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Die Politik der Grausamkeit

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8 Dez , 2015  

I). Die Politik, die uns anleitet, ist nicht ethisch, sondern grausam.

Wir setzen der Politik der Ethik die Politik der Grausamkeit entgegen. Die Ethik geht ganz auf die Griechen zurück, deren Ethik das Studium des »guten Lebens« beinhaltete. Unsere Interessen liegen überhaupt nicht darin, besser als unsere Feinde zu sein. Es gibt dir nur eine ziemlich billige Befriedigung, wenn du dir andauernd selbst erzählst, dass du aufregenderen Sex, bessere Freundschaften oder leidenschaftlichere persönliche Überzeugungen hast. Das Ziel des Kampfes besteht nicht darin besser zu sein, sondern zu gewinnen. Dies hinterlässt vielleicht bei Manchen einen bitteren Nachgeschmack. Egal, wir fragen uns: Ist die Ethik nicht der letzte Zufluchtsort für die Impotenten? Sind ethisch orientierte Leute die Übriggebliebenen, nachdem die Kämpfe in der Unmöglichkeit, der Sinnlosigkeit oder der Kontraproduktivität kollabierten?

Wenn die Preisgabe der Ethik einen verstört zurücklässt, dann weil die Ethik eine ganz persönliche Angelegenheit ist. Heute bedeutet ethisch zu sein noch nicht einmal mehr reformistisch zu sein – es geht hier um eine Politik, die rein der Fantasie huldigt, ein lebendes Rollenspiel derjenigen vorführt, die es «gut« meinen. Die Sphäre des ethischen Lebens besteht aus einer Welt von Angebern und Fieslingen, die nur nach den Anderen schauen, um sich selbst zu beweisen, dass sie persönlich die richtige Wahl getroffen haben. Die Ethik verwertet für sich die Kraft der aktiven Intentionen, während sie die systemische Destruktion des global integrierten Kapitals vollkommen intakt lässt. Mit anderen Worten, sie wird durch den Elitismus des »besser-als-der-andere-Sein« befeuert. Und das Problem mit dem Elitismus besteht darin, dass er uns in das »Milieu« zurückwirft.

Grausamkeit hat zum Individualismus der Ethik keinerlei Bezug. Sie drängt die politische Aktion nicht hin zur Tugendhaftigkeit oder zu den besten Intentionen. Wir sind nicht darauf aus, den Respekt derjenigen zu gewinnen, die wir besiegen wollen. Ethik ist eine Falle, die für diejenigen gelegt wird, die über die Erde wandern und danach streben die Destruktion und die Gewalt des Kapitals und des Staates immer weiter aufzuschieben. Es nützt nichts Frieden mit einem Feind zu schließen, dessen realisierte Interessen deine Unterwerfung beinhalten. Es gab schon nichts »Ethisches« über die kolonisierte Welt zu sagen. Und wie Fanon uns erinnert, konnte sie nur dadurch zerstört werden, dass man die »ethische« Methode aufgab. In diesem Sinne greift die Politik der Grausamkeit das alte Diktum auf, dass »man das zerstören muss, was einen zerstört«.

