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Eine materialistische Theorie des Riots / Joshua Clover und die Wiederkehr des Riots in der Gegenwart

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23 Okt , 2018  

Dieser Text soll eine kurze Einführung in Joshua Clovers Ideen zur Wiederkehr des Riots in der Gegenwart bieten. Formuliert hat Clover diese in seinem Buch Riot.Strike.Riot – The New Era of Uprisings. Das Buch ist bisher nur auf Englisch bei Verso erschienen. Jedoch enthält die Aufsatzsammlung RIOT – Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der Kollektiven Aktion die deutsche Übersetzung der Einleitung von Riot.Strike.Riot. Die hat Dennis Büscher-Ulbrich besorgt, der gerade an einer vollständigen Übersetzung des Buches arbeitet. Diese soll demnächst beim Laika Verlag erscheinen.

Im Folgenden soll kurz auf den historischen Kontext eingegangen werden, in dem Clovers Riot.Strike.Riot entstanden ist, und ein paar Worte zu seiner Person gesagt werden. Anschließend werden Clovers Ideen zur Wiederkehr des Riots in der Gegenwart thesenartig vorstellt und etwas eingehender erläutert.

Die Wiederkehr des Riots in der Gegenwart

Als es 2005 in den Banlieus einiger französischer Großstädte zu heftigen Riots kommt, rückt der Riot als eine besondere Form des sozialen Kampfes wieder mehr ins Bewusstsein der radikalen Linken. Darauf Bezug nehmend publiziert das französische AutorInnenkollektiv Unsichtbares Komitee 2007 den weit beachteten Essay „Der kommende Aufstand“ und stößt damit eine internationale Debatte um die Bedeutung und den politischen Gehalt des Riots an.

Im Dezember 2008 wird die griechische Hauptstadt Athen mehrere Tage lang von den heftigsten Riots seit dem Ende der griechischen Militärdiktatur 1974 erschüttert. Vornehmlich Jugendliche, die nicht nur anarchistischen Kreisen entstammen, liefern sich heftige Straßenschlachten mit der Polizei. Ähnliches wiederholt sich in Athen seitdem jedes Jahr.

2011 markiert dann nicht nur den Beginn der internationalen Bewegung der Platzbesetzungen–heute oft verallgemeinernd als Occupy bezeichnet. 2011 ist auch geprägt von einer ganzen Reihe größerer Riots, die wiederum intensive Diskussionen nach sich zieht. In Ägypten kommt es beispielsweise in Verbindung mit der Besetzung des Tahrir Platzes gleich zu mehreren heftigen Riots. Auch in anderen arabischen Ländern ist dies der Fall. Der Arabische Frühling, der 2011 in aller Munde ist, ist durchzogen von solchen Unruhen. Im August 2011 erheben sich Jugendliche in mehreren englischen Groß- und Kleinstädten und versetzen damit nicht nur die dortigen Torries, also die Konservativen, in Panik. Im Oktober kommt es schließlich im Zuge eines von Occupy Oakland initiierten Generalstreiks im Hafen von Oakland, zu einem größeren Riot, nachdem die Polizei massiv gegen die BsetzerInnen eines Gebäudes zur Unterbringung von Obdachlosen vorgegangen war.

Wenige Tage nach den Ereignissen von Oakland erscheint in Frankreich die Analyse des marxistischen Philosophen Alain Badiou zur Wiederkehr des Riots in der Gegenwart. Badiou ist überzeugt dass die aufflammenden Riots der letztem Jahre das Ende vom „Ende der Geschichte“ signalisieren und eine neue Periode revolutionärer Kämpfe ankündigen. Sein Buch wird 2012 ins Englische übersetzt und findet unter dem Titel The Rebirth of History: Times of Riots and Uprisings weite Verbreitung. Im gleichen Jahr veröffentlicht der britische Journalist Paul Mason—der nicht nur in Deutschland 2016 durch sein Buch Postkapitalismus an Bekanntheit gewann—seinen Erklärungsversuch der Lage: Why It’s Kicking Off Everywhere – The New Global Revolutions.

