Die Kriegsmaschinen des Kapitals (unter Berücksichtigung der Sanktionen gegen Russland)

Heute sind die politisch-ökonomischen Exekutiven der westlichen Staaten nicht mehr nur staatliche Apparate, sondern ein Ensemble von transnationalen Institutionen, die wesentlich vom Finanzkapital beherrscht werden. Während sie ultraliberal mit den Finanzströmen umgehen, entscheiden diese „Schatten“-Regierungen wie z.B. die EU (aber auch die Zentralbanken) in vielen politischen und ökonomischen Fragen und legen z.B. das Beschäftigungsniveau, die Gehälter, die öffentlichen Ausgaben, das Renteneintrittsalter und -leistungen, Steuersätze und vieles mehr für verschiedene Kategorien der Bevölkerung fest. Die nationalen Exekutivbefugnisse sind oft nur noch beschränkt auf die Ausführung und Umsetzung der Richtlinien und Entscheidungen dieser globalisierten Kommandozentralen. Seiner klassischen Form der „Souveränität“ beraubt wird der Nationalstaat auf die Reterritorialisierung der Weltwirtschaft durch Schulden (die er aktiv verwaltet) und auf Kriege reduziert. Es versteht sich von selbst, dass die amerikanische Regierung hier die Ausnahme ist, denn sie ist kein Nationalstaat (im klassischen Sinne), sondern ein imperialer Staat, der sein „nationales Interesse“ mit der Verteidigung und Ausdehnung des globalen Kapitalismus neu definiert hat, indem er die Axiomatik der Weltwirtschaft der Verschuldung regelt und die transnationalen Institutionen beherrscht, die er weitgehend auch geschaffen hat.

Lazzarato/Alliez zeigen, dass eine erste Annäherung an die neuen Funktionen des Krieges und der Exekutive, die als Komponenten der Kriegsmaschine des Finanzkapitals verstehen sind, in dem 1999 veröffentlichten Buch von zwei Obersten der chinesischen Luftwaffe, Qiao Liang und Wang Xiangsui, „Unrestricted Warfare“ stattfand. Im Kontext der nach dem Kalten Krieg wieder aufgeflammten Rivalität zwischen China und den Vereinigten Staaten sehen die Autoren die internationalen Finanzaktivitäten der führenden imperialistischen Länder und Kapitale als einen „unblutigen Krieg“, der vergleichbare Auswirkungen wie ein „blutiger Krieg“ haben kann. Das Finanzwesen ist daher integraler Bestandteil Teil des nicht-konventionellen Krieges. Heute, so stellen die Autoren fest, sind die Faktoren, die die „nationale“ Sicherheit bedrohen weniger die militärischen Kräfte eines feindlichen Staates als „das Ergreifen von Ressourcen, der Kampf um Märkte, die Kontrolle von Kapital, Handelssanktionen und andere wirtschaftliche Faktoren.“ Mit diesem Paradigmenwechsel zeigt sich, dass Schäden durch neue „nicht militärischen Waffen“ genauso gefährlich sein können wie die Schäden durch „militärische Waffen“. Die Autoren legen besonderen Wert auf Finanzen, da dies der effektivste Weg ist, um Bedrohungen auf der Ebene eines Landes oder des gesamten Planeten zu erzeugen.

Staaten verlieren heute zunehmend das Monopol auf Gewalt, da die Zwangsmittel vielfältiger geworden sind, seien es wirtschaftliche, diplomatische, soziale und kulturelle Maßnahmen. Die Auswirkungen des Krieges können daher durch eine Vielzahl von Dispositiven erfolgen, von denen die finanzielle Gewalt sicherlich die wirksamste ist, da ihre Auswirkungen die Ökonomie als Ganzes destabilisieren.  Krieg zu führen ist also nicht mehr die ausschließliche Domäne des Militärs: Offensichtlich  ist die Kriegsführung dabei, die Domäne der Soldaten, der militärischen Einheiten und der militärischen Angelegenheiten zu erweitern  und sie wird zunehmend zu einer Angelegenheit von Politikern, Wissenschaftlern und sogar Bankern.  Die Wirtschaft und insbesondere die Finanzwirtschaft können militärische Mittel ersetzen, was zu einem zu einem „unblutigen Krieg“ führen kann. Die neue Identität von Gouvernementalität und Krieg führt zur Umkehrbarkeit von wirtschaftlichen, politischen, militärischen und humanitären Interventionen. Im neuen Paradigma des postmodernen Krieges sind militärische Operationen nur eine weitere Aktivität des Staates.

