Endgames V

Ausgestorbene Straßen, ein paar Schatten, die um die Ecke huschen. Kreisten im Frühjahr 2020 die Bullen noch im Minutentakt durch Kreuzberg um die erlassenen “Kontaktbeschränkungen” zu kontrollieren, reichen jetzt 2 kleine Checkpoints am Kotti und in der Wiener um die verfügte Ausgangssperre zu überwachen. Ein Jahr Konditionierung hat die alten Tugenden des deutschen Untertans wieder an die kollektive Bewusstseinsoberfläche gespült, geschichtsvergessen schwenkt die Linke die weiße Fahne im Wind, während der Rechtsnachfolgestaat des Deutschen Reiches kollektive Einschließungsmaßnahmen exekutiert.

Irgendwo demonstrieren ein paar Leute von ‘Ums Ganze’, von denen man seit einem Jahr nichts mehr gehört hat und die in ihrem einzigen grundsätzlichen Beitrag zum Pandemie Ausnahmezustand vor allem neben den üblichen Textbausteinen mit jenem zwanghaften Humorgerede vom “Beatmungsweltmeister Deutschland” auffielen, gemeinsam mit den misanthropischen ZeroCovid Freaks “gegen Ausgangssperren” und für einen “solidarischen Lockdown”, was ja an und für sich schon ein Widerspruch in sich ist.

Es wird nicht besser, ehrlich mal. Aber wo soll es auch herkommen, das besser. Ein paar Schauspieler stellen ein paar klug gemachte Videos ins Netz (worin, dass im Nebenbau, auch deutlich wird, dass ihre schauspielerischen Qualitäten doch höher sind als ihr langweiligen Performances im TV befürchten ließen) und ein shitstorm jagt durchs Land, bei dem die Forderungen nach einem Berufsverbot noch zu den milderen Äußerungen zu zählen sind. Im volksgemeinschaftlichen Taumel darf es keine Abweichung geben, bzw. ist jene sofort als den Rechten (also jenen in der Opposition und nicht jenen an der Macht) dienlich zu denunzieren. Wobei das eigentliche Verbrechen der Schauspielergilde gar nicht ihre explizite Kritik an den Regierungsmaßnahmen darstellt, sondern die Tatsache, dass sie den Untertanen ihrer Kollaboration mit eben jenen Maßnahmen einen Spiegel vorgehalten hat. Der Untertan will untertänig sein, er schreit und zetert in tiefster Covid Regression wie ein Vierjähriges, wenn es in der Schlange im Supermarkt an den Quengelwaren angelangt ist, aber er will nicht mehr Untertan genannt werden.

Es geht nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um ein Leben, das weder gesund noch krank ist, das als solches, weil es potentiell pathogen ist, seiner Freiheiten beraubt und Verboten und Kontrollen aller Art unterworfen werden kann. Alle Menschen sind in diesem Sinne quasi asymptomatische Betroffene. Die einzige Identität dieses zwischen Krankheit und Gesundheit schwankenden Lebens ist die des Empfängers der Maske und des Impfstoffs, die wie die Taufe einer neuen Religion die umgekehrte Figur dessen definieren, was einmal Staatsbürgerschaft genannt wurde. Die Taufe ist nicht mehr unauslöschlich, sondern notwendigerweise provisorisch und erneuerbar, denn der neue Bürger, der immer die Urkunde vorlegen muss, hat nicht mehr unveräußerliche und unentscheidbare Rechte, sondern nur noch Pflichten, die unaufhörlich entschieden und aktualisiert werden müssen.”

Giorgio Agamben, April 2021

Wir treten in eine neue Epoche ein, ohne Frage. Man kann noch darüber streiten, wie diese Epoche zu benennen oder en detail zu charakterisieren wäre, aber die Frage ob es so sei, ist evident. Die neuen Technokraten, die unser Leben in Zukunft kontrollieren werden, als sei das Leben selbst ein Unschärfe, die es zu regulieren gelte, stehen schon in den Startlöchern. Populistische Figuren wie Söder oder Baerbock lassen geradezu eine Sehnsucht nach den Soziopathen alten Schlages wie Trump oder Bolsonaro aufscheinen, deren Programm wenigstens eine klare antagonistische Frontlinie ermöglichten, die neuen aalglatten ‘Kanzler*innen der Herzen’ ohne Agenda sind ebenso austauschbar wie beliebig, ergo absolut funktionabel für die Permanenz des Ausnahmezustandes, die keiner politischen Agenda mehr folgt, sondern lediglich den absoluten technokratischen Zugriff auf die Weltbevölkerung im Endfight des Empires garantieren soll.

In den USA, die geschichtlich gesehen, schon länger der Entwicklung hierzulande um einige Zeit voraus sind, nicht nur bei der Beschaffung von Impfstoff, organisiert Biden gerade die Governance in der Klimakatastrophe, arbeitet an der dafür notwendigen strategischen Allianz mit China, haucht den liberalen Wirksamkeitsmechanismen gegen die Revolte des Surplus Proletariats, die in dem landesweiten George Floyd Aufstand kulminierte, neues Leben ein. Die neue grüngroße Koalition, die die Rauten Governance hierzulande beerben wird, wird sich daran messen müssen. Merkels Entscheidung in der deutschen EU Ratspräsidentschaft, die Beschaffung der Impfstoffe eben über die EU zu organisieren, war eine strategische, nicht in der Frage der Effektivität, sondern im Formierungsprozess des europäischen Wirtschaftsraum, der gerade in der Konkurrenz zu China und den USA weiter ins Hintertreffen zu geraten droht.

