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Fairdammt Fairsiegelt – im Siegel-Dschungel

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30 Mrz , 2018  

Die Verbraucher sind zunehmend verwirrt und überfordert mit der Vielfalt der Siegel. Und auch die Akteure des Fairen Handels sind sich nicht einig. Neben dem Biosiegel gibt es diverse Siegel, die “nachhaltigen” Anbau versprechen und den Kleinbauern ein besseres Einkommen ermöglichen sollen. Am bekanntesten ist mit Sicherheit das Fairtrade-Siegel, welches just in unserem Land sein 20 jähriges Bestehen feiert. Doch seit seiner Entstehung gibt es auch die Diskussion um das “Für und Wider”, um den Sinn des Fairtrade-Siegels. Stichpunkte dabei sind die zunehmende Ausrichtung auf Supermärkte und Discounter wie Lidl und Aldi, was z.B. der  Weltladenszene gar nicht schmeckt. Aber auch die Möglichkeit der Siegelübernahme durch Großkonzerne  wie Nestlé rief scharfe Kritik sowohl bei Konsumenten wie auch bei den Kleinbauern-Produzenten-Verbänden hervor.

Gepa führt eigenes Siegel ein

Nun hat ausgerechnet die Gepa, einer der Mitbegründer von Transfair Deutschland, sich dazu entschlossen, sein eigenes Siegel auf einen Großteil der Gepa-Produkte zu bringen. Dies betrifft vornehmlich den Kaffee, das Ur-Produkt des Fairen Handels. Konkret heißt das, es gibt kein Fairtrade-Siegel auf der Mehrzahl der Kaffee-Päckchen, sondern das Gepa Eigensiegel  “Fair +“. Die Zertifizierung wird aber weiterhin von Fairtrade International und FLO-Cert gewährleistet, d.h. an den Grundpfeilern des Fairen Handels wie Mindest- und Mehrpreis, Vorfinanzierung und langjährige Handels-Beziehungen, wird nicht gerüttelt.

Übrigens alle diese Grundpfeiler erfüllen die Mitka (Mittelamerikanische Kaffee Im- und Export GmbH) und ihre Mitgliedsgruppen auch ohne das Fairtrade-Siegel! Der Kaffee der Kaffeekampagne “La Cortadora” stammt hauptsächlich aus der Kooperative Santa Adelaida in El Salvador, die  Handelspartner von MITKA ist.

Die  Gepa will sich zukünftig als Marke in den Mittelpunkt stellen. Klar, ihr Bekanntheitsgrad ist groß, auch durch die Präsenz in Supermärkten und sie können es sich von daher  gut erlauben auf das Transfair-Siegel zu verzichten. “Gemeinsam haben wir das Siegel bekannt gemacht und in den Mainstream gebracht”, so die  Gepa in ihrer Stellungnahme vom März 2012.

In den Weltläden wird nun dieser Schritt intensiv diskutiert: “Dies ist – 20 Jahre nach  Gründung von Transfair – durchaus eine Zäsur für die Weltläden”, denn bei einem Großteil der Produkte wird das Fairtrade-Siegel weitest gehend verschwinden (siehe Stellungnahme Weltladen-Dachverband).

Zukünftig wird nun auch die “Marke Weltladen” in den Mittelpunkt gerückt und die Kommunikation mit KundInnen und den “Marken” der Vollsortiments-Lieferanten wie Gepa, aber auch Dritte-Welt-Partner und El Puente intensiviert. Zitat: „Die Marke „Weltladen“ und die Marken der anerkannten Weltladen-Lieferanten kommunizieren stärker noch als bisher die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit gegenüber den KundInnen.“

Heftige Diskussion auch auf internationaler Ebene

Doch auch auf dem internationalen Fairtrade-Markt ist eine heftige Diskussion im Gange. Auslöser dafür ist der Austritt von Fairtrade USA aus Fairtrade International (FLO) zum Ende des Jahres 2011. Fairtrade USA nennt sich nun „Fairtrade For All – Comercio Justo Para Todos“. Ziel ist die Verdoppelung des Fairtrade-Absatzes in den USA bis zum Jahr 2015.

Voraus gegangen ist  eine seit über 10 Jahren andauernde Diskussion um die Ausweitung der Zertifizierung auf Kaffeegroßplantagen und die veränderten Standards bei FLO. Eigentlich werden bei FLO Kleinbauern Produzenten und Kooperativen zertifiziert. Bei Blumen,Tee und Bananen gibt es jedoch keine kleinbäuerliche Produktionsweise, d.h. es handelt sich dort um zertifizierte Plantagen. Diese Standards will Fairtrade For All (FT4All) nun auch auf Kaffee und zukünftig auch auf Zucker und Kakao ausweiten.