Wenn sich die beiden Autoren direkter auf das Funktionieren von Finanzstrategien konzentrieren, was sie sogar „Finanzterrorismus“ nennen, dann kommen sie zu einem Modell des Krieges des Kapitals, das besonders nützlich für das Verständnis die Natur der transnationalen Exekutivmacht und der neuen Realität des Krieges ist. Sie zeigen, dass das Modell der Regierung der Welt-Wirtschaft „vertikal, horizontal und ineinandergreifend geworden ist und supra-nationale, trans-nationale und nicht-staatliche Kombinationen bereithält. Das neue Modell von „Staat + supranationale + transnationale + nicht-staatlichen [Ebenen] wird grundlegende Veränderungen mit sich bringen.“

Die neue reale Exekutivgewalt stellt die realisierte Identität zwischen Wirtschaft, Politik und Militär her, was die Kriegsführung grundlegend verändert. Die daraus resultierende Kriegsmaschine ist per Definition keine regulierende Institution, sondern eine Macht zur Planung und Durchführung des neuen Bürgerkriegs, den einige Militärs als „Krieg im Volk“ analysieren. Diese neue Art von Exekutivgewalt und Kriegsmaschine war zum Beispiel in ihrer „nicht-militärischen“ Version Teil der griechischen Schuldenkrise. Die europäischen Institutionen, der IWF und die EZB müssen sich nicht vor dem Volk oder den Staaten für die Gewalt und die Härte der getroffenen Entscheidungen verantworten; sie müssen nur auf die transnationalen Finanzinstitutionen hören, die heute die Hauptträger der Vermehrung von „Bürgerkriegen“ gegen die Bevölkerung sind.

Während der Prozess der Unterordnung der Judikative und der Legislative unter die Exekutive immer weiter zunimmt, sind nun die meisten staatlichen Gewalten im Westen einer neuen transnationalen Exekutivgewalt untergeordnet. Qiao Liang und Wang Xiangsui sehen dies als Ergebnis der kapitalistischen Globalisierung: „Während wir den Kampfraum im engeren Sinne einschränken, haben wir gleichzeitig die ganze Welt in ein Schlachtfeld im weiteren Sinne verwandelt. […] Die Waffen sind fortschrittlicher und die Mittel ausgefeilter, so dass es zwar etwas weniger blutig, aber immer noch genauso brutal ist.“ Die Ausweitung des Krieges, der nun ein Kontinuum zwischen Krieg, Wirtschaft und Politik herstellt, kombiniert die Strategien der Horizontalität (Vermehrung und Streuung von Macht- und Entscheidungszentren) und der Vertikalität (Zentralisierung und strikte Unterordnung dieser Zentren und Macht- und Entscheidungsapparate unter die Logik des finanziellen Kapitals).

Die Finance ist zu einer nicht-militärischen Waffe geworden, mit der „unblutige Kriege“ geführt werden, die ebenso verheerende Auswirkungen haben können wie „blutige Kriege“. Der Krieg ist nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit blutigen Mitteln, vielmehr ist die Politik des Kapitals die Fortsetzung des Krieges mit allen Mitteln, die seine Kriegsmaschinerie zur Verfügung stellt. Der Krieg selbst übernimmt die Rolle der Krise, die er subsumiert. In der gegenwärtigen Situation ist die Krise nicht von dieser Entwicklung zu unterscheiden. Es geht nicht mehr um zwischenstaatliche Kriege, sondern um neue Formen des transnationalen Krieges, der untrennbar mit der Entwicklung des Kapitals verbunden ist und nicht mehr getrennt von seinen ökonomischen, humanitären, ökologischen und anderen Politiken gesehen werden kann.

