Eher sterben, als wie ein Hund leben

Dimitris Koufontinas Der Hungerstreik des griechischen Gefangenen hat zu Solidaritätsaktionen in aller Welt geführt.

Ein Mann mittleren Alters mit wallenden Haar hat die Jacke lässig über die Schulter gelegt. Diese Zeichnung findet man in Berlin an zahlreichen Wänden. Denn der Mann befindet sich in akuter Lebensgefahr. Seit dem 8. Januar befindet er sich in einem Hungerstreik gegen die Verschärfung seiner Haftbedingungen. Denn Dimitris Koufontinas, so heißt der Mann, kämpft gegen die Rache des Mitsotakis-Clans, der seit Jahrzehnten mit kurzen sozialdemokratischen Unterbrechungen die griechische Politik beherrscht. Dieser Clan kooperierte mit Faschisten und Obristen, oder er übernimmt gleich selber die Macht. Dagegen kämpfte über viele Jahre eine Stadtguerilla, die sich nach jenen 17. November benannte, einem Datum, das für viele Linke unterschiedlicher Couleur in Griechenland eine große Bedeutung hat. Am 17.November 1973 ließen die in Athen herrschenden Putschgeneräle einen Aufstand an einer Hochschule in Athen blutig niederschlagen. Es war aber der Anfang vom Ende der griechischen Militärdiktatur. Kapitalgruppen wie die Mitsotakis machten auch in der bürgerlichen Demokratie ihre Geschäfte und sicherten ihre Macht. Die Bewegung 17. November kämpfte daher weiter, anders als viele andere Linken gab sie sich nicht damit zufrieden, dass die Kapitalherrschaft nun ein ziviles Gesicht zeigte. Sie wurde auch in der Bevölkerung zum Mythos, vor allem, weil über lange Zeit niemand von den Guerillas und Guerilleros von der Polizei erwischt wurde, dabei war die Bewegung 17 November sehr fleißig. Doch 2002 explodierte ein Sprengsatz in den Händen von Savvos Xiros, eines Guerillos, der schwerverletzt von Polizei und Staatsschutz verhört wurde. Dazu verfasste die in Griechenland lebende Journalstin Heike Schrader 2007 das Buch „Guantanamo in Griechenland., das auch in Deutschland Beachtung fand. Die unter Folter erpressten Aussagen führten zu vielen Verhaftungen, und was für Dimitris Koufontinas das Schlimmste war: Die meisten schienen darauf nicht vorbereitet, distanzierten sich von ihrer eigenen Politik und schworen ab. Darauf beschloss Koufontinas, sich zu stellen und die Politik des 17 November zu verteidigen. Er rechtfertigte sich nicht vor Gericht, aber er bestand darauf, dass der 17 November Teil einer transnationalen linken Bewegung war, die es in fast allen Ländern der Erde nach 1968 gab. Sie waren überzeugt, dass eine grundlegende Umwälzung nicht auf parlamentarischen Wege zu bewerkstelligen ist und dass das längst in Bürokratismus und Revisionismus erstarrte nominalsozialistische Lager keinerlei Impulse für eine revolutionäre Bewegung geben kann. Mit beiden Prämissen hatten sie recht, wie sich in Griechenland in den letzten Jahren besonders deutlich gezeigt hat. Während der Krisenproteste nach 2008 waren Hunderttausende auf den Straßen, sie streikten, sie besetzten die Plätze und am Ende wählten sie die Linkspartei Syriza mit großer Mehrheit in die Regierung. Doch jetzt herrscht wieder ein Sproß des Mitsotakis-Clans. Damit wird eben deutlich, dass es nicht ausreicht, zu rufen: „Alle sollen verschwinden“, wie die Parole der Bewegung während der Krisenproteste lautete. Sie ist unverändert und überall gültig. Doch dazu braucht es auch eine Machtoption, damit die Herrschenden auch wirklich verschwinden. Damit diese Erkenntnis sich nicht in mehr Köpfen durchsetzt, sollen Menschen wie Koufontinas mit Sonderhaftbedingungen weggesperrt werden. Damit soll einer potentiell rebelllischen Bevölkerung eingebleut werden, Widerstand hat keinen Zweck und wer sich auflehnt, wird es zu spüren bekommen.