Auch die Standards bei Mischprodukten werden aufgeweicht. Zukünftig sollen bei FT4All bereits Produkte ab 10% Fair-Handelsanteil zulässig sein. Die bisherige Grenze bei FLO zertifizierten Produkten liegt bei 20% und wenn darüber hinaus gesiegelte Zutaten erhältlich sind, sollen diese auch verwendet werden.

FT4All wird in Brasilien nun mit einem Kaffee-Pilotprojekt starten, um die zukünftigen Standards für Großplantagen zu testen und festzulegen. Kleinbauernverbände kritisieren dies vehement, denn sie fürchten um ihre Absatzchancen auf dem Weltmarkt.

Negative Auswirkung auf den gesamten Fairtrade-Markt

Über 70% des weltweit angebauten Kaffees wird von Kleinbauern produziert und der bisherige Fairtrade-Markt kann längst nicht allen Kaffee von Fairtrade-Produzenten aufnehmen, d.h. sie sind gezwungen billiger auf dem konventionellen Markt zu verkaufen. Mit der zukünftigen Ausweitung würden sich ihre Chancen auf dem Weltmarkt zunehmend verschlechtern und das Vorhaben von FT4All  Industrie-Kaffee zu versiegeln wäre kontraproduktiv für den gesamten Fairtrade-Markt.

Der Kleinbauern-Produzenten-Verband  CLAC (Coordinadora Latinoamericana y del Caribe de Pequenos Productores de Comercio Justo) lehnt FT4All komplett ab und kritisiert das Vorgehen stark. Sie gründeten sich 2004 in Oaxaca/Mexico und sind eng mit Comercio Justo Mexico und Fairtrade Int. verbunden. Sie repräsentieren über 300 Organisationen in 21 Ländern Lateinamerikas und  vertreten diese Organisationen gegenüber Fairtrade. Mit ihrer Arbeit haben sie z.B. 2011 erreicht, das der Fairtrade Mindestpreis von 120 ct/lb auf 140 ct/lb angehoben wurde. Dies war seit Jahren überfällig. Auch sie haben nun ein eigenes Siegel entwickelt, welches sich Tu Simbolo-Your Symbol nennt. Die Mitglieder-Liste von Tu Simbolo ist z.B. in Mexico weitest gehend deckungsgleich mit der Fairtrade-Liste und sie werden ebenfalls von Certimex zertifiziert.

Allerdings sind die Mitka Lieferkooperativen in Mexico und Nicaragua noch nicht eingetreten. Auch die Mitka-Lieferkooperativen für  La Cortadora Kaffee, die Kooperativen Santa Adelaida (El Salvador) und Combrifol (Honduras), nicht (in El Salvador ist der Verband Apecafe eingetreten). Bleibt abzuwarten, ob dies geschieht und ob Mitka das auch macht. Die Diskussion darüber ist im Gange.

Problematische Zertifizierung

Im Moment lassen sich also die Kooperativen doppelt zertifizieren. Dabei sind die Kosten bei Tu Simbolo erheblich günstiger. Ob dann zukünftig das Fairtrade-Siegel fallen gelassen wird, ist wohl auch in der Diskussion. Lange mitmachen wird das Fairtrade mit Sicherheit nicht. Ob sich jedoch neue Kooperativen überhaupt die Zertifizierung leisten können, ist auch fraglich. Viele Kooperativen sind z.B. in Mexico nach Einführung der Fairtrade-Gebühren für die Zertifizierung des Siegels ausgetreten. Sie konnten es sich schlichtweg nicht leisten. Dies betraf auch die beiden zapatistischen Kaffeekooperativen Mut Vitz und Cafe Yachil. Schwierig genug war überhaupt sie ins Siegel zu bekommen, welches auf Wunsch der Kooperativen wegen einiger Fairtrade-Importeure in den USA geschah. Einer der Mitbegründer des Fairen Handels, Frans Vanderhoff (Berater bei der Koop Uciri), wollte dies verhindern und beinahe wären erste Lieferverträge mit dem Schweizer Importeur Bertschi geplatzt.

Dieses Caciquentum (Kazike (sp.: cacique) ist eine Bezeichnung für indigene Anführer oder Adlige in Mittel- und Südamerika) war immer ein Hauptkritikpunkt am Fairen Handel in Mexico und hat z.B. bei der Koop Majomut zur Spaltung geführt. Auch gab es immer wieder Fälle von “Coyotismo” seitens der großen Fairhandels-Kooperativen (als Coyoten werden die Zwischenhändler bezeichnet). Inwieweit nun das neue Siegel von CLAC -Tu Simbolo eine Chance auf dem Markt hat, bleibt abzuwarten.