Die zeitgenössische Kriegsmaschine des Finanzkapitals setzt die „Kolonisierung“ des Staates fort, den sie nicht nur durch die Unternehmen, sondern auch durch die Verwaltung kontrolliert. Gleichzeitig sind die Regierungen als Teil dieser Kolonialisierung der Verwaltung neue Orte der Entwicklung, Kontrolle und der Durchsetzung eines großen Teils der Techniken der „Gouvernementalität“. Das Management der zeitgenössischen Verwaltung findet sein Vorbild in der Wirtschaft, aber anders als in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wird sie direkt vom finanziellen Kapital und nicht mehr von der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit durch den industriellen Kapitalismus bestimmt. Sowohl die Unternehmen und die Verwaltung werden umstrukturiert, um den Wert des spekulativen Kapitals zu maximieren, und dies zum Nachteil aller anderen Wirtschaftssubjekte.

Die Sanktionen der USA und Europas als Reaktion auf die russische Aggression in der Ukraine, die unbedingt zu verurteilen ist, haben eine Vielzahl von Formen angenomme. Das sind Sanktionen gegen die russische Zentralbank, die den Zugriff der Bank auf ihre Reserven in Euro und Dollar verhindern. Zum anderen wird russischen Finanzinstituten die Nutzung des globalen Finanznachrichtensystems Swift untersagt, was die Abwicklung grenzüberschreitender Transaktionen für diese Institute erschwert.

Die schwerwiegendste Maßnahme besteht darin, die Dollar-Guthaben der russischen Zentralbank einzufrieren.  Dies ist noch nie zuvor einem G20-Mitgliedstaat passiert.  Nur die Zentralbanken Venezuelas, Nordkoreas und Irans haben dieses Schicksal erlitten.  So können die russischen Devisenreserven in Dollar überhaupt nicht mehr zur Stützung des Rubels auf den internationalen Devisenmärkten oder zur Finanzierung inländischer Geschäftsbanken in Dollar verwendet werden.  Die Regierung müsste sich auf die Finanzierung durch den Rubel (der auf den Weltwährungsmärkten abstürzt) und auf Nicht-Fiat-Währungen wie Gold verlassen.

Russland hat zudem immer mehr Gas nach Europa geliefert und dafür Bankguthaben im Eurosystem erhalten, die jetzt auch eingefroren werden. Wer gegen fremde Währungen exportiert, geht immer ein Risiko ein. Wer gegen die eigene Währung importiert, hat unter Umständen Vorteile.

Die Sanktionen gegen die russische Zentralbank werden es ihr zunehmend erschweren, russische Bürger mit Dollar und Euro zu versorgen, und es zudem der Bank unmöglich machen, Dollar und Euro zu verwenden, um den Wert des Rubels auf den Weltmärkten zu verteidigen. Langfristig schadet ein schwacher Rubel der russischen Wirtschaft, da er die Importe verteuert. Kurzfristig könnte dies bedeuten, dass lange Schlangen an russischen Geldautomaten in einen heftigen Absturz des Rubels umschlagen.

Der größte Teil der russischen Devisenreserven wird in westlichen Zentralbanken gehalten.  Russland hat etwa 23 % seiner Reserven in Gold, aber es ist nicht klar, wo diese physisch gehalten werden.  Wenn die vorgeschlagenen Sanktionen angewendet werden, könnte dies die Geldströme und den russischen Rubel ernsthaft schädigen und eine beschleunigte Inflation und sogar einen Ansturm auf die Banken in Russland verursachen.

