Die Lange-Hayek Debatte: Marktsozialismus oder kapitalistischer Wettbewerb?

Die Literatur zum Postkapitalismus ist inzwischen fast unüberschaubar geworden, sie ist im Großen und Ganzen unterteilt in die Commons-Debatte und die Diskussion über sozialistische Planung (zentrale Planung und/oder marktsozialistische Modelle). Wir werden hier noch einmal die Debatte zwischen dem Sozialisten Oskar Lange und der österreichischen, neoliberalen Schule von Hayek und Mises in den 1930er Jahren skizzieren, die allerdings anders gelagert ist, als das, was man heute über eine Debatte „Planung vs. Markt“ erwarten würde. Dabei geht Langes Intervention weniger auf die klassische Werttheorie der Arbeit zurück, sondern ist stark den frühen Marktsozialisten beeinflusst. Die Marktsozialisten um Lange zeichneten sich nicht nur darin aus, gerade die neoklassische Werttheorie gegen die (klassische) Arbeitswertversion zu verteidigen, sondern auch zumindest implizit die Frage der Finanzierung aufzuwerfen. Wir kommen darauf zurück

Die Marktsozialisten stellten zunächst aber den Status in Frage, den die Kategorie der Nützlichkeit im neoklassischen Paradigma einnimmt. Wenn, wie weithin angenommen, das neoklassische Gesetz der Bewertung unabhängig vom institutionellen Rahmen der Ökonomie ist, dann kann die Regulierung des Angebots und der Nachfrage von Gütern und Ersparnissen in der gesamten Wirtschaft auch durch eine zentrales Planungsbüro organisiert werden, zumindest im Prinzip. Hier funktionieren dann die jeweiligen Optimierungsbedingungen auch ohne Bezug auf Preise, i.e. die zentrale Planung kann das Walras’sche Auktionsverfahren auf den Märkten ersetzen. Diesen Weg geht Lange in der sozialistischen Kalkulationsdebatte, indem er auf eine formale Ähnlichkeit zwischen Sozialismus und Kapitalismus hinweist und dabei gleichzeitig von einem ontologischen Primat der neoklassischen Werttheorie über Kapitalismus und Sozialismus ausgeht. Die neoklassische Werttheorie kann damit zu einer theoretischen Waffe für Sozialisten werden, indem sie die Konfiguration des sozialistischen Regimes unterstützt.

Die These, die Lange gegen die neoklassische Orthodoxie Mitte der 1930er Jahre vorbrachte, lautete also, dass der Sozialismus die Effizienz des Marktkapitalismus durchaus imitieren könne, wenn das zentrale Planungsgremium eben in der Lage sei, den Walras’schen Steuerungsprozess der Ökonomie durch staatliche Planung zu verdrängen. Die von Lange angebotene Version des Sozialismus war eine Ökonomie mit wettbewerbsfähigen Märkten für Arbeit und Konsumgüter, aber nicht für das Kapital.

Der Walras’sche Trial-and-Error-Prozess kann also nach Lange durch das zentrale Planungsbüro effizienter durchgeführt werden als durch einen Marktprozess mit Privateigentum; das Planungsbüro kann sogar die Rolle der Finanzierung im Kapitalismus replizieren, ohne die Optimierungsbedingungen aufzugeben, die mit dem kommerziellen kapitalistischen Markt verbunden sind. Es gibt für Lange nicht den geringsten Grund, warum ein Trial-and-Error-Verfahren, das dem in einem Wettbewerbsmarkt ähnelt, in einer sozialistischen Wirtschaft nicht funktionieren könnte, um die Buchhaltungspreise von Investitionsgütern und der produktiven Ressourcen in öffentlichem Eigentum zu bestimmen. Denn die zentrale Planungsstelle hat ein viel umfassenderes Wissen über die Vorgänge im gesamten Wirtschaftssystem, als es ein privater Unternehmer je haben kann, und kann folglich in der Lage sein, die richtigen Gleichgewichtspreise durch eine viel kürzere Reihe von aufeinanderfolgenden Versuchen zu erreichen, als es ein Wettbewerbsmarkt tatsächlich tut. In einer Wirtschaft ohne Kapitalmarkt sind die Konsumenten frei, ihren Nutzen auf den echten Märkten für Konsumgüter zu maximieren.

