kristin Ross: Das Imaginäre der Kommune

Zweifellos bereitet die gegenwärtige historische Situation einen Krieg zwischen zwei Imperien vor, wobei die globale Hegemonie im Mittelpunkt steht. Auf der einen Seite steht das angelsächsische Imperium (USA, Großbritannien, EU), auf der anderen das chinesische Imperium (China, Russland). Diese beiden Entitäten sind dabei, den derzeitigen Stand der Dinge zu verändern und durch den Übergang vom Kalten Krieg zum offenen Konflikt eine weitere Stufe des Grauens hinzuzufügen. Der chinesische Staatsapparat, der sich des Verfalls der US-Hegemonie bewusst ist, plant den nächsten Schritt: Er will die Zügel der Weltregierung in die Hand nehmen, die durch das globale Dispositiv einer multipolaren Welt unter chinesischer Kontrolle organisiert wird. Die USA, die sich im Niedergang befinden, müssen einen Krieg führen, um ihre Hegemonie zu verteidigen und ihre Wirtschaft anzukurbeln. Auf dieses tragische Bühnenbild wird die Europäische Union den USA folgen, und selbst der narzisstische Perversling Macron wird dem nicht entkommen, da der französische Staat nur ein Rädchen im Getriebe des angelsächsischen Imperiums ist. Das 20. Jahrhundert hat die Formierung des Staates als Nationalstaat untergraben, indem ein neues Paradigma schmittianischer Prägung auftauchte, um das Überleben des modernen Staates zu konstituieren. Dieses Paradigma begreift den modernen Staat als eine imperiale Union verflochtener Nationen. „Der moderne Staat ist nur dann wirklich ein Staat, wenn er ein Imperium ist“ (Alexandre Kojève, Esquisse d’une doctrine de la politique française). Der Kalte Krieg war der paradigmatische Beginn der Epoche der Imperien, in der Imperien transnationale politische Einheiten sind, die sich aus (kulturell oder wirtschaftlich) verflochtenen Nationen zusammensetzen. Diese Entwicklung fällt naturgemäß mit der Entstehung des neoliberalen Modells zusammen und überwindet den einstigen Fehler der Liberalen, bei der politischen Einheit der Nation stehen geblieben zu sein, während gleichzeitig die sozialistische internationalistische Perspektive, die die Zugehörigkeit zu einer Abstraktion mit dem Konstrukt der Menschheit voraussetzt, vom Tisch gewischt wird. 

Die Hypothese eines neuen Weltkriegs erfordert taktische Überlegungen in Bezug auf die Möglichkeit neuer Formen von Ausnahmezuständen und politischer Erpressung, die versuchen werden, Versuche, sich der laufenden Katastrophe zu entziehen, zu liquidieren. Die Geschichte des Widerstands und seines Maquis wird uns sicherlich dabei helfen, unsere Beweglichkeit im Angesicht der Repression zu bewahren. Auch wenn all dies eine Hypothese bleiben sollte, so weist die aktuelle Situation eine echte Neigung zu dieser Tragödie auf: die Rückkehr der nationalen Identität und ihrer heiligen Geschlossenheit mit großem Pomp, vorangetrieben durch die Medien, den immer selbstbewussteren Autoritarismus der Regierung, den amerikanischen Interventionismus, der mit „emanzipatorischen“ Kämpfen gerechtfertigt wird, oder auch das „Woke“ als neue zivilisatorische Waffe [1]. Und die infrastrukturelle Erpressung, um den Impuls zur Desertion zu brechen.

Auf diese Weise kann die Entfaltung der Infrastruktur des Kapitals die Gesten des Entziehens vom Zustand der Verhältnisse ungehört verhallen lassen, selbst eine Revolution kann nicht vollständig aufblühen, da sie bereits aufgrund des entscheidenden Mangels an materieller Macht amputiert ist. Ein revolutionäres Ereignis ist dann dazu bestimmt, ohne eine tiefe Verbundenheit mit seiner materiellen Macht zugrunde zu gehen. Ohne diese wird der Staatsapparat wieder auferstehen, um die revolutionären Kräfte auszulöschen – was das derzeitige Wiederaufleben des Interesses am Neo-Leninismus erklärt. Anstatt nach Art der „Ökos“ in den Sumpf des Machtdenkens zu versinken, warum sollten wir es nicht erneut mit der Konstituierung einer materiellen Macht versuchen, nicht als homogene Macht, die den Staat ersetzt, sondern als heterogene Macht, die in der Lage ist, den staatlichen Zugriff zu unterbinden und die Brennpunkte des Entziehens zu vervielfachen?

