Die unerhörte Sprache des Riot. Joshua Clovers Riot.Strike.Riot.

“Die Riots kommen; sie sind bereits da. Weitere sind unterwegs, daran besteht kein Zweifel. Und sie verdienen eine angemessene Theorie.” – Joshua Clover (2016) “You will notice the weather only when it starts to die.” – Sean Bonney (2016)

Riots – buchstäblich Surplus, Überschuss, Missverständnis, weder noch: “zu toxisch männlich”, “zu sehr Lenin”, aber auch “zu weiblich”, “zu unbestimmt, affektiv und hysterisch”, “zu forderungslos”, “zu fordernd”, mal “zu tatvergeilt”, “zu LARP-verdächtig” (Live Action Role Playing), gleichzeitig “zu sehr linke Kinderkrankheit”, “zu wenig Lenin und räsoniert” …

Das Spektrum der Veranstaltung unter dem Titel Pipeline Riots und Riot Pipeline: Kämpfe in einer erhitzten Welt in der vorigen Woche zu Riots und politischer Gewalt mit Joshua Clover und Andreas Malm war dementsprechend weitläufig und lieferte Anlass zu reichlich Diskussion (in Kooperation mit der Hellen Panke e.V. (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Galerie der Abseitigen Künste, NON, Matthes&Seitz Verlag und dem Jacobin Magazin DE).

Wie auch in seinem kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Riot.Strike.Riot argumentierte Clover gegenüber Malm dafür, dass die aufkommenden Riots nicht nur vor dem Hintergrund des Klimakollaps, sondern einer langfristigen Umstrukturierung der sozialen Ordnung, im Zeichen von Deindustrialisierung, der Produktion von Surplus-Bevölkerungen und staatlichem Terror, analysiert werden sollten.

Die theoretische Intervention seines Buches liegt darin, dass er die Verschiebungen nachzeichnet, die sich historisch-materialistisch im erweiterten Kreislauf der Reproduktion des Kapitals (von Produktion und Zirkulation) ergeben haben. Diese strukturellen Verschiebungen bewegen die Menschen und haben unmittelbaren Einfluss auf die Form des sozialen Kampfes, die diese wählen. Brotpreisrevolten, Hafenriots, Plünderungen der Märkte in Großbritannien, Frankreich, Niederlanden etc. sind die historischen Vorläufer für Zirkulationskämpfe, in denen unmittelbar Waren angeeignet und Preisforderungen durchgesetzt worden sind.

Mit einsetzender Industrialisierung und der ArbeiterInnen-Organisation verschiebt sich der soziale Kampf in die Fabrik, in die Sphäre der Produktion. Der Streik wird zur führenden Taktik kollektiver Aktion. Seit den 1960er Jahren kommt es laut Clover zu einer weiteren Verschiebung. Mit dem Ende des Fordismus, beginnender Deindustrialisierung, wobei die Produktion in den Globalen Süden wandert, entsteht eine immer größer werdende Reservearmee an “Überflüssigen” ohne Reserve, die partiell produktiv vom Arbeitsmarkt absorbiert werden können (wenn überhaupt), sich aber in immer prekäreren Verhältnissen (Teilzeitjobs, Scheinselbständigkeit, Illegalität) wiederfindet. Es sind “relativ” bis “absolut” Ausgeschlossene, postmoderne Parias, rassifizierte Subjekte, NEETs (=Not in Education, Employment or Training), Massen von Arbeitslosen, globales verarmtes “Lumpenproletariat”, das sich außerhalb der offiziellen Arbeitssysteme bewegt, gezeichnet vom Abmühen des bloßen Überlebens. Neben einem perversen Diszplinierung-Effekt (“Sieh nur, was passiert, wenn du nicht arbeitest!”) kommt dieser pauperisierten Bevölkerungschicht eine weitere, kapitale Funktion zu: Druck auf die Löhne auszuüben. Weil die soziale Reproduktion dieses Bevölkerungsteil immer prekärer wird, selbst unabhängig von den Folgen des Klimawandels, kommt es außerhalb der Produktionssphäre, in den Märkten und Häfen des 21. Jahrhunderts (shopping malls, Bahnhofs- und Stadtzentren, Parks, Straßen), unvermeidlich zu einer Zunahme dieser Kämpfe: Watts, Newark, Detroit, Tian’anmen-Platz, Los Angeles, São Paulo, Gezi-Park, San Lázaro Tahrir-Platz, Exarchia, Clichy-sous-Bois, Tottenham, Oakland, Ferguson, Baltimore, Paris, Hong-Kong usf.