Im Sommer 2013 wird die türkische Hauptstadt Istanbul im Zuge der gewalttätigen Räumung des von Protestierenden besetzten Gezi-Parks von mehreren Riots erschüttert. Im August 2014 kommt es in Ferguson, einer mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Vorstadt St. Louis im US Bundesstaat Missouri, zu einer Serie von nächtlichen Riots, die besonders die amerikanische Öffentlichkeit erschüttert. Das Unsichtbare Komitee meldet sich mit dem Essay “An unsere Freunde” zu Wort, in dem es unter anderem auch um die als „Aufstände“ interpretierten Riots der vergangen Jahre geht. Im April 2015 eskaliert schließlich eine Protestkundgebung in Baltimore, im US Bundesstaat Maryland: Mehrere Polizeiautos und Geschäfte gehen in Flammen auf, es kommt zu Plünderungen und heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In den USA wird nicht nur in linken Kreisen darüber debattiert, ob dem Land eine neue Welle von Riots bevorsteht, wie man sie so schon einmal, während des “Long Hot Summer” von 1967, erlebt hatte. Damals brachen in mehr als 150 amerikanischen Städten Unruhen aus, die oft in einem Riot mündeten.

Diese Schlaglichter sollen verdeutlichen wie sich der Riot als eine körperliche und visuelle Erfahrung, als ein Medienereignis und ein Reflexionsgegenstand in den letzten Jahren wieder mehr ins Bewusstsein gedrängt hat—besonders dem der radikalen Linken. Natürlich wurde nur auf ein paar größere Publikationen zu diesem Thema verwiesen, solche nämlich, die vor allem im englischsprachigen Raum breit rezipiert wurden. Dazu müsste man noch die ausgedehnten Debatten auf indymedia und den unzähligen linken blogs nennen oder auch auf kürzere Beiträge hinweisen, wie die der Gruppe CrimethInc. aus den USA etwa, oder die des AutorInnenkollektivs Endnotes aus Großbritannien.

Das ist der grobe historische Kontext, in dem Clovers 2016 erschienenes Buch Riot.Strike.Riot einzuordnen ist. Das ist deswegen wichtig herauszustellen, da sich Clovers Thesen zur Wiederkehr des Riots in der Gegenwart aus diesem Kontext speisen und auf diesen Bezug nehmen.

Joshua Clover – Straight out of California

Ein weiteres wichtiges Moment, dass in Riot.Strike.Riot zum Tragen kommt, hat mit Clovers persönlichem Hintergrund zu tun. Und damit ist nicht gemeint, dass Clover seit ein paar Jahren als Englischprofessor an der University of California in Davis lehrt. Auch nicht, dass er eigentlich eher Dichter ist, der bereits etliche Gedichtsammlungen mit so vielversprechenden Titeln wie Red Epic oder Madonna Anno Domini veröffentlicht hat und dafür bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

Vielmehr ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass Clover eng mit Kalifornien verbunden ist, wo politisch aktiv war und ist. Denn in einigen seiner in Riot.Strike.Riot geäußerten Kerngedanken spiegeln sich bestimmte politische Kampagnen, theoretische Diskussionen und Erfahrungen wieder, die einen deutlichen Bezug zu Kalifornien aufweisen. So etwa die dort mit Heftigkeit geführte Kampagne zur Abschaffung des zu weiten Teilen privatisierten und rassistischen Gefängnissystems des Bundesstaates. Oder die ausgedehnten Diskussionen über die “soziale Reproduktion” des Proletariats; den “Gefängnisstaat” oder “racial capitalism”, wie sie die AutorInnen des in Kalifornien beheimateten Viewpoint Magazine seit Jahren führen. Auch spielt für Clover die Erfahrung der Oakland Commune, wie sich das Occupy-Camp in Oakland selbst nannte, eine große Rolle. Auch der dortige Generalstreik vom 2. Oktober 2011 und der anschließende Riot. Diese Erfahrungen schwingen mit in den Thesen, die Clover in Riot.Strike.Riot zur Wiederkehr des Riots in der Gegenwart entwickelt.

