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Europa als Kontinent der Entgrenzung Nietzsches kühne Zukunftsvision – ein Konzept für die Gegenwart

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18 Jan , 2017  

In wohl keinem anderen Aspekt ist Nietzsches Denken so aktuell wie in seiner Konzeption von Europa. Immer wieder kommt er in seinen Schriften auf die Frage zurück, was einen „guten Europäer“ eigentlich ausmacht. Seine Antwort dürfte viele überraschen und widerspricht Versuchen, Nietzsche als Stichwortgeber der Rechten zu betrachten: Der „gute Europäer“ ist gerade derjenige, der Europa hinter sich lässt; der aufhört, Europäer zu sein. Die Zukunft Europas liegt Nietzsche zu Folge nicht in seiner Abschottung, sondern seiner radikalen Öffnung in alle Himmelsrichtungen.

Das Lob der Entgrenzung lernen.

Intellektuelle von ganz Rechts bis ganz Links stimmen heute in den Chor derjenigen ein, die die „europäischen Werte“ und die „europäische Identität“ hochhalten wollen angesichts ihrer vermeintlichen Gefährdung durch Störer – seien es die Amerikaner im Westen, die Russen im Osten oder die Araber im Süden. Das „Lob der Grenze“ findet heute so viel Anklang wie selten nicht mehr. Doch welche Werte und welche Grenze? Dass man irgendwelche normativen Orientierungspunkte braucht, um überhaupt leben zu können, ist ein Allgemeinplatz, aus dem sich schwer konkrete politische Folgerungen ziehen lassen. Und macht es wirklich Sinn, die Begrenzung als Wert an sich zu betrachten? Müsste man nicht – heute mehr denn je – dem konservativen Lob der Grenze das Lob der Entgrenzung entgegenhalten? Denn trotz allem, was sie gutes bereithalten mögen: Grenzen begrenzen; sie engen ein und schnüren ab. Dass sie ihren Zweck – die Abschirmung des Eigenen gegenüber dem Fremden – ohnehin nicht dauerhaft erfüllen können, lehrt die Geschichte: Der Limes wurde ebenso überrannt wie die Chinesische Mauer. Doch die Barbaren erwiesen sich in beiden Fällen nicht als Kulturzerstörer, sondern als produktive -erneuerer und sogar -bewahrer. Ohne die Germanenstämme gäbe es das „christlich-jüdische Abendland“ wohl nicht, das Imperium wäre vermutlich an seinen inneren Widersprüchen zu Grunde gegangen und von innen heraus verfault.

Europa – ein Kontinent ohne Ursprung.

Bereits in seiner ersten Schrift, der Geburt der Tragödie, beschäftigt sich Nietzsche mit dem Problem des richtigen Umgangs mit fremden Kultureinflüssen, die die eigene Kultur zu gefährden scheinen. Die vorklassische, archaische griechische Kultur sah er als äußerst sittenstrenge Kultur an, der alles Sinnenfrohe und Lebensbejahende abging. Vom „wilden Osten“ her wurde diese Kultur mit seltsamen Mysterienkulten konfrontiert, die die Ausschweifung und den Rausch zelebrierten. Nicht nach altgriechischer Manier in Grenze und Maß, sondern in der Entgrenzung sahen diese „Barbaren“ den privilegierten Modus der Begegnung mit dem Göttlichen. Die Hellenen standen vor der Wahl, diese Einflüsse entschieden abzuwehren – vermeintlich, um ihre Kultur zu retten –, oder aber, diese neuen Einflüsse in ihre eigene Kultur einzubinden und als Mittel zu ihrer Erneuerung zu benutzen. Sie entschieden sich für letzteres – und erst diese Begegnung von archaischer Strenge und Grenzverliebtheit mit asiatischem Rausch und Entgrenzungsdrang gilt Nietzsche als Geburtsstunde der klassischen griechischen Kultur, auf der Europa fußt. Den Grund des Niedergangs der Klassik sieht Nietzsche darin, dass im Zuge der sokratischen Rationalisierung das rauschhafte Element erneut verdrängt worden wäre – ein bis in seine Gegenwart anhaltender Missstand. Europa ist also von Beginn ein Kontinent der Verschmelzung von „Östlichem“ und „Westlichem“. Es gibt keinen festen Halt einer europäischen Identität, keinen eindimensionalen Ursprung, über den sie sich definieren ließe, sondern ihr Wesen besteht gerade in ihrer Haltlosigkeit. Ihre Identität ist die Nicht-Identität.