Die Auswirkungen der Swift-Sperren sind noch nicht ganz klar, da man noch nicht weiß, wer davon betroffen sein wird. Bisher sieht es so aus, als würde der Westen versuchen, die russische Energie, insbesondere das Gas, weiter nach Westen fließen zu lassen, aber auch das könnte sich ändern. Da die Energie Russlands wichtigste Dollarquelle ist, ist man noch davon entfernt, was man als „shock and awe“ Finanzsanktionen bezeichnet.

Ein wirklich umfassendes Sanktionsregime, wie das, das die USA gegen den Iran verhängt haben, erfordert gleichzeitige und sich gegenseitig verstärkende Maßnahmen an mehreren Fronten. Dazu gehören Maßnahmen sowohl gegen Privatbanken als auch gegen die nationale Zentralbank, der Ausschluss von Finanzinstituten aus den Korrespondenzbankbeziehungen und dem Swift-Kommunikationssystem sowie gezielte Bemühungen, den Handel mit strategischen Gütern zu unterbinden, auch durch die Verhängung von Sekundärsanktionen gegen diejenigen, die versuchen, mit dem sanktionierten Land Handel zu treiben. Mit diesen Mitteln legten die USA die iranische Wirtschaft lahm, indem sie die iranischen Ölexporte von 2,5 Millionen Barrel pro Tag auf nur noch 400.000 Barrel reduzierten.

In Bezug auf Russland haben die USA bisher dafür gesorgt, dass US-Finanzinstitute keine Korrespondenzbankbeziehungen zu allen großen russischen Geschäfts-, Industrie- und Politikbanken mehr unterhalten dürfen. Vor allem wurden die Sanktionen auf die Sberbank, die bei weitem wichtigste russische Bank, ausgedehnt. Der Ausschluss einer Bank von der Bedeutung der Sberbank aus dem Dollar-Finanzsystem ist ein dramatischer Schritt. Es ist die drakonischste Sanktion, die die USA jemals verhängt haben. Die Sberbank wird keine internationalen Dollar-Zahlungen mehr tätigen oder empfangen können. Dies wird sich störend auf die Fähigkeit der Sberbank auswirken, ihren Kunden jegliche internationale Dienstleistung anzubieten. Seit heute, dem 26. Februar, funktionieren die von der Sberbank ausgegebenen VISA-Karten außerhalb Russlands nicht mehr. Der Aktienwert der Sberbank ist abgestürzt und wird wahrscheinlich weiter sinken. Die Bank könnte einem Ansturm russischer Einleger ausgesetzt sein, die ihr Bargeld so schnell wie möglich in Fremdwährung umtauschen wollen. Etwa die Hälfte der russischen Haushalte hat ein Konto bei der Sberbank.

Hinzu kommen die „slow burn“-Sanktionen gegen den Zugang Russlands zu Schlüsseltechnologien.  Die USA beabsichtigen, Russland von der weltweiten Chipversorgung abzuschneiden.  Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, der weltgrößte Auftragsfertiger von Chips, der mehr als die Hälfte des Weltmarktes für Chips kontrolliert, hat sich verpflichtet, die neuen Ausfuhrkontrollen uneingeschränkt einzuhalten.  Russland ist nun der Zugang zu hochwertigen Halbleitern und anderen Technologieimporten verwehrt, die für seinen militärischen Fortschritt entscheidend sind.  Es ist jedoch möglich, dass chinesische Unternehmen, insbesondere solche, die selbst Ziel von US-Sanktionen waren, Russland dabei helfen könnten, die Ausfuhrkontrollen zu umgehen. Huawei könnte den russischen Markt für Telekommunikationsausrüstung erschließen.

Es ist klar, dass Energie und andere Rohstoffe teurer werden. Dies wird auch im Westen zur Inflation beitragen, da das Wachstum gebremst wird. Die Frage ist, wie stark die Sanktionen ausfallen werden und wie groß der stagflationäre Effekt sein wird.