Der Markt ist übersättigt von einer Vielzahl von “Nachhaltigkeits-Siegeln”  wie z.B. Utz-Kapeh, Rainforest Alliance, 4 C, Starbucks . Einer Studie von CLAC aus dem Jahr 2010 zufolge haben bereits einige Produzenten in Guatemala die Bio-Zertifizierung zugunsten von Utz verlassen – in Costa Rica passierte selbiges zugunsten von Rainforest und Starbucks.  Gründe dafür sind niedrigere Erträge pro Hektar im Bio-Anbau aber auch der zu geringe Bio-Mehrpreis im Verhältnis zum enormen Arbeitsmehraufwand. Hier besteht also auch dringender Handlungsbedarf, so CLAC.

Siegeldiskussion bei der Kaffeekampagne El Salvador

Die Siegeldiskussion wird, wie wir sehen, zunehmend unübersichtlicher und komplizierter und für die Kaffeekampagne El Salvador besteht seit Jahren aus vielen der angeführten Gründe kein Grund ein Siegel zu nehmen. Auch El Rojito hat seit kurzem alle Kaffees siegelfrei, denn beim Fairmaster-Kaffee, der zusammen mit Gepa-Nord in Hamburg vertrieben wird, ist auch das  Fairhandels-Siegel verschwunden. Natürlich könnte man sagen, die schwimmen im Kielwasser von Fairtrade. Von daher ist es umso wichtiger die eigenen Positionen und Diskussionen deutlich und transparent zu vertreten. Dies ist besonders wichtig im Umgang mit den KonsumentInnen und vor allen Dingen im Umgang mit den ProduzentInnen. Denn für wen und für was wird denn eigentlich der Handel gemacht?

Die Kaffeebauern stolpern von Krise zu Krise, verdienen viel zu wenig – nur 4 % des Ladenpreises. Und von Living Wages und Mindestlöhnen und davon, ob die reichen zum Überleben, will ich jetzt gar nicht erst anfangen. Für die Zertifizierer ist es egal für wen oder was und welches Siegel sie zertifizieren. Und der Handel lebt gut davon. Mal schauen wie sich das zukünftig entwickelt. Die Diskussion bleibt spannend.

Text+Foto © Jan Braunholz 2012

In addition to the various organic certification labels, there are labels around “sustainable” farming and promise smallholder farmers a better income. The most famous is certainly the Fairtrade label, which celebrates its 20th anniversary in our country. But since its creation, there has been also a discussion about the “pros and cons” to the meaning of the Fairtrade label. Key issues are the increasing use of the label by supermarkets and discounters such as Lidl and Aldi, for example, that does not go down well with the one world shop movement. Furthermore, the use of the label by large corporations such as Nestle has caused sharp criticism from both consumers as well as smallholder producer associations. 

Gepa introduces its own label

Now, above all, GEPA, a co-founder of Transfair Germany, decided to put its own label on much of the it’s branded products. This mainly affects coffee, the original product of Fair Trade. In effect, there is no fair trade label on the majority of their coffee-packages, but the brand own label “fair +”. The certification will however continue to be secured by Fairtrade International and FLO-Cert, i.e. the basic principles of Fair Trade like minimum price and more, pre-financing and long term trading relationships, are not questioned.Incidentally, all these principles are met by Mitka (Central American Coffee Import and Export Ltd.) and its members without the fair trade label! The coffee of the Coffee Campaign called “La Cortadora” comes primarily from the Santa Adelaida cooperative in El Salvador, a trading partner of Mitka.GEPA is to embrace the future as a brand in the mainstream. Sure, its reputation is large, they even have presence in supermarkets and they can afford to ditch the Transfair label. “Together we have made the label famous and brought it into the mainstream,” said GEPA in its press release in March 2012.

In the “world shops” this decision is discussed at length. “20 years after the founding of Transfair – this is definitely a turning point for the world shops”; because for a large proportion of the products, the fair trade label will largely disappear (see opinion world shop umbrella organization). In the future, the brand ” World Shop” will be at the centre and communication with clients intensified around brands of the full-line suppliers such as GEPA, as well as third-world partners and El Puente. Quote: “The brand “World Shop” and recognized brands in the world shop suppliers communicate more clearly than before the credibility of our work to the customers.”Opportunities for discussion are provided ate the “world shop and fair trade days” on 22-23. June in Bad Hersfeld, where a discussion evening around the theme “unlabelling” will be held.