II). Nur wenige Emotionen brennen wie die Grausamkeit

Es ist inzwischen eine alte Weisheit, dass Emotionen genau dann auf dem Spiel stehen, wenn wir darüber sprechen, wie man »politisiert« wird. Emotionen sind das, was das Spekulative und das Abstrakte in eine gelebte Realität übersetzt. Gewinnen impliziert nicht einfach die Frage, ob man die richtigen Ideen oder die richtigen Prinzipien besitzt, und gerade deshalb definieren wir die Politik als die Transformation der Ideen in einen Modus der Existenz, bei der die Prinzipen des Einzelnen zur gleichen Zeit seine Kraft oder Antrieb sind, neue Welten herzustellen. Wenn die Politik der Grausamkeit dem Glauben folgt, dass wir zerstören müssen, was uns zerstört, dann ist die Emotion der Grausamkeit die Rache. Nur der Geschmack an der Rache eröffnet uns die Möglichkeit zum Widerstand gegen die Mächtigen dieser Welt, um uns gegen die tägliche Gewalt, die uns angetan wird, zu wehren. Sich grausam fühlen bedeutet zu wissen, dass wir Besseres als diese Welt verdienen; dass unsere Körper nicht dazu da sind, um sie zu hassen oder auf sie mit Misstrauen herabzusehen; dass unsere Wünsche keine desaströsen Pathologien darstellen. Das Gefühl der glühenden Passion der Grausamkeit bedeutet dann, die Verweigerung zurückzuerobern. Wir verweigern uns jedem Kompromiss und der Millionen kleiner Kompromisse des Patriarchats, des Kapitalismus, der Vorherrschaft der Weißen, der hetero-homo Normalität etc. Als solches überredet sich das Subjekt der Grausamkeit die Welt nicht weiter zu lieben oder Etwas in der Welt zu finden, mit dem sich diese amortisieren lässt. Um es einfach zu sagen: Das Subjekt der Grausamkeit lernt die Welt zu hassen. Das Gefühl der Grausamkeit ist das notwendige Korrelat zur Politik der Grausamkeit; die Welt zu hassen lernen, ist dasjenige, das der politischen Aufgabe korreliert, das zu zerstören, was uns zerstört. Und wie wir schon angemerkt haben, haben diese beiden Prinzipien eine lange Geschichte hinter sich, sodass die Politik der Grausamkeit sich wirklich nicht als eine Neuheit ausgeben muss. Die Frauenbewegung lag richtig, als sie sagte: Wir sind nicht kastriert und so wirst du gefickt.

III). Diejenigen, die durch Grausamkeit motiviert sind, sind weder fair noch objektiv

Fairness ist the das Korrelat des »Ethik-als-Politik« Paradigmas.Warum? Weil Fairness annimmt, dass wir zu Jedem dieselbe Art von Beziehung unterhalten sollten. Es gibt aber nichts auf dieser Welt, das uns zu einer universellen Fairness ermutigen könnte oder uns gemäß einer gegenseitigen Unterstützung von jedweden Interessen handeln ließe. Vielmehr leben wir in einer Welt, in der jeder dem Anderen misstraut – wir haben ein strukturell determiniertes Interesse gegenüber den Anderen gemein und erfolgreich auf Kosten der Anderen zu sein. Fairness, so wie sie heute existiert, ist die Fairness des neoliberalen Wettbewerbs; ein Staat, der sich als »natürlicher Staat« proklamiert. Objektivität ist die Gegentendenz zum Subjekt der Grausamkeit. Ungleich dem grausamen Subjekt, das versteht, dass es keine Übereinstimmung zwischen dem Kapital und seinen Enteigneten geben kann, befördert das unparteiische Subjekt den Mythos, dass Übereinstimmung zwischen den beiden Parteien gefunden und hergestellt werden könne oder solle. Neutralität beinhaltet die Idee, dass die Macht symmetrisch sei und der Sozialvertrag dieser Symmetrie seine eigentümliche Kraft durch das Gesetz geben könne.

Wir wissen, dass wir inmitten eines Bürgerkrieges leben. Wir agieren als Partisanen. Und wie in jedem Krieg haben wir Freunde und Feinde. Für unsere Feinde haben wir nichts als Verachtung, Hass und Grausamkeit übrig. Unser einziges Engagement mit ihnen besteht darin, in diesem Konflikt strategisch voranzukommen. Für unsere Freunde dehnen wir die Sorge, die Unterstützung und die Solidarität aus.

Manche sagen, dass das Kapital und der Staat mit den Mitteln der Grausamkeit operieren; und der Gegensatz zu ihrer Grausamkeit bestehe darin, unserem Kampf eine bessere Begründung zu geben. Dies ist ein Missverständnis unserer eigenen Position. Unsere Feinde müssen die Infrastruktur ihrer Macht ständig reproduzieren, was ein aufwändiges Investment in korrupte politische Systeme, eine erordierende industrielle Infrastruktur und teure ideologische Kriege nach sich zieht. Als Anarchisten müssen wir nicht viel reproduzieren – wir müssen unsere Aktionen nicht rechtfertigen, wir müssen in unseren Aktivitäten nicht konsistent sein und wir müssen keine einzige Institution dieser Welt verteidigen.