Unsere Schwäche liegt hier, in der chronischen Unfähigkeit, etwas anders als durch die Augen des Staates zu sehen, ein klassisches Symptom in einem Land wie Frankreich, das vom Zentralismus und der Institution besessen ist. Die Wahrnehmungsebene wechseln, von der kommunalistischen Geste nach Art der italienischen Renaissancestädte ausgehen, die ihrerseits von Imperien umzingelt waren. Auf die Politik verzichten und sie unseren Feinden überlassen, um so unser ethisches Bewusstsein zu stärken, mit der Verbindung von Technologie und Ästhetik zu experimentieren und Komplizenschaften über das soziale Gefüge hinaus zu knüpfen. In den Ruinen, die die Imperien hinterlassen, die Blüte der Kommunen zu erkennen.

Die Kommune ist zunächst der Ort, an dem ein Zusammenkommen der Lebensformen als der Raum stattfindet, der den Bürgerkrieg offenbart, wobei letzterer als Ausdruck des Wechselspiels zwischen den verschiedenen Lebensformen, zwischen denen, die sich verbinden, und denen, die sich bekämpfen, verstanden wird. Die Kommunen sind lediglich die praktische Materialisierung des Bürgerkriegs, d. h. die Materialisierung der Macht einer laufenden Bewegung des Entziehens. Diese Bewegung ermöglicht die Herausbildung einer bestimmten Art von Verbundenheit mit der Welt.

Da eine Verbundenheit durch ihre Qualität der Verbindung zwischen einer Bindung und einer Form bestimmt wird, offenbart die Verbundenheit die Tonalität ihrer Sensibilität jenseits der Sprache. Eine Form ist die Begegnung zwischen einer Empfindung und einem Körper, in der erlebten Erfahrung entsteht eine Realität. In dieser Form gibt es keine Einstimmigkeit, sondern das Zusammentreffen verschiedener Dynamiken, die in ihrer eigenen Zeitlichkeit gefangen sind. Die Form der Kommune anzunehmen bedeutet, eine Reihe von spirituellen und materiellen Verbindungen zwischen den Seelen zu erleben und einen gemeinsamen Weg in der gelebten Erfahrung zu gehen. Jedes Mal, wenn ein Wesen desertiert und andere Deserteure findet, wird eine Kommune geboren. Jede Kommune versucht, die Frage der Bedürfnisse zu entrümpeln, das „Sein der Bedürfnisse“ zu beenden, indem sie eine gemeinsame Realität und eine verortbare technologische Welt sucht und teilt. Sie versucht, in ihrer gelebten Erfahrung die Verpuffung des ökonomischen Zugriffs auf die politischen und sozialen Subjektivierungen zu sichern.

Paradoxerweise wird jede Kommune von der Gesamtheit der Körper (Wesen, Orte, Gebiete), die ihre lokale Geographie bilden, umschrieben. Sie stellt sich dem Problem ihres Zentrums, d. h. sie schenkt den Mächten, die sie durchdringen, besondere Aufmerksamkeit. Da sie das Zentrum als eine Räumlichkeit sieht, die ein Durchgangsraum bleibt, kann sich eine Kommune nicht in sich selbst verschließen. Denn eine Kommune ruft nach der Begegnung mit anderen lokalen Realitäten, um eine bestimmte Qualität von Bindungen zu knüpfen oder nicht. Wenn wir also die zeitgenössischen Desertionsströme ernst nehmen wollen, müssen wir vielleicht genau das tun: unsere Fähigkeit, dem anderen zu begegnen, indem wir unsere Vorannahmen beiseite lassen. Unsere Reise verlangt von uns, dass wir unglückliche Begegnungen erleben, aber vor allem, dass wir glückliche Begegnungen voll und ganz auskosten.

Marcello Tarì sagte: „Es gibt keine unglückliche Revolution“. Das Wagnis der Kommunen bedeutet, sich für ein anderes Verhältnis zur Zeit einzusetzen, sich der Dringlichkeit zu entziehen, um Verbindungen zwischen Sensibilitäten und Formen herzustellen, die in der Lage sind, unsere Lebensweise zu verändern.

„Wir haben keine Wahl. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Ein Neuanfang unter diesen Bedingungen erfordert kein Heldentum, nicht einmal außergewöhnlichen Mut. Ein wenig Disziplin reicht aus. Und warum sollten wir die Umstände, die uns dazu zwingen, nicht nutzen, um ein wenig Entschlossenheit zu zeigen? Freuen wir uns lieber darüber, dass wir dazu gezwungen werden. Gegen alles und gegen alle, das bedeutet nicht Einsamkeit. Es ist eine bestimmte Art, zusammen zu sein, zu mehreren. Wir sind weniger allein als je zuvor“ (Dionys Mascolos: Zeitschrift ‘Le 14 juillet’).

[1] Siehe ‘Woke Imperium’ von Christopher Mott. Wir raten von der irreführenden französischen Übersetzung von Le monde diplomatique ab, die unter dem Titel veröffentlicht wurde: Les noces de la guerre et de la vertu (Die Hochzeit von Krieg und Tugend).

Erschienen im französischen Original im Mai 2023 auf entêtement, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.

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