Transnationale Solidarität

Doch der lange Hungerstreik von Koufontinas, hat auch Menschen in aller Welt mobilisiert. Allein in Berlin gab es in den letzten Wochen mehrere Kundgebungen, Demonstrationen und die Besetzung des griechischen Konsulats. Dabei waren viele junge Menschen zu sehen, viele mit den schwarz-roten Fahnen der Anarchie. Man muss sich lange zurückerinnern, um eine so große außerparlamentarische Mobilisierung für Hungerstreikende zu finden. In den 1970er und 1980er Jahren waren junge Menschen mit Bildern von hungerstreikenden politischen Gefangenen aufgewachsen. Das Foto des toten Holger Meins, der im Hungerstreik starb, hat viele junge Menschen politisiert. Es fand auch Eingang in die Populärkultur, in Lieder, Filme und Romane jener Zeit. Nach der Auflösung der RAF gab es auch weiterhin Hungerstreiks, vor allem von migrantischen politischen Gefangenen. Doch mit der Mobilisierung war es schwer. Dass zeigte sich, als 2015 als in Berlin Gulaferit Ünsal in Berlin nach 50 Tage Hungerstreik in Lebensgefahr war. Die Stadtplanerin war nach dem Paragraphen 129b wegen Unterstützung einer linken militanten türkischen Organisation zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Dabie hatte sie nie bewaffnet gekämpft, sondern Konzerte mit der linken türkischen Band Grup Yorum organisiert, Spenden gesammelt, Solidaritätsveranstaltungen besucht. Weder gegen ihre Verurteilung, noch gegen ihre Haftbedingungen gab es eine wahrnehmbare Solidaritätsbewegung, Das sollte sich auch nicht ändern, als sie nach ihrem Hungerstreik in Lebensgefahr war. Nur weil die türkische Anwältin Canan Bayram in letzter Mininute einige Verbesserung von Ünsals Haftbedingungen erreichte, brach diesen ihren Hungerstreik ab und überlebte (https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/55-tage-hungerstreik-fuer-die-menschenrechte). Man konnte schon denken, es lasse sich heute keine linke Solidaritätsbewegung mehr an einen Hungerstreik entwicklen. Doch Koufontinas zeigt, dass diese Annahme falsch ist.

Solidarität ohne ideologische Scheuklappen

Ehemalige Gefangene aus RAF und 2. Juni solidarisieten sich. In Griechenland haben sich unterschiedliche Fraktionen des Anarchismus mit Koufontinas solidarisiert. Das ist besonders bemerkenswert, weil der sich offen als Kommunist bekennt. Das kann man nachlesen in seinen Lebenserinnerungen, die unter dem programmatischen Titel „Geboren am 17. November“ im Bahoe-Verlag in deutscher Sprache herausgegeben wurden. Dort liefert Koufontinas einen erfrischend ehrlichen Bilanz seines politischen Lebens. Er spart auch die schweren politischen und logistischen Fehler nicht aus, die schließlich dazu führte, dass der 17. November sich so schnell auflöste und fast alle sich von ihm distanzierten. Koufontinas übernahm die politische Verantwortung und stellte sich. Zuvor beschreibt er eine allegorische Erscheinung, als ihm auf einer einsamen Insel, wo er sich während der Fahndung zurück gezogen hatte, eine alte Bäuerin begegnete, deren Blick ihm letztlich davon überzeugte, dass er sich den Behörden stellen und die Politik des 17. November verteidigen muss. Wenn man in diese allegorischen Tradition weiterdenkt, hätte man sich gewünscht, dass beim kürzlichen Erdbeben, von dem die griechische Halbinsel betroffen war, auch die Türen des Hochsicherheitsgefängnisses aus den Fugen gerieten und Koufontinas sich hätte befreien können. Doch Allegorien sind nur etwas für die Literatur, in der Realität bestimmen Naturgesetzte aber auch politischer Druck.

Der darf auch jetzt nicht nachlesen, denn Koufontinas hat mehrmals erklärt, er wolle nicht sterben, er will sich auch nicht seiner Inhaftierung entziehen. Aber er sei nicht bereit, wie ein Hund zu leben. Daher setzt er den Hungerstreik fort, bis die Sonderhaftbedingungen gegen ihn aufgehoben werden. Unbedingt lesen solle man seien Lebensbilanz „Geboren am 17. November“, weil er auch ein Schlaglicht auf eine transnationale Linke wirft, die in die Welt verändern wollten und wußten, dass geht nicht über das Parlament.

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