Blockaden, Platzbesetzungen, Sabotage und Barrikaden sind die Mittel dieser Kämpfe, fern der Produktionsorte, aber nah der staatlichen Gewalt und des Gefängnisses.

Der Riot ist das Andere der Aus-/einschließung. Er ist Noise in der Ordnungssymphonie des kapitalistischen “Krisen-Managements”, aber auch eines politischen Diskurses, der das Lied einer autoritär-populistischen Agenda, wie Stuart Hall sie bereits 1978 in seiner Studie “Policing the crisis” beschreibt, mitstimmt.

Erinnern nicht die Entrüstungen angesichts brennender Autos und eingeschlagener Fenster der Riots (roh, unorganisiert, barbarisch) an die rassistisch gefärbte Panik gegenüber mugging (Straußenraub) in den 1970er Jahren in England? Klingt der Diskurs um Riots nicht auch so: “im Wesentlichen biologischer Körper, von Instinkten angetrieben, weit unterhalb der Domäne des menschlichen Handelns, fern von Vernunft und Willen, ohne vollen menschlichen Willen, unbeherrscht, hypersexuell, gewalttätig, eine starke Kraft, die die zivile Gesellschaft unterbricht, angsteinflößend, nicht integrierbar in das normale gesellschaftliche Leben”? (Frantz Fanon, Black Skin White Mask)

Die Sprache der Governance und Police ist die des “Law and Order”. Policing ist “Klassenkampf von oben”, Absicht und Realität, die Gesellschaft vor dem Hintergrund eines bereits stattfindenden Ökozids, einer brennenden Welt und sozialen Massenverelendung notfalls mit dem Knüppel zu formen, bis zum paradoxen Punkt, an dem sich die soziale Reproduktion jener Logik fügt, die diese konkret verunmöglicht und letztendlich zerstört.

Mit welchen verwirrenden Symbolen und Gesängen sprechen die Riots? Wie lösen sie das grundlegende Problem der Reproduktion des Lebens? Wie entkommen sie der Zwickmühle, außerhalb der Sphäre der Produktion, in permanenter Konfrontation mit staatlicher und nichtstaatlicher Police zu sein, ohne den sozialen, kapitalistischen Reproduktionsbedingungen (Schulden, prekäre oder informelle Arbeit etc.) anheimzufallen?

Das ungeduldige, barbarische ‘Murmeln’ der Riots (Endnotes, Onward Barbarians) sollte in einer Situation planetarischer Unbewohnbarkeit und sozialer Verelendung weder unerhört bleiben noch als zentrale, emanzipative Taktik im Repertoire kollektiver Aktion (neben Streikaktionen etc.) unterschätzt werden. Das könnte einer nicht nur auf Distanz gehenden, sogenannten “Linken” gesellschaftliche Relevanz verleihen, die sie in der Liaison mit dem Desasterkapitalismus de facto nicht mehr hat, sondern auch Klimaaktivisten z.B. FFF oder Ende Gelände aus ihrem pazifistischen, reformistischen Dornröschenschlaf wecken.

Wenn Plünderungen, Riot und geplante Sabotageakte wesentliche Taktiken im Kampf gegen den rassistischen Fossil-Kapitalismus sind, ist es ebenso wichtig, dass wir die Rolle der Riots als taktisches Mittel einer erstarkenden, autoritären Rechten (White Supremacists, Nationalisten, Faschisten) verstehen. Das mediale LARP-Spektakel zivilen Ungehorsams wütender, rechter Insurrektionalisten auf Capitol Hill hat der gemeinen Assoziation des Aufstands mit der extremen Rechten Vorschub geleistet. Gleichzeitig ist die Imagination des politischen Diskurses zu politischer Gewalt en gros auf ein ‘Hufeisen’ zusammengeschrumpft.

Diesen Aneignungen und Missinterprationen hält Riot.Strike.Riot die weitreichenden, langen Traditionslinien des Riots entgegen: der lange Bogen proletarischer Kämpfe von Ludditenaufstand, Swing-Riots bis zu denen im Umfeld der Black Radical Tradition. Jener neuen Phase des rassifizierten Kampfes ab den 1960er Jahren, die mit der Geschichte der eher reformorientierten Bürgerrechtsbewegung beginnt, gegen diese gerichtet ist, aber ihre Siege erringen wird.