Zugleich können sich Kapitalisten bzw. Manager öffentlicher Unternehmen nicht von einer Standardmaximierungsregel leiten lassen, da es keinen Marktpreis für Kapital (als Index der Profitabilität) gibt. Sie haben keine Grundlage, um die unterschiedlichen Profitabilitätsaussichten zwischen alternativen Verwendungen einer gegebenen Investitionssumme abzuschätzen. Nach Lange kann die Maximierungsbedingung des Profits durch zwei gleichwertige Bedingungen ersetzt werden: Zum einen führt die Maximierung zum optimalen Output, wenn die Grenzkosten dem Preis des Produkts entsprechen. Zudem darf der Grenznutzen die Grenzkosten nicht über- oder unterschreiten, damit der Output das optimale Niveau erreicht. Diese Regel kann ohne jede Berechnung der Profitabilität erfüllt werden. Andererseits muss das zentrale Planungsbüro die Manager auch anweisen, eine Kombination von Faktoren zu wählen, die die durchschnittlichen Produktionskosten minimiert. Im Klartext bedeutet dies, dass es keine Profits über oder unter dem normalen Niveau gibt, die die Produzenten dazu veranlassen würden, das Produktionsniveau zu erhöhen oder zu senken (oder den Zu- oder Abfluss von Kapital aus diesem bestimmten Industriezweig zu induzieren: der Markt ist im Gleichgewicht). Das obige Argument hat eine wichtige Implikation: Die sozialistische Ökonomie von Lange kann die Gleichgewichtslage der neoklassischen Theorie ohne Bezug auf die Preise des Kapitals und ohne einen Markt für Investitionen und Sparen perfekt replizieren. Kapitalmärkte und Finanzierung sind überflüssig. ,

In Langes Sozialismus gibt es einen äquivalenten Prozess der Nutzenmaximierung der Konsumenten, während die Maximierungsbedingung durch die beiden oben erwähnten komplementären Regeln erfüllt werden kann, die den Managern auferlegt werden. Das zentrale Planungsbüro wird den Managern Schattenpreise bekannt geben und sie werden die Maximierungsbedingungen entsprechend auf die Produktion anwenden. Sie werden auf Basis dieser Preise Ressourcen für die Erweiterung der Produktion anfordern. Wenn das Ergebnis suboptimal ist, wird das zentrale Planungsbüro dies bei der neuen Preisansage berücksichtigen.

Für Lange ist die Funktion der Preise eine parametrische: Obwohl die Preise ein Resultat des Verhaltens aller Individuen auf dem Markt sind, betrachtet jedes Individuum für sich die aktuellen Marktpreise als gegebene Daten, auf die es sich einstellen muss. Diese parametrische Funktion der Preise ändert sich auch im Sozialismus nicht, es ändern sich nur die Formen der „Gleichungen“ (und damit auch deren „Lösung“). Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Rolle des Walras’schen Auktionators vom Planungsbüro übernommen wird, vermutlich in einer effizienteren Weise als im Kapitalismus.

Die Gleichgewichtswerte dieser Parameter werden immer noch durch die „objektiven Gleichgewichtsbedingungen“ bestimmt, was durch eine Reihe von aufeinanderfolgenden Versuchen geschieht. Am Ende ist Langes Verteidigung des Sozialismus schwach. Seine Schlussfolgerung ist, dass die in seinem Modell skizzierte Wirtschaft genauso effizient werden kann wie der Kapitalismus. Da die Finanzierung im neoklassischen Universum bisher keine Rolle spielte, kann ihre Funktionsweise von der zentralen Planungstafel repliziert werden, was zum gleichen Ergebnis führt.

Es könnte jedoch auch eine alternative Lesart von Langes Argument geben: Da der Kapitalmarkt für die Organisation des Kapitalismus und die Herstellung des kommerziellen Gleichgewichts unbedeutend ist, kann der Sozialismus als ein Regime des öffentlichen Eigentums an den Produktionsmitteln eine echte wirtschaftliche Alternative werden. In der Tat war der eigentliche Beitrag des marktsozialistischen Ansatzes keine Verteidigung des Sozialismus, sondern eine Kritik des Mainstream-Denkens, das nicht in der Lage war, die Bedeutung von Kapitalmärkten und Finanzierung zu erfassen. Diese Herausforderung löste eine Reaktion der österreichischen Ökonomen um Hayek und Mises aus. Es ist dieser latente Aspekt der Debatte, der in der Literatur unbemerkt geblieben ist.

Das Engagement von Hayek in der sozialistischen Kalkulationsdebatte während der 1930er Jahre gab ihm die Gelegenheit, seinen Standpunkt in Bezug auf die Natur des Kapitalismus zu redefinieren. Dabei distanzierte sich Hayek von der etablierten neoklassischen Orthodoxie der Epoche (dem sogenannten Modell der perfekten Konkurrenz), während er gleichzeitig starker Befürworter des Marktsystems blieb.