Eine weitere Eskalation des Krieges kann durchaus zu einer globalen Wirtschaftskrise führen, da sie sich wahrscheinlich auf die Inflation und das Wachstum auswirken wird. Da Russland und die Ukraine zudem für den globalen Getreidemarkt wichtig sind, würde sich jede Beeinträchtigung der Ernten oder Exporte in vielen Schwellenländern und insbesondere in Afrika, wo Lebensmittel einen großen Teil des Warenkorbs ausmachen, in höheren Preisen niederschlagen. Die Flucht vor dem Risiko und der Druck auf die Bewertungen werden in den kommenden Tagen und Wochen wahrscheinlich nicht die treibende Kraft an den Märkten sein. Die treibende Kraft wird die Liquidität sein.

Russland ist eine Volkswirtschaft mit finanziellen Überschüssen und vielen reichen Unternehmen und Einzelpersonen, die über große reale und finanzielle Vermögenswerte verfügen. Diese Unternehmen und Oligarchen verfügen über Vermögenswerte, die zum Teil mit Fremdkapital finanziert werden. Derjenige, der dieses Fremdkapital zur Verfügung gestellt hat, wird sein Geld heute sofort zurückverlangen. Aber es ist nicht klar, ob er es zurückbekommt, wenn man es mit einer sanktionierten Einrichtung zu tun hat. Die Kreditgeber haben ein Loch in seiner Bilanz, was sie dazu veranlasst, ihre Kredite fällig zu stellen.   

Wenn die russischen Banken von der internationalen Finanzwelt abgeschnitten werden, dann führt dies zu Zahlungsausfällen, was zu Bedingungen führen könnte, die denen in den ersten Tagen der Pandemie nicht unähnlich sind. Der Ausschluss von Swift wird zu verpassten Zahlungen und riesigen Überziehungen führen. Der Virus hat den Waren- und Dienstleistungsverkehr zum Erliegen gebracht, was zu Zahlungsausfällen führte, und der Krieg hat zu Ausschlüssen von Swift geführt, was wiederum zu Zahlungsausfällen führen wird.

Die Logik der Eskalation wird von folgenden Faktoren weiter angetrieben, a) mögliche nukleare Gegenschläge des Westens oder Russlands, b) entscheidende Ereignisse auf dem Schlachtfeld in der Ukraine und c) welche Auswirkungen die Sanktionen in den kommenden Tagen auf Russland haben werden.

Adam Tooze schreibt heute in seinem Chartbook:

„Es gibt mindestens drei Möglichkeiten, Russlands Reserven zu betrachten.

Die erste und offensichtlichste Art, Russlands Reserven zu betrachten, ist die eines nationalen strategischen Puffers. So haben sie in den Jahren 2008 und 2014 funktioniert. Wenn das russische Finanzsystem und die russische Währung unter Druck geraten, können Dollar und Euro aus den Reserven gegen Rubel verkauft werden, wodurch der Wert der Währung gestützt und der Abwertungsprozess verlangsamt wird, was den Schuldnern die Möglichkeit gibt, ihr Engagement gegenüber ausländischen Gläubigern abzubauen, und Importeure und Verbraucher entlastet.

Was sich geändert hat, ist, dass der beispiellose Schritt, die russische Zentralbank zu sanktionieren, wahrscheinlich dazu führen wird, dass ein großer Teil der russischen Reserven für die russischen Entscheidungsträger nicht mehr verfügbar ist.

Der springende Punkt ist, dass die Euro- und Dollarreserven nur durch den Verkauf auf den westlichen Finanzmärkten eingesetzt werden können. Diese Transaktionen erfordern zwischengeschaltete Banken. Und diese Banken können daran gehindert werden, sich an Transaktionen zu beteiligen, an denen die russische Zentralbank beteiligt ist. Dies gegenüber einer anderen Zentralbank zu tun, bedeutet, die Annahme der souveränen Gleichheit und das gemeinsame Interesse an der Wahrung der Eigentumsrechte zu verletzen. Dies ist ein großer Schritt, der nicht leicht gegen eine Zentralbank unternommen werden kann, die so wichtig und so sehr Teil der westlichen Netzwerke ist wie die russische Zentralbank. Soweit mir bekannt ist, wurde er 2013/14 nicht in Erwägung gezogen.