Der große Akkumulationsbogen des Kapitals und die Wiederkehr des Riots

Oft werden die Riots der letzten Jahre als spontane Antwort auf Polizeigewalt interpretiert. Das ist natürlich nicht falsch. Denn oft ist es Gewalt die von der Polizei ausgeht, die am Anfang vieler der bereits genannten Riots steht. Gewalt bedeutet in diesem Zusammenhang oft ganz konkret die Ermordung von Menschen—meistens Jugendliche—durch PolizistInnen. In Frankreich 2005 waren es Ziad Benna und Bouna Traoré. In Athen 2009 Alexandros Grigoropoulos. Am Tahrir Platz 2011 Gaber Salah und mehrere hundert andere. In London 2011 Mark Duggan. In Ferguson 2014 Michael Brown. Und in Baltimore 2015 Freddie Gray.

Diese von der Polizei Ermordeten darf man nicht vergessen, wenn man über die Wiederkehr des Riots in der Gegenwart spricht. Sie sind der traurige Beweis für den strukturellen Rassismus gegen Angehörige ethnischer Minderheiten oder Subalterne, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Es ist genau diese Art von Rassismus, die den entgegenschlägt, die laut Clover tendenziell die sind, die in die gegenwärtigen Riots involviert sind.

Clover stellt jedoch heraus, dass die Wiederkehr des Riots in der Gegenwart nicht bloß eine Reaktion von Subalternen auf Polizeigewalt ist. Sie ist vielmehr Ausdruck der heutigen Krise (der Kapitalakkumulation). Die Wiederkehr des Riots verdeutlicht dabei den Charakter dieser Krise.

Das vermehrte Aufflammen der Riots heutzutage hat also nicht nur etwas mit dem Überkochen von Emotionen zu tun oder gar der Irrationalität von Massen, wie oft behauptet wird. Laut Clover erwächst der zeitgenössische Riot vielmehr aus der gegenwärtigen Modalität des Kapitalismus, oder genauer aus der materiellen und existentiellen Situation, die er immer mehr Menschen aufzwingt.

Die an den heutigen Riots Beteiligen greifen auf den Riot als eine bestimmte Strategie der sozialen Aktion zurück, argumentiert Clover weiter. Dem Riot liegt also im gewissen Maße eine Art Rationalität zugrunde—auch wenn dies nur eine Rationalität ist, die aus einer bestimmten materiellen und strukturellen Situation heraus erwächst. In dieser, den Beteiligten des Riots aufgezwungen Situation, ist der Riot das geeignetste Mittel, sich lebensnotwendige Reproduktionsmittel anzueignen. Mit Reproduktionsmittel sind hier ganz konkrete Dinge wie Unterkunft, Nahrung, Kleidung, Medikamente usw. gemeint. Der gegenwärtige Riot ist also laut Clover eine zeitgenössische Strategie im Kampf um die Reproduktionsmittel.

Das mag im ersten Moment überaus dramatisch und irgendwie widersinnig klingen. Denn oft wird ja darauf hingewiesen, dass während eines Riots nicht nur Supermärkte und Klamottenläden geplündert werden—was man ja irgendwie noch verstehen könnte. Nein, es werden Waren, wie riesige Flachbildfernseher, trendige Markenturnschuh und teure Handys gestohlen—also nicht direkt Reproduktionsmittel.

Aber man könnte dem entgegenhalten, dass in einer durch Waren vermittelten Welt sich Waren oft am besten dazu eignen sich notwendige Reproduktionsmittel anzuschaffen. Denn geklaute Waren können notfalls verkauft oder getauscht werden, um so das zu bekommen, was man gerade am dringendsten benötigt. Und dass das auch passiert, beweisen die informellen Märkte, die für gewöhnlich unmittelbar im Umfeld eines Riots entstehen.

Doch warum sind die am gegenwärtigen Riot Beteiligten gezwungen sich gerade durch ihn Zugang zu den von ihnen benötigten Reproduktionsmittel zu verschaffen? Clover meint dazu, dass die treibende Kraft des gegenwärtigen Riots der Teil des Proletariats ist, dem der Zugang zum üblichen Mittel zur Sicherung der Reproduktionsmittel—der Lohnarbeit nämlich—verwehrt ist. Dieser Teil des Proletariats—das Subjekt des gegenwärtigen Riots, wenn man so will—ist die Über- oder Surplus-Population.