Der gute Europäer ist unrein.

In seinen späteren Schriften spinnt Nietzsche diesen Gedanken in immer wieder neuen Variationen fort. Bezeichnend ist dafür die Figur des „guten Europäers“. Der „gute Europäer“ ist dabei zunächst der Erbe von Jahrtausenden alt-europäischer Ordnungsliebe und Sittenstrenge. Er treibt den abendländischen Rationalismus allerdings so weit, dass er sich gegen sich selbst kehrt: Aus Vernunft heraus erkennt er die Grenzen die Vernunft – und geht damit über sie hinaus. Der „gute Europäer“ ist also so konsequent europäisch, dass er aufhört, europäisch zu sein. Er sucht sein Heil anderswo: Auf offenen Meeren, in Griechenland, in Russland, im Süden, im Orient, in Südfrankreich, Italien, im Judentum … Nietzsches durchaus ernst gemeinte Vision eines künftigen Europas: Alle bornierten Alteuropäer (allen voran die von ihm erbittert gehassten Antisemiten) – die in Wahrheit noch gar nicht europäisch genug sind – sollen auswandern, stattdessen Fremde aus aller Welt nach Europa kommen, um eine neue „Mischrasse“ entstehen zu lassen. Besonders von einer Paarung zwischen Juden und Preußen versprach sich Nietzsche dabei große Potentiale. Sein konkreter Vorschlag: Die Verehelichung von preußischen Offizieren mit jüdischen Bankierstöchtern. Die Pointe: Der so gezeugte Nachwuchs wäre nach jüdischer Tradition ausnahmslos jüdisch. Nietzsches „guter Europäer“ ist also nicht so sehr jemand, der sich das Fremde nur einverleibt, um das Eigene zu stärken – und es so letztendlich nur als Mittel missbraucht. Viel eher ist er der, der auch bereit ist, sich im Fremdem zu verlieren und sich auch selbst aufzugeben. Er ist ein Zwischenschritt zu Nietzsches radikaler Utopie einer geeinten Menschheit, in der alle unterschiedlichen Tendenzen des Menschlichen gleichermaßen ihren Platz finden.

Vergesst die „Rettung des Abendlands“.

Diese Vision von Europa ist zweifellos zeitgemäßer als all das ängstlich-biedere Wert- und Identitäts-Geschwätz. Von einer „christlichen-jüdischen Kultur“ zu schwafeln verbietet sich nach Auschwitz ohnehin. Und Auschwitz und die anderen Katastrophen des letzten Jahrhunderts – die nicht zuletzt Rettungsversuche des Abendlands gewesen sind – sollten hinreichend gezeigt haben, dass an Alt-Europa wenn überhaupt nur eines bewahrenswert ist: Skepsis und Selbstkritik – der Geist der Aufklärung. Doch der ist nicht europäisch, sondern human – und darüber hinaus …

Paul Stephan ist Nietzsche-Forscher und beschäftigt sich insbesondere mit der politischen Bedeutung von Nietzsches Philosophie. Den Anlass zu diesem Artikel bot die gemeinsame Jahrestagung der deutsch- und der englischsprachigen Nietzsche-Gesellschaft, die sich dem Thema Europäisch – Übereuropäisch. Nietzsches Blick aus der Ferne widmete und vom 22. bis 25. September in Naumburg stattfand.

 

Foto: Bernhard Weber

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