Eine zweite wichtige Sichtweise auf die Reserven ist die eines Überschusses an nicht ausgegebenen Einnahmen, die aus der russischen Wirtschaft herausgepresst und absichtlich gedrosselt wurden, um einen Überschuss in den Händen des Staates zu erzeugen.

Die schwer angeschlagenen Banken erhöhen die Zinssätze für ihre Kunden. Das wird den Immobilienmarkt und die verschuldeten Haushalte schmerzhaft unter Druck setzen.

Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die russischen Reserven zu betrachten:

Sie sind Petrodollars. Das sind die Exporteinnahmen eines Öl- und Gasexporteurs. Und das, was wir über Petrodollars wissen, ist, dass sie recycelt werden. Konservative Exporteure fossiler Brennstoffe geben das Geld, das sie verdienen, nicht einfach für unmittelbare Importe aus, sondern sie verleihen das Geld, das sie mit dem Verkauf von Öl und Gas verdienen, an ihre Kunden zurück und bauen damit finanzielle Forderungen auf oder, was dasselbe ist, sie stellen den globalen Finanzmärkten Mittel zur Verfügung. Öl und Gas werden so in einen dauerhaften Strom von Zinszahlungen und Dividenden umgewandelt.

Der entscheidende Punkt, der hier deutlich wird, ist, dass Russlands Reservenakkumulation ebenso wie die anderer Öl- und Gasproduzenten wie Norwegen oder Saudi-Arabien eine Finanzierungsquelle auf den westlichen Märkten darstellt. Die Reserven liegen nicht einfach untätig auf den Konten der Zentralbanken, sondern werden ausgeliehen. Mit den Sanktionen ist die Finanzierung durch Russlands Petro- und Gasdollars in Gefahr. Und das betrifft nicht nur die Russen.

Wenn man Russland sanktioniert und damit Hunderte von Milliarden Dollar in der globalen Bilanz blockiert, muss man sich fragen: Was passiert mit der anderen Seite der Bilanz? Die Reserven sind die Aktiva Russlands, sie sind die Passiva eines anderen, der wiederum diese Passiva mit einem Aktivum ausgeglichen hat und so weiter. Diese Ketten können verzweigt und kompliziert sein.

In den 2000er Jahren kaufte Russland wie China und Japan US-Staatsanleihen. Damit wurde es zu einem Gläubiger der US-Regierung. Dies löste auf beiden Seiten Unbehagen aus, das 2008 in dem (wahrscheinlich übertriebenen) Gerücht gipfelte, Russland dränge China, sich an einem „Bärenangriff“ auf den US-Schatzmarkt zu beteiligen – also absichtlich US-Staatsanleihen zu verkaufen, um einen Markteinbruch zu provozieren.

Unbestritten ist, dass Russland 2018 unter Androhung von Sanktionen seine offiziellen und direkten Bestände an Staatsanleihen reduziert hat. Es gibt verschiedene Theorien darüber, was dann geschah. Wo sind die Milliarden geblieben?

Wie Zoltan Pozsar von der Credit Suisse in seinem „Global Money Despatch“ dargelegt hat, wurden Russlands Dollarbestände seit dem ersten Ausverkauf im Jahr 2018 zunehmend nicht mehr auf dem Markt für langfristige Staatsschulden, sondern auf den kurzfristigen Geldmärkten eingesetzt. Russlands Geld wurde aus US-Schatzpapieren in Devisenswaps umgeschichtet, bei denen Russland Dollar im Tausch gegen Nicht-Dollar-Sicherheiten verlieh. Die russische Seite dieser Paarung von Aktiva und Passiva, so Pozsar, zeigt sich in den russischen Reserveguthaben bei Nicht-US-Zentralbanken. Diese sind es, die seit heute Morgen sanktioniert werden.