IV). Ihre Aktionen sprechen mit einer Intensität, die nichts von Erlaubnis hat.

Es gibt eine qualitative Differenz zwischen der Grausamkeit, die wir ausüben, und derjenigen des Kapitals und seiner Staaten. In den USA gibt es die Idee, dass der 18. Verfassungszusatz den Schutz der Bürger gegenüber »grausamen und ungewöhnlichen Bestrafungen« garantiert. Dies beinhaltet eine juristische Beschränkung des Staates über und gegen seine Bevölkerung. Aber gebührend seiner expliziten bourgeoisen Erbschaft, von der sie ausgeht, geht diese Garantie gegen die Grausamkeit des Staates nur so weit wie das Auge des Staates sehen kann; und dies insoweit zwei isolierte Individuen miteinander in Konflikt geraten und der Staat als der mediale dritte Term neutral interveniert. In diesem Sinne bleibt die Beschränkung der Staats-Grausamkeit innerhalb der Logik der Anerkennung: Die Metriken der Intelligibilität gelten nur für Situationen, die mit isolierten Aktionen gesättigt sind. Die staatliche Anerkennung ignoriert die Situationen, die sich durch kollektive Antagonismen auszeichnen. Darüber hinaus ist das, was wir durch die staatlichen Kanäle an Anerkennung erhalten (Desegregation in den 1950’s) schon durch andere staatliche sanktionierte ökonomische Mechanismen erodiert. Die Schlussfolgerung sollte nun offenkundig sein: Anerkennung durch den Staat ist nichts anderes als die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln.

Wenn unsere Politik der Grausamkeit die Vernichtung dessen, was uns zerstört, anstrebt, gekoppelt mit dem subjektiven Korrelat der Rache – dies bedeutet die Welt hassen zu lernen, während wir die Internalisierung solcher Normen, die uns lehren, uns selbst zu hassen, ablehnen – dann ist klar, dass unsere politische Grausamkeit den Staat und das Kapital nicht als zuverlässige Quellen für Anerkennung behandeln kann, da das, was wir wollen, vom global integrierten Kapital nicht toleriert werden kann und dies heißt dann, dass alle Abweichungen mit Worten wie Pathologie, Krawall, Hysterie und Spielverderber klassifiziert werden.

V). Während der soziale Anarchismus Wiegenlieder des Altruismus singt, gibt es Andere, die mit den heißen Flammen der Grausamkeit spielen.

Altruismus kommt in in zwei Varianten daher. Die erste ist wohlbekannt; die Emphase einer kollektiven Ethik, die jeden Antagonismus durch ihre Kriterien der absoluten Horizontalität zerstreut. Die zweite, eher heimtückische Variate, besteht in einem strebsamen Altruismus; hier ist die Emphase auf die absolute Destruktion des Individuums gerichtet, nur damit eine Idee aktualisert werden kann. Dies sind nicht die Aktionen der Enteigneten. Vielmehr ist es der Altruismus einer anarchistischen Kreuzigung. Wenn die letztere Version mit uns wenigstens darin übereinstimmt, dass der Kampf ein unvermeidliches Faktum der Politik ist, so besteht die heimtückische altruistische Schwachheit doch in dem Glauben, dass das Engagement im Bürgerkrieg den Burnout im Prozess selbst nach sich zieht. Für jede Form des kommunalen Horizontalismus, die den Augenblick der Attacke aufschiebt, gibt es die korrelierende Tendenz, dass man im Heroismus und Märtyrertum kollabiert. Es ist wahr, dass wir gesagt haben, dass unsere politische Grausamkeit anstrebt, das zu zerstören, was uns zerstört. Nichtsdestotrotz beinhaltet dies nicht die Behauptung, dass die reale Transformation unsere eigene Selbstzerstörung bedeutet. Es gibt einen Unterschied zwischen der Konversion der strukturalen Unterdrückung in einen Kampf für die Abschaffung und der Identifizierung der existenziellen Abschaffung als das richtige Mittel, um das Kapitals als solches abzuschaffen. Mit einem Wort: »Even if we had the power to blow it [the State] up, could we succeed in doing so without destroying ourselves, since it is so much a part of the conditions of life, including our organism and our very reason? The prudence with which we must manipulate that line, the precautions we must take to soften it, to suspend it, to divert it, to undermine it, testify to a long labor which is not merely aimed against the State and the powers that be, but directly at ourselves.«