Die Misserfolge eines revolutionären Umbruchs der 1960er Jahre zeigen allerdings, dass die Wege eines Guerillakriegs, offenen Bürgerkriegs oder reiner Zerstörung und die der Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse allein nicht erfolgsversprechend, gefährlich, wenn nicht gar Sackgassen sind. Die Inbezugnahme gegenwärtiger proletarischer Kämpfe zu diesen historischen Vorläufern, vorallem des antirassistischen Kampfes der black community, zeigt allerdings, dass der Riot weniger eine Figur des “brutalen, maßlosen Angriffs” und “unbeschränkten Terrors” ist, sondern auch einer Praxis der kommunalen Sorge und Selbstverteidigung entspringt. Ist es Angriff, wenn Communities sich der nicht endenden Polizeigewalt, alltäglichem Rassismus, Einsperrung und öffentlichen Hinrichtungen zu Wehr setzen und Polizeistationen (d.i. Gebäude) abbrennen?

Wenn Clovers These von der prinzipiellen, langfristig strukturellen Rekomposition des Verhältnisses von Kapital und Arbeit stimmt, sollte Ernst genommen werden, dass Riot eben die spezifische Form sozialer Aktion innerhalb einer “deindustrialisierten”, nicht mehr produktionsorientierten Gegenwart ist. Das sind die materiellen Bedingungen, aus denen er hervorgeht und mit denen er sich konfrontiert sieht. Riots strahlen von genau den Orten aus, in denen die wachsende, oft rassifizierte Majorität der Surplus-Bevölkerung eben zusammenkommen, verkehren, existieren und sich reproduzieren – und das ist nicht mehr in der klassischen Fabrik, sondern Straße, Shopping Mall, Social Media, Park, Wohnblock, Internet-Café, Metro und den Plätzen.

Es besteht wenig Zweifel daran, dass Riot.Strike.Riot in der Debatte um politische Gewalt zu diskutieren ist. Die Riots sind nicht nur da, sie entfalten sich global jedes Jahr mit immer größerer Intensität. Dennoch werden sie prinzipiell vom bürgerlichen Mainstream, linkem politischen Diskurs und im Klima-Camp als probates Mittel der kollektiven Aktion missachtet. Das Surplus-Phänomen schlechthin ist selbst zum verfemten Teil und Tabu emanzipatorischer Theorie und Praxis avanciert. Statt aktiver, abschätziger Distanznahme zu diesem Phänomen legt Clover in Riot.Strike.Riot sowohl historische wie polit-ökonomische Argumente zu dessen Rehabilitierung vor.

Im Gegensatz zur leeren Symbolpolitik des linken Antirassismus, Klima-aktivismus und Antikapitalismus könnten Riots vielmehr materiell zur Negation jener Verhältnisse beitragen, die die foranschreitende Zerstörung der Lebensgrundlage großer Weltbevölkerungsteile bedeuten. Riots könnten so etwas wie die radikale Antwort auf das Regime des Ein- und Ausschlusses, der generellen Prekäritätsproduktion, des bloßen Über-lebens, staatlicher Überwachung und Gewalt sein. Sind sie der revolutionäre Ausgangspunkt anderen gesellschaftlichen Lebens?

Nach Clover ist es die Commune, nicht als erreichte Utopie, sondern ‘sorgendem Kampf’, der die Möglichkeiten des kollektiven Lebens und Emanzipation bewahrt und herstellt: “Die Commune muss zu ihrer eigenen Reproduktion fähig sein, ein Ort gegenseitiger Fürsorge sein. Sie muss fähig sein, die Prozeduren des Kapitals zu durchbrechen. Fürsorge und Militanz sind nicht entgegengesetzt, sie sind derselbe Kampf, und diese Einheit ist die wirkliche Bewegung.” (Gespräch mit Dennis Büscher-Ulbrich & Marlon Lieber, 2020)

Diese wirkliche Bewegung ist angesichts der sich beschleunigenden Katastrophe alternativlos. “Kommunismus oder blub blub blub”, wie Clover in Abwandlung des Ausdrucks von Rosa Luxemburg sagt.

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Joshua Clover: Riot. Strike. Riot. Die neue Ära der Aufstände. Galerie der abseitigen Künste & Non Derivate, 234 S., br, 19 €. (Übersetzt von Dennis Büscher-Ulbrich, Richard A. Bachmann, Jan Heintz)

Link zur Aufzeichnung der Diskussion Malm/Clover: https://www.youtube.com/vQocSOrwX9Y

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