Bei den russischen Geldern in europäischen Zentralbanken handelt es sich nicht einfach um untätig herumliegende Geldsammlungen. Sie sind Teil komplexer Transaktionsketten, die nun durch die Sanktionen gefährdet werden könnten.

Wenn beispielsweise Gelder aufgrund von Sanktionen eingefroren werden – ein Ereignis, das einen Überschussagenten (Russland) in einen Defizitagenten verwandeln würde, was wiederum zu Zahlungsausfällen führen würde, ähnlich wie der Ausbruch von Covid-19 zu Zahlungsausfällen führte und Überschussagenten in Defizitagenten verwandelte.

Insgesamt schätzt Pozsar, dass Russland für die Bereitstellung von Finanzmitteln in der Größenordnung von 300 Milliarden Dollar für die kurzfristigen Geldmärkte verantwortlich sein könnte. Wenn diese Mittel über Nacht verschwinden, könnte dies einen schweren Schock für das westliche Finanzsystem bedeuten.

Es bleibt abzuwarten, wie schwerwiegend dieser Schock sein wird, aber es ist anzunehmen, dass nicht nur die russische Zentralbank unter Druck geraten könnte. Die Zentralbanken in Europa und die US-Notenbank müssen sich möglicherweise bereithalten, um die Märkte so zu gestalten, wie sie es 2020 getan haben.

Und dies gilt ganz allgemein für die globalen Finanzmärkte in einer Zeit großer Unsicherheit. Wie zur Zeit des COVID-Schocks erleben wir einen Nachfrageschub nach dem Dollar als globalem sicheren Hafen.

Das wiederum setzt alle unter Druck, die sich in Dollar verschuldet haben. Dies ist ein Muster, das wir seit 2008 immer wieder in Krisenmomenten beobachten können: Eine globale Dollarknappheit.

Dies ist wichtig, wenn man die Spekulationen über die langfristigen Auswirkungen der Sanktionen in Betracht zieht. Werden sie China dazu bringen, sich weiter vom Dollar abzuwenden? Werden sich Alternativen zu SWIFT herausbilden? Sicherlich wird sich Russland mit der Entwicklung alternativer Zahlungsmechanismen beschäftigen müssen, die über den Renminbi oder die Rupie laufen könnten.

Russland könnte Zahlungen für seine Exporte in Renminbi akzeptieren und die in Renminbi bezahlten Importe aus China und möglicherweise anderen Ländern, die Renminbi akzeptieren, erhöhen. Da Zahlungen auf Renminbi-Basis höchstwahrscheinlich von Institutionen außerhalb des unmittelbaren Einflussbereichs des Westens abgewickelt werden, würde dies funktionieren. … Es würde bedeuten, dass Russland seine internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen neu organisiert, aber das ist vielleicht etwas, was es ohnehin schon anstrebt.

Aber so wichtig diese Verschiebung auch sein mag, auf kurze Sicht ist der Dollar immer noch König. Und letztlich gibt es nur eine einzige unbegrenzte Dollarquelle für die Weltwirtschaft: die Fed.Der Dollar steigt gegenüber praktisch allen anderen Währungen, da die Auswirkungen des sich verschärfenden Konflikts in der Ukraine die Nachfrage nach der Weltreservewährung in die Höhe treiben.
Das ist also die nächste Frage, die die Märkte verdauen müssen. Wie lässt sich die weltweite Nachfrage nach dem Dollar als sicherem Hafen mit dem Wunsch der Fed vereinbaren, ihre Politik zur Bekämpfung der Inflation zu straffen? Nimmt man beides zusammen, entsteht ein erdrückender Druck auf den Dollar. Schon bevor die Krise akut wurde, machte man sich Sorgen darüber, wie die Fed die nationale Priorität der Preisstabilität mit der Stabilität des globalen Dollarsystems in Einklang bringen könnte. Dieser Spagat ist jetzt noch schwieriger geworden.“

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