Der ersten Iteration des Altruismus sollte wegen seiner Hegemonialität eine geringe Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Anstelle unsere Emotion der Grausamkeit zu bewaffnen, substituiert der soziale Anarchismus lieber einen straighten Habermasianismus, der mit dem Mantra »Zurück zur Klassenanalyse« vernäht ist. Dies hilft für ein bißchen Schlaf in der Nacht. Diesen politischen Seditativa stellen wir erneut die Geschichte und die Grausamkeit unserer Politik entgegen. Auf dem Spiel steht die feministische Lektion, die wir nie vergessen dürfen: Dass das Persönliche politisch ist; dass einige Emotionen die kollektive Ungehorsamkeit anstacheln und katalysieren, man denke an an den Schmerz, die Rache und die Grausamkeit. Die Lektion beinhaltet, dass die Wirksamkeit der politischen Grausamkeit nicht in endlosen Reflexíonen und Diskussionen dessen besteht, was uns schmerzt; vielmehr sind Emotionen wie die Grausamkeit genau das, was das Skelett unseres kollektiven Antagonismus konstituert.

Eine kurze Notiz für unsere Feinde und unsere Verbündeten

Wir müssen uns weniger um diejenigen kümmern, deren Politik darauf hinausläuft gute Freunde zu sein, als vielmehr um diejenigen, die kämpfen, oder zumindest gute »Verbündete« sind, indem sie die Geschichte der Farbigen, des Queeren und so weiter gründlich studieren. Eine Politik der Grausamkeit ist keine Politik der Freundschaft; da wir keine softere Welt imaginieren, weil Soziabilität ihre Grausamkeiten, Feundschaft ihre Rivalitäten hat, und Meinung hat ihren Antagonismus und blutige Umkehrungen.
Freundschaft ist zu griechisch, zu philosophisch and zu europäisch für unsere Politik der Grausamkeit. Wir sollten die Politik der Guayaki oder der vielen Stämme im Territorium, das als Zoma bekannt ist, wiederbeleben. Politische Grausamkeit strebt keineswegs danach sich an der Universalität, die die Geschichte des westlichen Kapitalismus vorgeschlagen hat, zu beteiligen, im Gegenteil strebt sie danach Mittel zu finden, um der Universalität, die von Beginn an nicht die Unsere war, zu entkommen. Für solche, die reduktive Formulierungen mögen, können wir sagen, dass, während der Westen seinen Prozess der Inklusion und Expansion fortführt, unsere politische Grausamkeit ihre Relation zum Außen aufrechterhält. Zu unseren Feinden, die sich aufmachen Widersprüche zu finden, von denen es in der Politik der Grausamkeit nur so wimmelt, sagen wir »um so besser«. Denjenigen, deren Wunsch es ist, die intelligiblen Subjekte des global integrierten Kapitals zu sein, scheinen diese Widersprüche, wenn sie sich auf ihrem Weg befinden, der heißt die Ausnahme von der Regel zu sein, in schiere Sackgassen zu führen. Zu unseren Verbündeten, die für eine Politik der Grausamkeit optieren, sagen wir »Genießt diese vermeintliche Widersprüche!«. Aus der Perspektive der politischen Grausamkeit bedeutet ein Widerspruch einfach, dass wir eine Waffe mit mehr als einer Seite besitzen.

 

Übersetzung: Achim Szepanski

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