Zum Proletariat gehören für Clover die, deren Reproduktion von der Vermietung ihrer Arbeitskraft abhängig ist und damit vom Lohn. Dazu zählen natürlich die, die einer Lohnarbeit nachgehen—also die „traditionellen“ ArbeiterInnen. ProletarierInnen sind aber auch die, die gerade arbeitslos sind und die, die keine Möglichkeit haben, einer Lohnarbeit nachzugehen, selbst wenn sie es wollten.

Marx hat die arbeitslosen ProletarierInnen “die industrielle Reservearmee” genannt. Denn sie werden von den KapitalistInnen immer dann eingesetzt, wenn es sich strategisch für sie lohnt. Zum Beispiel wenn aufgrund einer geplanten Produktionserweiterung mehr ArbeiterInnen benötigt werden. Oder wenn ProletarierInnen benötigt werden, die für einen geringeren Lohn bereit sind zu arbeiten—und damit andere ProletarierInnen dazu zwingen, es ihnen gleichtun zu müssen.

Dann gibt es jedoch noch einen Teil des Proletariats, der schlechtweg nicht oder nicht mehr benötigt wird, z.B. weil Maschinen ihre Arbeit nun günstiger verrichten können. Diesen Teil des Proletariats hat Marx die Über-, oder Surplus-Population genannt. Sie sind Zuviel. Das Kapital hat schlichtweg keine Verwendung für sie (zumindest was die Akkumulation betrifft).

ProletarierInnen, ob nun in Arbeit, arbeitslos, oder überflüssig, eint die existentielle Abhängigkeit vom Lohn. Denn die wahre Gewalt des Kapitalismus liegt nicht in der Entfremdung der ProletarierInnen von den Produktionsmitteln. Sie liegt darin, dass die Mitglieder des Proletariats gezwungen sind ihre Existenz über die Lohnarbeit zu sichern, wie der amerikanische Historiker Michael Denning herausgestellt hat. Denn der direkte Zugang zu den Reproduktionsmitteln ist ProletarierInnen oft genug versperrt. Erst der Lohn ermöglicht es ihnen, sich diesen Zugang zu verschaffen. Ohne Lohn ist die eigene Reproduktion, ist das eigene Überleben, gefährdet. Der Lohn ist also der Mittler zwischen Leben und Tod. Und die Mitglieder des Proletariats sind entfremdet von den Reproduktionsmitteln, die sie sich heute fast ausschließlich nur noch über den Lohn sichern können. Das trifft besonders auf das urbane Proletariat zu.

Colver folgt demnach einem—man könnte sagen ‘inklusivem’—Konzept von Proletarität, wie es unter anderen von marxistischen Feministinnen (oder feministischen MarxistInnen) wie Silvia Federici, Selma James und Mariarosa Dalla Costa seit den 1960ern in Stellung gebracht wird. ProletarierInnen sind auch die, die keiner offiziell anerkannten Lohnarbeit nachgehen um ihre Existenz, und die Existenz der ihr Anvertrauten, zu sichern.

Besonders im bereits erwähnten Viewpoint Magazine, aber auch in anderen Kreisen der amerikanischen radikalen Linken, ist dieses Konzept von Proletarität in den letzten Jahren wieder verstärkt aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Zum einen um sich gegen den Lohnarbeits-Fetisch der traditionellen, und zu einem gewissen Teil auch der Neuen Linken, zu wenden. Zum anderen, um die vielfältigen Lebensrealitäten und die damit verbunden Arbeitsverhältnisse vieler ProletarierInnen heutzutage theoretisch fassen und abbilden zu können.

Clover greift dieses Verständnis von Proletarität in Riot.Strike.Riot auf und argumentiert, dass die sozialen Kämpfe der ProletarierInnen auf die Sicherung ihrer Existenz, also auf die Sicherung der Reproduktionsmittel, abzielen. Der Riot ist eine Form des sozialen Kampfes, auf den besonders der Teil des Proletariats zurückgreift, dem der Zugang zum Lohn verwehrt ist—die Surplus-Population.