Die Debatte um das sozialistische Kalkül ist bei Hayek insofern wichtig, als sie einen Aspekt seiner Argumentation offenbarte, der in seinen späteren Beiträgen weitgehend verborgen blieb: die entscheidende Rolle der Finanzierung. Zunächst setzte Hayek seine Argumentation im Sinne von Mises fort. Dennoch hat sich der Kontext der Diskussion verändert: Nicht mehr die Arbeitswerttheorie, sondern die neoklassische Werttheorie ist der Dreh- und Angelpunkt der Debatte. Hayek versteht sehr gut, dass die Marktsozialisten auf die Trugschlüsse des dominanten neoklassischen Paradigmas zurückgreifen. Tatsächlich ist es letzteres, das das eigentliche Ziel seiner Kritik ist. Er begreift die Tatsache, dass eine Verteidigung eines instabilen kapitalistischen Systems nicht auf der Grundlage des neoklassischen Standardmodells der perfekten Konkurrenz und des statischen Gleichgewichts formuliert werden kann. Das Marktsystem ist nicht perfekt, aber es ist der einzige Weg zu einer sinnvollen wirtschaftlichen Organisation.

Der zentrale Punkt in Hayeks Argumentation basiert auf einer bestimmten empirischen Auffassung von Wissen: In Abwesenheit von kapitalistischer Konkurrenz kann Wissen nicht aggregiert und nicht produziert werden Daher führt jede Negation des Wettbewerbs zu schlechteren Ergebnissen in Bezug auf die Effizienz. Das Problem, das mit dem Begriff der Information oder des Wissens verbunden ist, hat zwei Aspekte. Kein Wirtschaftsregime, auch kein sozialistisches, erreicht jemals ein statisches Gleichgewicht. Der Charakter jeder ökonomischen Konfiguration ist nicht statisch, sondern dynamisch. Sie ist in der Tat durch ein echtes Ungleichgewicht gekennzeichnet: Alles Handeln muss auf der Antizipation zukünftiger Ereignisse beruhen, und die Erwartungen der verschiedenen Unternehmer werden natürlich unterschiedlich sein. Die Entscheidung, wem man eine bestimmte Menge an Ressourcen anvertraut, wird auf der Grundlage individueller Versprechen zukünftiger Erträge getroffen werden müssen. Oder besser gesagt, sie muss auf der Grundlage der Aussage getroffen werden, dass eine bestimmte Rendite mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. Eine objektive Prüfung der Höhe des Risikos wird es natürlich nicht geben. Aber wer soll dann entscheiden, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen?

Die zentrale Behörde wird keine anderen Entscheidungsgrundlagen haben als die bisherige Leistung des Unternehmers. Aber wie soll sie entscheiden, ob die Risiken, die er in der Vergangenheit eingegangen ist, gerechtfertigt waren? Und wird seine Haltung gegenüber riskanten Unternehmungen die gleiche sein, wie wenn er sein eigenes Vermögen riskieren würde? Nach Hayek werden, anders als im imaginären neoklassischen Universum, im realen Leben Entscheidungen auf der Basis erwarteter, unbekannter zukünftiger Einkünfte getroffen. Letzteren können wir „gewisse Wahrscheinlichkeitsgrade“ zuordnen, aber letztlich gibt es kein „objektives“ Maß für das Risiko. Dies stellt ein viel schwierigeres wirtschaftliches Problem dar, als gemeinhin angenommen wird.

Es ist eine Sache, sich mit der Schwierigkeit zu befassen, die das zentrale Planungsbüro beim Sammeln der immensen Menge an Informationen hat, die benötigt werden, um die Aufgabe der effektiven Planung zu erfüllen. Es gibt jedoch auch ein anderes Problem von noch größerer Bedeutung, das offensichtlich grundlegender ist. Das verstreute technische Wissen, das das zentrale Planungsbüro sammeln soll, existiert in der ersten Instanz gar nicht.

Der Wettbewerbsprozess auf dem Markt hingegen verbreitet nicht nur vorhandenes dezentrales Wissen (die Verbreitung oder Kommunikation von Wissen), sondern, was noch wichtiger ist, er trägt auch zu seiner Produktion bei (der Lern- oder Entdeckungsprozess). Der Wettbewerb hilft also nicht nur bei der Kommunikation, sondern generiert in erster Linie einen Großteil des Wissens, das anschließend verbreitet wird.