Bei der Frage, wie der Widerstand gegen die Endzeitstrategie des Kapital zu organisieren sei, spielt die deutsche radikale Linke keine Rolle mehr, wir haben nicht nur ein “Staatsversagen in der Pandemie” (die zehntausenden von Toten in den Alten- und Pflegeheimen), sondern auch einen Komplettausfall von linker Opposition im Ausnahmezustand zu konstatieren. Keine grundsätzliche Analyse und Positionierung gegen das offizielle Narrativ des Alternativlosigkeit der Maßnahmenpolitik, die Fokussierung auf die (unsägliche) Querfront als die eigentlichen politischen Gegner (als Projektionsfläche), und nun die Unfähigkeit gegen die Ausgangssperren Aktionen zu organisieren, die über symbolhafte Proteste hinausgehen. Dabei würden die anstehenden 1. Mai Demos, die z.B. in Berlin viele tausend Menschen auf die Straßen bringen werden, eine taktische Gelegenheit bieten, sich massenhaft zu widersetzen. Aber kein Schritt, keine Mobilisierung in diese Richtung. Was bleibt also nun?

Mir erscheinen die Diskussionen, die in den letzten Jahren in den internationalen aufständischen Milieus über die Rolle von Kommunen geführt werden, einen möglichen Ansatzpunkt für eine strategische Debatte zu bieten.

Die intensivsten Kämpfe unserer Zeit stehen an einem Abgrund und kehren dann um. Weiter zu gehen würde bedeuten, ins Unbekannte zu springen. Niemand will der erste sein, der springt, um zu sehen, ob er Neuland entdeckt oder sich einfach im freien Fall wiederfindet. Wir wissen noch nicht, wie schließlich eine Situation geschaffen wird, die jedes Umkehren unmöglich macht und in der die Bedingungen selbst schreien: ‘hic Rhodus, hic salta!’”

Thesen zur sudanesischen Commune

(Im Original auf Ill Will Editions, auf deutsch in der kommenden Sunzi Bingfa #21 am 3. Mai 2021)

Die Begrenzungen der Revolten, die seit Jahren sich durch das Empire fressen, sind spätestens mit dem Scheitern dessen, was im Westen der “arabische Frühling” genannt wird, für alle sichtbar geworden, ebenso wie ihre Alternativlosigkeit (siehe dazu Clovers RIOT.STRIKE.RIOT) und die Probleme, aber auch die Chancen, die sich aus der Widersprüchlichkeit der aufständischen Prozesse dieser ‘Non- Bewegungen’ ergeben (siehe dazu ‘Vorwärts Barbaren” von Endnotes). Die Frage die sich jetzt hier stellt, könnte also sein, wie die antagonistischen Splitter ihr Wissen und ihre Praxiserfahrungen, über die sie aus ihrer Widerstandsgeschichte her verfügen, in den (west)europäischen Frontabschnitt der Konfrontation zwischen Empire und dem Surplus Proletariat einbringen können. Im Ergebnis dürfte es eben nicht um ‘Event Kopien’, um ergo ‘imaginäre Kommunen’ von Bewegungsmanagern wie bei den Platzbesetzungen von ‘Occupy Wallstreet’ oder ‘Puerta del Sol’ gehen, sondern um wirklich in “der Gemeinde” verankerten Kommunen, die aber auch zugleich die Repräsentanz eines realen Antagonismus auszudrücken in der Lage sein müssen.

Vielleicht ist es hilfreich, sich vorerst diese ‘Orte der Commune” nicht als zwangsweise konkrete dauerhafte Orte vorzustellen, sondern die Räumlichkeit anders zu fassen, sich diese unter anderem auch als einen Ort der Beziehungen zwischen Individuen und Banden, als Orte der Affinität vorzustellen (siehe dazu auch die temporäre Kommune vom Mai 1971 in Washington D.C.). Die Orte der Aktionen, der Konfrontationen mit den Ordnungskräften des Empire bilden dabei die temporären Orte, an denen sich die Kommune soweit konstituieren kann, bis sie über die reale Stärke verfügt, sich auch ganz real örtlich abzubilden, sie über die Mittel und Fähigkeiten verfügt, diese Orte auch zu halten, verfestigen und auszudehnen. Denn ohne diese Ausdehnung, ohne “diesen Sprung ins Unbekannte” ergibt sich keine grundsätzliche vorrevolutionäre Konstellation. An dieser strategischen Frage ist schon die beeindruckende Bewegung der Gilets Jaunes gescheitert. Es bleibt alles wie immer auch eine Frage des Wagnisses, aber auch des politischen und sozialen Instinktes für die ‘Reife der Zeit’. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und dies in der Begrenzung der Zeit, die die Klimakatastrophe uns als nicht zu verhandelnde Begrenzung setzt.

Foto: Sylvia John

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