Schaut man sich nun die Komposition der gegenwärtigen Surplus-Population an, so stellt man laut Clover fest, dass sie „racialized“ ist. Ihr gehören (bisher) mehrheitlich Mitglieder ethnischer Minderheiten an. In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Surplus-Population daher für gewöhnlich sowohl mit nicht-weißen Subalternen als auch mit dem Riot gleichgesetzt—und umgekehrt.

In dieser These sind gleich mehrere Dinge enthalten. Zuerst zum Wort “racialized”. Dieses beschreibt zunächst einen bestimmten Istzustand, der mit der Komposition der Surplus-Population zusammenhängt. Diesem Teil des Proletariats gehören vornehmlich—aber nicht ausschließlich!—Mitglieder ethnischer Minderheiten an—in den USA etwa Schwarze oder Latinos. Warum? Weil diese aufgrund des strukturellen Rassismus des Arbeitsmarktes—und der Organisationen der traditionellen ArbeiterInnenbewegung—in der Vergangenheit tendenziell früher aus der Lohnarbeit in die industrielle Reservearmee gedrängt wurden waren als “weiße” ProletarierInnen. Von dort wurden sie dann seit den 1960ern verstärkt in die Ränge der Surplus-Population gedrängt. Das ist eine der Begleiterscheinungen eines strukturellen Wandels des Globalkapitalismus, der sich in den1960ern und 70ern vollzog. Im Zuge dieses Wandels verloren auch mehr und mehr “weiße” ArbeiterInnen—vor allem des Industrieproletariats—ihre Jobs und fanden sich in der industriellen Reservearmee wieder. Durch ihren Eintritt in die industrielle Reservearmee verdrängten sie ProletarierInnen ethnischer Minderheiten, die wiederum in die Surplus-Population abrutschten.

Dieses Abrutschen in die Surplus-Population ist eine Erfahrung, die auch „weißen“ ProletarierInnen widerfuhr—und widerfährt. Doch da die Mehrheit der Mitglieder der Surplus-Population bisher nicht-weiß ist, wird dieser Teil des Proletariats von der Öffentlichkeit allgemein auch als nicht-weiß wahrgenommen. Im Gegenzug werden nicht-weiße ProletarierInnen oft automatisch mit der Surplus-Population in Verbindung gebracht—auch wenn sie einer Lohnarbeit nachgehen oder sogar Angehörige der oberen Mittelklasse sind. So werden an der University of Chicago etwa schwarze StudentInnen und ArbeiterInnen tendenziell eher von der Polizei belästigt als ihre weißen Kommilitonen und KollegInnen. Man hält sie einzig und allein aufgrund ihrer Hautfarbe für Angehörige der schwarzen Surplus-Population, die mehrheitlich das Viertel bewohnt, in dem die Universität liegt. Die Hautfarbe wird damit automatisch zum Marker für die Stellung einer Person innerhalb des Proletariats und der Gesellschaft. Auch in Deutschland ist dies als “racial profiling” bekannt. Dieser Praxis liegt zugrunde, dass aufgrund der Hautfarbe einer Person oder Personengruppe, Rückschlüsse auf deren sozioökonomischen Status, Verhaltensmuster und Intentionen gezogen werden.

Wenn Clover also nun davon spricht, dass auch der Riot gegenwärtig “racialized” ist, so bezieht er sich auf den Umstand dass, erstens, die am Riot Teilnehmenden bisher mehrheitlich nicht-weiß sind und dadurch, zweitens, der Riot an sich als eine nicht-weiße Form des sozialen Kampfes oder schlichtweg als Krawall von nicht-weißen Mitgliedern der Surplus-Population wahrgenommen wird.