But also on the international Fairtrade market a fierce debate is under way. Trigger was the withdrawal of U.S. Fair Trade from Fair Trade (FLO) at the end of 2011. Fair Trade USA is now called “Fair Trade For All – Comercio Justo Para Todos”. The aim is to double fair trade sales in the U.S. by 2015.The debate has been ongoing for over 10 years about the expansion of certification for large plantations of coffee and the everchanging standards of FLO. FLO certifies small producers and small farmers’ cooperatives. In flowers, tea and bananas, there is no small-scale production, i.e. there are certified plantations. Fair Trade For All (FT4All) will now extend these standards to coffee, sugar and cocoa.The standards for mixed products are also softened. In the future, products that have 10% fair-trade share overall will be permitted by FT4. The previous limit by FLO for certified composite products is 20% and when certified ingredients are available, these must be used.

FT4All will start in Brazil a coffee-pilot project to test emerging standards for large-scale plantations. Small farmers’ organizations vehemently criticise this because they fear for their sales prospects in the global market. 

Negative impact on the entire Fairtrade marketAbout 70% of the world’s coffee is grown by small farmers and the current fair trade market cannot absorb all certified produced coffee from fair trade producers, i.e. they are forced to sell cheaper on the conventional market. The future expansion would worsen their chances on the world market and the plan of FT4All to certify large scale coffee industry would be counterproductive for the entire Fairtrade market.The Latin American smallholder producers association CLAC (Coordinadora Latinoamericana y del Caribe de Comercio Justo de Pequenos Productores) rejects FT4All completely and severely criticized the action. CLAC was founded in 2004 in Oaxaca / Mexico and are closely associated with Comercio Justo Mexico and connected to Fair Trade Int. They represent over 300 organizations in 21 Latin American countries and organizations, representing them towards Fairtrade. Through their work they have, for example, achieved a new minimum price from 120 / lb. to 140 cents / lb. This was overdue for years. Also, they have now developed their own label, called the Tu Simbolo -Your Symbol. The members’ list of Tu Simbolo e.g. from Mexico is largely congruent with the fair-trade list and they are also certified by CERTIMEX.However, the Mitka supplier cooperatives in Mexico and Nicaragua are not yet members of CLAC. Nor are the Mitka supplier cooperatives for La Cortadora coffee, the Santa Adelaida cooperative (El Salvador) and Combrifol (Honduras) members (in El Salvador the association Apecafe did join). Remains to be seen whether these organisations join in the future and whether the Mitka moves on this issue. The discussion is ongoing.



Problematic certification

At the moment, there is therefore for the cooperatives a double certification issue. The costs are considerably cheaper for Tu Simbolo. Whether in the future then the fair trade label will be dropped, is probably reflected in the discussion. If Fairtrade will allow that remains to be seen. However, whether any new co-operatives can afford the certification at all is also questionable. Many cooperatives are e.g. emerged in Mexico after the introduction of fair trade fees for the certification of the label. They could simply not afford it. This also applied to the two Zapatista coffee cooperatives Mut Vitz and Cafe Yachil . It was difficult enough for them getting into the label, which was at the request of the cooperatives because of some fair trade importers in the United States. One of the co-founder of Fair Trade, Frans Vander Hoff (counsel for the co-op Uciri), wanted to avoid this would and this caused almost the cancellation of their first purchase agreements with the Swiss importer Bertschi.This form of “caciquism” (from sp: cacique is a term for indigenous leaders or nobility in Central and South America) has always been a major issue for fair trade in Mexico and was also a problem at the coop Majomut. Also, there have been cases of “Coyotismo” by bigger fair trade cooperatives (as the middlemen are called coyotes). To what extent now, the new label of CLAC-Tu Simbolo will have a chance on the market remains to be seen.The market is saturated with a multitude of “labels of sustainability”, such as Utz Kapeh, Rainforest Alliance,

4 C, Starbucks. According to one study of CLAC from 2010, some producers in Guatemala have already left the organic certification in favour of Utz – The same happened in Costa Rica Rainforest in favour of Starbucks. Reasons for this are lower yields per hectare in organic farming but also to the low organic price compared to the enormous additional work. So there is also an urgent need for action, so CLAC.



Labelling discussion at the coffee campaign El Salvador

The label discussion, as we have seen, is increasingly more confusing and complicated, and for us as Coffee Campaign El Salvador all these arguments just confirm our decision not to carry any label. Even El Rojito(Mitka Member) has recently decided to go label free, because on their Fair Master coffee that is sold via GEPA-Nord in Hamburg, the Fair Trade label disappeared. Of course one could argue that we are in the tailwind of Fair Trade. It is therefore all the more important that their positions and discussions are represented clearly and transparently. This is particularly important when dealing with consumers and especially in dealing with the producers. For whom and for what do we actually trade?The coffee farmers stumble from crisis to crisis, earning too little – only 4% of the retail price. And I even don’t want to talk about living wages and minimum wages and whether these are high enough to survive. The certifiers do not care who or what they certify for and which. And trade thrives well. Let’s see how that develops in the future. The debate continues.

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