Zukünftige Investitionsentscheidungen in jeder Art von Wirtschaft beruhen auf Erwartungen über zukünftige Umstände. Solche Erwartungen umfassen eine bestimmte erwartete Rendite, verbunden mit einem gewissen Grad an Vertrauen (Wahrscheinlichkeit) in deren Erreichen. Kein ökologisches Handeln in Bezug auf die Zukunft kann unternommen werden, wenn es keine Risikoabschätzung gibt. Diese Abschätzung kann nicht objektiv bekannt sein. Sie ist daher offen für Änderungen und Revisionen. Dennoch sind Marktinformationen die einzigen aussagekräftigen Anhaltspunkte, die dem Unternehmer oder jeder anderen Person zur Verfügung stehen, um über künftige wirtschaftliche Ereignisse zu entscheiden und Investitionsprojekte in Angriff zu nehmen. Die subjektiven Investitions- und Risikoentscheidungen des Unternehmers werden also unter Berücksichtigung bestehender Kapital- und Risikopreise getroffen, die trotz ihrer Mängel die beste verfügbare Information als Entscheidungsgrundlage darstellen.

Marktpreise sind somit Ungleichgewichtspreise in dem Sinne, dass sie als Signale oder Kommunikatoren weit von optimalen Operatoren entfernt sind. Diese Schlussfolgerung gilt auch für die Preise von Kapital und für Risiko. Anstatt die Wirtschaftsakteure über den „richtigen“ Weg zu informieren, bieten sie Anreize und Fehlanreize, die sie motivieren, die wahren profitablen Alternativen zu erforschen und für sich selbst zu entdecken. Preise in Wettbewerbsmärkten verbreiten nicht nur bereits entdeckte und gegebene Informationen; sie motivieren den Entdeckungsprozess selbst. In ihrer Abwesenheit wird diese Art der Motivation aufhören zu existieren. Selbst wenn es also jemandem gelingt, alle vorhandenen Informationen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sammeln und zu bündeln, werden diese wertlos sein, weil die Negation des Wettbewerbs den realen Inhalt dieser Informationen erheblich verarmt .

Märkte verbreiten nicht nur (unvollkommene) Informationen, sondern sie motivieren die Wirtschaftsakteure (in erster Linie), sich zu bestimmten ökonomischen Verhaltensweisen zu verhalten. Die Bedeutung von Preisen für die Bewältigung des Hayek’schen Wissensproblems liegt nicht in der Genauigkeit der Informationen, die Gleichgewichtspreise über die Handlungen anderer, die ähnlich informiert sind, vermitteln, sondern sie liegt in der Fähigkeit von Ungleichgewichtspreisen, die reine Gewinnchancen bieten, die die Aufmerksamkeit aufmerksamer, gewinnorientierter Unternehmer auf sich ziehen können. Die Wirtschaftsakteure leben in einer Welt des Ungleichgewichts und der Unsicherheit. Das Marktsystem ist also für Hayek das einzige Werkzeug, das sie bei ihren Berechnungen über die ungeschriebene Zukunft unterstützt. Effizientes ökonomisches Kalkül ist ohne Ungleichgewichtspreise von Kapital und Risiko nicht denkbar. Dieser Punkt wurde von den Marktsozialisten übersehen, als sie die Konzeption der vollkommenen Konkurrenz übernahmen In Abwesenheit von Wettbewerbsmärkten hört der kapitalistische Handlungsgeist auf zu existieren. Aus dieser Sicht ist jede staatliche Einmischung in den Markt eine ernsthafte Bedrohung für diesen.

Das Entscheidende an dieser Debatte dürfte wohl sein, das Hayek implizit die Frage der Finanzierung und der Kapitalmärkte angesprochen hat, die ohne Risikoproduktion und -kontrolle sowie ohne das Moment der Unsicherheit nicht zu haben sind. Man kann zudem davon ausgehen, dass diese historische Debatte nur noch einen geringen Nutzen für die Diskussionen postkapitalistischer Ökonomien oder gar für den Kommunismus hat. Bezüglich des letzteren wird immer noch auf eine kommunistische Arbeitszeitrechnung zurückgegriffen, die heute aufgrund der Informationsleistungen, Netzplantechnik und der Computerkapazität ohne zentrale Planung möglich sein soll. Stefan Heidenreich und andere Autoren wie Jens Schröter haben weitergehend Modelle für eine non-monetäre Ökonomie vorgelegt. Darüber müsste weiter zu diskutieren sein.

,

Scroll to Top