Clover argumentiert nun aber weiter, dass die Surplus-Population ein wachsender Teil des Proletariats ist, in deren Ränge auch immer mehr weiße ProletarierInnen gestoßen werden. Das Wachstum der Surplus-Population wird dabei durch die sich verschärfende Akkumulationskrise des Kapitals genährt. Der gegenwärtige Riot hat also etwas mit einer sich verändernden politischen Ökonomie zu tun, deren Wurzeln in der bereits angesprochenen strukturellen Veränderung des Globalkapitalismus seit den 1960ern zu suchen sind. Clover greift hier auf die Gedanken von VertreterInnen der materialistischen Weltsystemtheorie zurück, wie Emmanuel Wallerstein, Giovanni Arrighi, Beverly Silver oder Robert Brenner. Diese stützen sich in ihrer Beschreibung der Genese des Kapitalismus als ein globales System wiederum auf die Krisen- und Werttheorie von Marx.

Clover bringt die zyklischen Modelle der Weltsystemtheorie zusammen mit seinem materialistischen Verständnis des Riots, dass er vom britischen Sozialhistoriker E.P. Thompson übernommen hat. Thompson hat den Riot im vorkapitalistischen England als ein Mittel der Preisfestsetzung beschrieben. Die Menschen bedienten sich seiner immer dann, wenn die Preise für Waren auf dem Markt eine aus ihrer Sicht unmoralische Höhe erreicht hatten. Dabei ging es ihnen nicht um die Zerstörung von Eigentum oder die unentgeltliche Aneignung von Waren, sondern darum, mithilfe des Riots die Preise auf ein für alle erträgliches Maß zudrücken. War dies erreicht, ging man zur Normalität über. Der Riot übernahm also laut Thompson eine ökonomische Funktion im vorkapitalistischen England.

Aus dieser Konzeption des Riots und den Ideen der WeltsystemtheoretikerInnen, entwickelt Clover sein eigenes Modell, dass das Abflauen und die Wiederkehr des Riots in den kapitalistischen Ländern des Westens erklären soll. Er nennt es: Den großen Akkumulationsbogen des Kapitals (siehe Abbildung).

Clover beschreibt die Genese der Kapitalakkumulation der letzten 400 Jahre als eine Abfolge von Zyklen, denen er wiederum bestimmte Formen sozialer Kämpfe zuordnet. Die Kapitalakkumulation—also das stetige Streben des Kapitals nach Wachstum, was laut Marx sein einziger Endzweck ist—bedarf der Akkumulation von Waren, also deren Produktion und Inwertsetzung, sowie der Zirkulation dieser Waren, also deren Transport und Verkauf. Akkumulations- und Zirkulationsprozesse verlaufen nicht nur innerhalb eines Landes sondern waren und sind global organisiert und verortet.

Clover beschreibt nun, wie die jeweilige Dominanz von Zirkulation oder Akkumulation in den kapitalistischen Ländern des Westens, mit dem Vorhandensein des Riots oder des Streiks als dominante Strategie des sozialen Kampfes um die Sicherung der Reproduktionsmittel korrespondiert. In Zeiten, in denen die Zirkulation im Vordergrund steht, ist es der Riot, der dominant ist. In Zeiten der Akkumulation, der Streik. Dies ist laut Clover nicht einfach nur dem Zufall geschuldet sondern hat eine strategische Bewandtnis. In Zeiten, in denen sich das Kapital lokal eher auf die Zirkulation stützt, ist es eher in dieser Sphäre—also in der Zirkulation—verwundbar. D.h. die Strategien der ProletarierInnen, die diese Sphäre ins Visier nehmen, haben tendenziell höhere Erfolgsaussichten als andere. Der Riot ist eine Strategie, die in die Sphäre der Zirkulation interveniert. Der Streik hingegen setzt in der Sphäre der Akkumulation an. Beim Riot geht es um die (gerechte) Verteilung von Waren, beim Streik, um die Festsetzung eines gerechten Lohns.

Das erklärt, so Clover, warum der Riot in vorkapitalistischen Zeiten ein gängiges Phänomen im Westen war, dann aber mit einer sich ausbreitenden Industrialisierung in den Hintergrund tritt und der Streik an Dominanz gewinnt. Als in den 1960er Jahren die Deindustrialisierung im Westen einsetzt—also die Akkumulation in andere Teile der kapitalistischen Welt verlagert wird—gewinnt die Zirkulation im Gewand der Dienstleistungsindustrie lokal wieder mehr an Bedeutung. Der Riot kommt zurück als eine Strategie derer, die in dieser dienstleistungsorientierten ökonomischen Ordnung keinen Platz mehr finden. Sie müssen andere Wege finden, sich ihre Reproduktionsmittel zu sichern—Wege jenseits des Lohns.

Tendenziell, so Clover, wird das in Zukunft auf immer mehr Menschen zutreffen—nicht nur im Westen. Denn die Akkumulation von Waren kann heute nicht mehr im gleichen Maße durch geographische Verlagerung befeuert werden, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Diese Strategie, die darauf aus war durch geographische Verlagerung der Produktion den Lohn zu drücken und damit den Mehrwert der produzierten Waren zu steigern, ist an ihre planetare Grenze gestoßen. Der Ausweg, der bleibt, ist die massive Mechanisierung der Produktion, wodurch menschliche Arbeit und damit Lohnkosten eingespart werden können. Eine steigende Zahl von Angehörigen des Proletariats läuft damit Gefahr in die Surplus-Population gedrängt zu werden, was wiederum die Wahrscheinlichkeit und Frequenz von Riots erhöhen wird.

Das Kapital stürzt diese Entwicklung tendenziell auf zweierlei Arten in die Krise: Zum einen gehen ihm mehr und mehr KonsumentInnen verloren, die die nötigen Mittel haben, um die produzierten Waren über deren Kauf zu konsumieren. Zum anderen werden die massenhaft von Maschinen hergestellten Waren immer weniger Wert sein. Beide Entwicklungen bedrohen massiv die Zukunft der Kapitalakkumulation. Es ist daher nicht verwunderlich, dass heute auch treibende Kräfte dieser Entwicklung wie Amazons Jeff Bezos, Teslas Elon Musk oder Siemenschef Jo Keaser sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen—vielleicht auch als Alternative zu den Riots der Surplus-Population, die sie fürchten.

Zusammenfassend soll nochmals betont werden, dass Clover den Riot nicht als bloßen Ausbruch von Emotionalität oder Irrationalität versteht. Der Riot erfüllt für Angehörige des Proletariats in den kapitalistischen Ländern des Westens weiterhin eine praktische Funktion, die mit der von E.P. Thompson beschriebenen Funktion des Riots in der Vergangenheit vergleichbar ist. Jedoch eignet sich der Riot heute nicht mehr dazu gerechte Preise auf dem Markt durchzusetzen, wie dies im vorkapitalistischen England noch möglich war. Denn die AkteurInnen der Zirkulation, sowie deren Produktionsstätten, befinden sich nicht mehr in unmittelbarer Reichweite der ProletarierInnen. Der direkte Zugang zu ihnen ist den ProletarierInnen durch die globale Verlagerung der Akkumulation und die Transnationalisierung der Zirkulation versperrt.

Der Staat hingegen, der das Funktionieren dieses Akkumulationsregimes des Kapitals durch Gesetze, sozioökonomische Strukturen und sanktionierte Gewalt gewährleistet, ist durch die Polizei tagtäglich präsent. Daher nimmt der Riot heutzutage für gewöhnlich die Erscheinungsform der Auflehnung gegen die Polizei an, wobei die Polizei nur ein Symbol für die strukturelle Situation darstellt, in der sich die Angehörigen der Surplus-Population des Proletariats befinden. Der Riot zielt nun nicht nur darauf ab der Polizei—und damit dem Staat—die täglich erlittenen Demütigungen und existentielle Bedrohung heimzuzahlen. Vielmehr bedienen sich die Angehörigen der Surplus-Population des Riots, um sich gegen die existentielle Situation, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Der Riot ist eine ihnen zur Verfügung stehende Strategie in die Sphäre der Zirkulation zu intervenieren, um sich so notwendige Reproduktionsmittel direkt anzueignen—jenseits des Lohnes. Der gegenwärtige Riot hat demnach eine explizit politische Dimension.

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